Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 55
Sechzehntes Kapitel.
Andrea Cavalcanti
Monte Christo trat in den anstoßenden Salon, den Baptistin unter dem Namen der blaue Salon bezeichnet hatte; vor ihm war hier ein ziemlich elegant gekleideter junger Mann von ungezwungenen Manieren eingetreten, den eine halbe Stunde vorher ein Miethcabriolet vor der Thüre des Hotel abgesetzt hatte.
Es war Baptistin nicht schwer geworden, ihn zu erkennen: er erblickte in ihm wirklich den großen jungen Mann mit kurzen, blonden Haaren, rotem Barte, schwarzen Augen, dessen frischrote Gesichtsfarbe und blendend weiße Haut ihm sein Herr bezeichnet hatte.
Als der Graf in den Salon trat, lag der junge Mann, in der Zerstreuung seinen Stiefel mit einem Röhrchen mit goldenem Knopfe peitschend, auf dem Sopha ausgestreckt.
Sobald er Monte Christo wahrnahm, stand er rasch auf.
»Der Herr Graf von Monte Christo?« fragte er.
»Ja, mein Herr,« antwortete dieser, »und ich habe wohl die Ehre. mit dem Herrn Grafen Andrea Cavalcanti zu sprechen?«
»Der Graf Andrea Cavalcanti,« wiederholte der junge Mann, diese Worte mit einer äußerst freien Verbeugung begleitend.
»Sie müssen ein Beglaubigungsschreiben für mich haben?« sagte Monte Christo.
»Ich sprach nicht davon wegen der Unterschrift, welche mir seltsam vorgekommen ist.«
»Nicht wahr, Simbad der Seefahrer?«
»Ganz richtig. Da ich aber nie einen anderen, Simbad den Seefahrer kannte, als den aus Tausend und eine Nacht . . . «
»Wohl, es ist einer von seinen Abkömmlingen, ein sehr reicher Freund von mir, ein mehr als origineller, beinahe närrischer Engländer, der mit seinem wahren Namen Lord Wilmore heißt.«
»Ah! das erklärt mir die Sache.« versetzte Andrea. »Dann geht es vortrefflich. Es ist derselbe Engländer, den ich kennen gelernt habe . . . in . . . ja, sehr gut! . . . »Mein Herr Graf, ich bin Ihr Diener.«
»Wenn das, was Sie mir zu sagen die Güte haben, wahr ist,« sprach lächelnd der Graf, »so hoffe ich, daß Sie so gefällig sein werden, mir etwas Näheres über Sie und Ihre Familie mitzuteilen.
»Sehr gern, mein Herr Graf,« antwortete der junge Mann mit einer Zungenfertigkeit, welche zum Beweise diente, daß er ein festes Gedächtnis besaß. »Ich bin, wie Sie sagten, der Graf Andrea Cavalcanti, Sohn des Major Bartolomeo Cavalcanti, Abkömmling der in das goldene Buch von Florenz eingetragenen Cavalcanti. Obgleich noch sehr reich, denn mein Vater besitzt eine Rente von einer halben Million, hat unsere Familie doch viel Unglück erfahren, und ich selbst, mein Herr, bin in einem Alter von fünf bis sechs Jahren durch einen ungetreuen Hofmeister geraubt worden und habe deshalb seit fünfzehn Jahren den Urheber meiner Tage nicht gesehen. Seitdem ich das Alter der Vernunft erreicht, seitdem ich frei und Herr meiner selbst bin, suche ich ihn, doch vergebens. Endlich meldet mir dieser Brief Ihres Freundes Simbad, daß er sich in Paris befindet, und erteilt mir Vollmacht, mich an Sie zu wenden, um weitere Auskunft zu erhalten.«
»Ja der Tat, mein Herr, Alles, was Sie mir da erzählen, ist sehr interessant.« sprach der Graf, der mit einer düsteren Zufriedenheit diese dreiste Miene betrachtete, welcher das Gepräge einer Schönheit, der des bösen Engels ähnlich, ausgedrückt war. »und Sie werden wohl daran tun, wenn Sie in allen Stücken der Aufforderung meines Freundes Simbad entsprechen, denn Ihr Vater ist in der Tat hier und sucht Sie.«
Der Graf hatte seit seinem Eintritt in den Salon den jungen Mann nicht aus dem Gesichte verloren; er bewunderte die Festigkeit seines Blickes und die Sicherheit seiner Stimme; doch bei den so natürlichen Worten:
»Ihr Vater ist in der Tat hier und sucht Sie,« machte der junge Andrea einen Sprung und rief:
»Mein Vater! mein Vater hier!«
»Allerdings. erwiderte Monte Christo, »Ihr Vater, der Major Bartolomeo Cavalcanti.«
Der Ausdruck des Schreckens, welcher sich über die Züge des jungen Mannes verbreitet hatte, verschwand beinahe in demselben Augenblicke wieder.
