Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 63
Neuntes Kapitel.
Eheliche Szene
Auf der Place Louis XVI. trennten sich die drei jungen Leute, Morrel schlug den Weg über die Boulevards ein, Chateau-Renaud ritt über den Pont de la Revolution, und Debray folgte dem Quai.
Morrel und Chateau-Renaud kehrten ohne Zweifel zum häuslichen Herde zurück, wie man noch auf der Tribune der Kammer in den wohlgemachten Reden und auf dem Theater der Rue Richelieu in den gut geschriebenen Stücken sagt; nicht dasselbe war bei Debray der Fall; denn an der Pforte des Louvre angelangt, hielt er sich links, ritt im scharfen Trab über das Carrousel nach der Rue Saint-Roch, mündete aus der Rue de la Michodière ans, und kam vor die Thüre von Herrn Danglars gerade in dem Augenblick, wo der Wagen von Herrn von Villefort, nachdem er diesen und seine Frau im Faubourg Saint-Honoré abgesetzt hatte, anhielt, um die Baronin nach Hause zu bringen.
Als ein im Hotel bekannter Mann ritt Debray zuerst in den Hof, warf den Zügel einem Bedienten zu und kehrte dann an den Wagenschlag zurück, empfing Madame Danglars und bot ihr den Arm, um sie in ihre Gemächer zu führen. Sobald das Thor geschlossen war und die Baronin und Debray sich im Hofe befanden, fragte der letztere:
»Was haben Sie, Hermine, und warum ist Ihnen so übel geworden bei jener von dem Grafen erzählten Geschichte oder vielmehr Fabel?«
»Weil ich heute Abend auf eine abscheuliche Weise gestimmt war,« antwortete die Baronin.
»Nein, Herminie, Sie werden mich das nicht glauben machen. Sie hatten im Gegenteil eine vortreffliche Stimmung, als Sie bei dem Grafen ankamen. Herr Danglars war zwar etwas verdrießlich, doch ich weiß, was Sie sich aus seinen schlimmen Launen machen. Es hat Ihnen irgend Jemand etwas getan. Erzählen Sie es mir; Sie wissen wohl, ich dulde es nicht, daß Ihnen eine Beleidigung zugefügt wird.
»Ich versichere Sie, Sie täuschen sich, Lucien. Es ist so, wie ich Ihnen gesagt habe, abgesehen von der schlechten Laune, die Sie bemerkt haben, denn diesen Punkt gegen Sie zu berühren, hielt ich nicht der Mühe wert.«
Madame Danglars stand offenbar unter dem Einflusse von einer von jenen Nervenreizungen, von denen die Frauen sich selbst keine Rechenschaft geben können, oder hatte sie, wie es Debray erraten, irgend eine geheime Aufregung erfahren, die sie Niemand gestehen wollte. Als ein Mensch, der gewohnt ist, die Vapeurs als eines der Elemente des weiblichen Lebens zu betrachten, drang er nicht weiter in sie und beschloß einen günstigen Augenblick zu neuem Ausforschen oder ein Geständnis proprio motu abzuwarten.
An der Thüre ihres Zimmers traf die Baronin Mademoiselle Cornelie.
Mademoiselle Cornelie war die Lieblingskammerfrau der Baronin.
»Was macht meine Tochter?« fragte Madame Danglars.
»Sie hat den ganzen Abend studiert und ist dann zu Bette gegangen,« antwortete Mademoiselle Cornelia
»Es kommt mir doch vor, als hörte ich ihr Klavier?«
»Mademoiselle Louise d’Armilly musiziert, während das Fräulein im Bette liegt.«
»Gut, kleiden Sie mich aus.«
Man trat in das Schlafzimmer. Debray streckte sich auf einem großen Canapé aus und Madame Danglars ging mit Mademoiselle Cornelie in ihr Ankleidecabinet.
