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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 37
LIV.
Zwei blutende Herzen
Einen Tag, nachdem Andrée die Königin gesehen hatte, wie sie dem vor ihr knieenden Charny entfloh, trat Fräulein von Taverney ihrer Gewohnheit gemäß in das königliche Zimmer, zur Stunde der kleinen Toilette, vor der Messe.
Die Königin hatte noch keinen Besuch empfangen. Sie hatte nur ein Billet von Frau von La Mothe gelesen, und ihre Laune war äußerst heiter.
Noch bleicher als am Tage vorher, hatte Andrée in ihrer ganzen Person jenen Ernst und jene kalte Zurückhaltung, welche die Aufmerksamkeit erregt und selbst die Größten zwingt, mit den Kleinsten zu rechnen.
Einfach, so zu sagen streng in ihrer Toilette, glich Andrée einer Botin des Unglücks. War dieses Unglück für sie oder für Andere?
Die Königin hatte einen ihrer Tage der Zerstreutheit; sie achtete daher nicht auf den langsamen, ernsten Gang Andrée's, auf ihre gerötheten Augen, auf die matte Weiße ihrer Schläfe und ihrer Hände. Sie drehte den Kopf gerade nur so viel, als nöthig war, um ihren freundschaftlichen Gruß hören zu lassen.
»Guten Morgen, Kleine!«
Andrée wartete, daß ihr die Königin eine Gelegenheit zum Sprechen gäbe. Sie wartete in der festen Ueberzeugung, ihr Stillschweigen und ihre Unbeweglichkeit würden am Ende die Augen von Marie Antoinette auf sich ziehen.
Dieß geschah. Als die Königin keine andere Antwort, als eine tiefe Verbeugung erhielt, wandte sie sich um und bemerkte durch einen Seitenblick dieses Gesicht mit dem scharfen Gepräge des Schmerzes und der Strenge.
»Guter Gott! was gibt es, Andrée?« fragte sie, indem sie sich ganz umwandte, »ist Dir Unglück widerfahren?«
»Ein großes Unglück, ja, Madame,« antwortete die junge Frau.
»Was denn?«
»Ich werde Eure Majestät verlassen.«
»Mich verlassen? Du gehst von hier weg?«
»Ja. Madame.«
»Wohin gehst Du denn? welche Ursache kann diese plötzliche Abreise haben?«
»Madame, ich bin nicht glücklich in meinen Zuneigungen.«
Die Königin schaute empor.
»In meinen Familienzuneigungen,« fügte Andrée erröthend bei.
Die Königin erröthete ebenfalls, und der Blitz ihrer beiden Blicke kreuzte sich glänzend wie bei einem Zusammenstoß von Schwertern.
Die Königin erholte sich zuerst.
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte sie; »mir scheint, Sie waren gestern glücklich?«
»Nein, Madame,« erwiderte Andrée mit festem Tone; »gestern war abermals einer der unglücklichen Tage meines Lebens.«
»Oh!« machte die Königin, welche träumerisch geworden.
