Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 34

Yazı tipi:

Zwölftes Kapitel.
Die Mazzolata

»Meine Herren, sprach der Graf von Monte Christo; eintretend« »ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, daß ich mir zuvorkommen ließ, aber früher bei Ihnen erscheinend, hätte ich unbescheiden zu sein befürchtet. Überdies ließen Sie mir sagen, Sie würden mich besuchen, und ich hielt mich zu Ihrer Verfügung.«

»Franz und ich haben Ihnen den größten Dank auszudrücken, Herr Graf,« erwiderte Albert; »Sie entziehen uns in der Tat einer großen Verlegenheit; in dem Augenblick, wo uns Ihre freundliche Einladung überbracht wurde, waren wir gerade in Erfindung der phantastischsten Gefährte begriffen.«

»Ei! mein Gott,« erwiderte der Graf, indem er die beiden jungen Männer durch ein Zeichen ersuchte, sich auf einen Divan zu setzen, »es ist der Fehler des einfältigen Pastrini, wenn ich Sie so lange in Verlegenheit ließ; er sagte mir kein Wort von Ihrer mißlichen Lage, während ich, allein und vereinzelt, nur eine Gelegenheit suchte, um mit meinen Nachbarn Bekanntschaft zu machen. Sie haben auch gesehen, wie ich im ersten Augenblick, wo ich erfuhr, ich könnte Ihnen in irgend einer Beziehung nützlich sein, mit allem Eifer diese Veranlassung ergriff, um Ihnen meine Achtung zu bezeigen.«

Die zwei jungen Leute verbeugten sich. Franz hatte noch kein Wort sprechen können, er hatte auch noch keinen Entschluß gefaßt, und da nichts bei dem Grafen seinen Willen« ihn zu erkennen, oder den Wunsch, von ihm erkannt zu werden, andeutete, so wußte er nicht, ob er mit irgend einem Worte auf die Vergangenheit anspielen, oder es der Zukunft überlassen sollte, ihm neue Beweise an die Hand zu geben. Sicher, daß er am Tage vorher in der Loge gewesen, konnte er nicht eben so bestimmt dafür stehen, daß derselbe Mann zwei Tage vorher im Colisseum verweilt hatte. Er beschloß daher, die Dinge ihren Gang geben zu lassen, ohne dem Grafen irgend eine bestimmte Eröffnung zu machen. Überdies war er ihm in einer gewissen Beziehung überlegen, er war Herr seinen Geheimnissee, während der Graf im Gegenteil auf Franz, der nichts zu verbergen hatte, keine Wirksamkeit äußern konnte. Mittlerweile wollte er jedoch das Gespräch aus einen Punkt fallen lassen, der einigen Licht in gewisse Zweifel bringen konnte, und er sprach zu ihm:

»Mein Herr Graf, Sie haben nun Plätze in Ihrem Wagen und an Ihren Fenstern im Palaste Rospoli angeboten, können Sie uns nun wohl sagen, wie wir uns irgend einen Posten, wie man in Italien sagt, auf der Piazza del popolo verschaffen dürften?«

»Ah! ja, das ist wahr,« entgegnete der Graf mit zerstreuter Miene, zugleich aber Morcerf mit einer besondern Aufmerksamkeit anschauend. »findet auf der Piazza del popolo nicht eine Hinrichtung oder dergleichen statt?«

»Ja,« antwortete Franz. als er sah, daß der Graf von selbst dahin kam. wohin er ihn bringen wollte.

»Ah! ich glaube, ich habe gestern meinen Intendanten beauftragt, hierfür zu sorgen: Vielleicht kann ich Ihnen noch einen kleinen Dienst leisten.«

Er streckte die Hand nach einer Klingelschnur aus.

Es trat ein Mensch von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren ein, welcher wie zwei Wassertropfen dem Schmuggler glich, der Franz in die Grotte eingeführt hatte, diesen aber durchaus nicht zu erkennen schien. Er sah. dass Verabredung getroffen worden war.

»Herr Bertuccio,« sagte der Graf, »haben Sie sich meinem Auftrage gemäß bemüht, mir ein Fenster auf der Piazza del popolo zu verschaffen?«

»Ja, Exzellenz,« antwortete der Intendant, »aber es war sehr spät.«

»Wie!« rief der Graf, die Stirne faltend,« »sagte, ich Ihnen nicht, ich wollte einen haben?«

»Und Euere Exzellenz hat auch eines, das, welches vom Fürsten Lobanieff gemiethet worden war; doch ich mußte hundert . . . «

»Gut, gut, Herr Bertuccio, erlassen Sie den Herren diese Haushaltungsgegenstände: Sie haben daß Fenster, mehr braucht es nicht. Geben Sie dem Kutscher die Adresse des Hauses und stellen Sie sich auf die Treppe, um uns zu führen. Das genügt: gehen Sie.