»Ah! ja, es ist wahr,« rief er, »der Major Bartolomeo Cavalcanti. Und Sie sagen, mein Herr Graf, dieser liebe Vater sei hier?«
»Ja, mein Herr. Ich sage noch mehr, so eben habe ich ihn verlassen; die Geschichte, die er mir von diesem geliebtem nicht verlorenen Sohn erzählte, ergriff mich ungemein; seine Schmerzen, seine Befürchtungen, seine Hoffnungen in dieser Hinsicht würden ein rührendes Gedicht bilden. Endlich eines Tags benachrichtigte man ihn, die Räuber seines Sohnes böten sich an, ihm denselben gegen eine sehr bedeutende Summe zurückzugeben oder ihm mitzuteilen, wo er wäre. Nichts hielt den guten Vater zurück. Die Summe wurde an die Grenze von Piemont mit einem für Italien visirten Passe abgeschickt . . . Sie befanden sich, glaube ich, im Süden von Frankreichs.«
»Ja. mein Herr,« antwortete Andrea mit einer ziemlich verlegenen Miene; »ja, ich befand mich im Süden von Frankreich.«
»Ein Wagen sollte Sie in Nizza erwarten?«
»So ist es, mein Herr; er führte mich von Nizza nach Genua, von Genua nach Turin, von Turin nach Chambéry, von Chambéry nach Pont-de-Beauvoisin, und von Pont-de-Beauvoisin nach Paris.«
»Vortrefflich; er hoffte immer, Ihnen unter Weges zu begegnen, denn dies war die Straße, die er selbst verfolgte, und deshalb hatte man Ihren Reiseplan so entworfen.«
»Aber wenn er mir begegnet wäre, dieser liebe Vater,« sprach Andrea, »ich zweifle ob er mich erkannt haben würde; es ist einigermaßen eine Veränderung mit mir vorgegangen, seitdem er mich aus dem Gesichte verloren.«
»Ah! die Stimme des Blutes,« sagte Monte Christo.