Und sie fügte bei: »Erklären Sie sich.«
»Ich müßte mich entschließen, Eure Majestät mit Einzelnheiten zu ermüden, welche unter Ihrer Würde sind. Ich habe keine Befriedigung in meiner Familie; ich habe nichts von den Gütern der Erde zu erwarten, und ich bitte Eure Majestät um meinen Abschied, um mich mit meinem Seelenheil zu beschäftigen.«
Die Königin stand auf, nahm, obgleich dieser Schritt ihren Stolz schwer anzukommen schien, Andrée bei der Hand und sprach:
»Was bedeutet dieser Entschluß eines störrischen Kopfes? Hatten Sie nicht gestern auch einen Bruder, einen Vater, wie heute? Waren sie minder beschwerlich und minder schädlich, als heute? Glauben Sie, ich sei fähig, Sie in Verlegenheit zu lassen, und bin ich nicht mehr die Familienmutter, die denjenigen, welche keine Familie haben, eine solche gibt?«
Andrée fing an zu zittern, wie eine Schuldige; sie verbeugte sich vor der Königin und erwiderte:
»Madame, ich bin durchdrungen von Ihrer Güte, aber sie wird mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. Ich habe beschlossen, den Hof zu verlassen. Es ist für mich Bedürfniß, in die Einsamkeit zurückzukehren; setzen Sie mich nicht der Gefahr aus, meine Pflichten gegen Sie dadurch zu verrathen, daß ich mich gegen den Beruf verfehle, den ich in mir fühle.«
»Seit gestern also?«
»Eure Majestät wolle mir nicht befehlen, über diesen Gegenstand zu sprechen.«
»Seien Sie frei,« sprach die Königin mit Bitterkeit; »nur bewies ich Ihnen Vertrauen genug, daß Sie solches auch zu mir haben könnten. Doch ein Thor ist, wer einen Menschen, der nicht sprechen will, um ein Wort fragt. Behalten Sie Ihre Geheimnisse, mein Fräulein, seien Sie glücklicher in der Ferne, als Sie es hier gewesen sind. Erinnern Sie sich jedoch stets des Umstandes, daß meine Freundschaft die Leute trotz ihrer Launen nicht verläßt, und daß Sie nicht aufhören werden, für mich eine Freundin zu sein. Nun gehen Sie, Andrée, gehen Sie, Sie sind frei.«
Andrée machte eine Hofverbeugung und entfernte sich. An der Thüre rief die Königin sie zurück.
»Wohin gehen Sie, Andrée?«
»In die Abtei Samt-Denis, Madame,« antwortete Fräulein von Taverney.
»In's Kloster! ah! es ist gut, mein Fräulein, Sie haben sich vielleicht nichts vorzuwerfen; doch wäre es nur die Undankbarkeit und die Vergessenheit … so ist das schon zu viel; Sie sind sehr strafbar gegen mich; gehen Sie, Fräulein von Taverney, gehen Sie.«
Folge hievon war, daß Andrée, ohne andere Erklärungen zu geben, auf welche das gute Herz der Königin rechnete, ohne sich zu demüthigen, ohne sich rühren zu lassen, die Erlaubniß der Königin rasch benützte und verschwand.
Marie Antoinette konnte gewahren und gewahrte, daß Fräulein von Taverney auf der Stelle das Schloß verließ.
Sie begab sich in der That in das Haus ihres Vaters, wo sie, wie sie erwartete, ihren Bruder im Garten fand. Der Bruder träumte, die Schwester handelte.
Als er Andrée erblickte, die ihr Dienst im Schlosse zurückhalten mußte, ging Philipp erstaunt, beinahe erschrocken auf sie zu.
Erschrocken, besonders über diese düstere Miene, da Andrée ihn nie anders als mit einem Lächeln zärtlicher Freundschaft anredete. Er fing an, wie die Königin angefangen hatte; er fragte.
Andrée teilte ihm mit, sie habe soeben den Dienst der Königin verlassen, ihr Abschied sei angenommen, und sie werde in's Kloster treten.
Philipp schlug heftig in seine Hände, wie ein Mensch, der einen unerwarteten Streich empfangt.
»Wie?« rief er, »Du auch, meine Schwester?«
»Was! ich auch? was willst Du damit sagen?«
»Die Berührung mit den Bourbonen bringt also unserer Familie Nichts als Fluch?« rief er; »Du glaubst Dich genöthigt, das Gelübde abzulegen? Du! Nonne aus Neigung, aus Gemüth! Du, die am mindesten weltliche der Frauen und am wenigsten zum ewigen Gehorsam gegen die Gesetze des Ascetismus fähig! Laß hören, was wirfst Du der Königin vor?«
