Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.
Kitabı oku: «Denkwürdigkeiten eines Fechtmeisters», sayfa 17
XV
Wir erfuhren diese Nachricht und die Art, mit welcher sie der Kaiserin Mutter angekündigt war, durch den Grafen Alexis, der in seiner Eigenschaft als Lieutenant der Ritter-Garde dem Te Deum beigewohnt hatte. Sei es nun, daß diese Nachricht selbst Eindruck auf ihn gemacht hatte, oder sei es, daß sie sich noch an andere Ideen knüpfte, als die, welche die Folge davon sein zu müssen schienen, kurz, Louise und ich glaubten an dem Grafen eine Aufregung zu bemerken, die ihm durchaus nicht natürlich war, und die trotz der Herrschaft, welche die Russen gewöhnlich über ihre Eindrücke haben, dennoch hervortrat. Gleich nach dem Fortgehen des Grafen, welcher uns gegen sechs Uhr Abends verließ, um sich zu dem Fürsten Trubetzkoi zu begeben, theilten wir uns diese Bemerkungen mit.
Diese Bemerkungen waren sehr betrübt für meine arme Landsmännin, denn sie führten natürlicher Weise auf den Gedanken an jene Verschwörung zurück, von welcher der Graf Alexis bei dem Anfange seiner Verbindung mit Louisen, einige Worte hatte fallen lassen. Freilich hatte der Graf seit dieser Zeit jedesmal, wenn Louise die Unterhaltung auf diesen Gegenstand zurückführen wollte, sie zu beruhigen versucht, indem er ihr versicherte, daß diese Verschwörung beinahe gleich nach ihrer Bildung aufgelöst worden sei; aber einige jener Zeichen, welche den Blicken einer liebenden Frau nicht entgehen, hatten ihr zu dem Glauben Veranlassung gegeben, daß dem nicht so sei, und daß der Graf sie zu täuschen versuche.
Am folgenden Tage erwachte St. Petersburg in Trauer. Der Kaiser Alexander war angebetet, und da man noch nichts von der Entsagung Konstantins wußte, so konnte man sich nicht enthalten, die sanfte und gefällige Güte des einen mit der fantastischen Rohheit des anderen zu vergleichen. Was den Großfürsten Nikolaus anbetrifft, so dachte Niemand an ihn.
In der That hatte dieser Letztere, obgleich er die von Konstantin zur Zeit seiner Heirath unterzeichnete Abdankungsakte kannte, weit davon entfernt, diese Entsagung, welche sein Bruder seitdem schon bereuet haben konnte, geltend machen zu wollen, ihn schon als seinen Kaiser betrachtend den Schwur der Treue geleistet, und einen Courier abgesandt, um ihn einzuladen zurück zukommen, und von dem Throne Besitz zu nehmen. Aber zu gleicher Zeit, als der Bote von St. Petersburg nach Warschau ging, reisete der von dem Czarewitsch abgesandte Großfürst Michael von Warschau nach St. Petersburg als Ueberbringer folgenden Briefes ab:
»Mein sehr theurer Bruder!
»Mit der tiefsten Betrübniß habe ich gestern Abend die Nachricht von dem Tode unseres angebeteten Fürsten, meines Wohlthäters, des Kaisers Alexander erfahren. Indem ich mich beeile, Ihnen die Gefühle an den Tag zu legen, welche mich dieses grausame Unglück hat empfinden lassen, mache ich mir eine Pflicht daraus Ihnen zu melden, daß ich mit dem gegenwärtigen Courier einen Brief an Ihre Kaiserliche Majestät, unsere erhabene Mutter richte, in dem ich erkläre, daß es in Folge des unterm 2. Februar 1822 von dem seligen Kaiser in Bezug auf meine Thron-Entsagung erlangten Rescripts noch heute mein unerschütterlicher Entschluß ist, Ihnen alle meine Erbfolge-Rechte auf den Thron der Kaiser aller Reußen abzutreten. Ich bitte zu gleicher Zeit unsere geliebte Mutter und alle diejenigen, welche es angehen kann, meinen unveränderlichen Willen in dieser Beziehung bekannt zu machen, damit dessen Ausführung vollständig sei.