»Ah! ja, das ist wahr,« erwiderte der junge Mann, »ich dachte nicht an die Stimme des Blutes.«
»Nun beunruhigt nur Eines den Marquis Cavalcanti,« versetzte Monte Christo, »was Sie getan haben, während Sie von ihm entfernt waren; auf welche Weise Sie von Ihren Verfolgern behandelt worden sind; ob man die Ihrer Geburt schuldige Rücksicht für Sie gehabt hat; ob endlich von dem moralischen Leiden, dem Sie ausgesetzt waren, einem Leiden, hundertmal schlimmer als das körperliche, nicht eine Schwäche der Fähigkeiten, mit denen Sie die Natur so reich begabte, zurückgeblieben ist, und ob Sie selbst den Ihnen gebührenden Rang wieder aufzunehmen und würdig behaupten zu können glauben.«
»Mein Herr,« stammelte der junge Mann betäubt, »ich hoffe, es wird kein falscher Bericht . . . «
»Ich, was mich betrifft, habe zum ersten Mal meinen Freund Wilmore, den Philanthropen, von Ihnen sprechen hören. Ich wußte, daß er Sie in irgend einer unangenehmen Lage gefunden hatte, machte aber keine Frage hierüber an ihn, denn ich bin nicht neugierig. Ihr Unglück interessierte ihn, folglich waren Sie interessant. Er sagte mir, er wolle Ihnen in der Welt die Stellung zurückgeben, welche Sie verloren. er suche Ihren Vater, und würde ihn wohl finden; er hat ihn gesucht, und hat ihn gefunden, wie es scheint, insofern er da ist. Gestern benachrichtigte er mich von Ihrer Ankunft und gab mir einige andere Unterweisungen in Beziehung auf Ihr Vermögen, sonst aber nichts. Ich weiß, daß mein Freund Wilmore ein Original ist, da er aber, zugleich ein sicherer Mann und reich wie eine Goldmine, sich alle diese Originalitäten erlauben kann, ohne daß sie ihn zu Grunde richten, so versprach ich ihm, seine Unterweisungen zu befolgen. Lassen Sie sich nun durch meine Frage nicht verletzen: insofern ich veranlaßt sein werde, Sie ein wenig zu patronisiren, wünschte ich zu wissen, ob das Unglück, das Ihnen widerfahren ist, ein von Ihrem Willen völlig unabhängiges Unglück, das in keiner Hinsicht der Achtung Eintrag tut, welche ich für Sie hege, Sie nicht ein wenig der Welt entfremdet hat, in der Sie durch Ihr Vermögen und durch Ihren Namen eine so schöne Rolle zu spielen berufen sind.«
»Mein Herr.« antwortete der junge Mann, der seine Haltung wieder gewann, während der Graf so sprach, »beruhigen Sie sich über diesen Punkt: die Räuber, welche mich von meinem Vater entfernten und ohne Zweifel, wie Sie es später getan, mich an ihn zu verlaufen beabsichtigten, berechneten, daß man mir, um einen guten Nutzen aus mir zu ziehen, meinen ganzen persönlichen Wert lassen und denselben sogar, wenn es möglich wäre, vermehren müßte; ich erhielt daher eine ziemlich gute Erziehung und wurde von den Kinderdieben ungefähr so behandelt, wie einst in Kleinasien die Sklaven, aus denen ihre Herren Grammatiker, Mediciner und Philosophen machten, um sie teurer auf dem Markte von Rom zu verkaufen.«
Monte Christo lächelte zufrieden: er hatte, wie es scheint. nicht so viel von Andrea Cavalcanti gehofft.
»Wenn sich übrigens,« versetzte der junge Mann, »wenn sich übrigens bei mir ein Mangel an Erziehung, oder vielmehr an Weltgewohnheit zeigte, so hätte man wohl, wie ich voraussehen darf, die Nachsicht, dies zu entschuldigen, in Betracht der Unglücksfälle, welche meine Geburt begleiteten und meine Jugend verfolgten.«
»Nun! Sie werden daraus machen, was Sie wollen, Graf.« sprach mit nachlässigem Tone Monte Christo, »denn Sie sind der Herr, und das geht Sie an; doch auf mein Wort. ich werde im Gegenteil nicht eine Sylbe von allen diesen Abenteuern sprechen. Ihre Geschichte ist ein Roman, und die Welt, wenn sie auch die zwischen zwei Decken von gelbem Papier gepreßten Romane leidenschaftlich liebt, mißtraut auf eine seltsame Weise denjenigen, welche sie in lebendigen Velin gebunden sieht, und waren sie auch vergoldet, wie Sie dies sein können. Das ist die Schwierigkeit, die ich Ihnen zu bezeichnen mir erlaube, mein Herr Graf; kaum haben Sie irgend Jemand Ihre rührende Geschichte erzählt, so wird sie völlig entstellt in der Welt umherlaufen. Sie werden nicht mehr ein wiedergefundenes Kind, sondern ein Findelkind sein. Sie werden genötigt sein, die Stellung einen Antony einzunehmen, und die Zeit der Antony ist ein wenig vorüber, Vielleicht wird Ihnen der Erfolg zu Teil, daß Sie Neugierde erregen, doch nicht Jedermann liebt es, der Mittelpunkt von Beobachtungen und die Zielscheibe von Commentaren zu sein. Das dürfte Sie Vielleicht etwas ermüden.««
»Ich glaube, Sie haben Recht, mein Herr Graf,« sprach der junge Mann unter dem unbeugsamen Blicke von Monte Christo unwillkürlich erbleichend; »es ist dies eine große Unannehmlichkeit.«
»O! Sie müssen sich die Sache nicht übertrieben denken,« entgegnete Monte Christo; »denn um einen Fehler zu vermeiden, würde man in eine Thorheit verfallen. Nein, es ist nur ein einfacher Plan des Benehmens festzustellen, und von einem gescheiten Manne wie Sie sind, läßt sich dieser Plan um so mehr annehmen, als er mit Ihren Interessen im Einklang steht: Sie müssen durch Zeugnisse und ehrenwerte Freundschaften Alles bekämpfen, was Ihre Vergangenheit Dunkles haben dürfte.«
Andrea Verlor sichtbar seine Haltung.