Der Intendant verbeugte sich und machte einen Schritt, um sich zu entfernen.

»Oh!« fügte der Graf bei, »tun Sie mir den Gefallen, fragen Sie Pastrini, ob er die Tavolette erhalten habe und ob er mir das Programm der Hinrichtung schicken wolle.«

»Das ist nicht nötig,« versetzte Franz, seine Schreibtafel aus der Tasche ziehend, »ich habe den Zettel vor Augen gehabt und copiert: hier ist er.«

»Gut; so können Sie gehen. Herr Bertuccio, ich bedarf Ihrer nicht mehr. Man melde uns nur, wenn das Frühstück aufgetragen ist. Diese Herren,« fuhr er sich an die zwei Freunde wendend, fort, »werden mir die Ehre erzeigen, mit mir zu frühstücken?«

»In der Tat, Herr Graf, das hieße Ihre Gute. mißbrauchen,« erwiderte Albert.

»Nein, im Gegentheil, Sie machen mir ein großes Vergnügen: der Eine oder der Andere von Ihnen, oder vielleicht Beide geben Sie mir alles Dies eines Tages in Paris zurück.«

Er nahm die Schreibtafel aus den Händen von Franz und las mit einem Tone, als wären es die »Kleinen Anzeigen« gewesen: »»es sollen hingerichtet werden heute den 22sten Februar Andrea Rondolo, schuldig des Mordes an der Person des hochwürdigen und hochverehrten Don Cesare Torlini, Canonicus der Kirche St. Giovanni in Laterano, und Peppino, genannt Rocca Priori, überwiesen der Genossenschaft mit dem verabscheuungswürdigen Banditen Luigi Vampa und den Leuten seiner Truppe,«« »hm! hm! »»der erste wird mazzolato, der zweite decapitato.«« »Ja. in der Tat,« sprach der Graf, »so sollte die Sache Anfangs vor sich gehen, aber ich glaube, seit gestern ist eine Veränderung in dem Gange und der Ordnung der Ceremonie beliebt worden.«

»Bah!« rief Franz.

»Ja, gestern, bei dem Cardinal Rospigliosi, wo ich den Abend zubrachte, war die Rede von etwas wie von einem Aufschube, der einem von den Verurteilten bewilligt worden sein soll.«

»Andrea Rondolo?« fragte Franz.

»Nein, dem Andern,« erwiderte gleichgültig der Graf, »dem Andern (er warf einen Blick auf die Schreibtafel, als suchte er sich des Namens zu erinnern), Peppino genannt Rocca Priori. Das beraubt Sie einer Guillotinade, aber es bleibt Ihnen noch die Mazzolata, was eine sonderbare Hinrichtung ist, wenn man die Sache zum ersten Male sieht, und selbst noch zum zweiten Male, während die andere, welche Sie überdies kennen müssen, zu einfach, zu einförmig erscheint und nichts Unerwartetes bietet. Die Mandaia täuscht sich nicht, zittert nicht, schlägt nicht falsch. Fängt nicht dreißig mal an, wie der Soldat, als er dem Grafen von Chalais den Kopf abhieb; . . . übrigens hatte ihm Richelieu vielleicht den Verurteilten empfohlen. Oh!« fügte der Graf mit verächtlichem Tone bei, »sprechen Sie mir nicht von den Europäern, was Hinrichtungen betrifft, sie verstehen nichts davon und sind wahrhaftig in den Kinderjahren oder im Alter der Grausamkeit.«

»In der Tat, mein Herr Graf,« erwiderte Franz, »man sollte glauben, Sie hätten ein vergleichendes Studium der Hinrichtungen bei den verschiedenen Völkern der Welt gemacht.«

»Es gibt wenige, die ich nicht gesehen habe,« antwortete kalt der Graf.

