Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 41
»Ich werde es halten,« sprach Morcerf, »doch ich befürchte, sehr, es dürfte eine Entzauberung bei Ihnen eintreten, mein lieber Graf, insofern wechselreiche Lagen, pittoreske Ereignisse, phantastische Horizonte Bedürfnis für Sie geworden sind. Bei uns finden Sie nicht die geringste Episode von der Art derjenigen, an welche Sie Ihr abenteuerliches Leben gewöhnt hat. Unser Shimborazo ist der Montmartre, unser Himalaya der Mont-Valerien, unsere große Wüste die Ebene von Grenelle, wo man einen artesischen Brunnen gegraben hat, damit die Karavanen Wasser finden. Wir haben auch Räuber, viele Räuber, obgleich nicht so viele, als man sagt. Aber diese Räuber fürchten unendlich viel mehr den kleinsten Monchard, als den mächtigsten Herrn, kurz, Frankreich ist ein so prosaisches Land und Paris eine so civilisirte Stadt, daß Sie, wenn Sie alle fünfundachtzig Departements durchsuchen, ich sage fünfundachtzig, weil ich Corsica von Frankreich ausnehme, daß Sie in unseren fünfundachtzig Departements nicht den geringsten Berg finden werden, auf welchem nicht ein Telegraph angebracht ist, nicht die geringste, einigermaßen schwarze Grotte, in welcher nicht ein Polizeikommissär einen Gasschnabel hat einsetzen lassen. Ich kann Ihnen folglich nur einen Dienst leisten, mein lieber Graf, und für diesen stehe ich zu Ihrer Verfügung: ich kann Sie überall vorstellen oder durch meine Freunde vorstellen lassen; übrigens brauchen Sie Niemand hierzu: mit Ihrem Namen, mit Ihrem Vermögen und Ihrem Geiste (Monte Christo verbeugte sich mit einem leichten ironischen Lächeln) stellt man sich überall selbst vor und wird überall gut aufgenommen. Ich kann Ihnen also nur in einer Beziehung nützlich sein: gereicht es mir bei Ihnen als Empfehlung, daß ich ein wenig mit dem Pariser Leben vertraut bin, einige Erfahrung im Comfortablen habe und unsere Bazars kenne, so verfügen Sie über mich, um ein bequemes Haus für Sie auszusuchen. Ich wage es nicht, Ihnen den Vorschlag zu machen, meine Wohnung mit mir zu teilen, wie ich die Ihrige in Rom geteilt habe, ich, der ich mich nicht zum Egoismus bekenne, aber vorzugsweise Egoist bin: denn bei mir würde, mich selbst ausgenommen, nicht ein Schatten aushalten, wäre dieser Schatten nicht der einer Frau.«
»Ah!« rief der Graf, »das ist ein ganz ehrlicher Vorbehalt, Sie haben mir in der Tat in Rom ein paar Worte von einem Heiratsplane gesagte darf ich Ihnen zu Ihrer nahe bevorstehenden Verbindung Glückwünschen?«
»Die Sache ist immer noch im Zustande eines Planes.«
»Und wer Plan sagt, will möglicher Fall sagen,« versetzte Debray.
»Nein! nein!« erwiderte Morcerf, »meinem Vater ist daran gelegen, und ich hoffe Ihnen binnen Kurzem, wenn nicht meine Frau, doch meine Braut, Fräulein Eugenie Danglars, vorzustellen.«
»Eugenie Danglars!« rief Monte Christo, »warten Sie doch . . . ist ihr Vater nicht der Herr Graf Danglars?«
»Ja,« antwortete Morcerf, »aber Graf von neuer Schaffung.«
»Oh! was ist daran gelegen?« entgegnete Monte Christo, »wenn er nur dem Staate Dienste geleistet hat, in Folge derer man diese Auszeichnung als gerechte Belohnung betrachten darf.«
»Ungeheure Dienste,« sprach Beauchamp. »Er hat obgleich in seinem Inneren liberal, im Jahre 1829 ein Anlehen von sechs Millionen für den König Karl X. vollständig gemacht und wurde dafür von diesem zum Grafen und Ritter der Ehrenlegion ernannt, und so trägt er das Band nicht an seiner Westentasche, wie man glauben könnte, sondern ganz hübsch an Knopfloche seines Frackes.«
»Ah!« rief Morcerf lachend, »Beauchamp, Beauchamp, behalten Sie dies für den Corsaire und den Charivari; aber in meiner Gegenwart schonen Sie meinen zukünftigen Schwiegervater.«
Dann sich an Monte Christo wendend:
»Auch Sie haben so eben seinen Namen ausgesprochen, wie Einer, der den Grafen kennen würde?«
»Ich kenne ihn nicht,« antwortete Monte Christo mit nachlässigem Tone, »werde jedoch wahrscheinlich bald seine Bekanntschaft machen, indem ich einen offenen credit auf ihn durch das Haus Richard und Blount in London, Arnstein und Eskeles in Wien, und Thomson und French in Rom habe.«
Die letzten zwei Namen aussprechend schaute Monte Christo Maximilian Morrel aus einem Winkel seines Auges an.
