Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 62
Achtes Kapitel.
Der Bettler
Der Abend rückte vor; Frau von Villefort äußerte den Wunsch, nach Paris zurückzukehren, was Madame Danglars trotz ihres augenscheinlichen Unbehagens nicht zu tun wagte.
Auf das Verlangen seiner Frau gab Herr von Villefort zuerst das Zeichen zum Aufbruch. Er bot Madame Danglars einen Platz in seinem Wagen, damit sie unter der Sorge seiner Frau wäre. In ein höchst interessantes gewerbliches Gespräch vertieft, schenkte Herr Danglars Allem, was um ihn her vorging, nicht die geringste Aufmerksamkeit.
Während Monte Christo von Frau von Villefort ihren Flacon verlangte, bemerkte er, daß sich Herr von Villefort Madame Danglars näherte, und geleitet durch die Lage der Dinge, erriet er, was der Staatsanwalt ihr sagte, obgleich er so leise sprach. daß es kaum Madame Danglars hörte.
Ohne sich irgend einer Anordnung zu widersetzen, ließ er Morrel, Chateau-Renaud und Debray zu Pferde abgehen und die zwei Damen in den Wagen von Herrn von Villefort steigen; immer mehr entzückt von Herrn Cavalcanti dem Vater, lud Herr von Danglars diesen ein, mit ihm in seinem Coupe zu fahren.
Was Andrea Cavalcanti betrifft, so kehrte dieser zu seinem vor der Thüre seiner harrenden Tilbury zurück, dessen Eisenschimmel ein, die Reize der englischen Fashion übertreibender, Groom sich auf den Spitzen seiner Stiefeln erhebend hielt.
Andrea hatte während den Mittagsmahlen nicht viel gesprochen, weil er ein sehr gescheiter Junge war und ganz natürlich befürchtete, er könnte eine Albernheit mitten unter diesen reichen und mächtigen Gästen sagen, unter denen sein weit geöffnetes Auge vielleicht nicht ohne Bangen einen Staatsanwalt erblickte.
Dann war er von Herrn Danglars in Beschlag genommen worden; einen raschen Blick auf den alten Major mit dem steifen Kragen und seinen noch etwas schüchternen Sohn werfend und alle diese Symptome mit der Gastfreundschaft von Monte Christo zusammenstellend, dachte Danglars, er hätte es mit irgend einem Nabob zu tun, der nach Paris gekommen wäre, um seinen einzigen Sohn im Weltleben zu vervollkommnen
Er hatte mit unendlichem Wohlgefallen den ungeheuren Diamant betrachtet, der an dem kleinen Finger des Majors glänzte, denn der Major hatte als ein kluger und erfahrener Mann aus Furcht, es könnte seinen Bankbillets ein Unglück widerfahren, diese sogleich in einen Gegenstand von Wert verwandelt. Nach dem Mittagsbrote befragte er, immer unter dem Vorwande von Industrie und Reisen, den Vater und den Sohn über ihre Lebensweise, und da der Vater und der Sohn davon benachrichtigt waren, daß ihnen ihr Credit, dem einen von achtundvierzig tausend Franken ein für allemal, dem andern von fünfzig tausend Franken jährlich, bei Danglars eröffnet werden sollte, so waren sie außerordentlich freundlich und zuvorkommend gegen den Banquier, dessen Bedienten sie, wenn sie nicht an sich gehalten hätten, die Hand gedrückt haben würden, so sehr bedurfte ihre Dankbarkeit den Ergusses.
Ein Umstand besonders vermehrte die Achtung, wir möchten sogar sagen die Verehrung von Danglars für Cavalcanti. Getreu dem Grundsatze von Horaz, nil admirari, hatte sich dieser, wie man gesehen, begnügt, einen Beweis seines Wissens nur dadurch zu geben, daß er den See nannte, in welchem man die Lampreten fängt. Dann hatte er seinen Teil von diesem Fische gegessen, ohne ein Wort zu sagen. Daraus schloß Danglars, dergleichen Kostbarkeiten wären etwas ganz Gewöhnliches für den erhabenen Abkömmling der Cavalcanti, der sich ohne Zweifel in Lucca von Forellen, die er von der Schweiz, und von Langusten nährte, die man ihm von der Bretagne mittelst eines Verfahrens schickte, dem ähnlich, dessen sich der Graf bedient hatte, um Lampreten aus dem Fusaro-See und Sterlets aus der Wolga kommen zu lassen.