»Gern würde ich mich Ihnen als Verantwortlich, als Bürge anbieten,« sprach Monte Christo; »doch es ist bei mir eine moralische Gewohnheit, stets an meinen besten Freunden zu zweifeln, und ein Bedürfnis, danach zu trachten, daß auch die Andern zweifeln; auch würde ich hier eine Rolle spielen, welche außer meinem Fache läge, wie die Schauspieler sagen, und ich liefe Gefahr, mich auspfeifen zu lassen.«
»Mein Herr Graf,« versetzte Andrea mit kaltem Tone, »ich denke jedoch, in Rücksicht auf Lord Wilmore, der mich Ihnen empfohlen hat . . . «
»Ja, gewiss; doch Lord Wilmore verhehlte mir nicht, mein lieber Herr Andrea, daß Sie eine etwas stürmische Jugend hatten. Oh!« sprach der Graf, als er die Bewegung sah, welche Andrea machte, »ich Verlange keine Beichte von Ihnen; überdies hat man, damit Sie Niemand bedürften, den Herrn Marquis Cavalcanti, Ihren Vater, von Lucca kommen lassen. Sie werden sehen, er ist ein wenig steif, ein wenig geschraubt; doch das ist eine Uniformsfrage, und wenn man erfährt, daß er seit seinem achtzehnten Jahre in österreichischen Diensten steht, ist Allen entschuldigt. Wir sind in der Regel nicht sehr anspruchsvoll in Beziehung auf die Oesterreicher. Kurz, ich versichere Sie, es ist ein völlig hinreichender Vater.«
»Ah! Sie beruhigen mich, mein Herr, ich verließ ihn vor so langer Zeit, daß ich keine Erinnerung mehr von ihm habe. Mein Vater ist also wirklich reich, mein Herr .«
»Und dann wissen, Sie, ein großen Vermögen läßt über viele Dinge hinweggehen.«
»Millionär . . . fünfmal hundert tausend Franken Rente? Ich werde mich also in einer angenehmen Lage befinden?« fragte ängstlich der junge Mann.
»In einer äußerst angenehmen, mein lieber Herr; er gibt Ihnen fünfzigtausend Franken jährlich, so lange Sie in Paris bleiben.«
»Dann werde ich immer hier bleiben.«
»Ei! wer kann für die Umstände bürgen? Der Mensch denkt, Gott lenkt.«
Andrea stieß einen Seufzer aus und erwiderte:
»Aber so lange ich in Paris bleibe und kein Umstand mich zwingt, wegzugehen, ist mir das Geld, von dem Sie so eben sprachen, zugesichert.«
»Oh sicherlich.«
»Durch meinen Vater?« fragte Andrea mit einer gewissen Unruhe.
»Ja, aber garantiert durch Lord Wilmore, der Ihnen auf die Bitte Ihres Vaters einen Credit von fünftausend Franken monatlich bei Herrn Danglars, einem der sichersten Banquiers von Paris, eröffnet hat.«
»Und mein Vater gedenkt lange in Paris zu bleiben?« fragte Andrea mit derselben Unruhe.