Hatte der Fremde auf Maximilian Morrel eine Wirkung hervorzubringen gehofft, so täuschte er sich nicht. Maximilian zitterte, als ob er einen elektrischen Schlag bekommen hätte.
»Thomson und French,« sagte er, »kennen Sie dieses Haus?«
»Es sind meine Banquiers in der Hauptstadt der christlichen Welt,« antwortete ruhig der Graf, »kann ich Ihnen bei diesen Herren in irgend einer Beziehung nützlich sein?«
»Oh! mein Herr Graf, Sie könnten uns vielleicht in Nachforschungen unterstützen, welche bin jetzt fruchtlos gewesen sind; dieses Haus hat einst dem unserigen einen großen Dienst geleistet, diesen Dienst aber, ich weiß nicht aus welchem Grunde, stets abgeleugnet.«
»Ich stehe zu Befehl,« sagte der Graf sich verbeugend.
»Aber wir haben uns aus Veranlassung von Danglars auf eine sonderbare Weise von dem Gegenstande unseres Gesprächen entfernt,« bemerkte Morcerf. »Es war davon die Rede, eine taugliche Wohnung für den Grafen nun Monte Christo aufzufinden. Auf, meine Herren, wir wollen uns besinnen, um einen guten Gedanken zu bekommen; wo werden wir diesen neuen Gast des großen Paris einquartieren?«
»Im Faubourg Saint-Germain,« sagte Chateau-Renaud, »der Herr findet dort ein reizendes kleines Hotel zwischen Garten und Hof.«
»Bah! Chateau-Renaud,« rief Debray, »Sie kennen nur Ihren traurigen, verdrießlichen Faubourg Saint-Germain; hören Sie nicht auf ihn, Herr Graf, wohnen Sie in der Chaussée-d’Antin, das ist der wahre Mittelpunkt nun Paris.«
»Boulevard de l’Opera,« sagte Beauchamp, »im ersten Stock, ein Hause mit Balkon, der Herr Graf läßt Kissen von Silberstoff dahin bringen und sieht, seinen Schibuk rauchend oder seine Pillen verschluckend, die ganze Hauptstadt vor seinen Augen vorüberziehen.«
»Sie haben keinen Gedanken, Morrel, daß Sie nichts vorschlagen?« sagte Chateau-Renaud.
»Doch wohl,« erwiderte lächelnd der junge Mann; »ich habe im Gegenteil einen Gedanken, wartete aber, ob sich der Herr Graf nicht durch eine von den glänzenden Anerbietungen die man ihm gemacht, verführen lassen würde. Nun, da er nicht geantwortet, glaube ich ihm eine Wohnung in einem reizenden kleinen Hotel . . . ganz Pompadur . . . anbieten zu dürfen, das meine Schwester seit einem Jahr in der Rue Meslay gemiethet hat.«
»Sie haben eine Schwester?« fragte Monte Christo.
»Ja, mein Herr, eine vortreffliche Schwester.«
»Verheiratet?«« s
»Seit bald neun Jahren.«
»Glücklich?« fragte abermals der Graf.
»So glücklich, als es einem menschlichen Geschöpfe zu sein gestattet ist.« antwortete Maximilian; »sie hat den Mann geheiratet, den sie liebte. der uns in unserem Unglück treu geblieben ist: Emmanuel Herbeau.«
Monte Christo lächelte unmerklich.
»Ich wohne dort während meines halbjährigen Urlaubs,« fuhr Maximilian fort, »und stehe mit meinem Schwager Emmanuel in Beziehung auf jede Auskunft zu Dienst, welcher der Herr Graf bedürfen möchte.«
»Einen Augenblick,« rief Morcerf, ehe Monte Christo Zeit gehabt hatte, zu antworten, »bedenken Sie wohl, was Sie tun, Herr Morrel. Sie wollen einen Reisenden, Simbad den Seefahrer, in das Familienleben einkerkern; Sie wollen aus einem Manne, der gekommen ist, um Paris zu sehen, einen Patriarchen machen.«
»Oh! Nein,« erwiderte Morrel lächelnd; »meine Schwester ist fünfundzwanzig Jahre alt, mein Schwager dreißig, sie sind jung, heiter und glücklich, überdies wird der Graf bei sich sein und seinen Wirthen nur begegnen, wenn es ihm beliebt, zu ihnen hinabzugehen.«
»Ich danke, mein Herr, ich danke,« sprach Monte Christo, »ich werde mich begnügen, Ihrer Schwester und Ihrem Schwager durch Sie vorgestellt zu werden, wenn Sie mir diese Ehre erweisen wollen: aber ich nehme das Anerbieten von keinem dieser Herren an, da schon eine Wohnung für mich bereit steht.«
»Wie?« rief Morcerf, »Sie wollen im Gasthof absteigen? Das wird sehr verdrießlich für Sie sein.«
»War ich denn in Rom so übel daran?« fragte Monte Christo.