Er nahm es auch mit sichtbarem Wohlgefallen auf, als Cavalcanti zu ihm die Worte sprach:
»Morgen, mein Herr, werde ich Ihnen in Geschäften einen Besuch machen.«
»Und ich,« erwiderte Danglars, »ich werde glücklich sein, Sie zu empfangen.«
Wonach er Cavalcanti vorschlug, ihn, wenn es ihm nicht zu mißlich wäre, sich von seinem Sohne zu trennen, nach dem Hotel des Princes zurückzuführen.
Cavalcanti antwortete ihm, sein Sohn sei seit langer Zeit gewohnt, ein Junggesellenleben zu führen, er habe folglich seine eigenen Pferde und Equipagen, und da sie nicht mit einander gekommen, so könnten sie auch wohl ohne Schwierigkeit ohne einander zurückkehren.
Der Major stieg also in den Wagen von Danglars, und der Banquier setzte sich an seine Seite, immer mehr entzückt über das geordnete, ökonomische Wesen eines Mannes, der jedoch seinem Sohne fünfzig tausend Franken jährlich gab, was ein Vermögen von fünf bis sechsmal hundert tausend Franken Rente jährlich voraussetzen ließ.
Andrea fing, um sich ein vornehmes Ansehen zugeben, damit an, daß er seinem Groom einen Verweis erteilte, weil er ihn, statt an der Freitreppe vorzufahren, an der Ausfahrt erwartet und ihm dadurch die Mühe gemacht hatte, dreißig Schritte zu gehen, um sein Tilbury zu suchen.
Der Groom nahm den Verweis in Demuth hin, faßte, um das ungeduldige, mit dem Fuße stampfende Pferd zu halten, das Gebiß mit der linken Hand und reichte mit der rechten die Zügel Andrea, der sie ergriff und leicht seinen gefirnißten Stiefel auf den Fußtritt setzte.
In diesem Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter; der junge Mann wandte sich um; er dachte, Danglars oder Monte Christo hätten ihm etwas zu sagen Vergessen und wollten dies im Augenblick seines Aufbruches tun.
Doch statt des Einen oder des Anderen erblickte er nur ein seltsames, von der Sonne verbranntes in einen dicken Bart eingerahmtes Gesicht, wie Karfunkel glänzende Augen und ein spöttisches Lächeln, das einen Mund öffnete, in welchem zweiunddreißig schneeweiße Zähne, ohne daß einer davon fehlte, spitzig und hungrig, wie die eines Wolfes oder eines Schakals, aufgereiht waren.
Ein Sacktuch mit roten Vierecken umgab diesen Kopf mit den gräulichen starren Haaren, ein im höchsten Maße fettiger und zerlumpter Oberrock bedeckte diesen großen, mageren, knochigen Körper, dessen Gebeine wie die eines Skelettes beim Gehen an einander klappern zu müssen schienen; die Hand endlich, welche sich auf die Schulter von Andrea stützte und zuerst von dem jungen Manne wahrgenommen wurde, kam diesem, als von riesiger Dimension vor.
Erkannte der junge Mann dieses Gesicht bei dem Scheine der Laterne seines Tilbury, oder war er nur betroffen von dem furchtbaren Anblick des Menschen, der sich ihm näherte? wir wissen dies nicht anzugeben; doch es ist gewiss, daß er bebte und rasch zurückwich.
»Was wollen Sie von mir?« sagte er.
»Um Verzeihung, mein Bürger,« antwortete dieser Mensch, indem er seine Hand an das rote Taschentuch legte, »ich störe Sie vielleicht, habe aber mit Ihnen zu sprechen.«
»Man bettelt nicht am Abend,« sagte der Groom mit einer Bewegung, als wollte er seinen Herrn von diesem Überlästigen befreien.
