Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 68
Fünfzehntes Kapitel.
Brot und Salz
Frau von Morcerf trat mit ihrem Begleiter unter das Gewölbe von Blätterwerk: dieses Gewölbe war eine Lindenallee, welche nach einem Treibhause führte.
»Nicht wahr, es war heiß im Salon, Herr Graf?,« sagte sie.
»Ja, Madame. und Ihr Gedanke, die Thüren und Läden öffnen zu lassen, ist ein vortrefflicher Gedanke.«
Als der Graf diese Worte vollendete, bemerkte er, daß die Hand von Mercedes zitterte.
»Doch Sie,« sagte er, »mit diesem leichten Kleide und ohne ein anderes Schutzmittel um den Hals, als diese Scharpe von Gaze, Sie haben vielleicht kalt?«
»Wissen Sie, wohin ich Sie führe?« sprach die Gräfin, ohne auf die Frage von Monte Christo zu antworten.
»Nein, Madame,« antwortete dieser, »doch Sie sehen, ich leiste keinen Widerstand.«
»In das Treibhaus, das Sie dort am Ende der Allee erblicken.«
Der Graf schaute Mercedes an, als wollte er sie befragen, doch sie setzte ihren Weg fort, ohne etwas zu sagen, und Monte Christo blieb stumm.
Man gelangte in das Gebäude, das ganz mit herrlichen Früchten ausgeschmückt war, welche schon am Anfang des Juli unter dieser, stets aus Ersetzung der bei uns oft fehlenden Sonnenhitze berechneten, Temperatur reiften.
Mercedes verließ den Arm des Grafen und pflückte an einem Rebstock eine Muskattraube.«
Nehmen Sie, Herr Graf,« sprach sie mit einem so traurigen Lächeln, daß man hätte können die Tränen am Rande ihrer Augen hervorbrechen sehen, »ich weiß wohl, unsere französischen Trauben sind nicht mit denen von Sicilien und Cypern zu vergleichen, doch Sie werden gegen unsere nördliche Sonne nachsichtig sein.«
Der Graf verbeugte sich und machte einen Schritt rückwärts.
»Sie schlagen eo mir ab?« fragte Mercedes mit zitternder Stimme.
»Madame,« antwortete Monte Christo, »ich bitte Sie demütigst um Entschuldigung, aber ich esse nie Muskat.«
Eine herrliche Pfirsich hing an einem, wie die Weinrebe, durch die künstliche Hitze des Treibhauses erwärmten Spaliere. Mercedes näherte sich der sammetartigen Frucht und pflückte sie.
»Nehmen Sie diese Pfirsich,« sagte die Gräfin.
Doch der Graf machte dieselbe Gebärde der Weigerung.
»Abermals!« sprach sie mit einem so schmerzlichen Tone, daß man fühlen konnte, wie dieser Ton ein Schluchzen unterdrückte, »in der Tat, ich habe Unglück.«
Ein banges Stillschweigen folgte auf diese Szene, die Pfirsich war wie die Traube auf den Sand gefallen.
»Mein Herr Graf,« sprach Mercedes Monte Christo mit flehendem Auge anschauend, »es gibt eine rührende arabische Sitte, die auf ewig diejenigen zu Freunden macht, welche Brot und Salz unter demselben Dache geteilt haben.«
»Ich kenne sie, Madame,« antwortete der Graf, »doch wir sind in Frankreich und nicht in Arabien, und in Frankreich gibt es eben so wenig ewige Freundschaften, als eine Teilung von Salz und Brot.«
»Doch sprechen Sie,« sagte die Gräfin stammelnd und ihre Augen auf die Augen von Monte Christo heftend, den sie mit ihren beiden Händen am Arme faßt, »nicht wahr, wir sind Freunde?«
Das Blut floß zu dem Herzen des Grafen zurück, und er wurde bleich wie der Tod, dann stieg es von dem Herzen in den Schlund, überströmte seine Wangen, und seine Augen schwammen ein paar Sekunden lang im weiten Raume, wie die eines von einem Blendwerke getroffenen Menschen.
»Gewiß sind wir Freunde, Madame,« erwiderte er, »warum sollten wir es übrigens nicht sein?«
Dieser Ton war so weit von dem entfernt, welchen Frau von Morcerf zu hören wünschte, daß sie sich umwandte, um einen Seufzer entströmen zu lassen, der einem Stöhnen glich.
»Ich danke,« sprach sie und schritt vorwärts.
So machten sie einen Gang durch den Garten, ohne ein einziges Wort zu sprechen.
»Mein Herr,« sagte plötzlich die Gräfin nach zehn Minuten einer schweigsamen Wanderung, »ist es wahr, daß Sie so viel gesehen, so viele Reisen gemacht, soviel gelitten haben?«
»Ja, Madame, ich habe viel gelitten,« antwortete Monte Christo.