»Oh! in Rom,« entgegnete Morcerf, »dort haben Sie fünfzig tausend Piaster ausgegeben, um sich eine Wohnung meubliren zu lassen, doch ich setze voraus, Sie sind nicht geneigt, jeden Tag eine solche Ausgabe zu erneuern.«
»Das hielt mich nicht zurück,« sprach Monte Christo; »doch ich war entschlossen, ein Haus in Paris zu haben, ein eigenes Haus, und schickte meinen Kammerdiener voraus, der mir dieses Haus kaufen und meubliren lassen mußte.«
»Haben Sie denn einen Kammerdiener, der Paris kennt,« rief Beauchamp.
»Er kommt, wie ich, zum ersten Male nach Frankreich, mein Herr, ist schwarz und spricht nicht.«
»Dann ist es Ali?« versetzte Albert mitten unter allgemeinem Erstaunen.
»Ja, mein Herr, es ist Ali, mein Nubier, mein Stummer, den Sie, wie ich glaube, in Rom gesehen haben.«
»Allerdings, ich erinnere mich seiner vollkommen,« sprach Morcerf.
»Aber wie konnten Sie einen Nubier beauftragen, Ihnen ein Haus zu kaufen, und einen Stummen, es meubliren zu lassen? Der arme Unglückliche wird Alles verkehrt gemacht haben?«
»Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin im Gegenteil überzeugt, daß er alle Dinge nach meinem Geschmack gewählt hat; denn Sie wissen, mein Geschmack ist nicht der von Jedermann. Er ist vor acht Tagen angekommen und wird in der Stadt mit jenem Instinkte umher gelaufen sein, den ein guter, allein jagender Hund haben dürfte, er kennt meine Launen, meine Phantasien, meine Bedürfnisse, und hat sicherlich Alles nach meinem Gefallen eingerichtet. Er wußte, daß ich heute um zehn Uhr ankommen würde, und wartete auf mich seit neun Uhr an der Barrière de Fontainebleau. Dort übergab er mir dieses Papier, es ist meine neue Adresse; lesen Sie.« Monte Christo reichte das Papier Albert und dieser las:
»Champs-Elysées, Nro. 30.«
»Das ist in der Tat originell,« rief Beauchamp unwillkürlich.
»Und ganz fürstlich,« fügte Chateau-Renaud bei.
»Wie! Sie kennen Ihr Haus nicht einmal?« fragte Debray.
»Nein,« erwiderte Monte Christo. »ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich die Stunde nicht versäumen wollte. Ich machte meine Toilette im Wagen und stieg vor der Thüre des Vicomte aus.«
Die jungen Leute schauten sich gegenseitig an: sie wußten nicht, ob Monte Christo eine Komödie spielte, doch Alles, was aus dem Munde dieses Mannes kam, trug ein solches Gepräge von Einfachheit an sich, daß man keine Lüge voraussetzen konnte. Warum sollte er übrigens auch gelogen haben?«
»Wir werden uns also begnügen müssen. Dem Herrn Grafen alle die kleinen Dienste zu leisten, welche in unserer Macht liegen,« sprach Beauchamp. »Ich meiner Seits öffne ihm in meiner Eigenschaft als Journalist alle Theater von Paris.«
»Ich danke, mein Herr,« versetzte Monte Christo lächelnd, »meine Intendant hat bereits Befehl erhalten, mir in jedem derselben eine Loge zu miethen.«
»Ist Ihr Intendant auch ein Nubier, ein Stummer?« fragte Debray.
»Nein, er ist ein Landsmann von Ihnen, wenn überhaupt ein Corse ein Landsmann von irgend Jemand ist: doch Sie kennen ihn, Herr von Morcerf?«
»Sollte es zufällig der brave Signor Bertuccio sein, der so gut Fenster zu miethen versteht?