»Ich bettle nicht, mein hübscher Junge,« sprach der Unbekannte zu dem Diener mit einem so ironischen Lächeln und einem so furchtbaren Blicke, daß dieser zurückwich; »ich will nur ein paar Worte mit Ihrem Herrn reden, der mir vor etwa vierzehn Tagen einen Auftrag gegeben hat.«
»Sprechen Sie,« versetzte Andrea kräftig genug, daß der Diener seine Unruhe nicht wahrnahm, »was wollen Sie? Sagen Sie es geschwinde, mein Freund.«
»Ich wünschte . . . ich wünschte . . . « erwiderte ganz leise der Mann mit dem roten Sacktuch, »ich wünschte, Sie würden mir die Mühe ersparen, zu Fuße nach Paris zurückzukehren. Ich bin sehr ermüdet, habe nicht so gut zu Mittag gespeist, wie Du, und kann mich kaum auf den Beinen halten.«
Der junge Mann bebte bei dieser seltsamen Vertraulichkeit und entgegnete:
»Sprechen Sie doch endlich, was wollen Sie?«
»Nun wohl, Du sollst mich in Deinen schönen Wagen steigen lassen und zurückführen.«
Andrea erbleichte, antwortete jedoch nicht.
»O mein Gott! ja,« sprach der Mann mit dem roten Sacktuche, die Hände in seine Taschen steckend und Andrea mit herausfordernden Augen anschauend, »es ist so ein Gedanke von mir, verstehst Du, mein kleiner Benedetto?«
Bei diesem Namen überlegte der junge Mann ohne Zweifel, denn er näherte sich seinem Groom und sagte zu ihm:
»Dieser Mensch hat wirklich einen Auftrag von mir erhalten, über welchen er mir Bericht erstatten soll. Gehe zu Fuß bis an die Barrière und nimm dort ein Cabriolet, damit Du nicht zu spät kommst.«
Der Diener entfernte sich sehr erstaunt.
»Lassen Sie mich wenigstens in den Schatten treten,« sagte Andrea.
»Eh! was das betrifft,« erwiderte der Mann mit dem roten Sacktuch, »ich will Dich selbst an einen schönen Platz führen, warte nur.«
Und er nahm das Pferd beim Gebiß und führte das Tilbury an eine Stelle, wo es wirklich keinem Menschen in der Welt möglich war, die Ehre zu sehen, welche ihm Andrea erwies.
»Oh! es ist bei mir nicht der Stolz, in einen schönen Wagen steigen zu dürfen,« sprach der Unbekannte; »nein, es geschieht nur, weil ich müde bin und ein wenig in Geschäften mit Dir zu sprechen habe.«
»Steigen Sie ein,« sprach der junge Mann.
Zum Unglück war es nicht Tag, denn es müßte ein seltsames Schauspiel gewesen sein, diesen Bettler breit und viereckig auf gestickten Kissen neben dem jungen, zierlichen Führer des Tilbury sitzen zu sehen.
Andrea ließ sein Pferd bis an das letzte Haus des Dorfes laufen, ohne nur ein Wort zu seinem Gefährten zu sagen, welcher seinerseits lächelte und schwieg, als wäre er entzückt mit einer so schönen Lokomotive fahren zu dürfen.
