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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 35

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»Der Herr sei gesegnet und Seine Heiligkeit sei gelobt; man hat dem Leben von einem der Gefangenen Gnade angedeihen lassen.«

»Gnade!« rief das Volk mit einem Schrei; »begnadigt!«

Bei dem Werte Gnade schien Andrea zu springen und den Kopf aufzurichten.

»Gnade für wen?« rief er.

»Die Todesstrafe ist Peppino, genannt Rocca Bianca, erlassen,« antwortete der Anführer der Brüderschaft und übergab das Panier dem die Carabiniere befehligenden Kapitän, welcher ihm dasselbe, nachdem er es gelesen, zurückstellte.

»Gnade für Peppino!« rief Andrea, völlig der Starrheit entzogen, in welche er versunken gewesen zu sein schien. »Warum Gnade für ihn und nicht für mich? Wir sollten mit einander sterben, man versprach mir, er würde vor mir sterben, man ist nicht berechtigt. Mich allein sterben zu lassen; ich will nicht allein sterben, nein, ich will nicht.«

Und er hing sich an die Arme der zwei Priester, und krümmte sich und heulte, und brüllte, und strengte sich auf eine wahnsinnige Weise an, um die Stricke zu zerreißen, mit denen seine Hände gebunden waren. Der Henker machte seinen zwei Gefährten ein Zeichen, sie sprangen vom Schafott herab und bemächtigten sich des Verurteilten.

»Was gibt es denn?« fragte Franz den Grafen, denn da Alles in römischem Patois vorgegangen war, hatte er nicht gut verstanden.

»Was es gibt?« erwiderte der Graf, »erraten Sie es nicht? Dieser Mensch, welcher sterben soll, ist wütend darüber, dass seines Gleichen nicht mit ihm stirbt, und wenn man ihn gewähren ließe, würde er den Andern eher mit seinen Nägeln und seinen Zähnen zerfleischen, als ihn das Leben genießen lassen, dessen er beraubt werden soll. O! Menschen, Menschen, Krokodilen-Geschlecht, wie Karl Moor sagt,« rief der Graf, seine beiden Fäuste nach der Menge ausstreckend.. »wie erkenne ich euch hier, und wie sehr seid ihr jeder Zeit eurer selbst würdig.«

Andrea und die zwei Gehilfen des Henkers wälzten sich wirklich im Staube, wobei der Verurteilte fortwährend ausrief: »Er muß sterben, ich will daß er sterbe, man hat nicht das Recht mich allein umzubringen.«

»Sehen Sie,« sprach der Graf, jeden von den zwei jungen Leuten bei der Hand ergreifend; »sehen Sie, bei meiner Seele, das ist seltsam: dieser Mensch war in sein Schicksal ergeben, er ging nach dem Schafott, er war im Begriff – allerdings wie ein Feiger zu sterben, aber doch ohne Widerstand, ohne ein gewaltsames Widerstreben zu sterben. Wissen Sie, was ihm einige Kraft verlieh? wissen Sie, was ihn tröstete? wissen Sie was ihn seine Strafe in Geduld hinnehmen ließ? Der Umstand, daß ein Anderer seine Todesangst teilte, daß ein Anderer mit ihm sterben sollte. Führen Sie zwei Schafe auf die Schlachtbank. Zwei Ochsen in die Metzig und machen sie einem von diesen Tieren begreiflich, das; das andere nicht sterben soll; das Schaf wird vor Freude blöken, der Ochs wird vor Vergnügen brüllen, aber der Mensch, den Gott nach seinem Bilde geschaffen, der Mensch, dem Gott als einziges, als erstes, als höchstes Gesetz die Nächstenliebe vorgeschrieben, der Mensch, dem Gott eine Stimme verliehen hat, um seine Gedanken auszudrücken, was wird sein erster Schrei sein, wenn er erfährt, daß sein Kamerad gerettet ist? eine Gotteslästerung. Ehre dem Menschen, diesem Meisterwerke der Natur, diesem König der Schöpfung!« Und der Graf brach in ein Gelächter aus, doch in ein Gelächter, woraus man erkennen konnte, daß er furchtbar hatte leiden müssen, ehe er zu diesem Lachen gelangt war.

Der Streit dauerte indessen gräßlich anzuschauen fort.Die zwei Knechte trugen Andrea auf das Schafott alles Volk nahm wider ihn Partei, und zwanzigtausend Stimmen riefen wie mit einem Schrei: »Tötet ihn! tötet ihn!« Franz warf sich zurück, aber der Graf ergriff ihn beim Arm und hielt ihn am Fenster fest.

