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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 43

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Drittes Kapitel.
Das Haus in Auteuil

Monte Christo war es nicht entgangen, daß Bertuccio, die Freitreppe hinabsteigend, sich nach Art der Corsen, das heißt die Luft mit dem Daumen durchschneidend, bekreuzt und sich in den Wagen setzend ein kurzes Gebet gemurmelt hatte. Jeder Andere, als ein neugieriger Mensch, hatte Mitleid mit dem Widerwillen des würdigen Intendanten gegen die mit dem Grafen beabsichtigte Spazierfahrt extra muros gehabt; dieser aber war, wie es schien, zu neugierig, um Bertuccio von der kleinen Reise freizusprechen. In zwanzig Minuten war man in Auteuil. Die Unruhe des Intendanten hatte immer mehr zugenommen. Als man in das Darf hineinfuhr, betrachtete Bertuccio, in die Ecke des Wagens gedrückt, mit einer fieberhaften Aufregung jedes Haus, vor dem man vorüberkam.

»Sie lassen in der Rue de la Fontaine Nro. 28 halten,« sagte der Graf, seinen Blick unbarmherzig auf den Intendanten heftend, dem er diesen Befehl gab.

Der Schweiß trat Bertuccio auf das Gesicht, und dennoch gehorchte er und rief, sich aus dem Wagen neigend, dem Kutscher: »Rue de la Fontaine, Nro. 28,« zu.

Dieses Numere 30 lag am Ende des Dorfes. Während der Fahrt war es Nacht geworden, oder es verlieh vielmehr eine völlig mit Electricität beladene Welle der frühzeitigen Finsternis den Anschein und die Feierlichkeit einer dramatischen Episode. Der Wagen hielt an, der Lackei stürzte an den Schlag und öffnete.

»Nun!« sagte der Graf, »Sie steigen nicht aus, »Herr Bertuccio, Sie bleiben also im Wagen? Aber woran des Teufels denken Sie denn diesen Abend?«

Bertuccio sprang aus dem Wagen und bot seine Schulter dem Grafen, der sich diesmal darauf stützte und die drei Stufen des Fußtrittes, eine nach der andern, hinabstieg.

»Klopfen Sie.« sagte der Graf, »und kündigen Sie mich an.«

Bertuccio klopfte, die Thüre öffnete sich und der Hausmeister erschien.

»Was beliebt?« fragte er.

»Ihr neuer Herr ist hier, braver Mann,« sprach der Diener, und übergab dem Hausmeister das Beglaubigungsschreiben des Notars.

»Das Haus ist also verkauft, und der Herr wird es bewohnen?« versetzte der Hausmeister.

»Ja, mein Freund,« sprach der Graf, »und ich werde dafür besorgt sein, daß Sie den Verlust Ihres früheren Herrn nicht zu beklagen haben.«

»Oh! Herr, ich habe nicht viel zu beklagen, denn wir sahen ihn nur äußerst selten; er ist seit mehr als fünf Jahren nicht hierher gekommen, und er hat bei meiner Treue wohl daran getan, ein Haus zu verkaufen, das ihm lediglich nichts eintrug.«

»Und wie hieß Ihr früherer Herr?«

»Der Herr Marquis von Saint-Meran; oh! ich bin überzeugt, er hat das Haus nicht um das verkauft, was es ihn kostete.«

»Der Marquis von Saint-Meran!« versetzte Monte Christo, »der Name kommt mir bekannt vor; der Marquis von Saint-Meran . . . «

Und er schien in seinem Gedächtnis zu suchen.

»Ein alter Edelmann,« fuhr der Hausmeister fort, »ein getreuer Diener der Bourbonen; er hatte eine einzige Tochter, die an Herrn von Villefort verheiratet war, welcher Staatsanwalt in Nimes und später in Versailles gewesen ist.«

Monte Christo warf einen Blick auf Bertuccio, der fahler aussah, als die Mauer, an die er sich lehnte, um nicht zu fallen.

»Ist diese Tochter nicht gestorben?« fragte Monte Christo-; »es ist mir, als hätte ich es sagen hören.«

»Ja, mein Herr, vor einundzwanzig Jahren, und seitdem haben wir den armen Marquis nicht dreimal gesehen.«

»Ich danke,« sagte Monte Christo, denn der Intendant kam ihm so niedergeschmettert vor, daß er, ohne Gefahr zu laufen, sie zu zerreißen, diese Saite nicht mehr weiter spannen zu können glaubte; »ich danke. Geben Sie mir Licht, braver Mann.«

»Soll ich den Herrn führen?«

»Nein, es ist nicht nötig, Bertuccio wird mir leuchten.« Monte Christo begleitete diese Worte mit einem Geschenke von zwei Goldstücken, welche einen Ausbruch von Segnungen und Seufzern zur Folge hatten.