»Ganz richtig, Sie haben ihn bei mir an dem Tage gesehen, wo ich Sie beim Frühstück zu empfangen die Ehre hatte. Es ist ein sehr braver Mann, der ein wenig Soldat, ein wenig Schmuggler, ein wenig von Allem, was man sein kann, gewesen ist. Ich würde nicht schwören, daß er nicht einen kleinen Streit mit der Polizei wegen einer Erbärmlichkeit, etwa wegen eines Messerstichs, gehabt hat.«
»Und Sie haben diesen ehrlichen Weltbürger zum Intendanten gewählt, mein Herr Graf? sagte Debray. »Wie viel stiehlt er Ihnen jährlich?«
»Auf mein Ehrenwort, nicht mehr als ein Anderer, dessen bin ich sicher; doch er besorgt meine Angelegenheiten kennt keine Unmöglichkeit, und ich behalte ihn.«
»Also haben Sie ein eingerichtetes Haus,« sagte Chateau-Renaud, »ein Hotel in den Champs-Elysées, Bedienten, Intendanten, es fehlt Ihnen nur noch eine Geliebte.«
Albert lächelte, er dachte an die schöne Griechin, die er in der Loge des Grafen im Teatro della Balle und im Teatro Argentina gesehen hatte.
»Ich habe etwas Besseres,« antwortete Monte Christo, »ich habe eine Sklavin: Sie miethen Ihre Geliebtinnen im Théâtre de l’Opera, im Théâtre du Vandeville, im Théâtre des Variétés, ich habe die meinige in Constantinopel gekauft, es hat mich sehr viel gekostet, aber ich brauche mich in dieser Beziehung um nichts mehr zu bekümmern.«
»Doch Sie vergessen, sprach Debray lachend, »wir sind, wie König Karl gesagt hat, frank dem Namen nach, frank der Natur nach, und somit ist Ihre Sklavin, sobald sie den Fuß auf die Erde Frankreichs gesetzt hat, frei geworden.«
»Wer wird es ihr sagen?« fragte Monte Christo.
»Der Nächste der Beste.«
»Sie spricht nur Romaisch.«
»Dann ist es etwas Anderes.«
»Aber wir werden sie wenigstens sehen,« fragte Beauchamp, »aber besitzen Sie auch Eunuchen, da Sie bereits einen Stummen haben?«
»Meiner Treue! nein,« erwiderte Monte Christo, »ich treibe den Orientalismus nicht so weit; Jedem von meiner Umgebung steht es frei, mich zu verlassen, und wer mich verläßt, bedarf weder mehr meiner, noch irgend einer andern Person, darum verläßt man mich vielleicht nicht.
Man war längst zum Dessert und zu den Cigarren übergegangen.
»Mein Lieber,« sagte Debray aufstehend, »es hat halb drei Uhr geschlagen, Ihr Gast ist entzückend, aber die Gesellschaft mag so gut sein, als sie will, man verläßt sie doch endlich . . . zuweilen einer schlechten zu Liebe: ich muß in mein Ministerium zurückkehren. Über den Grafen spreche ich mit dem Minister, und wir erfahren sicherlich, wer er ist.«
»Nehmen Sie sich in Acht,« entgegnete Morcerf: »die Schlausten haben darauf Verzicht geleistet.«
»Bah! wir haben drei Millionen für unsere Polizei; sie sind allerdings beinahe immer zum Voraus ausgegeben, doch gleichviel, es bleiben immerhin fünfzigtausend Franken, die man hierauf verwenden kann.«
»Und wenn Sie wissen, wer er ist, werden Sie es mir sagen?«
»Ich verspreche es Ihnen. Auf Wiedersehen, Albert. Meine Herren, Ihr Unterthänigster!
Und die Gesellschaft verlassend, rief Debray ganz laut im Vorzimmer:
»Vorfahren!«
»Gut,« sagte Beauchamp zu Albert, »ich gehe nicht in die Kammer, aber ich habe meinen Lesern etwas Besseres zu bieten, als eine Rede von Danglars.«
»Ich bitte, Beauchamp,« erwiderte Morcerf, »ich bitte, kein Wort hiervon; berauben Sie mich nicht des Verdienstes, ihn vorzustellen und zu erklären. Nicht wahr, er ist interessant?«
»Er ist noch mehr,« sprach Chateau-Renaud, »er ist in der Tat einer der außerordentlichsten Menschen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Kommen Sie mit, Morrel?«
»Lassen Sie mich nur meine Karte dem Herrn Grafen geben, der uns einen Besuch zugesagt hat: Rue Meslay, Nro. 14.«
»Seien Sie versichert, daß ich dies zu tun nicht ermangeln werde,« sprach der Graf sich verbeugend.