»Was machen Sie denn?« sagte er zu ihm; »Mitleid? das wäre in der Tat gut angebracht! Wenn Sie: »ein wütender Hund!« schreien hörten, so würden Sie Ihr Gewehr nehmen, auf die Straße eilen und das arme Tier niederschießen, dessen ganze Schuld am Ende darin bestünde, das es von einem andern Hunde gebissen worden wäre und das, was man ihm getan, zurückgäbe; und Sie haben Mitleid mit einem Menschen, den sein anderer Mensch gebissen, und der dennoch seinen Wohlthäter umgebracht hat, und nun, da er nicht mehr umbringen kann, weil seine Hände gebunden sind, mit aller Gewalt seinen Kerkergefährten, seinen Unglückskameraden sterben sehen will? Sehen Sie sehen Sie.«


Diese Aufforderung war überflüssig geworden, Franz war von dem furchtbaren Schauspiel wie von einem Blendwerk ergriffen. Die zwei Knechte hatten den Verurteilten auf das Schafott geschleppt und hier trotz seines Widerstrebens, seines Beißens, seines Geschreis genötigt, sich auf die Knie zu werfen; während dessen stellte sich der Henker an seine Seite und hielt die Keule empor; auf ein Zeichen zogen sich die zwei Gehilfen zurück. Der Verurteilte wollte sich erheben, doch ehe er hierzu Zeit hatte, fiel die Keule auf seinen linken Schlaf; man hörte ein dumpfes, mattes Geräusch, und der Verbrecher stürzte, das Gesicht gegen die Erde, wie ein geschlagener Ochs nieder, dann kehrte er sich durch den Gegenstoß auf den Rücken, der Henker ließ die Keule aus seinen Händen sinken, zog das Messer aus seinem Gürtel, öffnete ihm mit einem Schnitte die Gurgel, stellte sich auf seinen Bauch und sing an, ihn mit seinen Füßen zu kneten. Bei jedem Drucke stürzte ein Blutstrahl aus dem Halse des Verurteilten hervor.

Nun konnte es Franz nicht mehr länger aushalten, er warf sich zurück und fiel halb ohnmächtig in einen Lehnstuhl.

Albert blieb mit geschlossenen Augen auf seinen Füßen, klammerte sich aber an den Vorhängen an, ohne deren Unterstützung er gewiss gefallen wäre.

Der Graf stand aufrecht und triumphierend wie der böse Engel.

Dreizehntes Kapitel.
Der Carneval in Rom

Als Franz zu sich kam, erblickte er Albert, der ein Glas Wasser trank, was er, nach seiner Blässe zu urteilen, sehr nötig hatte, und den Grafen, der bereits die Tracht eines Bajazzo anlegte. Er warf maschinenmäßig die Augen auf den Platz: Alles war verschwunden, Schafott, Henker, Opfer; nur das geräuschvolle, geschäftige, lustige Volk war noch übrig; die Glocke des Monte-Christo, welche nur beim Tode des Papstes und bei der Eröffnung des Carnevals hörbar wird, ertönte in poltert Schwingungen.

»Nun!« fragte er den Grafen, »was ist denn vorgefallen?«

»Nichts, durchaus nichts, wie Sie sehen, erwiderte der Graf; »der Carneval hat nur begonnen, und wir wollen uns ankleiden.«

»In der Tat,« sprach Franz, »von dieser ganzen furchtbaren Szene ist nichts mehr vorhanden, als die Spur eines Traumes.«

»Weil es nichts Anderes ist, als ein Traum, ein Alp, den Sie gehabt haben.«

»Ja, ich, aber der Verurteilte?«

»Auch für ihn ist es ein Traum, nur ist er eingeschlafen geblieben, während Sie erwacht sind, und wer vermag zu sagen, welcher von Beiden der Bevorzugte ist?«

»Doch Peppino,« fragte Franz, »was ist aus ihm geworden?«

»Peppino ist ein Mensch von Verstand und ohne alle Eitelkeit; wider die Gewohnheit der Leute, welche wütend darüber werden, wenn man sich nicht mit ihnen beschäftigt, war er bezaubert, als er sah, daß sich die allgemeine Aufmerksamkeit seinem Kameraden zuwandte; er benützte daher die Zerstreuung, um in die Menge zuschlüpfen und zu Verschwinden, ohne auch nur den würdigen Priestern, die ihn begleitet hatten, zu danken. Der Mensch ist offenbar ein sehr undankbares und selbstsüchtiges Tier . . . Doch kleiden Sie sich an, Sie sehen, Herr von Morcerf gibt Ihnen das Beispiel.«

Albert zog maschinenmäßig seine Hose von Taffet über seine schwarzen Beinkleider und seine gefirnißten Stiefeln an.