»Oh! Herr,« sagte der Hausmeister, nachdem er vergebens aus dem Rande des Kamins und in dessen Umgebung gesucht hatte, »ich habe keine Kerzen hier.«

»Nehmen Sie eine von den Wagenlaternen, Bertuccio, und zeigen Sie mir die Zimmer,« sagte der Graf.

Der Intendant gehorchte, ohne eine Bemerkung zu machen, aber an dem Zittern der Hand, welche die Laterne hielt, war leicht wahrzunehmen, was ihn dieser Gehorsam kostete.

Man durchlief ein ziemlich geräumiges Erdgeschoß, einen ersten Stock, bestehend aus einem Salon, einem Badezimmer und zwei Schlafzimmern. Durch eines von diesen Schlafzimmern gelangte man zu einer Wendeltreppe, deren Ende nach einem Garten ausmündete.

»Ah! ein Nebenausgang,« sprach der Graf. »das ist sehr bequem. Leuchten Sie mir, Herr Bertuccio; geben Sie voraus, wir wollen sehen, wohin die Treppe führt.«

»Herr Graf, sie geht in den Garten.« erwiderte Bertuccio.

»Und woher wissen Sie das?«

»Das heißt, sie muß wohl dahin führen.«

»Gut, wir wollen uns überzeugen.«

Bertuccio stieß einen Seufzer aus und ging voran. Die Treppe führte wirklich nach dem Garten.

An der äußeren Thüre blieb Bertuccio stehen.

»Vorwärts« Herr Bertuccio!« sagte der Graf.

Doch derjenige, an welchen er sich wandte, war ganz betäubt, vernichtet. Seine irren Augen suchten rings umher die Spuren einer furchtbaren Vergangenheit, und er schien mit seinen krampfhaft zusammengepreßten Händen entsetzliche Erinnerungen zurückdrängen zu wollen.

»Nun!« rief der Graf.

»Nein, nein,« stammelte Bertuccio, die Laterne in die Ecke der inneren Mauer stellend; »nein, Herr Graf, ich gehe nicht weiter, es ist unmöglich!«

»Was soll das heißen?« entgegnete die unwiderstehliche Stimme von Monte Christo.

»Sie sehen wohl, Exzellenz.« rief der Intendant, »daß dies nicht mit natürlichen Dingen zugeht; Sie wollten ein Haus in der Gegend von Paris kaufen, und kauften gerade eines in Auteuil, und das Haus, das Sie kaufen, ist das Numero 28 in der Rue de la Fontaine. Oh! warum habe ich Ihnen nicht das schon Alles gesagt, gnädiger Herr; Sie hätten sicherlich nicht von mir verlangt, ich solle mitfahren. Ich hoffte, das Haus des Herrn Grafen würde ein anderes sein! Als ob es nicht noch mehr Häuser in Auteuil gäbe, als das, wo der Mord vorgefallen ist!.«

»Oh! oh!« rief Monte Christo, »was für ein scheußliches Wort haben Sie da ausgesprochen! Teufel von einem Menschen! Eingefleischter Corse! stets Aberglauben oder Geheimnisse! Nehmen Sie die Laterne und lassen Sie uns den Garten besehen, mit mir werden Sie hoffentlich keine Angst haben?«

Bertuccio hob die Laterne auf und gehorchte. Die Thüre enthüllte, sich öffnend, einen blassen Himmel, an welchem der Mond vergebens gegen ein Meer von Wolken kämpfte, die ihn bedeckten und einen Augenblick von ihm beleuchtet, »sich noch düsterer als zuvor wieder in den Tiefen des Unendlichen verloren.

Der Intendant wollte sich nach der linken Seite wenden.

»Nein, nein.« sagte der Graf, »wozu den Alleen folgen, mein Herr? Hier ist ein schöner Rasen, gehen wir gerade aus.«

Bertuccio wischte den Schweiß ab, der von seinen Stirne lief, gehorchte jedoch, zielte dabei aber fortwährend gegen links.

Monte Christo wandte sich im Gegenteil mehr rechts: an einer Baumgrunde angelangt, blieb er stehen.

Der Intendant vermochte es nicht länger auszuhalten und rief:

»Zurück, Herr! ich bitte, halten Sie sich ferne, Sie sind gerade an der Stelle.«

»An welcher Stelle?«

»An der Stelle, wo er gefallen ist«

»Mein lieber Herr Bertuccio,« versetzte Monte Christo lachend, »kommen Sie doch zu sich, wir sind hier nicht in Sartene oder Corte; es ist dies kein Maquis, sondern ein, ich kann es nicht leugnen, schlecht unterhaltener englischer Garten, den man aber darum nicht schmähen darf.«

»Gnädigster Herr, ich flehe Sie an, bleiben Sie nicht dort.«

»Ich glaube, Sie werden ein Narr, Meister Bertuccio: wenn dies der Fall ist, so sagen Sie es mir, ich lasse Sie in irgend eine Heilanstalt einsperren, ehe ein Unglück geschieht.«

»Ach! Exzellenz,« sprach Bertuccio den Kopf schüttelnd und die Hände mit einer Bewegung faltend, welche den Grafen lachen gemacht haben würde, wenn Ihn nicht in diesem Augenblick Gedanken von höherem Interesse gefesselt und äußerst aufmerksam auf den geringsten Ausfluß dieses von der Angst gepeinigten Gewissens gemacht hätte; »ach! Exzellenz, das Unglück ist geschehen.«

»Mein Herr Bertuccio,« entgegnete der Graf, »ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie bei Ihren heftigen Gebärden sich die Arme verdrehen und die Augen rollen, wie ein Besessenen aus dessen Leib der Teufel nicht weichen will: ich habe aber stets wahrgenommen, daß derjenige Teufel, welcher mit der größten Hartnäckigkeit an seinem Platze zu bleiben trachtet, ein Geheimnis ist. Ich wußte, dass Sie ein Corse sind, ich wußte auch, daß Sie stets düster waren und eine alte Vendettageschichte wiederkauten, und ließ dies in Italien hingehen, weil dergleichen Dinge dort gang und gebe sind; in Frankreich aber findet man den Mord im Allgemeinen von sehr schlechtem Geschmack: es gibt Gendarmen, die sich damit beschäftigen, Richter, welche verurteilen, und rächende Schafotte.«

Bertuccio faltete die Hände, und da er bei Ausführung dieser verschiedenen Evolutionen seine Laterne nicht losließ, so beleuchtete das Licht sein verstörtes Gesicht.

Monte Christo schaute ihn eine Minute lang mit demselben Auge an, mit dem er in Rom die Hinrichtung von Andrea angeschaut hatte, und sprach dann mit einem Tone, bei welchem ein neuer Schauer den Leib des armen Intendanten durchlief:

»Der Abbé Busoni hat also gelogen, als er mir Sie nach seiner Reise durch Frankreich im Jahre 1829 mit einem Empfehlungsbriefe zuschickte, worin er Ihre kostbarere Eigenschaften hervorhob. Gut, ich werde dem Abbé schreiben, ich werde ihn für seinen Schützling verantwortlich machen und ohne Zweifel erfahren, wie es sich mit dieser ganzen Mordgeschichte verhält. Ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, Herr Bertuccio, daß ich mich, wenn ich in einem Lande bin, nach dessen Gesetzen zu richten pflege und keine Lust habe, mich Ihnen zu Liebe mit der französischen Justiz zu entzweien.«

»Oh! tun Sie das nicht, Exzellenz; nicht wahr, ich habe treu gedient?« rief Bertuccio in Verzweiflung; »ich bin immer ein ehrlicher Mann gewesen, und habe sogar, so viel ich vermochte, gute Handlungen verrichtet.«

»Ich leugne das nicht, doch warum des Teufels haben Sie sich so Gebärdet? Das ist ein schlimmes Zeichen; ein reines Gewissen bringt nicht so viel Blässe auf die Wangen, so viel Fieber in die Hände eines Menschen . . . «

»Aber, Herr Graf,« versetzte Bertuccio zögernd, »sagten Sie mir nicht selbst, es sei Ihnen vom Abbé Busoni, der meine Beichte im Gefängnis zu Nimes hörte, als er mich zu Ihnen schickte mitgeteilt worden, ich habe mir einen schweren Vorwurf zu machen?«

»Ja, doch da er Sie mit der Bemerkung, Sie würden ein vortrefflicher Intendant werden, an mich adressierte, so glaubte ich ganz einfach, Sie hätten gestohlen.«

»Oh! Herr Graf,« rief Bertuccio mit Verachtung.

»Oder als Corse hätten Sie dem Verlangen nicht widerstehen können, eine Haut zu machen, wie man in Ihrem Lande durch Antiphrase sagt, während man im Gegenteil eine Haut vernichtet.«

»Nun! ja, mein guter gnädiger Herr, ja, Exzellenz, so ist es,« rief Bertuccio, sich dem Grafen zu Füßen werfend, »ja, es ist eine Rache, das schwöre ich, eine einfache Rache.«

»Ich begreife dies, begreife aber nicht, warum Sie gerade dieses Haus mit solcher Heftigkeit galvanisiert?«

»Ist das nicht natürlich, gnädigster Herr, da in diesem Hause die Rache vollführt wurde?«

»Wie, in meinem Hause?«

»Oh! Exzellenz, es gehörte noch nicht Ihnen,« erwiderte naiver Weise Bertuccio.

»Aber wem gehörte es denn? Dem Herrn Marquis von Saint-Meran, sagte uns, glaube ich, der Hausmeister. Was des Teufels hatten Sie denn an dem Marquis von Saint-Meran zu rächen?«

»Oh! er war es nicht, sondern ein Anderer.«

»Es ist ein seltsames Zusammentreffen.« sprach Monte Christo, der, wie es schien, seinen Betrachtungen folgte, »Sie finden sich durch Zufall, ohne irgend eine Vorbereitung, wieder an einem Orte, wo eine Szene vorgefallen ist, welche so furchtbare Gewissensbisse bei Ihnen veranlaßt . . . «

»Gnädiger Herr, ich bin fest überzeugt, ein unvermeidliches Verhängnis lenkt dies so: zuerst kaufen Sie ein Haus gerade in Auteuil. Dieses Haus ist dasjenige, in welchem ich einen Mord begangen habe; Sie steigen in den Garten gerade auf der Treppe herab, wo er herabgestiegen ist; Sie bleiben gerade auf der Stelle stehen, wo er den Stoß erhalten hat; zwei Schritte von hier unter jener Platane war das Grab, wo er das Kind verscharrt hatte; alles dies ist nicht Zufall, denn es würde dann der Zufall zu sehr der Vorsehung gleichen.«

»Nun wohl, mein Herr Corse, nehmen wir an, es sei die Vorsehung. ich nehme immer Alles an, was man will; überdies muß man kranken Geistern Zugeständnisse machen. Auf, mein Herr Bertuccio. fassen Sie sich und erzählen Sie mir die ganze Geschichte.«

»Ich habe sie nur ein einziges Mal erzählt und zwar dem Abbé Busoni. Dergleichen Dinge,« fügte Bertuccio bei, »lassen sich nur unter dem Siegel der Beichte aussprechen.«

»Dann werden Sie es für geeignet halten, wenn Ich Sie Ihrem Beichtvater zuschicke, mein lieber Bertuccio; Sie machen sich mit ihm zum Karlhäuser oder Bernhardiner und schwatzen von Ihren Geheimnissen. Doch mir bangt vor einem Gaste, der über solche Phantome in Schrecken gerät; ich liebe es nicht, daß meine Leute am Abend nicht im Garten spazieren zu gehen wagen. Auch muß ich gestehen, daß ich nicht sehr begierig auf den Besuch irgend eines Polizeikommissärs wäre; denn erfahren Sie, Meister Bertuccio: in Italien bezahlt man die Justiz nur, wenn sie schweigt, in Frankreich bezahlt man sie im Gegenteil nur, wenn sie spricht. Teufel! ich hielt Sie noch ein wenig für einen Corsen, sehr für einen Schmuggler, und äußerst für einen geschickten Intendanten, aber ich sehe, daß Sie mich andere Saiten an Ihren, Bogen haben, Sie sind nicht mehr in meinem Dienst.«

»Oh! gnädigster Herr!« rief der Intendant bei dieser Drohung vom heftigsten Schrecken ergriffen, »wenn es nur darauf ankommt, daß ich in Ihrem Dienste bleibe, so werde ich sprechen, so werde ich Alles sagen, und wenn ich Sie verlasse, nun so mag es sein, um das Schafott zu besteigen.«

»Das ist etwas Anderes,« sprach Monte Christo, »doch wenn Sie lügen wollen, überlegen Sie es sich wohl zuvor: es wäre dann besser, Sie sprächen gar nicht.«

»Nein, Herr Graf, ich schwöre Ihnen bei dem Heile meiner Seele, ich werde Alles sagen! denn selbst der Abbé Busoni hat nur einen Teil meines Geheimnisses erfahren. Aber ich flehe Sie vor Allem an, entfernen Sie sich von dieser Platane; sehen Sie, der Mond ist im Begriff, jene Wolke zu beleuchten, und dort, wo Sie stehen, in den Mantel gehüllt, der mir Ihre Gestalt verbirgt und ganz dem von Herrn von Villefort gleicht . . . «

»Wie!« rief Monte Christo, »Herr von Villefort? . . . «

»Euere Exzellenz kennt ihn?«

»Der ehemalige Staatsanwalt vom Nimes?«

»Ja.«

»Der die Tochter des Marquis von Saint-Meran geheiratet hatte?«

»Ja.«

»Und beim Gerichtshofe den Ruf des ehrlichsten, des strengrechtlichsten Beamten hatte?«

»Ja wohl, gnädiger Herr,« rief Bertuccio, »dieser Mann mit dem unbefleckten Rufe . . . «

»Nun?«

»War ein Niederträchtiger.«

»Bah!« versetzte Monte Christo, »unmöglich!«

»Es ist dennoch, wie ich Ihnen sage.«

»Oh, in der Tat! und Sie haben den Beweis davon.«

»Ich hatte ihn wenigstens.«

»Und Sie haben ihn verloren, Ungeschickter?«

»Ja, doch wenn man gut sucht, kann man ihn wohl finden.«

»Wahrhaftig!« sprach der Graf, »erzählen Sie mir dies, mein Herr Bertuccio, denn es fängt wirklich an mich zu interessieren.«

Und eine Melodie aus Lucia trällernd, setzte sich der Graf auf eine Bank, während ihm Bertuccio, seine Erinnerungen sammelnd, folgte:

Bertuccio blieb vor Monte Christo stehen.

Viertes Kapitel.
Die Vendetta

»Wo soll ich anfangen, Herr Graf.« fragte Bertuccio.

»Wo Sie wollen, erwiderte Monte Christo, »denn ich weiß durchaus nichts.«

»Ich glaubte doch, der Herr Abbé Busoni hätte Euerer Exzellenz gesagt . . . «

»Ja, allerdings einige Umstände, aber es sind sieben oder acht Jahre darüber hingegangen, und ich habe Alles vergessen.«

»Ich kann also ohne befürchten zu müssen, ich langweile Euere Exzellenz . . . «

»Vorwärts, Herr Bertuccio, Sie nehmen für mich diesen Abend die Stelle einer Zeitung ein.«

»Die Sache geht in das Jahr 1815 zurück.«

»Ah! ah!« rief Monte Christo, »1815 ist nicht gestern.«

»Nein, gnädiger Herr, aber dennoch sind die geringsten Umstände meinem Gedächtnis so gegenwärtig, als lebten wir erst den zweiten Tag darauf. Ich hatte einen Bruder, einen älteren Bruder, der dem Kaiser diente. Er war Lieutenant in einem ganz aus Corsen bestehenden Regiment geworden. Dieser Bruder war mein einziger Freund; wir waren, ich mit fünf, er mit achtzehn Jahren, Waisen: er zog mich auf, als wäre ich sein Sohn gewesen. Im Jahre 1814 unter den Bourbonen verheiratete er sich; der Kaiser kam von der Insel Elba zurück, mein Bruder nahm sogleich wieder Dienste, und zog sich, bei Waterloo leicht verwundet, mit der Armee hinter die Loire.«

»Aber was Sie mir da erzählen, ist die Geschichte der hundert Tage, und diese ist, wenn ich mich nicht täusche, bereits gemacht.«

»Entschuldigen Sie, Exzellenz, diese Einzelheiten sind notwendig, und Sie haben mir geduldig zu sein versprochen.«

»Vorwärts! Vorwärts! ich habe nur ein Wort.«

»Eines Tags empfingen wir einen Brief; ich muß Ihnen sagen, daß wir in dem kleinen Dorfe Rogliano am äußersten Ende das Capo Corso wohnten: dieser Brief war von meinem Bruder; er teilte uns mit, die Armee wäre entlassen und er würde über Chateanroux, Clermont-Ferrand, le Puy und Nimea zurückkommen; er bat mich, wenn ich etwas Geld hatte, es ihm durch einen Wirth in Nimes, mit dem ich einiger Maßen in Verbindung stand, zukommen zu lassen.

»Schmuggler-Verbindung?«

»Ei, mein Gott, mein Herr Graf, man muß doch leben.«

»Gewiß, fahren Sie fort.«

»Ich liebte meinen Bruder zärtlich, wie ich Ihnen sagte, Exzellenz, und war entschlossen, nicht ihm das Geld zu schicken, sondern selbst zu bringen. Ich besaß etwa tausend Franken, ließ fünfhundert davon Assunta, meiner Schwägerin, nahm die andern fünfhundert und begab mich auf den Weg nach Nimes. Es war dies etwas Leichtes, ich hatte meine Barke und auch eine Ladung zur See zu machen; Alles begünstigter mein Vorhaben.

»Als aber die Ladung gemacht war, wurde der Wind conträr, so daß wir vier oder fünf Tage arbeiteten, ohne in die Rhone einlaufen zu können. Endlich gelang es uns; wir fuhren bin Arles hinauf, ich ließ die Barke zwischen Bellegarde und Beaucaire, und schlug den Weg nach Nimes ein.«

»Wir kamen an, nicht wahr?«

»Ja, Herr Graf, entschuldigen Sie mich, aber ich sage, wie Euere Exzellenz sehen wird, nur durchaus notwendige Dinge, Es war die Zeit, wo die berüchtigten Metzeleien im Süden statthatten. Es fanden sich da ein paar Räuber, genannt Trestallion, Trophemy und Grassan, die auf den Straßen alle diejenigen erwürgten, welche des Bonapartismus verdächtig waren. Ohne Zweifel hat der Herr Graf von diesen Ermordungen sprechen hören?«

»Auf eine unbestimmte Weise: ich war damals, sehr ferne von Frankreich. Fahren Sie fort.«

»Als ich nach Nimes kam, wadete man buchstäblich im Blute, bei jedem Schritt stieß man auf Leichen: in Banden organisierte Mörder töteten, plünderten, sengten und brannten.

»Bei dem Anblicke dieser Schlächterei erfaßte mich ein Schauer, nicht für mich, den einfachen corsischen Fischer, denn ich hatte nicht viel zu befürchten, im Gegenteil, das war für uns Schmuggler eine gute Zeit, sondern für meinen Bruder, einen Soldaten des Kaiserreichs, der von der Loire-Armee mit seiner Uniform und seinen Epauletten zurückkam und folglich Alles zu befürchten hatte.

»Ich lief zu unserem Wirthe, meine Ahnungen hatten mich nicht getäuscht; mein Bruder war am Abend zuvor in Nimes angekommen und vor der Thüre des Mannes, von welchem er Gastfreundschaft forderte, er mordet worden.

»Ich that Alles in der Welt, um die Mörder in Erfahrung zu bringen, aber Niemand wagte es, mir ihre Namen zu sagen, so sehr waren sie gefürchtet. Ich dachte nun an die französische Justiz, von der man mir so viel gesprochen hatte, an sie, welche nichts fürchtet, und begab mich zum Staatsanwalt.«

»Und dieser Staatsanwalt hieß Villefort?« fragte Monte Christo auf eine nachlässige Art.

»Ja, Exzellenz: er kam von Marseille, wo er Substitut gewesen war. Sein Eifer hatte seine Beförderung zur Folge gehabt. Er war, wie man sagte, einer der Ersten gewesen, welche der Regierung die Landung von der Insel Elba angezeigt hatten.«

»Sie begaben sich also zu ihm,« versetzte Monte Christo.

»»Mein Herr,«« sagte ich zu ihm, »»mein Bruder ist in den Straßen von Nimes ermordet worden, ich weiß nicht von wem, aber es ist Ihr Geschäft, es zu wissen. Sie sind hier der Chef der Justiz, und der Justiz kommt es zu, diejenigen zu rächen, welche sie nicht zu verteidigen vermochten.««

»Was war Ihr Bruder?»fragte der Staatsanwalt.

»Lieutenant im corsischen Bataillon.«

»Ein Soldat des Usurpators also?«

»Ein Soldat der französischen Armee.«

»»Woh!«« erwiderte er, »»er hat sich des Schwertes bedient und ist durch das Schwert gestorben.««

»»Sie täuschen sich, mein Herr, er ist durch den Dolch gestorben.««

»»Was soll ich dabei tun?«« sprach der Staatsanwalt.

»»Ich habe es Ihnen bereits gesagt, Sie sollen ihn rächen.««

»»Und an wem?««

»»An seinen Mördern.««

»»Kenne ich sie etwa?««

»»Lassen Sie dieselben suchen.««

»Warum dies? Ihr Bruder wird Streit gehabt und sich duelliert haben. Alle diese alten Soldaten erlauben sich Excesse, die ihnen unter der Herrschaft des Kaisers durchgingen, jetzt aber schlimm für sie ausfallen; denn unsere Leute im Süden lieben weder die Soldaten, noch die Excesse.««

»»Mein Herr,«« entgegnete ich, »»ich bitte Sie nicht für mich. Ich meines Teils werde weinen, oder mich rächen, und mehr nicht; aber mein Bruder hatte eine Frau. Wenn mir ebenfalls Unglück widerführe, würde die Arme Hungers sterben, denn sie lebte allein von der Arbeit meines Bruders. Erlangen Sie für sie eine kleine Pension von der Regierung.««

»»Jede Revolution hat ihre Katastrophen,«« antwortete Herr von Villefort; »»Ihr Bruder ist ein Opfer der neusten gewesen, das mögen Sie als ein Unglück betrachten, aber die Regierung ist Ihrer Familie deshalb nichts schuldig. Wenn wir zu Gericht zu sitzen hätten über alle Rachewerke, welche die Parteigänger des Usurpators gegen die Parteigänger des Königs verübten, als noch die Macht in ihren Händen lag, so wäre Ihr Bruder heute vielleicht zum Tode Verurteilt. Was hier umgeht, kann nur als etwas Natürliches erscheinen, denn es ist die Folge des Gesetzes der Repressalien.««

»»Ah! mein Herr,«« rief ich, »»ist es möglich, daß Sie so sprechen, ein Staatsbeamter!««

»»Bei meinem Ehrenwort, alle Corsen sind Narren,«« erwiderte Herr von Villefort, »»sie glauben, ihr Landsmann sei noch Kaiser; Sie irren sich in der Zeit, mein Lieber, Sie hätten mir dies vor zwei Monaten sagen müssen. Heute ist es zu spät, gehen Sie und wenn Sie nicht freiwillig gehen, so werde ich Sie ab führen lassen.««

»Ich schaute ihn einen Augenblick an, um zu sehen, ob für eine neue Bitte etwas zu hoffen wäre.

»Dieser Mensch war von Stein. Ich näherte mich ihm und sprach mit halber Stimme::

»»Wohl! da Sie die Corsen so gut kennen, so müssen Sie wissen, wie sie ihr Wort halten. Sie finden, man habe wohl daran getan, meinen Bruder umzubringen, der ein Bonapartist war, indes Sie ein Royalist sind; ich, der ich ebenfalls ein Bonapartist bin, sage Ihnen nun Eines: ich werde Sie töten. Von diesem Augenblick an erkläre ich Ihnen die Vendetta; seien Sie also wohl auf Ihrer Hut, denn das erste Mal, wo wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen, hat Ihre letzte Stunde geschlagen.««

»Und hiernach öffnete ich, ehe er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, die Thüre und entfloh.«

»Ah! ah!« sagte Monte Christo, – »mit Ihrem ehrlichen Gesichte machen Sie solche Sachen, und zwar gegen einen Staatsanwalt! Pfui doch! Und wußte er denn wenigstens, was das Wort Vendetta besagen wollte?«

»Er wußte es so gut, daß er von diesem Augenblick an nicht mehr allein ausging, sich zu Hause verschanzte und mich überall suchen ließ. Zum Glück war ich so gut verborgen, daß er mich nicht finden konnte. Da faßte ihn die Angst, er zitterte, länger in Nimes zu bleiben; er bat um Veränderung seines Wohnortes, und da er wirklich ein einflußreicher Mann war, so wurde er nach Versailles versetzt; aber Sie wissen, daß es für einen Corsen, der seinem Feinde Rache geschworen hat, keine Entfernung gibt, und sein Wagen, so gut er gefahren wurde, hatte nie über einen halben Tag Vorsprung vor mir, während ich ihm doch zu Fuße folgte.

»Das Schwierige dabei war nicht, ihn zu töten, denn hundertmal fand ich hierzu Gelegenheit, aber ich mußte ihn töten, ohne entdeckt und besonders ohne verhaftet zu werden. Von nun an gehörte ich nicht mehr mir; ich hatte meine Schwägerin zu beschützen und zu ernähren, Drei Monate lang belauerte ich Herrn von Villefort; drei Monate lang machte er keinen Schritt, keinen Spaziergang, ohne daß ihm mein Blick folgte. Endlich entdeckte ich, daß er insgeheim nach Auteuil kam; ich folgte ihm abermals und sah ihn in das Haus gehen, in welchem wir uns befinden; nur kam er, statt wie alle Welt durch die große Thüre an der Straße einzutreten, entweder zu Pferde oder zu Wagen, ließ Pferd oder Wagen im Wirthshaus und schlich sich durch die kleine Thüre herein, die Sie dort sehen.«

Monte Christo machte mit dem Kopfe ein Zeichen, welches bewies, daß er mitten in der Dunkelheit den von Bertuccio angegebenen Eingang erblickte.

»Ich hatte nichts mehr in Versailles zu tun, blieb in Auteuil und zog Erkundigungen ein. Wollte ich ihn fangen, so mußte ich offenbar hier meine Falle stellen.

»Das Haus gehörte, wie der Concierge Euerer Exzellenz gesagt hat, Herrn von Saint-Meran, dem Schwiegervater von Villefort; Herr von Saint-Meran wohnte in Marseille, folglich war ihm dieses Landhaus unnütz; man sprach auch davon, er habe es an eine junge Witwe vermiethet, welche nur unter dem Namen die Baronin bekannt war.

»Während ich eines Abends über die Mauer schaute, sah ich wirklich eine hübsche junge Frau allein in dem Garten spazieren gehen, den kein fremdes Fenster beherrscht; sie blickte viel nach der kleinen Thüre, und ich begriff, daß sie Herrn von Villefort diesen Abend erwartete. Als sie so nahe zu der Mauer kam, daß ich trotz der Dunkelheit ihre Züge zu unterscheiden vermochte. erkannte ich, daß diese Frau sehr hübsch, blond, groß und ungefähr achtzehn bis neunzehn Jahre alt war. Da sie nur einen einfachen Nachtmantel trug und nichts ihre Taille einzwängte, so konnte ich auch bemerken, daß sie sich in andern Umständen befand, und ihre Schwangerschaft schien mir sogar ziemlich weit vorgerückt.

»Einige Augenblicke nachher öffnete man die kleine Thüre: ein Mann trat ein, die junge Frau lief ihm so rasch als möglich entgegen, sie warfen sich einander in die Arme, küßten sich zärtlich und gingen in das Haus.

»Dieser Mann war Herr von Villefort. Ich dachte, wenn er herauskäme, besonders wenn er bei Nacht herauskäme, müßte er den Garten in seiner ganzen Länge durchschreiten.«

»Und Sie haben seitdem den Namen der Frau erfahren?« fragte der Graf.

»Nein, Exzellenz, Sie werden sehen, daß ich nicht Zeit gehabt habe. mich danach zu erkundigen.«

»Fahren Sie fort.«

»Ich hätte den Staatsanwalt vielleicht an diesem Abend tötete können; aber ich war noch nicht hinreichend mit allen Einzelheiten des Gartens vertraut, befürchtete, ihn nicht rasch genug zu töten, und wenn Jemand auf sein Geschrei herbeiliefe, nicht fliehen zu können. Deshalb verschob ich die Ausführung meines Vorhabens aus das nächste Rendezvous, und nahm, damit mir nichts entginge, ein kleines Zimmer, das die Aussicht auf die Straße hatte, welche längs der Gartenmauer hinzog.

»Drei Tage nachher sah ich gegen sieben Uhr Abends einen Diener zu Pferde aus dem Hause eilen und im Galopp auf dem Wege fortsprengen, welcher zu der Straße nach Sèvres führte; ich nahm an, er reiste nach Versailles, und täuschte mich nicht. Drei Stunden später kam der Diener mit Staub bedeckt zurück; seine Botschaft war vollzogen. Zehn Minuten nach ihm erschien ein anderer Mann, in einen Mantel gehüllt, zu Fuß und öffnete die kleine Gartenthüre, welche sich wieder hinter ihm schloß.«

»Ich ging rasch hinab. Obschon ich das Gesicht von Herrn von Villefort nicht gesehen, so erkannte ich ihn doch an den Schlägen meines Herzens; ich durchschritt die Straße und erreichte einen Weichstein an der Ecke der Mauer, mit dessen Hilfe ich das erste Mal in den Garten gesehen hatte.

»Diesmal begnügte ich mich nicht mit dem Schauen, ich zog mein Messer aus der Tasche, versicherte mich, daß es gehörig geschärft war, und sprang über die Mauer.

»Es war meine erste Sorge, an die Thüre zu laufen; er hatte den Schlüssels stecken lassen und nur aus Vorsicht zweimal im Schlosse umgedreht.

»Nichts sollte also von dieser Seite meine Flucht hemmen. Ich studierte die Örtlichkeit in alten Richtungen; der Garten bildete ein langes Gevierte, durch die Mitte zog sich ein Rasen von zartem englischem Gras, an den Ecken dieses Rasens waren Baumgruppen mit dichtem Laubwerk.

»Um sich von dem Hause an der kleinen Thüre oder von der kleinere Thüre nach dem Hause zu begeben, mußte Herr von Villefort notwendig an einer von diesen Baumgruppen vorübergehen.

»Man war am Ende des Septembers, der Wind blies heftig, ein wenig Mond, alle Augenblicke durch dichte Wolken verschleiert, welche schnell am Himmel hinglitten, ließ den Sand der zu dem Hause führenden Alleen weiß erscheinen, vermochte aber die Dunkelheit der Gebüsche nicht zu durchdringen, in welchen ein Mensch verborgen bleiben konnte, ohne daß er gesehen zu werden befürchten mußte.

»Ich verbarg mich in dem Gebüsche, an welchem Herr von Villefort vorüberkommen sollte, kaum war ich hier, als ich unter den Windstößen, welche die Bäume über meine Stirne beugten, etwas wie Seufzen zu unterscheiden glaubte. Doch Sie wissen, oder Sie wissen vielmehr nicht, Herr Graf, daß derjenige, welcher auf den Augenblick, einen Mord zu begehen, wartet, stets ein dumpfes Geschrei in der Luft zu hören glaubt. Es vergingen zwei Stunden, während welcher ich wiederholt dasselbe Seufzen zu hören wähnte. Endlich schlug es Mitternacht.

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10 aralık 2019
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1870 s. 17 illüstrasyon
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