»Nach dieser Erklärung betrachte ich es als eine geheiligte Pflicht, Eure Kaiserliche Majestät demüthigt zu bitten, zuerst meinen Schwur der Treue und der Unterwerfung zu empfangen und mir die Erklärung zu erlauben, daß, da meine Wünsche weder auf eine neue Würde, noch auf einen neuen Titel gerichtet sind, ich einzig und allein den des Czarewitsch zu behalten wünsche, mit dem mein erhabener Vater mich für meine Dienste zu beehren gewürdigt hat. Mein einziges Glück wird von nun an darin bestehen, Eure Kaiserliche Majestät die Gefühle meiner tiefen Ehrfurcht und meiner Ergebenheit ohne Gränzen genehmigen zu lassen; ich biete als Pfand dafür mehr als dreißig Jahre eines treuen Dienstes und den unwandelbaren Eifer, den ich gegen die Kaiser meinen Vater und meinen Bruder an den Tag gelegt; in diesen selben Gefühlen ist es, daß ich bis zu meinem letzten Hauche nicht aufhören werde, Eurer Kaiserlichen Majestät und ihren Nachfolgern in meinen gegenwärtigen Funktionen und in der gegenwärtigen Stellung zu dienen.
»Ich bin mit der tiefsten Ehrfurcht
»Konstantin.«
Die beiden Boten kreuzten sich. Derjenige, welcher an den Czarewitsch gesandt war, hatte von dem Großfürsten Nikolaus den Auftrag, weder Bitten noch Flehen zu schonen, um von ihm die Einwilligung zur Wiederannahme der Krone zu erlangen. Dem zu Folge bat und flehete er den Czarewitsch an; aber dieser widerstand mit Festigkeit, indem er sagte, daß sich seine Wünsche seit dem Tage, wo er seinen Rechten entsagt, um nichts geändert hätten, und daß er für alles von der Welt nicht einwilligen würde, sie wieder anzunehmen.
Nun warf sich auch seine Gattin, die Fürstin von Lowicz zu seinen Füßen, indem sie zu ihm sagte, daß, da er deshalb, um ihr Gatte zu werden, auf den Thron der Czaren verzichtet habe, sie ihm die Nichtigkeit ihrer Ehe anzuerkennen anböte, indem sie sich glücklich fühle ihm das erwiedern zu können, was er für sie gethan habe; aber Konstantin hob sie auf, und erklärte ihr, indem er nicht erlauben wollte, daß sie, ferner über diesen Gegenstand in ihn dränge, daß sein Entschluß unerschütterlich wäre.
Auch der Großfürst Michael kam in St. Petersburg als Ueberbringer des Briefes vom Czarewitsch an; der Großfürst Nikolaus wollte ihn durchaus nicht als eine entscheidende Verweigerung annehmen, indem er die Hoffnung aussprach, daß die Bitten seines Abgesandten einen glücklicheren Erfolg haben würden. Aber auch der Abgesandte kam als Ueberbringer einer förmlichen Verweigerung zurück, so daß er wohl, da Gefahr darin lag, die Sachen in diesem sonderbaren Provisorium zu lassen, gezwungen war dasjenige anzunehmen, was sein Bruder ausschlug.
Uebrigens hatte am Tage nach dem Abgange des Couriers, welchen der Großfürst Nikolaus an den Czarewitsch gesandt, der Staatsrath ihn benachrichtigen zu lassen, daß er Bewahrer eines am 15. October 1823 seiner Obhut übergebenen, mit dem Siegel des Kaisers Alexander verschlossenen Schreibens sei dasselbe wäre von einem eigenhändigen Briefe. Sein Majestät begleitet, welcher ihm anbefahl, diese Schreiben bis auf neue Ordre zu bewahren, und in Falle eines Ablebens es in außerordentlicher Sitzung zu eröffnen. Der Staatsrath hatte diesem Befehl Folge geleistet, und unter dem Couvert die folgen dermaßen abgefaßte Entsagung des Großfürsten Konstantin gefunden:
Brief Seiner Kaiserlichen Hoheit des
Czarewitsch Großfürsten Konstantin an
den Kaiser Alexander.