»Nun, Albert,« fragte Franz, »sind Sie wirklich im Zuge Tollheiten zu machen? Sprechen Sie offenherzig.«

»Nein, aber es ist mir lieb, daß ich eine solche Szene gesehen habe, und ich begreife nun, was der Herr Graf sagte. Hat man sich einmal an ein solches Schauspiel gewöhnen können, so ist es das einzige, welches noch Aufregung gewährt.«

»Ah gesehen davon, daß man in diesem Augenblick nur hierbei allein Charakterstudien machen kann sprach der Graf: »aus der ersten Stufe des Schafotts reißt der Tod die Larve ab, die man das ganze Leben hindurch getragen hat, und das wahre Gesicht erscheint. Man muß gestehen, das von Andrea war nicht schön anzuschauen . . . der häßliche Schuft! . . . Kleider wir uns an, meine Herren! Ich fühle das Bedürfnis, Pappendeckelmasken zu sehen, um mich über die Fleischmasken zu trösten.«

Es wäre von Franz lächerlich gewesen, sich mädchenhaft zu sträuben und das Beispiel nicht zu befolgen das ihm seine zwei Gefährten gaben. Er legte daher ebenfalls sein Costume an und nahm seine Maske, welche sicherlich nicht bleicher war, als er. Sobald man die Toilette beendigt hatte, ging matt hinab. Der Wagen wartete vor der Thüre, voll, mit Confetti und Sträußen. Man schloß sich der Reihe an.

Es läßt sich kaum ein vollständigerer Widerspruch denken, als der, welcher sich nunmehr bewerkstelligt hatte. Statt der düsteren, schweigsamen Todesszene bot die Piazza del popolo den Anblick einer tollen, brausenden Orgie. Eine Menge von Masken brach von allen Seiten hervor, strömte aus allen Thüren, stieg von allen Fenstern herab; mit Pierrots, mit Arlequins, mit Dominos, mit Marquis, mit Trasteverinern, mit Grotesken, mit Chevaliers, mit Bauern beladen, mündeten die Wagen an allen Straßenecken aus: und Alles schrie, Gebärdete sich, schleuderte Eier Voll Mehl, Confetti, Sträuße, griff mit dem Worte und mit Wurfgeschoß Freunde und Fremde, Bekannte und Unbekannte an, ohne daß Jemand das Recht hatte, sich darüber zu ärgern, ohne daß auch nur Einer etwas Anderes that, als lachen.

Franz und Albert waren wie Menschen, welche man. um sie von einem heftigen Kummer zu zerstreuen, zu einer Orgie führen würde, und die, je mehr sie trinken und sich berauschen, fühlen, wie sich ein immer dichter werdender Schleier zwischen die Vergangenheit und die Gegenwart zieht. Sie sahen beständig den Reflex dessen, was sie angeschaut hatten, oder sie fuhren vielmehr fort, denselben in sich zu fühlen. Aber allmälig erfaßte sie eine allgemeine Trunkenheit; es kam ihnen vor, als wäre ihre schwankende Vernunft im Begriff, sie zu verlassen; sie verspürten in sich ein seltsames Bedürfnis, ihren Teil an diesem Geräusch, an dieser Bewegung, an diesem Schwindel zu nehmen. Eine Handvoll Confetti, die Morcerf von einem benachbarter Wagen zukam, prickelte ihn am Halse und an allen den Teilen des Gesichtes, welche nicht durch die Maske beschützt waren, als hätte matt ihm hundert Nadeln zugeworfen. und dies trieb ihn vollends zu dem allgemeinen Kampfe an, in welchen bereits alle Masken die sie trafen, verwickelt waren. Er erhob sich nun auch in seinem Wagen, schöpfte mit vollen Händen aus den Taschen, und schlenderte mit aller ihm zu Gebote stehender Kraft und Geschicklichkeit Eier und Dragées nach seinen Nachbarn. Von nun an nahm der Kampf seinen Fortgang. Die Erinnerung an das, was sie eine halbe Stunde zuvor gesehen, verwischte sich gänzlich in dem Geiste der beiden jungen Männer, so viel Abwechselung bot ihnen das buntscheckige, bewegliche, tolle Schauspiel, das sie vor sich hatten. Auf den Grafen von Monte Christo schien nicht einen Augenblick ein Eindruck hervorgebracht zu werden.

