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Kitabı oku: «Der Graf von Bragelonne», sayfa 119
III.
Wie Mouston fett geworden, ohne daß er Porthos zuvor davon in Kenntniß gesetzt hatte, und von den Unannehmlichkeiten, welche hieraus entsprungen waren
Seit der Abreise von Athos nach Blois, hatten sich Porthos und d’Artagnan selten zusammengefunden. Der Eine hatte einen anstrengenden Dienst beim König gehabt, der Andere hatte viele Meubles eingekauft, die er aus seine Güter mitzunehmen beabsichtigte, und mit deren Hilfe er in seinen Residenzen ein wenig von jenem Hofluxus zu gründen hoffte, dessen glänzende Helle er in der Gesellschaft Seiner Majestät erschaut.
Immer getreu, dachte d’Artagnan eines Morgens, als ihm sein Dienst einige Freiheit ließ, an Porthos, und besorgt, weil er seit mehr als vierzehn Tagen nicht mehr von ihm hatte sprechen hören, wanderte er nach seinem Hotel, wo er ihn traf, als er eben vom Bette ausstand.
Der würdige Baron sah nachdenkend aus, mehr als nachdenkend, schwermüthig. Er saß aus seinem Bett, halb nackt, die Beine hängend, und betrachtete eine Menge von Kleidern, die mit ihren Fransen, mit Ihren Galonen, mit ihren Stickereien und mit ihrem Klingklang unharmonischer Farben zerstreut aus dem Boden umherlagen.
Traurig und träumerisch, wie der Hase von La Fontaine, sah Porthos d’Artagnan nicht eintreten, den ihm überdies auch im Augenblick Mouston verbarg, dessen persönliche Beleibtheit, in jedem Fall sehr genügend, um einen Menschen vor einem andern zu verbergen, momentan dadurch verdoppelt wurde, daß er vor seinem Herrn an den Aermeln einen scharlachrothen Rock ausgebreitet hielt, um ihn von allen Seiten anschaulicher zu machen.
D’Artagnan blieb aus der Schwelle stehen und betrachtete den nachdenkenden Porthos; dann, da der Anblick dieser zahllosen, zerstreut aus dem Boden umherliegenden Kleider der Brust des würdigen Edelmanns tiefe Seufzer entwand, dachte d’Artagnan, es sei Zeit, ihn dieser schmerzlichen Beschauung zu entreißen, und hustete, um sich anzukündigen.
»Ah!« rief Porthos, dessen Gesicht sich vor Freude erleuchtete, »ah! ah! hier kommt d’Artagnan! Endlich werde ich einen Gedanken haben.«
Bei diesen Worten vermuthete Mouston, was hinter ihm vorging; er trat aus die Seite und lächelte dabei dem Freunde seines Herrn zu, der nun von dem materiellen Hinderniß befreit war, das ihn bis zu d’Artagnan zu gelangen abhielt.
Porthos ließ, indem er sich ausrichtete, seine mächtigen Kniee krachen, durchmaß mit zwei Schritten das Zimmer, stand vor d’Artagnan und preßte diesen mit einer Zärtlichkeit ans Herz, die von Tag zu Tag eine neue Stärke zu gewinnen schien.
»Ah!« wiederholte er, »Ihr seid stets willkommen, theurer Freund, doch heute seid Ihr es mehr, als je.«
»Oho! man ist traurig bei Euch?« sagte d’Artagnan.
Porthos antwortete durch einen Blick, der Niedergeschlagenheit ausdrückte.
»Nun! erzählt mir das, Porthos, mein Freund, wenn es nicht etwa ein Geheimniß ist.«
»Vor Allem, mein Freund,« sprach Porthos, »Ihr wißt, daß ich kein Geheimniß für Euch habe. Höret also, was mich betrübt.«
»Wartet, Porthos, laßt mich zuerst meine Füße aus dieser Streu von Atlas- und Sammetstoffen loswickeln.«
»Oh! geht immer zu,« erwiederte Porthos mit kläglichem Ton, »dies Alles ist nur Brack.«
»Teufel! Brack, Porthos! Tuch zu zwanzig Livres die Elle! herrlicher Atlas! königlicher Sammet!«
»Ihr findet also diese Kleider . . . «
»Glänzend, Porthos, glänzend! Ich wette, Ihr allein habt so viel in Frankreich, und angenommen, Ihr lasset nicht mehr ein einziges machen, und Ihr werdet hundert Jahre leben, worüber ich mich nicht wundern würde, könntet Ihr noch neue Kleider an Eurem Todestag tragen, ohne daß Ihr von heute bis zu diesem Tag die Nase eines einzigen Schneiders zu sehen nöthig hättet.«
Porthos schüttelte den Kopf.