»Aber nun sind Sie glücklich?«
»Allerdings,« erwiderte der Graf, »denn Niemand hört mich klagen.«
»Und Ihr gegenwärtiges Glück hat Ihre Seele besänftigt?«
»Mein gegenwärtiges Glück kommt meinem vergangenen Unglück gleich.«
»Sind Sie nicht verheiratet?« fragte die Gräfin.
»Ich, verheiratet?« entgegnete Monte Christo bebend, »wer konnte Ihnen dies sagen?«
»Man hat es mir nicht gesagt, aber man hat Sie wiederholt eine junge hübsche Person in die Oper führen sehen.«
»Es ist eine Sklavin, die ich in Constantinopel gekauft, Madame, es ist die Tochter eines Fürsten, aus der ich meine Tochter mache, da ich keine andere Zuneigung auf Erden habe.«
»Sie leben also allein?«
»Ich lebe allein.«
»Sie haben keine Schwester . . . keinen Sohn . . . keinen Vater?«
»Ich habe Niemand.«
»Wie können Sie so leben, ohne daß Sie etwas an das Daseins bindet?«
»Das ist nicht mein Fehler, Madame. In Malta hatte ich eine Geliebte, ich wollte sie heiraten, als der Krieg kam und mich wie ein Sturmwind fern von ihr führte. Ich hatte geglaubt, sie liebte mich hinreichend, um mich zu erwarten und sogar meinem Grabe treu zu bleiben. Bei meiner Rückkehr war sie verheiratet. Das ist die Geschichte von jedem Manne, der das Alter von zwanzig Jahren durchgemacht hat. Ich hatte vielleicht ein schwächeres Herz, als die Andern, und litt mehr als Andere an meiner Stelle gelitten haben würden.«
Die Gräfin blieb einen Augenblick stehen, als bedürfte sie dieses Haltes um Atem zu schöpfen.
»Ja,« sprach sie, »und diese Liebe ist Ihnen im Herzen geblieben . . . Man liebt nur einmal wirklich . . . Und Sie haben diese Frau nie wiedergesehen?«
»Nie.«
»Nie!«
»Ich bin nicht in das Land, wo sie war, zurückgekehrt.«
»Auch Malta?«
»Ja, nach Malta,«
»Sie ist also in Malta?«
»Ich glaube.«
»Und haben Sie ihr die Leiden vergeben. die sie Ihnen bereitete?«
»Ihr, ja.«
»Doch nur ihr; Sie hassen immer noch diejenigen, welche Sie von ihr getrennt haben?«
»Ich, keines Wegs; warum sollte ich sie hassen?«
Die Gräfin stellte sich Monte Christo gegenüber, sie hielt noch ein Stück von der duftenden Traube in der Hand.
»Nehmen Sie,« sagte Mercedes.
»Ich esse nie Muskat, Madame,« erwiderte Monte Christo, als ob noch nie hiervon unter ihnen die Rede gewesen wäre.
Die Gräfin schleuderte die Traube mit einer Gebärde der Verzweiflung in das nächste Gebüsch.
»Unbeugsam!« murmelte sie.
Monte Christo blieb so unempfindlich, als gälte der Vorwurf gar nicht ihm.
Albert lief in diesem Augenblick herbei und rief:
»Oh! meine Mutter, ein großes Unglück!«
»Was ist geschehen?« fragte die Gräfin, und richtete sich, wie nach einem Traume zur Wirklichkeit erwachend, hoch auf; »ein Unglück sagst Du? In der Tat, es muß Unglück geschehen!«
»Herr von Villefort ist hier,«
»Nun?«
»Er kommt, um seine Frau und seine Tochter zu holen.«
»Warum dies?«
»Die Frau Marquise von Saint-Meran ist mit der Nachricht in Paris angelangt, Herr von Saint-Meran sei bei seiner Abreise von Marseille auf der ersten Station gestorben; Frau von Villefort, welche sehr heiter war. wollte dieses Unglück weder begreifen, noch glauben, doch Fräulein von Villefort erriet, so vorsichtig ihr Vater auch zu Werke ging, bei den ersten Worten Alles. Dieser Schlag traf sie wie der Donner, und sie sank ohnmächtig nieder.«
»Was ist denn Herr von Saint-Meran für Fräulein von Villefort?« fragte der Graf.
»Ihr Großvater von mütterlicher Seite. Er wollte hierherkommen, um die Heirat von Franz und seiner Enkelin zu beschleunigen.«
»Ah! wirklich?«
»Franz hat nun Aufschub. Warum ist Herr von Saint-Meran nicht eben so gut auch der Großvater von Fräulein Danglars?«
»Albert! Albert!« versetzte Frau von Morcerf im Tone zarten Vorwurfs, »was sagst Du da? Ah! Mein Herr Graf, Sie, für den er so große Achtung hegt, sagen Sie ihm, daß er schlimm gesprochen habe!«
Und sie machte einige Schritte vorwärts.
Monte Christo schaute sie so seltsam und mit einem zugleich so träumerischen und von liebevoller Bewunderung erfüllten Ausdruck an, daß sie zurückkehrte.
Dann nahm sie seine Hand, drückte zugleich die ihres Sohnes und sprach beide vereinigend:
»Nicht wahr, wir sind Freunde?«
»Oh! Ihr Freund, Madame, »erwiderte Monte Christo, »ich habe nicht diese Anmaßung, doch jedenfalls bin ich Ihr ehrerbietiger Diener.«
Die Gräfin entfernte sich mit unaussprechlich gepreßtem Herzen, und ehe sie zehn Schritte gemacht hatte, sah sie der Graf ihr Taschentuch an die Augen drücken
»Sind Sie nicht einhellig, meine Mutter und Sie?« fragte Albert erstaunt.
»Im Gegenteil, da sie mir in Ihrer Gegenwart gesagt hat, wir wären Freunde,« antwortete der Graf.
Und sie kehrten in den Salon zurück, den Valentine und Herr und Frau von Villefort so eben verlassen hatten.
Es versteht sich von selbst, daß Morrel hinter ihnen weggegangen war.
Sechzehntes Kapitel.
Frau von Saint Meran
Es war wirklich eine düstere Szene in dem Hause von Herrn von Villefort vorgefallen.
Nachdem die zwei Damen auf den Ball abgegangen, wohin sie zu begleiten alle Bitten von Frau von Villefort ihren Gatten nicht vermocht hatten, schloß sich der Staatsanwalt, seiner Gewohnheit gemäß, in sein Cabinet mit einem Haufen von Akten ein, welche jeden Andern erschreckt hätten, die jedoch, in den gewöhnlichen Zeiten seines Lebens, kaum genügten, um seinen kräftigen Arbeitsappetit zu befriedigen.
Doch diesmal waren die Aktenstöße nur Sache der Form, Villefort schloß sich nicht ein um zu arbeiten, sondern um nachzudenken; nachdem der Befehl gegeben war, ihn nur bei Vorfällen von großer Wichtigkeit zu stören, setzte er sich in seinen Lehnstuhl und fing noch einmal an, in seinem Gedächtnis Alles zu durchgehen, was seit sieben bis acht Tagen den Becher seines finstern Kummers und seiner bitteren Erinnerungen überströmen machte.
Statt die vor ihm aufgehäuften Aktenstöße anzugreifen, öffnete er sodann eine Schublade seines Bureau und zog den Bund seiner persönlichen Noten hervor, . . kostbare Manuscripte, unter denen er mit Ziffern, die nur ihm bekannt waren, die Namen aller derjenigen classificirt und mit Etiquetten versehen hatte, welche auf seiner politischen Laufbahn, bei seinen Geldangelegenheiten, bei seinen Verfolgungen vor Gericht oder bei seinen geheimnisvollen Liebschaften seine Feinde geworden waren.
Ihre Zahl war furchtbar, heute wo er zu zittern anfing; und dennoch hatten ihn alle diese Namen, so mächtig und so furchtbar sie auch waren, oftmals lächeln gemacht, wie der Reisende lächelt, der von dem höchsten Gipfel des Gebirges herab zu seinen Füßen die spitzigen Felsen, die rauhen, beschwerlichen Wege und die Ränder der Abschüsse erblickt, an denen er, um auf die Höhe zu gelangen, so lange und auf eine so peinliche Weise hatte umher klettern müssen.
