Kitabı oku: «Der Bastard von Mauléon», sayfa 11
Zwölftes Kapitel.
Wie der Bastard von Mauléon nach Frankreich abreiste, und was ihm unterwegs begegnete
Agenor schlug, um nach Frankreich zurückzukehren, beinahe denselben Weg ein, den er gewählt hatte, um nach Spanien zu kommen. Allein und folglich keine Furcht einstoßend, arm und daher keinen Neid, keine Begierde erregend, hoffte er sich mit Glück der Sendung zu entledigen, mit der ihn die sterbende Königin beauftragt hatte; doch er mußte aus dem Wege mißtrauen:
Zuerst den Aussätzigen, welche, wie man sagte, die Brunnen mit einer Mischung von beschmierten Haaren, Natternköpfen und Krötenfüßen vergifteten;
Sodann den Juden, die mit den Aussätzigen und gewöhnlich mit Allem, was den Christen Schaden oder Böses zufügen konnte, verbunden waren;
Ferner dem König von Navarra dem Feinde des Königs von Frankreich, und folglich der Franzosen;
Ferner Jacques, die, nachdem sie lange Zeit das Volk gegen den Adel aufgewiegelt, es dahin gebracht hatten, daß sie den Dreschflegel und die Sense gegen die Rüstung erhoben;
Ferner dem Engländer, der sich verrätherischer Weise an allen guten Ecken des schönen Frankreichs aufpflanzte, in Bayonne, in Bordeaux, im Dauphiné, in der Normandie, in der Picardie und im Falle der Roth auch sogar in den Vorstädten von Paris;
Den großen Compagnien endlich, heterogenen Vereinen, welche dies Alles znsammenfaßten und gegen den Reisenden, gegen das Eigenthum, gegen den Einwohner, gegen die Schönheit, gegen die Macht, gegen den Reichthum ein ewig ausgehungertes Contingent von Aussätzigen, von Juden, von Navarresen, von Engländern, von Jacques lieferten, die andern Länder Europas nicht zu rechnen, welche jeder Frankreich durchziehenden und verheerenden Bande ein Muster des gebrechlichsten und schlechtesten Theils ihrer Bevölkerung geliefert zu haben schienen. Es gab sogar Araber in diesen großen, so glücklich und reich buntscheckigen Compagnien: nur hatten sie sich aus Widerspruchsgeist zu Christen gemacht, was ihnen wohl gestattet war, da sich die Christen ihrerseits zu Arabern gemacht hatten.
Abgesehen von den Beschwerden und Fährlichkeiten, von denen wir nur ein ungenügendes Programm gegeben haben, reiste Agenor auf das Aller bequemste.
Es war für den Reisenden in jener Zeit eine Verpflichtung, das Manoeuvre des diebischen Sperliegs zu studiren. Er macht keinen Sprung, er beginnt keinen Flug, keine Bewegung, ohne den Kopf rasch nach den vier Himmelsgegenden zu drehen, um zu sehen, ob er nicht eine Flinte, ein Netz, eine Schleuder, einen Hund, ein Kind, eine Ratte oder einen Habicht erblicke.
Musaron war dieser unruhige Sperling, er war von Agenor mit der Führung der Börse beauftragt worden, und hätte nicht gern ihre nicht sehr goldene Mittelmäßigkeit in eine völlige Nichtigkeit verwandelt gesehen.
Er errieth daher von fern die Aussätzigen, er roch die Juden auf fünfhundert Schritte, er sah die Engländer in jedem Gebüsch; er grüßte die Navarresen voll Höflichkeit und zeigte den Jacques sein langes Messer und seine kurze Armbrust; was die großen Compagnien betrifft, so fürchtete er sie viel weniger als Mauléon, oder er fürchtete sie vielmehr gar nicht.
