Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Denkwürdigkeiten eines Fechtmeisters», sayfa 18

Yazı tipi:

XVI

Da Louisen dasjenige, was ich ihr zu sagen hatte; keinesweges beruhigen konnte, und ich außerdem immer noch hoffte, daß irgend ein unvorhergesehener Umstand die Verschwörung scheitern lassen würde, so kehrte ich in meine Wohnung zurück, und versuchte einige Ruhe zu genießen; aber meine Gedanken waren so beschäftigt, daß ich mit Anbruch des Tages wieder erwachte, mich sogleich ankleidete und auf den Senatsplatz eilte. Alles war ruhig.

Inzwischen hatten die Verschworenen ihre Nacht nicht verloren. In Folge der gefaßten Beschlüsse hatte sich Jeder auf den ihm von Ryliew welcher der Militairanführer, wie der Fürst Trubetzkoi die politischen Angelegenheiten leitete, angewiesenen Posten begeben. Der Lieutenant Arbugoff sollte das Marinekorps der Garde hineinziehen, die beiden Brüder Rodiseo und der Unterlieutenant Gudimoff das Garderegiment Izmaliowski; der Fürst Stchepine Rostoffski, der Unterhauptmann Michael Besinjeff, sein Bruder Alexander und zwei andere Officiere des Regiments, Namens Brock und Wolkoff, waren mit dem Regiment Moskau beauftragt; endlich hatte der Lieutenant Suthoff sich für das erste Grenadierleibregiment verbürgt. Was den Grafen anbelangt, so hatte er jede andere Rolle, als die eines einfachen Theilnehmers ausgeschlagen, indem er dasjenige zu thun versprach, was die Andern thun würden; da man ihn als Mann von Wort kannte, und da er außerdem keine Stellung bei der zukünftigen Regierung in Anspruch nahm, so hatte man nicht mehr von ihm verlangt.

Ich blieb bis elf Uhr, nicht auf dem Senatsplatz, denn es war zu kalt, als daß ein solcher Aufenthalt daselbst erträglich gewesen wäre, sondern bei einem jener Zuckerwaaren- und Weinhändler, die man Conditor nennt, und dessen Laden am Ende der Aussicht neben dem Hause des Banquier Cerelat gelegen war. Das war ein herrlicher Platz, um hier die Neuigkeiten abzuwarten; erstens, weil er auf den Admiralitäts-Platz ging, und dann, weil in St. Petersburg die Conditoren unsere Pastetenbätker in Paris ersetzen, und da dieser der Felix dieser Stadt war, so traten jeden Augenblick Personen aus den entgegengesetztesten Quartieren der Hauptstadt in den Laden. Bis zu dieser Stunde lauteten übrigens alle Berichte beruhigend, der General der Garde und der Generalstab waren mit der Nachricht im Palaste angelangt, daß die Garderegiementer zu Pferde, die Rittergarden, Preobrajenski, Semenowski, die Grenadiere Paulowski, die Gardejäger, die Finnländischen Jäger und die Sappeurs geschworen hätten. Freilich hatte man noch keine Nachricht von den anderen Regimentern, aber das kam ohne Zweifel daher, daß ihre Kasernen fern von dem Mittelpunkte der Hauptstadt lagen.

In der Hoffnung, daß der Tag auf diese Weise ablaufen, und daß die Verschwörer nachdem sie die Gefahr ihres Planes erkannt, sich ruhig verhalten würden, stand ich im Begriffe, nach Hause zu gehen, als plötzlich ein Generaladjutant im vollen Galopp vorüber sprengte, und man verstehen konnte, daß irgend etwas Unerwartetes vorgefallen wäre. Alles eilte auf den Platz, denn es herrschte jene unbestimmte Besorgniß, welche immer großen Ereignissen vorausgeht; wirklich hatte die Empörung begonnen, und das mit einer solchen Heftigkeit, daß man nicht wissen konnte, wo sie stehen bleiben würde.