Man denke sich die große, schöne Straße des Corso, von einem Ende zum andern mit Palästen von vier bis fünf Stockwerken eingefaßt, deren Balkons insgesamt mit Teppichen verziert, deren Fenster alle reich drapiert sind. Auf diesen Balkons und an diesen Fenstern dreimal hunderttausend Zuschauer, Römer, Italiener, Fremde von den vier Weltteilen herbeigekommen: alle Aristokratien versammelt: Aristokratien der Geburt, dem Geld, dem Genie nach; reizende Frauen, welche selbst dem Einfluß dieses Schauspiels unterthan, sich über die Balkons herabneigend, aus den Fenstern beugen, und auf die vorüberfahrenden Wagen einen Hagel von Confetti regnen lassen, den man ihnen in Sträußen zurückgibt, bis die Luft ganz verdickt ist von herabfallenden Dragées und hinaufsteigenden Blumen; dann auf dem Straßenpflaster eine freudige, rastlose, tolle Menge in wahnsinnigen Trachten: umherspacierende Riesenkohle, Büffelköpfe, auf menschlichen Leibern brüllend, Hunde, welche auf den Vorderfüßen zu gehen scheinen; und mitten unter allein dem eine Maske, die sich aufhebt, und in dieser von Callot geträumten Versuchung des heiligen Antonius irgend eine Asiarte, die ein reizendes Gesicht zeigt, von dem man aber, wenn man ihm folgen will, durch Dämonen getrennt wird, wie man sie in seinen Träumen sieht, und man hat einen schwachen Begriff von dem, was der Carneval in Rom ist.

Bei der zweiten Fahrt ließ der Graf den Wagen halten, bat die Freunde um Erlaubnis, sie verlassen zu dürfen, und stellte die Caleche zu ihrer Verfügung. Franz schlug die Augen auf: man befand sich vor dem Palaste Rospoli, und an dem mittleren Fenster, woran der weiße Damastvorhang mit einem roten Kreuz angebracht war, stand ein Domino, unter dem sich die Einbildungskraft von Franz ohne Mühe die schöne Griechin des Teatro Argentina vorstellte,

»Meine Herren,« sagte der Graf aus dem Wagen springend, »sind sie müde, Schauspieler zu sein, und wollen wieder Zuschauer werden, so wissen Sie, daß Sie Platz an meinen Fenstern haben: mittlerweile verfügen Sie über meinen Kutscher, über meinen Wagen und über meine Bedienten.«

Wir haben Vergessen, zu bemerken, daß der Kutscher des Grafen sehr ernst in ein Bärenfell, ganz dem von Odry in Bär und Pascha ähnlich, gekleidet war, und daß die Lackeien, welche hinten auf der Caleche standen, vollkommen ihrer Figur angepaßte Costumes von grünen Affen und Masken mit Federn hatten, mit welchen sie Grimassen gegen die Vorüberkommenden machten.

Franz dankte dem Grafen für sein höfliches Anerbieten. Albert aber war gerade in einer kleinen Coquetterie mit einem Wagen voll römischer Bäuerinnen begriffen, welcher, wie der den Grafen durch einen Stillstand der Reihe aufgehalten, von ihm mit Sträußen überströmt wurde. Zu seinem Unglück setzte sich die Reihe wieder in Bewegung, und während er gegen die Piazza del popolo hinabfuhr, fuhr der Wagen, welcher seine Aufmerksamkeit erregt hatte, nach dem venetianischen Palaste hinaus.

»Oh! mein Lieber,« sagte Albert, »Sie haben den Wagen nicht gesehen, der mit römischen Bäuerinnen beladen dort hinauffährt?«

»Nein.«

»Ich bin überzeugt, es sind reizende Frauen.«

»Wie Schade, daß Sie eine Larve vor dem Gesichte haben, mein lieber Albert erwiderte Franz; »das war ein Augenblick, wo Sie sich für Ihre Liebestäuschungen hätten entschädigen können.«

»Oh!« entgegnete Albert halb lachend, halb überzeugt, »ich hoffe, der Carneval wird nicht vorübergehen, ohne mir irgend eine Befriedigung zu bringen.«

Trotz der Hoffnung von Albert ging der ganze Tag ohne ein anderen Abenteuer, als ein zwei oder dreimaliges Begegnen der Caleche mit den römischen Bäuerinnen Vorüber; bei einem solchen Zusammentreffen machte sich seine Maske los, . . mochte dies nun Zufall oder Berechnung von Albert sein. Er nahm hierbei den ganzen Rest von Sträußen und warf Ihn in die Caleche. Ohne Zweifel wurde eine von den reizenden Frauen, welche Albert unter der zierlichen Tracht der Bäuerinnen vermutete, von dieser Galanterie gerührt, denn als der Wagen der zwei Freunde wieder vorüber kam, warf sie einen Veilchenstrauß hinein. Albert stürzte sich auf den Strauß. Da Franz nicht glauben konnte, er wäre an seine Adresse gerichtet, so ließ er Albert sieh denselben bemächtigen. Albert steckte ihn siegreich an sein Knopfloch, und der Wagen setzte seinen Triumphzug fort.