»Und Sie fanden ein Vergnügen daran, so furchtbaren Schauspielen beizuwohnen?«

»Mein erstes Gefühl war Widerstreben, mein zweites Gleichgültigkeit. mein drittes Neugierde.«

»Neugierde? das Wort ist schrecklich!«

»Warum? es gibt im Leben nur eine ernste, unser ganzes Wesen erfassende Angelegenheit und das ist der Tod; ist es nicht anziehend, zu studieren, auf was für verschiedene Arten die Seele aus dem Leibe gehen kann, und wie nach den Charakteren, nach den Temperamenten und selbst nach den Sitten der Länder die einzelnen Menschen diesen Übergang vom Sein zum Nichts ertragen? Ich meines Teils stehe Ihnen für Eines: je mehr man sterben gesehen hat, desto leichter wird es einem zu sterben; meiner Ansicht nach ist der Tod vielleicht eine Strafe, aber keine Sühnung.«

»Ich begreife Sie nicht ganz,« sprach Franz; »erklären Sie sich, denn ich kann Ihnen nicht sagen, in welchem Grade Ihre Worte meine Neugierde erregen.«.

»Hören Sie,« versetzte der Graf, und sein Gesicht unterlief sich mit Galle, wie sich das Gesicht eines Anderen mit Blut färbt. »Wenn ein Mensch durch unerhörte Qualen, unter endlosen Martern, Ihren Vater, Ihre Mutter, Ihre Geliebte, eines von den Wesen endlich hätte sterben lassen, die, wenn man sie aus Ihrem Herzen reißt, eine einige Leere, eine stets blutende Wunde darin zurücklassen, würden Sie die Genugtuung, welche Ihnen die Gesellschaft bewilligt, für hinreichend erachten, weil das Eisen der Guillotine zwischen der Base des Hinterhauptbeines und den Trapezmuskeln durchgegangen, und weil derjenige, welcher Sie Jahre moralischer Leiden erdulden ließ, ein paar Sekunden lang körperliche Schmerzen ausgestanden hat?«

»Ja, ich weiß,« versetzte Franz, »die menschliche Gerechtigkeit ist als Trösterin ungenügend; sie kann Blut für Blut vergießen, und mehr nicht; man muß von ihr das verlangen, was sie zu tun vermag, und nichts Anderes.«

»Und ich setze Ihnen noch einen materiellen Fall, denjenigen, wo die Gesellschaft, durch den Tod eines Menschen in der Grundlage angegriffen, worauf sie beruht, den Tod durch den Tod rächt. Gibt es aber nicht Millionen von Schmerzen, von denen die Eingeweide des Menschen zerrissen werden können, ohne daß sich die Welt nur im Geringsten damit beschäftigt. ohne daß sie ihm das ungenügende Mittel einer Rache bietet, von der wir so eben gesprochen haben? Gibt es nicht Verbrechen, für welche der Pfahl der Türken, die Tröge der Perser, die gezogenen Nerven der Irokesen noch zu gelinde Strafen wären, indes sie die gleichgültige Gesellschaft ungebüßt läßt . . . antworten Sie mir, gibt es nicht solche Verbrechen?«

»Ja,« versetzte Franz, »und um sie zu bestrafen, .ist das Duell geduldet.«

»Ah! das Duell,« rief der Graf, »eine lustige Weise, zu seinem Ziele zu gelangen, wenn das Ziel Rache ist. Es hat Ihnen ein Mensch Ihre Geliebte geraubt. Ihre Frau verführt, Ihre Tochter entehrt: er hat aus einem ganzen Leben, welches von Gott den Anteil am Glück, den er jedem menschlichen Wesen bei seiner Erschaffung versprochen hat, zu erwarten berechtigt war, ein Dasein des Schmerzes, des Elends oder der Schande gemacht, und Sie halten sich für gerächt, weil Sie diesem Menschen, der Ihnen den Wahnsinn in den Geist, die Verzweiflung in das Herz pflanzte, einen Degenstich in die Brust gegeben oder eine Kugel vor den Kopf geschossen haben? Stille doch! Abgesehen davon das er oft siegreich aus dem Kampfe hervorgeht, in den Augen der Welt rein gewaschen und von Gott gleichsam absolvirt ist. Nein, nein, wenn ich mich je zu rächen hätte, würde ich mich nicht aus diese Art rächen.«

»Sie mißbilligen also das Duell, Sie würden sich nicht auf einen Zweikampf einlassen?« fragte Albert erstaunt, eine so seltsame Theorie aussprechen zuhören.