»Höret, mein Freund,« fuhr d’Artagnan fort, »diese Schwermuth, die nicht in Eurem Charakter liegt, erschreckt mich. Mein lieber Porthos, machen wir uns je eher, desto besser, davon frei.«
»Ja, mein Freund, thun wir das,« erwiederte Porthos, »wenn es überhaupt möglich ist,«
»Habt Ihr schlimme Nachrichten von Bracieux erhalten, mein Freund?«
»Nein, man bat Holz geschlagen, und es hat ein Drittel über die Schätzung ertragen.«
»Hat eine Flucht in den Teichen von Pierrefonds stattgefunden?«
»Nein, mein Freund, man hat sie ausgefischt, und aus dem Ueberfluß vom Verkauf hätte man alle Teiche mit jungen Fischen besetzen können.«
»Sollte das Vallon in Folge eines Erdbebens eingestürzt sein?«
»Nein, mein Freund, im Gegentheil, der Blitz hat hundert Schritte vom Schloß eingeschlagen und eine Quelle an einem Orte springen gemacht, wo es völlig an Wasser mangelte.«
»Nun! was gibt es denn?«
»Ich habe eine Einladung zu dem Feste in Vaux erhalten.«
»Ei! beklagt Euch doch ein wenig! Der König hat in den Haushaltungen des Hofes mehr als hundert Zwistigkeiten aus Leben und Tod dadurch veranlaßt, daß er Einladungen verweigert. Ah! wahrhaftig, theurer Freund, Ihr seid bei der Fahrt nach Vaux? Ah! ah! ah!«
»Mein Gott, ja.«
»Ihr werdet einen herrlichen Anblick genießen, mein Freund.«
»Ach! ich vermuthe es.«
»Alles, was es in Frankreich Großes gibt, wird dort versammelt sein.«
»Ah!« machte Porthos. Und er raufte sich aus Verzweiflung ein Pfötchen voll Haare aus.
»Guter Gott!« rief d’Artagnan, »seid Ihr krank, mein Freund?«
»Alle Wetter! ich befinde mich wie der Pont-Neuf. Das ist es nicht.«
»Aber was ist es denn?«
»Ich habe keine Kleider.«
D’Artagnan blieb versteinert.
»Keine Kleider! Porthos!« rief er, »keine Kleider! während ich mehr als fünfzig auf dem Boden sehe!«
»Fünfzig, ja, und nicht eines, das mir taugt.«
»Wie! nicht eines, das Euch taugt? Man nimmt also kein Maß von Euch, wenn man Euch kleidet?«
»Doch, doch,« erwiederte Mouston, »aber leider bin ich stärker geworden.«
»Wie, Ihr seid stärker geworden?«
»So, daß ich nun dicker, viel, viel dicker bin, als der Herr Baron. Solltet Ihr das glauben, gnädiger Herr?«
»Bei Gott! das sieht man wohl.«
»Siehst Du, Dummkopf, man sieht das!« rief Porthos.
»Aber, mein lieber Porthos,« sagte d’Artagnan mit einer leichten Ungeduld, »ich weiß nicht, warum Eure Kleider für Euch nicht passend sind, weil Mouston dicker geworden ist.«
»Ich will Euch das erklären, mein Freund, Ihr erinnert Euch, mir die Geschichte von einem römischen General, Antonius, erzählt zu haben, der immer sieben Wildschweine, zu verschiedenen Punkten gekocht, am Spieß hatte, um sein Mittagsmahl, zu welcher Stunde des Tages es ihm beliebte, verlangen zu können. Wohl! ich beschloß, da ich jeden Augenblick zu Hofe berufen werden und dort acht Tage verweilen könnte, für diese Veranlassung immer sieben Kleider bereit zu halten.«
»Vortrefflich geurtheilt, Porthos! Nur muß man Euer Vermögen haben, um sich solche Phantasien zu erlauben, abgesehen von der Zeit, die man dadurch verliert, daß man sich anmessen läßt. Die Moden wechseln so oft!«
»Gerade hierin schmeichelte ich mir, etwas sehr Geistreiches gesunden zu haben.«
»Sprecht, laßt hören. Ich zweifle, bei Gott! nicht an Eurem Genie.«
»Ihr erinnert Euch, daß Mouston mager war?«
»Ja, zur Zeit, wo er Mousqueton hieß.«
»Ihr erinnert Euch auch der Zeit, wo er fett zu werden anfing?«
»Nein, nicht genau. Ich bitte Euch um Verzeihung, mein lieber Mouston.«
»Oh! der gnädige Herr ist nicht mangelhaft,« erwiederte Mouston mit einer liebenswürdigen Miene, »der gnädige Herr war in Paris, und wir waren in Pierrefonds.«
»Nun, Porthos, es gab also eine Zeit, wo Mouston stark zu werden anfing? Nicht wahr, das wollt Ihr sagen?«
»Ja, mein Freund, und darüber freute ich mich zu jener Zeit ungemein.«
»Pest, das glaube ich wohl,« rief d’Artagnan.
»Ihr begreift, daß das mir Mühe ersparte,« fuhr Porthos fort.
»Nein, mein Freund, ich begreife noch nicht; doch wenn Ihr mir genau erklärt . . . «
»Ich komme zur Sache, mein Freund. Vor Allem ist es, wie Ihr sagt, ein Zeitverlust, daß man sich soll anmessen lassen, und wäre es nur einmal alle vierzehn Tage. Und dann kann man aus der Reise sein, und wenn man immer sieben Anzüge im Gange haben will . . . Kurz, mein Freund, ich Hasse es, irgend Jemand mein Maß zu geben. Was Teufels, man ist Edelmann oder ist es nicht! Sich von einem solchen Burschen, der einen nach Fuß, Zoll und Linie analysirt, messen und untersuchen zu lassen, ist demüthigend. Dergleichen Leute finden uns hier zu hohl, dort zu hervorragend; sie kennen unsere Stärke und unsere Schwäche. Geht man aus den Händen eines solchen Anmessers hervor, so gleicht man jenen Festungen, deren Winkel und Dicken ein Spion ausgekundschaftet hat.«
»In der That, mein lieber Porthos, Ihr habt Ideen, die nur Euch eigenthümlich sind.«
»Ah! Ihr begreift, wenn man Ingenieur ist . . . «
»Und Belle-Isle befestigt hat, ganz richtig, mein Freund.«
»Ich hatte also einen Gedanken, und ohne Zweifel wäre er ohne die Nachlässigkeit von Herrn Mouston gut gewesen.«
D’Artagnan warf einen Blick aus Mouston, der diesen Blick mit einer Bewegung des Körpers erwiederte, welche besagen wollte: »Ihr werdet sehen, ob ich an dem Allem Schuld bin.«
»Ich wünschte mir also Glück, da ich Mouston fett werden sah,« fuhr Porthos fort, »und ich half selbst mit allen meinen Kräften dazu, ihm Beleibtheit mittelst einer wesenhaften Nahrung zu verschaffen, beständig in der Hoffnung, es würde ihm gelingen, mir an Umfang gleich zu kommen, und er könnte sich dann statt meiner anmessen lassen.«
»Ah! beim Gewitter, ich begreife,« rief d’Artagnan, »das ersparte Euch die Mühe und die Demüthigung.«
»Denkt Euch als meine Freude, als ich nach anderthalb Jahren einer gut ausgedachten Nahrung, denn ich gab mir die Mühe, diesen Burschen selbst zu speisen . . . «
»Ah! und ich habe treulich dabei geholfen, gnädiger Herr,« versetzte Mouston bescheiden.
»Das ist wahr. Denkt Euch also meine Freude, als ich eines Morgens bemerkte, daß Mouston genöthigt war, sich zusammenzuziehen, wie ich mich selbst zusammenzog, um durch die kleine Geheimthüre zu gehen, welche diese Teufel von Baumeistern in dem Zimmer von Madame du Vallon in Pierrefonds angebracht haben. Bei Gelegenheit dieser Thüre frage ich Euch, mein Freund, der Ihr Alles wißt, wie es diesen Eseln von Architekten, welche von ihrem Handwerke aus den Compaß im Kopf haben müssen, einfallen kann, Thüren zu machen, durch welche nur magere Leute zu gehen im Stande sind.«
»Solche Thüren,« erwiederte d’Artagnan, »sind für die Liebhaber bestimmt; ein Liebhaber aber ist in der Regel von schlankem, hageren Wuchse.«
»Madame du Vallon hatte keinen Liebhaber,« entgegnete Porthos mit Majestät.
»Ganz richtig, mein Freund,« sagte d’Artagnan; »doch die Baumeister haben an den Fall gedacht, daß Ihr vielleicht wieder heirathen würdet.«
»Ah! das ist möglich,« sprach Porthos. »Und nun, da mir die Erklärung der zu engen Thüren gegeben, ist, kommen wir aus das Fettwerden von Mouston zurück. Doch bemerkt, daß sich diese beiden Dinge berühren, mein Freund. Ich habe immer wahrgenommen, daß die Ideen sich paarten. So bewundert folgendes Phänomen, d’Artagnan: ich sprach mit Euch von Mouston, der dick wurde, und wir sind dadurch aus Madame du Vallon gekommen.«
»Welche mager war.«
»Hin! ist das nicht wunderbar!«
»Mein lieber, ein mir befreundeter Gelehrter, Herr Costar, hat dieselbe Bemerkung gemacht, wie Ihr, und er benennt das mit einem griechischen Namen, dessen ich mich nicht mehr erinnere.«
»Ah! meine Bemerkung ist also nicht neu?« rief Porthos erstaunt; »ich glaubte sie erfunden zuhaben.«
»Mein Freund, das war eine vor Aristoteles, das heißt, vor etwa zweitausend Jahren bekannte Thatsache.«
»Wohl! darum ist es nicht minder richtig,« sagte Porthos, entzückt, mit den Gelehrten des Alterthums zusammengetroffen zu sein.
»Vortrefflich! Doch wenn wir aus Mouston zurückkämen . . . mich dünkt, wir haben ihn augenscheinlich stärker werdend verlassen.«
»Ja, gnädiger Herr,« sagte Mouston.
»Gut, ich bin dabei,« sprach Porthos. »Mouston nahm also dergestalt zu, daß er alle meine Hoffnungen erfüllte, denn er erreichte mein Maß; hiervon konnte ich mich eines Tags« überzeugen, als ich aus dem Leibe dieses Burschen ein Kamisol von mir erblickte, aus dem er sich einen Rock gemacht hatte, das, nur was die Stickerei betrifft, hundert Pistolen werth war.«
»Das geschah, um es zu probiren, gnädiger Herr,« sagte Mouston.
»Von diesem Augenblick an, fuhr Porthos fort, »beschloß ich, daß Mouston mit meinem Schneider in Verbindung treten und sich an meiner Stelle anmessen lassen sollte.«
»Herrlich ersonnen, Porthos; doch Mouston ist anderthalb Fuß kleiner, als Ihr.«
»Ganz richtig, man nahm das Maß bis aus den Boden, und das Ende des Kleides ging mir gerade bis über das Knie.«
»Welches Glück habt Ihr doch, Porthos! Dergleichen Dinge widerfahren nur Euch.«
»Ah! ja, macht mir Euer Kompliment, es ist Ursache dazu vorhanden. Gerade um diese Zeit, nämlich vor ungefähr dreieinhalb Jahren reiste ich nach Belle-Isle ab; ich beauftragte Mouston, um immer und im Fall der Noth ein, Muster von allen Moden zu haben, sich jeden Monat ein Kleid machen zu lassen.«
»Sollte es Mouston versäumt haben, Euren Auftrag zu befolgen? Oh! das wäre schlimm, Mouston.«
»Im Gegentheil, gnädiger Herr, im Gegentheil.«
»Nein, er hat nicht vergessen, sich die Kleider machen zu lassen, aber er hat vergessen, mich zu benachrichtigen, daß er noch dicker wurde,«
»Ah! das ist nicht mein Fehler, gnädiger Herr, Euer Schneider hat es mir nicht gesagt.«
»So,« sprach Porthos, »so, daß der Bursche seit zwei Jahren um achtzehn Zoll Umfang zugenommen hat, und daß meine zwölf letzten Röcke alle stufenweise um einen bis anderthalb Fuß zu weit sind.«
»Doch die anderen, diejenigen, welche sich der Zeit nähern, wo Eure Taille dieselbe war?«
»Sie sind nicht mehr in der Mode, mein lieber Freund, Zöge ich sie an, so würde ich aussehen, als käme ich von Siam, und als wäre ich zwei Jahre von Hofe entfernt gewesen.*
»Ich begreife Eure Verlegenheit. Wie viel neue Kleider habt Ihr? nicht wahr, sechs und dreißig? und Ihr habt kein einziges. Wohl! Ihr müßt Euch ein sieben und dreißigstes machen lassen; die sechs und dreißig anderen sind für Mouston.«
»Ah! gnädiger Herr!« rief Mouston mit zufriedener Miene. »Doch der gnädige Herr ist allerdings immer gütig gegen mich gewesen.«
»Bei Gott! glaubt Ihr, dieser Gedanke sei mir nicht auch gekommen, oder ich habe die Ausgabe gescheut? Aber es sind nur noch zwei Tage von jetzt bis zu dem Feste in Vaux; ich habe die Einladung gestern erhalten, ich habe Mouston mit Post mit meiner Garderobe kommen lassen, ich habe das Unglück, das mir begegnete, erst diesen Morgen wahrgenommen, und es gibt keinen Schneider, der nur ein wenig in der Mode wäre und es übernähme, mir bis übermorgen ein Kleid zu verfertigen.«
»Nämlich ein mit Gold bedecktes Kleid, nicht wahr?«
»Ich will überall Gold haben.«
»Wir werden das in Ordnung bringen. Ihr geht erst in drei Tagen ab. Die Einladungen sind für Mittwoch gemacht, und wir sind am Sonntag Morgen.«
»Das ist wahr, doch Aramis hat mir eingeschärft, vier und zwanzig Stunden vorher in Vaux zu sein.«
»Wie, Aramis?«
»Ja, Aramis hat mir die Einladung gebracht.«