»Mein lieber Herr Lucien,« sprach Madame Danglars durch den Thürvorhang des Cabinets, »Sie beklagen sich immer über Eugenie, daß sie Ihnen nie die Ehre erweise, das Wort an Sie zu richten.«
»Madame,« entgegnete Lucien, mit dem kleinen Hunde der Baronin spielend, der, seine Eigenschaft als Hausfreund erkennend, ihm mit tausend Liebkosungen zu schmeicheln pflegte, »ich bin nicht der Einzige, der solche Beschwerden bei Ihnen vorbringt, und ich glaube eines Tages gehört zu haben, wie sich Morcerf selbst bei Ihnen beklagte, daß er seiner Braut nicht ein einziges Wort zu entlocken vermöge.«
»Es ist wahr, aber ich glaube, dies wird sich an einem der nächsten Morgen verändern, und Sie sehen Eugenie in Ihr Cabinet treten.«
»In mein Cabinet?«
»Das heißt, in das des Ministers.«
»Und warum?«
»Um sich von Ihnen eine Anstellung bei der Oper zu erbitten. In der Tat, ich habe nie eine so halsstarrige Leidenschaft für die Musik gesehen: es ist wahrhaft lächerlich für eine Person von Welt.«
Debray erwiderte lächelnd.
»Nun, sie mag mit Ihrer und des Barons Einwilligung kommen: wir machen ihr dieses Engagement und werden bemüht sein, daß es ihren Verdiensten entspricht, obgleich wir zu arm sind, um ein so schönes Talent, wie das ihrige, zu bezahlen.«
»Gehen Sie Cornelie,« sprach Madame Danglars, »ich bedarf Ihrer nicht mehr.«
Cornelie verschwand, und einen Augenblick nachher kam Madame Danglars in einem reizenden Negligé aus ihrem Cabinet und setzte sich neben Lucien.«
Dann fing sie an, träumerisch mit dem spanischen Schooßhündchen zu spielen.
Lucien betrachtete sie eine Minute schweigend und sprach hierauf mit weichem Tone:
»Antworten Sie offenherzig, Herminie, nicht wahr, es verletzt Sie irgend Etwas?«
»Nichts,« erwiderte die Baronin.
Doch sie mußte aufstehen, und suchte freieren Atem zu gewinnen, denn es schnürte ihr die Brust zusammen: sie stellte sich vor einen Spiegel und rief:
»Ich sehe in der Tat heute Abend aus, daß man bange vor mir bekommen könnte.«
Debray erhob sich ebenfalls lächelnd, um Madame Danglars über diesen letzten Punkt zu beruhigen, als plötzlich die Thüre sich öffnete. Herr Danglars erschien; Debray setzte steh wieder.«
Bei dem Geräusche der Thüre wandte sich Madame Danglars um und schaute ihren Gatten mit einem Erstaunen an, das sie zu verbergen sich nicht einmal die Mühe gab.
»Guten Abend, Madame,« sprach Danglars; »guten Abend, Herr Debray.«
Die Baronin glaubte ohne Zweifel, dieser unvorhergesehene Besuch bedeute etwas wie ein Verlangen, die bitteren Worte wieder gut zu machen, die ihm am Tage entschlüpft waren.
Sie bewaffnete sich mit einer würdigen Miene wandte sich gegen Debray um und sagte zu diesem ohne Danglars zu antworten:
»Lesen Sie mir etwas vor, Herr Debray.«
Debray, den dieser Besuch Anfangs einigermaßen beunruhigt hatte, erholte sich bald wieder, als er die Baronin so unbewegt sah, und streckte die Hand nach einem Buche aus, das in der Mitte durch ein Messer mit einer Klinge von Perlmutter bezeichnet war.
»Verzeihen Sie,« sagte der Banquier, »doch Sie werden sehr müde werden, Baronin, wenn Sie so lange wachen; es ist elf Uhr, und Herr Debray wohnt in großer Entfernung von hier.«
Debray war im höchsten Maße erstaunt; nicht als ob der Ton von Danglars nicht vollkommen ruhig und höflich gewesen wäre, doch hinter dieser Ruhe und Höflichkeit ließ sich eine gewisse ungewöhnliche Absicht wahrnehmen, an diesem Abend etwas Anderes zu tun, als den Willen seiner Frau.
Die Baronin war auch verwundert und bezeigte ihr Erstaunen durch einen Blick, der ohne Zweifel ihrem Manne zu überlegen gegeben haben würde, hätte dieser seine Augen nicht auf eine Zeitung gerichtet gehabt, in der er den Schluß der Rente suchte.
Dem zu Folge wurde dieser Blick zu reinem Verlust geschleudert und verfehlte völlig seine Wirkung.