»Für einige Tage,« antwortete Monte Christo. »Sein Dienst erlaubt ihm nicht, länger als zwei bis drei Wochen abwesend zu sein.«
»Oh der liebe Vater!« rief Andrea, sichtbar entzückt über diese schnelle Abreise.
»Auch will ich,« versetzte Monte Christo, der sich stellte, als täuschte er sich in dem Ausdrücke dieser Worte, »auch will ich die Stunde Ihrer Wiedervereinigung nicht einen Augenblick mehr verzögern. Sind Sie vorbereitet, den würdigen Herrn Cavalcanti zu umarmen?«
»Sie zweifeln hoffentlich nicht daran?«
»Nun, so treten Sie in diesen Salon. mein junger Freund, und Sie werden Ihren Vater finden, der Sie erwartet.«
Andrea machte eine tiefe Verbeugung vor dem Grafen und trat in den Salon.
Der Graf folgte ihm mit den Augen und drückte, sobald er ihn verschwinden sah, an einer Feder, welche mit einem Gemälde in Verbindung stand, das, sich aus dem Rahmen schiebend, durch einen geschickt angebrachten Zwischenraum, den Blick in den Salon dringen ließ.
Andrea machte die Thüre hinter sich zu und näherte sich dem Major, welcher sich erhob, sobald er das Geräusch seiner Tritte hörte.
»Ah! mein Herr und lieber Vater,« sagte Andrea mit lauter Stimme und so, daß es der Graf durch die geschlossene Thüre hörte, »sind Sie es wirklich?«
»Guten Tag, mein lieber Sohn,« sprach der Major mit ernstem Tone.
»Nach so vieljähriger Trennung,« fuhr Andrea nach der Thüre schielend fort, »welch ein Glück, uns wiederzusehen!«
»In der Tat, die Trennung hat lange gedauert.«
»Umarmen wir uns nicht, mein Herr?« fragte Andrea.
»Wie Sie wollen, mein Sohn.« sprach der Major.
Und diese zwei Menschen umarmten sich, wie man sich in der Komödie umarmt, das heißt, sie streckten sich den Kopf über die Schulter.
»So sind wir also wiedervereinigt?« sagte Andrea.
»Wir sind wiedervereinigt,« wiederholte der Major.
»Um uns nie mehr zu trennen?«
»In der Tat; ich glaube, mein lieber Sohn, Sie betrachten Frankreich nunmehr als ein zweites Vaterland?«
»Ich wäre allerdings in Verzweiflung, wenn ich Paris verlassen müßte.«
»Und ich vermöchte, wie Sie begreifen, nicht außerhalb Lucca zu leben. Ich werde also sobald als möglich nach Italien zurückkehren.«
»Doch ehe Sie abreisen, mein geliebter Vater, stellen Sie mir ohne Zweifel die Pariere zu, mit deren Hilfe ich leicht das Blut, von dem ich abstamme, nachzuweisen im Stande sein werde.«
»Allerdings, denn ich komme ausdrücklich deshalb und habe zu viel Mühe gehabt, Sie zu treffen, um Ihnen dieselben zustellen zu können, als daß wir noch einmal mit dem Suchen anfangen sollten; das würde die zweite Hälfte meines Lebens wegnehmen.«
»Und diese Papiere?«
»Hier sind sie.«
Andrea griff gierig nach dein Trauscheine seines Vaters, nach seinem eigenen Taufscheine, und durchlief, nachdem er das Ganze mit einer für einen guten Sohn natürlichen Heftigkeit geöffnet hatte, die zwei Papiere mit einer Hast und einer Gewandtheit, welche zugleich das geübteste Auge und das lebhafteste Interesse bezeichneten.
