Kitabı oku: «Der Bastard von Mauléon», sayfa 27
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Der Edelknecht
Obgleich sich am andern Tag der Ritter sehr frühzeitig vom Lager erhob, war er es doch, der eine Meile vom Dorfe in der verabredeten Entfernung von dem Ort, den er verlassen hatte, die Zigeuner bei einem Brunnen frühstückend fand.
Man traf dieselben Anordnungen wie am Tage vorher und setzte sich in derselben Ordnung wieder in Marsch.
Der Tag verging in Gesprächen, an denen Musaron und die Amme thätigen Antheil nahmen; doch was auch Anmuthiges und Wechselreiches die Reden dieser zwei wichtigen Personen enthalten mögen, wir wollen es nicht wiederholen und bemerken nur, daß es Musaron trotz seiner Geschicklichkeit nicht gelang, von der alten Frau zu erfahren, was die junge am Tage vorher gesagt hatte.
Man erblickte endlich Soria. Es war dies eine Stadt zweiten Rangs; aber in jener kriegerischen Zeit waren selbst die Städte zweiten Rangs mit Mauern umgeben.
»Madame,« sprach Agenor, »hier ist die Stadt; wenn Ihr denkt, der Maure wache, wie Ihr gesagt habt, so glaubt nicht, er beschränke sich auf Besuche an den Thoren und auf den Zinnen; sicherlich dehnt er seine Bewachung auch auf die Ebene aus.
Ich fordere Euch also schon jetzt aus, Eure Vorsichtsmaßregeln zu treffen.«
»Ich habe schon daran gedacht,« erwiderte die junge Frau umherschauend, als wollte sie Kenntniß von den Oertlichkeiten nehmen, »und wenn Ihr mit Eurem Knappen weiter retten wollt, doch so, daß Ihr nicht zu schnell geht, so werden meine Vorsichtsmaßregeln vor Ablauf einer Viertelstunde getroffen sein.
Agenor gehorchte. Die junge Frau stieg ab und führte ihre Amme in ein dichtes Gebüsche, während die zwei Männer die Straße bewachten.
»He! he! Herr Knappe, wendet nicht so den Kopf um und ahmt die Bescheidenheit Eures Herrn nach,« sagte die Amme zu Musaron, welcher jenen Verdammten von Dante glich, deren verrenkter Kopf rückwärts schaut, während sie vorwärts gehen.
Doch trotz der Aufforderung konnte es Musaron nicht über sich gewinnen, die Augen nach einer andern Seite zu kehren, so unüberwindlich war seine Neugierde erregt.
Er sah wirklich die zwei Frauen unter einer Gruppe von Kastanienbäumen und Steineichen verschwinden.
»Herr Ritter,« sagte er zu Agenor, als er überzeugt war, seine Augen könnten nicht mehr den Schleier von grünem Blätterwerk durchdringen, mit dem sich die zwei Frauen umhüllt hatten, »ich fürchte ungemein, daß unsere Gefährtinnen, statt vornehme Damen zu sein, wie wir Anfangs vermutheten, nur Zigeunerinnen sind.«
Zum Unglück für Musaron war dies nicht mehr die Ansicht seines Herrn, denn dieser erwiderte:
»Du bist ein durch meine Nachsicht dreist gewordener Schwätzer; schweige.«
Musaron schwieg.
Nach einigen Minuten eines so langsamen Schrittes, daß sie kaum eine halbe Viertelsmeile zurücklegten, hörten sie einen langen, schrillen Schrei.
Es war die Amme, welche rief.
Sie wandten sich um und sahen einen jungen Mann auf sich zukommen, der nach spanischer Weise gekleidet war und auf der linken Schulter den kleinen Mantel des Edelknechts trug; er machte mit seinem Hut Zeichen, daß man auf ihn warten möge.
Nach einem Augenblick war er bei ihnen.