»Herr Lucien,« sprach die Baronin, »ich erkläre Ihnen, daß ich nicht die geringste Lust habe, zu schlafen, ich muß Ihnen tausend Dinge erzählen und Sie werden die Nacht damit zubringen, mich anzuhören, und sollten Sie stehend schlafen.«
»Zu Ihren Befehlen, Madame,« antwortete phlegmatisch Lucien.
»Mein lieber Herr Debray,« sagte der Banquier, »bringen Sie sich nicht damit um, daß Sie diese Nacht die Thorheiten von Madame Danglars anhören, denn Sie können dieselben eben so gut noch morgen vernehmen: doch dieser Abend gehört mir, ich will mir denselben vorbehalten, und werde ihn, mit Ihrer gütigen Erlaubnis, der Besprechung ernster Interessen mit meiner Frau nehmen..«
Diesmal war der Schlag so unmittelbar und fiel so senkrecht, daß er Lucien und die Baronin betäubte Beide befragten sich mit den Augen, als wollte das eine in dem andern eine Hilfe gegen diesen Angriff suchen; aber die unwiderstehliche Gewalt des Herrn vom Hause siegte, und die Macht blieb dem Gatten.
»Glauben Sie indessen nicht, daß ich Sie fortjage, mein lieber Debray,« fügte Danglars bei, »nein durchaus nicht: in Folge eines unvorhergesehenen Umstandes muß ich noch diesen Abend eine Unterredung mit der Baronin wünschen; dies widerfährt mir so selten, daß man mir deshalb nicht grollen darf.«
Debray stammelte ein paar Worte, grüßte und stieß sich in allen Ecken, wie Mathan in Athalie.
»Es ist unglaublich,« sagte er, als die Thüre sich wieder. hinter ihm geschlossen hatte, »es ist unglaublich, wie leicht diese Ehemänner, welche wir doch so lächerlich finden, den Vorteil über uns erringen!«
Als Lucien weggegangen war, nahm Danglars seinen Platz, auf dem Canapé ein, schloß das offen gebliebene Buch und fuhr fort in einer furchtbar anmaßenden Haltung mit dem Hunde zu spielen. Da jedoch der Hund nicht dieselbe Sympathie für ihn hatte, wie für Debray, und ihn beißen wollte, so faßte er denselben am Genick und schlenderte ihn an das andere Ende des Zimmers auf eine Chaise-longue.
Das Tier stieß den Raum durchschneidend einen Schrei aus; doch am Orte seiner Bestimmung angelangt, kauerte es sich hinter ein Kissen und verhielt sich, erstaunt über diese Behandlung, an die es nicht gewöhnt war, stumm und regungslos.
»Wissen Sie, mein Herr,« sprach die Baronin ohne eine Miene zu verziehen, »wissen Sie, daß Sie Fortschritte machen? Gewöhnlich waren Sie nur grob, heute sind Sie roh und unverschämt.«
»Dies kommt davon her, daß ich heute Abend in einer schlimmeren Laune bin, als gewöhnlich,« antwortete Danglars.
Herminie schaute den Banquier mit der größten Verachtung an. Sonst brachten solche Blicke den stolzen Banquier außer sich; doch an diesem Abend schien er kaum darauf zu merken.
»Was geht mich Ihre schlimme Laune an?« entgegnete die Baronin, gereizt durch die Unempfindlichkeit ihres Gatten; »was habe ich mich um dergleichen Dinge zu bekümmern? Schließen Sie Ihre schlechten Launen bei sich ein, oder verweisen Sie dieselben in Ihre Bureau, und da Sie Commis haben, welche Sie bezahlen, so lassen Sie an ihnen Ihre Launen aus.«
»Nein,« sprach Danglars, »Sie verirren sich in Ihren Rathschlägen, Madame, und ich werde sie nicht befolgen. Meine Bureau sind mein Pactolus, wie, glaube ich, Herr Demoustier sagt, und ich will ihren Gang nicht stören und ihre Ruhe nicht unterbrechen. Meine Commis sind ehrliche Leute, die mir mein Vermögen gewinnen und die ich weit unter dem Werte bezahle, den sie verdienen wenn ich sie nach Maßgabe dessen, was sie eintragen, schätze; ich werde mich also nicht gegen sie erzürnen, diejenigen, gegen welche ich in Zorn gerathe, sind die Menschen, welche meine Mittagsmahle verzehren, meine Pferde zu Tode hetzen und meine Kasse zu Grunde richten.«
»Und wer sind denn die Menschen, die Ihre Kasse zu Grunde richten? Ich bitte Sie, mein Herr, erklären Sie sich deutlicher.«
»Oh! seien Sie unbesorgt, spreche ich in Räthseln, so gedenke ich Sie doch nicht lange nach dem Schlüssel suchen zu lassen,« versetzte Danglars. »Die Leute, welche meine Kasse zu Grunde richten, sind diejenigen, welche in Zeit von einer Stunde siebenmal hundert tausend Franken daraus ziehen.«
»Ich verstehe Sie nicht, mein Herr,« entgegnete die Baronin, welche zugleich die Aufregung ihrer Stimme und die Röte ihres Gesichtes zu verbergen suchte.