Hiernach entfernte sich Maximilian Morrel mit dem Baron von Chateau-Renaud und ließ Monte Christo mit Morcerf allein.

Elftes bis vierzehntes Bändchen
Erstes Kapitel.
Die Vorstellung
Als Albert sich mit Monte Christo allein sah, sagte er:
»Mein Herr Graf, erlauben Sie mir, mein Ciceronegeschäft mit Ihnen zu beginnen, indem ich Ihnen eine Probe von einem Junggesellen-Quartier gebe. An die Paläste Italiens gewöhnt, wird es für Sie ein Studium sein, zu berechnen, mit wie viel Quadratfuß einer von den jungen Leuten von Paris leben kann, der nicht für denjenigen gilt, welcher am Schlechtesten wohnt. Sobald wir von einem Zimmer in das andere übergehen, öffnen wir die Fenster, damit Sie atmen können.«
Monte Christo kannte bereits den Speisesaal und den Salon des Erdgeschosses; Albert führte ihn in sein Atelier, es war dies, wie man sich erinnern wird, sein Lieblingszimmer.
»Monte Christo war ein würdiger Schätzer aller der Dinge, welche Albert in diesem Zimmer aufgehäuft hatte: alte Kisten, Porzellane von Japan, Stoffe aus dem Orient, Glaswaaren aus Venedig, Waffen aus allen Ländern der Erde, mit Allem war er vertraut, und mit dem ersten Blicke kannte er das Jahrhundert, das Land und den Ursprung Morcerf hatte geglaubt, er würde der Erklärer sein, während er im Gegenteil unter der Leitung des Grafen einen Cursus in der Archäologie, in der Mineralogie und in andern Zweigen der Naturgeschichte durchmachte. Man ging in den ersten Stock hinab. Albert führte seinen Gast in den Solon Dieser Salon war mit Werken neuerer Meister ausgeschmückt: es fanden sich hier Landschaften von Dupré, mit langen Schilfrohren, schlankem hohen Bäumen, blökenden Kühen und wundervollen Himmeln; arabische Reiter von Delacroix mit langen weißen Burnus, glänzenden Gürteln, damaszierten Waffen, deren Pferde einander in voller Wut bissen, während sich die Menschen mit eisernen Keulen niederschmetterten; Aquarellen von Boulanger, ganz Notre-Dame de Paris mit jener Kraft darstellend, welche den Maler zum Nebenbuhler des Dichters macht; Bilder von Dias, der die Blumen viel schöner als die Blumen, die Sonne viel glänzender, als die Sonne malt; Zeichnungen von Decamp so gefärbt wie die von Salvator Rosa, aber poetischer; Pastelle von Giraud und Müller, Kinder mit Engelsköpfen und Frauen mit Madonnenzügen darstellend; Croquis aus dem Album einer Reise nach dem Orient von Dauzats ausgerissen, welche dieser in ein paar Sekunden auf dem Sattel eines Kameels oder aus dem Minaret einer Moschee mit Bleistift gezeichnet hatte; kurz Alles, was die moderne Kunst im Austausch und als Entschädigung für die verlorene und mit den vorhergehenden Jahrhunderten entflogene Kunst zu bieten vermag.
Albert hoffte diesmal wenigstens dem fremden Reisenden etwas Neues zeigen zu können; aber zu seinem großen Erstaunen gab dieser, ohne daß er die Unterschriften zu suchen nötig hatte, welche überdies häufig nur durch die Anfangsbuchstaben bezeichnet waren. auf der Stelle den Namen jedes Urhebers seinem Werke, und man konnte daher leicht wahrnehmen, daß, ihm nicht nur jeder von diesen Namen bekannt, sondern daß auch jedes von diesen Talenten von ihm gewürdigt und studiert worden war.
Vom Salon ging man in das Schlafzimmer: es war zugleich ein Muster von Eleganz und von strengem Geschmacke hier glänzte ein einziges, aber von Leopold Robert unterzeichnetes Porträt in seinem mattgoldenen Rahmen.
Dieses Porträt zog sogleich die Blicke des Grafen von Monte Christo an, denn er machte drei rasche Schritte im Zimmer und blieb plötzlich vor demselben stehen.
Es war das Porträt einer Frau von fünf und zwanzig bis sechs und zwanzig Jahren, von brauner Gesichtsfarbe, mit feurigen, unter einem schmachtenden Augenliede verschleiertem Blicke; sie trug die malerische Kleidung der catalonischen Fischerinnen mit rot und schwarzem Mieder und goldenen, durch die Haare gesteckten Nadeln; sie schaute auf die See hinaus, und ihre hübsche Silhouette hob sich von dem doppelten Azur der Wellen und des Himmels ab.