»Gnädiger Herr, hier bin ich,« sagte er zu Agenor, der ganz erstaunt seine Reisegefährtin erkannte; ihre schwarzen Haare waren unter einer blonden Perrücke verborgen, ihre unter dem Mantel ausgebreiteten Schultern schienen einem jungen Menschen voll Gesundheit anzugehören, ihr Gang war keck, und ihre Gesichtsfarbe sogar hatte einen dunkler braunen Anschein, seitdem ihre Haare die Farbe verändert.
»Ihr seht, daß meine Vorsichtsmaßregeln getroffen sind,« fuhr der junge Mann fort, »und Euer Edelknecht wird, denke ich, ohne Schwierigkeiten mit Euch in die Stadt einziehen können.
Und er sprang mit der Agenor schon bekannten Leichtigkeit hinter Musaron auf.
»Doch Eure Amme?« fragte Agenor.
»Sie wird mit meinen zwei Knechten im benachbarten Dorf bleiben, bis der Augenblick, sie zu mir zu rufen, gekommen ist.«
»Dann ist Alles gut; laßt uns nach der Stadt ziehend Musaron und der Edelknecht ritten ihrem Herrn voran, der sich geraden Wegs nach dem Hauptthor von Soria wandte, das man jenseits einer Allee von alten Bäumen erblickte.
Doch sie hatten noch nicht zwei Drittel dieser Allee hinter sich, als sie von einer Truppe von Mauren an gehalten wurden, welche die Schildwache der Wälle, die sie wahrgenommen, gegen sie abgeschickt hatte.
Man befragte Agenor über den Zweck seiner Reise.
Kaum hatte er erklärt, dieser Zweck sei eine Unterredung mit Don Pedro, als die Truppe sie umzingelte und zum Gouverneur des Thors, einem von Don Pedro selbst ausgewählten Officier, führte.
»Ich komme,« sprach Agenor, abermals befragt, »ich komme im Auftrag des Connetable Bertrand Duguesclin, um eine Unterredung mit Eurem Fürsten zu pflegen.«
Bei diesem Namen, den ganz Spanien achten gelernt hatte, schien der Officier unruhig zu werden.
»Und wer sind die Leute, die Euch begleiten?« fragte er.
»Ihr seht es wohl, mein Knappe und mein Edelknecht.«
»Es ist gut, bleibt hier, ich werde Eure Bitte dem edlen Herrn Mothril vortragen.«
»Thut was Euch beliebt,« entgegnete Agenor, »doch ich sage Euch zum Voraus, daß ich vorerst weder mit Herrn Mothril, noch mit irgend einem Andern sprechen werde, und hütet Euch, länger ein Verhör fortzusetzen, das mich beleidigen könnte.«
»Ihr seid Ritter.« erwiderte der Officier sich verbeugend, »und in dieser Eigenschaft müßt Ihr wissen, daß der Befehl eines Ches unerbittlich ist; ich muß also vollziehen, was man mir vorgeschrieben hat.«
Dann wandte er sich um und rief:
»Man melde Seiner Excellenz dem ersten Minister, daß ein Fremder den König im Auftrag des Connetable Duguesclin zu sprechen verlangt.«
Agenor schaute seinen Edelknecht an, der sehr bleich aussah und, wie es schien, sehr unruhig war.
Mehr an Abenteuer gewöhnt, zitterte Musaron nicht über so wenig.
»Kamerad,« sagte er zu der jungen Frau, »Eure Vorsichtsmaßregeln nützen Euch nichts: man wird Euch trotz Eurer Verkleidung erkennen, und wir werden als Eure Mitschuldigen gehenkt; doch gleichviel, wenn das meinem Herrn genehm ist.«
Die Unbekannte lächelte; ein Augenblick hatte ihr genügt, um ihre Geistesgegenwart wieder zu erlangen, was zum Beweis diente, daß ihr die Gefahren auch nicht ganz fremd waren.