»Sie verstehen mich im Gegenteil sehr gut,« versetzte Danglars; »doch wenn Sie in Ihrem bösen Willen verharren, so werde ich Ihnen sagen, daß ich siebenmal hundert tausend Franken aus dem spanischen Anlehen verliere.«
»Ah! was höre ich!« rief die Baronin hohnlächelnd: »und mich machen Sie verantwortlich für diesen Verlust?«
»Warum nicht?«
»Ist es meine Schuld, daß Sie siebenmal hunderttausend Franken verloren haben?«
»Ja jedem Falle ist es nicht die meinige.«
»Mein Herr, ich habe Ihnen ein für allemal gesagt, Sie sollen nicht von Kassenangelegenheiten mit mir sprechen,« erwiderte eisig die Baronin; »es ist dies eine Sprache, welche ich weder bei meinen Eltern, noch bei meinem ersten Manne gelernt habe.«
»Das glaube ich bei Gott wohl,« sprach Danglars, »weder die Einen noch der Andere besaßen einen Sou.«
»Ein Grund mehr für mich, daß ich bei Ihnen das Rothwälsch der Bank, welches mir hier vom Morgen bis zum Abend die Ohren zerreißt, nicht lernte: dieser Lärmen von Thalern, die man wieder und wieder zählt, ist mir verhaßt, und außer dem Tone Ihrer Stimme kenne ich nichts, was mir unangenehme wäre.«
»In der Tat, das ist doch seltsam! und ich glaubte, Sie nähmen den lebhaftesten Anteil an meinen Operationen!«
»Ich, wer hat Sie eine solche Albernheit glauben gemacht?«
»Sie selbst.«
»Ah! das wäre!«
»Allerdings.«
»Wollen Sie mir, nicht mitteilen, bei welcher Gelegenheit?«
»Oh, mein Gott! das ist ganz leicht. Im verflossenen Monat Februar sprachen Sie mir zuerst von den Haytischen Fonds; Sie hatten geträumt, ein Schiff laufe in den Hafen vom Havre ein, und dieses Schiff bringe die Nachricht, eine Zahlung, von der man glaubte, sie wäre auf die lange Bank geschoben, würde sich verwirklichen. Ich kenne die Hellseherei Ihres Schlafes, kaufte unter der Hand alle Coupons, die ich von der Schuld von Hayti finden konnte, und gewann viermal hundert tausend Franken, von denen Ihnen gewissenhaft hundert tausend zugestellt wurden. Sie machten damit, was Sie wollten, . . . das geht mich nichts an.«
»Im März handelte lies sich um eine Eisenbahnconcession. Es zeigten sieh drei Gesellschaften, welche gleiche Garantien boten. Sie sagten mir, Ihr Instinkt, und obgleich Sie behaupteten, Sie wären der Spekulation fremd, so glaube ich doch im Gegenteil, daß Ihr Instinkt in gewissen Materien sehr entwickelt ist: Sie sagten mir also, Ihr Instinkt lehre Sie, das Privilegium werde der Gesellschaft, genannt vom Süden, erteilt werden. Ich ließ mich auf der Stelle für zwei Drittel der Aktien dieser Gesellschaft einschreiben; das Privilegium wurde ihr wirklich bewilligt, wie Sie gesagt hatten, die Aktien erhielten einen dreifachen Wert, ich gewann eine Million, wovon Ihnen zweimal hundert und fünfzig tausend Franken unter dem Titel von Nadelgeld zugestellt wurden. Wie Sie diese zweimal hundert und fünfzigtausend Franken angewendet haben, geht mich nichts an.«
»Doch wo wollen Sie denn am Ende mit alledem hinaus, mein Herr?« rief die Baronin zitternd vor Zorn und Ungeduld.