»Ah! sehr gut, ich begreife. Ihr seid von Herrn Fouquet eingeladen?«
»Nein, von Seiten des Königs, lieber Freund. Auf dem Zettel stand mit allen Buchstaben geschrieben: »»Der Herr Baron du Vallon wird benachrichtigt, daß der König die Gnade gehabt hat, ihn aus die Liste seiner Einladungen zu setzen.««
»Sehr gut; doch Ihr werdet mit Herrn Fouquet abgehen?«
»Und wenn ich bedenke,« rief Porthos, mit einem Fußtritt den Boden einstoßend, »wenn ich bedenke, daß ich keine Kleider haben werde, so berste ich vor Zorn. Ich möchte gern Einen erwürgen oder Etwas zerreißen!«
»Erwürgt Niemand und zerreißt Nichts, Porthos; ich werde Alles in Ordnung bringen. Zieht eines von Euren sechs und dreißig Kleidern an und kommt mit mir zu einem Schneider.«
»Bah! mein Kammerdiener ist seit dem Morgen bei allen gewesen.«
»Auch bei Herrn Percerin?«
»Wer ist Herr Percerin?«
»Er ist der Schneider des Königs, bei Gott!«
»Ah! ja, ja,« rief Porthos, der sich das.Ansehen geben wollte, als kennete er den Schneider des Königs, während er seinen Namen zum ersten Mal hörte; »bei Herrn Percerin, dem Schneider des Königs, bei Gott! Ich dachte, er wäre zu sehr beschäftigt.«
»Ohne Zweifel wird er zu sehr beschäftigt sein; doch seid unbesorgt, Porthos, er wird für mich thun, was er für einen Andern nicht thun würde. Nur müssen wir ihn das Maß nehmen lassen, mein Freund.«
»Oh!« versetzte Porthos mit einem Seufzer, »das ist ärgerlich, doch was kann man am Ende thun!«
»Ihr werdet es machen, wie die Anderen, Ihr werdet es machen, wie der König,«
»Wie, man mißt auch dem König an? Und er duldet es.«
»Der König ist eitel, mein Lieber, und Ihr, Ihr seid es auch, was Ihr auch sagen wöget.«
Porthos lächelte mit einer siegreichen Miene und sprach:
»Gehen wir zum Schneider des Königs; und da er dem König anmißt, so kann ich mir, bei Gott! wohl auch anmessen lassen.«
IV.
Wer das war, der Herr Jean Percerin
Der Schneider des Königs, Messire Jean Percerin, bewohnte ein ziemlich großes Haus in der Rue Saint-Honoré, bei der Rue de l’Arbre-Sec. Er war ein Mann, der Geschmack für schöne Stoffe, für schöne Stickereien, für Sammete hatte; die Kundschaft des Königs hatte sich vom Vater aus den Sohn vererbt. Diese Erbfolge beschränkte sich indessen nicht hieraus, sie ging bis zu Karl IX. zurück, bei dem, wie man weiß, häufig Bravourlaunen vorkamen, welche sehr schwer zu befriedigen waren.
Der Percerin jener Zeit war ein Hugenot, wie Ambroise Paré; die Königin von Navarra, die schöne Margot, hatte ihn verschont, weil er der Einzige gewesen, dem es gelungen war, ihr die herrlichen Reitkleider zu verfertigen, die sie so gern trug, weil sie geeignet waren, gewisse anatomische Mängel zu verbergen, welche die Königin von Navarra so sorgfältig verbarg.
Der gerettete Percerin machte aus Dankbarkeit schöne, schwarze, sehr ökonomische Leibchen für die Königin Catharina, welche am Ende dem Hugenotten, dem sie lange ein böses Gesicht gemacht hatte, für seine Erhaltung sehr gewogen war. Doch Percerin war ein kluger Mann; er hatte sagen hören, nichts sei für einen Hugenoten gefährlicher, als das Lächeln der Königin Catharina, und da er bemerkte, daß sie ihm öfter, als gewöhnlich, zulächelte, so beeilte er sich, katholisch mit seiner ganzen Familie zu werden, und durch diese Bekehrung tadellos geworden, gelangte er zu der hohen Stellung des Schneidermeisters der Krone von Frankreich.
Unter Heinrich III., der ein äußerst eitler König war, erlangte diese Stellung die Höhe von einer der erhabensten Bergspitzen der Kordilleren. Percerin war sein ganzes Leben ein geschickter Mann gewesen, und um diesen Rus auch über sein Grab hinaus zu bewahren, hütete er sich wohl, seinen Tod zu verfehlen: er starb also sehr geschickt, und gerade zur Stunde, wo seine Einbildungskraft nachzulassen anfing.
Er hinterließ einen Sohn und eine Tochter, Beide würdig des Namens, den sie zu führen berufen waren: der Sohn ein unerschrockener Schneider und pünktlich wie ein Winkelmaß: die Tochter eine Stickerin und Ornamentenzeichnerin.
Die Hochzeit von Heinrich IV. und Maria von Medicis, die schöne Trauer der genannten Königin machten, nebst einigen Herrn von Bassompierre, dem König der Elegants jener Zeit, entschlüpften Worten, das Glück der zweiten Generation der Percerin.
Herr Concino Concini und seine Frau Galigai, welche hernach am französischen Hofe glänzten, wollten die Kleider italienisiren und ließen Schneider von Florenz kommen; aber in seiner Vaterlandsliebe und in seiner Eitelkeit gestachelt, vernichtete Percerin diese Fremdlinge durch die Anwendung seiner Dessins von Brocatell und seiner unnachahmlichen Plumetis13, dergestalt, daß Concino zuerst aus seine Landsleute verzichtete und eine solche Zuneigung zu dem Schneider faßte, daß er nur noch von ihm gekleidet sein wollte; er trug auch ein Wamms von ihm an dem Tag, wo ihm Vitry mit einem Pistolenschuß auf der kleinen Brücke des Louvre die Hirnschale zerschmetterte.
Dieses Wamms, das aus der Werkstätte von Meister Percerin kam, hatten die Pariser das Vergnügen, mit dem darin enthaltenen Menschenfleisch, in so viele Stücke zu zerreißen.
Trotz der Gunst, der sich Percerin bei Concino Concini erfreut hatte, war König Ludwig XIII. edelmüthig genug, keinen Groll gegen seinen Schneider zu hegen und ihn in seinem Dienste zu behalten. In dem Augenblick, wo Ludwig der Gerechte dieses große Beispiel von Billigkeit gab, hatte Percerin zwei Söhne erzogen, von denen der Eine sein Probestück bei der Hochzeit von Anna von Oesterreich machte, für den Cardinal von Richelieu das schöne spanische Kleid erfand, mit dem er Sarabande tanzte, die Costumes des Trauerspiels Mirame verfertigte und aus den Mantel von Buckingham die bekannten Perlen nähte, die aus den Böden des Louvre ausgestreut zu werden bestimmt waren.
Man wird bald berühmt, wenn man Herrn von Buckingham, Herrn von Cinq-Mars, Mademoiselle Ninon, Herrn von Beaufort und Marion de Lorme gekleidet hat. Percerin III. hatte den Culminationspunkt seines Ruhmes erreicht, als sein Vater starb.
Alt, mit Ruhm bekränzt und reich, kleidete noch derselbe Percerin Ludwig XIV., und da er keinen Sohn besaß, was für ihn ein großer Kummer war, insofern mit ihm seine Dynastie erlosch, so hatte er mehrere Zöglinge von schönen Hoffnungen herangebildet. Er hatte einen Wagen, ein Landgut, Lackeien, die größten in Paris, und durch besondere Erlaubniß von Ludwig XIV. eine Meute. Er kleidete die Herren von Lyonne und Letellier mit einer Art von Protection, aber ihm, dem Politiker, genährt von den Staatsgeheimnissen, war es nie gelungen, ein Kleid für Herrn Colbert zu verfertigen. Das läßt sich nicht erklären, es erräth sich. Die großen Geister jeder Art leben von unfaßbaren, unsichtbaren Vorstellungen; sie handeln, ohne selbst zu wissen, warum. Der große Percerin, denn gegen die Gewohnheit der Dynastien, war es besonders der letzte der Percerin, der den Beinamen der Große verdient hatte, der große Percerin, sagen wir, schnitt in Folge einer Eingebung einen Rock für die Königin oder eine enge Hofe für den König; er ersann einen Mantel für Monsieur, einen Strumpfzwickel für Madame; doch trotz seines erhabenen Genies konnte er das Maß von Herrn Colbert nicht festhalten: »Dieser Mann,« sagte er oft, »liegt außer meinem Talent, und ich wäre nicht im Stande, ihn im Dessin meiner Nadeln zu sehen!«
Es versteht sich von selbst, daß Percerin der Schneider von Herrn Fouquet war, und daß ihn der Herr Oberintendant hochschätzte.
Herr Percerin zählte gegen achtzig Jahre, und dennoch war er so frisch und zu gleicher Zeit so dürr, wie die Hofleute sagten, als er spröde war. Sein Rus und sein Vermögen waren groß genug, daß der Herr Prinz, dieser König der Zierlinge, ihm, während er sich über Costumes mit ihm unterhielt, den Arm gab, und daß die im Bezahlen am wenigsten eifrigen Hofleute es nie wagten, die Rechnungen bei ihm zu lange anstehen zu lassen; denn Percerin machte einmal Kleider aus Kredit, doch nie zum zweiten Mai, wenn er nicht für das erste Mal bezahlt war.
Man begreift, daß ein solcher Schneider, statt Kunden nachzulaufen, nur mit Schwierigkeiten neue annahm. Percerin weigerte sich auch, die Bürger und die zu neu Geadelten zu kleiden. Es ging sogar das Gerücht, Herr von Mazarin habe ihm gegen die uneigennützige Lieferung eines großen, vollständigen Ceremonienkleides für einen Cardinal an einem schönen Tag ein Adelsdiplom in die Tasche gesteckt.
Percerin hatte Witz und Bosheit. Man sagte, er sei sehr aufgeweckt. Mit seinem achtzigsten Jahre nahm er noch mit fester Hand das Maß vom Leibe einer Frau.
In das Haus dieser künstlerischen Vornehmheit führte d’Artagnan den trostlosen Porthos.
Dieser sagte unter Weges zu seinem Freunde:
»Mein lieber d’Artagnan, nehmt Euch in Acht, daß es keinen Zusammenstoß der Würde eines Mannes, wie ich bin, mit der Unverschämtheit dieses Percerin gibt, der sehr unhöflich sein muß, denn ich sage Euch zum Voraus, daß ich ihn, wenn er sich gegen mich verfehlte, bestrafen würde.«
»Durch mich vorgestellt,« erwiederte d’Artagnan, »habt Ihr nichts zu befürchten, und wäret Ihr auch, was Ihr nicht seid.«
»Oh! es ist . . . «
»Was denn? Solltet Ihr etwas gegen Percerin haben. Porthos?«
»Ich glaube, ich habe seiner Zeit . . . «
»Nun, was denn: seiner Zeit?«
»Ich habe Mouston zu einem Burschen dieses Namens geschickt.«
»Weiter?«
»Und dieser Bursche hat sich geweigert, mich zu kleiden.«
»Oh! ein Mißverständnis, das nothwendig ausgeglichen werden muß. Mouston wird es verwechselt haben.«
»Vielleicht.«
»Er hat wohl einen Namen für den andern genommen.«
»Es ist möglich. Dieser Schelm von einem Mouston hat nie ein Namengedächtniß gehabt.«
»Ich übernehme Alles.«
»Sehr gut.«
»Laßt den Wagen halten, Porthos; es ist hier.«
»Hier!«
»Ja, hier.«
»Wie, hier! Wir sind hier in den Hallen und Ihr habt mir gesagt, das Haus sei an der Ecke der Rue de l’Arbre-Sec.«
»Es ist wahr, doch schaut.«
»Wohl! ich schaue und ich sehe . . . «
»Was?«
»Daß wir in den Hallen sind, bei Gott!«
»Ihr wollt ohne Zweifel nicht, daß unsere Pferde auf den Wagen desjenigen, welcher uns voranfährt, hinaufsteigt?«
»Nein.«
»Auch nicht, daß der Wagen, der vor uns kommt, auf den vor ihm hinauffährt?«
»Eben so wenig.«
»Noch daß der zweite Wagen den zwanzig bis dreißig anderen Wagen, welche vor uns gekommen sind, über den Bauch fährt?«
»Oh! bei meiner Treue, Ihr habt Recht. Ah! wie viel Leute, mein Lieber, wie viel Leute!«
»Nicht wahr?«
»Und was machen alle diese Leute hier?«
»Das ist ganz einfach. Sie warten, bis die Reihe an sie kommt.«
»Bah! sollten die Schauspieler des Hotel de Bourgogne ausgezogen sein?«
»Nein, bis die Reihe des Eintritts bei Herrn Percerin an sie kommt.«
»Wir werden also auch warten?«
»Wir, wir werden gescheiter und weniger stolz sein, als sie.«
»Was thun wir dann?«
»Wir steigen aus, wir schreiten mitten durch die Pagen und Lackeien und treten bei dem Schneider ein, dafür stehe ich Euch, besonders, wenn Ihr vorangeht.«
»Vorwärts,« sagte Porthos.
Beide stiegen aus und gingen zu Fuß nach dem Hause.
Was diese Zusammenscharung veranlagte, war der Umstand, daß die Thüre von Herrn Percerin geschlossen war, und daß ein Lackei, der vor dieser Thüre stand, den vornehmen Kunden des vornehmen Schneiders erklärte, für den Augenblick empfange Herr Percerin Niemand. Man wiederholte sich außen immer nach dem, was vertraulich der große Lackei zu einem vornehmen Mann, gegen den er sich freundlich benahm, gesagt hatte, man wiederholte sich, Percerin sei mit fünf Anzügen für den König beschäftigt, und in Betracht der Dringlichkeit der Lage, sinne er in seinem Cabinet über die Verzierungen, die Farbe und den Schnitt dieser fünf Anzüge nach.
Mehrere kehrten, befriedigt durch den Grund und glücklich, ihn Andern sagen zu können, um, aber Andere, von zäherer Natur, bestanden daraus, daß ihnen die Thüre geöffnet werden sollte, und unter den letzten drei Heiligengeistritter, die für ein Ballet bezeichnet waren, das unfehlbar scheitern würde, hätten die drei Heiligengeistritter nicht eigenhändig vom großen Percerin geschnittene Kleider.
Porthos vor sich her schiebend, der die Gruppen durchbrach, gelangte d’Artagnan bis zu den Arbeitstischen, hinter denen sich die Schneidergesellen gewaltig anstrengten, um auf’s Beste zu antworten.
Wir vergessen, zu bemerken, daß man vor der Thüre, Porthos, wie die Anderen, hatte zurückweisen wollen, doch es hatte sich d’Artagnan gezeigt, und nur die Worte: »Befehl des Königs,« gesprochen, und war sogleich mit seinem Freunde eingeführt worden.
Diese armen Teufel hatten viel zu thun und rafften alle ihre Kräfte zusammen, um den Anforderungen der Kunden, in Abwesenheit des Herrn, zu entsprechen; sie unterbrachen sich zuweilen, indem sie einen Stich machten, um eine Phrase zu drechseln, und wenn der verwundete Stolz oder die getäuschte Erwartung sie zu heftig ausschalt, so tauchte der Angegriffene nieder und verschwand unter dem Arbeitstisch.
Die Procession der unzufriedenen vornehmen Herren bildete ein Gemälde voll interessanter Einzelheiten.
Unser Kapitän der Musketiere, der Mann mit dem raschen, sichern Auge, umfaßte es mit einem Blick. Nachdem er jedoch die Gruppen durchlaufen hatte, heftete sich dieser Blick aus einen Mann, welcher gegenüber aus einem Schemel saß und kaum mit dem Kopfe den Arbeitstisch überragte, der ihm Schutz verlieh. Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren mir schwermüthiger Physiognomie, bleichem Gesichte und sanften, leuchtenden Augen. Er schaute d’Artagnan und die Anderen, eine Hand unter dem Kinn, wie ein neugieriger, ruhiger Liebhaber an. Nur als er unsern Kapitän erblickte und ohne Zweifel erkannte, schlug er seinen Hut aus seine Augen nieder.
Es war vielleicht diese Geberde, was den Blick von d’Artagnan anzog. War dem so, so folgte hieraus, daß der Mann mit dem niedergeschlagenen Hut einen von dem, welchen er sich vorgesetzt, sehr verschiedenen Zweck erreicht hatte.
Die Tracht dieses Mannes war übrigens sehr einfach, und seine Haare waren stach genug frisirt, daß ihn minder scharf beobachtende Kunden für einen gewöhnlichen Schneidergesellen halten konnten, der, hinter den eichenen Tisch gekauert, mit Pünktlichkeit am Sammet oder an der Seide nähte.
Jedenfalls hatte dieser Mensch den Kopf zu oft in der Luft, um nützlich mit seinen Fingern zu arbeiten.
D’Artagnan ließ sich nicht bethören; er sah wohl, daß wenn dieser Mensch arbeitete, es sicherlich nicht an Stoffen geschah.
»He!« sagte er, indem er sich an diesen Mann wandte, »Ihr seid also Schneidergesell geworden, Herr Molière?«
»St! Herr d’Artagnan,« erwiederte leise der Mann mit dem niedergeschlagenen Hut, »stille, in des Himmels Namen, Ihr werdet machen, daß man mich erkennt.«
»Nun, was ist daran Schlimmes?«
»Es ist allerdings nichts Schlimmes daran; doch . . . «
»Ihr wollt sagen, es sei auch nicht gut, nicht wahr?«
»Ach! nein, denn ich versichere Euch, ich war beschäftigt, sehr gute Gesichter zu betrachten.«
»Thut das, thut das. Ich begreife, welches Interesse die Sache für Euch hat, Herr Molière; und . . . ich werde Euch in Euren Studien nicht stören.«
»Ich danke Euch.«
»Doch unter einer Bedingung: daß Ihr mir sagt, wo Herr Percerin in der That ist.«