Der Fürst Stchepine Rostoffski und die beiden Bestujeff hatten Wort gehalten. Um neun Uhr Morgens waren sie in den Kasernen des Regiments Moskau angelangt, und indem sie sieh an die 2te, 3te, 5te und 6te Compagnie wandten, welche man als die dem Großfürsten Konstantin am meisten ergebenen kannte, hatte der Fürst Stchepine den Soldaten versichert, daß man sie hintergehe, indem man von ihnen den Schwur verlangte. Er hatte hinzugefügt, daß, weit entfernt auf die Krone verzichtet zu haben, der Großfürst verhaftet worden sei, weil er sich geweigert, seinem Bruder seine Rechte abzutreten. Hierauf nahm Alexander Bestujeff das Wort, und erklärte, daß er von Warschau käme, von dem Czarewitsch selbst beauftragt, sich der Leistung des Eides zu widersetzen; als der Prinz Stchepine sah, daß diese Nachrichten einen großen Eindruck auf die Truppen hervorbrachten, so hatte er den Soldaten befohlen, scharfe Patronen zu nehmen und ihre Waffen zu laden. In diesem Augenblicke war der Generaladjutant Verighine, begleitet von dem Generalmajor Fredricks, der das Peloton Grenadiere, in dessen Händen sich die Fahne befand, kommandirte, gekommen, um die Officiere aufzufordern, sich zu dem Obrist des Regiments zu begeben. Stchepine hatte gedacht, daß nun der Augenblick gekommen wäre, und befahl den Soldaten, die Grenadiere mit Kolbenstößen zurück zu treiben und ihnen die Fahne zu nehmen; zu gleicher Zeit hatte er sich auf den Generalmajor Fredricks geworfen, welchem Bestujeff auch mit der Pistole drohen, hatte ihn durch einen Degenstich, der ihn zu Boden gestreckt, am Kopfe verletzt, und sogleich sich gegen den, seinem Kollegen zu Hilfeeilenden, Generalmajor Schenschine, den Kommandanten der Brigade, wendend, hatte er ihn durch einen Degenstich niedergeworfen. Sich nun rasch unter die Grenadiere stürzend, hatte er nach und nach den Obrist Khwosschinsky den Unterofficier Museiesf und den Grenadier Krassoffski verwundet, so daß er sich am Ende der Fahne bemächtigt und sie mit dem Rufe: Hurrah! in die Luft erhoben hatte. Auf diesen Ruf und bei dem Anblicke von Blut hatte mehr als die Hälfte des Regimentes durch das Geschrei: Es lebe Konstantin! nieder mit Nikolaus! geantwortet, und, indem er diesen Moment der Begeisterung benutzte, War Stchepine, ohngefähr vierhundert Mann in seinem Gefolge, fortgegangen, und rückte mit ihnen unter klingendem Spiele nach dem Admiralitäts-Platze.

An dem Thore des Winterpalastes stieß der diese Nachricht überbringende Generaladjutant auf einen anderen von der Kaserne der Leibgrenadiere kommenden Officier. Die Nachrichten, mit welchen dieser beauftragt war, waren nicht minder beunruhigend, als die vom Generaladjutanten überbrachten. In dem Augenblicke, wo das Regiment ausrückte, um den Schwur zu leisten, hatte sich der Unterlieutenant Kojenikoff mit dem Rufe vor die Fronte gestürzt: Nicht dem Großfürsten Nikolaus, sondern dem Kaiser Konstantin muß man schwören. Als man ihm hierauf antwortete, daß der Czarewitsch abgedankt hätte, rief er aus: – Das ist falsch, falsch, ganz falsch; der Czarewitsch rückt auf St. Petersburg los, um die Pflichtvergessenen zu bestrafen, und diejenigen zu belohnen, welche ihm treugeblieben sein werden.