»Man hat der Königin nichts vorzuwerfen, Philipp,« erwiderte kalt die junge Frau. »Du, der Du so sehr auf die Gunst der Höfe gezählt hast, Du, der Du mehr, als irgend Jemand, darauf zählen mußtest, warum hast Du nicht bleiben können? warum bliebst Du nicht drei Tage? Ich bin drei Jahre geblieben!«
»Die Königin ist zuweilen launenhaft, Andrée?«
»Ist es so, so konntest Du als Mann es ertragen; ich als Weib muß und will es nicht; hat sie Launen, nun wohl! so sind ihre Dienerinnen da.«
»Meine Schwester,« erwiderte der junge Mann mit einem düstern Wesen, »das erklärt mir nicht, wie Du Zwistigkeiten mit der Königin bekommen hast.«
»Keine, das schwöre ich Dir; hast Du welche gehabt, Philipp, der Du sie verlassen? Oh! sie ist undankbar, diese Frau.«
»Man muß ihr verzeihen, Andrée; die Schmeichelei hat sie ein wenig verdorben. Sie ist im Grunde gut.«
»Beweis ist, was sie für Dich gethan hat, Philipp.«
»Was hat sie gethan?«
»Du hast es schon vergessen? Oh! ich, ich habe ein besseres Gedächtniß! Ich bezahle auch an einem und demselben Tage, mit einem und demselben Entschluß Deine und meine Schuld, Philipp.«
»Zu theuer, wie mir scheint. In Deinem Alter, mit Deiner Schönheit verzichtet man nicht auf die Welt. Nimm Dich in Acht, liebe Freundin, Du verlässest sie jung, Du wirst Dich alt wieder nach ihr sehnen, und wenn es nicht mehr Zeit ist, wirst Du gegen den Willen aller Deiner Freunde, von denen eine Tollheit Dich getrennt hat, dahin zurückkehren.«
»Du urtheiltest nicht so als ein braver, ganz aus Ehre und Gefühl zusammengesetzter Officier, der Du Dich aber um Ruf oder Vermögen so wenig bekümmerst, daß Du da, wo hundert Andere Vermögen und Titel aufgehäuft haben, nur Schulden zu machen und Dich zu verkleinern wußtest; Du urtheiltest nicht so, als Du zu mir sagtest: sie ist launenhaft, Andrée, sie ist cokett, sie ist treulos, ich will ihr lieber nicht dienen. Diese Theorie praktisch anwendend, hast Du auf die Welt verzichtet, obgleich Du kein Klosterbruder geworden bist, und wer von uns Beiden den unwiderruflichen Gelübden am nächsten steht, bin nicht ich, die ich sie ablegen will, sondern Du, der sie schon abgelegt hat.«
»Du hast Recht, meine Schwester, und ohne unsern Vater …«
»Unser Vater! ah! Philipp, sprich nicht so,« erwiderte Andrée voll Bitterkeit, »muß ein Vater nicht die Stütze seiner Kinder sein oder ihre Unterstützung annehmen? Nur unter dieser Bedingung ist er der Vater. Was thut der unsere? frage ich Dich. Hast Du je den Gedanken gehabt, Herrn von Taverney ein Geheimniß anzuvertrauen? Und hältst Du ihn für fähig, Dich zu sich zu rufen, um Dir eines von seinen Geheimnissen mitzutheilen? Nein,« fuhr Andrée mit einem Ausdruck von Kummer fort, »Herr von Taverney ist gemacht, um allein in dieser Welt zu leben.«
»Das will ich wohl glauben, Andrée, doch er ist nicht gemacht, um allein zu sterben.«
Diese mit sanfter Strenge gesprochenen Worte erinnerten die junge Frau daran, daß sie ihrem Zorn, ihrer Bitterkeit, ihrem Groll gegen die Welt zu viel Platz in ihrem Herzen ließ.
»Ich möchte nicht, daß Du mich für ein Mädchen ohne Gemüth hieltest,« erwiderte sie; «Du weißt, ob ich eine zärtliche Schwester bin, aber es wollte hienieden Jeder in mir den sympathetischen Instinct tödten, der ihm entsprach. Gott hatte mir bei der Geburt, wie jedem Geschöpf, eine Seele und einen Leib gegeben; über diese Seele und diesen Leib kann jedes menschliche Geschöpf zu seinem Glück in dieser und in der andern Welt verfügen. Ein Mann, den ich nicht kannte, hat meine Seele genommen – Balsamo; ein Mann, den ich kaum kannte, und der kein Mann für mich war, hat meinen Leib genommen – Gilbert. – Ich wiederhole Dir, Philipp, um eine gute und fromme Tochter zu sein, fehlt mir nur ein Vater. Gehen wir zu Dir über, untersuchen wir, was Dir der Dienst bei den Großen der Erde eingetragen hat, Dir, der Du sie liebtest.«
Philipp neigte das Haupt.