Sie setzte sich einige Schritte von Agenor und schien gegen das, was vorging, völlig gleichgültig zu sein.
Die Reisenden, nachdem sie zwei bis drei Zimmer voll von Wachen und Soldaten durchschritten hatten, befanden sich in diesem Augenblick in einer von jenen Wachtstuben, welche in der Dicke eines Thurmes angebracht sind; eine einzige Thüre führte hinein.
Aller Augen waren auf diese Thüre geheftet, durch welche mau jede Minute Mothril eintreten zu sehen erwartete.
Agenor plauderte fortwährend mit dem Officier: Musaron knüpfte ein Gespräch mit einigen Spaniern an, die ihn nach dem Connetable und nach ihren Freunden im Dienste von Don Enrique von Transtamare fragten.
Der Edelknecht wurde von dem Pagen des Gouverneur in Beschlag genommen, die ihn hinausführten und wieder zurückbrachten, wie ein bedeutungsloses Kind.
Nur Musaron wurde wirklich sorgfältig bewacht: doch auch er hatte durch seine Höflichkeit den Officier beruhigt; was vermochte überdies ein einzelner Mann gegen zweihundert? Der spanische Officier bot dem französischen Officier Obst und Wein an; um ihn zu bedienen, durchbrachen die Leute des Gouverneur die geschlossene Reihe der Soldaten.
»Mein Herr ist gewohnt, nur aus meiner Hand etwas anzunehmen,« sagte der junge Edelknecht.
Und er begleitete die Pagen bis in die Gemächer.
In diesem Augenblicke hörte man die Schildwache ins Gewehr rufen, und es erscholl: Mothril! Mothril! bis in die Wachtstube.
Jeder stand auf.
Agenor fühlte, wie ein Schauer seine Adern durchlief.
Er schlug sein Visir nieder und suchte durch das eiserne Gitter mit den Augen den jungen Edelknecht, um ihn zu beruhigen; er war nicht mehr da.
»Wo ist den unsere Reisende?« fragte Agenor ganz leise Musaron.
Dieser antwortete mit der größten Ruhe in französischer Sprache:
»Gnädiger Herr, sie dankt Euch vielmals für den Dienst, den Ihr ihr dadurch, daß Ihr sie nach Soria hereingebracht, geleistet habt; sie hat mich beauftragt Euch zu sagen, sie wäre Euch im höchsten Grade hierfür erkenntlich und Ihr würdet dies wohl bald wahrnehmen.«
»Was sagst Du da?« fragte Agenor erstaunt.
»Was sie mich Euch zu sagen beauftragt hat.«
»Und ist sie weggegangen?«
»Meiner Treue, ja, sie ist weggegangen. Ein Aal schlüpft minder behende durch die Maschen des Netzes, als sie durch die Wachen des Posten geschlüpft ist. Ich sah in der Ferne die weiße Feder ihrer Toque im Schatten fliehen; da ich sodann nichts mehr gesehen habe, so nehme ich an, daß sie gerettet ist.«
»Gott sei gelobt! doch schweige,« sprach Agenor.
Es erschollen in der That in den anstoßenden Zimmern die Tritte einer großen Anzahl von Cavalieren.
Mothril trat hastig ein.
»Was gibt es?« fragte der Maure und schaute mit einem klaren durchdringenden Blick umher.
»Dieser Ritter, ein Abgesandter von Messire Bertrand Duguesclin, dem Connetable von Frankreich, will den König Don Pedro sprechen.«
Mothril näherte sich Agenor, der mit seinem niedergeschlagenen Visir eine Bildsäule von Erz zu sein schien.
»Dies,« sagte Agenor, indem er seinen Panzerhandschuh auszog und den Smaragdring zeigte, den ihm der Prinz als Erkennungszeichen gegeben hatte.
»Was ist dies?« fragte Mothril.