Inzwischen hatte das Regiment trotz seines Geschreis seinen Marsch fortgesetzt, den Schwur geleistet, und war, ohne ein Zeichen von Ungehorsam zu geben, wieder in die Kaserne zurückgekehrt, als im Augenblicke des Mittagsessens der Lieutenant Suthoff, welcher wie die Anderen geschworen hatte, eintrat, und, sich an seine Compagnie wendend, sagte: Wir haben unrecht gethan, zu gehorchen, meine Freunde, die anderen Regimenter sind im vollen Aufstande, sie haben den Schwur verweigert, und stehen in diesem Augenblicke auf dem Senatsplatze; kleidet Euch an, ladet Eure Gewehre und, vorwärts, folgt mir. Ich habe Euren Sold in meiner Tasche, und werde Euch denselben, ohne den Befehl abzuwarten, austheilen. – Ist das aber auch wahr, was Sie sagen? riefen mehrere Stimmen aus.

– Seht da den Lieutenant Panoff, Euer Freund wie ich, fragt ihn.

– Meine Freunde, sagte Panoff, ohne nur abzuwarten, daß man ihn fragte, Ihr wißt, daß Konstantin Euer einziger und rechtmäßiger Kaiser ist, und daß man ihn entthronen will. Es lebe Konstantin!

– Es lebe Konstantin! riefen die Soldaten.

– Es lebe Nikolaus! antwortete der Obrist Sturley der Kommandant des Regiments, indem er in den Saal stürzte. Man leitet Euch irre, meine Freunde, der Czarewitsch hat abgedankt, und Ihr habt keinen anderen Kaiser, als den Großfürsten Nikolaus. Es lebe Nikolaus I.

– Es lebe Konstantin! antworteten die Soldaten.

– Ihr irrt Euch, Soldaten, und man läßt Euch einen falschen Weg einschlagen! rief Sturley von Neuem.

– Verlaßt mich nicht, folgt mir, antwortet Panoff, vereinigen wir uns mit denen, welche Konstantin vertheidigen. Es lebe Konstantin!

– Es lebe Konstantin! hatten mehr als drei Viertheile der Soldaten gerufen.

–Nach der Admiralität nach der Admiralität! sagte Panoff, seinen Degen ziehend; folgt mir, Soldaten, folgt mir! Und er war, gefolgt von beinahe zwei Hundert Mann fortgestürzt, die wie er Hurrah schrieen, und gleich dem Regimente Moskau, aber durch eine andere Straße, nach dem Admiralitäts-Platze zu marschirt.

Während diese zweifache Nachricht dem Kaiser überbracht wurde, eilt der Militair-Gouverneur von St. Petersburg, der Graf von Miloradowitsch, auch nach dem Palaste. Er wußte bereits die Empörung des Regiments von Moskau und der Leibgrenadiere; er hatte den Truppen, auf welche er am meisten zählen zu können glaubte, nach dem Winterpalaste zu rücken befohlen; diese Truppen bestanden aus dem ersten Bataillone des Regiments Preobrajenski, drei Garderegimentern von Paulowski und dem Batailion Gardesapbeure.

Der Kaiser sah nun, daß die Sache ernsthafter war, als er anfangs geglaubt hatte. Dem zu Folge befahl er dem Generalmaior Neidhard, dem Garderegiment Semeoowski den Befehl zu überbringen, unmittelbar zur Unterdrückung der Aufwiegler vorzurücken, und der Garde zu Pferde den, sich auf die erste Requisition bereit zu halten; als diese Befehle ertheilt, ging er selbst nach der Hauptwache des Winterpalastes hinab, in welcher das Garderegiment von Finnland den Dienst hatte, und befahl ihm, seine Gewehre zu laden und die Hauptzugänge des Palastes zu besetzen. In diesem Augenblicke hörte man ein großes Getümmel; das rührte von der dritten und sechsten Compagnie des Regiments Moskau her, welche geführt von dem Fürsten Stchepine und den beiden Bestujeff mit fliegenden Fahnen, und die Trommeln an der Spitze unter dem Rufe: nieder mit Nikolaus! es lebe Konstantin! heranrücken. Sie zogen auf dem Admiralitäts-Platze auf; aber dort angelangt, sei es nun, daß sie sich nicht stark genug glaubten, oder sei es, das sie der Kaiserlichen Majestät gegenüber zurückwichen, stellten sie sich, anstatt auf den Winterpalast loszurücken, an das Senatsgebäude gelehnt auf. Kaum standen sie dort, als sich die Leibgrenadiere an sie anschlossen, ein fünfzig Menschen in Civilkleidern, von denen einige Pistolen in den Händen hatten, mischten sich unter die empörten Soldaten.