Als er damit zu Ende war, erglänzte ein unbeschreiblicher Ausdruck von Freude auf seiner Stirne und er sprach, den Major mit einem seltsamen Lächeln anschauend, in vortrefflichem Toscanisch:
»Ah! es gibt also keine Galeeren in Italien?«
Der Major warf sich zurück und rief:
»Und warum dies?«
»Daß man ungestraft solche Documente fabriziert? Für die Hälfte von diesem, mein viel geliebter Vater, würde man Sie in Frankreich auf fünf Jahre die Luft von Toulon einatmen lassen.«
»Wie beliebt?« sagte der Luckeser, der eine majestätische Miene zu erringen suchte.
»Mein lieber Herr Cavalcanti.« sprach Andrea, den Major beim Arme fassend, »wie viel gibt man Ihnen dafür, daß Sie mein Vater sind?«
Der Major wollte sprechen.
»Stille!« sagte Andrea, die Stimme dämpfend, »ich will Ihnen ein Beispiel des Vertrauens geben; man bezahlt mir fünfzigtausend Franken jährlich dafür, daß ich Ihr Sohn bin: Sie begreifen folglich, daß ich nie geneigt sein werde, zu leugnen, Sie seien mein Vater.«
Der Major schaute unruhig umher.
»Oh! seien Sie unbesorgt, wir sind allein.« versetzte Andrea; »überdies sprechen wir Italienisch.«
»Nun wohl, mir gibt man ein für allemal fünfzigtausend Franken.« sprach der Luckeser.
»Herr Cavalcanti. glauben Sie an Feenmärchen?«
»Nein, früher nicht. aber jetzt muß ich wohl daran glauben.«
»Sie haben also Beweise erhalten?«
Der Major zog eine Handvoll Gold aus seiner Tasche.
»Handgreifliche, wie Sie sehen.«
»Sie denken, ich könne den Versprechungen trauen, die man mir gemacht hat?«
»Ich glaube es.«
»Und dieser brave Mann von einem Grafen werde sie halten?«
»Punkt für Punkt; doch Sie begreifen, um zu diesem Ziele zu gelangen, müssen wir unsere Rollen spielen.«
»Wie denn? . . . «
»Ich als zärtlicher Vater.«
»Und ich als, ehrfurchtsvoller Sohn.«
»Da sie verlangen, daß Sie von mir abstammen.«
»Wer, sie?«
»Verdammt, ich weiß es nicht, diejenigen, welche uns schrieben; haben Sie nicht auch einen Brief bekommen?«
»Doch wohl.«
»Von wem?«
»Von einem gewissen Abbé Busoni.««
»Den Sie nicht kennen?«
»Ich habe ihn nie gesehen. Was sagte Ihnen der Brief, welchen Sie erhielten?«
»Sie werden mich nicht verraten?«
»Ich werde mich wohl hüten, unsere Interessen sind dieselben.«
»So lesen Sie.«
»Und der Major gab dem jungen Mann einen Brief. -
Andrea las mit leiser Stimme:
»»Sie sind arm, ein unglückliches Alter erwartet Sie. Wollen Sie, wenn nicht reich, doch wenigstens unabhängig werden?«
»»Reisen Sie auf der Stelle nach Paris und fordern Sie bei dem Herrn Grafen von Monte Christo, Avenue des Champs-Elysées. Nro. 30, den Sohn zurück, den Sie von der Marchesa Corsinari gehabt haben, und der Ihnen in einem Alter von fünf Jahren gestohlen worden ist.
»»Dieser Sohn heißt Andrea Cavalcanti.
»»Damit Sie die Absicht des Unterzeichneten, Ihnen angenehm zu sein, nicht in Zweifel ziehen, finden Sie hierbei:
»»1) Eine Anweisung von zweitausend vierhundert toscanischen Lire, zahlbar bei Herrn Gozzi in Florenz.
»»2) Einen Brief zum Behuf der Einführung bei dem Herrn Grafen von Monte Christo, auf welchen ich Sie mit einer Summe von achtundvierzig tausend Franken accreditire.
»»Finden Sie sich am 26. Mai Abends um sieben Uhr bei dem Grafen ein.
Abbé Busoni.««
»So ist es.«
»Wie, so ist es? Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Major.