Es war düster im Zimmer, sonst hätte Albert die Leichenblässe sehen können, die sich über die Wangen des Grafen verbreitete, er hätte das Nervenzittern gewahren können, das seine Schultern und seine Brust bewegte.
Nach einem kurzen Stillschweigen sprach der Graf von Monte Christo mit vollkommen ruhiger Stimme.
»Sie haben da eine schöne Geliebte. Vicomte, und dieses Costume, ohne Zweifel ein Ballcostume, steht ihr in der Tat zum Entzücken.«
»Ah! mein Herr,« erwiderte Albert, »das ist eine Täuschung, die ich mir nicht vergeben würde, wenn Sie neben diesem Porträt ein anderes gesehen hätten. Sie kennen meine Mutter nicht, mein Herr; sie ist es, die Sie in diesem Rahmen sehen; sie ließ sich vor acht Jahren so malen. Diese Tracht ist der Phantasie entsprungen, und die Ähnlichkeit ist so groß, daß ich meine Mutter noch vor mir zu sehen wähne, wie sie im Jahre 1830 war. Die Gräfin ließ dieses Porträt während einer Abwesenheit des Grafen malen. Ohne Zweifel glaubte sie ihm bei seiner Rückkehr eine freundliche Überraschung zu bereiten; doch seltsamer Weise mißfiel das Porträt meinem Vater, und der Wert des Gemäldes, daß wie Sie sehen, eines der schönsten von Leopold Robert ist, ließ ihn nicht über den Widerwillen weggehen, den er gegen dasselbe gefaßt hatte. Allerdings ist Herr von Morcerf, unter uns gesagt, einer der emsigsten Pairs im Luxembourg, ein in Beziehung auf die Theorie berühmter General, aber ein äußerst mittelmäßiger Liebhaber der Kunst; nicht so ist es bei meiner Mutter, welche auf eine merkwürdige Weise malt und, ein solches Werk zu sehr schätzend, um sich gänzlich davon zu trennen, mir dasselbe gegeben hat, damit es bei mir weniger dem Mißfallen von Herrn von Morcerf ausgesetzt sei, dessen von Graf gemaltes Porträt ich Ihnen ebenfalls zeigen werde. Verzeihen Sie, wenn ich auf diese Art von Familie und häuslichen Angelegenheiten mit Ihnen spreche, da ich aber die Ehre haben werde, Sie zu dem Grafen zu geleiten, so sage ich Ihnen dies, damit Ihnen nicht in seiner Gegenwart ein Lob dieses Porträts entschlüpft. Es übt indessen einen traurigen Einfluß aus, denn meine Mutter kommt selten zu mir, ohne es zu beschauen, und noch seltener geschieht es, daß sie das Bild beschaut, ohne zu weinen. Übrigens ist die Wolke, welche die Erscheinung dieses Gemäldes in das Hotel brachte, die einzige, die sich zwischen dem Grafen und der Gräfin erhoben hat, denn sie sind, obgleich seit mehr als zwanzig Jahren verheiratet, noch einig wie am ersten Tage.«
Monte Christo warf einen raschen Blick auf Albert, als wollte er eine unter seinen Worten verborgene Absicht suchen, aber der junge Mann hatte diese Worte offenbar in der ganzen Einfalt seines Gemüthes gesprochen.
»Nun haben Sie alle meine Reichtümer gesehen,« fuhr Albert fort; »erlauben Sie mir, mein Herr Graf, Ihnen dieselben anzubieten, so unwürdig sie auch sein mögen; betrachten Sie sich, als wären Sie hier zu Hause und um noch heimischer zu werden, haben Sie die Güte, mich zu Herrn von Morcerf zu begleiten, dem ich von Rom den Dienst, den Sie mir geleistet, mitgeteilt und den Besuch, den Sie mir versprochen, angekündigt habe; ich darf wohl sagen, der Graf und die Gräfin erwarteten mit Ungeduld den Zeitpunkt, wo es denselben erlaubt sein möchte, Ihnen zu danken. Sie sind etwas abgestumpft gegen alle Dinge, ich weiß dies, Herr Graf, und die Familienszenen üben keine große Thätigkeit auf Simbad den Seefahrer aus: Sie haben so viele andere Szenen gesehen! Nehmen Sie indessen, was ich Ihnen anbiete, als Eingang in das Pariser Leben an, in ein Leben der Höflichkeiten, der Besuche und Vorstellungen.«
Monte Christo verbeugte sich, ohne zu antworten; er nahm den Vorschlag ohne Begeisterung und ohne Widerstreben an . . . wie eine von den Pflichten des Wohlanstandes, denen sich Jedermann unterwerfen muß. Albert rief seinen Kammerdiener und befahl ihm, Herrn und Frau von Morcerf den Grafen von Monte Christo zu melden.
Albert folgte ihm mit dem Grafen.
Als man m das Vorzimmer des Grafen gelangte, sah man über der Thüre, welche in den Salon führte, einen Wappenschild, der durch seine reiche Einfassung und den Einklang mit der Ausschmückung des Zimmers von dem Gewichte zeugte, das der Eigentümer des Hotel aus dieses Wappen legte. Der Graf blieb vor dem Wappen stehen und schaute es aufmerksam an.
»Sieben gestümmelte Amseln auf einer Binde in blauem Feld. Ohne Zweifel das Wappen Ihrer Familie, Vicomte?« fragte der Graf. »Abgesehen von der Kenntnis der Hauptstücke des Wappens, welche mir dasselbe zu entziffern gestatten, bin ich sehr unwissend in der Heraldik; ich bin ein Graf aus Zufall, fabriziert durch Toskana mit Hilfe einer St. Stephans-Comthurei, wobei ich den hohen Adel hätte entbehren können, wäre mir nicht wiederholt worden, wenn man viel reise, sei es eine durchaus notwendige Sache. Denn man muß am Ende etwas am Wagenschlage haben, und wäre es nur, um nicht von den Douaniers durchsucht zu werden. Entschuldigen Sie mich also, wenn ich eine solche Frage mache.«
»Sie ist keines Wegs unbescheiden, mein Herr,« antwortete Morcerf mit der Einfachheit der Überzeugung, »und Sie haben richtig erraten: es ist unser Wappen, nämlich das des Stammvaters meines Vaters; aber es ist, wie Sie sehen, mit einem anderen Wappen, mit dem des Stammvaters meiner Mutter, silberner Thurm im roten Felde, verbunden; von weiblicher Seite bin ich Spanier, doch das Haus Morcerf ist französisch und, wie ich sagen hörte, eines der ältesten im südlichen Frankreich.«
»Ja,« sprach der Graf, »das deuten die gestümmelten Amseln an. Beinahe alle bewaffnete Wallfahren welche auf die Eroberung des heiligen Landes auszogen, wählten als Wappen entweder Kreuze, als Zeichen der Sendung, der sie sich geweiht hatten, oder Wandervögel, als Symbol der langen Reise, welche sie unternehmen wollten und auf den Flügeln des Glaubens zu erfüllen hofften. Einer Ihrer väterlichen Ahnen wird einen von den Kreuzzügen mitgemacht haben, und nehmen wir nur an, es sei der des heiligen Ludwig gewesen, so führt dies Ihren Adel schon in das dreizehnte Jahrhundert zurück, was immerhin sehr hübsch ist«
»Das ist möglich,« erwiderte Morcerf; »irgendwo in dem Cabinet meines Vaters befindet sich ein Stammbaum, der uns dies sagen wird; ich machte einst Commentare darüber, welche Hozier und Jaucourt sehr erbaut haben dürften. Jetzt denke ich nicht mehr daran, und dennoch muß ich Ihnen bemerken, es gehört dies zu meinen Führerattributen – daß man sich unter unserer volksthümlichen Regierung wieder sehr viel mit dergleichen Dingen zu beschäftigen anfängt.«
»Nun! dann hätte Ihre Regierung etwas Besseres aus der Vergangenheit wählen müssen, als die zwei Plakate, welche ich auf Ihren Monumenten wahrgenommen habe, denn es fehlt ihnen ganz und gar an heraldischem Sinn. Sie, mein lieber Vicomte, Sie sind glücklicher, als Ihre Regierung; Ihr Wappen ist in der Tat schön und nimmt die Einbildungskraft in Anspruch. Ja, so ist es, Sie stammen zugleich von der Provence und von Spanien her, wodurch sich, wenn das Porträt, das Sie mir gezeigt haben, ähnlich ist, die schöne braune Farbe erklärt, welche ich so sehr an dem Antlitz der edlen Catalonierin bewunderte.«
Man hätte Oedipus oder Sphinx sein müssen, um die Ironie zu erraten, die der Graf in diese Worte legte, welche scheinbar das Gepräge der größten Höflichkeit an sich trugen; Morcerf dankte ihm auch mit einem Lächeln, ging voran, um ihm den Weg zu zeigen, und öffnete eine in den Salon führende Thüre unter dem Wappen.