»Sire,
»Ermuthigt durch Ihro Majestät vielfache Beweise von Wohlwollen gegen mich, wage ich sie noch ein Mal in Anspruch zu nehmen, und meine demüthigen Bitten zu ihren Füßen zu legen. Da ich mir weder den Geist, noch die Fähigkeit, noch die nöthige Kraft zutraue, wenn ich jemals mit der hohen Würde bekleidet sein sollte, zu welcher ich durch meine Geburt berufen bin, so bitte ich Eure Kaiserliche Majestät inständigt, das Recht auf denjenigen zu übertragen, welcher mir unmittelbar folgt, und für immer die Beständigkeit des Reiches zu sichern. In dem, was mich anbelangt, so gebe ich durch diese Entsagung dem, worin ich zur Zeit meiner Scheidung von meiner ersten Gattin freiwillig und feierlich gewilligt, eine neue Bürgschaft und eine neue Kraft. Alle gegenwärtigen Verhältnisse bestimmen mich immer mehr und mehr eine Maaßregel zu ergreifen, welche dem Reiche und der ganzen Welt die Aufrichtigkeit meiner Gefühle beweisen wird.
»Möchte Eure Kaiserliche Majestät meine Wünsche gütig aufnehmen! möchte sie unsere erhabene Mutter bewegen, sie selbst anzunehmen, und sie durch ihre Kaiserliche Zustimmung zu heiligen! In dem Kreise des Privatlebens werde ich mich immer bestreben, Ihren getreuen Unterthanen und allen denen, welche die Liebe zu unserem theuren Vaterlande beseelt, zum Muster zu dienen.
»Ich bin mit der tiefsten Ehrerbietung,
»Konstantin.«Petersburg, 14. Januar 1822.
Auf diesem Brief hatte Alexander folgende Antwort erlassen:
»Sehr theurer Bruder,
»Ich habe so eben Ihren Brief mit aller Aufmerksamkeit gelesen, welche er verdient; ich darin Nichts gefunden, was mich hätte überraschen können, indem ich die erhabenen Gefühle Ihre Herzens immer zu würdigen gewußt habe; er hat mir einen neuen Beweiß von Ihrer aufrichtigen Anhänglichkeit an den Staat und Ihrer voraussehende Sorge für die Erhaltung seiner Ruhe geliefert,
»Zu Folge Ihrer Wünsche habe ich Ihren Brief unserer sehr theuern Mutter mitgetheilt; sie hat sich durchdrungen von denselben Gefühlen, als ich gelesen, und erkennt mit Dankbarkeit die edelen Beweggründe, welche Sie geleitet haben.
»Nach den von Ihnen vorgegebenen Beweggründen bleibt uns beiden nichts anderes übrig Ihnen alle Freiheit zu lassen, um Ihren unveränderlichen Entschlüssen zu folgen, und den Allmächtigen zu bitten, aus so reinen Gefühlen die segenbringensten Folgen hervorgehen zu lassen.
»Ich bin für immer Ihr wohlgeneigter Bruder,
»Alexander.«
Diese ohngefähr in den nämlichen Ausdrücken nach einem Zwischenraume von ohngefähr drei Jahren erneuerte zweite Weigerung Konstantins machte eine Entscheidung von Seiten des Großfürsten Nikolaus dringend nothwendig; er machte demnach in Bezug auf die obigen Briefe am 25. December ein Manifest bekannt, in welchem er erklärte, daß er den ihm durch die Verzichtleistung seines älteren Bruders heimgefallenen Thron annähme; er setzte den folgenden Tag, den 26. December, zur Leistung des Eides fest, welcher ihm und seinem ältesten Sohne, dem Großfürsten Alexander, abgelegt werden sollte.
Bei dieser, ihm von seinem künftigen Herrscher gemachten officiellen Mittheilung, athmete St. Petersburg endlich ruhiger; der, große Aehnlichkeit mit dem von Paul I. zeigende Charakter des Czarewitsch Konstantin flößte lebhafte Besorgnisse ein; der des Großfürsten Nikolaus bot im Gegentheile wichtige Bürgschaften.