»Oh! doch wohl! erwiderte der Graf. »Verständigen wir uns: ich würde mich schlagen wegen einer Erbärmlichkeit, wegen einer Beleidigung, wegen einer Ohrfeige, wenn man mich einer Lüge bezüchtigen wollte, und dies mit um so mehr Kaltblütigkeit, als ich in Folge der Gewandtheit, die ich in allen körperlichen Übungen erlangt habe, und seit langer Zeit an die Gefahr gewöhnt, meinen Mann zu töten beinahe sicher wäre. Oh! gewiss, ich würde mich für alles Dies in einen Zweikampf einlassen; aber für einen langsamen, tiefen, endlosen, ewigen Schmerz würde ich, wenn es möglich wäre, einen ähnlichen Schmerz demjenigen zurückgeben, welcher mir denselben verursacht hätte. Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie die Orientalen sagen . . . unsere Meister in allen Dingen, diese Auserwählten der Schöpfung, welche sich ein Leben der Träume, und ein Paradies der Wirklichkeiten zu bereiten gewußt haben.«

»Doch mit dieser Theorie,« entgegnete Franz, »welche Sie zum Richter und Henker in Ihrer eigenen Sache macht, können Sie sich nur mit der größten Schwierigkeit in einem Maße halten, wobei Sie selbst ewig der Macht des Gesetzes entgehen. Der Haß ist blind, der Zorn betäubt, und derjenige, welcher Rache übt, stellt sich der Gefahr bloß, einen bitteren Trank trinken zu müssen.«

Ja, wenn er arm und ungeschickt, nein, wenn er Millionär und geschickt ist. Überdies ist der schlimmste Fall für Ihn die Hinrichtung, von der wir so eben sprachen, diejenige, welche die philanthropische französische Revolution an die Stelle der Vierteilung und des Rades setzte. Was ist die Hinrichtung, wenn man seine Rache hat? Es tut mir in der Tat beinahe leid, daß elende Peppino nicht enthauptet werden soll, wie man sagt; Sie würden sehen, wie lange dies dauert, und ob es sich wirklich der Mühe lohnt, davon zu reden. Aber auf Ehre, meine Herren, wir fuhren da ein sonderbares Gespräch für einen Carnevalstag. Wie ist das gekommen? Oh! ich erinnere mich: Sie wünschten einen Platz an meinem Fenster zu bekommen, wohl! Sie sollen ihn haben; aber setzen wir uns vor Allem in Tische, denn man meldet, daß aufgetragen ist.«

Es öffnete in der Tat ein Diener eine von den vier Thüren des Salon, und ließ die sacramentalen Worte:

»Al suo commodo!«

vernehmen.

Die zwei jungen Männer standen auf und gingen in den Speisesaal. Während des Frühstücks, das aus allen möglichen Leckerbissen bestand und mit dem feinsten Luxus serviert wurde, suchte Franz mit den Augen den Blick von Albert, um darin den Eindruck zu lesen, den die Worte ihres Wirthes, wie er nicht zweifelte, auf ihn hervorgebracht haben müßten; doch, hatte Albert denselben bei seiner gewöhnlichen Sorglosigkeit keine große Aufmerksamkeit geschenkt, war er mit dem Grafen von Monte Christo durch die Einräumung, die er ihm in Betreff des Duells gemacht, wieder ausgesöhnt oder hatten die von uns erwähnten, nur Franz bekannten Vorgange für diesen allein die Wirkung der Theorien des Grafen verdoppelt, er fand seinen Gefährten nicht im Geringsten ergriffen; derselbe erwies im Gegenteil dem Mahle die schuldige Ehre als ein Mensch, der seit vier oder fünf Monaten zu der italienischen Küche, das heißt zu einer der schlechtesten Küchen der Weit, verurteilt ist. Einer lebhaften Unruhe preisgegeben, die ihm die Person von Albert zu Albert zubereiten schien, berührte der Graf die Schüsseln kaum; es war, als erfüllte er, sich mit seinen Gästen zu Tische setzend, nur eine einfache Pflicht der Höflichkeit, und als erwartete er ihren Abgang, um sich irgend ein seltsames oder eigenthümliches Gericht vorsetzen zu lassen. Dies erinnerte Franz unwillkürlich an den Schrecken, den der Graf der Gräfin G*** eingeflößt, und an ihre Überzeugung, der Mann, welchen er ihr in der Loge der ihrigen gegenüber gezeigt, wäre ein Vampyr. Am Ende des Frühstücks zog Franz seine Uhr.

»Nun! . . . « sagte der Graf zu ihm, »was machen Sie denn?«

»Sie werden uns entschuldigen, Herr Graf,« erwiderte Franz, »wir haben noch tausenderlei Dinge zu verrichten.«

»Und zwar?

»Wir besitzen noch keine Maskenanzüge, und heute ist die Verkleidung strenges Gebot.«

»Sorgen Sie nicht hierfür. Wir haben, wie ich glaube, auf der Piazza del popolo ein besonderes Zimmer; ich lasse dahin die Costumes bringen, welche sie mir gefälligst bezeichnen werden, und wir maskieren uns, während wir dort verweilen.«

»Noch der Hinrichtung?« rief Franz.