»Denn,« sagte er zu seinem Herrn, »wenn man uns gefangen nimmt, Herr Ritter, nun so treten wir selbst in die großen Compagnien ein, um uns loszukaufen, und bezahlen unsere Freiheit mit der Freiheit, die wir Andern gestohlen haben.«
»Dies Alles wird schön und gut sein, wenn ich meine Sendung erfüllt habe,« erwiderte Agenor, »dann mag geschehen, was Gott gefällt; doch mittlerweile möge es ihm gefallen, daß uns nichts begegne.«
So durchzogen sie, ohne auf ein Hinderniß zu stoßen, das Roussillon, das Languedoc, das Dauphiné, das Lyonnais und gelangten bis Chalon-sur-Saone. Daß sie so ungestraft ihres Weges zogen, war ihr Verderben: überzeugt, so nahe am Hasen würde ihnen nichts mehr begegnen, wagten sie es, eine Nacht zu reisen, und am Morgen nach dieser Nacht geriethen sie in einen so zahlreichen und so gut gestellten Hinterhalt, daß kein Widerstand möglich war; der kluge Musaron legte auch seine Hand auf den Arm seines Herrn, in dem Augenblick, wo dieser unbedachtsamer Weise vom Leder ziehen wollte, und so wurden sie ohne Schwertstreich gefangen genommen. Was sie am meisten befürchtet, ober was vielmehr der Ritter am meisten befürchtet hatte, begegnete ihnen; Musaron und er waren in der Gewalt eines Compagnie – Kapitäns, des Messire Hugo von Caverley, eines Engländers der Geburt, eines Juden dem Geiste, eines Arabers dem Charakter, eines Navarresen der Schlauheit und über Allem beinahe eines Aussätzigen dem Leibe nach, denn er hatte, wie er sagte, den Krieg in so heißen Ländern mitgemacht, daß er zu sehr an die Wärme gewöhnt worden war, um seine Rüstung und seine eisernen Handschuhe ablegen zu können.
Was seine Verleumder betrifft, und der Kapitän hatte wie alle Menschen von erhabenem Verdienst deren viele, so behaupteten sie ganz einfach, der Kapitän lege seine Rüstung nicht ab und behalte seine Panzerhandschuhe, um seinen zahlreichen Freunden die Krankheit nicht mitzutheilen, die er aus Italien zurückzubringen das Unglück gehabt habe.
Man führte den Ritter und Musaron unmittelbar vor den Kapitän. Es war dies ein schlauer Bursche, der Alles selbst sehen und fragen wollte, denn er sagte immer, in diesen gefährlichen Zeiten könnten seine Leute einen als Bauern verkleideten Prinzen entlassen, wodurch er eine Gelegenheit, sein Glück zu machen, verlieren würde.
In einem Augenblick war er vertraut mit den Angelegenheiten von Mauléon, wohl verstanden mit denjenigen Angelegenheiten, welche sich zugestehen ließen; daß Anfangs von der Sendung der Königin Blanche nicht die Rede war, versteht sich von selbst. Man sprach hauptsächlich vom Lösegeld.
»Entschuldigt mich,« sagte Cuverley, »ich war hier am Wege wie die Spinne unter einem Balken. Ich erwartete irgend Jemand oder irgend Etwas, Ihr kamet, und ich nahm Euch fest; doch ohne eine böse Absicht gegen Euch; ach! seit König Karl V. Regent ist, nämlich seit dem Ende des Krieges gewinnen wir unseren Lebensunterhalt nicht mehr. Ihr seid ein sehr artiger Cavalier, und ich ließe Euch mit aller Höflichkeit gehen, wenn wir in gewöhnlichen Zeiten lebten, aber seht Ihr, in der Zeit der Hungersnoth liest man die Krümchen auf.«
»Hier sind die meinigen,« erwiderte der Ritter, indem er dem Parteigänger den Grund seiner Börse zeigte. »Ich schwöre Euch nun bei Gott und bei dem Antheil, den er mir, wie ich hoffe, am Paradies geben wird, daß ich weder in Ländereien, noch in Geld, noch in sonstigen Dingen etwas Anderes besitze. Wozu sollte ich Euch also nützen? Laßt mich gehen.«
»Einmal, mein junger Freund,« entgegnete der Kapitän Caverley, während er die kräftige Gestalt und die martialische Miene des Ritters prüfend betrachtete, »einmal würdet Ihr dazu dienen, eine herrliche Wirkung in der ersten Reihe unserer Compagnie hervorzubringen, sodann habt Ihr Euer Pferd, Euren Knappen, doch das ist noch nicht Alles, was aus Euch einen kostbaren Fang für mich macht.«
»Welcher unglückliche Umstand verleiht mir denn einen so großen Werth in Euren Augen?« fragte Agenor.