In der That, während dem daß Alexander und Konstantin sich, jeder nach seiner Seite und seinem Charakter gemäß, der eine zu den süßen Freuden der Liebe, der andere zu den rauhen Arbeiten der Kriegskunst fortreißen ließ, war der junge Großfürst keusch und ernst in Mitte tiefer Studien der Geschichte und der Politik aufgewachsen. Immer zerstreut oder kalt, ging er gewöhnlich mit zum Boden geneigter Stirn, und wenn er sie erhob, um sein scharfes und durchdringendes Auge auf einen Mann zu richten; so fühlte sich dieser Mann, wer er auch sein mochte, daß er vor seinem Herrn stände. Wenig Stimmen wagten demnach auch, ohne sich zu verwirren, auf die kurzen und betonten Fragen zu antworten, die er gewöhnlich mit seiner abgebrochenen und stolzen Redeweise that; und während dem daß Alexander, bevor ihn sein Trübsinn nach Czarsko-Selo verbannt hatte, sich leutselig und artig in alle Privatgesellschaften mischte, blieb der Großfürst Nikolaus abgesondert bei seiner Familie, welche zugleich ein Vorwand und eine Entschuldigung für seine Absonderung war. Die Folge davon war, daß das russische Volk, welches selbst sein Bedürfniß fühlt, nach und nach und ohne Stoß aus den Geleisen der Barbarei geführt zu werden, einsah, daß mit seiner kalten, einen unbeugsamen Willen verbergenden Milde, ihr neuer Herrscher der Mann wäre, den es hätte wählen müssen, wenn Gott nicht die Sorge ihn selbst zu wählen übernommen, und daß es, um den Scepter zu halten, welcher sich über eine sonderbarer Weise zu gleicher Zeit zu barbarische und zu civilisierte Nation erstrecken sollte, einer eisernen Hand im seidenen Handschuhe bedürfe.
Füge man zu diesem noch hinzu, was wohl etwas für alle Völker ist, daß der neue Kaiser der schönste Mann seines Reiches, und der tapferste seiner Armee war.
Jedermann betrachtete demnach den folgenden Tag als einen Festtag, als während des Abends sonderbare Gerüchte in der Stadt umzulaufen begannen: man sagte, daß die am selben Morgen im Namen des Czarewitsch Konstantin bekannt gemachte Entsagung untergeschoben sei, und daß im Gegentheile der Vicekönig von Polen mit einer Armee gegen St. Petersburg heranzöge, um seine Rechte in Anspruch zu nehmen. Man fügte hinzu, daß die Officiere verschiedener Regimenter, und unter anderen die des Regiments von Moskau, ganz laut geäußert hätten, daß sie. Nikolaus den Eid der Treue verweigern würden, weil der Czarewitsch ihr einziger und rechtmäßiger Herrscher sei.
Diese Gerüchte hatten mich in einigen Häusern überrascht, die ich während des Abends besucht, als ich in meine Wohnung zurückgekehrt einen Brief Louisens vorfand, der mich bat, um welche Stunde es auch fein mögte, zu ihr zu kommen; ich begab mich sogleich dorthin, und fand sie sehr unruhig: der Graf war wie gewöhnlich gekommen, aber, welche Mühe er sich auch gegeben, er hatte seine Aufregung nicht verbergen können. Louise hatte ihn nun befragt; aber, obgleich er ihr nichts eingestanden; so hatte er ihr doch mit jener gerührten Innigkeit feierlicher Momente geantwortet, daß, so gewöhnt sie auch an seine Liebe und an seine Güte war, die dieses Mal ihre Ausdrücke begleitende schmerzliche Zärtlichkeit sie in ihrem Argwohne bestätigt hatte: es unterlag keinem Zweifel, daß etwas unerwartetes sich für den folgenden Tag vorbereite, und, was es sein mochte, der Graf dabei sei.
Louise wollte mich bitten zu ihm zu gehen, sie hoffte, daß er gegen mich mittheilender sein würde, und, in dem Falle, daß er mir etwas auf das Komplott Bezughabendes mittheile, wünschte sie, daß ich alles was in meinen Kräften stünde, anwendete, um ihn davon abzubringen, weiter zu gehen. Man wird leicht errathen, daß ich keine Schwierigkeiten machte, diesen Auftrag zu übernehmen; außerdem hatte ich seit langer Zeit dieselben Besorgnisse, als sie, und meine Dankbarkeit hatte fast eben so hell, wie ihre Liebe gesehen.