In diesem Augenblicke sah ich den Kaiser unter einer der Thorhallen des Palastes erscheinen; er näherte sich bis an das Gitter, und warf einen Blick aus die Rebellen; er war bleicher als gewöhnlich, aber schien vollkommen ruhig. Man sagte, daß er, um als Kaiser und als Christ sterben zu können, gebeichtet und von seiner Familie Abschied genommen habe.

Als ich meine Blicke auf ihn gerichtet hatte, hörte ich hinter mir und von der Seite des Marmorpalastes her den Galopp einer Escadron Kürassiere; das war die Garde zu Pferde, geführt von dem Garfen Orloff, einem der tapfersten und getreuesten Freunde des Kaisers. Vor ihm öffneten sich die Gitter, er sprang von seinem Pferde, und das Regiment stellte sich vor dem Palaste auf; beinahe zu gleicher Zeit hörte man die Trommeln der Grenadiere von Preobrajenski, welche Bataillonsweise anrückten. Sie zogen in den Hof des Palastes, wo sie den Kaiser mit der Kaiserin und dem jungen Großfürsten Alexander antrafen; hinter ihnen erschienen die Rittergarden, in Mitte welcher ich den Grafen Aiexis Waninkoff erkannte; sie stellten sich so auf, um mit den Kürassieren die Ecke zu bilden, indem sie zwei Lücken zwischen sich ließen, welche bald darauf die Artillerie ausfüllte. Die empörten Regimenter ließen alle diese Anstalten mit einer scheinbaren Unbekümmertheit treffen, und ohne sich ihnen durch etwas Anderes zu widersetzen, als durch ihr Geschrei; es lebe Konstantin! nieder mit Nikolaus! Es war sichtlich, daß sie Verstärkung erwarteten.

Inzwischen folgten sich im Palaste die von dem Großfürsten Michael abgesandten Boten auf einander. Während der Kaiser daselbst seine Vertheidigung und die seiner Familie organisiert, durcheilte der Großfürst die Kasernen, und bekämpfte durch seine Gegenwart die Empörung Einige Versuche waren schon mit Glück ausgeführt worden; in dem Augenblicke, wo der Rest des Regiments Moskau im Begriffe stand, den beiden empörten Compagnieen zu Folgen, war der Bruder eines meiner Schüler, der Graf von Lieven, Kapitain der fünften Compagnie, zeitig genug angekommen, um das Bataillon vom Ausrücken abzuhalten und die Thore schließen zu lassen. Nun sich vor die Soldaten stellend hatte er seinen Degen gezogen und bei seiner Ehre geschworen, ihn demjenigen durch den Leib zu rennen, der zuerst eine Bewegung machen würde. Auf diese Drohung war ein junger Unterlieutenant die Pistole in der Hand, vorgetreten, indem er dem Grafen von Lieben den Kopf zu sprengen drohete. Auf diese Drohung hatte der Graf mit einem Stoße seines Degenknopfes geantwortet, wodurch er dem Unterlieutenant die Pistole aus der Hand geschlagen; dieser hatte sie wieder aufgerafft, Und seine Waffe von Neuem auf den Grafen gerichtet. Nun schritt dieser, die Arme kreuzend, gerade auf den Unterlieutenant zu, während dem das Regiment bewegungslos und stumm, gleich einem Zeugen, diesem sonderbaren Duelle zusah. Der Unterlieutenant wich um einige Schritte zurück, gefolgt von dem Grafen von Lieben, welcher ihm seine Brust wie eine Herausforderung darbot; aber endlich blieb er stehen und gab Feuer. Durch ein Wunder brannte das Pulver von der Pfanne ab, aber der Schuß ging nicht los. In diesem Augenblicke klopfte man an das Thor.