»Ihr seid Ritter, nicht wahr?«
»Ja, und zwar in Narbonne von einem der ersten Fürsten der Christenheit bewehrt.«
»Ihr bleibt also ein kostbarer Geißel für mich, da Ihr zugesteht, daß Ihr Ritter seid.«
»Ein Geißel?«
»Allerdings; Karl V. nehme einen von meinen Leuten, einen von meinen Lieutenants, und wolle ihn am ersten Baum aufknüpfen lassen; ich drohe ihm. Euch aufknüpfen zu lassen, und das hält ihn zurück. Läßt er ihn trotz dieser Drohung wirklich aufknüpfen, so lasse ich Euch auch aufknüpfen, und es ist ihm peinlich, daß man einen Edelmann gehenkt hat. Doch verzeiht,« fügte Caverley bei, »ich sehe hier an Eurer Hand ein Juwel, das ich nicht bemerkt hatte. . . etwas wie einen Ring. Teufel! zeigt mir das doch einmal, Ritter. Ich bin ein Liebhaber von gut gearbeiteten Dingen, besonders wenn die Kostbarkeit des Stoffes den Werth der Arbeit erhöht,«
Mauléon erkannte nun leicht, mit wem er es zu thun hatte. Der Kapitän Caverley war einer von den Bandenanführern; er hatte sich zum Räuberhauptmann gemacht, weil er, wie er selbst sagte, sein Soldatengewerbe auf eine ehrliche Weise fortsetzend nichts mehr zu thun wußte.
»Kapitän,« sprach Agenor, seine Hund zurückziehend, »achtet Ihr etwas auf der Welt?«
»Alles, wovor ich Furcht habe,« antwortete der Condottiere. »Doch es ist wahr, ich habe vor nichts Furcht.«
«Das ist ärgerlich,« sagte Agenor mit kaltem Tone, »sonst wäre dieser Ring von einem Werthe von . . .«
»Von dreihundert Livres dem Goldgewichte nach, und die Fason nicht zu rechnen,« unterbrach ihn der Kapitän, indem er einen einfachen Blick auf das Juwel warf.
»Nun wohl! dieser Ring, Kapitän, der Eurem eigenen Zugeständniß nach dreihundert Livres werth ist, würde Euch, wenn Ihr etwas gefürchtet hättet, tausend eingetragen haben.«
»Wie so? sprecht, mein junger Freund, man lernt in jedem Alter, und ich belehre mich gerne.«
»Habt Ihr wenigstens ein Wort, Kapitän?«
»Ich glaube, daß ich früher eines hatte; doch dadurch, daß ich es oft gegeben, habe ich keines mehr.«
»Ihr traut aber mindestens dem von Anderen, welche, da sie es nie gegeben, das ihrige noch haben?«
»Ich würde nur dem eines einzigen Menschen trauen, und Ihr seid dieser Mensch nicht, Ritter,«
»Wer ist es denn?«
»Messire Bertrand Duguesclin. Doch würde Messire Duguesclin für Euch gut stehen?«
»Ich kenne ihn nicht, wenigstens nicht persönlich; aber so fremd er mir auch ist, – wenn Ihr mich gehen laßt, wohin ich nothwendig gehen muß, wenn Ihr mich diesen Ring an seine Bestimmung übergeben laßt, verspreche ich Euch im Namen von Messire Duguesclin selbst, nicht tausend Livres, sondern tausend Goldthaler.«
»Ich will lieber in baarem Geld die drei hundert Livres, die der Ring werth ist,« sagte Caverley lachend, und er streckte die Hand gegen Agenor aus.