»Geduld, Madame, ich komme zum Ziele,«
»Das ist ein Glück.«
»Im April speisten Sie bei dem Minister zu Mittag. Man plauderte von Spanien, und Sie hörten ein geheimes Gespräch: es handelte sich um die Austreibung von Don Carlos; ich kaufte spanische Fonds. Die Austreibung fand statt, und ich gewann sechsmal hunderttausend Franken an dem Tage, wo Carl V. über die Bidassoa zurückging. Von diesen sechsmal hundert tausend Franken erhielten Sie fünfzig tausend Thaler, sie gehörten Ihnen; Sie verfügten darüber nach ihrer Laune, ich verlange keine Rechenschaft von Ihnen. darum ist es aber nicht minder wahr, daß Sie in diesem Jahre fünfmal hundert tausend Livres erhalten haben.«
»Nun, und hernach, mein Herr?«
»Ah ja, hernach! wohl, gerade nach diesem beschmutzt sich die Sache.«
»In der Tat, Sie haben Redensarten . . . «
»Sie drücken meine Gedanken aus, und mehr brauche ich nicht . . . Hernach, dieses Hernach ist vor drei Tagen. Vor drei Tagen sprachen Sie über Politik mit Herrn Debray, und Sie glaubten aus seinen Worten zu ersehen, Don Carlos sei nach Spanien zurückgekehrt; da verkaufe ich meine Rente, die Nachricht verbreitet sich, ein panischer Schrecken ergreift die Leute, ich verkaufe nicht mehr, ich schenke, am andern Tage findet es sich, daß die Nachricht falsch ist, und daß ich siebenmal hundert tausend Franken durch diese falsche Nachricht verloren habe.«
»Nun?«
»Nun! da ich Ihnen ein Viertel gebe, wenn ich gewinne, so sind Sie mir ein Viertel schuldig, wenn ich verliere; das Viertel von siebenmal hunderttausend Franken macht hundert und fünfundsiebzig tausend Franken.«
»Was Sie mir da sagen, ist ganz ungereimt, und ich sehe gar nicht ein, warum Sie den Namen Debray mit dieser ganzen Geschichte vermengen.«
»Weil Sie, wenn Sie zufällig die hundert und fünfundsiebzig tausend Franken, die ich von Ihnen verlange, nicht haben, dieselben von Ihren Freunden entlehnen werden, zu denen auch Herr Debray gehört.«
»Pfui!« rief die Baronin.
»Oh! keine Gebärden, kein Geschrei, kein modernes Drama, Madame, sonst nötigen Sie mich, Ihnen zu bemerken, daß ich von hier aus sehe, wie Herr Debray bei hundert und fünfzigtausend Franken, die Sie ihm in diesem Jahre bezahlt haben, hohnlächelt und sich sagt, er habe endlich das gefunden, was die geschicktesten Spieler nie zu entdecken vermochten, nämlich eine Roulette, wo man gewinnt, ohne zu setzen, und wo man nicht verliert, wenn man verliert.«
Die Baronin wurde wütend.