Der Graf war zwar nicht zu Hause, da man aber mich bei ihm zu sehen gewohnt war, so machte man keine Schwierigkeiten mich einzulassen, sobald ich den Wunsch ihn zu erwarten geäußert hatte; ich trat in sein Schlafzimmer, es war zu seinem Empfange zubereitet, und demnach ersichtlich, daß er die Nacht nicht außerhalb zubringen würde.
Der Diener ging hinaus und ließ mich allein. Ich blickte um mich, um zu sehen, ob nichts meine Besorgnisse bestimmen würde, und bemerkte auf dem Nachttische ein Paar doppelläufige Pistolen; ich steckte den Ladestock in den Lauf: sie waren geladen; dieser bei jeder anderen Gelegenheit gleichgültige Umstand bestätigte mich bei dieser in meinen Befürchtungen.
Ich warf mich in einen Sessel, fest entschlossen, das Zimmer des Grafen nicht zu verlassen, bevor er zurückgekehrt wäre; Mitternacht, ein Uhr und zwei Uhr schlugen nach und nach, meine Besorgnisse wichen der Ermüdung, ich schlief ein.
Gegen vier Uhr erwachte ich; der Graf befand sich schreibend an einem Tische vor mir; seine Pistolen lagen neben ihm, er war sehr bleich. Bei der ersten Bewegung, die ich machte, wandte er sich nach meiner Seite: Sie schliefen, sagte er zu mir, ich habe Sie nicht wecken wollen; sie hatten mir etwas zu sagen, ich ahne, was Sie zu mir führt; wenn Sie mich morgen Abend nicht wieder gesehen haben, so übergeben sie diesen Brief Louisen; ich wollte Ihnen denselben morgen früh durch meinen Kammerdiener schicken, aber ich ziehe es vor, Ihnen denselben selbst zu übergeben.
– Dann hatten wir also nicht unrecht, besorgt zu sein; es bereitet sich irgend eine Verschwörung vor, nicht wahr, und Sie gehören dazu?
– Still, sagte der Graf zu mir, indem er mir heftig die Hand drückte und um sich blickte; still, in St. Petersburg tödtet ein unvorsichtiges Wort.
– O! sagte ich mit leiser Stimme zu ihm, welche Thorheit!
– Ei! glauben Sie denn, daß ich nicht eben, so gut als Sie wüßte, daß das, was ich thue, unsinnig ist? glauben Sie denn, daß ich die mindeste Hoffnung für das Gelingen hätte? Nein, ich gehe gerades Weges auf einen Abgrund los, und ein Wunder selbst würde mich nicht verhindern können, hineinzusinken; alles, was ich thun kann, ist die Augen zu schließen, um seine Tiefe nicht zu sehen.
– Aber, wenn Sie auf diese Weise die Gefahr bemessen, warum setzen sie sich ihr mit kaltem Blute aus?
– Weil es jetzt zum Umkehren zu spät ist, weil man sagen würde, daß ich mich fürchte, weil ich Freunden mein Wort verpfändet, und ich ihnen folgen muß. . . .wäre es auch auf das Schaffot.
– Aber wie, Sie, Sie, von einer edelen Familie?
– Was wollen Sie, die Menschen sind Thoren; in Frankreich schlagen sich die Perückenmacher, um große Herren zu werden, hier stehen wir im Begriffe uns zu schlagen, um Perückenmacher zu werden.
– Wie! es handelt sich?. . .
– Darum, eine Republik zu errichten, nichts mehr und nichts weniger, und unseren Leibeigenen den Bart abschneiden zu lassen, bis daß sie uns den Kopf abschneiden werden; auf mein Ehrenwort, ich zuckt selbst aus Erbarmen die Achseln darüber. Und wen haben wir erwählt, um ihn an die Spitze unserer großen politischen Verbesserung zu stellen? Einen Fürsten.
– Wie! einen Fürsten?
– O! wir haben gar viele Fürsten, das ist es nicht, woran es uns fehlen wird, es sind die Menschen.