»Schone mich,« sagte er, »die Großen der Erde waren für mich nur mir gleiche Geschöpfe; ich liebte sie: Gott hat uns befohlen, einander zu lieben.«
»Oh! Philipp!« rief Andrée, »es geschieht nie auf dieser Erde, daß das liebende Herz dem, welcher es liebt, unmittelbar entspricht; diejenigen, welche wir gewählt haben, lieben Andere.«
Philipp erhob seine bleiche Stirne und betrachtete lange seine Schwester, ohne einen andern Ausdruck, als den des Erstaunens.
»Warum sagst Du mir das? worauf zielst Du ab?« fragte er.
»Auf nichts,« erwiderte edelmüthig Andrée, welche vor dem Gedanken, zu geheimen Mittheilungen oder zu Ohrenbläsereien herabzusteigen, zurückwich. »Ich bin geschlagen, mein Bruder. Ich glaube, daß meine Vernunft leidet; schenke meinen Worten keine Aufmerksamkeit.«
»Aber …«
Andrée näherte sich Philipp, nahm ihn bei der Hand und sprach:
»Genug über diesen Gegenstand, mein geliebter Bruder. Ich bin gekommen, um Dich zu bitten, mich in ein Kloster zu führen: ich habe Saint-Denis gewählt; sei unbesorgt, ich will dort kein Gelübde ablegen. Das wird später kommen, wenn es nothwendig ist. Statt in einem Asyl das zu suchen, was die meisten Frauen darin finden wollen, nämlich Vergessenheit, verlange ich hier die Erinnerung. Mir scheint, ich habe den Herrn zu sehr vergessen. Er ist der einzige König, der einzige Gebieter, der einzige Trost, wie er der Einzige ist, der wirklich niederschlägt. Indem ich mich ihm heute, da ich begreife, nähere, werde ich mehr für mein Glück gethan haben, als wenn Alles, was es Reiches, Starkes, Mächtiges und Liebenswürdiges auf dieser Welt gibt, sich verschworen hätte, um mir ein glückliches Leben zu bereiten. In die Einsamkeit, mein Bruder, in die Einsamkeit, dieses Vorhaus der ewigen Glückseligkeit! … In der Einsamkeit spricht Gott zum Herzen der Menschen.«
Philipp hielt Andrée durch eine Geberde zurück.
»Erinnere Dich,« sagte er, »daß ich mich moralisch diesem verzweifelten Vorhaben widersetze; Du hast mich nicht zum Richter der Ursachen Deiner Verzweiflung gemacht.«
»Verzweiflung!« rief sie mit einer erhabenen Verachtung, »Du sagst Verzweiflung! Oh! Gott sei Dank, ich gehe nicht in Verzweiflung von hinnen! Bedauern mit Verzweiflung! Nein! nein! tausendmal nein!«
Und mit einer Geberde voll unbändigen Stolzes warf sie über ihre Schultern die seidene Mantille, welche in ihrer Nähe auf einem Lehnstuhl lag.
»Gerade dieses Uebermaß von Verachtung offenbart bei Dir einen Zustand, welcher nicht fortwähren kann,« sprach Philipp. »Du willst das Wort Verzweiflung nicht, nimm das Wort Trotz.«
»Trotz!« entgegnete die junge Frau, indem sie ihr höhnisches Lächeln in ein Lächeln voll Stolz verwandelte: »mein Bruder, Du hältst Fräulein von Taverney nicht für so schwach, daß sie ihren Platz auf der Welt aus einer Regung des Trotzes abträte. Der Trotz ist die Schwäche der Gefallsüchtigen oder der Dummen. Das Auge, das sich durch den Trotz entzündet hat, befeuchtet sich bald mit Thränen, und der Trotz ist gelöscht. Ich habe keinen Trotz, Philipp. Ich möchte gern, daß Du mir glaubtest, und zu diesem Ende brauchtest Du Dich nur selbst zu befragen, wenn Du eine Beschwerde haben zu können vermeinst. Antworte mir, Philipp, wenn Du Dich morgen nach la Trappe zurückzögest, wenn Du Carthäuser wurdest, wie würdest Du die Ursache nennen, die Dich zu diesem Entschluß angetrieben hätte?«
»Ich würde diese Ursache einen unheilbaren Kummer nennen, meine Schwester,« antwortete Philipp mit der sanften Majestät des Unglücks.