An der am meisten in das Auge fallenden Stelle dieses Salon sah man ebenfalls ein Porträt; es war das eines Mannes von fünfunddreißig bis achtunddreißig Jahren, in der Uniform eines Generaloffiziers mit der den höheren Grad bezeichnenden vollen Doppelepaulette; am Halse das Band der Ehrenlegion, woraus hervorging, daß er Commandeur war; auf der Brust rechts den Stern des Großoffiziers vom Erlöser-Orden, links den vom Großkreuz des Ordens von Carl III., eine Andeutung, daß die durch das Porträt dargestellte Person die Kriege in Griechenland und Spanien mitgemacht oder, was in Beziehung auf Ordensbänder auf dasselbe hinausläuft, irgend eine diplomatische Sendung in den zwei Ländern erfüllt haben mußte,
Monte Christo beschäftigte sich eben damit, diesen Porträt mit derselben Sorgfalt zu zergliedern, mit der er das andere zergliedert hatte, als eine Seitenthüre geöffnet wurde und er sich dem Grafen von Morcerfs selbst gegenüber fand.
Es war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, der aber mindestens fünfzig zu sein schien, sein schwarzer Schnurrbart und seine schwarzen Augenbrauen stachen seltsam von seinen weißen, nach militärischer Mode bürstenartig geschnittenen Haaren ab; er war bürgerlich gekleidet und trug am Knopfloch ein Band, dessen verschiedene Streifen an die verschiedenen Orden erinnerten, mit denen er decorirt war. Der Graf von Morcerf trat mit ziemlich edlem Anstand und mit einem gewissen Eifer ein. Monte Christo ließ ihn auf sich zukommen, ohne einen Schritt zu tun, man hätte glauben sollen, seine Füße waren auf den Boden genagelt, wie seine Augen auf das Gesicht des Eintretenden.
»Mein Vater,« sprach der junge Mann, »ich habe die Ehre, Ihnen den Grafen von Monte Christo, den edelmütigen Freund vorzustellen, welchen ich unter den Ihnen bekannten, schwierigen Umständen zu treffen so glücklich war.«
»Der Herr ist willkommen in unserer Mitte,« sagte der Graf von Morcerf, Monte Christo mit einem Lächeln begrüßend. »er hat unserem Hause durch Erhaltung seines einzigen Erben einen Dienst geleistet, für welchen wir zu unauslöschlichem Danke verpflichtet sind.«
So sprechend, bezeichnete der Graf Monte Christo einen Lehnstuhl, während er sich selbst vor das Fenster setzte.
Monte Christ nahm den von dem Grafen von Morcerf bezeichneten Stuhls richtete es aber so ein, daß er im Schatten der großen Sammetvorhänge verborgen blieb, von wo aus er in den von Ermüdung und Sorgen zeugenden Zügen des Grafen eine ganze Geschichte geheimer, in jede von den vor der Zeit gekommenen Falten geschriebenen Schmerzen lesen konnte.
»Die Frau Gräfin war bei ihrer Toilette, als sie der Herr Vicomte von dem Besuche benachrichtigen ließ, den sie zu empfangen die Ehre haben sollte; sie wird herabkommen und in zehn Minuten im Salon sein.«
»Es ist viel Ehre für mich,« erwiderte Monte Christo, »daß ich schon am Tage meiner Ankunft in Paris mit einem Manne in Verbindung gebracht werde, dessen Verdienst seinem Rufe gleichkommt, und bei dem das Schicksal, einmal gerecht, keinen Irrtum beging; doch hatte es Ihnen in den Ebenen der Mitidja oder in den Gebirgen des Atlas nicht einen Marschallsstab anzubieten?«
»Ich habe den Dienst verlassen, mein Herr,« sprach Morcerf ein wenig errötend. »Unter der Restauration zum Pair ernannt, wohnte ich dem ersten Feldzug bei und diente unter dem General Bourmont; ich konnte also auf ein Obercommando Anspruch machen, und wer weiß, wie sich die Dinge gestaltet hätten, wenn die ältere Linie auf dem Throne geblieben wäre. Aber die Julirevolution war, wie es scheint, hinreichend glorreich, um sich Undankbarkeit erlauben zu können, sie that dies bei jedem Dienste, der sich nicht von der kaiserlichen Periode herschrieb; ich nahm also meinen Abschied, denn wenn man, wie ich, seine Epauletten auf dem Schlachtfelde gewonnen hat, so versteht man es nicht, auf dem schlüpfrigen Boden der Salons zu manoeuvriren; ich habe den Degen niedergelegt und mich auf das Feld der Politik geworfen, ich widme mich der Industrie und studiere die nützlichen Künste. Während der zwanzig Jahre, die ich im Dienste geblieben, hatte ich wohl Lust hierzu, aber es gebrach mir an Zeit.«