– Wer ist da? riefen einige Stimmen.

– Seine Kaiserlicbe Hoheit, der Großfürst Michael, antwortete man draußen.

Einige Augenblicke tiefer Bestürzung folgten diesen Worten. Der Graf von Lieven schritt auf das Thor zu, und öffnete es, ohne daß Jemand ihn aufzuhalten versuchte.

Der Großfürst kam gefolgt von einigen Ordonanz-Officieren zu Pferde herein.

– Was bedeutet diese Unthätigkeit im Augenblicke der Gefahr? rief er aus; bin ich unter Verräthern oder rechtschaffenen Soldaten?

– Sie sind in Mitte der Getreuesten Ihres Regiments, antwortete der Graf von Lieven, wovon Eure Kaiserliche Hoheit gleich den Beweis sehen werden.

Nun seinen Degen erhebend rief er aus:

– Es lebe der Kaiser Nikolaus!

– Es lebe der Kaiser Nikolaus! antworteten die Soldaten mit einer Stimme.

– Der junge Unterlieutenant wollte reden, aber der Graf von Lieven hielt ihn am Arme zurück:

– Still, Herr. Ich werde kein Wort von dem Vorgefallenen sagen, verderben Sie sich nicht selbst.

– Lieven, sagte der Großfürst, ich vertraue Ihnen die Leitung des Regiments. – Ich stehe Eurer Kaiserlichen Hoheit dafür mit meinem Kopfe, antwortete der Graf.

Der Großfürst setzte nun seinen Weg fort, und überall hatte er, wenn nicht Begeisterung, doch zum Mindestens Gehorsam gefunden. Die Nachrichten lauteten demnach gut. In der That zogen von allen Seiten Verstärkungen herbei; die Sappeure standen vor dem Palaste der Eremitage in Schlachtordnung, und der von dem Grafen von Lieben geführte Rest des Regiments von Moskau rückte über die Newskische Perspective heran. Das Erscheinen dieser Truppen erzeugte ein großes Geschrei unter den Empörten, denn sie glaubten, daß endlich die erwartete Hilfe herankäme; aber sie wurden schnell enttäuscht. Die Neuangekommenen stellten sich dem Palaste gegenüber vor dem Gerichtshofe auf. Mit den Kürassieren, der Artillerie und den Rittergarden schlossen sie die Empörten in einen eisernen Kreis.

Einen Augenblick nachher hörte man Gesänge der Priester; es war der Metropolitan, welcher, begleitet von der ganzen Geistlichkeit, aus der Kirche von Kasan hervorschritt, und die heiligen Banner voraus den Empörern im Namen des Himmels befahl, zu ihrer Pflicht zurückzukehren. Aber zum ersten Male vielleicht verachteten die Soldaten in ihrer politischen Gottlosigkeit die Bilder, welche sie anzubeten gewohnt waren, und ersuchten die Priester, sich nicht in irdische Angelegenheiten zu mischen, und sich an die himmlischen Sachen zu halten. Der Metropolitan wollte beharren, als ein Befehl des Kaisers ihn aufforderte, sich zurückzuziehen; Nikolaus wollte selbst einen letzten Versuch machen, um die Rebellen wieder zur Ordnung zu rufen.