»Ich sage, daß ich einen ungefähr ähnlichen Brief erhalten habe.«
»Sie?«
»Ja, ich.«
»Von dem Abbé Busoni.
»Nein.«
»Von wem denn?«
»Von einem Engländer, von einem gewissen Lord Wilmore, der den Namen Simbad der Seefahrer annimmt.«
»Und den Sie nicht mehr kennen, als ich den Abbé Busoni?«
»Doch, ich bin weiter vorgerückt als Sie.«
»Sie haben ihn gesehen?«
»Ja, ein Mal.«
»Wo dies.«
»Ah! das ist es gerade, was ich Ihnen nicht sagen kann, Sie wüßten so viel als ich, und das ist nicht nötig.«
»Dieser Brief sagte Ihnen?«
»Lesen Sie.«
»»Sie sind arm und sehen nur einer elenden Zukunft entgegen; wollen Sie einen Namen haben, frei sein, reich sein?««
»Bei Gott!« sprach der junge Mann sich auf seinen Absätzen schaukelnd, als ob man eben eine solche Frage an ihn richtete.
»»Nehmen Sie die Postchaise, welche Sie bespannt finden, wenn Sie von Nizza durch das Genueser Thor weggehen. Reisen Sie durch Turin, Chambéry und Pont-de-Beauvoisin. Begeben Sie sich zu dem Grafen von Monte Christo, Avenue des Champs-Elysées, am 26. Mai um sieben Uhr Abends und fordern Sie Ihren Vater von ihm.
»»Sie sind der Sohn des Marquis Bartolomeo Cavalcanti und der Marchesa Oliva Corsinari, wie dies die Ihnen von dem Marquis zu übergebenden Papiere bestätigen werden, welche Ihnen unter diesem Namen in der Pariser Welt zu erscheinen gestatten.
»»Was Ihren Rang betrifft, so wird Sie eine Rente von fünfzig tausend Livres in den Stand setzen, denselben zu behaupten.
»»Sie erhalten hierbei eine Anweisung von fünf tausend Livres auf Herrn Ferrea, Banquier in Nizza, und einen Einführungsbrief für den Grafen von Monte Christo, welcher von mir beauftragt ist, für die Befriedigung aller Ihrer Bedürfnisse zu sorgen,«
Simbad der Seefahrer.««
»Hm!« sprach der Major, »das ist sehr schön!.«
»Nicht wahr?«
»Sie haben den Grafen gesehen?«
»Ich komme so eben von ihm her.«
»Und er hat ratificirt?«
»Alles.«
»Begreifen Sie etwas hiervon!«
»Meiner Treue, nein.«
»In dieser ganzen Geschichte ist Einer der Thor.«
»Auf jeden Fall, weder Sie noch ich.«
»Nein, gewiss nicht.«
»Wohl, aber wer sonst!«
»Daran ist wenig gelegen, nicht wahr?«
»Allerdings, das wollte ich eben sagen; führen wir die Sache zu Ende und spielen wir ein gemeinschaftliches Spiel.«
»Gut; Sie werden mich würdig finden, Ihr Partner zu sein.«
»Ich habe nicht einen Augenblick daran gezweifelt, mein lieber Vater.«
»Sie erweisen mir viel Ehre, mein lieber Sohn.«
Monte Christo wählte diesen Augenblick, um in den Salon zurückzukehren. Als sie das Geräusch seiner Tritte hörten, warfen sich die zwei Menschen einander in die Arme; der Graf fand dieselben sich eng umschließend.
»Nun, mein Herr Marquis, es scheint, Sie haben einen Sohn nach Ihrem Herzen wiedergefunden?«
»Ah! mein Herr Graf, die Freude erstickt mich beinahe.«
»Und Sie junger Mann?«
»Ah! mein Herr Graf, das Glück erstickt mich.«
»Glücklicher Vater, glückliches Kind!« rief der Graf.