»Gut!« sagte Franz, »das ist schon ein Anfang von einem Abenteuer.«

»Lachen Sie, so lange Sie wollen, aber ich glaube es ist so; ich lasse diesen Strauß auch nicht mehr von mir.«

»Bei Gott, ich glaube wohl!« rief Franz lachend, »es ist ein Zeichen der Wiedererkennung.«

Der Scherz nahm indessen bald den Charakter einer Wirklichkeit an, denn als, beständig durch die Reihe geführt, Franz und Albert abermals den Wagen der Contadine kreuzten klatschte diejenige, welche Albert das Sträußchen zugeworfen hatte, in die Hände, sobald sie es an seinem Knopfloch erblickte.

»Bravo mein Freund, bravo!« sagte Franz. »das läßt sich vortrefflich an: soll ich aussteigen, ist es Ihnen angenehmer, allein zu sein?«

»Nein,« erwiderte er. »nein, wir wollen nicht ungestüm zu Werke gehen. Ich habe nicht Lust, mich wie ein Dummkopf durch eine erste Demonstration fangen zu lassen. Beliebt es der schönen Bäuerin, weiter zu gehen so werden wir sie morgen wiederfinden, oder sie findet vielmehr uns wieder: dann gibt sie mir wohl ein Zeichen ihren Daseins, und ich werde sehen, was ich zu tun habe.«

»Ja der Tat, mein lieber Albert. Sie sind weise wie Nestor und klug wie Ulysses, und wenn es Ihrer Circe gelingen soll, sie in irgend ein Tier zu verwandeln, so muß sie sehr geschickt oder sehr mächtig sein.«

Albert hatte Recht: die schöne Unbekannte war ohne Zweifel entschlossen, die Intrigue an diesem Tag nicht weiter zu treiben; denn obgleich die jungen Leute noch mehre Male auf- und abfuhren, so fanden sie doch die Caleche nicht mehr, welche ihre Augen suchten; sie war ohne Zweifel in einer von den nebenliegenden Straßen verschwunden. Sie kehrten nun zu dem Palaste Rospoli zurück, doch der Graf war mit dem blauen Domino ebenfalls verschwunden, indes an den zwei Fenstern mit den gelben Damastvorhängen immer noch Personen standen, die er ohne Zweifel eingeladen hatte.

In diesem Augenblick läutete dieselbe Glocke, welche die Eröffnung des Carnevals verkündigt hatte, zum Rückzug; die Reihe des Corso brach sich sogleich, und in ein paar Minuten waren die Wagen durch die Querstraßen abgezogen. Franz und Albert befanden sich in diesem Augenblick vor der Via delle Maratte; der Kutscher fuhr durch diese, ohne ein Wort zu sagen, erreichte, sich an dem Palaste Rospoli hinziehend, die Piazza di Spagna und hielt vor dem Gasthofe an. Meister Pastrini empfing seine Gäste auf der Thürschwelle.

Es war die erste Sorge von Franz, sich nach dem Grafen zu erkundigen und sein Bedauern darüber auszudrücken, daß er ihn nicht zu rechter Zeit wieder abgeholt, aber Pastrini beruhigte ihn mit der Bemerkung, der Graf habe einen zweiten Wagen für sich bestellt, mit dem er um vier Uhr aus dem Palaste Rospoli zurückgekehrt sei. Er war überdies von ihm beauftragt, den zwei Freunden den Schlüssel seiner Loge im Teatro Argentina anzubieten. Franz befragte Alberti wozu er geneigt sei. Alberi aber hatte große Pläne in Ausführung zu bringen, ehe er an das Theater denken konnte. Statt zu antworten, erkundigte er sich daher bei Meister Pastrini, ob er ihm einen Schneider verschaffen könnte.

»Einen Schneider,« fragte der Wirth, »und wozu?«

»Um uns bis morgen römische Bauernanzüge, so zierlich als man sie nur haben kann, zu machen,« erwiderte Albert.

Meister Pastrini schüttelte den Kopf.