»Allerdings nachher, während derselben oder vorher, wie Sie wollen.«

»Im Angesichte des Schafotts.«

»Das Schafott bildet einen Teil des Festes.«

»Hören Sie, mein Herr Graf, ich habe mir die Sache überlegt,« sprach Franz, »ich bin Ihnen in der Tat sehr verbunden für Ihre Artigkeit, aber ich begnüge mich, einen Platz in Ihrem Wagen und ebenso an Ihren Fenstern im Palaste Rospoli anzunehmen, und stelle es Ihnen anheim, über meinen Platz am Fenster der Piazza del popolo zu verfügen.«

»Ich muß Ihnen bemerken, daß Sie etwas höchst Interessantes dabei verlieren,« entgegnete der Graf.

»Sie werden es mir erzählen,« versetzte Franz, »und ich bin überzeugt, daß die Erzählung aus Ihrem Munde einen beinahe eben so großen Eindruck auf mich hervorbringen wird, als dies der Anblick selbst vermöchte. Auch hatte ich schon mehr als ein Mal im Sinne, einer Hinrichtung beizuwohnen, und nie konnte ich mich dazu entschließen; und Sie, Albert?«

»Ich?« erwiderte der Vicomte, »ich habe Castaing hinrichten sehen, aber ich glaube, ich war damals ein wenig trunken, denn es geschah an dem Tag, an welchem ich aus dem Colleg trat.«

»Daß Sie eine Sache in Paris nicht getan haben, ist kein Grund, sie auch nicht im Auslande zu tun,« entgegnete der Graf; »reist man, so geschieht es, um sich zu unterrichten, wechselt man den Ort, so will man sehen. Bedenken Sie, was für eine Figur Sie spielen werden, wenn man Sie fragt: »»Auf welche Weise finden die Hinrichtungen in Rom statt?«« und Sie müssen antworten: »»ich weiß es nicht.«« Und dann sagt man, der Verurteilte sei ein heilloser Schurke, ein Bursche, der einen Canonicus, welcher ihn wie einen Sohn erzogen, mit einem Feuerbock totgeschlagen. Wenn Sie in Spanien reisten, würden Sie die Stiergefechte besuchen, nicht wahr? Nun wohl, denken Sie sich, wir wollen einen Kampf anschauen, erinnern Sie sich der alten Römer des Cirkus, der Jagden, wobei dreihundert Löwen und hundert Menschen getötet wurden. Erinnern Sie der achtzigtausend Zuschauer, welche Beifall klatschten, der weisen Matronen, die ihre heiratsfähigen Töchter dahin führten, und der reizenden Vestalinnen mit den weißen Händen, wie sie mit dem Daumen ein anmutiges Zeichen machten. welches sagen wollte:

»»Vorwärts. nicht träge, macht mir dem Menschen dort, der zu drei Vierteilen tot ist, vollends den Garaus.««

»Gehen Sie« Albert?« fragte Franz.

»Meiner Treue, ja, mein Lieber; ich zögerte wie Sie, aber die Beredsamkeit des Herrn Grafen bestimmt mich.«

»Vorwärts also, da Sie es so wollen,« sprach Franz; »doch indem ich mich nach der Piazza del popolo begebe, wünschte ich über den Corso zu kommen: ist das möglich, Herr Graf?«

»Zu Fuße, ja; im Wagen, nein.«

»Wohl, ich werde zu Fuße geben.«

»Müssen Sie notwendig den Weg über den Curso machen?«

»Ja, ich habe dort etwas zu sehen.«

»Gut, über den Corso, wir schicken den Wagen durch die Strada del Babuino. mit dem Befehl, uns auf der Piazza del popolo zu erwarten; überdies ist es mir auch nicht unangenehm, wenn wir den Corso passieren, denn ich kann bei dieser Gelegenheit nachsehen, ob Befehle, welche ich gegeben habe, vollzogen, worden sind.«

In diesem Augenblick öffnete ein Diener die Thüre und meldete:

»Exzellenz, ein Mensch in der Tracht eines Reuers wünscht Sie zu sprechen.«

»Ah, ja,« sagte der Graf, »ich weiß, was das ist. Meine Herren wollen Sie in den Salon zurückkehren, Sie finden auf dem mittleren Tische vortreffliche Havanna-Cigarren, und ich folge Ihnen sogleich.«

Die zwei jungen Männer standen auf und gingen zu einer Thüre hinaus, während sich der Graf, nachdem er seine Entschuldigung wiederholt hatte, durch die andere entfernte. Albert, der ein großer Liebhaber von Cigarren war, und es, seitdem er sich in Italien befand, als ein nicht geringes Opfer betrachtete, daß er die Cigarren des Café de Paris entbehren mußte, stieß einen Freudenschrei aus, als er wirkliche Puros erblickte.