»Elender!« rief sie, »wollen Sie sich erdreisten, mir zu sagen, Sie hätten das nicht gewußt, was Sie mir heute zum Vorwurfe zu machen wagen?«
»Ich sage Ihnen nicht, daß ich es wußte, ich sage Ihnen nicht, daß ich es nicht wußte, ich sage Ihnen nur: Beobachten Sie mein Benehmen seit den vier Jahren, seitdem Sie nicht mehr meine Frau sind und ich nicht mehr Ihr Mann bin, und Sie werden sehen, ob es immer in sich selbst folgerecht gewesen ist. Kurze Zeit vor unserem Bruche wünschten Sie Musik mit dem berühmten Bariton zu studieren, der mit so großem Erfolge in der italienischen Oper auftrat; ich wollte den Tanz mit jener Tänzerin studieren, die sich in London einen so großen Ruf erworben hat. Das kostete mich sowohl für Sie als für mich, ungefähr hundert tausend Franken. Hunderttausend Franken, damit der Mann und die Frau den Tanz und die Musik aus dem Grunde kennen, ist nicht zu viel. Bald waren Sie des Gesanges überdrüssig, und es kam Ihnen der Gedanke, Diplomatie bei einem Sekretär des Ministers zu studieren. Ich lasse Sie studieren. Sie begreifen, was ist mir daran gelegen, da Sie die Lectionen, welche Sie nehmen, aus Ihrer Cassette bezahlen? Dach heute bemerke ich, daß Sie auf die meinige ziehen und daß mich Ihr Unterricht siebenmal hundert tausend Franken monatlich kosten kann. Halt. Madame! das soll nicht so fortdauern. Entweder gibt der Diplomat unentgeltliche Lectionen, und ich werde ihn dulden, oder er setzt keinen Fuß mehr in mein Haus; verstehen Sie, Madame?«
»Oh! das ist zu stark, mein Herr,« rief Herminie, vom Zorn beinahe erstickt, »Sie überschreiten die Grenzen der Gemeinheit.«
»Ich sehe mit Vergnügen,« sprach Herr Danglars, »daß Sie nicht hierbei geblieben sind. und daß Sie freiwillig den Grundsatz des Codex. die Frau muß ihrem Manne folgen, gehorcht haben.«
»Keine Beleidigungen!«
»Sie haben Recht: wir wollen unsere Sache ruhig und kalt behandeln, um zu einem Ziele zu kommen. Wenn ich mich je in Ihre Angelegenheiten mischte, so geschah es nur zu Ihrem Besten, machen Sie es ebenso. Meine Kasse geht Sie nichts an, operieren Sie mit der Ihrigen, aber füllen Sie die meinige nicht nur leeren Sie dieselbe ebenso wenig. Wer weiß übrigens, ob nicht diese ganze Geschichte ein politischer Messerstich ist, ob nicht der Minister, wütend, daß er mich bei der Opposition steht, und eifersüchtig auf die Sympathien des Volks, welche ich erweckte, sich mit Herrn Debray verständigt, um mich zu Grunde zu richten?«
»Wie wahrscheinlich das ist!«
»Allerdings; wer hat dergleichen je gesehen . . . eine falsche telegraphische Nachricht, das heißt das Unmögliche oder beinahe das Unmögliche, ganz verschiedene Zeichen von den zwei letzten Telegraphen gegeben! Das ist in der Tat ausdrücklich für mich geschehen.«
»Mein Herr,« sprach demütig die Baronin, »Sie wissen, wie es scheint, nicht, daß der Angestellte beidem Telegraphen fortgejagt wurde, daß sogar davon die Rede war, ihm den Prozeß zu machen, daß man den Befehl erteilt, ihn zu verhaften, und daß dieser Befehl vollstreckt worden wäre, hätte er sich nicht der ersten Nachforschung durch eine Flucht entzogen, welche seine Verrücktheit oder seine Schuld dartut . . . Das ist ein Irrtum.«
»Ja, der Dummköpfe lachen macht, der dem Minister eine schlimme Nacht bringt, der die Herren Staatssecretäre Papier verschmieren läßt, mich aber siebenmal hundert tausend Franken kostet.«
»Mein Herr,« sprach plötzlich Herminie, »wenn diese ganze Geschichte Ihrer Ansicht nach den Herrn Debray herrührt, warum sagen Sie es mir, statt es unmittelbar Herrn Debray zu sagen? Warum beschuldigen Sie den Mann und halten sich an die Frau?«
»Kenne ich Herrn Debray, will ich ihn kennen? will ich wissen, daß er Rathschläge gibt? will ich sie befolgen? spiele ich? Nein, Sie tun dies Alles und nicht ich!«
»Doch da Sie Nutzen daraus ziehen . . . «
Danglars zuckte die Achseln und erwiderte:
