Kitabı oku: «Der Bastard von Mauléon», sayfa 28
Neununddreißigstes Kapitel.
Die Audienz
Agenor und sein getreuer Knappe klagten jeder auf seine Weise.
Musaron machte auf eine geschickte Art seinen Herrn bemerkbar, er habe vorhergesagt, was geschehen sei.
Agenor antwortete, obgleich er gewußt, was geschehen würde, habe er es darum doch nicht minder wagen müssen.
Hierauf erwiderte Musaron, gewisse Botschafter seien an den Galgen gehängt worden, welche Galgen vielleicht etwas höher, aber darum doch nicht minder unangenehm als die kleinen gewesen.
Hierauf fand Mauléon nichts zu antworten.
Man kannte die beschleunigende Rechtspflege von Don Pedro: wenn man so wenig Werth auf das Leben der Menschen legt, handelt man immer schnell.
Die zwei Gefangenen überließen sich also diesen finsteren Gedanken, und Musaron untersuchte schon die Steine der Mauern, um sich zu versichern, ob nicht einer auszuheben wäre, als Mothril, gefolgt von einer Escorte von Kapitänen, die er vor der Thüre ließ, auf der Schwelle des Thurmes erschien.
So schnell er kam, so hatte Agenor doch noch Zeit, sein Helmvisir niederzulassen.
»Franzose,« sagte Mothril, »antworte mit und lüge nicht, wenn Du überhaupt ohne zu lügen sprechen kannst.«
»Du beurtheilst Andere nach Dir, Mothril,« erwiederte Agenor, dem es, während er seine Lage nicht durch einen Zornausbruch zu erschweren wünschte, aus Instinct besonders widerstrebte, sich von dem Mann beleidigen zu lassen, den er am meisten in der Welt haßte.
»Was willst Du damit sagen, Hund?« fragte Mothril.
»Du nennst mich Hund, weil ich ein Christ bin; doch nicht wahr, dann ist Dein Herr auch ein Hund?«
Die Erwiederung traf den Mauren schlagend.
»Wer spricht von meinem Herrn und seiner Religion?« entgegnete er; »vermische seinen Namen nicht mit dem Deinigen und glaube nicht, Du gleichest ihm, weil er denselben Gott anbetet wie Du.«
Agenor setzte sich, die Achseln zuckend.
»Bist Du gekommen, um mir alle diese Erbärmlichkeiten zu sagen, Mothril?« sagte der Ritter.
»Nein, ich habe wichtige Fragen an Dich zu richten.«
»Thue es.«
»Gestehe vor Allem, wie Du es gemacht hast, um mit dem König Briefe zu wechseln l«
»Mit welchem König?«
»Ich erkenne nur einen einzigen, Abgesandter der Rebellen, und dies ist der König mein Herr.«
»Don Pedro . . Du fragst mich, wie ich mit Don Pedro habe Briefe wechseln können?«
»Ja.«
»Ich verstehe Dich nicht.«
»Leugne, daß Du vom König Audienz verlangt hast.«
»Nein, an Dich selbst habe ich dieses Verlangen gerichtet.«
»Ja, aber ich habe Dein Verlangen nicht dem König überbracht . . . und dennoch . . . «
»Und dennoch? . . . « wiederholte Agenor.
»Er kennt Deine Ankunft.«
»Ah!« machte Agenor mit einem Erstaunen, das ein noch viel deutlicher ausgeprägtes Ah! Von Musaron zum Echo hatte.
»Du willst mir also nichts gestehen!« sagte Mothril.
»Was soll ich Dir gestehen?«
»Vor Allem, durch welches Mittel Du mit dem König Briefe gewechselt hast.«
Agenor zuckte zum zweiten Male die Achseln.
»Frage unsere Wachen,« sagte er.
»Glaubt nicht, irgend etwas vom König zu erlangen, ohne daß Du zuvor meine Einwilligung hast, Christ.«
»Ah!« sprach Agenor, »ich werde also den König sehen?«
»Heuchler!« rief Mothril voll Wuth.
»Gut!« sagte Musaron, »wir haben, wie es scheint, nicht mehr nöthig, ein Loch durch die Mauer zu machen!«
»Stille!« sprach Agenor.
Dann sich an Mothril wendend:
»Nun! da ich den König sprechen werde, wollen wir sehen, ob meine Worte so wenig Gewicht haben, als Du glaubst:«
»Gestehe mir, was Du gethan, daß der König Deine Ankunft erfahren hat: sage mir die Bedingungen, unter denen Du ihm den Frieden vorschlagen, willst, und ich werde Dir meine ganze Unterstützung zu Theil werden lassen.«
»Wozu soll ich eine Unterstützung erkaufen, die ich gar wohl entbehren kann, wie mir in diesem Augenblick Dein Zorn beweist?« erwiderte Agenor lachend.