»Nun,« sagte Franz zu ihm, »was denken Sie von dem Grafen von Monte Christo?«

»Was ich denke?« erwiderte Albert sichtbar erstaunt, daß Franz eine solche Frage an ihn richtete; »ich denke, er ist ein sehr angenehmer Mann, der vortrefflich die Honneurs seines Hauses macht, viel gesehen, viel nachgedacht, viel studiert hat, der einem Brutus der stoischen Schule gleicht, und,« fügte er ganz verliebt eine Rauchwolke, welche in einer Schneckenlinie zum Plafond aufstieg, ausstoßend bei, und der ausgezeichnete Cigarren besitzt.«

Dies war die Ansicht von Albert über den Grafen; da aber Franz wußte, sein Freund lebe von sich der Überzeugung, er bilde seine Ansicht über Menschen und Dinge erst nach reiflicher Erwägung, so suchte er nichts daran zu ändern.

»Doch. haben Sie Eines bemerkth sagte er.

»Was?«

»Die Aufmerksamkeit, mit der er Sie betrachtete.«

»Mich?«

»Ja, Sie.«

Albert dachte nach.

»Ah!« rief er. einen Seufzer ausstoßend, »darüber darf man sich nicht wundern. Ich bin beinahe ein Jahr von Paris abwesend und muß Kleider von einer andern Welt haben. Der Graf wird mich für einen Provinzmenschen halten; nehmen Sie ihm die Täuschung, ich bitte Sie, lieber Freund, und sagen Sie ihm bei der nächsten Gelegenheit, es sei dem nicht so.«

Franz lächelte; einen Augenblick nachher kehrte der Graf zurück.

»Hier bin ich. meine Herren,« sagte er, »und ich gehöre nun ganz Ihnen: die Befehle sind gegeben, der Wagen fährt nach der Piazza del popolo, und wir gehen, wenn Sie wollen, über den Corso. Nehmen Sie von diesen Cigarren mit, Herr von Morcerf.« fügte er mit einem seltsamen Nachdruck auf diesen Namen bei, den er zum ersten Male aussprach.

»Mit großem Vergnügen, denn die italienischen Cigarren sind noch schlechten als die der Regie. Wenn Sie nach Paris kommen, werde ich es Ihnen wieder vergelten.«

»Ich weise dies nicht von mir, denn ich gedenke eines Tages dahin zu gehen, und werde dann, wenn Sie es mir erlauben, an Ihre Thüre klopfen. Doch vorwärts, meine Herren, wir haben keine Zeit zu verlieren. es ist halb ein Uhr, vorwärts.«

Alle drei gingen hinab. Der Kutscher erhielt die letzten Befehle von seinem Herrn und folgte der Via del Babuino, während die Fußgänger den Weg über die Piazza di Spagna nach der Via Frattina einschlugen, welche sie gerade zwischen den Palast Fiano und den Palast Rospoli führte. Franz schaute nur nach diesem Palaste; er hatte das im Colisseum zwischen dem Manne mit dem Mantel und dem Trasteveriner verabredete Signal nicht vergessen.

»Welche Fenster gehören Ihnen?« fragte er den Grafen mit dem natürlichsten Tone, den er anzunehmen vermochte.

»Die drei letzten,« erwiderte der Graf mit einer Nachlässigkeit, welche nichts Geheucheltes hatte.

Die Augen von Franz richteten sich rasch nach den drei Fenstern. An den beiden Seitenfenstern erblickte er Vorhänge von gelbem Damast, an dem mittleren einen Vorhang von weißem Damast mit einem roten Kreuz. Der Mann mit dem Mantel hatte dem Trasteveriner Wort gehalten, und es unterlag keinem Zweifel mehr, der Mann mit dem Mantel war der Graf. Die drei Fenster waren noch leer. Man traf übrigens auf allen Seiten Vorbereitungen, man stellte Stühle, man schlug Gerüste auf, man behing die Fenster. Nur mit dem Klange der Glocke durften die Masken erscheinen, die Wagen kreisen, aber man fühlte die Masken hinter allen Fenstern, die Wagen hinter allen Thüren.

Franz, Albert und der Graf setzten ihren Weg den Corso hinab fort. Je mehr sie sich der Piazza del popolo näherten, desto gedrängter wurde die Menge, und über den Häuptern des Volkes sah man zwei Dinge sich erheben: den Obelisk überragt von einem Kreuze, den Mittelpunkt des Platzes bezeichnend, und vor dem Obelisk, gerade beim sichtbaren Correspondenzpunkte der drei Straßen del Babuino, del Corso und di Rivetta, die zwei obersten Balken des Schafotts, zwischen denen das runde Eisen der Mandaia glänzte. An der Ecke der Straße fand man den Intendanten des Grafen, der seinen Herrn erwartete. Ohne Zweifel um den übermäßigen Preis gemiethet, den der Graf seinen Gästen nicht hatte mitteilen wollen, gehörte das Fenster zu dem zweiten Stocke des zwischen der Strada del Babuino und dem Monte Pincio liegenden großen Palastes; es war eine Art von Ankleidecabinet, das in ein Schlafzimmer ging; schloß man die Thüre des Schlafzimmers, so waren die Miethsleute des Cabinets für sich allein; auf den Stühlen lagen die zierlichsten Bajazzo-Anzüge von weiß und blauem Atlaß.

»Da Sie mir die Wahl der Trachten überließen, so wählte ich diese,« sagte der Graf, »Einmal wird sie in diesem Jahre am meisten Mode sein, und dann ist sie das Bequemste für die Confetti. insofern man das Mehl nicht darauf bemerkt.«

Franz hörte kaum die Worte des Grafen und schlug jeden Falls diese neue Zuvorkommenheit nicht zu ihrem wahren Werte an, denn seine ganze Aufmerksamkeit war von dem Schauspiel, das die Piazza del popolo bot, und von dem furchtbaren Werkzeuge gefesselt, das zu dieser Stunde ihre Hauptzierrath bildete. Franz sah zum ersten Male eine Guillotine, wir sagen Guillotine, denn die römische Mandaia ist ungefähr nach demselben Muster geschnitten, wie das französische Todesinstrument. Das Messer, welches die Form eines mit dem rund erhabenen Teile schneidenden Halbmondes hat, fällt weniger hoch, und das ist der ganze Unterschied.

»Zwei Männer, welche auf dem Brette saßen. worauf man den Verurteilten legt, frühstückten in Erwartung der Dinge und aßen, soviel Franz sehen konnte, Brot und Würste; der Eine hob das Brett auf, zog einen Fiasco Wein hervor, trank einen Schluck und reichte den Fiasco seinem Kameraden; diese zwei Menschen waren die Gehilfen des Nachrichters. Bei ihrem Anblick allein fühlte Franz den Schweiß an den Wurzeln seiner Haare hervorbrechen.

Am Abend zuvor von den Carcere nuove in die kleine Kirche Santa-Maria-del-Popolo geführt, hatten die zwei Verurteilten, jeder unter dem Beistande von zwei Priestern, die Nacht in einer schwarz ausgeschlagenen Kapelle zugebracht, welche mit einem Gitter verschlossen war, vor dem Schildwachen auf- und abgingen, die man von Stunde zu Stunde ablöste. Eine doppelte Reihe von jeder Seite der Kirchenthüre aus aufgestellter Carabiniere erstreckte sich bis zum Blutgerüste, um welches einen Raum von ungefähr hundert Schritten im Umkreis freilassend, diese Doppelreihe sich rundete. Der ganze übrige Platz war mit Männer und Frauenköpfen gepflastert Viele Frauen hielten ihre Kinder auf den Schultern. Diese Kinder, überragten die Menge um den ganzen Oberleib und hatten einen bewunderungswürdigen Platz.

Der Monte Pincio sah aus wie ein weites Amphitheater, dessen Plätze insgesamt mit Zuschauern überladen waren: die Balkone der beiden Kirchen, welche die Ecke der Strada del Babuino und der Strada di Rivetta bildeten, waren von bevorzugten Neugierigen vollgestopft; die Stufen der Säulengänge schienen eine bewegliche, buntscheckige Welle zu sein, die eine unabläßige Flut nach dem Porticus trieb; jeder Mauervorsprung, der einem Menschen einen Platz zu bieten vermochte, hatte seine lebendige Statue. Was der Graf sagte, entspricht also der Wahrheit: das Interessanteste im Leben ist das Schauspiel des Todes. Und dennoch stieg, statt des Stillschweigens, das die Feierlichkeit dieser Szene zu heischen schien, ein Geräusch aus dieser Menge empor, ein Geräusch, zusammengesetzt aus Gelächter, Gezische und freudigem Geschrei; diese Hinrichtung war auch offenbar, wie der Graf gesagt hatte, für all dieses Volk nichts Anderes, als der Anfang des Carnevals.