»Ein Smaragdring, der von Dona Eleonore, der Mutter des Prinzen, herkommt.«
Mothril verbeugte sich.
»Was wollt Ihr?«
»Ich werde es dem König sagen.«
»Ihr wünscht Seine Hoheit zu sehen?«
»Ich will es.«
»Ihr sprecht stolz, Ritter.«
»Ich spreche im Namen meines Herrn des Königs Don Enrique von Transtamare.«
»Dann werdet Ihr in dieser Veste warten.«
»Ich werde warten; doch ich sage Euch zum Voraus, daß ich nicht lange warte.«
Spöttisch lächelnd erwiderte Mothril:
»Es sei, Herr Ritter, wartet also.«
Und er ging hinaus, nachdem er Agenor gegrüßt hatte, dessen Augen Flammenstrahlen durch das eiserne Gitter seines Halmes schossen.«
Gut Wache gehalten,« sagte Mothril leise zu dem Officier, »es sind wichtige Gefangene, für die Ihr mir haftet.«
»Was soll ich mit ihnen machen?«
»Ich werde es Euch morgen sagen; mittlerweile seid besorgt, daß sie mit Niemand sprechen, versteht Ihr mich?«
Der Officier verbeugte sich.
»Es ist entschieden meine Ansicht, daß wir verloren sind, und daß uns dieser steinerne Behälter als Sarg dienen wird,« sprach Musaron mit der größten Ruhe.
»Welch eine herrliche Gelegenheit hatte ich, den Ungläubigen zu erwürgen!« rief Agenor; »wäre ich nicht Gesandter gewesen. . . « murmelte er.
»Unbequemlichkeit der Größe,« sprach Musaron philosophisch.
Achtunddreißigste, Kapitel.
Der Orangenzweig
Agenor und sein Knappe brachten in dem Gefängniß, in welchem sie vorläufig eingeschlossen waren, eine sehr schlechte Nacht zu: den Befehlen von Mothril gehorchend, war der Officier nicht wieder erschienen.
Mothril gedachte am andern Morgen wiederzukommen; in dem Augenblick, wo er den König Don Pedro zu einem Stiergefecht begleiten wollte, benachrichtigt, hatte er die ganze Nacht, um über das, was er thun sollte, nachzudenken; hätte sich dann nichts in seinem Geist festgestellt, so würde ein zweites Verhör über das Schicksal des Gesandten und seines Stallmeisters entscheiden.
Es war noch möglich, daß der Abgesandte des Connetable von Mothril Erlaubniß erhielt, bis zu Don Pedro zu gehen; in diesem Fall aber würde Mothril durch irgend ein Mittel den Zweck seiner Sendung ergründet haben.
Das große Geheimniß der Improvisatoren in der Politik liegt darin, daß sie zum Voraus die Materien zu erfahren suchen, über welche sie zu improvisieren haben.
Als Mothril die zwei Gefangenen verließ, schlug er den Weg nach dem Amphitheater ein, wo Don Pedro seinem Hof das Schauspiel eines Stiergefechtes gab. Dieses Schauspiel, das die Könige gewöhnlich bei Tag gaben, fand bei Nacht statt, was seine Herrlichkeit verdoppelte; dreitausend Fackeln von wohlriechendem Wachs beleuchteten die Arena.
Zur Rechten des Königs sitzend und umgeben von Höflingen, die in ihr das neue Gestirn der königlichen Gunst anbeteten, schaute Aissa, ohne zu sehen, horchte sie, ohne zu hören.
Düster und unruhig befragte der König das Gesicht des Mädchens, um darin die Hoffnung zu lesen, die ihm unablässig die unbewegliche Blässe dieser so reinen Stirne und die eintönige Starrheit dieser Augen mit den verschleierten Flammen verweigerten.