»Nur Eines betrübt mich,« sagte der Major: »die Notwendigkeit, in der ich mich befinde, Paris so schnell zu verlassen.«
»Oh! lieber Herr Cavalcanti, Sie werden hoffentlich nicht eher abreisen, als bis ich Sie einigen Freunden vorgestellt habe,« entgegnete Monte Christo.
»Ich stehe dem Herrn Grafen zu Befehl,« sagte der Major.
»Nun beichten Sie, junger Mann.
»Wem?«
»Ihrem Herrn Vater; sagen Sie ihm ein paar Worte von dem Zustande Ihrer Finanzen.«
»Ah! Teufel!« rief Andrea; »Sie berühren die empfindliche Seite.«
»Hören Sie. Major?« sprach Monte Christo.
»Allerdings höre ich.«
»Aber begreifen Sie?«
»Vollkommen.«
»Das gute Kind sagt, es brauche Geld!«
»Was soll ich tun?«
»Bei Gott Sie müssen ihm geben!«
»Ich?«
»Ja, Sie!«
Monte Christo trat zwischen diese zwei Menschen.
»Nehmen Sie,« sagte er zu Andrea und drückte ihm ein Päckchen mit Bankbillets in die Hand.
»Was ist das?«
»Die Antwort Ihres Vaters.«
»Meines Vaters?«
»Gaben Sie ihm nicht zu verstehen, Sie hätten Geld nötig?«
»Ja. Nun?«
»Er beauftragt mich, Ihnen dies zuzustellen.«
»Auf Abschlag von meiner Rente?«
»Nein, zur Deckung Ihrer Einrichtungskosten.«
»Oh, teurer Vater!«
»Stille!« sprach Monte Christo, »Sie sehen, ich soll Ihnen nicht sagen, daß es von ihm kommt.«
»Ich weiß diese Zartheit zu würdigen.« versetzte Andrea und steckte die Bankbillets in seine Hosentasche.
»Es ist gut, gehen Sie nun!« sprach Monte Christo.
»Und wann werden wir die Ehre haben, den Herrn Grafen wiederzusehen?« fragte Cavalcanti.
»Ah! ja,« wiederholte Andrea; »wann werden wir diese Ehre haben?«
»Sonnabend, wenn Sie wollen . . . ja . . . Sonnabend. Ich habe in meinem Hause in Auteuil, Rue de; la Fontaine, Nro. 28, mehrere Personen bei Tische, und unter anderen Herrn Danglars, Ihren Banquier: ich werde Sie demselben vorstellen, denn er muß Sie Beide kennen, um Ihnen Ihr Geld auszubezahlen.«
»In großem Putz?« fragte mit halber Stimme der Major.
»Ja großem Putz: Uniform, Kreuze, kurze Hose.«
»Und ich?« fragte Andrea.
»Oh! Sie, sehr einfach. Schwarze Beinkleider,« gefirnißte Stiefeln, weiße Weste, schwarzer oder blauer Frack, lange Halsbinde; lassen Sie sich bei Blin oder bei Veronique kleiden. Baptistin wird Ihnen die Adresse dieser Herren geben, wenn Sie dieselbe nicht kennen. Je weniger Sie Anmaßung in Ihre Kleidung legen, desto besser wird bei Ihrem Reichtum die Wirkung sein. Kaufen Sie Pferde, so nehmen Sie dieselben bei Dedeveux; brauchen Sie einen Phaëton, so gehen Sie zu Baptiste.«
»Um welche Stunde dürfen wir uns einfinden?«
»Gegen halb sieben Uhr.«
»Es ist gut, man wird nicht ermangeln,« sprach der Major nach seinem Hute greifend.
Die zwei Cavalcanti verbeugten sich und verließen das Zimmer-
Der Graf näherte sich dem Fenster und sah sie Arm in Arm durch den Hof schreiten.
»In der Tat,« sagte er. »das sind zwei große Schufte! Welch ein Unglück, daß sie einander nicht wirklich als Vater und Sohn angehören!«
Dann nach einem Augenblick düsteren Nachdenkens:
»Wir wollen zu Morrel gehen; ich glaube, der Ekel greift mein Herz noch mehr an, als der Haß.«