»Gut, Philipp, das ist ein Wort, welches mir zusagt und das ich annehme. Wohl! es ist also ein unheilbarer Kummer, was mich nach der Einsamkeit treibt.«
»Gut, und der Bruder und die Schwester werden im Leben keine Unähnlichkeit gehabt haben. Gleich glücklich, werden sie stets in demselben Grade unglücklich gewesen sein. Das macht die gute Familie, Andrée.«
Andrée glaubte, durch seine Gemüthsbewegung fortgerissen, Philipp werde neue Fragen an sie richten, und vielleicht wäre ihr unbeugsames Herz unter dem Drucke der brüderlichen Freundschaft gebrochen.
Aber Philipp wußte aus Erfahrung, daß die großen Seelen sich selbst genügen; er beunruhigte Andrée nicht in der Verschanzung, die sie sich gewählt hatte.
»In welcher Stunde und an welchem Tage gedenkst Du abzugehen?«
»Morgen; heute noch, wenn es Zeit wäre.«
»Wirst Du nicht einen letzten Spaziergang mit mir im Parke machen?«
»Nein!« antwortete sie.
Er begriff wohl an dem Händedruck, der diese Weigerung begleitete, daß die junge Frau nur eine Gelegenheit, sich erweichen zu lassen, zurückwies.
»Ich bin bereit, wenn Du mich benachrichtigst,« sagte er.
Und er küßte ihr die Hand, ohne ein Wort beizufügen, das die Bitterkeit ihres Herzens zum Ueberströmen gebracht hätte.
Nachdem Andrée die ersten Vorbereitungen getroffen, zog sie sich in ihr Zimmer zurück, wo sie folgendes Billet von Philipp erhielt:
»Du kannst unsern Vater heute Abend um fünf Uhr besuchen. Der Abschied ist unerläßlich. Herr von Taverney würde über Vernachlässigung, über schlechtes Benehmen schreien.«
Sie antwortete:
»Um fünf Uhr werde ich im Reisekleid bei Herrn von Taverney sein. Um sieben Uhr können wir in Samt-Denis ankommen. Wirst Du mir Deinen Abend schenken?«
Statt jeder Antwort rief Philipp aus seinem Fenster, welches nahe genug bei der Wohnung Andrée's lag, daß diese es hören konnte:
»Um fünf Uhr die Pferde an den Wagen.«
LV.
Ein Finanzminister
Wir haben gesehen, daß die Königin, ehe sie Andrée empfing, ein Billet von Frau von La Mothe gelesen und gelächelt hatte.
Dieses Billet enthielt nur, mit allen möglichen Formeln des Respects, die Worte:
»… Und Eure Majestät kann versichert sein, daß ihr Credit gegeben, und die Waare im Vertrauen abgeliefert wird.«
Die Königin hatte also gelächelt und das Billet von Jeanne verbrannt.
Nachdem sie sich in der Gesellschaft des Fräuleins von Taverney ein wenig verdüstert, kam Frau von Misery und meldete, Herr von Calonne warte auf die Ehre, bei ihr zugelassen zu werden.
Es kann nicht ungeeignet erscheinen, wenn wir diese Person dem Leser ein wenig erklären. Die Geschichte hat ihm dieselbe so ziemlich bekannt gemacht, aber der Roman, der die Perspectiven und die großen Züge minder genau zeichnet, gibt vielleicht der Einbildungskraft ein befriedigenderes Detail.
Herr von Calonne war ein Mann von Geist, sogar von unendlich viel Geist, welcher, aus der nicht sehr an Thränen gewöhnten, obwohl vernünftig urtheilenden Generation der zweiten Hälfte des Jahrhunderts hervorgehend, in Beziehung auf das über Frankreich schwebende Unglück mit sich im Klaren war, sein Interesse mit dem gemeinschaftlichen Interesse vermischte, wie Ludwig XV. sagte: Nach uns das Ende der Welt! und überall Blumen suchte, um seinen letzten Tag zu schmücken.
Er war vertraut mit den Geschäften und zugleich Hofmann. Alle Frauen, die sich durch ihren Geist, durch ihren Reichthum und ihre Schönheit auszeichneten, hatte er durch seine Huldigungen cultivirt, wie etwa die Biene den mit Aromen und Säften erfüllten Pflanzen ihre Huldigungen darbringt.