Sobald Andrea außerhalb Auteuil war, schaute er umher, ohne Zweifel um sich zu versichern, ob sie Niemand sehen oder hören könnte, hielt dann sein Pferd an, kreuzte die Arme vor dem Mann mit dem roten Sacktuch und sprach zu ihm:
»»Nun denn! warum kommen Sie und stören mich in meiner Ruhe?«
»Sprich Du, mein Junge, warum mißtraust Du mir?«
»Und worin habe ich Ihnen mißtraut.«
»Worin? Du fragst mich; wir trennen uns auf der Brücke des Var. Du sagst mir, Du seist im Begriff Euch Piemont und Toscana zu reifen, gehst aber nach Paris.«
»Ein welcher Beziehung ist Ihnen das unangenehm?«
»In keiner; im Gegenteil, ich hoffe, es wird mir dies ersprießlich sein.«
»Ah! ah! das heißt, Sie speculiren auf mich,«
»Laß doch die großen Worte zu Hause.«
»Sie hätten Unrecht, Meister Caderousse, das sage ich Ihnen zum Voraus.«
»Ei, mein. Gott! ärgere Dich nicht, Kleiner; Du mußt doch wissen. was das Unglück bedeutet; das Unglück, sage ich Dir, macht eifersüchtig. Ich glaube, Du liefest in Piemont und Toscana umher, genötigt den Facchino oder Cicerone zu spielen; ich beklage Dich Vom Grunde meines Herzens, wie ich mein Kind beklagen würde. Du weißt, daß ich Dich stets mein Kind genannt habe.«
»Hernach? hernach?«
»Geduld, Salpeter!«
»Ich habe Geduld, sprich, vollende.«
»Und ich sehe Dich plötzlich durch die Barrière des bons hommes, mit einem Groom, mit einem Tilbury und mit funkelneuen Kleidern fahren. Ah! Du hast also eine Goldmine entdeckt oder eine Stelle als Wechselagent gekauft?«
»Sie sind somit, wie Sie gestehen, eifersüchtig?«
»Nein, ich bin zufrieden, so zufrieden, daß ich Dir meine Komplimente machen wollte, Kleiner; da ich jedoch nicht regelmäßig gekleidet war, nahm ich meine Vorsichtsmaßregeln, um Dich nicht zu compromittiren.«
»Schöne Vorsichtsmaßregeln, Sie reden mich in Gegenwart meines Bedienten an.«
»Ei, was willst Du denn, mein Kind? ich rede Dich an, wo ich Deiner habhaft werden kann. Du hast ein sehr lebhaftes Pferd. ein sehr leichtes Tilbury: Du bist von Natur schlüpfrig wie ein Aal; verfehlte ich Dich diesen Abend, so lief ich Gefahr, Dich nie mehr zu erwischen.«
»Sie sehen wohl, daß ich mich nicht verberge.«
»Du bist sehr glücklich, und ich wünschte ebenso viel sagen zu können; ich, was mich betrifft, verberge mich; abgesehen davon, daß ich befürchtete, Du würdest mich nicht erkennen: doch Du hast mich erkannt,« fügte Caderousse mit seinem schlimmen Lächeln bei, »Du bist sehr artig, mein Junge.
»Was brauchen Sie?« versetzte Andrea.
»Du dutzest mich nicht mehr, und das ist schlimm von einem alten Kameraden, Benedetto; nimm Dich in Acht, Du wirst mich anspruchsvoll machen.«
Bei dieser Drohung sank der Zorn des jungen Mannes: der Wind des Zwanges wehte darüber hin.
Er ließ sein Pferd wieder im Trab gehen und sprach:
»Es ist von Dir selbst schlimm, Caderousse, daß Du Dich so gegen einen alten Kameraden benimmst. wie Du mich so eben nanntest; Du bist ein Marseiller, ich bin . . . «
»Du weißt also nun, was Du bist?«
»Nein, ich wurde in Corsica aufgezogen; Du bist alt und halsstarrig, ich bin jung und starrköpfig. Unter Leuten, wie wir sind, ist eine Drohung etwas Böses, und Alles muß sich auf eine gütliche Weise abmachen. Ist es mein Fehler, wenn das Glück, das gegen Dich schlimm zu sein fortfährt, mich im Gegenteil begünstigt?«
»Das Glück begünstigt Dich also? Es ist kein entlehnter Groom, es ist kein entlehntes Tilbury, es sind keine entlehnte Kleider, was wir da haben? Gut, desto besser!,« sprach Caderousse, in dessen Augen Begierde und Lüsternheit glänzten.
»O! Du siehst es wohl und weißt es wohl, da Du mich ansprichst,« sagte Andrea, sich immer mehr belebend. »Hätte ich ein Sacktuch, wie Du, um meinen Kopf, trüge ich einen fettigen Oberrock auf den Schultern und durchlöcherte Schuhe an den Füßen, so würdest Du mich nicht anerkennen.«
»Du täuschest Dich, Du hast Unrecht; nun, da ich Dich wiedergefunden, hindert mich nichts, gekleidet zu sein, wie ein Anderer, denn ich weiß, daß Du ein gutes Herz hast: besitzest Du zwei Röcke, so wirst Du mir wohl einen davon geben; ich gab Dir auch eine Portion Suppe und Bohnen, als es Dich zu sehr hungerte.«
»Das ist wahr,« sprach Andrea.