Diejenigen, welche den Kaiser umgaben, wollten ihn nun daran verhindern aber der Kaiser antwortete: da es seine Partie sei, welche er spiele, so sei es auch billig, daß er sein Leben dabei auf das Spiel setze. Dem zu Folge befahl er, die Gitter zu öffnen; kaum hatte man gehorcht, als der Großfürst hinter dem Geschütz hervorkam, und sich dem Ohre des Kaisers nähernd ganz leise zu ihm sagte, daß ein Theil des Regiments Preobrajenski, von dem er umringt sei, gemeinschaftliche Sache mit den Rebellen mache, und daß Fürst Trubetzkoi, dessen Abwesenheit der Kaiser mit erstaunen bemerkt hatte, das Haupt der Verschwörung wäre. Die Sache war um so möglicher, da vier und zwanzig Jahre zuvor es dasselbe Regiment war, welches die Eingänge des rothen Palastes besetzt hatte, während sein Oberst, der Fürst Talitzin, den Kaiser Paul erdrosselte.

Die Lage war fürchterlich, und doch veränderte sich das Gesicht des Kaisers nicht; nur war es sichtlich, daß er einen außerordentlichen Beschluß faßte. Nach Verlauf eines Augenblickes wandte er sich um, und sich an einen der Generäle wendend sagte er:

Man bringe mir den jungen Großfürsten.

Einen Augenblick nachher kam der General mit dem Kinde herunter. Nun hob ihn der Kaiser vom Boden auf und auf die Grenadiere vorschreitend rief er aus:

«—Soldaten! wenn ich falle, so ist das Euer Kaiser; öffnet die Reihen, ich vertraue ihn Eurer Rechtschaffenheit an.

Ein lang anhaltendes Hurrah ließ sich hören; ein aus dem Grunde des Herzens dringender Schrei der Begeisterung ertönte; die Schuldigen waren die Ersten, die ihre Waffen sinken ließen, um die Arme zu öffnen. Das Kind wurde in die Mitte des Regiments getragen, und mit der Fahne unter eine und dieselbe Wache gestellt; der Kaiser stieg zu Pferde und ritt hinaus. Am Thore baten ihn die Generäle inständigst, nicht weiter zu geben, da die Rebellen ganz laut gesagt hätten, daß es ihre Absicht wäre, den Kaiser zu tödten, und alle ihre Gewehr geladen seien. Aber der Kaiser gab mit der Hand ein Zeichen, daß man ihn durchlasse, und, indem er befahl, daß ihm Niemand folge, setzte er sein Pferd in Galopp, ritt gerade auf die Empörer los, und auf halbe Pistolenschußweite aufhaltend, rief er aus:

– Soldaten! man hat mir gesagt, daß ihr mich tödten wolltet; wenn das wahr ist, hier bin ich.

Es entstand ein Augenblick der Stille, während welches der Kaiser gleich einer Reiterstatue ohne Bewegung zwischen den beiden Trupps hielt. Zwei Male hörte man in den Reihen der Rebellen das Wort Feuer ertönen, ohne daß dieser Befehl ausgeführt wurde, aber das dritte Mal war er von dem Knalle einiger Flintenschüsse begleitet. Die Kugeln pfiffen um den Kaiser herum, aber keine traf ihn. Hundert Schritte hinter ihm wurden der Obrist Belbo und mehrere Soldaten durch dieses Feuer verwundet.

Im selben Augenblicke sprengten Miloradowitsch und der Großfürst Michael an die Seite des Kaisers; das Kürassierregiment und die Rittergarden machten eine Bewegung, die Kanoniere näherten ihre Lunten dem Zünder.

– Halt! rief der Kaiser. – Jedermann gehorchte. – General, fügte er, sich an den Grafen Miloradowitsch wendend hinzu, gehen, Sie zu diesen Unglücklichem und trachten Sie, dieselben wieder auf guten Weg zu bringen.

Der Graf Miloradowitsch und der Großfürst Michael sprengten auf sie zu; aber die Empörten empfingen sie mit einer neuen Salve und unter dem Geschrei; es lebe Konstantin!