Als er alle diese Namen in seinem Gedächtnis durchgangen, als er sie wiedergelesen, gut studiert und in seinen Listen mit Commentaren versehen hatte, schüttelte er den Kopf und murmelte:
»Nein, keiner dieser Feinde hätte geduldig und in der Stille arbeitend bis zu dem Tage gewartet, zu dem wir nun gelangt sind, um mich nun erst mit diesem Geheimnis niederzuschmettern. Zuweilen, wie Hamlet sagt, dringt das Geräusch der am tiefsten verborgenen Dinge aus der Erde hervor und läuft, wie die Feuer des Phosphors, auf eine tolle Weise in der Luft umher: doch dies sind Flammen, welche einen Augenblick leuchten, um irre zu leiten. Die Geschichte wird durch den Corsen irgend einem Priester erzählt worden sein, der sie seinerseits wiederum erzählt hat. Herr von Monte Christo wird sie erfahren haben, und um sich aufzuklären . . . «
»Doch, wozu sich aufklären?« fuhr Herr von Villefort nach kurzem Nachdenken fort; »welches Interesse kann Herr von Monte Christo. Herr Zaccone, der Sohn eines Reeders von Malta, der Ausbeuter eines Silberbergwerks in Thessalien, der zum ersten Male nach Frankreich kommt, welches Interesse kann er haben. Sich über eine düstere, geheimnisvolle Tatsache, wie diese aufzuklären? Mitten aus den unzusammenhängenden Nachrichten, die mir von diesem Abbé Busoni und von diesem Lord Wilmore, von dem Freunde und dem Feinde gegeben worden sind, tritt Eines klar, genau. Scharf und offen vor meine Augen: in keiner Zeit, in keinem Fall, unter keinen Umständen kann die geringste Berührung zwischen ihm und mir stattgefunden haben.«
Doch Herr von Villefort sagte sich diese Worte, ohne selbst an das zu glauben, was er sagte. Das Schrecklichste für ihn war nicht die Enthüllung, denn er konnte leugnen oder sogar antworten; er kümmerte sich wenig um das: »Mene, tekel, upharsin,« das plötzlich in blutigen Buchstaben an der Wand erschien; aber er bekümmerte sich darum, den Körper kennen zu lernen, dem die Hand gehörte, die es gezogen hatte.
In dem Augenblick, wo er sich selbst zu beruhigen suchte und sich, statt der politischen Zukunft, die er in seinen ehrgeizigen Träumen zuweilen in der Ferne erblickt hatte, aus Furcht, diesen seit langer Zeit schlummernden Feind zu wecken, eine auf die Freuden des häuslichen Herdes beschränkte Zukunft bildete, erscholl das Geräusch einen Wagens im Hofe; dann hörte er auf seiner Treppe den Gang einer betagten Person und Schluchzen und Weheklagen, wie dies die Diener finden, wenn sie sich durch den Schmerz ihrer Herren interessant machen wollen.
Er beeilte sich den Riegel seinen Cabinets zurückzuziehen, und bald trat eine alte Dame, ohne angemeldet zu sein, ihren Shawl auf dem Arm und ihren Hut in der Hand, ein. Unter ihren weißen Haaren trat eine Stirne, matt wie vergelbtes Elfenbein, hervor, und ihre Augen, in deren Ecken das Alter tiefe Runzeln gegraben hatte, verschwanden beinahe unter der Anschwellung durch Tränen.
»Oh! mein Herr,« sprach sie, »oh! mein Herr, welch ein Unglück, ich werde auch sterben; oh! Ja, ich sterbe sicherlich ebenfalls.«
Und sie sank in den Lehnstuhl, der zunächst bei der Thüre stand, und brach in ein Schluchzen aus.
Die Bedienten, welche auf der Schwelle standen und nicht weiter zu gehen wagten, schauten den alten Diener von Noirtier an, der, als er das Geräusch aus den Zimmern seines Herrn hörte, herbeilief und sich hinter sie stellte.
Villefort stand auf und ging auf seine Schwiegermutter zu, denn sie war es.
»Ei, mein Gott! was ist denn vorgefallen?« fragte er, »was beugt Sie so sehr nieder? Begleitet Sie Herr von Saint-Meran nicht?«
»Herr von Saint-Meran ist tot.« sprach die alte Marquise, ohne Einleitung, ohne Ausdruck und mit einer Art von Stumpfsinn.
Villefort wich einen Schritt zurück, schlug seine Hände an einander und stammelte:
»Todt!… so gestorben, so plötzlich gestorben?«
»Vor acht Tagen,« sprach Frau von Saint-Meran, stiegen wir nach Tische mit einander in den Wagen. Herr von Saint-Meran war seit einiger Zeit leidend, doch der Gedanke, unsere liebe Valentine wiederzusehen, machte ihn mutig, und er wollte trotz seiner Schmerzen abreisen, als er sechs Stunden von Marseille, nachdem er seine gewöhnlichen Pillen verschluckt hatte, von einem so tiefen Schlafe ergriffen wurde, daß mir die Sache nicht natürlich dünkte; ich zögerte jedoch, ihn aufzuwecken; plötzlich kam es mir vor, als röthete sich sein Gesicht und als schlügen die Adern seiner Schläfen heftiger als gewöhnlich. Da jedoch die Nacht eingebrochen war und ich nichts mehr sah, so ließ ich ihn schlafen; bald stieß er einen dumpfen, schmerzhaften Schrei aus, wie ein Mensch, der im Traume leidet, und warf mit einer ungestümen Bewegung seinen Kopf zurück. Ich ließ den Postillon halten, ich rief Herrn von Saint-Meran, wollte ihn an meinem Flacon mit flüchtigen Salzen riechen lassen: Alles war vorbei, er war tot, und ich kam Seite an Seite mit seinem Leichnam in Aix an.«
Villefort stand ganz verwundert und mit offenem Munde vor der alten Dame.
