Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 53
»Warum dies?« fragte Eugenie.
»Damit wir mit ihm sprechen könnten, bist Du nicht begierig, ihn zu sehen?«
»Nicht im Geringsten.«
»Seltsames Kind!« murmelte die Baronin.
»Oh er wird wohl von selbst kommen.« sagte Morcerf. »Er hat Sie gesehen, Madame, und grüßt Sie so eben.«
Die Baronin gab dem Grafen seinen Gruß in Begleitung eines reizenden Lächelns zurück.
»Wohl, ich opfere mich,« sagte Morcerf, »ich verlasse Sie und will sehen, ob es nicht möglich ist, mit ihm zu sprechen.«
»Das ist ganz einfach, gehen Sie in seine Loge.«
»Ich bin nicht vorgestellt.«
»Wem?«
»Der schönen Griechin.«
»Es ist eine Sklavin, sagen Sie.«
»Doch Sie behaupten, es sei eine Prinzessin . . . Nein . . . ich hoffe, wenn er mich hinausgehen sieht, wird er auch hinausgehen.«
»Es ist möglich, Gehen Sie.«
»Ich gehe.«
Morcerf verbeugte sich und ging hinaus; in dem Augenblick, wo er an der Loge des Grafen vorüberkam, öffnete sich wirklich die Thüre; der Graf sagte einige arabische Worte zu Ali, der in der Flur stand, und nahm Morcerf beim Arme.
Ali schloß die Thüre wieder und stellte sich vor dieselbe; es war im Gange eine ganze Versammlung um den Nubier.
»In der Tat,« sagte Monte Christo, »Ihr Paris Ist eine seltsame Stadt und Ihre Pariser sind ein seltsames Volk. Man sollte glauben, es wäre das erste Mal, daß sie einen Nubier sehen. Schauen Sie, wie sie sich um Ali drangen, der nicht weiß, was das bedeuten soll. Dafür stehe ich Ihnen, daß ein Pariser nach Tunis, nach Konstantinopel, nach Bagdad oder nach Kairo kommen könnte, und man würde keinen Kreis um ihn bilden.«
»Das rührt davon her, daß Ihre Orientalen vernünftiger sind und bloß das anschauen, was gesehen zu werden der Mühe wert ist; doch glauben Sie mir, daß sich Ali dieser Popularität nur erfreut, weil er Ihnen gehört und Sie in diesem Augenblick der Mann der Mode sind.«
»Wirklich, und was erwirbt mir diese Gunst?«
»Bei Gott! Sie selbst. Sie verschenken Gespanne von tausend Louisd’or, Sie retten Staateanwaltsfrauen das Leben: Sie lassen unter dem Namen Major Black Vollblutpferde mit Jockeys so groß wie Ouistitis rennen; Sie gewinnen endlich goldene Becher und schicken sie jungen Frauen.«
»Und wer Teufels hat Ihnen alle diese Tollheiten erzählt?«
»Die erste Madame Danglars, welche vor Verlangen stirbt, Sie in ihrer Loge zu sehen; die zweite das Journal von Beauchamp, und die dritte meine eigene Einbildungskraft, Warum nennen Sie Ihr Pferd Vampa, wenn Sie das Incognito behaupten wollen?«
»Ah! Sie haben Recht, das war eine Unklugheit. Doch sagen Sie mir, kommt der Graf von Morcerf nicht auch zuweilen in die Oper? Ich habe ihn überall mit den Augen gesucht, und nirgends bemerkt.«
»Er wird diesen Abend kommen.«
»Wohin?«
»Ich glaube in die Loge der Baronin.«
»Die reizende Person, welche bei ihr sitzt, ist ihre Tochter?«
»Ja.« »Ich mache Ihnen mein Kompliment.
Morcerf lächelte, und erwiderte:
»Wir sprechen später hiervon. Doch was sagen Sie zu der Musik?«
»Zu welcher Musik?«
»Zu der, welche Sie so eben gehört haben.«
»Ich sage, daß es eine hübsche Musik ist für eine Musik componirt von einem menschlichen Componisten, und gesungen von Vögeln mit zwei Beinen und ohne Federn, wie der alte Diogenes sagt.«
»Ah! mein lieber Herr Graf, man sollte glauben, Sie könnten nach Ihrem Belieben die sieben Chöre des Paradieses hören.«
»Es ist ein wenig so. Wenn ich wunderbare Musik hören will, Vicomte, Musik, wie sie nie ein sterbliches Ohr vernommen hat, so schlafe ich.«
»Ah! da sind Sie vortrefflich hier;»schlafen Sie, mein lieber Graf, schlafen Sie, die Oper ist zu nichts Anderem erfunden worden.«
»In der Tat, nein: Ihr Orchester macht zu viel Lärmen. Zu dem Schlafe, von dem ich spreche, bedarf ich der Ruhe und des Stillschweigens, und dann auch einer gewissen Vorbereitung . . . «
»Ah! der berühmte Haschisch?«
»Ganz richtig, Vicomte, wenn Sie Musik hören wollen, speisen Sie bei mir zu Nacht.«
»Ich habe bereits gehört, als ich bei Ihnen frühstückte,« sagte Morcerf.«
»In Rom?«
»Ja.«
»Das war die Guzla von Hayde. Ja, die arme Verbannte belustigt sich zuweilen damit, daß sie mir Melodien ihres Landes spielt.«
Morcerf verweilte nicht länger bei diesem Gegenstande; der Graf schwieg ebenfalls.
In diesem Augenblick ertönte das Glöckchen.
»Sie werden mich entschuldigen,« sprach der Graf, nach seiner Loge zurückkehrend.
»Wie, Sie gehen?«
»Sagen Sie der Gräfin G*** viel Schönes von ihrem Vampyr.«
»Und der Baronin?«
»Ich werde die Ehre haben, wenn sie es mir erlaubt, ihr diesen Abend meine Aufwartung zu machen.«
Der dritte Akt begann. Während des dritten Aktes fand sich der Graf von Morcerf, wie er es versprochen hatte, bei Madame Danglars ein.
Der Graf war keiner von den Menschen, welche in einem Saale einen Aufruhr hervorbringen; auch bemerkte Niemand seine Ankunft außer denjenigen, in deren Loge er einen Platz genommen hatte.
Monte Christo sah ihn indessen, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.
Hayde sah nichts, so lange der Vorhang aufgezogen war; wie jede Urnatur betete sie Alles an, was zum Ohr und zum Gesichte spricht.
Der dritte Akt ging wie sonst vorüber; Mademoiselle Roblet, Julia und Leroux führten ihre gewöhnlichen Entrechats aus; der Prinz von Granada wurde von Robert-Mario herausgefordert, der wohlbekannte majestätische König machte, seine Tochter an der Hand haltend, seine Runde durch das Gemach, um seinen Sammetmantel zu zeigen, dann fiel der Vorhang, und augenblicklich entleerte sich der Saal nach den Gängen und dem Foyer.
Der Graf verließ seine Loge und erschien einen Augenblick nachher in der der Baronin Danglars.
Die Baronin konnte sich nicht enthalten, einen Schrei des Erstaunens mit einer leichten Beimischung von Freude auszustoßen.
»Ah! Sie kommen, Herr Graf,« rief sie; »es drängte mich in der Tat, meinen mündlichen Dank dem schriftlichen beizufügen, den ich bereits bei Ihnen abgestattet habe.«
»Oh! Madame, Sie erinnern sich noch dieser Erbärmlichkeit. Ich hatte sie bereits vergessen.« sagte der Graf.
»Ja; aber das vergißt man nicht, mein Herr Graf, daß Sie am andern Tage meine arme Freundin, Frau von Villefort, aus der Gefahr errettet haben, der sie durch eben diese Pferde preisgegeben war.«
»Auch diesmal, Madame, verdiene ich Ihren Dank nicht, es war Ali, mein Nubier, der das Glück hatte, Frau von Villefort diesen ausgezeichneten Dienst zu leisten.«
»War es auch Ali, der meinen Sohn den Händen der römischen Banditen entriß?« sagte der Graf von Morcerf.
»Nein, mein Herr Graf,« sprach Monte Christo die Hand drückend, die ihm der General reichte. »nein, diesmal nehme ich den Dank für meine Rechnung an, aber Sie haben mir diesen Dank bereits abgestattet, und ich habe ihn bereits angenommen, und es beschämt mich in der Tat, daß ich Sie noch so erkenntlich finde. Ich bitte Sie, erweisen Sie mir die Ehre, Frau Baronin, mich dem Fräulein, Ihrer Tochter, vorzustellen.«
»Oh! Sie sind schon vorgestellt, wenigstens dem Namen nach, denn seit einigen Tagen sprechen wir nur von Ihnen. Eugenie,« fuhr die Baronin, sich gegen ihre Tochter umwendend, fort, »der Herr Graf von Monte Christo.«
Der Graf verbeugte sich; Fräulein Danglars machte eine leichte Bewegung mit dem Kopfe.
»Sie haben eine bewunderungswürdige Person bei sich,« sagte Eugenie; »ist es Ihre Tochter?«
»Nein, mein Fräulein,« erwiderte Monte Christo, erstaunt über diese außerordentliche Offenherzigkeit oder diese merkwürdige Entschiedenheit, »es ist eine arme Griechin, deren Vormund ich bin.«
»Und sie heißt?«
»Hayde,« antwortete Monte Christo.
»Eine Griechin!« murmelte der Graf von Morcerf.
»Ja, Graf,« sprach Madame Danglars; »sagen Sie mir, ob Sie je an dem Hofe von Ali Pascha Tependelini, dem Sie so glorreich dienten, eine so herrliche Tracht gesehen haben, wie die, welche wir hier vor Augen haben?«
»Ah! Sie haben in Janina gedient, mein Herr Graf?«
»Ich war Generalinstructor der Truppen des Pascha,« antwortete Morcerf, »und ich mache kein Geheimnis daraus, daß mein geringes Vermögen von der Freigebigkeit dieses erhabenen albanesischen Heerführers herrührt.«
»Sehen Sie doch!« sprach Madame Danglars.
»Wo denn?« stammelte Morcerf.
»Dort!« sagte Monte Christo.
Und den Grafen mit seinem Arme umfassend, neigte er sich mit ihm zur Loge hinaus.
In diesem Augenblicke gewahrte Hayde, die den Grafen mit den Augen suchte, seinen bleichen Kopf neben dem von Morcerf, den er umfaßt hielt.
Dieser Anblick brachte auf Hayde die Wirkung des Medusenhauptes hervor; sie machte eine Bewegung vorwärts, als wollte sie Beide mit den Augen verschlingen, dann warf sie sich beinahe in derselben Sekunde wieder zurück und stieß einen schwachen Schrei aus, der jedoch von den Personen, die ihr zunächst waren, und von Ali gehört wurde, welcher sogleich die Thüre öffnete.
»Was ist denn Ihrer Mündel begegnet, mein Herr Graf?« fragte Eugenie, »man sollte glauben, sie befände sich unwohl.«
»In der Tat, es scheint so zu sein,« sagte der Graf, »doch erschrocken Sie nicht darüber; Hayde ist sehr nervig und daher sehr empfänglich für Gerüche, ein Geruch, der ihr zuwider ist, kann ihr eine Ohnmacht zuziehen; aber ich habe hier ein Gegenmittel,« sagte der Graf, ein Fläschchen aus seiner Tasche ziehend.
Nachdem er die Baronin und ihre Tochter mit einer einzigen Verbeugung gegrüßt und einen letzten Händedruck mit dem Grafen und mit Debray ausgetauscht hatte, verließ er die die Loge von Madame Danglars.
Als er in die seinige zurückkehrte, war Hayde noch sehr bleich; sobald er erschien, nahm sie ihn bei der Hand.
Monte Christo bemerkte, daß die Hände des Mädchens zugleich feucht und eisig kalt waren.
»Mit wem sprachst Du denn, Herr?« fragte das Mädchen.
»Mit dem Grafen von Morcerf, der im Dienste Deines erhabenen Vaters stand und, wie er selbst bekennt, demselben sein Vermögen zu verdanken hat.«
»Ha, der Elend!« rief Hayde, »er ist es, der ihn an die Türken verkauft hat, und dieses Vermögen ist nur der Preis seines Verrates. Wußtest Du das nicht, mein lieber Herr?«
»Ich habe wohl ein paar Worte von dieser Geschichte im Epirus gehört,« sprach Monte Christo, »aber ich kenne die einzelnen Umstände nicht. Komm, meine Tochter, Du wirst sie mir erzählen, sie müssen sehr seltsamer Art sein.«
»O ja, komm, komm; es dünkt mir, ich würde sterben, müßte ich länger diesem Menschen gegenüber bleiben.«
Und Hayde stand rasch auf, hüllte sich in ihren mit Perlen und Korallen geschmückten Burnus von weißem Kaschemir, und verließ die Loge in dem Augenblick, wo der Vorhang aufgezogen wurde.
»Sehen Sie, ob dieser Mensch auch nur irgend etwas tut, wie ein Anderer!« sprach die Gräfin G*** zu Albert, der zu ihr zurückgekehrt war: »er hört ganz andächtig den dritten Akt von Robert und geht in der Minute, wo der vierte beginnen soll.«
Vierzehntes Kapitel.
Steigen und Fallen
Einige Tage nach diesem Zusammentreffen machte Albert von Morcerf dem Grafen von Monte Christo einen Besuch in seinem Hause in den Champs-Elysées, das bereits das Aussehen eines Palastes gewonnen hatte, wie es der Graf mit Hilfe seines unermeßlichen Vermögens auch seinen vorübergehendsten Wohnungen zu geben pflegte. Er erneuerte ihm die Danksagungen von Madame Danglars, die demselben vorher schon ein Brief, unterzeichnet Baronin Danglars, geborene Herminie von Servieux, überbracht hatte.
Albert erschien in Begleitung von Lucien Debray, der den Worten seines Freundes einige Komplimente beifügte, welche allerdings nicht offiziell waren, über deren Quelle jedoch der Graf bei seinem Scharfblicke sich nicht täuschen konnte.«
Es kam ihm sogar vor, als besuchte ihn Lucien durch einen doppelten Antrieb von Neugierde bewogen, und als entflöße dieser Antrieb zur Hälfte der Rue de la Chaussée d’Antin. Er konnte in der Tat ohne Furcht vor einem Irrtum voraussetzen, daß Madame Danglars, außer Stands, mit ihren eigenen Augen das Innere eines Mannes kennen zu lernen, der Pferde für dreißigtausend Franken verschenkte und in die Oper mit einer Sklavin ging, welche für eine Million Diamanten trug, Augen, durch die sie gewöhnlich sah, beauftragt hatte, ihr einige Auskunft über dieses Innere zu erteilen.
Aber der Graf gab sich den Anschein, als vermutete er nicht den geringsten Zusammenhang zwischen dem Besuche von Lucien und der Neugierde der Baronin.
»Sie sind in beinahe beständigem Verkehr mit dem Baron Danglars?« fragte er Albert von Morcerf.
»Ja, mein Herr Graf, Sie wissen, was ich Ihnen gesagt habe.«
»Das ist also immer noch im Plane?«
»Mehr als je, es ist eine abgemachte Sache,« sagte Lucien.
Und von der Überzeugung ausgehend, dieses in das Gespräch gemischte Wort gebe ihm das Recht, demselben nun fremd zu bleiben, steckte Lucien sein Lorgnon in sein Auge, biß auf den goldenen Knopf seines Stöckchens und ging, mit aller Aufmerksamkeit die Waffen und Gemälde betrachtend, im Zimmer umher.
»Ah!« rief Monte Christo, »wenn man Sie hörte, hätte man nicht an eine so schnelle Lösung der Sache glauben sollen.«
»Was wollen Sie, die Dinge schreiten vorwärts, ohne daß man es vermutet; während wir nicht an sie denken, denken sie an uns, und wenn wir uns umdrehen- sind wir erstaunt über den Weg, den sie zurückgelegt haben. Mein Vater und Herr Danglars haben mit einander in Spanien gedient, mein Vater bei der Armee, Herr Danglars beim Proviantwesen. Mein Vater, den die Revolution zu Grunde gerichtet hatte, und Herr Danglars, der nie ein Erbgut besaß, legten dort den Grund, mein Vater zu seinem schönen politischen und militärischen Glück, Herr Danglars zu seinem bewunderungswürdigen politischen und finanziellen Glück.«
»Ja, in der Tat,« erwiderte Monte Christo, »ich glaube, Herr Danglars erzählte mir hiervon während des Besuches, den ich ihm machte; und,« sagte er einen Seitenblick auf Lucien werfend, der in einem Album blätterte, »und ist Fräulein Eugenie hübsch? denn so viel ich mich erinnere, heißt sie Eugenie.«
»Sehr hübsch, oder vielmehr sehr schön; aber von einer Schönheit, die ich nicht zu schätzen weiß, denn ich bin ein Unwürdiger.«
»Sie sprechen bereits davon, als ob Sie ihr Gatte waren.«
»Oh!« rief Albert umherschauend, um ebenfalls zu sehen, was Lucien machte.
»Wissen Sie,« sagte Monte Christo, die Stimme dämpfend, »wissen Sie, daß Sie mir nicht sehr enthuasiastisch für diese Heirat zu sein scheinen.«
»Fräulein Danglars ist zu reich für mich, und das erschreckt mich,« erwiderte Morcerf.
»Bah!« versetzte Monte Christo, »ein schöner Grund, sind Sie nicht selbst reich?«
»Mein Vater hat so etwas… wie fünfzigtausend Franken Rente und wird mir vielleicht zehn bis zwölf bei meiner Verheiratung geben.«
»Das sieht allerdings bescheiden aus, besonders in Paris,« sagte der Graf; »aber das Vermögen ist nicht Alles auf dieser Welt, ein schöner Name und eine hohe gesellschaftliche Stellung haben auch ihren Wert. Ihr Name ist berühmt, ihre Stellung glänzend, der Graf von Morcerf ist ein Soldat, und man liebt es, die Unantastbarkeit eines Bayard mit der Armut von Dugesclin sich vermählen zu sehen; die Uneigennützigkeit ist der schönste Sonnenstrahl, in welchem ein edler Degen erglänzen kann. Ich finde im Gegenteil diese Verbindung im höchsten Grade passend: Fräulein Danglars bereichert Sie und Sie adeln das Fräulein!«
Albert schüttelte den Kopf und blieb nachdenkend.
»Es ist dabei noch etwas Anderes,« sagte er.
Ich gestehe, daß ich diesen Widerwillen gegen ein junges, reiches und schönes Mädchen nicht zu begreifen im Stande bin,« sagte der Graf.«
»O mein Gott!« rief Morcerf »dieser Widerwillen, wenn wirklich ein Widerwillen stattfindet, kommt nicht ganz von meiner Seite.«
»Von welcher Seite denn? Sagten Sie mir nicht, Ihr Vater wünsche diese Heirat?«
»Von Seiten meiner Mutter, und meine Mutter ist ein kluges, sicheres Auge. Sie lächelt nicht zu dieser Verbindung, sie hat irgend ein Vorurteil gegen die Danglars.«
»Oh! das läßt sich begreifen, sprach der Graf mit einem etwas gezwungenen Tone; »die Frau Gräfin von Morcerf, welche die Distiction, die Aristokratie, die Feinheit in Person ist, zögert ein wenig, eine gemeinbürgerliche, dicke, rohe Hand zu berühren, und das ist natürlich.«
»Ich weiß nicht, ob dies der Fall ist,« entgegnete Albert, »weiß jedoch, daß diese Heirat, wenn sie wirklich stattfindet, meine Mutter unglücklich machen wird. Man sollte sich schon vor sechs Wochen versammeln, um sich über die Vertragsverhältnisse zu besprechen, aber sie wurde dergestalt von der Migräne befallen . . . «
»Von einer wirklichen?« fragte der Graf lächelnd.
»Oh! gewiss von einer wirklichen, ohne Zweifel in Folge der Furcht . . . so daß man die Zusammenkunft auf zwei Monate verschob. Sie begreifen, es eilt nicht, ich bin noch nicht einundzwanzig Jahre alt und Eugenie erst siebzehn, doch die zwei Monate sind in der nächsten Woche abgelaufen, und man muß sich am Ende hingeben. Sie können sich nicht vorstellen, mein lieber Graf, in welcher Verlegenheit ich mich befinde . . . Ah! wie glücklich sind Sie doch, Sie freier Mann!«
»Nun, so seien Sie auch frei, ich frage Sie, wer hindert Sie daran?«
»Oh, es würde meinem Vater einen zu großen Verdruß bereiten, wenn ich Fräulein Danglars nicht heiratete.«
»So heiraten Sie das Fräulein,« sprach der Graf mit einer seltsamen Bewegung der Achsel.
»Ja, aber meiner Mutter würde diese Verbindung nicht Verdruß, sondern Schmerz bereiten.«
»Dann heiraten Sie das Fräulein nicht,« sagte der Graf.
»Ich werde es versuchen; nicht wahr, Sie geben mir Ihren Rath, und wenn es Ihnen möglich ist, entziehen Sie mich dieser Verlegenheit? Oh! um meiner vortrefflichen Mutter keinen Kummer zu bereiten, würde ich mich, glaube ich, mit meinem Vater entzweien.«
Monte Christo wandte sich ab, er schien bewegt.
»Ei!« sagte er zu Debray, der in einem tiefen Fauteuil am Ende des Salon saß und in der rechten Hand einen Bleistift, in der linken ein Carnet hielt, »ei! was machen Sie denn? Eine Skizze nach Poussin?«
»Ich, ?« erwiderte er ruhig, »so ja wohl! eine Skizze, dazu liebe ich die Malerei zu sehr! Nein, ich mache ganz das Entgegengesetzte von der Malerei, ich mache Zahlen.«
»Zahlen?«
»Ja, ich rechne, und das geht Sie unmittelbar an, Vicomte; ich berechne, was das Haus Danglars bei dem letzten Steigen der Hayti-Papiere gewinnen mußte: von 206 stiegen sie in drei Tagen auf 409, und der kluge Banquier hatte viel um 206 gekauft. Er muß dreimalhunderttausend Franken gewonnen haben.«
»Das ist noch nicht sein bester Schlag.« sagte Morcerf; »hat er nicht in diesem Jahre eine Million auf den spanischen Bons gewonnen?«
»Hören Sie, mein lieber Lucien, hier ist der Herr Graf von Monte Christo, der Ihnen, wie die Italiener, sagen wird:
Denaro e santila
Meta della meta. 17
Und das ist noch viel, Wenn man mir solche Geschichten erzählt, so zucke ich auch gewöhnlich die Achseln.«
»Doch Sie sprachen von Hayti?« fragte Monte Christo.