Der Ritter wich rasch bis zu dem Fenster zurück, das aus den Fluß ging, und sprach, indem er den Ring von seinem Finger zog und die Hand über die Saone ausstreckte: »Dieser Ring ist der der Königin Blanche von Castilien, und ich überbringe ihn dem König von Frankreich. Wenn Du mir Dein Wort gibst, daß Du mich gehen lassest, und ich traue ihm, so verspreche ich Dir tausend Goldthaler. Weigerst Du Dich, so werfe ich den Ring in den Fluß, und Du verlierst Ring und Lösegeld.«
»Ja, aber ich behalte Dich und lasse Dich hängen.«
»Was eine geringe Entschädigung für einen Rechner ist, wie Du bist; und zum Beweis, daß Du meinen Tod nicht zu tausend Thaler anschlägst, dient, daß Du nicht nein sagst.«
»Ich sage nicht nein, weil. . .«
»Weil Du Furcht hast, Kapitän; sage nein, und der Ring ist verloren und Du lassest mich hernach hängen, wie Du willst.
Nun! sagst Du nein, sagst Du ja?«
»Meiner Treue!« rief Caverley voll Bewunderung, »das nenne ich einen hübschen Jungen. Der Teufel soll mich holen! bei der Milz unseres heiligen Vaters des Papstes, ich liebe Dich, Ritter.«
»Sehr gut, und ich bin Dir dankbar dafür, wie es sich gezielt. Doch antworte.«
»Was soll ich antworten?«
»Ja oder nein, ich verlange nichts Anderes, und das ist bald gesagt!«
»Nun . . . ja.«
»So ist es gut,« sprach der Ritter und steckte den Ring wieder an seinen Finger.
»Doch unter einer Bedingung,« fuhr der Kapitän fort.
»Nennt sie.«
Caverley wollte antworten, als ein gewaltiger Lärmen seine Aufmerksamkeit erregte; dieser Lärmen fand am Ende des Dorfes, statt, das am User des Flusses lag und ganz mit Wäldern umgeben war. Mehrere Soldaten zeigten ihre erschrockenen Gesichter an der Thüre und riefen:
»Kapitän, Kapitän!«
»Es ist gut, es ist gut, ich komme,« erwiderte der Condottiere, an dergleichen Vorfälle gewöhnt.
Dann sich gegen den Ritter umwendend:
»Du bleibst hier, zwölf Mann werden Dich bewachen; ich hoffe, daß ich Dir damit Ehre anthue, wie?«
»Es sei,« sprach der Ritter, »doch sie sollen mir nicht nahe kommen, denn bei dem ersten Schritt, den sie machen, schleudere ich den Ring in die Saone.«
»Nähert Euch ihm nicht, verlaßt ihn aber auch nicht,« sagte Caverley zu seinen Banditen.
Und er grüßte den Ritter, ohne einen Augenblick sein Helmvisir ausgehoben zu haben, und begab sich mit einem Schritte, welcher die Sorglosigkeit aus Gewohnheit bezeichnete, nach der Stelle des Lagers, wo der Lärm am stärksten war.
Während der ganzen Zeit seiner Abwesenheit blieben Mauléon und sein Knappe beim Fenster stehen; die Wachen waren aus der andern Seile des Zimmers und hielten sich unbeweglich vor der Thüre.
Der Lärmen dauerte fort, obgleich er allmälig abnahm; endlich hörte er ganz aus, und eine habe Stunde nach seinem Abgang erschien Hugo von Caverley wieder und brachte einen neuen Gefangenen mit, den die über das Land wie ein Lerchengarn ausgespannte Compagnie gemacht hatte.