Plötzlich hörte der ganze Lärmen wie durch einen Zauberschlag auf: die Thüre der Kirche hatte sich geöffnet. Eine Brüderschaft der Reuer, deren Mitglieder insgesamt in graue, nur an den Augen ausgehöhlte, Säcke gekleidet waren und eine angezündete Kerze in der Hand hielten, erschien zuerst. Hinter den Reuern kam ein Mensch von hoher Gestalt, dieser Mensch war nackt, abgesehen von einer Leinwandhose, an deren linken Seite er ein großes in seiner Scheide verborgenen Messer befestigt hatte; er trug auf der Schulter eine schwere eiserne Keule. Dieser Mensch war der Henker. Er hatte außerdem noch unten am Beine mit Stricken angebundene Sandalen. Hinter dem Henker marschierten in der Ordnung, in der sie hingerichtet werden sollten, zuerst Peppino und dann Andrea. Jeder von ihnen war von zwei Priestern begleitet. Weder der Eine, noch der Andere hatte die Augen verbunden. Peppino ging festen Schrittes einher, ohne Zweifel hatte er Kunde von dem, was sich für ihn vorbereitete. Andrea wurde unter jedem Arme durch einen Priester unterstützt. Beide küßten von Zeit zu Zeit das Kruzifix, das ihnen der Beichtiger darbot.

Franz fühlte, wie ihm bei diesem Anblick die Beine den Dienst versagten; er schaute Albert an. Dieser war blaß wie sein Hemd, und warf mit einer maschinenmäßigen Bewegung seine Cigarre obgleich er sie nur halbgeraucht hatte, weit von sich. Nur der Graf allein sah unempfindlich aus. Mehr noch, es schien sogar eine leichte rote Tinte die Leichenblässe seiner Wangen durchdringen zu wollen. Seine Nase erweiterte sich wie die eines wilden Tieres, welches Blut riecht, und etwas von einander entfernt, ließen seine Lippen seine kleinen, weißen, spitzigen, denen des Schakals ähnlichen Zähne sehen. Und bei alle dem hatte sein Antlitz einen Ausdruck lächelnder Sanftmuth, den Franz nie an ihm wahrgenommen, seine Augen besonders waren von bewunderungswürdiger Weichheit und Milde.

Die zwei Verurteilten setzten indessen den Weg nach dem Schafott fort, und je mehr sie vorrückten, desto deutlicher ließen sich ihre Gesichtszüge unterscheiden. Peppino war ein hübscher Junge von vierundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahren, mit sonnverbrannten Gesichte und freiem, wildem Blicke. Er trug den Kopf hoch und schien den Wind einzuziehen, als wollte er sehen, von welcher Seite sein Befreier käme. Andrea war dick und kurz: sein gemein grausames Gesicht deutete kein Alter an, er mochte jedoch ungefähr dreißig Jahre zählen. Er hatte im Gefängnis seinen Bart wachsen lassen. Sein Kopf fiel auf eine von seinen Schultern herab, seine Beine bogen sich unter ihm: sein ganzes Wesen schien einer maschinenmäßigen Bewegung zu gehorchen, woran sein Wille bereits keinen Teil mehr hatte.

»Wie mir scheint, kündigten Sie uns an, es würde nur eine Hinrichtung stattfinden?« sprach Franz zu dem Grafen.

»Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt,« antwortete er kalt.

»Hier sind aber zwei Verurteilte.«

»Ja, doch von den zwei Verurteilten ist der eine dem Tode nahe, während der andere noch lange Jahre zu leben hat.«

»Soll die Gnade kommen, so ist meiner Ansicht nach keine Zeit zu verlieren.«

»Sie kommt auch gerade, sehen Sie dort .« sagte der Graf.

In dem Augenblick, wo Peppino an dem Füße der Mandaia anlangte, durchdrang ein Retter, der sich verspätet zu haben schien, die Hecke der Soldaten, ohne daß diese Widerstand leisteten, eilte auf den Anführer der Brüderschaft zu und überreichte ihm ein viereckig zusammengelegtes Papier. Der glühende Blick dem Peppino hatte keinen von diesen einzelnen Umständen verloren; der Anführer der Brüderschaft entfaltete das Papier. las es, hob die Hand auf und sprach mit lauter, verständlicher Stimme:

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain