Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 54
»Keines Wegs, es ist ein würdiger, sehr höflicher, sehr bescheidener, sehr diskreter Herr, wie es in Italien eine Menge gibt. Ich habe ihn wiederholt in Florenz, in Bologna, in Lucca gesehen, und er benachrichtigte mich von seiner Ankunft. Die Reisebekanntschaften sind anspruchsvoll: sie verlangen überall von uns die Freundschaft, die wir ihnen zufällig einmal erzeigt haben, als hätte nicht der civilisirte Mensch, der eine Stunde mit gleichviel wem zu leben weiß, stets seinen Hintergedanken. Dieser gute Major Cavalcanti besucht Paris wieder, das er nur einmal im Vorübergehen unter der Kaiserherrschaft gesehen hat, als er sich in Moskau einfrieren zu lassen im Begriffe war. Ich gebe ihnen ein gutes Mittagsmahl, er läßt mir seinen Sohn hier, ich verspreche ihm denselben zu überwachen, ich lasse ihn alle Thorheiten begehen, die es ihm zu machen belieben wird, und wir sind quitt.«
»Vortrefflich! rief Albert, »ich sehe, Sie sind ein kostbarer Mentor. Gott befohlen. bis Sonntag sind wir zurück. Doch, ich habe Nachricht von Franz erhalten.«
»Ah! wirklich? gefällt er sich immer noch in Italien.«
Ich denke ja; er bedauert indessen, daß Sie nicht mehr dort sind, denn er sagt, Sie seien die Sonne von Rom, und ohne Sie herrsche dort trübes Wetter; ich weiß nicht, ob er nicht sogar behauptet, es regne dort.«
»Er ist also von seiner Ansicht über mich zurückgekommen?«
»Im Gegenteil, er beharrt darauf, Sie für phantastisch im höchsten Grade zu halten; darum bedauert er Ihre Abwesenheit.«
»Ein liebenswürdiger junger Mann,« Versetzte Monte Christo; »ich fühlte für ihn eine lebhafte Sympathie schon am ersten Abend, als ich ihn irgend ein Nachtmahl suchen sah, und er das meinige anzunehmen die Güte hatte. Er ist, glaube ich, ein Sohn des General d’Epinay?«
»Ganz richtig.
»Desselben, welcher im Jahr 1815 auf eine so erbärmliche Weise ermordet wurde?«
»Durch die Bonapartisten.«
»So ist es! Meiner Treue, ich liebe ihn! Liegt für ihn nicht auch ein Heiratsplan vor?«
»Ja, er soll sich mit Fräulein von Villefort vermählen.«
»Ist es wahr?«
»Wie ich Fräulein Danglars heiraten soll,« erwiderte Albert lachend.
»Sie lachen?«
»Ja.«
»Warum lachen Sie?«
»Ich lache, weil es mir vorkommt, als erblickte ich auf jener Seite eben so viel Sympathie für die Heirat, als andererseits für eine Verbindung zwischen mir und Fräulein Danglars stattfindet. Doch wahrlich, mein lieber Graf, wir plaudern von Frauen, wie die Frauen von Männern plaudern. Das ist unverzeihlich!«
Albert stand auf.
»Sie gehen?«
»Die Frage ist gut! Seit zwei Stunden quäle ich Sie, und Sie haben die Höflichkeit, mich zu fragen, ob ich gehe! In der Tat, Graf, Sie sind der artigste Mann der Erde! Und Ihre Bedienten, wie sind sie dressiert! besonders Herr Baptistin; ich konnte nie einen solchen Menschen bekommen. Die meinigen scheinen alle ein Beispiel an denen des Théâtre-Francais zu nehmen, welche, gerade weil sie nur ein Wort zu sagen haben, dieses immer auf der Rampe sagen. Wenn Sie Ihren Baptistin entlassen, so bitte ich, mir den Vorzug zu gönnen.«
»Abgemacht, Vicomte.«
»Das ist nach nicht Alles, warten Sie: machen Sie Ihrem diskreten Luckeser, dem Herrn Cavalcanti bei Cavalcanti mein Kompliment, und wenn ihm zufällig daran gelegen sein sollte, seinen Sohn zu verheiraten, so suchen Sie ihm eine sehr reiche, sehr edle Frau, wenigstens von Seiten ihrer Mutter, und ganz und gar eine Baronin von Seiten ihres Vaters. Ich werde Sie dabei unterstützen.«
»Oh! Oh! erwiderte Monte Christo, »sind Sie in der Tat so weit?«
»Ja.«
»Meine, Treue, man muß auf nichts schwören.«
»Ah! Graf,« rief Morcerf, »welchen Dienst würden Sie mir leisten, und wie Wollte ich Sie noch hundertmal mehr lieben, wenn ich mit Ihrer Hilfe Junggeselle bliebe, und wäre es nur zehn Jahre lang.«
»Alles ist möglich,« erwiderte Monte Christo mit ernstem Tone.
Und sich von Albert verabschiedend, trat er in sein Cabinet und schlug dreimal auf sein Glöckchen.
Bertuccio erschien.«
»Herr Bertuccio,« sprach der Graf, »Sie sollen erfahren, daß ich Sonnabend in meinem Hause in Auteuil empfange.«
Bertuccio erwiderte leicht schauernd:
»Gut, gnädiger Herr.«
»Ich bedarf Ihrer,« fuhr der Graf fort, »damit Alles auf eine anständige Weise vorbereitet wird. Das Haus ist sehr schön, oder kann wenigstens sehr schön ein.«
»Man müßte zu diesem Behufe Alles verändert, Herr Graf, denn die Tapeten haben gealtert.«
»Verändern Sie Alles, mit Ausnahme des mit rotem Damast tapezirten Schlafzimmers; dieses lassen Sie ganz, wie es ist.«
Bertuccio verbeugte sich.
»Den Garten berühren Sie ebenfalls nicht; aber aus dem Hofe, zum Beispiel, machen Sie Alles, was Sie wollen; es wird mir sogar angenehm sein, wenn man ihn nicht zu erkennen vermag.«
»Ich werde tun, was in meinen Kräften liegt, um den Herrn Grafen zufrieden zu stellen; übrigens wäre ich ruhiger, wenn der Herr Graf mir seine Absichten in Beziehung auf das Mittagsmahl nennen wollte.«
»In der Tat, mein lieber Herr Bertuccio, seitdem Sie in Paris sind, finde ich Sie ganz verändert, ganz ängstlich; kennen Sie mich denn nicht mehr?«
»Seine Exzellenz könnte mir doch wenigstens sagen, wen sie empfängt.«
»Ich weiß es noch nicht, und Sie brauchen es ebenfalls nicht zu wissen. Lucullus speist bei Lucullus, und damit ist es genug.«
Bertuccio verbeugte sich und ging ab.
Fünfzehntes Kapitel.
Der Major Cavalcanti
Weder der Graf noch Baptistin logen, als sie Morcerf den Besuch des luccesischen Majors ankündigten, der Monte Christo als Vorwand diente, um das ihm angebotene Mittagsmahl von sich zu weisen.
Es schlug sieben Uhr, und Herr Bertuccio war dem Befehle gemäß, den er erhalten hatte, seit zwei Stunden nach Auteuil abgereist, als ein Fiacre vor der Thüre des Hotel anhielt, aber wieder ganz beschämt entfloh, nachdem er an dem Gitter einen Mann von etwa zwei und fünfzig Jahren abgesetzt hatte, welcher einen von jenen Röcken mit schwarzen Borten trug, deren Geschlecht in Europa unvergänglich zu sein scheint. Eine weite Hose, ziemlich reinliche Stiefeln, obgleich den einem etwas ungewissen Firniß und mit zu dicker Sohle, hirschlederne Handschuhe, ein Hut, der sich seiner Form nach einem Gendarmenhute näherte, eine schwarze Halsbinde mit einem schmalen weißen Streifen, die, wenn sie ihr Eigenthümer nicht aus eigener Machtvollkommenheit getragen haben würde, für ein Halseisen hätte gehalten werden können, dies war die malerische Tracht, unter welcher der Mann erschien, der an dem Gitter läutete und hier fragte, ob nicht in Nro. 30. der Avenue des Champs-Elysées der Graf von Monte Christo wohne, und auf die bejahende Antwort des Portier eintrat, die Thüre hinter sich zumachte und nach der Freitreppe ging.
Der kleine, eckige Kopf dieses Menschen, seine weißlichen Haare und sein dicker, grauer Schnurrbart machten ihn für Baptistin erkenntlich, denn dieser besaß das genaue Signalement des Gastes und erwartete denselben in der untern Hausflur. Kaum hatte er seinen Namen vor dem verständigen Diener ausgesprochen, als Monte Christo von seiner Ankunft benachrichtigt wurde.
Man führte den Fremden in den einfachsten Salon. Der Graf erwartete ihn daselbst und ging ihm mit lachender Miene entgegen.
»Ah! lieber Herr,« sagte er, »seien Sie willkommen. »Ich erwartete Sie.«
»Wirklich!« erwiderte der Luckeser; »Euere Exzellenz erwartete mich?«
»Ja, ich war von Ihrer Ankunft auf diesen Abend um sieben Uhr benachrichtigt.«
»Sie waren von meiner Ankunft benachrichtigt?«
»Vollkommen.«
»Ah! desto besser, ich befürchtete, man hätte diese Vorsichtsmaßregel Vergessen.«
»Welche?«
»Sie in Kenntnis zu setzen.«
»Oh, nein!«
»Sind Sie dessen gewiss, täuschen Sie sich nicht?«
»Ich bin dessen gewiss.«
»Mich erwartete Euere Exzellenz diesen Abend um sieben Uhr?«
»Allerdings Sie. Ich will Ihnen den Beweis geben.«
»Oh, wenn Sie mich erwarteten, so ist es nicht der Mühe wert.«
»Doch! doch!.« rief Monte Christo.
Der Luckeser schien etwas beunruhigt.
»Sprechen Sie, sind Sie nicht der Marquis Bartolomeo Cavalcanti?« »Bartolomeo Cavalcanti,« wiederholte freudig der Luckeser, »so ist es.« »Exmajor in österreichischen Diensten?« »War ich Major?« fragte schüchtern der alte Militär. »Ja,« sprach Monte Christo, »Major, Das ist der Name, den man in Frankreich dem Grade gibt, welchen Sie in Italien einnahmen.«
»Gut,« Versetzte der Luckeser, »Sie begreifen, mir ist es ganz lieb . . . «
»Übrigens kommen Sie nicht aus eigenem Antriebe hierher.«
»Allerdings.«
»Sie sind durch Jemand an mich adressiert worden.«
»Ja.« »Durch den vortrefflichen Abbé Busoni?«
»So ist es,« rief der Major.
»Und Sie haben einen Brief?«
»Hier ist er.«
»Ah, bei Gott! Sie sehen. Geben Sie.«
Monte Christo nahm den Brief, öffnete und las denselben.
Der Major schaute den Grafen mit großen, erstaunten Augen an, die zwar neugierig auf allen Teilen, des Gemaches umherliefen, jedoch unabänderlich wieder zu dessen Eigenthümer zurückkehrten.
»So ist es . . . der liebe Abbé: »»der Major Cavalcanti, ein würdiger Patricier aus Lucca, von den Cavalcanti in Florenz abstammend,«« fuhr Monte Christo lesend fort, »»im Besitze eines Vermögens von einer halben Million Einkünfte.««
Monte Christo schlug die Augen vom Papier auf und verbeugte sich.
»Von einer halben Million,« sagte er; »Teufel! mein lieber Herr Caoaleanti.«
»Steht eine halbe Million?« fragte der Luckeser.
»Mit allen Buchstaben, und das muß so sein, der Abbé Busoni ist ein Mann, der sehr genau die großen Vermögen in Europa kennt.
»Es mag sein mit der halben Million; doch auf mein Ehrenwort! ich glaubte nicht, daß es sich so hoch beliefe.«
»Weil Sie einen Intendanten haben, der Sie bestiehlt; was wollen Sie, mein lieber Herr Cavalcanti, man muß sich das gefallen lassen!«
»Und da Sie mir hierüber Aufklärung gegeben haben, so werde ich den Burschen vor die Thüre werfen.« sprach mit ernstem Tone der Luckeser.
Monte Christo fuhr fort:
»»Und dem nur Eines zu seinem Glücke fehlte.««
»O mein Gott! ja, nur Eines.« sprach der Luckeser mit einem Seufzer.
»»Einen angebeteten Sohn wiederzufinden.««
»Einen angebetenen Sohn?«
»»Der in seiner Jugend entweder durch einen Feind seiner Familie oder durch Zigeuner geraubt wurde.««
»Im Alter von fünf Jahren, mein Herr!« sagte der Luckeser mit einem tiefen Seufzer und die Augen zum Himmel aufschlagend.
»Armer Vater!« sprach Monte Christo.
Der Graf fuhr fort:
»»Ich gebe ihm die Hoffnung, ich gebe ihm das Leben, mein Herr Graf, indem ich ihm verkündige, daß Sie ihm diesen Sohn, den er seit fünfzehn Jahren umsonst sucht, wiederfinden können.««
Der Luckeser schaute Monte Christo mit einem Ausdruck voll unsäglicher Unruhe an.
»Ich kann es,« sprach Monte Christo.
Der Major richtete sich hoch auf und rief:
»Ah! ah! der Brief ist also bis zum Ende wahr?«
»Zweifelten Sie daran, mein lieber Herr Bartolomeo?«
»Nein, niemals! Ein ernster, mit einem religiösen Charakter bekleideter Mann, wie der Abbé Busoni, hätte sich nie einen solchen Scherz erlaubt; doch Sie haben nicht Alles gelesen, Exzellenz!«
»Ah! das ist wahr, es findet sich hier noch eine Nachschrift.«
»Ja,« erwiderte der Luckeser, »es findet sich . . . eine . . . Nachschrift.«
»»Um den Major Cavalcanti nicht in die Verlegenheit zu setzen, Fonds von seinem Banquier wegnehmen zu müssen, schicke ich ihm einen Wechsel von zweitausend Franken für seine Reiseunkosten und accreditire ihn bei Ihnen mit der Summe von achtundvierzig tausend Franken, welche ich bei Ihnen gut hatte.«
Der Major verfolgte mit den Augen diese Nachschrift in sichtbarer Angst.
»Gut!« begnügte sich der Graf zu bemerken.
»Er hat gut gesagt,« murmelte der Luckeser.
»Also mein Herr,« sprach er.
»Also? . . . « fragte der Graf.
»Also, die Nachschrift? . . . «
»Nun! die Nachschrift . . . «
»Wird von Ihnen ebenso günstig aufgenommen, wir der übrige Brief?«
Der Abbé Busoni und ich stehen mit einander in Abrechnung; ich weiß nicht genau, ob er achtundvierzig tausend Franken bei mir gut hat, aber es kommt unter uns nicht auf ein paar Bankbillets an. Ah! Sie legten also einen großen Wert auf diese Nachschrift, mein lieber Herr Cavalcanti?«
»Ich muß Ihnen gestehen,« antwortete der Luckeser, »daß ich mich, voll Zutrauen zu der Unterschrift des Abbé Busoni, nicht mit andern Geldern versehen hatte; wäre mir diese Quelle entgangen, so würde ich mich in Paris in großer Verlegenheit befunden haben.«
»Kann ein Mann wie Sie irgendwo in Verlegenheit sein? Gewiß nicht!«
»Verdammt! da mich Niemand kennt,« rief der Luckeser.
»Aber man kennt Sie.«
»Ja, man kennt mich, somit werden Sie . . . «
»Vollenden Sie, lieber Herr Cavalcanti.«
»Somit werden Sie mir die achtundvierzig tausend Franken zustellen?««
»Auf Ihr erstes Begehren.«
Der Major machte große, verwunderte Augen.
»Setzen Sie sich doch,« sprach Monte Christo; »in der Tat, ich weiß nicht, was ich mache . . . ich lasse Sie seit einer Viertelstunde stehen.«
»Merken Sie nicht darauf.«
Der Major zog einen Stuhl an sich und setzte sich.
»Nun sagen Sie,« sprach der Graf, »wollen Sie etwas zu sich nehmen? Ein Glas Xeres, Porto, Alicante?«
»Alicante, wenn Sie erlauben; das ist mein Lieblingswein.«
»Ich habe vortrefflichen. Nicht wahr mit einem Zwieback?«
»Mit einem Zwieback, da Sie mich dazu nötigen.«
Monte Christo läutete; Baptistin erschien.
Der Graf ging auf ihn zu und fragte ganz leise:
»Nun? . . . «
»Der junge Mensch ist da,« antwortete der Kammerdiener in demselben Tone.
»Gut; wohin haben Sie ihn geführt?
»In den blauen Salon. wie es Seine Exzellenz befohlen.«
»Vortrefflich. Bringen Sie Alicante – Wein und Zwiebacke.«
Baptistin ging ab.
»In der Tat,« sprach der Luckeser, »ich mache Ihnen so viel Mühe, daß ich dadurch ganz in Verlegenheit gerathe.«
»Gehen Sie doch!« rief Monte Christo.
Baptistin kehrte mit den Gläsern, dem Weine und den Zwiebacken zurück./P>
Der Graf füllte ein Glas und goß in das zweite nur ein paar Tropfen von dem flüssigen Rubin, den die Flasche enthielt, welche ganz mit Spinnengeweben und anderen Zeichen bedeckt war, die das Alter des Weines sicherer angeben, als dies die Falten beim Menschen.
Der Major irrte sich nicht bei der Teilung, er nahm das volle Glas und einen Zwieback.
Der Graf befahl Baptistin, die Platte in das Bereich der Hand seines Gastes zu stellen, der zuerst den Alicante mit dem Rande seiner Lippe kostete, sodann eine Grimasse der Zufriedenheit machte, und endlich den Zwieback zart in das Glas tauchte.
»Sie wohnten also in Lucca?« sagte Monte Christo. »Sie waren reich, Sie waren edel, Sie genossen die allgemeine Achtung, Sie hatten Alles, was einen Menschen glücklich machen kann?«
»Alles, Exzellenz,« erwiderte der Major, seinen Zwieback verschlingend, »durchaus Alles.«
»Und es fehlte nur Eines zu Ihrem Glück.«
»Nur Eines.«
»Ihr Kind wiederzufinden?«
»Ah!« rief der Major, einen zweiten Zwieback ergreifend, »doch dies fehlte mir auch sehr.«
Der würdige Luckeser schlug die Augen zum Himmel auf und suchte zu seufzen .
»Nun sprechen Sie, mein lieber Herr Cavalcanti, wie verhielt es sich mit diesem so sehr beklagten Sohne? denn man sagte mir, Sie wären Junggeselle geblieben.«
»Man glaubte es, mein Herr,« erwiderte der Major. »und ich selbst . . . «
»Ja,« versetzte Monte Christo, »und Sie selbst suchten diesem Gerüchte Glauben zu verschaffen. Eine Jugendsünde, die Sie vor Aller Augen verbergen wollten.«
Der Luckeser richtete sich auf, nahm seine ruhigste und würdigste Haltung an, schlug aber zugleich bescheiden die Augen nieder, sei es um seine Haltung zu sichern, sei es um seine Einbildungskraft zu unterstützen, während er von unten herauf den Grafen anschaute, dessen auf seine Lippen stereotypirtes Lächeln stets dieselbe wohlwollende Neugierde andeutete.
»Ja, mein Herr,« sagte er, »ich wollte diesen Fehler vor der ganzen Welt verbergen.«
»Nicht Ihretwegen,« versetzte Monte Christo, »denn ein Mann steht über dergleichen Dingen?«
»Oh! nein, gewiss nicht meinetwegen.« erwiderte der Major lächelnd und die Achseln zuckend.
»Sondern seiner Mutter wegen.
»Seiner Mutter wegen,« rief der Luckeser, einen dritten Zwieback nehmend; »seiner armen Mutter wegen!«
»Trinken Sie doch. lieber Herr Cavalcanti,« sagte Monte Christo, dem Luckeser ein zweites Glas Alicante einschenkend: »die Erschütterung erstickt Sie.«
»Seiner armen Mutter wegen,« murmelte der Luckeser, indem er einen Versuch machte, ob nicht die Kraft des Willens, auf die Tränendrüse wirkend, den Winkel seines Auges mit einer falschen Zähre zu befeuchten vermochte.
»Welche, glaube ich, einer der ersten Familien Italiens angehörte?«
»Eine Patricierin von Fiesole.«
»Namens?«
»Sie wünschen ihren Namen zu wissen?«
»Oh! mein Gott! es ist nicht nötig, daß Sie mir ihn sagen: ich kenne ihn.«
»Der Herr Graf weiß Alles.« sprach der Luckeser, sich verbeugend.
»Nicht wahr, Oliva Corsinari?«
»Oliva Corsinari!« »Marchesa?«
»Marchesa.«
»Und Sie heirateten dieselbe am Ende, trotz des Widerstrebens der Familie.«
»Mein Gott! ja, das that ich am Ende.
»Und Sie bringen Ihre Papiere ganz in Ordnung mit.«
»Was für Papiere?« fragte der Luckeser.
»Nun, Ihren Trauschein mit Oliva Corsinari. und den Taufschein des Kindes?«
»Den Taufschein des Kindes?«
»Den Taufschein von Andrea Cavalcanti, Ihrem Sohne: heißt er nicht Andrea?«
»Ich glaub es, ja.«
»Wie! Sie glauben?«
»Bei Gott! ich kann es nicht genau angeben, er ist schon so lange verloren gegangen.«
»Ganz richtig; doch Sie haben alle Ihre Papiere?«
»Mein Herr Graf, mit Bedauern muß ich Ihnen bemerken: nicht darauf aufmerksam gemacht, daß ich mich mit diesen Papieren versehen sollte, versäumte ich es, dieselben mitzunehmen.
»Ah, Teufel!« rief Monte Christo.
»Sind sie denn durchaus nötig?«
»Unerläßlich.«
Der Luckeser kratzte sich an der Stirne und rief:
»Ah! per Banco, unerläßlich!«
»Allerdings; wenn man hier irgend einen Zweifel über die Gültigkeit Ihrer Ehe und die Rechtmäßigkeit Ihres Kindes erheben würdet.«
»Es ist richtig, man könnte Zweifel erheben.«
»Das wäre ärgerlich für den jungen Mann.«
»Das wäre sehr unangenehm.«
»Es könnte ihm dadurch eine glänzende Heirat entgehen.«
»O peccato!«
»Sie begreifen, in Frankreich ist man streng. Es genügt nicht, wie in Italien, einen Priester aufzusuchen und ihm zu sagen: »»Wir lieben einander, verbinden Sie uns.«« In Frankreich gibt es eine bürgerliche Ehe, und um sich bürgerlich zu verheiraten, braucht man Papiere, durch welche die Identität nachgewiesen wird«
»Das ist ein Unglück, ich habe diese Papiere nicht«.«
»Zum Glücke habe ich sie.«
»Sie?«
»Sie haben die Documente?«
»Ich habe sie.«
»Ah! mein Herr,« rief der Luckeser, der als er das Ziel seiner Reise durch den Mangel seiner Pariere verfehlt sah, befürchtete, dieses Vergessen könnte einige Schwierigkeiten in Beziehung auf die achtundvierzig; tausend Franken zur Folge haben, »ah! mein Herr, das ist ein Glück. Ja,« wiederholte er, »das ist ein Glück, denn ich hätte nicht daran gedacht.«
»Bei Gott« ich glaube wohl, man denkt nicht an Alles. Glücklicher Weise dachte der Abbé Busoni für Sie daran.«
»Sehen Sie, der liebe Abbé!«
»Er ist ein Mann der Vorsicht.«
»Ein bewunderungswürdiger Mann; und er schickte Ihnen die Pariere?«
»Hier sind sie.«
Der Luckeser legte die Hände als Zeichen der Bewunderung zusammen.
»Sie heirateten Oliva Corsinari in der St. Paulskirche in Monte Cattini, hier ist der Trauschein des Priesters.«
»Ja, meiner Treue, »hier ist er,« sagte der Major, denselben mit Erstaunen anschauend.
»Und hier der Taufschein von Andrea Cavalcanti, ausgefertigt von dem Pfarrer von Saravezza.«
»Alles ist in Ordnung .« sprach der Major.
»So nehmen Sie diese Pariere, mit denen ich nichts zu tun habe, geben Sie dieselben Ihrem Sohne, der sie sorgfältig aufbewahren wird!«
»Ich glaube wohl! . . Wenn er sie verlieren würde! . .«
»Nun! wenn er sie Verlieren würde?« fragte Monte Christo.
»Man wäre genötigt, dorthin zu schreiben,« erwiderte der Luckeser, »und es würde lange dauern, bis man sich andere verschafft hatte.«
»Ist der Tat, es wäre schwierig,« sagte Monte Christo.
»Beinahe unmöglich,« erwiderte der Luckeser.
»Ich bin sehr froh, daß Sie den Wert dieser Papiere begreifen.«
»Das heißt, ich halte sie für unbezahlbar.«
»Was nun die Mutter des jungen Mannen betrifft . . . «
»Was die Mutter des jungen Mannen betrifft…« wiederholte der Mast-r sehr unruhig-
»Was die Marchesa Corsinari betrifft . . . «
»Mein Gott!« sprach der Luckeser, unter dessen Füßen die Schwierigkeiten geboren zu werden schienen, »sollte man ihrer bedürfen?«
»Nein, mein Herrn.« versetzte Monte Christen »hat sie übrigens nicht? . . . «
»Doch. Doch!« rief der Major, »sie hat . . . «
»Der Natur ihren Tribut bezahlt . . . «
»Ach, ja!« sprach rasch der Luckeser.
»Ich habe das erfahren,« sagte Monte Christo, »sie ist vor zehn Jahren gestorben.«
»Und ich beweine noch ihren Tod, mein Herr,« versetzte der Major, ein Sacktuch mit Vierecken aus seiner Tasche ziehend und abwechselnd zuerst das linke, dann das rechte Auge trocknend.«
»Was wollen Sie,« sprach Monte Christo, »wir sind Alle sterblich. Sie begreifen, lieber Herr Cavalcanti, man braucht in Frankreich nicht zu wissen, daß Sie seit fünfzehn Jahren von Ihrem Sohne getrennt sind. Alle diese Geschichten von Kinder stehlenden Zigeunern finden bei uns keinen Anklang mehr. Sie haben ihn zum Erziehen in ein Provinzcolleg geschickt, und er soll nun nach Ihrem Willen diese Erziehung in der Pariser Welt vollenden. Deshalb verließen Sie Via Reggio, wo Sie seit dem Tode Ihrer Frau wohnen. Das wird genügen.«
»Sie glauben?«
»Gewiß.«
»Gut also.«
»Wenn man etwas von dieser Trennung erführe . . . «
»Ah! ja. Was würde ich sagen?«
»Ein ungetreuer Lehrer habe, von den Feinden Ihrer Familie erkauft . . . «
»Von den Corsinari?«
»Allerdings . . . habe diesen Kind geraubt, damit Ihr Name erlösche.«
»Ganz richtig, da es der einzige Sohn ist . . . «
»Nun, da Allen festgestellt ist, da Ihre Erinnerungen. wieder aufgefrischt, Sie nicht verraten werden, müssen Sie wohl geahnet haben, daß Ihnen eine Überraschung bevorsteht.«
»Eine angenehme?« fragte der Luckeser.
»Ah! ich sehe wohl, daß man ebenso wenig das Auge, als das Herz eines Vaters täuscht.«
»Hm!« machte der Major.
»Es ist Ihnen irgend eine indiskrete Enthaltung zu Teil geworden, oder Sie haben vielmehr erraten, er wäre da.«
»Wer?«
»Ihr Kind, Ihr Sohn, Ihr Andrea?«
»Ich habe es erraten,« erwiderte der Luckeser mit dem größten Phlegma der Welt; »er ist also hier?«
»Er ist hier,« sprach Monte Christo, »mein Kammerdiener hat mich, als er so eben eintrat, von seiner Ankunft benachrichtigt.«
»Ah! sehr gut! Ah! sehr gut,« sprach der Major, bei jeder von diesen Aufrufungen die Schnüre seiner Polonaise zusammenziehend.
»Mein Herr, ich begreife Ihre Erschütterung, man muß Ihnen Zeit lassen, sich zu erholen; auch will ich den jungen Menschen auf die so sehr ersehnte Zusammenkunft vorbereiten, denn ich setze voraus, er ist nicht minder ungeduldig, als Sie.«
»Ich glaube es,« sprach Cavalcanti.
»Wohl! in einer kleinen Viertelstunde gehören wir Ihnen.«
»Sie bringen mir ihn? Sie treiben also Ihre Gute so weit, daß Sie mir meinen Jungen selbst vorstellen?«
»Nein, ich will mich keines Weges zwischen einen Vater und seinen Sohn stellen: Sie werden allein sein. Herr Major; doch seien Sie unbesorgt, selbst falls die Stimme des Blutes stumm bliebe, könnten Sie sich nicht täuschen, er wird durch diese Thüre eintreten. Es ist ein hübscher, blonder junger Mann, vielleicht etwas zu blond, und von äußerst einnehmenden Manieren, wie Sie sehen werden.«
»Doch Sie wissen.« sagte der Major, »ich nahm nur die zweitausend Franken mit, die mir der Abbé Busoni zu geben die Güte hatte. Damit machte ich die Reise und . . . «
»Und Sie brauchen Geld, das ist nur zu billig, mein lieber Herr Cavalcanti. Hier sind auf Abschlag acht Billets von tausend Franken.«
Die Augen des Majors glänzten wie Karfunkel.
»Somit bin ich Ihnen noch vierzigtausend Franken schuldig,« sprach Monte Christo.
»Will Euere Exzellenz einen Empfangschein?« fragte der Major, die Billets in die innere Tasche seiner Polonaise stecken.
»Wozu?«
»Als Belege dem Abbé Busoni gegenüber.«
»Sie geben mir einen allgemeinen Schein, wenn Sie die letzten vierzigtausend Franken in Empfang genommen haben. Unter ehrlichen Leuten sind solche Vorsichtsmaßregeln unnötig.«
»Ah! ja, das ist wahr.« sagte der Major, »unter ehrlichen Leuten.«
»Nun noch ein letztes Wort, Marquis.«
»Sprechen Sie«
»Sie erlauben mir eine kleine unmaßgebliche Bemerkung, nicht wahr?«
»Ich bitte darum.«
»Es wäre nicht übel, wenn Sie diese Polonaise ablegen würden.«
»Wirklich?« sagte der Major, sein Kleid mit einem gewissen Wohlgefallen anschauend.
»Ja, das trägt man noch in Via Reggio, aber in Paris ist dieses Costume, so elegant es auch sein mag, längst aus der Mode.«
»Das ist ärgerlich.«
»Oh! wenn Sie viel darauf halten, so ziehen Sie es bei Ihrer Abreise wieder an.«
»Aber was soll ich dafür nehmen?«
»Was Sie in Ihren Koffern finden.«
»Wie, in meinen Koffern? Ich habe nur einen Mantelsack.«
»Bei sich, allerdings. Wozu sich beschweren? Überdies liebt es ein alter Soldat, mit leichter Equipage zu marschieren.«
»Gerade deshalb . . . «
»Sie sind ein vorsichtiger Mann und haben Ihre Koffer vorausgeschickt. Dieselben sind gestern im Hotel des Princes, Rue de Richelieu, angelangt. Dort ist Ihre Wohnung bestellt.«
»In diesen Koffern also? .. .«
»Ich setze voraus, Sie sind so vorsichtig gewesen, durch Ihren Kammerdiener Alles, was sie brauchen, einpacken zu lassen: Röcke zu gewöhnlichen Ausgängen, Uniformen. Bei großen Veranlassungen ziehen Sie Ihre Uniform an. das tut gut. Vergessen Sie Ihre Kreuze nicht. Man spottet darüber in Frankreich, trägt sie aber dennoch immer.«
»Sehr gut! sehr gut! sehr gut!« sprach der Major, von einem Blendwerk zum anderen übergehend.
»Und nun, da Ihr Herz gegen zu lebhafte Empfindungen befestigt ist, bereiten Sie sich vor, lieber Cavalcanti, Ihren Sohn Andrea wiederzusehen.«
»Und sich freundlich vor dem entzückten Luckeser verbeugend, verschwand Monte Christo hinter dem Thürvorhange.