– Soldaten, rief nun der Graf Miloradowitsch, indem er einen prachtvollem ganz mit Edelsteinen besetzten Säbel über sein Haupt erhob, und bis in die Reihen der Rebellen vorging, seht diesen Säbel, den mir Seine Kaiserlicbe Hoheit der Czarewitsch selbst gegeben hat; nun denn! im Namen der Ehre schwöre ich Euch auf diesen Säbel, daß man Euch täuscht, daß man Euch mißbraucht, daß der Czarewitsch auf die Krone verzichtet hat, und daß Euer einziger und rechtmäßiger Fürst der Kaiser Nicolaus I. ist.

Hurrahs und der Ruf: es lebe Konstantin! antworteten auf diese Anrede; hierauf hörte man in Mitte der Hurrahs und des Geschreies einen Pistolenschuß, und sah den Grafen Miloradowitsch wanken; ein anderer Pistolenschuß war auf den Großfürsten Michael gerichtet worden, aber die Marinesoldatem obgleich unter der Zahl der Verschwörer, hatten den Arm des Mörders zurückgehalten.

In einer Sekunde hatten der Graf von Orloff und seine Kürassiere, trotz den auf einander folgenden Schüssen der Empörer, den Grafen Miloradowitsch, den Großfürsten und den Kaiser Nikolaus in ihre Reihen eingehüllt und sie mit Gewalt nach dem Palaste zurückgeführt. Miloradowitsch hielt sich kaum auf dem Pferde, und im Ankommen sank er in die Arme derer, welche ihn umringten. Der Kaiser wollte, daß man einen letzten Versuch mache, um die Empörer zur Vernunft zurückzuführen; aber während er seine Befehle in dieser Beziehung ertheilte, sprang der Großfürst Michael vom Pferde; sich hierauf unter die Artilleristen mischend, entriß Or den Händen eines Kanoniers die Zündruthe, und die Lunte dein Sünder nähernd, rief er aus:

– Feuer! Feuer auf die Mörder!

Vier mit Kartätschen geladene Kanonen wurden zu gleicher Zeit abgefeuert, und sandten mit Wucher den Rebellen den Tod zurück, den sie gegeben; hierauf folgte, ohne daß es möglich war, Etwas von den vom Kaiser gegebenen Befehlen zu verstehen, eine zweite Ladung der ersten.

Die Wirkung dieser beiden Salven auf halbe Flintenschußweite war fürchterlich. Mehr als sechzig Mann, sowohl Grenadiere von dem Leibregimente, als von den: Regiment Moskau und den Gardemarinesoldaten blieben auf dem Platze, die übrigen nahmen sogleich durch die Straße Galernaia, über den englischen Kai, über die Isaaksbrücke und über die zugefrorene Newa die Flucht; nun schwenkten die Rittergarden ihre Pferde und machten sich auf die Verfolgung der Rebellen, mit Ausnahme eines einzigen Mannes, der das Regiment sich entfernen ließ, und, indem er abstieg und sein Pferd dem Zufalle überließ, schritt er auf den Grafen Orloff zu. Bei ihm angelangt machte er seinen Säbel los, und überreichte ihm denselben.

– Was machen Sie, Graf? fragte der General erstaunt, und warum kommen Sie, mir Ihren Säbel zu Vergehen, anstatt sich seiner gegen die Rebellen zu benennen.

– Weil ich zur Verschwörung gehörte, mein Herr, und, da ich früh oder spät doch angegeben und gefangen sein würde, ziehe ich es vor, mich lieber selbst anzugeben.

– Versichert Euch des Grafen Alexis Waninkoff, sagte der General, indem er sich an zwei Kürassiere wandte, und führt ihn nach der Festung.

Der Befehl wurde sogleich Vollzogen. Ich sah den Grafen über die Brücke der Moska gehen und an der Ecke der Französischen Gesandtschaft verschwinden.

Nun dachte ich an Louisen, deren einziger Freund ich jetzt war. In Mitte des Getümmels schlug ich den Weg nach der Aussicht wieder ein, und langte bei meiner armen Landsmännin so traurig und so bleich an, daß sie wohl ahnete, ich käme, um ihr irgend ein Unglück zu melden. Kaum hatte sie mich erblickt, als sie mit gefalteten Händen auf mich zu kam.