Don Pedro, der Mann mit dem unbezähmbaren Herzen, mit dem ungestümen Temperament, glich dem durch das Gebiß zurückgehaltenen Renner, dessen Ungeduld sich in Bebungen äußert, deren Ursache die Zuschauer vergebens suchen.
Dann verdüsterte sich plötzlich seine Stirne.
Während er das Mädchen mit den eisigen Zügen betrachtete, dachte er an die glühende Geliebte, die er in Sevilla zurückgelassen hatte; an jene Maria Padilla, welche ihm Mothril als untreu und wankelmüthig wie das Glück bezeichnete, und die durch ihr Stillschweigen die Behauptungen von Mothril rechtfertigte; es war ein doppeltes Leiden in dieser gegenwärtigen Kälte von Aissa und in dieser vergangenen Liebe von Dona Maria.
Wenn er an die Frau dachte, die er so sehr angebetet, daß man seine Anbetung einer Zauberei zuschrieb, entströmte ein Seufzer seiner Brust und machte wie ein Sturmeshauch alle Stirnen der aufmerksamen Höflinge sich beugen.
Bei einer dieser Bewegungen trat Mothril in die königliche Loge und versicherte sich durch einen forschenden Blick von der Lage der Geister.
Er begriff den Sturm, der in dem Herzen von Don Pedro toste, er errieth, daß die Kälte von Aissa daran Schuld war und richtete einen Blick der Drohung und des Hasses an das Mädchen, das ganz kalt blieb, obgleich es vollkommen verstanden hatte.
»Ah! Du hier, Mothril,« sagte der König, »Du kommst zu schlimmer Stunde, denn ich langweile mich.«
Der Ton, mit dem diese Worte gesprochen wurden, verlieh ihnen beinahe den wilden Ausdruck des Brüllens.
»Ich bringe Eurer Hoheit Neuigkeiten,« sagte Mothril.
»Wichtige?« »Allerdings; würde ich Eure Hoheit wegen einer Bagatelle stören?«
»Sprich also.«
Der Minister neigte sich an das Ohr von Don Pedro und sagte:
»Die Franzosen schicken Euch eine Botschaft.«
»Seht doch, Mothril,« sprach der König, ohne daß er, was ihm der Maure sagte, gehört zu haben schien, »seht, wie sich Aissa bei Hofe mißfällt. In der That, ich glaube, Ihr würdet wohl daran thun, diese junge Frau nach ihrer Heimath in Afrika zurückzuschicken, nach der sie sich so sehr sehnt.«
»Eure Hoheit täuscht sich,« erwiderte Mothril.
»Aissa ist in Granada geboren, und da sie ihr Vaterland, welches sie nie gesehen, nicht kennt, so kann sie sich auch nicht darnach sehnen.«
»Sehnt sie sich also nach etwas Anderem?« fragte Don Pedro erbleichend.
»Ich glaube es nicht.«
»Aber wenn man sich nicht nach Etwas sehnt, benimmt man sich anders, als sie es thut; man spricht, man lacht, man sieht mit sechzehn Jahren; dieses Mädchen ist wahrhaftig todt.«
»Ihr wißt, Sire, nichts ist so ernst, nichts ist so keusch und zurückhaltend, als ein Mädchen des Orients, denn obgleich in Granada geboren, ist Aissa, wie ich Euch gesagt habe, vom reinsten Blute des Propheten; Aissa trägt auf ihrer Stirne eine rauhe Krone, die des Unglücks; sie kann also nicht das freie Lächeln, die wortreiche Heiterkeit der Frauen Spaniens haben; da sie nie lachen, nie sprechen gehört hat, so kann sie nicht thun, was die Spanierinnen thun, nämlich das Echo eines Geräusches zurückschicken, das sie nicht kennt.«
Don Pedro biß sich aus die Lippen und heftete sein glühendes Auge aus Aissa.