»Sie ließen ohne Zweifel einen Arzt rufen?«
»Auf der Stelle, doch es war, wie gesagt, zu spät.«
»Allerdings, aber er vermochte doch wenigstens zu erkennen, an welcher Krankheit der arme Marquis gestorben war.«
»Mein Gott! ja, mein Herr, er sagte mir, es scheine. es sei ein Schlagfluß gewesen.«
»Und was thaten Sie sodann?«
»Herr von Saint-Meran äußerte sich stets gegen mich, wenn er fern von Paris sterben würde, so wünschte er, daß man seinen Körper in die Familiengruft brächte. Ich ließ ihn in einen bleiernen Sarg legen und reiste ihm um ein paar Tage voran.«
»O mein Gott! arme Mutter!« sprach Villefort, »solche Sorgen, nach einem solchen Schlage, und zwar in Ihrem Alter!«
»Gott hat mir bis zum Ende Kraft verliehen; überdies hätte er sicherlich für mich getan, was ich für ihn getan habe. Es ist wahr, seitdem ich ihn dort verließ, komme ich mir wie wahnsinnig vor. Ich kann nicht mehr weinen; wohl sagt man, in meinem Alter habe man keine Tränen mehr; es scheint mir jedoch, so lange man leidet, sollte man weinen können. Wo ist Valentine, mein Herr? Ihr zu Liebe kehrten wir zurück; ich will Valentine sehen.«
Villefort dachte, es wäre furchtbar, zu antworten, Valentine befände sich auf einem Ball, und sagte der Marquise nur, ihre Enkelin wäre mit ihrer Stiefmutter ausgefahren und man würde sie benachrichtigen.
»Auf der Stelle, mein Herr, auf der Stelle, ich bitte Sie,« sprach die alte Dame.
Villefort nahm unter seinen Arm den von Frau von Saint-Meran und führte sie in ihre Wohnung.
»Ruhen Sie aus, meine Mutter,« sagte er.
Die Marquise schaute bei diesen Worten empor, und als sie den Mann sah, der sie an ihre so sehr beklagte Tochter erinnerte, welche für sie in Valentine wiederauflebte, fühlte sie sich durch den Namen Mutter erschüttert, brach in Tränen aus und sank auf die Knie vor einem Fauteuil, in welchem sie ihr ehrwürdiges Haupt begrub.
Villefort empfahl sie der Sorge der Frauen, während der alte Barrois ganz, erschrocken wieder zu seinem Herrn hinaufstieg, denn nichts erschreckt die Greise so sehr, als wenn der Tod einen Augenblick ihre Seite verläßt, um einen andern Greis zu treffen.
Während Frau von Saint-Meran immer noch kniend aus der Tiefe ihres Herzens betete, ließ Villefort einen Wagen kommen und suchte bei Frau von Morcerf seine Frau und seine Tochter selbst auf, um sie nach Hause zu führen.
Er war so bleich, als er auf der Schwelle des Salon erschien, daß ihm Valentine mit dem Ausruf entgegenlief:
»O mein Vaters es ist irgend ein Unglück geschehen!«
»Deine gute Mama ist so eben angekommen, Valentine, sprach Herr von Villefort.
»Und mein Großvater?« fragte das Mädchen zitternd.
Herr von Villefort antwortete nur, indem er seiner Tochter den Arm bot.
Es war Zeit: Valentine wankte vom Schwindel ergriffen; Frau von Villefort beeilte sich, sie zu unterstützen, und half ihrem Manne sie nach dem Wagen bringen.«
»Das ist doch seltsam,« sagte Frau von Villefort, »wer hätte das vermuten können? O! ja, ja, das ist seltsam.«
Und die ganze trostlose Familie entfloh auf diese Art und warf ihre Traurigkeit wie einen schwarzen Mantel auf den übrigen Abend.
Unten an der Treppe fand Valentine Barrois, der auf sie wartete:
»Herr Noirtier wünscht Sie diesen Abend zu sehen,« flüsterte er ihr zu.
»Sagen Sie ihm, ich werde zu ihm kommen, sobald ich meine gute Großmutter verlasse,« sprach Valentine.
In seinem Zartgefühle hatte das Mädchen begriffen, daß diejenige, welche seiner zu dieser Stunde am meisten bedurfte, Frau von Saint-Meran war.
Valentine traf ihre Großmutter im Bett; stumme Liebkosungen, schmerzhafte Anschwellungen des Herzens, unterbrochene Seufzer, brennende Tränen, dies waren die einzigen erzählbaren Umstände dieses Wiedersehens, dem am Arme ihres Gatten Frau von Villefort scheinbar wenigstens, voll Achtung, für die unglückliche Witwe beiwohnte.
Nach einem Augenblick neigte sie sich an das Ohr ihres Gatten und sagte:
»Ich will mich mit Ihrer Erlaubnis entfernen, denn mein Anblick scheint Ihre Schwiegermutter noch mehr zu betrüben.«
Frau von Saint-Meran hörte dies und flüsterte Valentine zu:
»Ja, ja, sie mag gehen, aber Du bleibst.«
Frau von Villefort entfernte sich, und Valentine blieb allein an dem Bette ihrer Großmutter; denn, bestürzt über diesen unvorhergesehenen Tod, folgte der Staatsanwalt seiner Frau.
Barrois war indessen wieder zu dein alten Noirtier hinaufgegangen; dieser hatte den ganzen Lärmen gehört und, wie gesagt, seinen Diener abgeschickt, um sich erkundigen zu lassen.
Bei seiner Rückkehr befragte das lebendige und besonders so gescheite Auge den Boten.
»Ach! Mein Herr,« sprach Barrois, »ein großes Unglück ist geschehen, Frau von Saint-Meran ist angekommen und ihr Gemahl ist tot.«
Herr von Saint-Meran und Noirtier waren nie durch eine, tiefe Freundschaft verbunden gewesen; man kennt jedoch die Wirkung, welche stets auf einen Greis die Kunde von dem Tode eines andern Greises hervorbringt.
Noirtier ließ das Haupt auf die Brust sinken wie ein Niedergebeugter oder wie ein Mensch, der denkt, dann schloß er ein einziges Auge.
»Fräulein Valentine?« sagte Barrois.
Noirtier machte ein bejahendes Zeichen.
»Sie ist auf dem Ball, wie der gnädige Herr wohl weiß, denn sie kam in großer Toilette hierher, um Abschied zu nehmen.«
Noirtier schloß abermals das linke Auge.
»Ja, Sie wollen sie sehen.«
»Der Greis bedeutete durch ein Zeichen, daß er dies wünsche.
»Nun, man wird sie ohne Zweifel bei Frau von Morcerf holen; ich erwarte ihre Rückkehr und sage ihr, sie möge herauskommen. Ist es so?«
»Ja,« antwortete der Gelähmte
Barrois wartete, wie wir gesehen, auf die Rückkehr von Valentine und sagte ihr den Wunsch ihres Großvaters.
Kraft dieses Wunsches ging Valentine zu Noirtier hinauf, als sie Frau von Saint-Meran verließ, welche so aufgeregt sie auch war, endlich der Müdigkeit unterlag und in einen fieberhaften Schlaf verfiel.
Man hatte in den Bereich ihrer Hand einen Tisch gestellt, auf welchem eine Flasche mit Orangeade, ihrem gewöhnlichen Getränke, und ein Glas standen.
Dann hatte, wie gesagt, das Mädchen die Marquise verlassen, um zu Noirtier hinaufzugehen.
Valentine umarmte den Greis, der sie so zärtlich anschauth daß das Mädchen abermals Tränen, deren Quelle es vertrocknet glaubte, seinen Augen entstürzen fühlte.
Der Greis verharrte bei seinem Blicke.
»Ja, ja,« sprach Valentine, »Du willst mir sagen, ich habe immer noch einen guten Großvater?«
Der Greis bedeutete durch ein Zeichen, daß es wirklich dies sei, was sein Blick sagen wolle.
»Ach! zum Glückt.« versetzte Valentine. »Mein Gott, was würde sonst aus mir werden?«
Es war ein Uhr Morgens. Barrois hatte Lust, sich niederzulegen, und bemerkte daher, nach einem so schmerzhaften Abend bedürfe Jedermann der Ruhe. Der Greis wollte nicht sagen, seine Ruhe sei es, sein Kind anzuschauen. Er verabschiedete Valentine, der die Ermattung und der Schmerz in der Tat ein leidendes Aussehen verliehen.
Als sie am andern Morgen bei ihrer Großmutter eintrat, fand sie diese im Bette; das Fieber hatte sich nicht gelegt, es brannte im Gegenteil ein düsteres Feuer in den Augen der Marquise, und sie schien einer heftigen Nervenaufregung preisgegeben zu sein.
»Oh! mein Gott! gute Mama, leiden Sie mehr?« rief Valentine, als sie alle diese Zeichen der Aufregung wahrnahm.
»Nein, meine Tochter, nein,« sprach Frau von Saint-Meran; »aber ich erwartete mit Ungeduld Deine Erscheinung, um Deinen Vater holen zu lassen.«
»Meinen Vater?« fragte Valentine unruhig.
»Ja, ich will ihn sprechen.«
Valentine wagte es nicht, sich dem Wunsche ihrer.Großmutter, dessen Ursache sie überdies nicht kannte, zu widersetzen, und einen Augenblick nachher trat Villefort ein.
»Mein Herr,« sagte Frau von Saint-Meran, ohne irgend einen Eingang und als hätte sie befürchtet es könnte ihr an Zeit gebrechen, »Sie haben mir geschrieben, es handle sich um eine Heirat für dieses Kind?«
»Ja, Madame,« antwortete Villefort, »und es ist sogar mehr als ein Plan, es ist eine Übereinkunft.«
»Ihr Schwiegersohn heißt Franz d’Epinay?«
»Ja, Madame.«
»Er ist der Sohn des General d’Epinay, der zu den Unserigen gehörte und einige Tage, ehe der Usurpator von der Insel Elba zurückkehrte, ermordet wurde?«
»So ist es.«
»Diese Verbindung mit einer Enkelin des Jacobiners widerstrebt ihm nicht?«
»Unsere bürgerlichen Zwistigkeiten sind glücklicher Weise erloschen, meine Mutter,« sprach Villefort; »Herr d’Epinay war bei dem Tode seines Vaters beinahe ein Kind; er kennt Herrn Noirtier sehr wenig, und wird ihn, wenn nicht mit Vergnügen, doch wenigstens mit Gleichgültigkeit sehen.«
»Es ist eine schickliche Partie?«
»In jeder Beziehung.«
»Der junge Mann? . . . «
»Erfreut sich der allgemeinen Achtung.«
»Er ist anständig?«
»Er ist einer der ausgezeichnetsten Männer, die ich kenne.«
Während dieser ganzen Unterredung war Valentine stumm geblieben.
»Wohl, mein Herr,« sprach Frau von Saint-Meran nach kurzem Nachdenken, »Sie müssen sich beeilen, denn ich habe wenig Zeit mehr zu leben.«
»Sie, Madame! Sie gute Mutter!« riefen gleichzeitig Herr von Villefort und Valentine.
»Ich weiß, was ich sage,« versetzte die Marquise; »Sie müssen sich also beeilen, damit sie, in Ermangelung ihrer Mutter, wenigstens ihre Großmutter hat, um ihre Ehe zu segnen. Ich bin die Einzige, die ihr noch von Seiten meiner armen Renée bleibt, die Sie so schnell vergessen haben, mein Herr.«
»Ah! Madame, Sie bedenken nicht, daß ich diesem armen Kinde eine Mutter geben mußte.«
»Eine Stiefmutter ist nie eine Mutter, mein Herr. Doch es handelt sich nicht um dieses, sondern um Valentine; lassen wir die Toten ruhen.«
Alles dies wurde mit einer solchen Geschwindigkeit und mit einem Ausdrücke gesprochen, daß in diesem ganzen Gespräche etwas lag, was einem Anfang von Delirium glich.
»Es soll nach Ihrem Wunsche geschehen, Madame,« sagte Villefort, »und dies um so mehr, als Ihr Wunsch mit dem meinigen im Einklang steht; sobald Herr d’Epinay nach Paris zurückgekehrt ist . . . «
»Meine gute Mutter,« unterbrach ihn Valentine, »die Schicklichkeit, die völlig neue Trauer . . . würden Sie eine Ehe unter so trüben Auspicien schließen wollen?«
»Meine Tochter,« versetzte rasch die Großmutter, »keine solche Alltagsreden, welche schwache Geister verhindern, auf eine solide Weise ihre Zukunft zu gründen. Ich habe auch an dem Sterbebette meiner Mutter geheiratet und bin darum nicht unglücklich gewesen.«
»Abermals dieser Todesgedanke, Madame!« rief Villefort.
»Abermals! immer . . . ich sage Ihnen, daß ich sterben werde, hören Sie? Nun wohl! ehe ich sterbe, will ich meinen Eidam sehen; ich will ihm befehlen, meine Enkelin glücklich zu machen, ich will in seinen Augen lesen, ob er zu gehorchen gedenkt; kurz, ich will ihn kennen lernen, um ihn aus der Tiefe meines Grabes aufzusuchen, wenn er nicht wäre, was er sein soll, wenn er nicht wäre, was er sein muß,« fügte die alte Frau mit einem furchtbaren Ausdrucke bei.
»Madame,« sprach Villefort, »Sie müssen diese exaltierten Gedanken, welche beinahe an den Wahnsinn grenzen, von sich entfernen. Liegen die Toten einmal in ihren Gräbern, so schlafen sie darin, um sich nie mehr zu erheben.«
»Oh! ja, ja, gute Mutter! beruhige Dich,« rief Valentine.
»Und ich, mein Herr, sage Ihnen, daß es nicht so ist, wie Sie glauben. Diese Nacht lag ich in einem furchtbaren Schlafe; denn ich sah mich gleichsam schlummern, als ob meine Seele bereits über meinem Leibe schwebte: meine Augen, die ich zu öffnen mich anstrengte, schlossen sich unwillkürlich, und dennoch, ich weiß wohl, daß Ihnen dies unmöglich vorkommen wird, Ihnen, mein Herr . . . ich sah mit geschlossenen Augen, auf derselben Stelle, wo Sie sind, aus jener Ecke kommend, in der eine Thüre ist, welche nach dem Ankleidezimmer von Frau von Villefort geht, geräuschlos eine weiße Gestalt hervortreten.«
Valentine stieß einen Schrei aus.
»Das Fieber hatte Sie aufgeregt, Madame,« sprach Villefort.
»Zweifeln Sie. wenn Sie wollen, doch ich bin dessen, was ich sage, gewiss. Ich sah eine weiße Gestalt; und als hätte Gott befürchtet, ich könnte das Zeugniß eines einzigen von meinen Sinnen verwerfen, hörte ich mein Glas verrücken, dasselbe, das hier auf dem Tische steht.«
»Oh! gute Mutter, das war ein Traum.«
»Das war so wenig ein Traum, daß ich die Hand nach der Glocke ausstreckte und daß der Schatten bei dieser Gebärde verschwand. Die Kammerfrau trat mit einem Lichte ein.«
»Doch sie hat Niemand gesehen?«
»Die Geister zeigen sich nur denjenigen, welche sie sehen sollen: es war die Seele meines Mannes. Wenn nun die Seele meines Mannes zu mir zurückkehrt, warum sollte ich nicht zurückkehren, um meine Enkelin zu verteidigen? Dieses Band ist, wie mir scheint, noch viel unmittelbarer.«
»Oh. Madame!« sprach Villefort, unwillkürlich in der Tiefe der Eingeweide erschüttert, »geben Sie diesen finsteren Gedanken keinen Nachdruck; Sie werden in uns leben, Sie werden lange Zeit glücklich, geliebt, geehrt leben, und wir werden machen, daß Sie vergessen . . . «
»Nie, nie, nie!« rief die Marquise. »Wenn kommt Herr d’Epinay zurück?«
»Wir erwarten ihn jeden Augenblick.«
»Es ist gut; sobald er angekommen ist, benachrichtigen Sie mich. Eilen wir, eilen wir. Dann möchte ich auch gern einen Notar sehen, um mich zu versichern, daß unsere ganze Habe Valentine zukommt.«
»O! meine Mutter,« murmelte Valentine, ihre Lippen auf die glühende Stirne der alten Frau drückend; »Sie wollen mich also töten? Mein Gott! Sie haben das Fieber, nicht einen Notar muß man rufen, sondern einen Arzt!«
»Einen Arzt!« sprach sie die Achseln zuckend, »ich leide nicht, ich habe nur Durst.«
»Was trinken Sie denn, gute Mama?«
»Du weißt wohl, wie immer meine Orangeade. Mein Glas steht dort, dort auf dem Tische, gib es mir, Valentine.«
Valentine goß die Orangeade aus der Flasche in ein Glas, nahm diesen mit einem gewissen Schrecken, und gab es ihrer Großmutter, denn es war dasselbe Glas, das, wie sie behauptete, der Schatten berührt hatte.
Die Marquise leerte das Glas auf einen Zug.
Dann drehte sie sich auf ihrem Kopfkissen um und wiederholte:
»Den Notar! den Notar!«
Herr von Villefort ging weg, Valentine setzte sich an das Bett ihrer Großmutter. Die Arme schien selbst sehr den Arztes zu bedürfen, den sie der alten Frau empfohlen hatte. Eine flammenartige Röte brannte auf ihren Backenknochen, ihr Atem war kurz und keuchend und ihr Puls schlug, als ob sie das Fieber hätte.
Dies war so, weil Valentine an die Verzweiflung von Maximilian dachte, wenn er erfahren würde, daß Frau von Saint-Meran, statt eine Verbündete für ihn zu sein, ohne ihn zu kennen, handelte, als ob sie seine Feindin wäre.
Mehr als einmal dachte Valentine daran, ihrer Großmutter Alles zu sagen, und sie würde nicht einen Augenblick gezögert haben, hätte Maximilian Morrel Albert von Morcerf oder Raoul von Chateau-Renaud geheißen; aber Morrel war von plebejischer Abkunft, und Valentine kannte die Verachtung, welche die stolze Marquise von Saint-Meran gegen Alles hegte, was nicht von Geschlecht war. Ihr Geheimnis war also stets in dem Augenblick. wo es zu Tage ausgehen wollte, durch die traurige Gewißheit zurückgedrängt worden, daß sie es unnötig preisgeben würde, und daß Alles Verloren wäre, wenn dieses Geheimnis einmal zu Kenntnis ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter käme.