»Zeige mir wenigstens Dein Gesicht!« rief Mothril, unruhig über dieses Gelächter und den Ton dieser Stimme.
»Vor dem König sollst Du mich sehen; mit dem König werde ich mit offenem Herzen und entblößtem Gesicht sprechen.«
Plötzlich schlug sich Mothril vor die Stirne, schaute im Zimmer umher und sagte:
»Du hattest einen Pagen?«
»Ja.«
»Was ist aus ihm geworden?«
»Suche, frage, das ist Dein Recht.«
»Deshalb frage ich Dich.«
»Verständigen wir uns, das ist Dein Recht bei Deinen Officieren, bei Deinen Soldaten, bei Deinen Sklaven, aber nicht bei mir.«
Mothril wandte sich zu seinem Gefolge um und sagte:
»Es war ein Page bei dem Franzosen; man erkundige sich, was aus ihm geworden ist.«
Während man nachforschte, trat ein Stillschweigen ein; jede von den drei Personen erwartete das Resultat dieser Nachforschung unter einem andern Aussehen. Mothril ging bewegt vor der Thüre auf und ab, wie eine Schildwache vor ihrem Posten, oder vielmehr wie eine Hyäne in ihrem Käfig. Agenor wartete sitzend mit der Unbeweglichkeit und dem Stillschweigen einer ehernen Bildsäule. Aufmerksam auf alle Dinge, blieb Musaron stumm wie sein Herr, aber er verschlang den Mauren mit seinen Augen.
Die Antwort war, der Page sei am vorhergehenden Tag verschwunden und seitdem nicht mehr erschienen.
»Ist das wahr?« fragte Mothril Agenor.
»Bei Gott! es sind die Leute Deines Glaubens, die es Dir sagen!« antwortete Agenor.
»Die Ungläubigen lügen also auch?«
»Aber warum ist er entflohen?«
Agenor begriff Alles.
»Ohne Zweifel, um dem König zu sagen, man habe seinen Herrn verhaftet,« erwiderte er.
»Man gelangt nicht bis zum König, wenn Mothril um den König wacht,« entgegnete der Maure.
Doch plötzlich sich vor die Stirne schlagend, rief er: »Oh! der Orangenzweig! Oh! das Billet!«
»Der Maure wird offenbar ein Narr!« sagte Musaron.
Plötzlich schien sich Mothril zu erheitern. Das, was er entdeckt hatte, war ohne Zweifel minder furchtbar, als er Anfangs befürchtet.
»Gut, es mag sein!« sagte er: »ich wünsche Dir Glück zu der Gewandtheit Deines Pagen; die Audienz, um die Du gebeten hast, ist Dir bewilligt.«
»An welchem Tag soll sie stattfinden?«
»Morgen,« antwortete Mothril.
»Gott sei gelobt!« sagte Musaron.
»Nimm Dich in Acht,« fuhr der Maure sich an den Ritter wendend fort, »nimm Dich in Acht, daß Deine Zusammenkunft nicht die von Dir gehoffte Entwickelung hat.«
»Ich hoffe nichts, Ich vollziehe nur einen Auftrag.«
»Willst Du einen Rath?« fragte Mothril, indem er seiner Stimme einen beinahe schmeichelnden Ausdruck verlieh.
»Ich danke, ich will nichts von Dir,« erwiderte Agenor.
»Warum?« »Weil ich nichts von einem Feinde annehme.«
Der junge Mann sprach diese Worte mit einem solchen Ausbruch von Haß, daß der Maure darob bebte.
»Es ist gut,« sagte er; »lebe wohl, Franzose.«
»Lebe wohl, Ungläubiger,« erwiderte Agenor.
Mothril entfernte sich; er wußte im Ganzen, was er zu wissen wünschte; der König war unterrichtet worden, aber durch eine Stimme, die durchaus nichts Furchtbares hatte.
Dies war es nicht, wovor er Anfangs bange gehabt.
Zwei Stunden nachher holte eine ansehnliche Wache Agenor auf der Schwelle des Thurmes ab und führte ihn unter großen Achtungsbezeigungen in ein Haus, das auf dem schönsten Platze von Soria lag.
Weite Gemächer, so kostbar ausgestattet, als es sich nur immer thun ließ, standen für den Empfang des Botschafters bereit.
»Ihr seid hier zu Hause, Herr Gesandter des Königs von Frankreich,« sagte der die Escorte befehligende Officier.