»Ein Tag bringt keine Aenderung bei einer Frau hervor, und diejenigen, welche lange ihre Würde behaupten, behaupten auch lange ihre Zuneigung. Dona Maria hat sich Euch beinahe angeboten, Dona Maria hat Euch auch vergessen.«
In dem Augenblick, wo Mothril diese Worte sprach, fiel ein blühender Orangenzweig, geworfen von den oberen Gallerien, mit der bestimmten Richtung eines Pfeiles, der sein Ziel trifft, aus den Schooß von Don Pedro.
Die Höflinge schrieen über Frechheit; einige neigten sich vor, um zu sehen, woher die Sendung käme.
Don Pedro hob den Zweig aus; es war ein Billet daran befestigt. Mothril machte eine Bewegung, um sich desselben zu bemächtigen; doch Don Pedro streckte die Hand aus und sprach:
»An mich und nicht an Euch ist dieses Bittet gerichtet.«
Und er entfaltete es.
Schon beim Anblick der Handschrift stieß er einen Schrei aus; bei den ersten Zeilen, die er las, klärte sich sein Gesicht auf.
Mothril folgte voll Angst den Wirkungen dieses Lesens.
Plötzlich stand Don Pedro auf.
Die Höflinge erhoben sich ebenfalls, bereit, dem König zu folgen.
»Bleibt,« sagte Don Pedro; »das Schauspiel ist noch nicht beendigt, ich wünsche, daß Ihr bleibt.«
Mothril, der nicht wußte, was er von diesem unerwarteten Ereigniß denken sollte, machte einen Schritt, um seinem Herrn zu folgen.
»Bleibt,« sagte der König, »ich will es.«
In die Loge zurückgekehrt, verlor sich Mothril in Muthmaßungen über diese so seltsame Erscheinung.
Er ließ überall den Urheber der verwegenen Sendung suchen, aber alle Nachforschungen waren vergebens.
Hundert Frauen hatten blühende Orangenzweige in der Hand; Niemand konnte ihm also sagen, woher dieses Billet kam.
Als Mothril in den Palast zurückgekehrt war, fragte er die junge Araberin; doch Aissa hatte nichts gesehen, nichts bemerkt.
Er versuchte es, zu Don Pedro zu dringen; die Thüre war für Jedermann verschlossen.
Der Maure brachte eine furchtbare Nacht zu: zum ersten Mal entging ein Ereigniß von hoher Wichtigkeit seinem Scharfsinn; ohne seine Furcht auf irgend eine Wahrscheinlichkeit stützen zu können, sagten ihm seine Ahnungen, sein Einfluß habe einen harten Angriff erlitten.
Mothril hatte noch kein Auge zugethan, als ihn Don Pedro rufen ließ; er wurde in die abgelegensten Gemächer des Palastes eingeführt.
Don Pedro kam aus seinem Zimmer, um dem Minister entgegenzugehen, und schloß, als er heraustrat, sorgfältig den Thürvorhang.
Der König war bleicher als gewöhnlich; doch es war nicht der Kummer, was ihm diesen Anschein von Ermattung gab; es schwebte im Gegentheil ein Lächeln geheimer Befriedigung über seine Lippen und in seinem Blick lag etwas Sanfteres und Freudigeres als sonst.
Er setzte sich, während er Mothril ein freundschaftliches Zeichen mit dem Kopf machte, und dennoch glaubte der Maure in seinem Gesichte eine seinen Beziehungen zu ihm fremde Festigkeit wahrzunehmen.
»Mothril,« sagte er, »Ihr habt gestern von einer von den Franzosen abgesandten Botschaft gesprochen.«
»Ja, Hoheit,« erwiderte Mothril; »doch da Ihr nicht antwortetet, glaubte ich nicht darauf beharren zu dürfen.«
»Nicht wahr, Ihr hattet auch keine Eile, mir zu gestehen, daß Ihr sie diese Nacht im Thurme der Niedrigen-Pforte eingeschlossen?«
Mothril schauerte.