»Oh! Hayti, das ist etwas Anderes, das ist das Ecarté der französischen Agiotage. Man kann die Bouillotte lieben, für das Whist eingenommen sein, für das Boston schwärmen, und dennoch aller dieser Spiele überdrüssig werden; aber zu dem Ecarté kehrt man immer wieder zurück. So hat Herr Danglars gestern zu 406 verkauft und steckt dreimalhunderttausend Franken ein, hätte er bis heute gewartet, so würde er, da diese Papiere wieder bis auf 205 gesunken sind, statt dreimalhunderttausend Franken zu gewinnen, zwanzig bis fünfundzwanzig tausend verloren haben.«
»Und warum sind diese Papiere von 409 auf 205 gefallen?« fragte Monte Christo. »Entschuldigen Sie, ich bin sehr unwissend in allen diesen Börsenintriguen.«
»Weil die Nachrichten sich folgen, aber nicht sich gleichen,« antwortete Albert lachend.
»Ah Teufel!« rief der Graf; »Herr Danglars spielt also so hoch, daß er an einem Tage dreimalhunderttausend Franken gewinnen oder verlieren kann! Da muß er wohl ungeheuer reich sein?«
»Er ist es nicht, der spielt.« rief Lucien lebhaft, »es ist Madame Danglars; sie ist wahrhaftig unerschütterlich.«
»Aber Sie, der Sie ein vernünftiger Mann sind, Lucien, Sie, der Sie die geringe Haltbarkeit der Nachrichten kennen, der Sie an der Quelle sitzen, Sie sollten Sie abhalten,« sprach Morcerf mit einem Lächeln.
»Wie vermöchte ich dies, da es ihrem Manne nicht gelingt?« fragte Linien, »Sie kennen den Charakter der Baronin; Niemand hat Einfluß auf sie, und sie tut durchaus nur, was sie will.«
»O! wenn ich an Ihrer Stelle wäre,« sprach Albert.
»Nun?«
»Ich wollte sie heilen, das hieße, ihrem künftigen Schwiegersohne einen Dienst leisten.«
»Wie dies?«
»Ah bei Gott! das ist sehr leicht. Ich würde ihr eine Lection geben.«
»Eine Lection?«
»Ja; Ihre Stellung als Sekretär des Ministers verleiht Ihnen großes Ansehen in Beziehung auf Neuigkeiten; Sie dürfen nur den Mund öffnen und die Wechselagenten stenographiren so schnell als möglich Ihre Worte; lassen Sie die Baronin hunderttausend Franken Schlag auf Schlag verlieren, und sie wird klug werden.«
»Ich begreife nicht,« stammelte Lucien.
»Es ist doch ganz klar.« erwiderte der junge Mann mit einer Naivität, welche durchaus nichts Geheucheltes hatte; »melden Sie ihr an einem schönen Morgen irgend etwas Unerhörtes, eine telegraphische Nachricht, die nur Sie allein wissen können, zum Beispiel, Heinrich IV. sei gestern bei Gabrielle gesehen worden; das macht die Fonds steigen, sie richtet ihren Börsenschlag darnach ein und verliert sicherlich, wenn Beauchamp den andern Tag in seine Zeitung schreibt:
»Mit Unrecht behaupten wohlunterrichtete Leute, König Heinrich IV. sei gestern bei Gabrielle gesehen worden; diese Sache ist völlig unrichtig; König Heinrich IV. hat den Pont-Neuf nicht .verlassen.«
Lucien spitzte den Mund zu einem Lächeln. Obgleich scheinbar gleichgültig, hatte Monte Christo doch kein Wort von dieser Unterredung verloren, und sein durchdringendes Auge hatte sogar ein Geheimnis in der Verlegenheit des Sekretärs zu entdecken geglaubt.
Es war Folge von dieser Verlegenheit, von der Albert nicht das Geringste wahrnahm daß Lucien seinen Besuch abkürzte, er fühlte sich offenbar unbehaglich. Der Graf sagte ihm, während er ihn bis zur Thüre geleitete, ein paar Worte mit leiser Stimme, worauf er erwiderte:
»Sehr gern, mein Herr Graf; ich nehme es an.«
Der Graf kehrte zu Albert von Morcerf zurück und sprach:
»Denken Sie nicht, wenn Sie sich die Sache überlegen, daß Sie Unrecht gehabt haben, so über Ihre Schwiegermutter in Gegenwart von Herrn Debray zu reden.«
»Ich bitte, Graf,« versetzte Morcerf, »sagen Sie dieses Wort nicht mehr.«
»Wahrhaftig und ohne Übertreibung, ist die Gräfin in diesem Grade gegen die Heirat eingenommen?«
»Dergestalt, daß die Baronin nur selten in unser Hause kommt, und daß meine Mutter, glaube ich, nicht zweimal in ihrem ganzen Leben bei Madame Danglars gewesen ist.«
»Das ermutigt mich, offenherzig mit Ihnen zu sprechen,« sagte der Graf: »Herr Danglars ist mein Banquier, Herr von Villefort hat mich mit Höflichkeiten überhäuft, indem er mir seinen Dank für einen Dienst aussprach den ich ihm zufällig zu leisten im Stande war. Ich errate unter allem Dem eine Lawine von Mittagsmahlen und Abendunterhaltungen; um aber nicht den Anschein von prunkhaften Vorbereitungen zu haben, und wenn Sie wollen, um mir das Verdienst des Zuvorkommens zu machen, gedenke ich, Herrn und Madame Danglars und Herrn und Frau von Villefort in meinem Landhause in Auteuil zu versammeln. Wenn ich nun Sie, sowie den Herrn Grafen und die Frau Gräfin von Morcerf, zum Mittagessen einlade, wird es nicht aussehen, wie eine Art von hochzeitlichem Rendezvous, oder wird nicht wenigstens die Frau Gräfin von Morcerf die Sache so betrachten, besonders wenn der Herr Baron von Danglars mir die Ehre erweist, seine Tochter mitzubringen? Dann wird Ihre Mutter einen Abscheu gegen mich fassen, und ich will dies durchaus nicht, denn es ist mir Allen daran gelegen, sagen Sie ihr dies, so oft sich Gelegenheit dazu bietet, dem geneigtem Andenken bei ihr zu stehen.«
»Mutter Treue, Graf, ich danke Ihnen, daß Sie mit so viel Offenherzigkeit mit mir sprechen, und ich nehme die Ausschließung an, die Sie mir vorschlagen. Sie sagen, es sei Ihnen daran gelegen, in geneigtem Andenken bei meiner Mutter zu bleiben, während Sie bereits in voller Wertschätzung bei ihr stehen.«
»Sie glauben?« sprach Monte Christo mit Teilnahme.
»Oh! ich bin dessen gewiss, Als Sie uns neulich verließen, wanderten wir noch eine ganze Stunde von Ihnen. Doch ich komme auf das zurück, worüber wir so eben sprachen. Nun wohl, wenn meine Mutter diese Aufmerksamkeit von Ihrer Seite kennen wurde, und ich es wagte, ihr dieselbe mitzuteilen, ich bin überzeugt, sie wüßte Ihnen den innigsten Dank dafür; mein Vater wurde allerdings in nicht geringe Wut geraten.«
Der Graf erwiderte lachend:
»Sie sind nun in Kenntnis gesetzt. Doch.« ich denke, Ihr Vater wird keinen Anlaß haben, wütend zu werden; Herr und Madame Danglars werden mich als einen Menschen von sehr schlechten Manieren betrachten. Sie wissen, daß ich in vertrautem Umgang mit Ihnen lebe, daß Sie sogar mein ältester Pariser Bekannter sind, und werden mich, wenn sie Sie nicht bei mir finden, fragen, warum ich Sie nicht eingeladen habe. Suchen Sie sich wenigstens mit der Annahme einer früheren Einladung von einiger Wahrscheinlichkeit zu bewaffnen und teilen Sie mir diese durch ein paar Worte mit. Sie wissen, bei den Banquiers ist nur das Geschriebene gültig.«
»Ich gedenke etwas Besseres zu tun, Herr Graf,« erwiderte Albert; »meine Mutter wünscht die Seeluft einzuatmen. Auf welchen Tag ist Ihr Mittagessen bestimmt?«
»Auf Sonnabend.«
»Wir haben heute Dienstag, morgen Abend reisen wir ab, übermorgen früh sind wir im Treport. Sie sind ein bezaubernder Mann, Herr Graf, daß Sie den Leuten die Dinge so nach ihrer Bequemlichkeit und zu ihrer Zufriedenheit einrichten.«
»Ich! in der Tat, Sie halten mich für mehr, als ich wirklich wert bin; ich wünsche Ihnen nur angenehm zu sein.«
»An welchem Tage haben Sie Ihre Einladung gemacht?«
»Heute.«
»Gut! ich laufe zu Herrn Danglars und kündige ihm an, daß ich morgen mit meiner Mutter Paris verlasse. Ich habe Sie nicht gesehen, und weiß folglich nichts von Ihrem Mittagsbrote.«
»Sind Sie verrückt, mein Lieber! hat Sie nicht Herr Debray bei mir gesehen?«
»Ah, das ist richtig!«
»Im Gegenteil. ich habe Sie gesehen und hier ohne Umstände eingeladen, und Sie haben mir ganz einfach geantwortet, Sie könnten nicht mein Gast sein. weil Sie nach dem Treport abreisen würden.«
»Wohl, das ist abgemacht, aber Sie, werden Sie meine Mutter vor morgen besuchen?«
»Vor morgen, das ist schwierig, insofern ich mitten in Ihre Vorbereitungen zur Reise fallen würde.«
»Thun Sie etwas Besseres, und Sie werden ein anbetungswürdiger Mann sein.«
»Was soll ich tun, um zu dieser Erhabenheit zu gelangen?«
»Was Sie tun sollen?«
»Das frage ich Sie.«
»Sie sind heute frei wie die Luft, kommen Sie zu uns, und speisen Sie mit uns zu Mittag; wir sind nur in kleinem Comité: Sie, meine Mutter und ich. Sie haben meine Mutter kaum bemerkt; doch Sie werden sie von Nahem sehen. Es ist eine merkwürdige Frau, und ich bedaure nur, daß nicht ihres Gleichen mit zwanzig Jahren weniger lebte dann würde es bald eine Gräfin und eine Vicomtesse von Morcerf geben. Meinen Vater finden Sie nicht, er hat Commissionssitzung und speist bei dem Herrn Großreferendär. Kommen Sie, wir plaudern von Reisen; Sie, der Sie die ganze Welt gesehen haben, erzählen uns von Ihren Abenteuern; Sie teilen uns die Geschichte der schönen Griechin mit, welche kürzlich mit Ihnen in der Oper war und von Ihnen Ihre Sklavin genannt wird, während Sie dieselbe wie eine Prinzessin behandeln. Wir sprechen Italienisch, Spanisch; willigen Sie ein, meine Mutter wird Ihnen dankbar dafür sein.«
»Tausend Dank,« erwiderte der Graf, »Ihre Einladung ist äußerst liebenswürdig, und ich bedaure es lebhaft, daß ich sie nicht annehmen kann. Ich bin nicht frei, wie Sie wähnten, sondern ich habe im Gegenteil ein höchst wichtiges Rendezvous.«
»Ah! nehmen Sie sich in Acht, Sie haben mich so eben gelehrt, wie man sich in Beziehung auf ein Mittagsbrot einer Unannehmlichkeit überhebt. Ich bedarf eines Beweises. Glücklicher Weise bin ich nicht Banquier wie Herr Danglars, wohl aber, das sage ich Ihnen, ebenso neugierig als er.«
»Ich werde Ihnen auch den Beweis geben,« erwiderte der Graf.
Und er läutete.
»Ah!« bemerkte Morcerf, »das ist schon zum zweiten Male, daß Sie es ausschlagen, mit meiner Mutter zu Mittag zu speisen. Es muß dies auf einem bestimmten Beschlusse beruhen, Graf.«
Der Graf entgegnete leicht bebend:
»Oh! Sie glauben das nicht; überdies kommt hier mein Beweis.«
Baptistin trat ein und blieb wartend an der Thüre stehen.
»Sie müssen zugeben, daß ich von Ihrem Besuche nicht zuvor unterrichtet war?« fragte der Graf den Vicomte.
»Bei Gott! Sie sind ein so außerordentlicher Mann, daß ich nicht dafür stehen würde.«
»Ich konnte wenigstens nicht ahnen, daß Sie mich zum Mittagessen einladen dürften?«
»Das ist wahrscheinlich.«
»Wohl, so hören Sie: Baptistin, was sagte ich Ihnen, als ich Sie diesen Morgen in mein Arbeitscabinet rief?«
»Sie befahlen mir, die Thüre des Herrn Grafen schließen zu lassen, sobald es fünf Uhr geschlagen hätte.« antwortete der Diener.
»Hernach.«
»Oh! mein Herr Graf . . . « rief Albert.
»Nein, nein! ich muß mich durchaus von dem geheimnisvollen Rufe freimachen, den Sie mir zugezogen haben, mein lieber Vicomte: es ist zu schwer, ewig den Manfred zu spielen. Ich will in einem gläsernen Hause leben. Hernach . . . fahren Sie fort, Baptistin.«
»Hernach hießen Sie mich nur den Herrn Major Bartolomeo Cavalcanti empfangen.«
»Sie hören« den Herrn Major Bartolomeo Cavalcanti, einen Mann von dem ältesten Adel Italiens, dessen Namen Dante zu verherrlichen bemüht war, Sie erinnern sich oder Sie erinnern sich nicht, in dem zehnten Gesange der Hölle; ferner seinen Sohn, einen reizenden jungen Mann, ungefähr von Ihrem Alter, Vicomte, der denselben Titel führt wie Sie, und in die Pariser Welt mit den Millionen seines Vaters eintritt. Der Major bringt mir diesen Abend seinen Sohn Andrea, den Contiuo, wie wir in Italien sagen. Er will ihn mir anvertrauen, und ich werde sein Glück zu fördern suchen, wenn er einiges Verdienst besitzt. Nicht wahr, Sie helfen mir?«
»Ganz gewiss! Dieser Major Cavalcanti ist wohl ein alter Freund von Ihnen?« fragte Albert.