Die Conversation von sieben bis acht Männern und zehn bis zwölf Frauen war damals der Inbegriff aller Kenntnisse. Herr von Calonne hatte mit d'Alembert rechnen, mit Diderot Vernunftschlüsse machen, mit Voltaire spotten, mit Rousseau trauern können. Er war endlich stark genug gewesen, der Volksthümlichkeit Neckers in's Gesicht zu lachen.
Herrn Necker, den Weisen und Tiefen, dessen Rechenschaftsbericht ganz Frankreich zu erhellen geschienen hatte, machte Calonne, nachdem er ihn von allen Seiten beobachtet, am Ende lächerlich, selbst in den Augen derjenigen, welche ihn am meisten fürchteten, und der König und die Königin, welche dieser Name beben machte, hatten sich nur zitternd daran gewöhnt, ihn durch einen eleganten Staatsmann von gutem Humor schmähen zu hören, der, um auf so viele schöne Ziffern zu antworten, sich auf die Bemerkung beschränkte: »Wozu nützt es, zu beweisen, daß man nichts beweisen kann?«
Necker hatte in der That nur Eines bewiesen, die Unmöglichkeit, worin er sich befand, noch ferner die Finanzen zu verwalten. Herr von Calonne übernahm sie wie eine für seine Schultern zu leichte Last.
Was wollte Herr Necker? Reformen. Diese theilweisen Reformen erschreckten alle Geister. Wenige Menschen gewannen dabei, und diejenigen, welche dabei gewannen, gewannen wenig; viele dagegen verloren dabei, und sie verloren zu viel. Wenn Necker eine gerechte Vertheilung der Steuer in's Werk setzen wollte, wenn er die Güter des Adels und die Einkünfte der Geistlichkeit mit Abgaben zu belasten beabsichtigte, bezeichnete er brutaler Weise eine unmögliche Revolution. Er spaltete die Nation und schwächte sie zum Voraus, während er alle Kräfte hätte concentriren müssen, um sie zu einem allgemeinen Resultat der Regeneration zu führen.
Dieses Ziel bezeichnete Necker, aber seine Erreichung machte er schon dadurch unmöglich, daß er es bezeichnete. Wer von einer Reform von Mißbräuchen mit denjenigen spricht, welche nicht wollen, daß diese Mißbräuche reformirt werden, setzt sich der nicht dem Widerstande der Betheiligten aus? Darf man den Feind von der Stunde in Kenntniß setzen, zu der man einen Platz stürmen wird?
Das hatte Calonne begriffen, und in dieser Hinsicht war er wirklich mehr Freund der Nation, als der Genfer Necker, mehr Freund, sagen wir, in Betreff der vollendeten Thatsachen, denn, statt einem unvermeidlichen Uebel zuvorzukommen, beschleunigte Calonne den Einbruch der Geißel.
Sein Plan war kühn, riesenhaft, sicher; es handelte sich darum, in zwei Jahren zum Bankerott den König und den Adel fortzureißen, die ihn um zehn Jahre verzögert hätten; aber wenn der Bankerott gemacht war, zu sagen: »Nun, ihr Reichen, bezahlt für die Armen, denn sie haben Hunger und werden diejenigen verschlingen, welche sie nicht nähren.«
Warum sah der König nicht von Anfang an die Folgen dieses Planes oder diesen Plan selbst? Er, der bei Durchlesung des Rechenschaftsberichts vor Wuth gezittert hatte, warum schauerte er nicht, indem er seinen Minister errieth? Warum wählte er nicht zwischen diesen Systemen, und zog es vor, sich dem Zufall zu überlassen? Das ist die einzige wirkliche Rechnung, welche Ludwig XVI. als Politiker mit der Nachwelt zu ordnen hat. Es war das bekannte Princip, dem sich stets Jeder widersetzt, der nicht Macht genug hat, um das Uebel abzuschneiden, wenn es eingewurzelt ist.