»Ich bin nicht der Gesandte des Königs von Frankreich und verdiene nicht als solcher behandelt zu werden,« entgegnete Agenor, »Ich bin der Abgesandte des Connetable Bertrand Duguesclin«
Aber der Kapitän antwortete hierauf nur mit einer Verbeugung und zog sich zurück.
Musaron ging in allen Zimmern umher, besichtigte die Tapeten, die Geräthschaften, die Stoffe, und sagte bei jeder Besichtigung:
»Wir sind offenbar hier besser als im Thurm.«
Während Musaron seine Revue vornahm, trat der Obergouverneur des Palastes ein und fragte den Ritter, ob es ihm gefällig wäre, einige Vorbereitungen zu treffen, um vor dem König zu erscheinen.
»Nein,« antwortete Agenor; »ich habe mein Schwert, meinen Helm und meinen Panzer; das ist der Schmuck des Soldaten, und ich bin nur ein von seinem Feldherrn abgesandter Soldat.«
Der Gouverneur ging hinaus und befahl den Trompetern, zu blasen.
Einen Augenblick nachher führte man ein herrliches Pferd, bedeckt mit einer prachtvollen Schabracke vor die Thüre.
»Ich brauche kein anderes Pferd, als das meinige,« sagte Agenor; »man hat es mir genommen, man gebe es mir zurück; das ist Alles, was ich verlange.«
Zehn Minuten nachher wurde Agenor sein Pferd zurückgegeben.
Eine ungeheure Menge begrenzte den, übrigens ziemlich kurzen, Zwischenraum, der das Haus von Agenor vom Palast des Königs trennte. Der junge Mann suchte unter den auf dem Balcon zusammengeschaarten Frauen seine Reisegefährtin zu finden, die er so gut kannte. Doch dies war ein vergebliches Streben, auf das er bald verzichtete.
Der ganze König Don Pedro getreue Adel bildete ein Reitercorps, das im Ehrenhof aufgestellt war. Sie boten ein blendendes Schauspiel, diese mit Gold bedeckten Rüstungen.
Agenor war kaum abgestiegen, als er sich etwas verlegen fühlte. Die Ereignisse waren sich mit einer solchen Schnelligkeit gefolgt, daß er noch nicht Zeit gehabt hatte, an seine Sendung zu denken, da er überzeugt war, seine Sendung würde unerfüllt bleiben.
Seine Zunge schien an seinem Gaumen zu kleben, er hatte nicht einen bestimmten Gedanken im Kopf. Alle seine Ideen schwebten unentschieden in seinem Innern und stießen sich an einander, wie die Wolken an nebeligen Herbsttagen.
Der Eintritt in den Audienzsaal war der eines Blinden, dem plötzlich das Gesicht unter einem glühenden Sonnenstrahl wiederkehrt, der für ihn eine Wolke von Gold, von Purpur und beweglichen Federbüschen beleuchtet.
Da erscholl eine kräftige Stimme, eine Stimme, die er, wie er alsbald erkannte, einmal bei Nacht im Garten von Bordeaux, einmal bei Tage im Zelte von Caderley gehört hatte.
»Herr Ritter,« sagte diese Stimme, »Ihr habt den König zu sprechen gewünscht, Ihr steht vor dem König.«
Diese Worte zogen die Augen des Ritters aus den Punkt, den sie auffassen sollten. Er erkannte Don Pedro. Zu seiner Rechten saß eine verschleierte Frau, zu seiner Linken stand Mothril.
Mothril war bleich wie der Tod; er hatte in dem Ritter den Geliebten von Aissa erkannt.
Dieses Erkennen war rasch gewesen wie der Gedanke.
»Monseigneur,« sprach Agenor, »nicht einen Augenblick habe ich geglaubt, ich sei aus die Befehle Eurer Herrlichkeit verhaftet worden.«
Don Pedro biß sich aus die Lippen und erwiderte:
»Ritter, Ihr seid Franzose und wißt folglich vielleicht nicht, daß man den König von Spanien, wenn man mit ihm spricht, Sire und Hoheit nennt.«
»In der Thal, ich habe Unrecht gehabt,« sagte der Ritter, sich verbeugend, »Ihr seid König in Soria.«
»Ja, König in Soria,« entgegnete Don Pedro, »bis derjenige, der diesen Titel usurpirt hat, nirgends mehr König sein wird.«
»Sire,« sprach Agenor, »zum Glück habe ich nicht über diese hohen Fragen mit Euch zu verhandeln. Ich komme im Auftrag von Don Enrique von Transtamare, Eurem Bruder, um Euch einen guten und redlichen Frieden vorzuschlagen, dessen Eure Völker so sehr bedürfen und über den sich auch Eure Bruderherzen freuen werden.«
»Herr Ritter,« erwiderte Don Pedro, »wenn Ihr gekommen seid, um über diesen Punkt mit mir zu unterhandeln, so sagt mir, warum Ihr mir heute vorschlagt, was Ihr mir vor acht Tagen verweigert habt.«
Agenor verbeugte sich und antwortete: »Sire, ich bin nicht Richter zwischen Euren Hoheiten; ich melde nur die Worte, mit denen man mich beauftragt hat.