»Welch einen Appetit hattest Du! hast Du immer noch einen so guten Appetit?«
»Ja wohl,« sprach Andrea lachend.
»Du mußt vortrefflich bei dem Fürsten gespeist haben, von dem Du kommst.«
»Er ist kein Fürst, sondern ganz einfach ein Graf.«
»Ein Graf, und zwar ein reicher, nicht wahr?«
»Ja, doch traue ihm nicht, es ist ein Herr, der nicht ganz bequem aussieht.«
»Oh! mein Gott, sei doch unbesorgt! Man hat keine Absichten auf Deinen Grafen und überläßt Dir denselben ganz allein. Doch,« fügte Caderousse mit dem schlimmen Lächeln bei, das schon einmal seine Lippen gestreift hatte, »doch Du begreifst, Du mußt etwas dafür geben?«
»Sprich, wie viel brauchst Du?«
»Ich glaube, mit hundert Franken monatlich . . . «
»Nun!«
»Könnte ich leben . . . «
»Mit hundert Franken?«
»Allerdings schlecht, wie Du ebenfalls begreifst doch mit . . . «
»Mit? . . . «
»Mit hundert und fünfzig Franken wäre ich sehr glücklich.«
»Hier sind zweihundert,« sprach Andrea. Und er legte in die Hand van Caderousse zehn Louisd’or.
»Gut,« sagte Caderousse.
»Finde Dich immer am ersten des Monats beim Concierge ein, und Du wirst eben so Viel finden.«
»Du demütigst mich abermals!«
»Wodurch?«
»Du bringst mich mit Bedientenvolk in Berührung; nein, siehst Du, ich will nur mit Dir zu tun haben.«
»Es sei, frage nach mir, und am ersten jeden Monats erhältst Da Deine Rente, wenigstens so lange als ich die meinige erhalte.«
»Schön, schön, ich sehe, daß ich mich nicht täuschte, Du bist ein braver Junge, und es ist ein Segen, wenn das Glück bei Leuten Deiner Art einkehrt. Erzähle mir ein wenig, wie Dein Glück gekommen ist.«
»Wozu brauchst Du dies zu wissen?« entgegnete Cavalcanti.
»Abermals Mißtrauen!«
»Nein, gewiss nicht. Ich habe meinen Vater wiedergefunden.«
»Deinen wahren Vater?«
»Verdammt, so lange er bezahlt . . . «
»Wirst Du es glauben und ihn ehren, das ist ganz richtig. Wie nennt sich Dein Vater?«
»Major Cavalcanti.«
»Und er ist mit Dir zufrieden?«
»Bis jetzt scheine ich ihm zu genügen.«
»Und wer half Dir dazu, daß Du Deinen Vater wiederfandst?«
»Der Graf von Manie Christo.«
»Derjenige, von welchem Du herkamst?«
»Ja.«
»Ei, so Versuche es doch, mich bei ihm als nächsten Verwandten anzubringen, da er solche Geschäfte treibt.«
»Wohl; ich werde mit ihm über Dich sprechen; doch was willst Du mittlerweile tun?«
»Ich?«
»Ja, Du.«
»Du bist sehr gut, daß Du Dich hiermit beschäftigst,« sprach Caderousse.