Der Gefangene schien ein Landedelmann zu sein und war schön gewachsen! er war mit einem verrosteten Helm und mit einem Panzer bewaffnet, der aussah, als wäre er von einem seiner Ahnen aus dem Schlachtfeld von Roncevaur ausgehoben worden. Beim Anblick dieser seiner Rüstung konnte man sich Anfangs des Lachens nicht erwehren; aber etwas Stolzes in seiner Haltung, etwas Kühnes in seinem Wesen, das er jedoch demüthig zu machen versuchte, gebot den Spöttern, wenn nicht Ehrfurcht, doch wenigstens Vorsicht.
»Habt Ihr ihn gut durchsucht?« fragte Caverley.
»Ja, Kapitän,« antwortete ein deutscher Lieutenant, dem Caverley die Wahl der glücklichen Stellung, die er einnahm, zu verdanken hatte, eine Wahl, welche jenem nicht durch die Vortrefflichkeit dieser Stellung, sondern durch die vorzüglichen Weine, die man schon damals an den Usern der Saone erzeugte, eingegeben worden war.
»Wenn ich sage ihn,« fügte der Kapitän bei, »so meine ich ihn und seine Leute.«
»Seid unbesorgt, die Operation ist mit aller Strenge vorgenommen worden,« erwiderte der deutsche Lieutenant.
»Und was habt Ihr bei ihnen gefunden?«
»Eine Mark Gold und zwei Mark Silber.«
»Bravo!« sagte Caverley, »der Tag scheint gut zu werden.«
Dann sich gegen den neuen Gefangenen umwendend:
»Nun wollen wir ein wenig mit einander reden, mein Paladin; obschon Ihr sehr einem Neffen von Kaiser Karl dem Großen gleicht, wäre es mir doch nicht unangenehm, aus Eurem eigenen Munde zu erfahren, wer Ihr seid: sagt uns das offenherzig und ohne Rückhalt.«
»Ich bin, wie Ihr an meiner Aussprache bemerken könnt» ein armer Edelmann aus Aragonien, der Frankreich besucht,« antwortete der Unbekannte.
»Ihr habt Recht,« sagte Caverley, »Frankreich ist ein schönes Land.
»Ja,« bemerkte der Lieutenant, »nur ist der Augenblick, den Ihr gewählt habt, schlecht.«
Mauléon mußte unwillkührlich lächeln, denn er vermochte besser, als irgend Jemand, die Richtigkeit dieser Bemerkung zu würdigen.
Der fremde Edelmann blieb unempfindlich.
»Sprich,« sagte Caverley, »Du hast uns bis jetzt nur Dein Vaterland genannt, das heißt, die Hälfte von dem, was wir wissen wollen; wie ist Dein Name?«
»Sagte ich Euch denselben, so würdet Ihr ihn nicht kennen,« antwortete der Ritter; »übrigens habe ich keinen Namen, ich bin ein Bastard.«
»Wenn Du nicht ein Jude, ein Türke oder ein Maure bist, hast Du wenigstens einen Taufnamen.«
»Ich heiße Enrique,« erwiderte der Ritter.
»Du hast Recht. Nun lüpfe Deinen Helm ein wenig, daß wir das gute Gesicht des aragonischen Strohjunkers sehen.«
Der Unbekannte zögerte und schaute umher, als wollte er sich versichern, daß keiner von seinen Bekannten da sei.
Aergerlich, daß er warten mußte, machte Caverley ein Zeichen. Einer von den Abenteurern näherte sich dem Gefangenen, schlug mit dem Heft seines Degens an den Knopf des Helms, und hob das eiserne Visir in die Höhe, das das Gesicht des Unbekannten bedeckte.
Mauléon stieß einen Schrei aus: dieses Gesicht war das auffallende Ebenbild des unglücklichen Großmeisters Don Federigo, an dessen Tod er indessen nicht zweifeln konnte, da er seinen Kopf in seinen Händen gehabt hatte.