– Was gibt es, im Namen des Himmels, was gibt es? fragte sie mich.

– Daß Sie, antwortete ich, keine andere Hoffnung mehr haben, als auf ein Wunder von Gott oder auf die Barmherzigkeit des Kaisers.

Nun erzählte ich ihr Alles das, wovon ich Zeuge gewesen war, und übergab ihr den Brief Waninkoffs. Wie ich es geahnet hatte, war es ein Abschiedsbrieß Am selben Abende starb der Graf Miloradowitsch an seiner Wunde, aber vor seinem Tode verlangte er, daß der Wundarzt die Kugel herauszöge; als die Overation beendigt, nahm er die bleierne Kugel in seine Hand, und da er sah, daß sie das Kaliber nicht hatte, sagte er:

– Ich bin zufrieden, es ist keine Soldatenkugel. Fünf Minuten nachher gab er seinen letzten Hauch von sich.

Am anderen Tage um neun Uhr Morgens, das heißt in dem Augenblick, wo das Leben in der ganzen Stadt zu erwachen beginnt, und als Jedermann noch nicht wußte, ob der Aufruhr vom gestrigen Tage gedämpft sei, oder ob er sich erneuern werde, ging der Kaiser ohne Gefolge und ohne Wachen hinab, indem er der Kaiserin die Hand gab; hierauf stieg er in eine Droschke und fuhr durch alle Straßen St. Petersburgs und an allen Kasernen vorbei, indem er sich selbst den Schüssen der Mörder, wenn noch welche vorhanden waren, Preis gab. Aber überall hörte er nur Freudengeschrei so weit in der Ferne ausgestoßen, als man nur die wallenden Federn seines Hutes erblicken konnte; nur, als er, um nach diesem so wohlgelungenen verwegenenen Ausfluge in den Palast zurückzukehren, über die Perspective kam, sah er eine Frau mit einem Papier in der Hand aus ihrer Wohnung treten und auf dem Wege niederknieen, so daß er mit seinem Schlitten einen Umweg machen oder sie zerschmettern mußte. Drei Schritte weit von ihr angelangt, hielt der Kutscher ganz kurz mit jener Gewandtheit an, welche von den Russen, als Meister ihrer Pferde, sprichwörtlich ist; in Thränen schwimmend und ohne Stimme, hatte die Frau nur die Kraft, schluchzend das in ihren Händen haltende Papier zu schwenken; vielleicht stand der Kaiser im Begriffe, seinen Weg fortzusetzen, aber die Kaiserin sah ihn mit ihrem Engelslächeln an, und er nahm das Papier, welches nur folgende in der Eile geschriebenen noch nassen Worte enthielt:

Sire, – Gnade für den Grafen Waninkoff: im Namen Alles dessen, was Eure Majestät Theuerstes hat, Gnade. . . . .Gnade.«

Der Kaiser suchte vergebens die Unterschrift, es war keine vorhanden. Nun wandte er sich nach der unbekannten Frau um.

– Sind Sie seine Schwester? fragte er.

Die Flehende schüttelte den Kopf.

– Sind Sie seine Frau?

Die Flehende machte ein verneinendes Zeichen.

– Aber wer sind Sie denn am Ende? fragte der Kaiser mit einer leichten Regung von Ungeduld.

– Ach! Ach! rief Louise, ihre Stimme wiederfindend, aus, in sieben Monaten, Sire, werde ich die Mutter seines Kindes sein.

– Arme Kleine! sagte der Kaiser, und dem Kutscher ein Zeichen gebend, fuhr er wieder im Galopp davon, indem er die Bittschrift zwar mit sich nahm, aber ohne der armen in Thränen Zerfliessenden eine andre Hoffnung zu lassen, als diese zwei Worte des Mitleids, die über seine Lippen gefallen waren.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
470 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain