Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 69
So vergingen etwa zwei Stunden. Frau von Saint-Meran schlief einen heißen, unruhigen Schlaf. Man meldete den Notar.
Obgleich diese Meldung sehr leise gemacht wurde, erhob sich doch Frau von Saint-Meran auf ihrem Kopfkissen.
»Der Notar?« sagte sie, »er komme, er komme!«
Der Notar war an der Thüre, er trat ein.
»Gehe, Valentine,« sprach Frau von Saint-Meran, »und laß mich mit diesem Herrn allein.«
»Aber meine Mutter . . . «
»Gebe, gehe.«
Das Mädchen küßte seine Großmutter auf die Stirne und entfernte sich sein Taschentuch vor den Augen.
An der Thüre fand Valentine den Kammerdiener, der ihr sagte, der Arzt warte im Salon.
Valentine ging rasch hinab. Der Arzt war ein Freund der Familie und zugleich einer der geschicktesten Männer der Zeit: er liebte Valentine, die er zur Welt hatte kommen sehen, ungemein. Er besaß eine Tochter, ungefähr von dem Alter von Valentine; doch diese Tochter war von einer Brustkranken Mutter geboren, und das Leben des Arztes war eine beständige Furcht in Beziehung auf sein Kind.
»Ah!« sagte Valentine, »mein lieber Herr d’Avrigny, wir erwarteten Sie mit Ungeduld. Doch vor Allem, wie befinden sich Madeleine und Antoinette?«
Madeleine war die Tochter von Herrn d’Avrigny und Antoinette seine Nichte.
Herr d’Avrigny antwortete traurig lächelnd:
»Antoinette sehr gut, Madeleine ziemlich gut. Sie haben mich holen lassen, liebes Kind. Es ist weder Ihr Vater, noch Frau von Villefort krank? In Beziehung auf Sie, obgleich man wahrnimmt, daß Sie sich von Ihren Nerven nicht freimachen können, setze ich voraus, daß Sie meiner auf keine andere Weise bedürfen, als damit ich Ihnen rathe, Ihre Einbildungskraft nicht so auf weitem Felde umherschweifen zu lassen?«
Valentine errötete; Herr d’Avrigny trieb die Wissenschaft der Divination bis zum Wunder, denn er war einer von den Ärzten, welche das Körperliche stets auf moralischen Wege behandeln.
»Nein,« sagte Sie, »man hat Sie für meine arme Großmutter gerufen. Nicht wahr, Sie wissen, welch ein Unglück uns widerfahren ist?«
»Ich weiß es nicht.«
»Acht« sprach Valentine, ein Schluchzen unterdrückend, »mein Großvater ist gestorben.«
»Herr von Saint-Meran?«
»Ja.«
»Plötzlich.«
»An einem Schlagfluß.«
»An einem Schlagfluß?« wiederholte der Arzt-
»Ja. Und meine arme Großmutter hat nun der Gedanke erfaßt, ihr Gatte, den sie nie verlassen, rufe sie, und sie werde bald mit ihm wiedervereinigt sein. Oh! Herr d’Avrigny, ich empfehle Ihnen meine arme Großmutter.«
»Wo ist sie?«
»In ihrem Zimmer, mit dem Notar.«
»Und Herr Noirtier?«
»Immer derselbe, eine vollkommene Klarheit und Schärfe des Geistes, aber auch dieselbe Unbeweglichkeit, dieselbe Stummheit.«
»Und dieselbe Liebe für Sie, nicht wahr, mein gutes Kind?«
»Ja,« erwiderte Valentine mit einem Seufzer, »er liebt mich sehr.«
»Wer sollte Sie nicht lieben?«
Valentine lächelte traurig.
»Und woran leidet Ihre Großmutter?«
»An einer sonderbaren Nervenaufregung; ihr Schlaf ist unruhig und seltsam. Sie behauptete diesen Morgen, während ihres Schlummers schwebe ihre Seele über dem Körper, und das ist doch Delirium; sie versichert mich, sie habe einen Geist in ihr Zimmer treten sehen, und das Geräusch gehört, den der Geist, ihr Glas berührend, gemacht haben soll.«
»Das ist sonderbar,« sprach der Doktor, »ich wußte nicht, daß Frau von Saint-Meran solchen Halluzinationen unterworfen ist.«
»Es ist das erste Mal, daß ich sie so gesehen habe,« entgegnete Valentine, »und sie hat mir diesen Morgen sehr bange gemacht, denn ich hielt sie für wahnwitzig, und mein Vater, Sie kennen meinen Vater gewiss als einen ernsten Geist, nun, selbst auf meinen Vater schien die Sache einen starken Eindruck hervorzubringen.«
»Wir werden sehen,« versetzte Herr d’Avrigny; »was Sie mir da sagen, kommt mir ganz eigenthümilich vor.«
Der Notar entfernte sich, man benachrichtigte Valentine, ihre Großmutter wäre allein.
»Gehen« Sie hinauf,« sagte sie zu dem Doktor.
»Und Sie.«
»Oh! ich wage es nicht, sie hat mir verboten, Sie holen zu lassen; denn bin ich, wie Sie sagen, selbst aufgeregt, fieberhaft, mißstimmt; ich will einen Gang in den Garten machen, um mich zu erholen.«

Der Doktor drückte Valentine die Hand, und während er zu ihrer Großmutter hinausging, stieg sie die Freitreppe hinab.
Wir brauchen nicht zu sagen, welcher Teil des Gartens der Lieblingsspaziergang von Valentine war. Nachdem sie zwei oder dreimal an dem Blumenbeete hin und her gewandert, welches das Haus umgab, nachdem sie eine Rose gepflückt, um sie in ihren Gürtel oder in ihre Haare zu stecken, schritt sonst sie unter der düstern Allee fort, die zu der Bank führte, und von der Bank begab sie sich zu dem Gitter.
Diesmal machte Valentine, ihrer Gewohnheit gemäß, mehrere Gänge unter den Blumen, doch ohne davon zu pflücken: die Trauer ihres Herzens, welche noch nicht Zeit gehabt hatte, sich über ihre Person zu verbreiten, verwarf diesen einfachen Schmuck; dann wandelte sie ihrer Allee zu. Während sie fortschritt, kam es ihr vor, als hörte sie ihren Namen rufen. Sie blieb stehen.
Da gelangte der Ton deutlicher an ihr Ohr, und sie erkannte die Stimme von Maximilian.
Siebzehntes Kapitel.
Das Versprechen
Es war wirklich Morrel, der seit dem Tage vorher nicht mehr lebte: mit dem Liebenden und Müttern eigenthümlichen Instinkte hatte er erraten, daß in Folge dieser Rückkehr von Frau von Saint-Meran und des Todes ihres Gemahls bei Villefort etwas vorgehen mußte, wobei seine Liebe für Valentine beteiligt wäre.
Seine Ahnungen hatten sich, wie man sehen wird, verwirklicht, und es war nicht mehr eine einfache Unruhe, was ihn so verstört und zitternd an das Gitter bei den Kastanienbäumen führte.
Doch Valentine war von Morrels Warten nicht in Kenntnis gesetzt, es war nicht die Stunde, wo er gewöhnlich kam, ein reiner Zufall, oder wenn man lieber will eine glückliche Sympathie führte sie in den Garten.
Als sie erschien, rief ihr Morrel; sie lief an das Gitter.
»Sie zu dieser Stunde hier,« fragte sie.
»Ja, arme Freundin,« antwortete Morrel. »Ich komme, um schlimme Nachrichten zu holen und zubringen.«
»Es ist also das Haus des Unglücks!« sagte Valentine; »sprechen Sie, Maximilian; doch in der Tat, die Summe der Schmerzen ist bereits hinreichend.«
»Liebe Valentine,« erwiderte Morrel, der sich von seiner eigenen Aufregung zu erholen suchte, um auf eine geeignete Weise sprechen zu können, hören Sie mich wohl, ich bitte Sie; denn Alles, was ich Ihnen sagen werde, ist feierlicher Natur. Um welche Zeit gedenkt man Sie zu verheiraten?«
»Glauben Sie mir«– ich will Ihnen nichts verbergen, Maximilian,« sagte Valentine. »Diesen Morgen sprach man von meiner Heirat, und meine Großmutter, auf die ich als auf eine Stütze rechnete, welche mir nicht entgehen konnte, hat sich nicht nur für diese Heirat erklärt, sondern wünscht dieselbe dergestalt. Daß sie nur die Rückkehr von Herrn d’Epinay verzögert, und daß den Tag nach seiner Ankunft der Vertrag unterzeichnet werden wird.«
Ein schmerzlicher Seufzer öffnete die Brust des jungen Mannes; er schaute das Mädchen lang und traurig an und entgegnete sodann:
»Ah! es ist schrecklich, die Frau, die man liebt, ruhig sagen zu hören: »»Der Augenblick Deiner Hinrichtung ist bestimmte sie wird in einigen Stunden stattfinden.«« Doch gleichviel, es muß dies so sein, und ich meines Teils werde keinen Widerstand leisten. Wohl denn, da man, wie Sie sagen, nur Herrn d’Epinay erwartet, um den Vertrag zu unterzeichnen, da Sie den Tag nach seiner Ankunft ihm gehören werden, so sind Sie morgen mit Herrn d’Epinay verbunden, denn er ist heute in Paris angekommen.«
Valentine stieß einen Schrei aus.
»Ich war vor einer Stunde bei dem Grafen von Monte Christo,« fuhr Morrel fort; »wir sprachen, er von dem Schmerze Ihres Hauses, ich von Ihrem Schmerze, als plötzlich ein Wagen in den Hof rollte. Hören Sie, bis dahin glaubte ich nicht an Ahnungen, Valentine, aber nun muß ich wohl daran glauben: bei dem Geräusche dieses Wagens erfaßte mich ein Schauer; bald hörte ich Tritte auf der Treppe; der schallende Gang des Gouverneur hat Don Juan nicht so sehr erschreckt, als diese Tritte mich erschreckten. Endlich öffnet sich die Thüre, Albert von Morcerf erschien zuerst, ich zweifelte an mir selbst, ich glaubte, ich hätte mich getäuscht, als hinter ihm ein anderer junger Mann kam und der Graf ausrief:
»»Ah! der Herr Baron Franz d’Epinay!««
»Alles was ich an Kraft und Mut im Herzen habe, rief ich zu Hilfe, um mich zu fassen, zu bewältigen. Vielleicht erbleichte ich, vielleicht zitterte ich, aber sicherlich blieb ein Lächeln auf meinen Lippen; doch fünf Minuten nachher ging ich weg, ohne ein Wort von dem gehört zu haben, was während dieser fünf Minuten gesprochen wurde; ich war vernichtet.«
»Armer Maximilian!« murmelte Valentine.
»Und hier bin ich nun, Valentine. Antworten Sie mir, wie einem Manne, dem Ihre Antwort das Leben oder den Tod geben wird: was gedenken Sie zu tun?«
Valentine neigte das Haupt; sie war betäubt.
»Hören Sie,« sprach Morrel, »es ist nicht das erste Mal, daß Sie an die Lage denken, zu der wir nun gelangt sind; sie ist ernst, sie ist dringend, sie berührt die äußerste Grenze; ich glaube nicht, daß dies der Augenblick ist, um sich einem unfruchtbaren Schmerze hinzugeben: das mag gut für diejenigen sein, welche in Bequemlichkeit leiden und ihre Zähren nach Muße trinken wollen. Es gibt solche Menschen, und Gott wird ihnen im Himmel ohne Zweifel ihre Resignation hienieden in Rechnung bringen; aber wer den Willen in sich fühlt, zu kämpfen, Verliert nicht eine kostbare Zeit und gibt dem Schicksal den Schlag, den er von ihm empfangen hat, unmittelbar zurück. Sagen Sie Valentine, Ich komme, um Sie dies zu fragen, ist es Ihr Wille, gegen das schlimme Geschick zu kämpfen?«
Valentine bebte und schaute Morrel mit großen, stieren Augen an. Der Gedanke, ihrem Vater, ihrer Großmutter, ihrer ganzen Familie zu widerstehen, war ihr nicht einmal in den Kopf gekommen.
»Man sagen Sie, Maximilian?« fragte Valentine, »und was nennen Sie einen Kampf? O nennen Sie es eine Ruchlosigkeit! Wie, ich sollte gegen den Befehl meines Vaters, gegen den Wunsch meiner sterbenden Großmutter kämpfen? Das ist unmöglich.«
Morrel machte eine Bewegung.
»Sie sind ein zu edles Herz, um mich nicht zu verstehen, und Sie verstehen mich so gut, lieber Maximilian, daß ich Sie zum Stillschweigen gebracht sehe. Kämpfen, ich? Gott soll mich behüten! Nein, nein, ich bewahre meine ganze Kraft, um gegen mich selbst zu kämpfen und meine Zähren zu trinken, wie Sie sagen; meinen Vater betrüben, die letzten Augenblicke meiner Großmutter stören . . . niemals!«
»Sie haben ganz Recht,« sprach Morrel phlegmatisch.
»Mein Gott! wie Sie mir das sagen,« rief Valentine verletzt.
»Ich sage Ihnen das, wie ein Mann, der Sie bewundert, mein Fräulein,« erwiderte Maximilian.
»Mein Fräulein!« rief Valentine, »mein Fräulein, oh der Selbstsüchtige! er sieht mich in Verzweiflung und stellt sich, als ob er mich nicht verstünde.«
»Sie täuschen sich, ich verstehe Sie im Gegenteil vollkommen. Sie wollen Herrn von Villefort nicht ärgern, Sie wollen der Marquise nicht ungehorsam sein, und morgen unterzeichnen Sie den Vertrag, der Sie mit Ihrem Gatten verbindet.«
»Mein Gott, kann ich es denn anders machen?«
»Sie dürfen nicht an mich appellieren, mein Fräulein, denn ich bin ein schlechter Richter in dieser Sache, und meine Selbstsucht wird mich verblenden,« antwortete Morrel, dessen dumpfe Stimme, dessen geballte Fäuste eine wachsende Verzweiflung andeuteten.
»Was hätten Sie mir denn vorgeschlagen, Morrel, wurden Sie mich geneigt gesunden haben, Ihren Vorschlag anzunehmen? Lassen Sie hören, antworten Sie. Es genügt nicht, zu sagen: Sie machen die Sache schlecht, man muß auch einen Rath geben.«
»Sprechen Sie im Ernste, Valentine, soll ich Ihnen diesen Rath geben?«
»Gewiß, lieber Maximilian, denn wenn er gut ist, werde ich ihn befolgen: Sie wissen, ich bin treu in meiner Zuneigung.«
»Valentine,« sagte Morrel, indem er ein bereits getrenntes Brett vollends auf die Seite schob, gebe Sie mir Ihre Hand als Beweis, daß Sie mir meinen Grimm verzeihen; sehen Sie, mein Kopf ist ganz verstört, und seit einer Stunde haben die wahnsinnigsten Gedanken meinen Geist durchkreuzt. O! wenn Sie Meinen Rath zurückweisen würden . . . «
»Nun, dieser Rath?«
»Hier ist er, Valentine.«
»Das Mädchen schlug die Augen zum Himmel auf und stieß einen Seufzer aus.
»Ich bin frei,« fuhr Morrel fort, »ich bin reich genug für uns Beide; ich schwöre Ihnen vor Gott, daß Sie meine Frau sein werden, ehe meine Lippen Ihre Stirne berührt haben.«
»Sie machen mich zittern!« rief das Mädchen.
»Folgen Sie mir,« sprach Morrel; »ich führe Sie zu meiner Schwester, welche würdig ist, Ihre Schwester zu sein; wir schiffen uns nach Algier, nach England oder nach Amerika ein, wenn Sie nicht lieber wollen, daß wir uns in irgend eine Provinz zurückziehen. Wo wir, um nach Paris zurückzukehren, warten, bis unsere Freunde den Widerstand Ihrer Familie besiegt haben.«
Valentine schüttelte den Kopf und erwiderte:
»Ich sah dem entgegen, Maximilian: es ist der Rath eines Wahnsinnigen, und ich wäre noch viel wahnsinniger, als Sie, wenn ich Sie nicht auf der Stelle durch das einzige Wort: Unmöglich, Morrel, unmöglich zurückwiese.«
»Sie werden also Ihrem Schicksale folgen, wie es sich gestaltet und ohne es nur zu versuchen, dasselbe zu bekämpfen?« sagte Morrel verdüstert.
»Ja, und sollte ich darüber sterben.«
»Wohl! Valentine,« versetzte Maximilian. »ich wiederhole Ihnen noch einmal, Sie haben Recht. In der Tat, ich bin ein Narr, und Sie beweisen mir, das die Leidenschaft die richtigsten Geister verblendet. Ich danke Ihnen, die Sie ohne Leidenschaft urteilen. Es ist also eine abgemachte Sache; morgen sind Sie unwiderruflich mit Herrn Franz d’Epinay verlobt, und zwar nicht durch jene, zu Entwickelung der Komödienstücke erfundene Förmlichkeit des Theaters, welche man die Unterschrift des Vertrages nennt, sondern durch Ihren eigenen Willen.«
»Noch einmal, sage ich Ihnen, Maximilian, Sie bringen mich in Verzweiflung, noch einmal drehen Sie den Dolch in der Wunde um. Was würden Sie tun, wenn Ihre Schwester auf einen Rath hörte, wie der ist, welchen Sie mir geben?«
»Mein Fräulein,« erwiderte Morrel mit einem bittern Lächeln, »ich bin ein Selbstsüchtiger, wie Sie gesagt haben, und in meiner Eigenschaft als Selbstsüchtiger denke ich nicht an das, was Andere in meiner Lage tun würden, sondern an dass was ich zu tun beabsichtige. Ich denke, daß ich Sie seit einem Jahre kenne, daß ich von dem Tage an, wo ich Sie kennengelernt habe, alle meine Chancen des Glückes auf Ihre Liebe gesetzt habe; daß ein Tag gekommen ist, wo Sie mir sagten, Sie lieben mich; daß ich von diesem Tage an alle meine Chancen der Zukunft auf Ihren Besitz gesetzt habe; denn Ihr Besitz war mein Leben. Ich denke nun nichts mehr; ich sage mir nur, die Chancen haben sich gewendet, und ich hatte den Himmel zu gewinnen geglaubt und habe ihn verloren. Es geschieht alle Tage, daß ein Spieler nicht nur das verliert, was er hat, sondern auch das, was er nicht hat.«
Morrel sprach diese Worte mit einer vollkommenen Ruhe; Valentine schaute ihn einige Sekunden lang mit ihren großem forschenden Augen an und suchte die von Morrel nicht bis in die Unruhe dringen zu lassen, welche bereits im Grunde ihres Herzens brauste.
»Aber was wollen Sie denn am Ende tun?« fragte sie.
»Ich werde die Ehre haben, Ihnen Lebewohl zusagen, mein Fräulein, und wünsche Ihnen, Gott sei mein Zeuge, der meine Worte hört und in der Tiefe meines Herzens liest, und wünsche Ihnen ein so ruhiges, so glückliches, so erfülltes Leben, daß nicht einmal Platz darin ist für das Andenken an mich.«
»Oh!« murmelte Valentine.
»Gott befohlen, Valentine, leben Sie wohl!i« sprach Morrel, sich verbeugend.
»Wohin gehen Sie?« rief, ihre Hand durch das Gitter ausstreckend und Maximilian bei seinem Rocke fassend, Valentine, die nach ihrer inneren Aufregung schloß, daß die Ruhe ihres Geliebten nicht wahr sein konnte; »wohin gehen Sie?«
»Ich will mich bemühen, keine neue Störung in Ihre Familie zu bringen, und ein Beispiel geben, das alle ehrliche und ergebene Menschen, welche sich in meiner Lage befinden, befolgen mögen.«
»Ehe Sie mich verlassen, sagen Sie mir, was Sie zu tun gedenken, Maximilian.«
Der junge Mann lächelte traurig.
»Oh! sprechen Sie, sprechen Sie! ich bitte Sie.«
»Hat sich Ihr Entschluß geändert, Valentine?«
»Er kann sich leider nicht ändern! Sie wissen das wohl!« rief das junge Mädchen.
»Also Gott befohlen, Valentine.«
Valentine rüttelte an dem Gitter mit einer Kraft, der man sie nicht hätte fähig halten sollen, und als Morrel sich entfernte, streckte sie ihre Hände durch das Gitter, und faltete und rang sie und rief:
»Was werden Sie tun?« ich will es wissen, wohin gehen Sie?«
»Oh! seien Sie unbesorgt,« sprach Maximilian, drei Schritte von der Thüre stille stehend, »es ist nicht meine Absicht, einen andern Menschen für die Strenge verantwortlich zu machen, die das Schicksal gegen mich übt. Ein Anderer würde Ihnen drohen, Herrn Franz aufzusuchen, ihn herauszufordern und sich mit ihm zu schlagen. Alles dies wäre wahnsinnig. Was hat Franz mit dieser ganzen Geschichte zu tun? Er hat mich diesen Morgen zum ersten Male gesehen, er bat bereits vergessen, daß er mich gesehen; er wußte nicht einmal, daß ich lebte, als eine zwischen Ihren beiden Familien getroffene Übereinkunft entschied, daß Sie einander gehören sollten. Ich habe es also nicht mit Herrn Franz zu tun und schwöre Ihnen, daß ich mich durchaus nicht an ihn halten werde.«
»An wen wollen Sie sich denn halten? an mich?«
»An Sie, Valentine! Oh, Gott soll mich bewahren! Die Frau ist geheiligt, die Frau, die man liebt, ist heilig.«
»Also an Ihre eigene Person, Unglücklicher!«
»Nicht wahr, ich bin der Schuldige?«
»Maximilian, Maximilian, kommen Sie hierher, ich will es haben!« rief Valentine.
Maximilian näherte sich mit seinem sanften Lächeln, und, abgesehen von seiner Blässe, hatte man glauben können, er befände sich in seinem gewöhnlichen Zustande.
»Hören Sie mich, meine liebe, meine angebetete Valentine,« sprach er mit seiner wohlklingenden, ernsten Stimme, »Leute wie wir, welche nie einen Gedanken gebildet haben, worüber sie hätten müssen vor der Welt, vor ihren Eltern, oder vor Gott erröten; Leute wie wir können einander im Herzen lesen, wie in einem offenen Buche. Ich habe nie einen Roman gespielt, ich bin nie ein schwermütiger Held gewesen, ich trete nicht als Manfred oder als Antony auf; doch ohne Worte, ohne Beteuerungen, ohne Schwüre hatte ich mein Leben in Sie gesetzt, Sie entsprechen mir nicht und Sie haben Recht, so zu handeln, das habe ich Ihnen gesagt, und wiederhole es; aber Sie entsprechen mir am Ende nicht, und mein Leben ist verloren. Sobald Sie sich von mir entfernen, Valentine, bleibe ich allein auf der Welt. Meine Schwester ist glücklich bei ihrem Gatten; ihr Gatte ist nur mein Schwager, das heißt ein Mensch, den allein die gesellschaftliche Übereinkunft mit mir verbindet; Niemand bedarf also auf Erden meines unnütz gewordenen Daseins. Hören Sie, was ich tun werde: ich warte bis zur letzten Sekunde Ihrer Verheiratung, denn ich will keinen Schatten von einem jener unverhofften Wechselfälle verlieren, welche uns das Schicksal bisweilen aufbewahrt . . . Herr Franz d’Epinay kann bis dahin sterben, in dem Augenblick, wo Sie sich dem Altar nähern, kann der Blitz auf denselben fallen . . . Alles scheint dem zum Tode Verurteilten glaublich, und die Wunder kehren für ihn in die Klasse des Möglichen zurück, sobald es sich um die Rettung seines Lebens handelt. Ich werde also bis zum letzten Augenblick warten, sage ich, und wenn mein Unglück gewiss, unwiderruflich, ohne Hoffnung ist, schreibe ich einen vertraulichen Brief an meinen Schwager, einen andern an den Polizeipräfecten, um ihnen von meinem Vorhaben Nachricht zu geben, und zerschmettere mir am Saume irgend eines Waldes, am Rande irgendeines Grabens, am Ufer irgend eines Flusses die Hirnschale, so wahr ich der Sohn des ehrlichsten Mannes bin, der je in Frankreich gelebt hat.«
Ein krampfhaftes Zittern schüttelte die Glieder von Valentine, sie ließ das Gitter los, das sie mit beiden Händen hielt, ihre Arme fielen an ihrer Seite herab, und zwei schwere Tränen rollten über ihre Wangen.
Der junge Mann blieb düster und entschlossen vor ihr stehen.
»Oh Mitleid, Mitleid! nicht wahr, Sie werden leben?« rief Valentine.
»Nein, bei meiner Ehre!« entgegnete Maximilian; »doch was ist Ihnen daran gelegen? Sie haben Ihre Pflicht getan, und es bleibt Ihnen Ihr Gewissen.«
Valentine fiel, ihr brechendes Herz zusammenpressend, auf die Knie und rief:
»Maximilian. Maximilian, mein Freund. Mein Bruder auf der Erde, mein wahrer Gatte im Himmel, mache es wie ich, ich bitte Dich, lebe mit den Leiden, wir werden eines Tages Vereinigt sein.«
»Leben Sie wohl, Valentine!« wiederholte Morrel.
»Mein Gott!« sprach Valentine. ihre Hände mit einem erhabenen Ausdruck zum Himmel erhebend, »Du siehst, ich habe Alles getan, was ich konnte, um eine gehorsame Tochter zu bleiben; ich habe gebetet, ich habe gefleht, ich habe geweint, er hörte weder auf meine Bitten, noch auf mein Flehen, noch auf meine Tränen. Wohl!« fuhr sie fort, indem sie ihre Tränen trocknete und ihre Fertigkeit wieder gewann, »wohl! ich will nicht vor Gewissensbissen sterben, ich will lieber vor Scham sterben. Sie werden leben, Maximilian, und ich werde Niemand gehören, als Ihnen. Zu welcher Stunde? In welchem Augenblick? auf der Stelle? Sprechen Sie, befehlen Sie. ich bin bereit.«
Morrel, der abermals-einige Schritte gemacht hatte, um sich zu entfernen, kehrte wieder zurück, streckte, bleich vor Freude, mit überwallendem Herzen, seine Hände Valentine entgegen und rief:
»Valentine, teuere Freundin, Sie müssen nicht so mit mir sprechen, oder Sie geben mir den Tod. Warum sollte ich Sie der Gewalt verdanken, wenn Sie mich lieben, wie ich Sie liebe! Zwingen Sie mich nur aus Menschlichkeit, zu leben? Dann will ich lieber sterben.«
»Im Ganzen, wer liebt mich auf der Welt?« murmelte Valentine. »er. Wer hat mich in allen meinen Schmerzen getröstet? er. Auf wem beruhen alle meine Hoffnungen? auf wem haftet mein irrer Blick? Auf wem rastet mein blutendes Herz? Auf ihm, auf ihm, immer auf ihm. Wohl! Du hast, Recht, Maximilian, ich werde Dir folgen, ich werde das väterliche Haus, ich werde Alles verlassen. Oh! ich Undankbare,« rief Valentine schluchzend, »Alles, sogar meinen guten Großvater, den ich völlig vergaß.«
»Nein,« entgegnete Maximilian, »Du wirst ihn nicht verlassen. Herr Noirtier schien, wie Du sagst, Sympathie für mich zu fühlen; wohl, ehe Du fliehst, teilst Du ihm Alles mit; Du machst Dir vor Gott aus seiner Einwilligung eine Aegide; sobald wir dann verheiratet sind, kommt er zu uns und hat statt eines Kindes zwei. Du hast mir erzählt, wie Du mit ihm sprichst,« und wie er antwortete ich werde rasch diese rührende Zeichensprache lernen; oh! Valentine, ich schwöre es Dir, statt der Verzweiflung, die uns erwartete, ist es das Glück, was ich Dir verspreche.«
»Oh! siehe, Maximilian, siehe, wie groß die Gewalt ist, die Du über mich ausübst; Du machst mich beinahe an das glauben, was Du sagst, und dennoch ist das, was Du sagst, wahnsinnig, denn mein Vater wird mich verfluchen, ich kenne ihn, mit seinem unbeugsamen Herzen wird er mir nie vergeben. Höre mich Maximilian, wenn ich durch List, durch Bitten, durch einen Zufall, was weiß ich? Kurz, durch irgend ein Mittel die Heirat verzögern kann, nicht wahr, dann wartest Du?«
»Ja, ich schwöre es Dir, wie Du mir schwörst, daß diese verhaßte Heirat nie stattfinden wird, daß Du schleppt man Dich vor den öffentlichen Beamten, vor den Priester, stets Nein sagen wirst.«
»Ich schwöre es Dir, Maximilian, bei dem, was ich Heiligstes auf Erden habe, bei meiner Mutter.«
»Warten wir also,« sprach Morrel.
»Ja, warten wir,« versetzte Valentine, welche dieses Wort kaum atmete; »es gibt so viele Dinge, welche Unglückliche, wie wir sind, retten können.«
»Ich baue auf Dich, Valentine,« sprach Morrel, »Alles, was Du tun wirst, ist wohlgetan; wenn man jedoch Deinen Bitten kein Gehör schenkt, wenn Dein Vater, wenn Frau von Saint-Meran verlangen, daß man Herrn d’Epinay rufe, um den Vertrag zu unterzeichnen . . . «
»So hast Du mein Wort, Morrel.«
»Statt zu unterzeichnest . ..«
»Komme ich zu Dir und wir fliehen, aber bis dahin wollen wir Gott nicht mehr versuchen, Morrel, wir wollen uns nicht sehen, denn es ist ein Wunder, eine Gnade der Vorsehung, daß wir noch nicht überrascht worden sind; würde man uns überraschen, wüßte man, wie wir uns sehen, und wir hätten wir kein Mittel mehr.«
»Du hast Recht, Valentine, aber wie erfahren . . . «
»Durch den Notar, Herrn Deschamps.«
»Ich kenne ihn.«
»Und durch mich selbst. Glaube mir, ich werde Dir schreiben. Mein Gott! Maximilian, diese Heirat ist mir so verhaßt, als Dir.«
»Gut! Gut! ich danke, meine angebetete Valentine. Nun ist Alles abgemacht, sobald ich die Stunde weiß, eile ich hierher, Du springst über diese Mauer in meine Arme, die Sache wird Dir leicht werden; ein Wagen erwartet uns an der Thüre des Geheges, Du steigst mit mir ein, ich führe Dich zu meiner Schwester; unbekannt, wenn es Dir zusagt, Lärmen machend, wenn Du es wünschest, werden wir dort das Bewußtsein unserer Kraft und unseres Willens haben, und uns nicht erwürgen lassen wie das Lamm, das sich nur durch seine Seufzer verteidigt.«
»Es sei so, ich sage Dir ebenfalls: was Du thust ist wohlgetan.«
»Oh!«
»Wohl, bist Du zufrieden mit Deiner Frau?« sprach das junge Mädchen traurig.
»Meine angebetete Valentine, ja sagen, heißt sehr wenig sagen.«
»Sage es immerhin.«
Valentine hatte sich oder vielmehr ihre Lippen dem Gitter genähert, und ihre Worte schlüpften mit ihrem duftenden Hauch auf die Lippen von Morrel, der seinen Mund fest auf die andere Seite der kalten, unerbittlichen Scheidewand drückte.
»Auf Wiedersehen,« sprach Valentine, sich diesem Glücke entreißend, »auf Wiedersehen.«
»Ich bekomme einen Brief von Dir?«
»Ja.«
»Ich danke, teure Frau, auf Wiedersehen.«
Das Geräusch eines unschuldigen und verlorenen Kusses erscholl, und Valentine entfloh unter die Linden.
Morrel horchte auf die letzten Töne ihres an den Hecken sich streifenden Kleides und ihrer Füße welche den Sand krachen machten, schlug dann die Augen mit einem unaussprechlichen Lächeln zu dem Himmel auf, der es gestattete, daß er so geliebt wurde, und verschwand ebenfalls.
Der junge Mann kehrte nach Hause zurück und wartete den ganzen übrigen Tag hindurch und den ganzen nächsten Tag, ohne etwas zu erhalten. Erst am zweiten Tage, gegen zehn Uhr Morgens und als er eben zu Herrn Deschamps dem Notar, gehen wollte. Empfing er durch die Post ein kleines Billet, das er sogleich als von Valentine herrührend, erkannte, obgleich er ihre Handschrift nie gesehen hatte.
Es war in folgenden Worten abgefaßt:
»Tränen, Bitten und Flehen, nichts hat gefruchetet. Gestern bin ich zwei Stunden lang in der Kirche Saint-Philippe-du-Roule gewesen und habe zwei Stunden aus dem Grunde meiner Seele zu Gott gebeten Gott ist unempfindlich, wie die Menschen, und man hat die Unterzeichnung des Vertrags auf neun Uhr diesen Abend festgesetzt.
»Ich habe nur ein Wort Morrel, wie ich nur ein Herz habe, und dieses Wort ist Dir verpfändet, dieses Herz gehört Dir. Diesen Abend also, um drei Viertel auf neun Uhr am Gitter.
Deine Frau,
Valentine von Villefort
N.S.
»Mit meiner Großmutter geht es immer schlechter, gestern ist ihr gereizter Zustand in Delirium übergegangen, heute ist das Delirium beinahe Wahnsinn.
»Nicht wahr, Du wirst mich sehr lieben, Morrel, um mich vergessen zu machen, daß ich sie in diesem Zustande verlassen habe?
»Ich glaube, man verbirgt Großpapa Noirtier, daß die Unterzeichnung des Vertrages diesen Abend stattfinden soll.«
Morrel begnügte sich nicht mit den Nachrichten, die ihm Valentine gab, er ging zu dem Notar und dieser bestätigte ihm, die Unterzeichnung des Vertrages sei auf neun Uhr Abends bestimmt.
Dann begab er sich zu Monte Christo; hier war es abermals, wo er am meisten erfuhr: Franz war beidem Grafen gewesen, um ihm diese Feierlichkeit anzukündigen; Frau von Villefort hatte ihn in einem Brief um Entschuldigung gebeten, daß sie ihn nicht einlade, doch es werde durch den Tod von Herrn von Saint-Meran und durch den Zustand, in dem sich seine Witwe befinde, über diese Versammlung ein Schleier der Traurigkeit geworfen, durch den sie die Stirne des Grafen, welchem sie jegliches Glück wünsche, nicht verdüstern wolle. Am Abend war Franz Frau von Saint-Meran vorgestellt worden, welche für diese Vorstellung das Bett verließ und sich dann sogleich wieder niederlegte.
Morrel wie sich dies leicht begreifen läßt, befand sich in einem so aufgeregten Zustande, daß es einem so durchdringenden Auge, wie es das Auge des Grafen war, nicht entgehen konnte; Monte Christo war auch freundlicher und liebevoller gegen ihn, als je, so liebevoll, daß Maximilian wiederholt auf dem Punkte war, ihm Alles zu sagen. Doch er erinnerte sich des förmlichen Versprechens, das er Valentine gegeben hatte, und sein Geheimnis blieb im Grunde seines Herzens.
Der junge Mann las zwanzigmal an diesem Tag den Brief von Valentine. Es war das erste Mal, daß sie ihm schrieb, und zwar bei welcher Veranlassung! So oft er diesen Brief wieder las, erneuerte sich Maximilian den Schwur, Valentine glücklich zu machen. Welche Macht erlangt nicht ein junges Mädchen, das einen so mutigen Entschluß faßt, welche Ergebenheit verdient es nicht von Seiten denjenigen, welchem es Alles geopfert hat! Wie muß es nicht wirklich für seinen Geliebten der erste und würdigste Gegenstand seiner Verehrung sein! Denn es ist zugleich die Königin und die Frau, und man hat nicht genug an einer Seele, um einem solchen Mädchen zu danken und es zu lieben.
Morrel dachte mit unaussprechlicher Unruhe an den Augenblick, wo Valentine zu ihm kommen und sagen würde: »Hier bin ich, Maximilian; nimm mich.«
Er hatte diese ganze Flucht angeordnet: zwei Leitern waren in der Luzerne des Geheges verborgen; ein Cabriolet, das Maximilian selbst führen sollte, wartete; kein Diener, kein Licht; an der Mündung der ersten Straße würde man die Laternen anzünden, denn man wollte nicht in die Hände der Polizei fallen.