»Die morgen zwei Anzüge machen!« rief er, »ich bitte Euere Exzellenz um Entschuldigung, aber das ist eine ächt französische Frage. Zwei Anzüge, während Sie in den nächsten acht Tagen keinen Schneider finden würden, der sich herbei ließe, Ihnen sechs Knöpfe an eine Weste zu nähen, und wenn Sie ihm auch den Knopf das Stück zu einem Thaler bezahlen wollten.«

»Wir müssen also darauf Verzicht leisten, uns solche Kleider zu verschaffen?«

»Nein, insofern wir solche Anzüge fertig bekommen. Lassen Sie dies meine Sorge sein, und Sie sollen morgen, wenn Sie erwachen, eine Auswahl von Hüten, Wämmsern und Beinkleidern finden, womit Sie zufrieden sein werden.«

»Mein Lieber,« sagte Franz zu Albert, »wir wollen uns auf unsern Wirth verlassen, er hat uns bereits bewiesen, daß er ein Mann von Mitteln ist; speisen wir ruhig zu Mittag und sehen wir nach dem Essen die Italienerin in Algier

»Gut, die Italienerin in Algier,« versetzte Albert; »doch bedenken Sie, Meister Pastrini, daß ich und dieser Herr den größten Wert darauf legen, die gewünschten Kleider morgen zu bekommen.«

»Der Wirth versicherte seine Gäste noch einmal, sie hätten sich um nichts zu bekümmern und würden nach Wünschen bedient werden; hiernach gingen Franz und Albert in ihr Zimmer, , um ihre Bajazzokleider abzulegen, wobei Albert seinen Veilchenstrauß, das Wiedererkennungszeichen auf das Sorgfältigste aufbewahrte. Die zwei Freunde setzten sich zu Tische, doch während des Mahles konnten sie nicht umhin, die auffallende Verschiedenheit zwischen den Verdiensten des Koches von Meister Pastrini und denen der Küche des Grafen von Monte Christo wahrzunehmen. Franz mußte, trotz der Vorurteile, die er gegen den Grafen zu haben schien, zugestehen, daß die Vergleichung nicht zum Vorteile des Küchenmeisters von Pastrini ausfiel.

Beine Dessert erkundigte sich der Wirth nach der Stunde, zu der die jungen Leute den Wagen wünschten. Albert und Franz schauten sich gegenseitig an, denn sie befürchteten in der Tat, unbescheiden zu sein. Der Diener verstand sie und erwiderte:

»Seine Exzellenz hat ausdrücklich Befehl gegeben, der Wagen solle den ganzen Tag Ihren Herrlichkeiten zur Verfügung bleiben. Ihre Herrlichkeiten können also ohne Furcht, unbescheiden zu sein, bestimmen, was geschehen soll.«

Die jungen Männer beschlossen, die Höflichkeit des Grafen vollständig zu benützen. und befahlen anzuspannen, während sie die durch zahlreiche Kämpfe, in welche sie sich eingelassen hatten, etwas zerknitterte Morgentoilette durch eine Abendtoilette ersetzten. Sobald diese Maßregeln getroffen waren, fuhren sie in das Teatro Argentina, wo sie sich in der Lege des Grafen einnisteten.

Während des ersten Aktes trat die Gräfin G*** in die ihrige; sie wandte sogleich ihren Blick nach der Stelle, wo sie am Abend zuvor den seltsamen Unbekannten gesehen, und gewahrte Franz und Albert in der Loge des Mannes, über welchen sie vierundzwanzig Stunden vorher eine so sonderbare Meinung ausgesprochen hatte. Die Lorgnette war mit solcher Hartnäckigkeit auf Franz gerichtet, daß er einsah, es müßte als eine Grausamkeit betrachtet werden, würde er länger zögern, ihre Neugierde zu befriedigen. Das den Zuschauern der italienischen Theater bewilligte Privilegium benützend, welches darin besteht, daß sie aus ihren Schauspielsälen ihren Empfangssalon machen, verließen die zwei Freunde ihre Loge, um der Gräfin ihre Achtung zu bezeigen. Kaum waren sie in der Loge der letzteren, als sie Franz durch ein Zeichen den Ehrenplatz einnehmen hieß. Aldbet setzte sich hinter sie.

»Nun!« sagte sie zu Franz, dem sie nicht völlig Zeit gönnte, sich niederzulassen, »es scheint, Sie haben nichts Eiligeres zu tun gehabt, als mit dem neuen Lord Ruthwen Bekanntschaft zu machen, und Sie sind jetzt die besten Freunde der Welt?«

»Ohne in einer gegenseitigen Innigkeit so weit vorgerückt zu sein, als Sie sagen, kann ich nicht leugnen, daß wir den ganzen Tag seine Artigkeit mißbraucht haben.«

»Wie, den ganzen Tag?«

»Meiner Treue, das ist das richtige Wort: diesen Morgen haben wir ein Frühstück bei ihm angenommen, während der ganzen Mascherata sind wir in seinem Wagen auf dem Corso umhergefahren, diesen Abend wohnen wir dem Schauspiel in seiner Loge bei.«

»Sie kennen ihn also?«

»Ja oder nein.«

»Wie soll ich dies verstehen?«

»Es ist eine ganze lange Geschichte.«

»Die Sie mir erzählen werden?«

»Sie würde Ihnen zu sehr bange machen.«

»Ein Grund mehr.«

»Warten Sie doch, bis diese Geschichte eine Entwickelung genommen hat.«

»Gut, ich liebe die vollständigen Geschichten. Mittlerweile sagen Sie mir, wie sind Sie mit ihm in Berührung gekommen? wer hat Sie ihm vorgestellt?«

»Niemand: er hat sich im Gegenteil uns gestern Abend, als wir Sie verließen, vorstellen lassen.«

»Durch welche Vermittlung?«

»Ah! mein Gott, durch die sehr prosaische Vermittlung unseres Wirthes.«

»Er wohnt also im Gasthofe zur Stadt London, wie Sie?«

»Nicht nur in demselben Gasthofe, sondern auch auf demselben Boden.«

»Wie heißt er, denn Sie wissen ohne Zweifel seinen Namen?«

»Allerdings: Graf von Monte Christo.«

»Was für ein Name ist dies? es ist kein Geschlechtsname.«

»Nein, es ist der Name einer Insel, die er gekauft hat.«

»Und er ist Graf?«

Toscanischer Graf.«

»So werden wir ihn dulden, wie die Andern,« sagte die Gräfin, welche einer der ältesten Familien in der Gegend von Venedig angehörte. »Und was für ein Mann ist es sonst?«

»Fragen Sie den Vicomte von Morcerf.«

»Hören Sie, mein Herr? man weist mich an Sie,« sprach die Gräfin.

»Wir wären sehr häkelig, fänden wir ihn nicht ausgezeichnet,« antwortete Albert; »ein zehnjähriger Freund hätte nicht mehr für uns getan, als er getan hat, und dies mit einer Anmuth mit einer Zartheit, mit einer Höflichkeit wodurch sich der wahre Mann von Welt offenbart.«

»Gehen Sie versetzte die Gräfin lachend, »Sie werden sehen. mein Vampyr ist ganz einfach ein in neuester Zeit Reichgewordener, der sich seine Millionen verzeihen lassen will. Und Sie haben sie auch gesehen?«

»Wen, sie?« fragte Franz lächelnd.

»Die schöne Griechin von gestern.«

»Nein. Wir hörten, wie ich glaube, den Ton ihrer Guzla, doch sie blieb völlig unsichtbar.«

»Das heißt, wenn Sie unsichtbar sagen, mein lieber Franz,« sprach Albert, »so geschieht dies nur, um den geheimnisvollen zu spielen. Für wen halten Sie den blauen Domino, der an dem Fenster mit dem weißen Damastvorhang im Palaste Rospoli stand?«

»Der Graf hatte also drei Fenster im Palaste Rospoli?«

»Ja, Sind Sie über den Corso gekommen?«

»Allerdings. Wer ist heute nicht darüber gekommen?«

»Wohl! haben Sie zwei Fenster mit gelben Damastvorhängen und eines mit weißem Damast, woran ein rotes Kreuz, wahrgenommen?«

»Ah! dieser Mensch muß ein wahrer Nabob sein? Wissen Sie, was drei Fenster wie diese für acht Carnevalstage und zwar im Palaste Rospoli, das heißt in der schönsten Lage des Corso, wert sind?«

»Zwei bis dreihundert römische Thaler.«

»Sagen Sie zwei bis dreitausend.«

»Ah Teufel!«

»Bezieht er diese schönen Einkünfte von seiner Insel?«

»Seine Insel trägt ihm keinen Bajocco.«

»Warum hat er sie dann gekauft?«

»Aus Phantasie.«

»Es ist also ein Original?«

»Ich kann es nicht leugnen, er kam mir sehr excentrisch vor,« sprach Albert. »Wäre er in Paris, besuchte er unsere Schauspiele, so würde ich sagen. er sei entweder ein schlechter Spaßmacher, der Aufsehen erregen wolle, oder ein armer Teufel, den die neuere Literatur zu Grunde gerichtet.«

In diesem Augenblick erschien ein Besuch, und Albert trat seinen Platz der Sitte gemäß dem Ankömmling ab; dieser Umstand hatte auch zur Folge, daß der Gegenstand des Gespräches verändert wurde. Eine Stunde später kehrten die Freunde nach ihrem Gasthofe zurück. »Meiner Pastrini hatte sich bereits mit ihrer Verkleidung für den andern Tag beschäftigt, und er versprach ihnen, sie würden mit seiner rücksichtsvollen Thätigkeit zufrieden sein.

Am andern Morgen trat er wirklich in das Zimmer von Franz in Begleitung eines Schneiders, welcher mit acht bis zehn Anzügen römischer Bauern beladen war. Die zwei Freunde wählten zwei ähnliche und beauftragten ihren Wirth, ihnen zwanzig Ellen Bänder an jeden von ihren Hüten nähen zu lassen, und ihnen zwei von den reizenden seidenen Schärpen mit Querstreifen und von lebhaften Farben zu verschaffen, wie sie sich die Leute vom Volke an Festtagen um die Hüften zu befestigen pflegen.

Albert drängte es, zu sehen, wie ihm seine neue Kleidung stand; es war ein Wamms und eine Hose von blauem Sammet, Strümpfe mit gestickten Zwickeln, Schuhe mit Schnallen und eine seidene Weste. Der junge Mann konnte bei dieser malerischen Tracht nur gewinnen, und als der Gürtel um seine zierliche Taille befestigt war, als der Hut, leicht auf die Seite geneigt, Wellen von Bändern auf seine Schulter fallen ließ, mußte Franz gestehen, daß das Costume viel zu der körperlichen Erhabenheit beiträgt, die wir gewissen Völkern zugestehen. Die Türken, einst so pittoresk mit ihren langen, lebhaft gefärbten Gewändern, sind sie nicht jetzt häßlich mit ihren blauen zugeknöpften Rücken und ihrer griechischen Plattmütze, wodurch sie das Aussehen von Weinflaschen mit rotem Siegel bekommen? Franz machte Albert seine Komplimente, während sich dieser, vor dem Spiegel stehend, mit einer unzweideutigen Miene der Selbstzufriedenheit zulächelte. So weit waren sie, als der Graf von Monte Christo eintrat.

»Meine Herren,« sprach er zu den zwei Freunden, »so angenehm ein Vergnügensgefährte auch sein mag, so ist die Freiheit doch noch angenehmer, und ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich für heute und die acht folgenden Tage den Wagen, dessen sie sich gestern bedient haben, zu Ihrer Verfügung stelle. Unser Wirth hat Ihnen ohne Zweifel mitgeteilt, daß drei oder vier von mir bei ihm in Pension sind; machen Sie davon Gebrauch, um Ihrem Vergnügen oder Ihren Geschäften nachzugehen. Unser Zusammenkunftsort, wenn wir uns etwas zu sagen haben, ist der Palast Rospoli.«

Die jungen Leute wollten Einwendungen machen, aber sie hatten in der Tat keinen guten Grund, ein Anerbieten auszuschlagen, das ihnen überdies willkommen war. Sie willigten also ein.

Der Graf von Maule Christo blieb ungefähr eine Viertelstunde bei ihnen und sprach von allen möglichen Dingen mit außerordentlicher Leichtigkeit. Er war, wie man bereits bemerken konnte, sehr bewandert in der Literatur aller Länder. Ein Blick auf die Wände seines Salon geworfen, hatte Albert und Franz bewiesen, daß er Gemälde liebte. Einige Worte, die er ohne Anmaßung und gleichsam nur im Vorübergehen fallen ließ, dienten ihnen zum Beweis, das; ihm die Wissenschaften nicht fremd waren: besonders schien er sich mit der Chemie beschäftigt zu haben.

Die zwei jungen Leute hatten nicht die Keckheit.dem Grafen das Frühstück, welches er ihnen gegeben, zurückzugeben: es wäre ein zu schlechter Spaß gewesen, ihm für seine vortreffliche Tafel die mittelmäßigen Erzeugnisse der Küche von Meister Pastrini zu bieten. Sie sagten ihm dies ganz offenherzig, und er empfing ihre Entschuldigungen als ein Mann, der ihr Zartgefühl zu schätzen wußte.

Albert war entrückt von den Manieren des Grafen, den er, ohne sein Wissen, für einen wahren Edelmann anerkannt hätte. Daß er frei über den Wagen verfügen durfte, erfüllte ihn besonders mit Freude: er hatte seine Absichten auf die Bäuerinnen, und da sie ihm am Tage zuvor in einem sehr eleganten Wagen erschienen waren, so dünkte es ihm gar nicht unangenehm, sich in diesem Punkte fortwährend auf gleichem Fuße mit ihnen zu zeigen.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain