Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 46
»Nie. Hätte ich gewußt, wo er wäre, so würde ich, statt zu ihm zu gehen, vor ihm geflohen sein, wie vor einem Ungeheuer. Nein, glücklicher Weise habe ich nie irgend einen Menschen der Welt von ihm sprechen hören, und ich hoffe, er ist tot.«
»Hoffen Sie das nicht, Bertuccio: die Schlechten sterben nicht so, denn Gott scheint sie unter seine Obhut zu nehmen, um Werkzeuge seiner Rache aus ihnen zu machen.«
»Es mag sein, versetzte Bertuccio. »Ich bitte den Himmel nur, ihn nie mehr sehen zu müssen. Und nun wissen Sie Alles, Herr Graf,« fügte der Intendant sein Haupt neigend bei; »Sie sind mein Richter hienieden, wie dies Gott dort oben sein mag . . . Werden Sie mir nun nicht einige Worte des Trostes sagen?«
»Sie haben Recht, ich kann Ihnen sagen, was der Abbé Busoni sagen würde: Derjenige, welcher Sie geschlagen hatte, Villefort, verdiente eine Strafe für das, was er Ihnen getan, und vielleicht noch für etwas Anderes. Benedetto, wenn er lebt, wird, wie ich Ihnen bemerkt habe, zu einer göttlichen Rache dienen. Sie aber haben sich in Wahrheit nur einen Vorwurf zu machen; fragen Sie sich, warum Sie das Kind nachdem Sie es dem Tode entrissen, nicht seiner Mutter zurückgegeben haben; hierin liegt das Verbrechen, Bertuccio.«
»Ja, Herr Graf, das ist das Verbrechen, denn ich bin hierbei feig gewesen; hatte ich das Kind einmal in das Leben zurückgerufen, so blieb mir nur Eines zu tun: ich mußte es, wie Sie gesagt haben, seiner Mutter zurückschicken. Aber zu diesem Behufe hätte ich auch Nachforschungen anstellen, die Aufmerksamkeit auf mich ziehen, mich vielleicht preisgeben müssen: ich wollte nicht sterben, ich hing am Leben meiner Schwägerin wegen, aus der uns Menschen angeborenen Selbstliebe, und setzte auch meinen Stolz darein, unversehrt und siegreich bei unserer Rache zu bleiben; vielleicht hing ich am Ende am Leben ganz einfach aus Liebe zu eben diesem Leben. Oh! ich bin kein Braver, wie mein armer Bruder!«
Bertuccio verbarg sein Gesicht in seinen beiden Händen, und Monte Christo heftete einen langen, unbeschreiblichen Blick auf ihn.
Dann nach einem kurzen, durch die Stunde und den Ort noch feierlicher werdenden Stillschweigen sprach der Graf mit einem bei ihm ungewöhnlichen Tone der Schwermut:
»Mein Herr Bertuccio, erinnern Sie sich stets folgender Worte, ich habe sie oft von dem Abbé Busoni aussprechen hören: Für jedes Übel gibt es zwei Mittel, die Zeit und das Stillschweigen. Lassen Sie mich nun eine Minute im Garten spazieren gehen, Herr Bertuccio. Was für Sie, die handelnde Person, bei dieser furchtbaren Szene eine schmerzhafte Erschütterung hervorbringen muß, wird für mich eine beinahe sanfte Empfindung sein und diesem Gute einen doppelten Wert verleihen. Die Bäume, Herr Bertuccio, gefallen nur, weil sie Schatten geben, und der Schatten gefällt nur, weil er voll von Träumen und Visionen ist. Sehen Sie, ich habe einen Garten gekauft und glaubte nur einen von Mauern eingeschlossenen Raum zu kaufen, aber keines Wegs: es findet sich, daß dieser Raum von Phantomen bevölkert ist, welche gar nicht im Vertrage aufgeführt sind. Ich aber liebe die Phantome, es ist mir nie zu Ohren gekommen, die Toten hätten in sechstausend Jahren so viel Böses getan, als die Lebenden an einem einzigen Tage. Kehren Sie also zurück und schlafen Sie im Frieden. Ist Ihr Beichtiger im letzten Augenblick minder nachsichtig, als es der Abbé Busoni war, so lassen Sie mich kommen, wenn ich noch von dieser Welt bin, und ich werde Worte finden, welche Ihre Seele sanft in der Minute einwiegen, wo sie bereit ist, sich aus den Weg zu begeben und die große Reise zu machen, die man die Ewigkeit nennt.
Bertuccio verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Grafen und entfernte sich mit einem tiefen Seufzer.
Monte Christo blieb allein; er machte vier Schritte vorwärts und sprach dann leise:
»Hier, bei dieser Platane ist das Grab, in welches das Kind gelegt wurde; dort die kleine Thüre, durch die man in den Garten trat; in jener Ecke die Geheimtreppe, welche nachdem Schlafzimmer führt. Ich glaube nicht, daß ich alles Dies aufzuschreiben brauche, denn hier, vor meinen Augen« um mich her, zu meinen Füßen, findet sich der Plan in Relief, der lebendige Plan.«
Nach einem letzten Gange durch den Garten kehrte der Graf zu seinem Wagen zurück. Bertuccio, der ihn träumerisch sah, stieg, ohne ein Wort zu sagen, auf den Bock neben den Kutscher.
Der Wagen schlug wieder den Weg nach Paris ein.
Noch an demselben Abend« unmittelbar nach seiner Ankunft in dem Hause der Champs-Elysées, besichtigte Monte Christo die ganze Wohnung, wie es nur ein seit langen Jahren damit vertrauter Mensch hätte tun können; nicht ein einziges Mal öffnete er, obgleich er allein ging, eine Thüre statt einer andern, wählte er eine Treppe oder eine Flur, die ihn nicht dahin führte, wohin er gehen wollte. Ali begleitete ihn bei dieser nächtlichen Beschauung. Der Graf gab Bertuccio mehre Befehle rücksichtlich der Verschönerung und Einteilung der Zimmer; dann zog er seine Uhr und sagte zu dem aufmerksamen Nubier:
»Es ist halb zwölf Uhr, Hayde muß bald kommen. Hat man die französischen Frauen davon in Kenntnis gesetzt?«
Ali streckte die Hand nach der für die schöne Griechin bestimmte Wohnung aus, welche so abgesondert und durch eine Tapetenthüre verborgen war, daß man das ganze Haue besichtigen konnte, ohne zu vermuten, daß er hier noch einen Salon und zwei bewohnte Zimmer gab; Ali streckte also die Hand nach dieser Wohnung aus, deutete die Zahl drei mit den Fingern seiner linken Hand an, legte dann den Kopf auf dieselbe wieder flach gemachte Hand, und schloß die Augen, als schliefe er.
»Oh!« sagte Monte Christo, der an diese Sprache gewöhnt war, »es sind ihrer drei und sie warten im Schlafzimmer, nicht wahr?«
Ali bejahte, indem er den Kopf von oben nach unten bewegte.
»Madamme wird diesen Abend müde sein und ohne Zweifel schlafen wollen; veranlasse sie nicht zum Sprechen; die französischen Kammerfrauen sollen ihre neue Gebieterin nur begrüßen und sich dann zurückziehen; Du wachst darüber, daß die griechische Kammerfrau nicht mit den französischen Frauen verkehrt.«
Ali verbeugte sich.
Bald hörte man den Hausmeister anrufen; das Gitter öffnete sich, ein Wagen fuhr in die Allee und hielt vor der Freitreppe an. Der Graf ging hinab; der Kutschenschlag war bereits offen; er reichte die Hand einer Frau, welche in einen großen, seidenen, ganz mit Gold gestickten, von ihrem Haupte herabfallenden Schleier gehüllt war. Die junge Frau nahm die Ihr dargebotene Hand, küßte sie mit ehrfurchtsvoller Liede, und es wurden ein paar Worte voll Zärtlichkeit von Seiten der jungen Frau, mit sanftem Ernste von Seiten des Grafen in jener klangvollen Sprache ausgetauscht, welche der alte Homer seinen Göttern in den Mund gelegt hat.
Dann wurde die junge Frau, welche niemand Anderes war, als die junge Griechin, die gewöhnliche Gefährtin von Monte Christo in Italien, Ali mit rosenfarbigen Wachskerzen voran, in ihre Wohnung geleitet, wonach sich der Graf in den für ihn vorgehaltenen Pavillon zurückzog.
Eine halbe Stunde nach Mitternacht waren alle Lichter im Hotel ausgelöscht, und man konnte glauben, eo schliefe Jedermann.
Sechstes Kapitel.
Der unbegränzte Credit
Am andern Tage, gegen zwei Uhr Nachmittags, hielt eine mit zwei prächtigen englischen Pferden bespannte Caleche vor der Thüre von Monte Christo; ein Mann in einem blauen Frack mit seidenen Knöpfen von derselben Farbe, mit einer weißen Weste, worauf eine ungeheure goldene Kette prangte, und mit haselnußfarbigen Beinkleidern, dabei mit so schwarzen und so tief auf die Augenbrauen herabfallenden Haaren, daß man im Zweifel stehen konnte, ob man sie für natürlich halten sollte, denn sie harmonierten gar zu wenig mit denen der unteren Runzeln, welche sie nicht zu bedecken vermochten, kurz ein Mann von fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren, der sich Mühe gab, wie ein Vierziger auszusehen, streckte seinen Kopf durch den Schlag eines Coupé, auf dessen Füllung eine Baronenkrone gemalt war, und schickte seinen Groom zum Concierge, um zu fragen, ob der Graf von Monte Christo zu Hause wäre.
Mittlerweile betrachtete dieser Mann mit einer Aufmerksamkeit, welche beinahe zur Unverschämtheit wurde, das Äußere des Hauses, was man vom Garten erschauen konnte, und die Livree von einigen Bedienten, welche hin- und hergingen. Das Auge dieses Mannen war lebhaft, aber mehr verschmitzt, als geistreich: seine Lippen waren so dünn, daß sie, statt gegen Außen vorzuspringen, in den Mund zurücktraten; die Breite und das Hervorragen der Backenknochen, ein untrügliches Zeichen der Schlauheit, das Niedergedrückte der Stirne, die Ausbauchung den Hinterhauptes, das um ein Bedeutendes nichts weniger als aristokratische Ohren überschritt, trugen dazu bei, für jeden Physiognomiker einen beinahe zurückstoßenden Charakter dem Gesichte dieser Person zu verleihen, welche dagegen sich in den Augen des gemeinen Volkes durch ihre prachtvollen Haare, durch den ungeheuren Diamant an ihrem Hemde und das rote Band, das sich an ihrem Frack von einem Knopfloch zum andern ausdehnte, ungemein empfahl.

Der Groom klopfte an das Fenster den Concierge und fragte:
»Wohnt, hier nicht der Herr Graf von Monte Christo?«
»Seine Exzellenz wohnt hier,« antwortete der Concierge, »aber . . . »Er befragte Ali mit einem Blicke.
Ali machte ein verneinendes Zeichen.
»Aber?« sagte der Groom.
»Aber Seine Exzellenz ist nicht sichtbar,« erwiderte der Concierge
»Dann nehmen Sie diese Karte von meinem Gebieter, dem Herrn Baron von Danglars. Geben Sie dieselbe dem Herrn Grafen von Monte Christo, und sagen Sie ihm, in die Kammer fahrend habe mein Herr einen Umweg gemacht, um sich die Ehre zu geben, ihm einen Besuch abzustatten.«
»Ich spreche nicht mit Seiner Exzellenz,« versetzte der Concierge: »der Kammerdiener wird die Sache besorgen.«
Der Groom kehrte zu dem Wagen zurück.
»Nun?« fragte Danglars.
Etwas beschämt durch die Lection, die er erhalten hatte, überbrachte das Kind seinem Herrn die Antwort des Concierge.
»Oh! Oh!« rief Danglars, »dieser Herr ist also ein Prinz. daß man ihn Exzellenz nennt und daß nur sein Kammerdiener mit ihm zu sprechen befugt ist; gleichviel, da er einen Credit auf mich hat, muß ich ihn besuchen, wenn er Geld zu erheben wünscht.«
Und er warf sich in seinen Wagen zurück und rief dem Kutscher so laut zu, daß man eo auf der andern Seite der Straße hören konnte:
»In die Deputiertenkammer!«
Durch eine Jalousie seines Pavillon hatte Monte Christo, zu rechter Zeit benachrichtigt, den Baron gesehen und unterstützt von einer vortrefflichen Lorgnette mit derselben Aufmerksamkeit studiert, mit der Danglars zu Werke ging, als er das Haus, den Garten und die Livréen analysierte.
»Dieser Mensch,« sagte er, während er mit einer Gebärde des Ekels die Röhren seinen Augenglases in ihre elfenbeinerne Scheide zurückschob, »dieser Mensch ist offenbar ein häßliches Geschöpf; erkennt man nicht beim ersten Male, wo man ihn sieht, die Schlange an der platten Stirne, den Geier an dem gewölbten Schädel und den Mäusefalken an dem scharfen Schnabel!«
»Ali!« rief er und schlug zugleich ein Mal auf das Glöckchen. Ali erschien. »Hole Bertuccio.«
Beinahe in demselben Augenblick trat der Intendant ein.
»Euere Exzellenz hat mich rufen lassen?« sprach Bertuccio.
»Ja, mein Herr. Haben Sie die Pferde gesehen, welche so eben vor meiner Thüre hielten?«
»Allerdings, Exzellenz, sie sind sehr schön.«
»Wie kommt es,« fragte Monte Christo die Stirne faltend, »wie kommt es, daß es, wenn ich die zwei schönsten Pferde von Paris verlange, in Paris noch zwei andere Pferde gibt, welche so schön sind, als die meinigen, und daß diese Pferde nicht in meinem Stalle stehen?«
Bei dem Runzeln dieser Stirne und dem strengen Tone dieser Stimme beugte Ali das Haupt und erbleichte.
»Es ist nicht Dein Fehler, guter Ali,« sprach der Graf arabisch mit einer Sanftheit, welche man weder in seiner Stimme noch auf seinem Gesichte zu finden erwartet hätte, »Du verstehst Dich nicht auf englische Pferde.«
Die Heiterkeit kehrte in die Züge von Ali zurück.
»Mein Herr Graf.« sagte Bertuccio, »die Pferde, von denen Sie sprechen. waren nicht käuflich.«
Monte Christo zuckte die Achseln und erwiderte:
»Erfahren Sie, mein Herr Intendant, daß stets Alles für denjenigen käuflich ist, welcher den Preis zu machen weiß.«
»Herr Danglars hat sechzehntausend Franken dafür bezahlt.«
»Dann hatte man ihm zweiunddreißig tausend bieten müssen; er ist Banquier, und ein Banquier versäumt nie eine Gelegenheit, sein Kapital zu verdoppeln.«
»Spricht der Herr Graf im Ernste!« fragte Bertuccio.
Monte Christo schaute den Intendanten wie ein Mensch an, der darüber erstaunt, daß man eine solche Frage an ihn zu machen wagt, und sprach sodann:
»Ich habe diesen Abend einen Besuch zurückzugeben; die zwei Pferde müssen mit neuem Geschirr an meinen Wagen gespannt sein.«
Bertuccio verbeugte sich, um wegzugehen, an der Thüre blieb er noch einmal stehen und fragte:
»Um wie viel Uhr gedenkt Seine Exzellenz den Besuch zu machen?«
»Um fünf Uhr.«
»Ich erlaube mir, Euerer Exzellenz zu bemerken, daß es zwei Uhr ist,« sagte der Intendant.
»Ich weiß es,« erwiderte Monte Christo mit trockenem Tone; dann sich an Ali wendend:
»Laß alle Pferde an Madame vorüberführen, damit sie sich das Gespann auswählen kann, welches ihr am meisten gefällt; will sie mit mir zu Mittag speisen, so mag sie es mir sagen lassen, man serviert dann bei ihr; gehe und schicke mir den Kammerdiener.«
Ali war kaum verschwunden, als der Kammerdiener ebenfalls eintrat.
»Herr Baptistin,« sprach der Graf, »Sie sind seit einem Jahre in meinem Dienst; das ist die Probezeit, welche ich gewöhnlich meinen Leuten auferlege; Sie sagen mir zu.«
Baptistin verbeugte sich.
»Nun fragt es sich nur noch, ob ich Ihnen zusage.«
»Oh! mein Herr Graf!« rief Baptistin.
»Hören Sie mich bis zum Ende. Sie erhalten im Jahr fünfzehnhundert Franken, das heißt den Gehalt eines guten braven Offiziers, der jeden Tag sein Leben einsetzt; Sie haben eine Tafel, wie sie sich viele Bureauchefs, unglückliche, unendlich mehr beschäftigte Leute, wünschen würden. Ein Diener, haben Sie selbst wieder Diener, welche für Ihr Weißzeug und Ihre andern Bedürfnisse sorgen. Außer den fünfzehnhundert Franken Gehalt stehlen Sie mir bei den Ankäufen, welche Sie für meine Toilette zu machen haben, noch ungefähr weitere fünfzehnhundert Franken jährlich.«
»Oh! Herr Graf.«
»Ich beklage mich nicht, Herr Baptistin, denn ich finde dies nicht übermäßig; doch wünsche ich, daß es hierbei bleiben möge. Sie werden also nirgends einen Posten dem ähnlich finden, welchen Ihnen Ihr gutes Glück geschenkt hat. Ich schlage meine Leute nie, ich fluche nie, ich gerathe nie in Zorn, ich vergebe stets einen Irrtum, doch nie eine Nachlässigkeit oder Vergeßlichkeit. Meine Befehle sind gewöhnlich kurz, aber klar und genau; ich will sie lieber zwei- und sogar dreimal wiederholen, als falsch ausgelegt sehen. Ich bin reich genug, um Alles zu erfahren, was ich erfahren will, und ich bin sehr neugierig, das sage ich Ihnen zum Voraus. Hörte ich nun, Sie hätten im Guten oder Schlechten von mir gesprochen, meine Handlungen beurteilt, mein Benehmen überwacht, so würden Sie auf der Stelle mein Haus verlassen. Ich warne meine Diener nur ein einzigen Mal, Sie sind gewarnt, gehen Sie!«
Baptistin verbeugte sich und machte ein paar Schritte, um sich zu entfernen.
»Doch halt,« sprach der Graf, »ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß ich jeden Jahr eine gewisse Summe auf den Kopf meiner Leute anlege. Diejenigen, welche ich wegschicke, verlieren natürlich dieses Geld, das den Bleibenden zu gut kommt, welche nach meinem Tode ein Recht darauf haben. Sie sind ein Jahr bei mir; Ihr Vermögen hat begonnen, sorgen sie dafür, daß es zunimmt.«
Diese Rede in Gegenwart von Ali, der ganz unempfindlich dabei blieb, weil er kein Wort Französisch verstand, brachte aus Baptistin eine Wirkung hervor, welche alle diejenigen begreifen werden, die ein wenig Physiologie des französischen Bedienten studiert haben.
»Es soll mein Bestreben sein, mich in allen Punkten mit den Wünschen Euerer Exzellenz in Einklang zu setzen,« sagte er; »Überdies werde ich mir Herrn Ali zum Vorbild nehmen.«
»Oh! keinen Wegs,« sprach der Graf mit einer Marmorkälte. »Bei Ali sind viele Fehler mit seinen guten Eigenschaften vermischt, nehmen Sie kein Beispiel an ihm, denn Ali ist eine Ausnahme; er hat keinen Lohn, er ist kein Diener; er ist mein Sklave, mein Hund; verfehlt er sich gegen seine Pflicht, so jage ich ihn nicht fort, sondern ich töte ihn.«
Baptistin riß die Augen weit auf.
»Sie zweifeln?« fragte Monte Christo-
Und er wiederholte in arabischer Sprache die Worte, welche er französisch zu Baptistin gesprochen hatte.
Ali hörte, lächelte, näherte sich seinem Herrn, setzte ein Knie auf die Erde und küßte ihm ehrfurchtsvoll die Hand.
Diese kleine Zugabe zu der Lection seines Gebieters machte das Maß des Erstaunens bei Herrn Baptistin voll.
Der Graf hieß durch ein Zeichen Baptistin weggehen und Ali ihm folgen. Beide begaben sich in sein Cabinet, wo eine lange Unterredung stattfand.«
Um fünf Uhr schlug der Graf dreimal auf sein Glöckchen. Ein Schlag rief Ali, zwei riefen Baptistin, drei Bertuccio.
»Mein Pferde!« sprach Monte Christo.
»Sie sind angespannt, Exzellenz, erwiderte Bertuccio. »Habe ich den Herrn Grafen zu begleiten?«
»Nein, der Kutscher, Ali und Baptistin, sonst Niemand.«
Der Graf ging hinab und erblickte an seinem Wagen die Pferde, welche er wenige Stunden zuvor an dem Magen von Danglars bewundert hatte.
»Diese Tiere sind in der Tat schön,« sagte er, »und Sie haben wohl daran getan, dieselben zu kaufen, nur war es ein wenig spät.«
»Exzellenz,« entgegnete Bertuccio, »es hat mir viel Mühe gemacht, sie zu erhalten, und der Preis derselben ist sehr hoch.«
»Kommen Ihnen die Pferde darum minder schön vor?« fragte der Graf die Achseln zuckend.
»Ist Euere Exzellenz zufrieden, so ist Allen gut. Wohin fährt Euere Exzellenz?«
»Rue de la Chaussée-d’Antin, zum Herrn Baron von Danglars.«
Diesen Gespräch fand oben auf der Freitreppe statt. Bertuccio machte einen Schritt, um die erste Stufe hinabzusteigen.
»Sachte, mein Herr,« rief Monte Christo ihn zurückhaltend. »Ich bedarf einen Gutes an der Seeküste, in der Normandie zum Beispiel, zwischen dem Havre und Boulogne. Ich gebe Ihnen Raum, wie Sie sehen. Bei diesem Ankauf müssen Sie auf einen kleinen Hafen, ein kleinen Krek, eine kleine Bucht bedacht sein, wo meine Corvette einlaufen und sich halten kann; ihr Tiefgang beträgt nur fünfzehn Fuß. Das Schiff muß stets bereit sein, in See zu gehen, zu welcher Stunde den Tagen oder der Nacht es mir beliebt, demselben ein Signal zu geben. Sie erkundigen sich bei allen Notaren nach einem Gute, das den von mir angegebenen Bedingungen entspricht: haben Sie ein solchen in Erfahrung gebracht, so besichtigen Sie es, und wenn Sie damit zufrieden sind, kaufen Sie dasselbe in meinem Namen. Die Corvette ist auf dem Wege nach Fécamp, nicht wahr?«
»An demselben Abend, an welchem wir Marseille verließen, sah ich sie in See gehen.«
»Und die Yacht?«
»Die Yacht hat Befehl, in Martigues zu bleiben.«
»Gut! Sie korrespondieren von Zeit zu Zeit mit den zwei Patronen, welche die Schiffe befehligen, damit sie nicht einschlafen.«
»Und das Dampfboot?«
»Den in Chalons ist?«
»Ja.«
»Dieselben Befehle, wie für die Segelschiffe.«
»Sehr wohl.«
»So bald das Gut gekauft ist, muß ich Relais von zehn zu zehn Stunden auf der Straße nach dem Norden und auf der nach dem Süden haben.«
»Euere Exzellenz kann auf mich bauen.«
Der Graf machte ein Zeichen der Zufriedenheit, stieg die Stufen hinab und sprang in seinen Wagen, der von dem herrlichen Gespann im Trabe fortgezogen, erst vor dem Hotel den Banquier anhielt.
Danglars führte eben den Vorsitz bei einer für Eisenbahn-Angelegenheiten ernannten Commission, als man ihm den Besuch den Grafen von Monte Christo meldete. Die Sitzung war übrigens beinahe zu Ende.
Bei dem Namen den Grafen stand er auf und sprach sich an seine Collegen wendend, von denen mehrere ehrenwerte Mitglieder der einen oder der andern Kammer waren:
»Meine Herren, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verlasse, aber denken Sie sich, daß das Haus Thomson und French in Rom einen gewissen Grafen von Monte Christo an mich adressiert und ihm zugleich einen unbegränzten Credit bei mir eröffnet. Es ist der possierlichste Scherz, den sich je meine Correspondenten im Ausland gegen mich erlaubt haben. Sie werden begreifen, die Neugierde hat mich gepackt und hält mich noch fest: ich bin auch diesen Morgen bei dem angeblichen Grafen vorgefahren. Wäre er ein wirklicher Graf, so könnte er, wie Sie einsehen werden, nicht so reich sein. Der Herr war nicht sichtbar. Sind die Manieren, welche sich der Meister Monte Christo erlaubt, Ihrer Ansicht nach nicht die einer Hoheit oder einer hübschen Frau? Das Haus auf den Champs-Elysées ist übrigens, wie ich erfahren habe, sein Eigentum und gar nicht zu verachten. Doch ein unbegränzter Credit,« fügte Danglars auf seine gemeine Weise lachend bei, »das muß die Ansprüche des Banquier, bei welchem ihm der Credit eröffnet wird, ungemein steigern, Es drängt mich daher, unsern Mann zu sehen. Ich halte mich für mystifiziert. Aber sie wissen dort nicht, mit wem sie zu tun haben: wer zuletzt lacht. lacht am Besten.«
Nach Vollendung dieser Worte, die er mit einer seine Nasenlöcher aufschwellenden Emphase sprach, verließ der Herr Baron seine Gäste und ging in einen weiß und goldenen Salon, welcher in der Chaussée-d’Antin großen Aufsehen machte.
Er hatte Befehl gegeben, den Grafen hier einzuführen, um ihn mit dem ersten Schlage zu blenden.
Monte Christo betrachtete ein paar Copien von Albano und Fattore, welche man bei dem Banquier für Originalien ausgegeben hatte: obgleich Copien, stachen sie doch gewaltig gegen die vielfarbigen, von Gold durchzogenen Chieorées15 ab, mit denen die Plafonds verziert waren.
Bei dem Geräusch, das Danglars bei seinem Eintritt machte, wandte sich der Graf um.
Danglars grüßte leicht mit dem Kopfe und bedeutete dem Grafen durch ein Zeichen, er möge sich in ein mit weißem, goldgesticktem Atlaß überzogenes Fauteuil von vergoldetem Holze setzen.
Der Graf setzte sich.
»Ich halte die Ehre mit Herrn von Monte Christo zu sprechen?«
»Und ich,« erwiderte der Graf, »mit dem Herrn Baron von Danglars, Ritter der Ehrenlegion, Mitglied der Kammer der Abgeordneten?«
Monte Christo wiederholte alle Titel, welche er auf der Karte des Barons gefunden hatte.
Danglars fühlte den Stich, biß sich in die Lippen und antwortete:
»Entschuldigen Sie mich, daß ich nicht nicht sogleich den Titel gegeben habe, unter welchem Sie sich ankündigten; aber Sie wissen, wir leben unter einer volksthümlichen Regierung, und ich bin ein Vertreter der Rechte des Volkes.«
»So daß Sie, während Sie die Gewohnheit, sich Baron nennen zu lassen, beibehielten, die, Andere Graf zu nennen, verloren.«
»Ah! ich halte auch für meine Person nichts darauf, mein Herr,« entgegnete Danglars mit gleichgültigem Wesen: »sie haben mich wegen einiger Dienste, die ich geleistet, zum Baron ernannt und zum Ritter der Ehrenlegion gemacht; daher . . . «
»Doch Sie entsagten Ehren Titeln, wie es einst die Herren von Montmorency und von Lafayette thaten? Sie befolgten ein schönes Beispiel, mein Herr.«
»Nicht ganz und gar; Sie begreifen, für die Bedienten . . . «
»Ja, ja, für Ihre Leute heißen Sie gnädiger Herr, für die Journalisten Herr und für Ihre Committenten Bürger. Das sind für eine constitutionelle Regierung höchst geeignete Nuancen, welche ich vollkommen begreife.«
Danglars kniff sich abermals die Lippen; er sah, daß er auf diesem Gebiete nicht die Stärke von Monte Christo besaß und suchte auf ein anderen überzugehen, mit welchem er mehr vertraut war.
»Mein Herr Graf.« sagte er sich verbeugend- »ich habe«einen Avisbrief von dem Hause Thomson und French erhalten.«
»Ich bin darüber entzückt, mein Herr Baron. Erlauben Sie mir, Sie zu behandeln, wie Sie Ihre Leute behandeln; es ist eine schlechte Gewohnheit, welche man in den Ländern, wo es noch Baronen gibt, angenommen hat, gerade weil man keine mehr macht. Ich bin darüber entzückt, sage ich; ich werde nicht nötig haben, mich selbst vorzustellen, was immer ein wenig peinlich ist. Sie hatten also bereits einen Avisbrief empfangen?«
»Ja, aber ich gestehe, daß ich den Sinn desselben nicht vollkommen begriff.«
»Bah!«
»Ich wollte mir sogar die Ehre geben. Sie zu besuchen, um mir einige Erläuterungen von Ihnen zu erbitten.«
»Thun Sie dies; ich höre und bin bereit, zu antworten«
»Dieser Brief, ich habe ihn, glaube ich, bei mir. (Er suchte in seiner Tasche.) Ja, hier ist er. Dieser Brief eröffnet dem Herrn Grafen einen unbegränzten Credit auf mein Haus.«
»Nun, mein Herr Baron, was finden Sie hierin Dunkles?«
»Nichts, mein Herr, außer dem Worte unbegränzt.«
»Wie, ist der Ausdruck nicht gut? Sie begreifen, der Brief ist von Engländern geschrieben.«
»Ah! ganz gewiss, hinsichtlich der Syntaxe ist nichts dagegen einzuwenden, doch nicht ebenso verhält es sich mit dem Rechnungsgeschäft.«
»Dünkt Ihnen das Haus Thomson und French nicht vollkommen sicher, mein Herr Baron?« sagte Monte Christo mit der naivsten Miene der Welt. »Teufel! das wäre mir ärgerlich, denn ich habe einige Fonds bei demselben angelegt.«
»Vollkommen sicher,« erwiderte Danglars mit einem beinahe spöttischen Lächeln: »aber der Sinn des Wortes unbegränzt ist bei finanziellen Dingen so unbestimmt . . . «
»Daß er unbegränzt ist, nicht wahr?«
»Das ist es gerade, was ich sagen wollte; das Unbestimmte aber ist der Zweifel, und im Zweifel enthalte Dich, spricht der Weise.«
»Und dies bedeutet, daß wenn das Haus Thomson und French geneigt ist, Tollheiten zu machen, das Haus Danglars keine Luft hat, sein Beispiel zu befolgen.«
»Wie so, Herr Graf?«
»Ja gewiss, die Herren Thomson und French machen Geschäfte ohne bestimmte Zahlen, aber Herr Danglars bat eine Grenze bei den seinigen; er ist ein weiser Mann, wie er so eben bemerkte.«
»Mein Herr,« sprach der Banquier stolz, »es hat noch Niemand mit meiner Kasse gerechnet.«
»Dann werde ich anfangen, wie es scheint,« erwiderte Monte Christo mit kaltem Tone.
»Wer sagt Ihnen das?«
»Die Erläuterungen, welche Sie von mir verlangen, denn sie haben große Ähnlichkeit mit Zögerungen.«
Danglars biß sich in die Lippen; es war zum zweiten Male, daß er von diesem Manne geschlagen wurde, und zwar diesmal auf einem Gebiete, welches er das seinige nennen konnte. Seine spöttische Höflichkeit war nur geheuchelt und berührte jenes Extrem, welches der Unverschämtheit so nahe steht.
Monte Christo dagegen lächelte auf das Anmutigste der Welt und besaß, wenn er wollte, ein gewisses naives Wesen, das ihm sehr zum Vorteile gereichte.
»Mein Herr,« sprach Danglars nach kurzem Stillschweigen, »ich will es Versuchen, mich dadurch verständlich zu machen, daß ich Sie bitte, selbst die Summe zu bestimmen, die Sie von mir zu erheben gedenken.«
»Mein Herr,« antwortete Monte Christo, entschlossen, keinen Zoll breit Land bei dieser Verhandlung zu verlieren, »wenn ich einen unbegränzten Credit auf Sie verlangt habe, so geschah dies, weil ich den Betrag der Summen, deren ich bedürfen würde, nicht wüßte.«
Der Banquier glaubte, der Augenblick sei gekommen, die Oberhand zu gewinnen, warf sich in sein Fauteuil zurück und sprach mit einem stolzen, plumpen Lächeln:
»Oh! mein Herr, fürchten Sie sich nicht, Ihren Wunsch auszudrücken, Sie werden sich überzeugen, daß die Kasse des Hauses Danglars, so beschränkt sie auch ist, doch den ausgedehntesten Forderungen zu entsprechen vermag, und sollten Sie auch eine Million verlangen . . . «
»Wie beliebt?«
»Ich sage eine Million, wiederholte Danglars mit dem Nachdruck der Gemeinheit.
»Und was soll ich mit einer Million tun?« entgegnete der Graf. »Guter Gott! wenn ich nur eine Million gebraucht hätte, . . . einer solchen Erbärmlichkeit wegen würde ich mir nicht haben einen Credit auf Sie eröffnen lassen! Eine Million habe ich stets in meiner Brieftasche oder in meinem Reisenécessaire.«
Hierbei zog Monte Christo aus einem kleinen Carnet, worin seine Visitenkarten waren, zwei Bons au porteur auf den Staatsschatz, jedes von fünfmal hunderttausend Franken.
Einen Menschen wie Danglars mußte man tot schlagen und nicht ihm mit leichten Stichen zu Leibe gehen. Der Keulenschlag that seine Wirkung. Der Banquier wankte und hatte den Schwindel; er schaute Monte Christo mit zwei verdutzten Augen an, deren Stern sich furchtbar erweiterte.
»Gestehen Sie mir, daß Sie dem Hause Thomson und French mißtrauen?« sagte Monte Christo. »Mein Gott, das ist ganz einfach, ich habe einen solchen Fall vorhergesehen und, obgleich den Geschäften ziemlich fremd, meine Vorsichtsmaßregeln getroffen. Hier sind noch zwei Briefe, dem ähnlich, welchen Sie erhalten haben; der eine ist von dem Hause Arnstein und Eskeles in Wien auf den Herrn Baron von Rothschild, der andere von dem Hause Baring in London auf Herrn Laffitte. Sagen Sie ein Wort, und ich überhebe Sie jeder Unruhe, indem ich mich an das eine oder das andere von diesen zwei Häusern wende.«
Hiermit war es geschehen; Danglars war besiegt; er öffnete mit sichtbarem Zittern die beiden Briefe von Wien und London, die ihm der Graf mit den Fingerspitzen darreichte, und untersuchte die Echtheit der Unterschriften mit einer ängstlichen Aufmerksamkeit, welche für Monte Christo beleidigend gewesen wäre, wenn er sie nicht der Verwirrung des Banquier zu gut gehalten hätte.
»Oh! mein Herr, diese drei Unterschriften sind Millionen wert, sprach Danglars, indem er sich erhob, als wollte er in dem Manne, welcher vor ihm stand, die personifizierte Macht des Geldes begrüßen. »Drei unbegränzte Credite auf unsere drei Häuser! Verzeihen Sie, Herr Graf, aber wenn man auch mißtrauisch zu sein aufhört, so kann man doch noch erstaunt bleiben.«
»Oh! ein Haus wie das Ihrige dürfte wohl nicht staunen, erwiderte Monte Christo mit aller ihm zu Gebot stehenden Höflichkeit. »Sie können mir also einiges Geld schicken?«
»Sprechen Sie, mein Herr Graf, ich bin zu Ihren Befehlen.«
»Nun« da wir uns verstehen, . . nicht wahr, wir verstehen uns?«
Danglars machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe.