»Da Du so viel Anteil an mir nimmst,« versetzte Andrea, »so kommt es mir ebenfalls zu, mir einige Auskunft über Dich zu erbitten.«
»Das ist richtig . . . Ich will ein Zimmer in einem ehrlichen Hause miethen, mich mit einem anständigen Kleide bedecken, mich alle Tage rasieren lassen und das Kaffeehaus besuchen, um die Zeitungen zu lesen. Am Abend gehe ich mit irgend einem Anführer der Claque in das Schauspiel: ich sehe dann aus wie ein Bäcker, der sich vom Geschäft zurückgezogen hat, und das ist mein Traum.«
»Sehr gut! willst Du diesen Plan ausführen und vernünftig sein, so wird Alles gut gehen.«
»Sehen Sie, Herr Bussuet! . . . Und Du, was willst Du werden? . . . Pair von Frankreich?«
»Ei, ei! wer weiß?«
»Der Major von Cavalcanti ist es vielleicht, – doch leider hat man die Erblichkeit aufgehoben.«
»Keine Politik, Caderousse! . . . Und nun, da Du hast, was Du willst, und da wir an Ort und Stelle sind, springe aus meinem Wagen und verschwinde.«
»Nein, teurer Freund!«
»Wie, nein?«
»Bedenke doch, Kleiner, ein rotes Sacktuch auf dem Kopf, beinahe keine Schuhe, durchaus keine Papiere und zehn Napoleon in Gold in meiner Tasche, das nicht zu rechnen, was bereits darin war, was gerade 200 Franken macht; man würde mich unfehlbar an der Barrière anhalten; zu meiner Rechtfertigung wäre ich dann genötigt, zu sagen, Du habest mir diese zehn Napoleon gegeben: dann erfolgt eine Nachforschung, eine Untersuchung; man erfährt, daß ich Toulon verlassen hatte, ohne Abschied zu nehmen, und man führt mich von Brigade zu Brigade bis an die Küste des mittelländischen Meeres zurück. Ich werde wieder ganz einfach der Nro. 106, und fahre wohl, mein Traum, einem ehemaligen Bäcker zu gleichen! Nein, mein Sohn, ich ziehe es vor, ganz ehrlich in der Hauptstadt zu bleiben.«
Andrea runzelte die Stirne; der vermeintliche Sohn des Herrn Major von Cavalcanti war, wie er sich dessen selbst gerühmt hatte, ein ziemlich schlimmer Kopf. Er hielt einen Augenblick an, warf einen raschen Blick umher, und als sein Blick den forschenden Kreis gänzlich beschrieben hatte, tauchte sich seine Hand ganz unschuldig in seinen Hosensack, wo er den Bügel einer Taschenpistole zu streicheln anfing.
Caderousse aber, der seinen Gefährten nicht aus dem Auge verlor, griff mit seinen Händen hinter seinen Rücken und öffnete ganz sachte ein langes spanisches Messer, das er für jeden Fall bei sich trug.
Die zwei Freunde waren, wie man sieht, würdig, sich zu begreifen, und begriffen sich; die Hand von Andrea kam harmlos wieder aus der Tasche hervor und stieg bis zu seinem roten Schnurrbarte hinauf, den er eine Zeit lang zwischen den Fingern drehte.
»Gut, Caderousse,« sagte er, »Du willst also glücklich werden.«
»Ich werde mein Möglichstes tun, erwiderte der Wirth vom Pont du Gard, während er sein Messer wieder in die Scheide steckte.
»Vorwärts, fahren wir in die Stadt hinein. Doch wie willst Du es machen, um durch die Barrière zukommen, ohne Verdacht zu erwecken? Mir scheint, mit Deiner Tracht wagst Du noch mehr im Wagen, als zu Fuß.«
»Warte, Du wirst es sehen,« erwiderte Caderousse.
Und er nahm den Mantel mit großem Kragen, den der aus dem Tilbury verbannte Groom an seinem Platze zurückgelassen hatte, und legte ihn aus seine Schultern; dann griff er nach dem Hute von Cavalcanti und setzte ihn sich auf, wonach er die Stellung eines verdrießlichen Bedienten von gutem Hause, dessen Herr selbst fährt, nachahmte.
»Und ich,« sprach Andrea, »soll ich etwa baarhaupt bleiben?«
»Bah! es weht ein so starker Wind, daß er Dir wohl Deinen Hut fortgenommen haben kann.«
»Vorwärts also, daß wir zu Ende kommen.«
»Wer hält Dich auf?« erwiderte Caderousse, »ich hoffentlich nicht?«
»Stille!« flüsterte Cavalcanti.
Man langte ohne Unfall durch die Barrière.
Bei der ersten Querstraße hielt Andrea sein Pferd an, Caderousse sprang zu Boden.
»Nun!« sagte Andrea, »und der Mantel meines Bedienten, und mein Hut?«
»Oh!« erwiderte Caderousse, Du wirst nicht wollen, daß ich.den Schnupfen bekomme.«
»Aber ich?«
»Du bist jung, während ich mich nachgerade alt mache; auf Wiedersehen, Benedetto.«
Und er verschwand in einem Gäßchen.
»Ach! kann man denn in dieser Welt nicht ganz glücklich sein!« sprach Andrea, einen Seufzer ausstoßend.