Musaron erbleichte vor Schrecken und bekreuzte sich.
»Ah! ah! Ihr kennt Euch?« sagte Caverley, indem er abwechselnd Mauléon und den Ritter mit dem verrosteten Helm betrachtete.
Bei dieser Aufforderung schaute der Unbekannte Mauléon mit einer gewissen Unruhe an; doch ein Blick zeigte ihm, daß er den Ritter zum ersten Mal sah, und sein Antlitz heiterte sich wieder aus.
»Nun?« fragte Mauléon.
»Ich!« erwiderte der Fremde, »Ihr täuscht Euch, ich kenne diesen Edelmann nicht.«
»Und Du?«
»Ich auch nicht.«
»Warum hast Du denn so eben einen Schrei ausgestoßen?« fragte der Kapitän ziemlich ungläubig, trotz des doppelten Leugnens seiner zwei Gefangenen.
»Weil ich glaubte, Dein Soldat, als er ihm an sein Visir schlug, schlage ihm den Kopf ab.«
Lachend rief Caverley:
»Wir stehen also in einem sehr schlimmen Ruf? doch sprich offenherzig, kennst Du diesen Spanier oder kennst Du ihn nicht?«
»Bei meinem Ritterwort, ich sehe ihn heute zum ersten Male,« antwortete Mauléon.
Und während er diesen Schwur that, der strenge der Wahrheit entsprach, zitterte Mauléon noch ob dieser seltsamen Aehnlichkeit. Caverley richtete seine Augen von dem Einen aus dem Andern. Der unbekannte Ritter war wieder unempfindlich geworden und sah aus wie eine Marmorstatue.
»Sprich,« sagte Caverley ungeduldig, dieses Geheimniß zu ergründen, »Du bist zuerst da gewesen Ritter von . . . Ich habe vergessen, Dich nach Deinem Namen zu fragen; doch vielleicht bist Du auch ein Bastard.«
»Ja, ich bin es,« antwortete der Ritter.
»Gut,« versetzte der Abenteurer.
»Und Du hast auch keinen Namen?«
»Doch, ich habe einen, ich heiße Agenor, und da ich in Mauléon geboren bin, so nennt man mich gewöhnlich den Bastard von Mauléon.«
Caverley warf einen raschen Blick auf den Unbekannten, um zu sehen, ob der Name, den der Ritter ausgesprochen, einen Eindruck auf ihn machte.
Keine Muskel seines Gesichts rührte sich.
»Wohl, Bastard von Mauléon,« sprach Caverley, »Du bist zuerst da gewesen, und wir wollen vor Allem Deine Sache abmachen; dann gehen wir zu der von Herrn Enrique über. Wir sagten also: den Ring für zweitausend Thaler.«
»Für tausend Thaler,« erwiderte Mauléon.
»Du glaubst?«
»Ich bin dessen sicher.«
»Das kann wohl sein. Den Ring also für tausend Thaler. Du betheuerst mir, daß es der Ring von Blanche von Bourbon ist?«
»Ja!« sagte der Ritter.
Der Unbekannte machte eine Bewegung des Erstaunens, welche Mauléon nicht entging.
»Der Königin von Castilien?« fuhr Caverley fort.
»Der Königin von Castilien,« erwiderte Agenor.
Der Unbekannte verdoppelte seine Aufmerksamkeit.
»Der Schwägerin von König Karl V.?« fragte der Kapitän.
»Der Schwägerin von König Karl V.«
Der Unbekannte war ganz Ohr geworden.
»Derselben, welche im Schlosse Medina Sidonia auf Befehl ihres Gemahls des Königs Don Pedro gefangen sitzt?« sagte Caverley.
»Derselben, welche auf Befehl ihres Gemahls Don Pedro im Schlosse Medina Sidonia erdrosselt worden ist,« antwortete der Unbekannte mit kaltem, aber einschneidendem Tone.