Ich bin eine Stimme, die sich von Burgos bis Soria, von einem Bruderherzen zum andern Herzen erstreckt.«
»Ah! Ihr wißt nicht, warum man mir heute den Frieden anbietet,« versetzte Don Pedro.
»Nun! ich will es Euch sagen.«
In Erwartung der Worte des Königs trat ein tiefes Stillschweigen in der Versammlung ein; Agenor benutzte diese Zeit, um seine Augen abermals aus die verschleierte Dame und aus den Mauren zu heften. Die verschleierte Dame war immer noch stumm und unbeweglich wie eine Bildsäule. Der Maure sah bleich und verändert aus, als ob er in einer Nacht alle Schmerzen ausgehalten hätte, die ein Mensch in einem ganzen Leben zu ertragen haben kann.
Der König fuhr fort:
»Ihr bietet mir den Frieden im Namen meines Bruders, weil mein Bruder will, daß ich ihn ausschlage, und weiß, daß ich ihn unter den Bedingungen, die Ihr mir machen wollte von mir weisen werde.«
»Sire, Eure Hoheit kennt diese Bedingungen noch nicht.«
»Ich weiß, daß Ihr mir die Hälfte Spanien» anbieten wollt; ich weiß, was Ihr von mir fordert; Geißeln, unter denen mein Minister Mothril mit seiner Familie sein soll.«
Von bleich, wie er gewesen, wurde Mothril leichenfarbig; sein glühendes Auge schien im Grunde des Herzens von Don Pedro lesen und sich dadurch versichern zu wollen, ob er bei seiner Weigerung beharren würde.
Agenor bebte; er hatte diese Bedingungen Niemand mitgetheilt, die Zigeunerin ausgenommen, der er ein paar Worte davon gesagt.
»In der That,« sprach er, »Eure Hoheit ist gut unterrichtet, obschon ich nicht weiß, wie und durch wen sie das sein kann.«
In diesem Augenblick hob mit einer ganz natürlichen Bewegung die neben dem König sitzende Frau ihren goldgestickten Schleier auf und warf ihn aus ihre Schultern zurück.
Agenor hätte beinahe einen Schrei des Schreckens ausgestoßen; in dieser Frau, welche zur Rechten von Don Pedro saß, hatte er seine Reisegefährtin erkannt. Das Blut floß ihm in's Gesicht, er begriff, woher der König die Nachrichten hatte, die ihm die Mühe ersparten, die Bedingungen des Friedens auseinanderzusetzen.
»Herr Ritter,« sagte der König, »erfahrt aus meinem Munde und wiederholt es denjenigen, welche Euch gesandt haben: Was auch die Bedingungen sein mögen, die man mir vorschlägt, es ist eine dabei, welche ich stets verwerfen werde, die, mein Königreich zu theilen, insofern mein Königreich mir gehört und ich frei sein will, nach meinem Belieben darüber zu verfügen; als Sieger werde ich Bedingungen anbieten.«
»Eure Hoheit will also den Krieg?« fragte Agenor.
»Ich will ihn nicht, ich unterziehe mich demselben,« antwortete Don Pedro.
»Das ist der unerschütterliche Wille Eurer Hoheit?«
»Ja.«
Agenor zog langsam seinen stählernen Panzerhandschuh aus, warf ihn in den Raum, der ihn vom König trennte und sprach:
»Im Namen von Don Enrique von Transtamare, dem König von Castilien, bringe ich den Krieg hierher.«
Der König stand unter einem gewaltigen Gemurmel und einem furchtbaren Waffengeklirre auf und erwiderte:
»Ihr habt getreulich Eure Sendung erfüllt, Herr Ritter; es bleibt uns nur noch unsere Königspflicht auf redliche Weise zu üben. Wir bieten Euch vierundzwanzig Stunden Gastfreundschaft in unserer Stadt, wird wenn es Euch genehm ist, wird unser Palast Euer Aufenthaltsort, unsere Tafel die Eurige sein.«
Agenor machte, ohne etwas zu antworten, eine tiefe Verbeugung, erhob dann wieder das Haupt und richtete seine Augen auf die an der Seite des Königs sitzende Frau.
Sie schaute ihn sanft lächelnd an. Es kam ihm sogar vor, als legte sie ihren Finger auf ihre Lippen, wie wenn sie ihm sagen wollte:
»Geduld! Hofft!«
Vierzigstes Kapitel.
Das Rendezvous
Trotz dieses stillschweigenden Versprechens, von dem sich übrigens Agenor nicht genau Rechenschaft gab, verließ er die Audienz in einem Zustand leicht begreiflicher Bangigkeit. Nur so viel blieb ihm wahrscheinlich, daß die unbekannte Zigeunerin, mit der er auf eine so vertrauliche Weise gereist, keine Andere, als Maria Padilla gewesen sei.
Der Entschluß von Don Pedro, der, um hervorzutreten, nicht einmal seine Worte abgewartet hatte, war nicht das, was ihn am meisten beunruhigte; denn am Ende hatte Don Pedro nur am Tage vorher erfahren, was er am andern Tag hätte erfahren sollen. Aber Agenor erinnerte sich auch, daß er der Zigeunerin sein theuerstes, sein tiefstes Geheimniß: die Liebe von Aissa, preisgegeben.
War einmal die Eifersucht dieser furchtbaren Frau gegen die arme Aissa rege gewacht, wer konnte wissen, wo,die Wuth, die schon so viele unschuldige Köpfe geopfert, anhalten würde?
Alle diese traurigen Gedanken, welche gleichzeitig in dem Geiste von Agenor erwachten, verhinderten ihn, die grimmigen Blicke von Mothril und den edlen Mauren wahrzunehmen, welche der Vorschlag, den er im Namen von Enrique von Tronstamare gemacht, sowohl in ihrem Stolz, als in ihren Interessen verletzt hatte.
Lebhaft und muthig, wie er war, hätte der Ritter ihren herausfordernden Blicken gegenüber wahrscheinlich nicht die ganze für einen Gesandten nothwendige Ruhe und Unempfindlichkeit behauptet.
In dem Augenblick, wo er sie vielleicht bemerkt hätte und ihnen geantwortet haben würde, trat aber eine andere Zerstreuung ein.
Kaum war er außerhalb des Palastes, kaum war er durch die Reihen der Wachen, die ihn umgaben, gedrungen, als eine in einen langen Schleier gehüllte Frau seinen Arm berührte und ihn mit einem geheimnißvollen Zeichen, ihr zu folgen, aufforderte.
Agenor zögerte einen Augenblick; er wußte, mit wie viel Schlingen und Fallen Don Pedro und seine rachsüchtige Geliebte ihre Feinde umgaben, welche Fruchtbarkeit an Mitteln sie entwickelten, wenn es sich um ein Werk der Rache handelte; doch in diesem Augenblick fühlte sich der Ritter, ein so guter Christ er auch war, ein wenig gläubig an das Verhängniß der Orientalen, das dem Menschen seinen freien Willen nicht läßt und ihm die Fähigkeit, das Böse vorherzusehen und demselben vorzubeugen, raubt.
Der Ritter erstickte alle Furcht; er sagte sich, er kämpfe schon so lange, es wäre einmal Zeit, auf die eine oder auf die andere Weise ein Ende zu machen, und wenn das Geschick diese Stunde als seine letzte bestimmt hätte, so sollte sie ihm willkommen sein.
Er folgte also der Alten, welche dieses große Gedränge durchschnitt und, bei ihrer Umhüllung ohne Zweifel sicher, nicht erkannt zu werden, gerade auf das Haus zuschritt, das man dem Ritter als Wohnung gegeben hatte.
Auf der Schwelle dieses Hauses wartete Musaron.
Sobald er eingetreten war, führte Agenor die Alte bis in das abgelegenste Zimmer.
Die Alte folgte ihm, und Musaron, der vermuthete, es würde etwas Neues vorgehen, schloß den Zug.
Als die Alte im Zimmer war, hob sie ihren Schleier auf, und Agenor und sein Knappe erkannten die Amme der Zigeunerin.
Nach dem, was im Palast vorgefallen war, setzte diese Erscheinung Agenor durchaus nicht in Erstaunen; doch Musaron stieß in seiner Unwissenheit einen Schrei der Verwunderung aus.
»Hoher Herr sagte die Alte, »Dona Maria Padilla will mit Euch sprechen und wünscht dem zu Folge, Ihr möget Euch diesen Abend in den Palast begeben. Der König läßt die neu eingetroffenen Truppen die Revue passieren, und während dieser Zeit wird Dona Maria allein sein. Kann sie auf Euch zählen? werdet Ihr kommen?« .
Der Ritter, der für Maria Padilla die guten Gefühle, die er nicht hatte, auch nicht offenbaren konnte, erwiderte:
»Aber warum wünscht mich denn Dona Maria zu sehen?«
»Herr Ritter, glaubt Ihr, es sei ein großes Unglück, von einer Frau wie Dona Maria Padilla zu einem geheimen Gespräch auserwählt zu werden?« sagte die Amme mit jenem gefälligen Lächeln der alten Dienerinnen des Süden.
»Nein,« sprach Agenor; »doch ich gestehe, ich liebe die Rendezvous in freier Luft, die Orte, wo es nicht an Raum gebricht und wohin ein Mann mit seinem Pferd und mit seiner Lanze gehen kann.«
»Und ich mit meiner Armbrust,« sagte Musaron.
Die Alte lächelte bei diesen Zeichen der Unruhe.
»Ich sehe,« sprach sie, »ich muß meine Botschaft bis zum Ende erfüllen.«
Und sie zog aus ihrer Tasche einen Beutel, der einen Brief enthielt.
Musaron, dem unter solchen Umständen stets die Vorleserrolle zukam, bemächtigte sich des Papiers und las:
»Dieses, Ritter, ist ein Pfand der Sicherheit gegeben von Eurer Reisegefährtin. Besucht mich zu der Stunde und an dem Ort, wie es Euch meine Amme sagen wird, daß wir von Aissa sprechen.«
Bei diesen Worten bebte Agenor, und da der Name der Geliebten die Religion des Liebenden ist, so erschien der Name von Aissa Agenor als eine feierliche Schutzwache, und er rief sogleich, er würde der Amme folgen, wohin sie immer gehen wollte.
»Dann kann nichts einfacher sein,« sagte sie; »ich werde Eure Herrlichkeit diesen Abend in der Kapelle des Schlosses erwarten; diese Kapelle ist öffentlich für die Officiere und Dienstleute des Königs; doch um acht Uhr Abends schließt man die Thüren. Ihr tretet um halb acht Uhr ein und verbergt Euch hinter dem Altar.«
»Hinter dem Altar!« sagte Agenor, den Kopf mit jenen Vorurtheilen des Nordländers schüttelnd, »ich liebe die Rendezvous hinter einem Altare nicht.«
»Oh! seid unbesorgt,« rief die Alte naiv, »Gott wird in Spanien durch diese kleinen Profanationen, an die er gewöhnt ist, nicht beleidigt. Uebrigens werdet Ihr nicht lange zu warten haben; hinter diesem Altar ist eine Thüre, durch welche aus seinen Gemächern der Prinz und die Personen seines Hauses sich in die Kapelle begeben können. Diese Thüre öffne ich Euch, und Ihr werdet, ohne daß man Euch sieht, auf diesem unbekannten Weg verschwinden.«
»Hm! Hm! ohne daß man Euch sieht!« sagte Musaron französisch, »das riecht furchtbar nach Gurgelabschneiderei, was meint Ihr, Herr Agenor?«
»Sei unbesorgt,« erwiderte der Ritter in derselben Sprache; »wir haben den Brief dieser Frau, und obgleich nur mit ihrem Taufnamen unterzeichnet, ist er doch eine Bürgschaft für uns. Sollte mir Unglück widerfahren, so würdest Du mit diesem Brief zum Connetable und zu Don Enrique von Transtamare zurückkehren; Du würdest ihnen meine Liebe, mein Unglück und die List mittheilen, der man sich bedient, um mich in die Falle zu locken; und ich kenne sie Beide, man würde an den Verräthern eine Rache üben, welche Spanien zittern machen müßte.«
»Sehr gut,« entgegnete Musaron; »doch mittlerweile wäret Ihr darum nicht minder erwürgt.«
»Ja, aber wenn mich Dona Maria wirklich über Aissa zu sprechen wünscht?«
»Gnädiger Herr, Ihr seid verliebt, das heißt Ihr seid verrückt,« sagte Musaron, »und ein Verrückter hat immer Recht, besonders da, wo er ausschweift. V«r« zeiht, gnädiger Herr, doch das ist die Wahrheit. Ich füge mich, geht dahin.«
Und der ehrliche Musaron stieß einen tiefen Seufzer aus, als er diese Rede endigte.
»Doch warum sollte ich im Ganzen nicht mit Euch gehen?« sagte er plötzlich.
Weil Don Enrique von Transtamare, dem König von Castilien, eine Antwort zu überbringen ist, und weil, wenn ich todt bin, Du allein den Erfolg meiner Sendung melden kannst,« sprach Agenor.
Und er erzählte auf's Genauste und Klarste dem Knappen die Antwort von Don Pedro.
»Aber ich kann doch wenigstens in der Nähe des Palastes wachen,« entgegnete Musaron, der sich noch nicht für geschlagen hielt.
»Warum dies?«
»Um Euch zu vertheidigen, beim Leibe von San Jago!« rief der Knappe, »um Euch zu vertheidigen mit meiner Armbrust, die ein halbes Dutzend von diesen gelben Gelichtern niederwerfen wird, während Ihr ein anderes halbes Dutzend mit Eurem Schwerte zu Boden streckt. Das wird immerhin ein Dutzend Ungläubiger weniger sein, was unserem Seelenheil nichts schaden kann.«
»Mein lieber Musaron,« sagte Agenor, »mache mir im Gegentheil das Vergnügen, Dich nicht zu zeigen. Tödtet man mich, so werden die Mauern des Alcazar allein etwas davon erfahren; doch höre,« fügte er mit dem Vertrauen redlicher Herzen bei, »ich glaube diese Dona Maria nicht beleidigt zu haben, sie kann mir also nicht grollen; vielleicht habe ich ihr sogar einen Dienst geleistet.»
»Ja, doch den Mauren, Herrn Mothril, ihn habt ihr gehörig beleidigt, hier und anderswo? Wenn ich mich aber nicht täusche, ist er der Gouverneur des Palastes, und es mag Euch einen Begriff von seiner guten Gesinnung gegen Euch geben, daß er es war, der Euch an den Thoren der Stadt verhaften und in einen Kerker werfen lassen wollte. Die Geliebte des Königs habt Ihr nicht zu fürchten, das gebe ich zu, aber den Günstling,«
Agenor war ein wenig abergläubig: er mischte gern die Religion in solche bei Verliebten gewöhnliche Capitulationen des Gewissens, und so sagte er in seinem Innern, während er sich gegen die Alte umwandte:
»Wenn sie lächelt, gehe ich.«
Die Alte lächelte.
»Kehrt zu Dona Maria zurück,« sprach der Ritter zur Amme; »die Sache ist abgemacht; diesen Abend um sieben Uhr bin ich in der Kapelle.«
»Gut, und ich werde Euch mit dem Schlüssel der kleinen Thüre erwarten,« erwiderte die Amme,
»Gott befohlen, Herr Agenor; Gott befohlen, freundlicher Knappe.«
Musaron schüttelte den Kopf, die Alte verschwand.
Agenor wandte sich gegen Musaron um und sprach:
»Du erhälst keine Briefe für den Connetable, man könnte Dich verhaften und sie Dir abnehmen. Du sagst ihm, der Krieg sei beschlossen, und er müsse die Feindseligkeiten beginnen; Du hast unser Geld, bediene Dich desselben, um so schnell als möglich zu reisen.«
»Aber Ihr, gnädiger Herr? Man muß doch annehmen, daß Ihr nicht getödtet werdet . . .«
»Ich brauche nichts. Bin ich verrathen, so opfere ich ein Leben der Anstrengung und der Täuschungen, dessen ich mich müde fühle. Begünstigt mich im Gegentheil Dona Maria, so wird sie mich Pferde und Führer finden lassen. Reise ab, Musaron, reise auf der Stelle ab, die Augen sind auf mich gerichtet und nicht auf Dich; man weiß, daß ich bleibe, und mehr braucht man nicht. Brich sogleich auf, Dein Pferd ist gut und Dein Muth groß. Ich, für meine Person, werde den Rest des Tages im Gebet hinbringen. Gehe!«
Dieser Plan, so abenteuerlich er auch scheinen mag, war, einmal angenommen, nach der Lage der Dinge gut, Musaron hörte auch auf, tun zu bestreiten, nicht aus Höflichkeit gegen seinen Herrn, sondern aus Ueberzeugung.
Musaron brach eine Viertelstunde, nachdem man den Beschluß gefaßt, auf und verließ die Stadt ohne Schwierigkeit, Agenor versenkte sich ins Gebet, wie er es gesagt hatte, und wandte sich um halb acht Uhr nach der Kapelle.
Die Alte erwartete ihn; sie bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge sich beeilen, und öffnete, den Ritter mit sich fortziehend, die kleine Thüre.
Nach einer langen Reihe von Gängen und Gallerien, trat Agenor in einen niedrigen, halb beleuchteten Saal, der von einer mit Blumen bedeckten Gallerte umgeben war.
Unter einer Art von Prachthimmel saß eine Frau mit einer Sklavin, welche sie wegschickte, sobald sie den Ritter erschaute.
Die Alte entfernte sich aus Bescheidenheit ebenfalls, nachdem sie den Ritter eingeführt hatte.
»Ich danke für Eure Pünktlichkeit.« sagte Dona Maria zu Mauléon, »Ich wußte, Ihr wäret edel und muthig. Ich wollte Euch danken, nachdem ich scheinbar eine Treulosigkeit gegen Euch begangen hatte.«
Agenor antwortete nicht; um von Aissa zu sprechen, hatte man ihn gerufen, und zu diesem Ende war er auch gekommen.
»Tretet näher,« sagte Dona Maria.
»Ich bin dem König Don Pedro so sehr zugethan, daß ich seine Interessen wahren mußte, indem ich die Eurigen verletzte; doch meine Entschuldigung liegt in meiner Liebe, und Ihr, der Ihr liebt, müßt mich begreifen.«
Maria näherte sich dem Ziele der Zusammenkunft, nichtsdestoweniger beschränkte sich Agenor auf eine Verbeugung und blieb stumm.
»Nun, da meine Angelegenheiten geordnet sind, wollen wir von den Eurigen reden, Herr Ritter,« fuhr Maria fort.
»Von welchen?» fragte Agenor.
»Von denjenigen, welche Euch am Lebhaftesten interessiren.«
Als Agenor dieses offenherzige Lächeln, diese anmuthige Geberde, diese ganz vertrauliche Beredtsamkeit wahrnahm, fühlte er sich entwaffnet.
»Setzt Euch hierher,« sagte die Zauberin, indem sie ihm mit der Hand einen Platz in ihrer Nähe bezeichnete.
Der Ritter that, was man ihm befahl.
»Ihr hieltet mich für Eure Feindin,« sprach die junge Frau, »doch dem ist nicht so, und zum Beweis mag dienen, daß ich bereit bin, Euch Dienste zu leisten, die denen, welche Ihr mir geleistet, wenigstens gleichkommen.«
Agenor schaute sie erstaunt an, Maria Padilla fuhr fort:
»Seid Ihr nicht auf dem Wege, ein guter Beschützer, seid Ihr nicht ein guter mittelbarer Rathgeber für mich gewesen?«
»Sehr mittelbar,« entgegnete Agenor, »denn ich wußte durchaus nicht, mit wem ich sprach.«
»Es ist mir darum nicht minder gelungen, dem König durch die Nachrichten, die Ihr mir gegeben habt, zu dienen,« sagte Maria Padilla lächelnd, »hört also auf zu leugnen, daß Ihr mir nützlich gewesen.«
»Nun wohl, ich gestehe es, Madame . . . doch Ihr . . . «
»Ihr glaubt nicht, daß ich im Stande sei, Euch zu dienen. Oh! Ritter, Ihr habt einen Verdacht gegen meine Dankbarkeit.«
»Ihr wünschtet vielleicht dankbar zu sein, Madame, ich will das nicht in Abrede ziehen.«
»Ich habe den Wunsch und die Möglichkeit. Nehmt zum Beispiel an, Ihr würdet in Soria zurückgehalten.«
Agenor bebte.
»Ich kann Euer Entkommen aus der Stadt erleichtern,« fuhr Dona Maria fort.
»Oh! Madame, wenn Ihr so handelt, unterstützt, Ihr ebenso sehr die Interessen von König Don Pedro, als die meinigen, denn Ihr verhindert es, daß man den König des Verraths und der Feigheit beschuldigt.«
»Ich würde das zugeben,« erwiderte die junge Frau, »wäret Ihr nur ein einfacher, Allen unbekannter Botschafter, wäret Ihr nur gekommen, eine rein politische Sendung zu vollziehen, und könntet Ihr nur den Haß oder das Mißtrauen beim König erregen; aber besinnt Euch wohl, habt Ihr nicht noch einen anderen Feind in Soria, einen ganz persönlichen Feind?«
Agenor wurde sichtbar unruhig.
»Würdet Ihr,« fuhr Dona Maria fort, »würdet Ihr, wenn dem so wäre, nicht begreifen, daß dieser Feind, nicht den König um Rath fragend, nur sich um seinen Privatgroll bekümmernd, Euch eine Falle stellte, um sich an Euch zu rächen, ohne daß der König irgend einen Antheil an dieser Rache hätte? Was Euren Landsleuten leicht zu beweisen wäre, falls es zu einer Erklärung käme. Denn erinnert Euch, Ritter, Ihr seid eben so wohl hier, um Eure Privatinteressen zu wahren, als um über den Interessen von Don Enrique von Transtamare zu wachen.«
Agenor entschlüpfte ein Seufzer.
»Ah! ich glaube, Ihr habt mich verstanden,« sagte Dona Maria. »Nun wohl! wenn ich die Gefahr von Euch entfernte, die Euch bei diesem Zusammentreffen bedrohen kann?«
»Ihr würdet mir das Leben erhalten, Madame, und die Lebenserhaltung ist für Viele ein großes Interesse; ich aber weiß nicht, ob ich Euch für Euren Edelmuth sehr dankbar wäre.«
»Warum nicht?«