Aber um zu erklären, warum sich die Binde dergestalt vor den Augen des Königs verdichtete, warum die in ihren Wahrnehmungen so scharfsichtige und klare Königin sich in Beziehung auf das Benehmen des Ministers so blind als ihr Gemahl zeigte, wird die Geschichte, man müßte vielmehr sagen der Roman, hier ist er willkommen, ewige unerläßliche Details geben.
Herr von Calonne trat bei der Königin ein.
Er war schön, groß von Wuchs und edel von Manieren. Er wußte die Königin lachen und seine Geliebten weinen zu machen. Obschon fest überzeugt, Marie Antoinette habe in einem dringenden Bedürfnisse nach ihm verlangt, kam er mit einem Lächeln auf den Lippen. Viele Andere wären mit einer verdrießlichen Miene gekommen, um hernach das Verdienst ihrer Einwilligung zu verdoppeln.
Die Königin war auch sehr freundlich, sie hieß den Minister sitzen und sprach zuerst von tausend bedeutungslosen Dingen.
»Haben wir Geld, mein lieber Herr von Calonne?« sagte sie sodann.
»Geld!« rief Herr von Calonne, »gewiß haben wir, wir haben immer.«
»Das ist herrlich!« rief die Königin, »ich habe nie einen Mann gekannt, der so wie Sie bei Geldfragen antwortete; als Finanzmann sind Sie unvergleichlich.«
»Welche Summe braucht Eure Majestät?«
»Ich bitte, erklären Sie mir zuerst, wie haben Sie es gemacht, um Geld da zu finden, wo Herr Necker sagte, es gebe keines?«
»Herr Necker hatte Recht, es war kein Geld mehr in den Cassen, und das ist so wahr, daß ich am Tag, wo ich das Ministerium übernahm, am 3. November 1783, man vergißt dergleichen Dinge nicht, Madame, als ich den öffentlichen Schatz suchte, in der Casse nicht mehr als mehr als zwei Säcke mit zwölf hundert Livres fand.«
Die Königin lachte.
»Nun?« sagte sie.
»Nun! Madame, wenn Necker, statt zu sagen: Es ist kein Geld mehr vorhanden, so wie ich hundert Millionen im ersten Jahre und hundert und fünf und zwanzig im zweiten entlehnt und die Ueberzeugung von einem weiteren Anlehen von achtzig Millionen für das dritte gehabt hätte, so wäre Necker ein wahrer Finanzmann gewesen; Jedermann kann sagen: Es ist kein Geld mehr in der Casse; aber nicht Jeder weiß zu antworten: Es ist vorhanden.«
»Das sagte ich Ihnen, hierüber beglückwünschte ich Sie. Wie wird man bezahlen? das ist die Schwierigkeit.«
»Oh! Madame,« erwiderte Calonne mit einem Lächeln, dessen tiefe, erschreckliche Bedeutung kein menschliches Auge ermessen konnte, »ich stehe Ihnen dafür, daß man bezahlen wird.«
»Ich verlasse mich auf Sie,« sagte die Königin, »doch sprechen wir immerhin von den Finanzen; bei Ihnen ist es eine Wissenschaft voll Interesse; ein Strauch bei den Andern, ist es bei Ihnen ein Baum mit Früchten!«
Calonne verbeugte sich.