»In der Tat, tolle Geschöpfe, diese Weiber! Sie halten sich für Genies, weil sie ein paar Intriguen so durchgeführt haben, daß man es nicht an allen Straßenecken von Paris lesen konnte! Doch bedenken Sie, hätten Sie Ihre Unregelmäßigkeiten auch Ihrem Manne verborgen, was das A B C der Kunst ist, da die Ehemänner meistenteils nichts sehen wollen, so wären Sie doch nur eine blasse Copie von dem, was die Hälfte Ihrer Freundinnen die Frauen von Welt tun. Es ist aber nicht so bei mir. Ich habe seit ungefähr sechzehn Jahren gesehen und immer gesehen. Sie könnten mir vielleicht einen Gedanken verbergen, aber nie einen Schritt, eine Handlung, einen Fehler. Während Sie sich über Ihre Geschicklichkeit Beifall spendeten und fest überzeugt waren, Sie täuschten mich, was war das Resultat? Daß in Folge meiner vermeintlichen Unwissenheit, von Herrn von Villefort bis zu Herrn Debray, nicht einer von Ihren Freunden nicht vor mir zitterte. Jeder von ihnen behandelte mich als Herrn des Hauses, was, meine einzige Anmaßung bei Ihnen ist: keiner derselben wagte es endlich, Ihnen von mir zusagen, was ich Ihnen heute selbst sage. Ich erlaube Ihnen, mich verhaßt zu machen, aber ich werde Sie verhindern, mich lächerlich zu machen, und verbiete Ihnen besonders auf das Bestimmteste und vor Allem, mich zu Grunde zu richten.«
Bis zu dem Augenblick, wo der Name Villefort ausgesprochen wurde, beobachtete die Baronin eine ziemlich gute Haltung; doch bei diesem Namen erbleichte sie streckte, auffahrend wie durch eine Feder bewegt, ihre Arme aus, als wollte sie eine Erscheinung beschwören. Und machte drei Schritte gegen ihren Gatten, dem sie das Ende des Geheimnisses entreißen zu wollen schien, das er jedoch nicht kannte, oder vielleicht in Folge einer gehässigen Berechnung, wie beinahe alle Berechnungen von Danglars waren. sich nicht entschlüpfen lassen wollte.
»Herr von Villefort! was soll das bedeuten? Was wollen Sie damit sagen?«
»Das soll bedeuten, Madame, daß Herr von Nargonne, Ihr erster Mann, der weder ein Philosoph noch ein Banquier, oder vielleicht das Eine und das Andere war und sah, dass sich aus einem Staatsanwalt, kein Nutzen ziehen ließ, aus Kummer oder aus Ingrimm starb, als er Sie nach einer Abwesenheit von neun Monaten im sechsten Monat schwanger fand. Ich bin roh und unverschämt, ich weiß es nicht nur, sondern ich rühme mich dessen: es ist eines von meinen Mitteln für das Gelingen bei meinen Handelsunternehmungen. Warum hat er sich selbst töten lassen, statt zu töten? Weil er keine Kasse zu retten hatte; aber ich, ich bin mich meiner Kasse schuldig. Herr Debray, mein Associé ist Schuld, daß ich siebenmal hundert tausend Franken verliere; er trage seinen Teil am Verlust, und wir setzen unsere Geschäfte fort, wenn nicht, so mache er mir Bankerott mit diesen zweimal hundert und fünfzig tausend Livres, und thue dann, was Bankerottirer tun, er verschwinde. Ei, mein Gott! ich weiß wohl, er ist ein reizender Junge, wenn seine Nachrichten pünktlich und richtig sind; doch wenn sie dies nicht sind, so gibt es fünfzig in der Welt die mehr Wert haben als er.«
Madame Danglars war niedergeschmettert: sie machte jedoch eine äußerste Anstrengung um diesen letzten Angriff zu erwidern. Sie fiel in einen Lehnstuhl, denn sie dachte an Villefort, an die Szene bei dem Mittagsmahle, an die seltsame Reihenfolge von Unglücksfällen, welche seit ein paar Tagen hinter einander über ihr Haus eingebrochen waren und die wattierte Ruhe ihrer Ehe in ärgerliche Streitigkeiten verwandelten.
Danglars schaute sie nicht einmal an, obgleich sie alles Mögliche that, um ohnmächtig zu werden. Er öffnete die Thüre des Schlafzimmers, ohne ein Wort beizufügen, und kehrte in seine Wohnung zurück, so daß Madame Danglars, als sie von ihrer Halbohnmacht wieder zu sich kam, glauben konnte, sie hätte einen bösen Traum gehabt.