»Woher wißt Ihr das, gnädigster Herr?« murmelte er.
»Ich weiß es, und das ist das Wichtigste.
Wer sind die Fremden?«
»Franken, wie ich denke?«
»Und warum schließt Ihr sie ein, da sie sich Botschafter nennen?«
»Sie nennen sich, das ist das richtigste Wort,« erwiderte Mothril, für den ein Augenblick genügt hatte, um seine Kaltblütigkeit wieder zu erlangen.
»Und Ihr, Ihr sagt das Gegentheil, nicht wahr?«
»Nicht gerade, Sire, doch ich weiß in der That nicht . . . «
»Im Zweifel hättet Ihr sie nicht festnehmen müssen. «
»Eure Hoheit befiehlt also . . . «
»Daß man sie auf der Stelle hierher führe.«
Der Maure wich zurück.
»Das ist unmöglich,« sagte er.
»Beim Blute Unseres Herrn! sollte ihnen etwas widerfahren sein?« fragte Don Pedro.
»Nein, gnädigster Herr.«
»Dann beeilt Such, Euren Fehler wieder gut zu machen, denn Ihr habt das Völkerrecht verletzt.«
Mothril lächelte, da er wußte, welche Achtung König Don Pedro in seinem Haß vor diesem Völkerrecht hatte, das er in diesem Augenblick anrief. Ich werde nicht gestatten, daß mein König sich wehrlos der Gefahr preisgibt, die ihn bedroht,« sagte er.
»Fürchtet nicht für mich, Mothril,« sprach Don Pedro, mit dem Fuß stampfend, »fürchtet für Euch!«
»Ich habe nichts zu fürchten, da ich mir nichts vorzuwerfen habe,« sagte der Maure.
»Ihr habt Euch nichts vorzuwerfen, Mothril? Sucht in Euren Erinnerung.«
»Was meint Eure Hoheit?«
»Ich meine, daß Ihr ebensowenig die Botschafter liebt, welche vom Westen, als die, welche vom Osten kommen.«
Mothril fing an unruhig zu werden; allmälig nahm das Gespräch eine bedrohliche Wendung; doch da er noch nicht wußte, von welcher Seite der Angriff kam, so schwieg er und wartete.
Der König fuhr fort:
»Es ist dies das erste Mal, daß Ihr die Boten, die man an mich abschickt, verhaftet, Mothril?«
»Das erste Mal!« erwiderte Mothril, der um Alles gegen Alles spielte; »es sind vielleicht hundert gekommen, und ich habe nie einen zugelassen.«
Der König stand wüthend auf. Der Maure aber fuhr fort:
»Wenn ich dadurch gefehlt habe, daß ich von Enrique von Transtamare oder vom Connetable Bertrand Duguesclin gedungene Mörder vom Palast meines Königs fern hielt, wenn ich einige Unschuldige unter so vielen Schuldigen geopfert habe, so ist mein Kopf da, um den Fehler meines Herzens zu bezahlen.«
Der König setzte sich wieder und sprach, während er sich setzte:
»Es ist gut, Mothril; aus Rücksicht für die Entschuldigung, die Ihr mir angebt, und die wohl wahr sein kann, verzeihe ich Euch; doch es soll dies nie mehr vorfallen, und jeder Bote, der an mich abgeschickt ist, soll zu mir gelangen, hört Ihr wohl? gleichviel, mag er von Burgos oder von Sevilla kommen . . . Die Franzosen sind wirklich Botschafter, ich weiß es; ich will sie folglich als Botschafter behandeln. Man entlasse sie sogleich aus dem Thurm, man führe sie mit den ihrem Charakter gebührenden Ehren in das schönste Haus der Stadt; morgen werde ich sie in feierlicher Audienz im großen Saale des Palastes empfangen. Geht!«
Mothril neigte das Haupt und ging ganz niedergebeugt von Erstaunen und Schrecken weg.