»Haben Sie einige neue Gedanken?« fragte die Königin; »ich bitte, geben Sie mir den ersten davon.«
»Ich habe einen Gedanken, der zwanzig Millionen in die Taschen der Franzosen und sieben bis acht in die Ihrige bringen wird; verzeihen Sie, in die Casse Seiner Majestät.«
»Diese Millionen werden hier willkommen sein. Woher werden sie fließen?«
»Es ist Eurer Majestät nicht unbekannt, daß die Goldmünze nicht denselben Werth in allen Staaten Europa's hat!«
»Ich weiß es. In Spanien ist das Gold theurer, als in Frankreich.«
»Eure Majestät hat vollkommen Recht, und es ist ein Vergnügen, mit Eurer Majestät über Finanzangelegenheiten zu plaudern. Das Gold gilt in Spanien seit fünf bis sechs Jahren achtzehn Unzen mehr der Mark nach, als in Frankreich. Daraus geht hervor, daß die Exportanten mit einer Mark Gold, die sie von Frankreich nach Spanien ausführen, den Werth von ungefähr vierzehn Unzen Silber gewinnen.«
»Das ist unbedeutend!«
»So daß in einem Jahre,« fuhr der Minister fort, »wenn die Capitalisten wüßten, was ich weiß, kein einziger Louisd'or mehr in unserem Land wäre.«
»Sie werden das verhindern?«
»Unmittelbar, Madame; ich will den Werth des Goldes auf fünfzehn Mark vier Unzen erhöhen, ein Fünfzehntel Nutzen. Eure Majestät begreift, daß kein Louisd'or in den Cassen bleiben wird, so bald man erfährt, daß in der Münze denjenigen, welche Gold bringen, dieser Nutzen gegeben wird. Es wird die Umschmelzung dieser Münze vorgenommen werden, und in der Mark Gold, welche heute dreißig Louisd'or enthalt, finden wir zwei und dreißig.«
»Ein gegenwärtiger Nutzen, ein zukünftiger Nutzen!« rief die Königin; »das ist eine herrliche Idee, welche Furore machen wird.«
»Ich glaube es, Madame, und bin sehr glücklich, daß sie so vollkommen Ihre Billigung erhalten hat.«
»Haben Sie immer solche, und ich bin sicher, daß Sie alle unsere Schulden bezahlen werden.«
»Erlauben Sie mir, Madame, daß ich auf das, was Sie von mir wünschen zurückkomme.«
»Wäre es möglich, mein Herr, hätten Sie in diesem Augenblick …«
»Welche Summe?«
»Oh! sie ist vielleicht viel zu stark.«
Calonne lächelte auf eine Weise, welche die Königin ermuthigte.
»Fünfmal hunderttausend Livres,« sagte sie.
»Ah! Madame!« rief Calonne, »welche Angst hat mir Eure Majestät gemacht! ich glaubte, es handle sich um eine wahre Summe.«
»Sie können also?«
»Sicherlich.«
»Ohne daß der König …«
»Ah! Madame, das ist unmöglich; alle meine Rechnungen werden jeden Monat dem König vorgelegt; aber es gibt kein Beispiel, daß der König sie gelesen hat, und ich schätze es mir zur Ehre!«
»Wann kann ich auf diese Summe zählen?«
»An welchem Tage braucht Eure Majestät das Geld?«
»Erst am fünften des nächsten Monats.«
»Die Zahlungen sollen für den zweiten befohlen werden; Sie werden Ihr Geld am dritten haben, Madame.«
»Herr von Calonne, ich danke.«
»Mein höchstes Glück ist, Eurer Majestät zu gefallen. Ich flehe Sie an, sich bei meiner Casse nie Zwang anzuthun. Das wird ein Vergnügen voll Eigenliebe für Ihren Generalcontroleur der Finanzen sein.«
Er stand auf und verbeugte sich demüthig; die Königin reichte ihm ihre Hand zum Kuß.
»Noch ein Wort,« sagte sie.
»Ich höre, Madame.«
»Dieses Geld kostet mich einen Gewissensbiß.«
»Einen Gewissensbiß …«
»Ja. Es dient zur Befriedigung einer Laune.«
»Desto besser, desto besser. Es wird bei der Summe wenigstens die Hälfte Nutzen für unsere Industrie, für unsern Handel und unsere Vergnügungen sein.«
»Das ist in der That wahr,« murmelte die Königin, »und Sie haben eine reizende Art mich zu trösten, mein Herr!«
»Gott sei gelobt, Madame; mögen wir nie andere Gewissensbisse haben, als die Eurer Majestät, und wir werden geraden Weges in's Paradies eingehen.«
»Sehen Sie, Herr von Calonne, es wäre zu grausam für mich, wenn ich das arme Volk meine Launen bezahlen ließe.«
»Wohl!« erwiderte der Minister, indem er auf jedes seiner Worte einen Nachdruck mit seinem unheimlichen Lächeln legte, »haben Sie keine Bedenklichkeiten mehr, Madame, denn ich schwöre Ihnen, es wird nie das arme Volk sein, das bezahlt.«
»Warum nicht?« fragte die Königin erstaunt.
»Weil das arme Volk nichts mehr hat,« antwortete unstörbar der Minister, »und weil da, wo nichts ist, der Kaiser sein Recht verliert.«
Er verbeugte sich und ging ab.