Mauléon schaute ihn ganz verwundert an.
»Ah! Ah!« rief Caverley, »die Sache verwickelt sich.«
»Woher wißt Ihr diese Kunde?« fragte Mauléon den Unbekannten; »ich glaubte der Erste zu sein, der sie nach Frankreich brächte.«
»Habe ich Euch nicht gesagt, ich sei ein Spanier und komme aus Aragonien?« erwiderte der Unbekannte.
»Ich erfuhr diese Katastrophe, welche im Augenblick meiner Abreise großen Lärmen in Spanien machte.«
»Aber wenn die Königin Blanche von Bourbon todt ist, woher hast Du ihren Ring?« fragte Caverley.
»Sie hat ihn mir übergeben, ehe sie starb, um ihn ihrer Schwester der Königin von Frankreich zu übergeben und ihr zugleich zu sagen, wer ihren Tod befohlen und wie sie gestorben.«
»Ihr habt also ihren letzten Augenblicken beigewohnt?« fragte der Unbekannte lebhaft.
»Ja,« antwortete Agenor, »und ich war es sogar, der ihren Mörder tödtete.«
»Einen Mauren?« fragte der Unbekannte.
»Mothril,« antwortete der Ritter.
»So ist es, doch Ihr habt ihn nicht getödtet.«
»Wie?«
»Ihr habt ihn nur verwundet.«
»Alle Wetter!« sagte Musaron, »wenn ich das gewußt hätte! Ich hatte noch elf Bolzen in meinem Köcher.«
»Dies Alles,« sprach Caverley, » kann für Andere sehr interessant sein, doch mich geht es nicht im Geringsten an, in Betracht, daß ich weder ein Spanier, noch ein Franzose bin.«
»Das ist richtig,« erwiderte Mauléon; »es ist also abgemacht, Du behältst Alles, was ich bei mir hatte, Du gibst mir und meinem Knappen die Freiheit.«
»Von dem Knappen war nicht die Rede,« entgegnete Caverley.
»Weil sich das von selbst verstand. Du lassest mir diesen Ring, und dafür gebe ich Dir tausend Thaler.«
»Vortrefflich; doch dabei nur eine kleine Bedingung.«
»Eine Bedingung?«
»Die ich Dir in dem Augenblick, wo wir gestört wurden, sagen wollte.«
»Es ist wahr,« sagte Agenor, »ich erinnere mich nun: und was war diese Bedingung«
»Außer diesen tausend Thalern, zu deren Betrag ich den Laufpaß schätze, den ich Dir gebe, bist Du mir noch den Dienst in meiner Compagnie während der ganzen Zeit des ersten Feldzugs schuldig, bei dem es König Karl V. uns zu verwenden belieben wird, oder den ich für eigene Rechnung zu führen belieben werde.«
Mauléon machte einen Sprung des Erstaunens.
»Ah! das sind meine Bedingungen,« sprach Caverley; »so wird es sein, oder es wird nicht sein.
Du unterzeichnest, daß Du zur Compagnie gehörst, und gegen diese Zusage bist Du frei . . . für den Augenblick wenigstens.«
»Und wenn ich nicht zurückkomme?« sagte Mauléon.
»Oh! Du wirst zurückkommen, da Du behauptest, Du habest ein Wort,« erwiderte Caverley.
»Gut, es sei, ich willige ein, doch unter einem einzigen Vorbehalt.«
»Unter welchem?«
»Daß Du mich unter keinerlei Vorwand die Waffen gegen Frankreich führen lassen kannst.«
»Das ist billig; ich dachte nicht daran,« erwiderte Caverley, »ich, der ich keinen andern König habe, als den von England, und auch . . . Wir schreiben also einen Vertrag, und Du unterzeichnest ihn.«
»Ich kann nicht schreiben,« entgegnete der Ritter, der, ohne sich im Geringsten zu schämen, die unter den Adeligen jener Zeit im Allgemeinen verbreitete Unwissenheit theilte. »Doch mein Knappe wird schreiben.«
»Und Du machst ein Kreuz?« sagte Caverley.
»Ich mache es.«
Er nahm ein Pergament, eine Feder, und reichte Beides Musaron, der unter seinem Dictate Folgendes schrieb:
»Ich, Agenor, Ritter von Mauléon, mache mich verbindlich, sobald meine Sendung bei König Karl V. vollendet ist, zu Messire Hugo von Caverley, wo er auch sein mag, zurückzukehren und ihm mit meinem Knappen während der ganzen Dauer des ersten Feldzugs zu dienen, vorausgesetzt, daß dieser erste Feldzug weder gegen den König von Frankreich, noch gegen Monseigneur den Grafen von Foix, meinen Oberlehensherrn, gerichtet ist.«
»Und die tausend Thaler?« bemerkte Caverley.
»Das ist richtig,« sprach Agenor, »ich vergaß sie.«
»Ja, aber ich habe ein gutes Gedächtniß.«
Agenor dictirte Musaron weiter.
»Und ich werde genanntem Sire Hugo Caverley die Summe von tausend Thalern zustellen, die ich ihm dafür, daß er mir für den Augenblick meine Freiheit gegeben, schuldig zu sein anerkenne.«
Der Knappe fügte den Tag und die Jahreszahl bei; dann nahm der Ritter die Feder, wie er ungefähr einen Dolch genommen hätte, und machte kühn ein Zeichen in Form eines Kreuzes.
Caverley nahm das Pergament, las es mit ängstlicher Aufmerksamkeit, nahm Sand, bestreute damit die noch feuchte Schrift, legte das Pergament sauber zusammen und schob es in sein Wehrgehänge.
»Das ist nun gut,« sagte er. »Du kannst gehen, Du bist frei.«
»Höre,« sprach der Unbekannte, »da ich keine Zeit zu verlieren habe und auch durch eine wichtige Angelegenheit nach Paris gerufen werde, so biete ich Dir an, mich unter denselben Bedingungen wie dieser Ritter loszukaufen.«
Lachend erwiderte Caverley:
»Ich kenne Dich nicht.«
»Kennst Du Messire Agenor von Mauléon, der, wie mir scheint, erst seit einer Stunde in Deinen Händen ist, besser?«
»Ja,« sprach Caverley; »wir Beobachter brauchen nicht einmal eine Stunde, um die Menschen zu würdigen, und während der Stunde, die der Ritter bei mir zugebracht, hat er etwas gethan, wodurch ich ihn kennen lernte,«
Der aragonische Ritter lächelte seltsam.
»Du nimmst also meinen Vorschlag nicht an?» sagte er.
»Durchaus nicht.«
»Du wirst es bereuen.«
»Bah!«
»Höre, Du hast mir Alles genommen, was ich besaß, ich habe also für den Augenblick nichts, was ich Dir bieten könnte. Behalte meine Leute als Geißeln, behalte mein Reisegeräthe und laß mich allein mit meinem Pferde ziehen.«
»Alle Teufel! Du machst mir da ein schönes Geschenk; Dein Reisegeräthe und Deine Leute gehören mir, da ich sie in meinen Händen habe.«
»So laß mich wenigstens zwei Worte zu diesem jungen Herrn sagen, da er frei weggeht.«
»Zwei Worte in Beziehung auf Dein Lösegeld?«
»Ganz gewiß; zu wie viel schätzest Du mich?«
»Zur Summe, die man Dir und Deinen Leuten abgenommen hat: zu einem Mark Gold und zu zwei Mark Silber.«
»Es sei,« sagte der Ritter.
»Nun, so sprich mit ihm, was Dir gut dünkt,« versetzte Caverley.
»Hört mich, Ritter,« sprach der aragonische Edelmann.
Und Beide zogen sich in einen Winkel zurück, um frei mit einander reden zu können.