– Sie haben also eine Constitution schon ganz in Bereitschaft?
– Eine Constitution? erwiederte der Graf Alexis bitter lachend; eine Constitution? oh! ja, ja, wir haben ein von dem Kurländer Pestel entworfenes russisches Gesetzbuch, das Trubetzkoi in London und Paris hat durchsehen lassen; und dann haben wir noch einen Katechismus in schöner Bildersprache, welcher Grundsätze wie zum Beispiel den enthält: Vertraue Dich nur einzig Deinen Freunden und Deiner Waffe an, Deine Freunde werden Dir helfen, und Dein Dolch wird Dich vertheidigen. Du bist Sclave, und auf Deinem vaterländischen Boden, an den Ufern der Meere, welche ihn benetzen, wirst Du vier Häfen bauen: den schwarzen Hafen, den weißen Hafen, den Hafen von Dalmatien, und den Eishafen, und in ihre Mitte wirst Du die Göttin des Lichtes auf den Thron stellen.
– Aber welches teuflische Kauderwälsch redet mir denn da Eure Excellenz?
– Ah! Sie verstehen mich nicht, nicht wahr? sagte der Graf zu mir, indem er sich, immer mehr und mehr jener Art von fieberhaftem Spotte hingab und ein Vergnügen daran fand, sich selbst damit zu zerfleischen; sehen Sie, das kommt daher, weil Sie nicht eingeweiht sind; freilich würden Sie, wenn Sie eingeweihet wären, nicht mehr verstehen; aber was liegt daran, Sie würden dennoch gehen, Sie würden Grachus, Brutus, Cato anführen, Sie würden sagen, daß man die Tyrannei bekämpfen, Cäsar vernichten, Nero bestrafen müsse; Sie würden sagen. . .
– Nichts von alle dem würde ich sagen, ich versichere es Ihnen; sondern ich würde mich im Gegentheile in der Stille zurückziehen, und keinen Fuß mehr in alle diese Klubs setzen, die eine schlechte Parodie unserer Feuillants10 und unserer Jakobiner sind.
– Und der Schwur, der Schwur? glauben Sie etwa, daß wir ihn vergessen haben? gibt es der eine gute Verschwörung ohne Schwur? Hören Sie den unsrigen: Wenn ich mein Wort verrathe, werde ich gezüchtigt werden sowohl durch mein Gewissen, als durch diese Waffe, auf welche ich den Schwur leiste; möge sie sich in mein Herz senken, möge sie alle diejenigen umbringen, die mir theuer sind, und möge wein Leben von dem Augenblicke nur eine Kette von unerhörten Leiden sein! Das ist ein wenig theatralisch, und das würde wahrscheinlicher Weise in Ihrer Gaieté oder Ihrem Ambigu ausgepfiffen werden; aber hier, hier in St. Petersburg sind wir noch zurück, und ich bin wahrscheinlich sehr beklatscht worden, als ich ihn ausgesprochen habe.
– Aber in des Himmels Namen! rief ich aus wie ist es nur gekommen, daß Sie, der Sie lächerliche Seite eines solchen Unternehmens so klar einsehen, sich darin eingelassen haben?
– Wie das gekommen ist? was wollen Sie, Ich langweilte mich, ich würde mein Leben für eine Kopeke hingegeben haben; ich habe mich wie Narr in diese Falle verkrochen; kaum war ich darin als ich einen Brief von Louisen empfing; ich wollte mich nun zurückziehen, aber ohne mir mein Wort zurückzugeben, sagte man mir, daß alles beendigt sei, und die Gesellschaft aufgelößt wäre; dem war nicht so. Vor einem Jahre kam man zu mir, um mir zu sagen, daß das Vaterland auf mich rechnete: armes Vaterland, wie man es hat sprechen lassen! Ich hatte große Lust, alles spöttisch von mir zu weisen, denn, sehen Sie, ich bin jetzt eben so glücklich, als ich früher unglücklich gewesen war; aber eine falsche Schaam hat mich abgehalten, so daß ich jetzt bereit bin, wie heute Abend sich Bestujeff ausgedrückt, alle Tyrannen zu erdolchen, und ihren Staub in die Lüfte zu zerstreuen. Das ist sehr poetisch, nicht wahr? aber weniger ist es das, daß uns die Tyrannen hängen lassen werden, und daß wir es wohl verdient haben.
– Aber haben Sie wohl etwas überlegt, mein Herr? sagte ich nun zu dem Grafen, indem ich seine beiden Hände ergriff, und ihm fest ins Auge blickte; nämlich, daß diese Begebenheit, von der Sie reden, der Tod der armen Louise sein wird?
Die Thränen stiegen ihm in die Augen.
– Louise wird leben, sagte er zu mir.
– O. Sie kennen Sie nicht, erwiederte ich.
– Im Gegentheile, weil ich sie kenne, rede ich so; Louise hat kein Recht mehr zu sterben, sie wird für ihr Kind leben.
– Armes Weib rief ich aus, ich wußte nicht, daß Sie so unglücklich wäre.
– Hören Sie, sagte der Graf zu mir, da ich nicht weiß, ob ich morgen, oder vielmehr heute überleben werde, so ist hier ein Brief für sie; ich hoffe, daß alles besser gehen wird, als wir einer wie der andere denken, und daß aller dieser Lärm in einem so unmerklichen Rauche verfliegt, daß man nicht einmal bemerken wird, daß Feuer war. Dann zerreißen Sie ihn, und es sei, als ob er nicht geschrieben worden wäre. Im entgegengesetzten Falle werden Sie ihr denselben übergeben. Er enthält eine Empfehlung für meine Mutter, sie als Tochter zu behandeln. Ich hinterlasse ihr zwar alles, was ich habe, aber Sie verstehen, daß, wenn ich gefangen und verurtheilt werde, die erste Sache die sein wird, mein Vermögen einzuziehen; dem zu Folge würde die Schenkung nutzlos sein. Was mein baares Geld anbelangt, so hat mir es die zukünftige Republik bis auf den letzten Rubel abgeliehen; demnach habe ich mich darum nicht zu bekümmern. Sie versprechen mir das zu thun, warum ich Sie bitte?
– Ich schwöre es Ihnen.
– Ich danke; jetzt leben Sie wohl; nehmen Sie sich in Acht, daß man sie nicht um diese Stunde von mir fortgehen sieht, das würde Sie vielleicht in Gefahr setzen.
– Wahrlich, ich weiß nicht, ob ich Sie verlassen soll.
– Ja, Sie sollen es, mein lieber Freund! bedenken Sie, wie wichtig es im Falle des Unglücks ist, daß Louisen zum mindesten ein Bruder bleibt; sie werden nur schon zu sehr durch ihre Beziehungen mit mir, mit Murawieff und mit Trubetzkoi compromittiert sein; seien Sie demnach vernünftig, wenn nicht für Sie, zum mindesten für mich, ich verlange es von Ihnen in Louisens Namen.
– Bei diesem Namen werden Sie mich alles, was Sie wollen thun lassen.
– So leben Sie denn wohl; ich bin ermüdet und bedarf einiger Stunden Ruhe, denn ich vermuthe, daß der Tag hart werden wird.
– Weil Sie es denn wollen, so leben Sie wohl.
– Ich verlange es,
– Vorsicht.
– Ei, mein Theurer, das geht mich nichts an; ich gebe nicht, man führt mich; adieu. Apropos, ich habe nicht nöthig, Ihnen zu sagen, daß ein einziges unvorsichtiges Wort unser aller Verderben sein würde.
– Ach!. . .
– Umarmen wir uns.
Ich warf mich in seine Arme.
– und jetzt ein letztes Mal: leben Sie wohl
Ich ging hinaus ohne ein Wort aussprechen zu können, indem ich die Thüre hinter mir schloß; aber bevor ich noch am Ende des Ganges war, öffnete sich dieselbe wieder, und folgende Worte drangen zu mir:
– Ich empfehle Ihnen Louisen.
In der That hatten sich die Verschworenen in derselben Nacht bei dem Fürsten Obolinski versammelt, und alle Maßregeln waren getroffen worden, wenn man anders einige thörichte Verfügungen für eine unmögliche Revolution Maßregeln nennen kann. In dieser Versammlung, welcher die Hauptanführer beigewohnt, hatten diese den einfachen Mitgliedern der Verbindung den allgemeinen Plan mitgetheilt, und hatten zur Ausführung den folgenden Tag, als den Tag des Schwures gewählt. Dem zu Folge war beschlossen worden, daß man die Soldaten zur Empörung dadurch stimmen wolle, daß man ihnen Zweifel über die Aechtheit der Entsagung des Czarewitsch Konstantin ausspräche, welcher, da er sich besonders mit der Armee beschäftigt hatte, von ihr sehr geliebt war; dann wollte man das erste Regiment, das den Huldigungseid verweigern würde, mit dem zunächst stehenden Regimente vereinigen, und das so fort, bis man eine Masse zusammen hätte, die ansehnlich genug wäre, um damit, zur Ansammlung des Volkes unter Trommelschlag, auf den Senats-Platz zu rücken. Dort angelangt hofften die Verschworenen, daß eine einfache Vorstellung genügen, und daß der Kaiser Nikolaus Anwendung der Gewalt nicht wagen, sondern mit den Verräthern unterhandeln, und auf seine Souverainitäts-Rechte verzichten würde; dann wollte man ihm folgende Bedingungen vorlegen:
1) daß die Abgeordneten augenblicklich aus allen Gouvernements einberufen würden,
2) daß der Senat ein Manifest bekannt machen würde, in dem gesagt werden sollte, daß die Abgeordneten über neue organische Gesetze für die Regierung des Reiches abzustimmen hätten;
3) daß einstweilen eine provisorische Regierung errichtet werden sollte, und daß die Abgeordneten des Königreiches Polen dazu berufen würden, Um die nothwendigen Maßregeln zur Erhaltung der Einigkeit des Staates anzunehmen.
In dem Falle, wo der Kaiser verlangen sollte, sich, bevor er diese Bedingungen annähme, darüber mit dem Czarewitsch zu berathen, so sollte dasselbe ihm aber unter der Bedingung bewilligt werden, daß den Verschwörern und den empörten Regimentern eine Cantonierung außerhalb der Stadt gegeben würde, um daselbst trotz des Winters zu lagern, und die Ankunft des Czarewitsch abzuwarten, welcher übrigens die Staaten versammelt finden würde, um ihm eine von Nikita Murawieff entworfene Contitution vorzulegen und ihm den Eid zu leisten, wenn er sie annähme, oder ihn abzusetzen, wenn er sie nicht annähme. Wenn der Großfürst Konstantin, was nach den Ansichten der Verschworenen nicht wahrscheinlich war, diese Empörung mißbilligen sollte, dann wollte man sie auf Rechnung der Ergebenheit schieben, welche man für seine Person hegte. In dem Falle, wo der Kaiser jeden Vergleich verweigern würde, sollte man ihn mit der ganzen kaiserlichen Familie festnehmen, worauf dann die Umstände bestimmen würden, was man in Bezug auf sie zu beschließen hätte.
Wenn man scheitern sollte, so würde man die Stadt räumen, und die Empörung verbreiten.
Der Graf Alexis hatte an allen diesen langen und geräuschvollen Verhandlungen keinen anderen Theil genommen, als um die Hälfte der Vorschläge zu bekämpfen, und über die anderen die Achseln zu zucken; aber trotz seiner Einreden und seinem Schweigen waren sie durch die Mehrzahl der Stimmen angenommen worden, und einmal angenommen hielt er sich mit seiner Ehre verpflichtet, dieselbe Gefahr zu laufen, als ob einige Hoffnung des Gelingens vorhanden wäre.
Uebrigens schienen alle anderen in einer vollkommenen Zuversicht über das Gelingen, und voller Vertrauen auf den Fürsten Trubetzkoi, so daß einer der Verschworenen, Bulatoff, im Herausgehen an den Grafen sich wendend mit Begeisterung ausrief:
– Nicht wahr, wir haben einen herrlichen Anführer gewählt?
– Ja, hatte der Graf geantwortet, er hat einen sehr schönen Wuchs.
In dieser Stimmung war es, daß er zu Hause kam, und mich in seiner Wohnung gefunden hatte.
