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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 72

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Der Notar heftete seine Blicke auf Villefort.

»Es ist unmöglich,« sprach der Staatsanwalt; »Herr d’Epinay kann den Solon in diesem Augenblick nicht verlassen.«

»Gerade in diesem Augenblick wünscht Herr Noirtier, mein Gebieter, Herrn Franz d’Epinay in wichtigen Angelegenheiten zu sprechen,« versetzte Barrois mit derselben Festigkeit.

»Der gute Papa Noirtier spricht also jetzt? Fragte Eduard mit seiner gewöhnlichen Frechheit.

Doch dieser Witz machte nicht einmal Frau von Villefort lächeln, so sehr waren die Geister in Anspruch genommen, so feierlich erschien die Lage der Dinge.

»Antworten Sie Herrn Noirtier. daß das, was er verlangt, nicht sein könne,« sagte Villefort.

»Dann läßt Herr Noirtier die Herren benachrichtigen, daß er sich werde in diesen Salon tragen lassen,« sprach Barrois.

Das Erstaunen erreichte den höchsten Grad.

Ein gewisses Lächeln trat auf das Antlitz von Frau von Villefort. Valentine schlug unwillkürlich die Augen zum Plafond auf, um dem Himmel zu danken.

»Valentine,« sagte Herr von Villefort, »ich bitte Dich, erkundige Dich ein wenig, was diese neue Phantasie Deines Großvaters bedeuten soll.«

Valentine machte rasch einige Schritte, um sich zu entfernen, doch Herr von Villefort besann sich eines Anderen und rief:

»Warte, ich begleite Dich.«

»Verzeihen Sie. mein Herr,« sprach Franz, »da Herr Noirtier nach mir verlangt, so habe ich mich, wie es scheint, vor Allem seinen Wünschen zu fügen; überdies werde ich mich glücklich fühlen, ihm meine Achtung zu bezeigen, da ich noch nicht Gelegenheit gehabt habe, mir diese Ehre zu erbitten.«

»Oh! mein Gott! bemühen Sie sich nicht«,« rief Villefort mit sichtbarer Unruhe

»Entschuldigen Sie mich, mein Herr,« entgegnete Franz mit dem Tone eines Mannes, der seinen Entschluß gefaßt hat. »Ich wünsche diese Gelegenheit nicht zu versäumen, um Herrn Noirtier zu beweisen, wie sehr er Unrecht hätte, einen Widerwillen gegen mich zu hegen, welchen durch meine tiefe Ergebenheit zu besiegen mein inniges Verlangen ist.«

Und ohne sich länger durch Villefort zurückhalten zu lassen, stand Franz ebenfalls auf und folgte Valentine, welche bereits mit der Freude eines Schiffbrüchigen, der die Hand an einen Felsen legt, die Treppe hinabstieg.

Herr von Villefort folgte Beiden.

Chateau-Renaud und Morcerf schauten sich zum dritten Male, und zwar noch erstaunter als die beiden ersten Male an.

Neunzehntes bis dreiundzwanzigstes Bändchen

Erstes Kapitel.
Das Protokoll

Noirtier wartete, schwarz gekleidet, in seinem Lehnstuhle.

Als die drei Personen, die er kommen zu sehen hoffte, eingetreten waren, blickte er nach der Thüre, welche sein Kammerdiener sogleich wieder schloß.

»Merke wohl auf,« sagte leise Villefort zu Valentine, die ihre Freude nicht verbergen konnte, »wenn Herr Noirtier Dinge mitteilen will, welche Deine Heirat verhindern, so verbiete ich, Dir dieselben zu verstehen.«

Valentine errötete, antwortete aber nicht.

Villefort näherte sich Noirtier und sagte zu ihm:

»Hier ist Herr Franz d’Epinay; Sie haben nach ihm verlangt, mein Herr, und er fügt sich Ihrem Verlangen. Allerdings wünschten wir diese Zusammenkunft seit geraumer Zeit, und ich werde entzückt sein, wenn Ihnen dieselbe beweist, wie wenig Ihr Widerstreben gegen die Heirat von Valentine begründet war.«


Noirtier antwortete nur durch einen Blick, bei dem ein Schauer die Adern von Villefort durchlief.

Er bedeutete Valentine durch ein Zeichen mit dem Auge, sie möge sich nähern.

Durch die Mittel, deren sie sich in ihren Unterhaltungen mit ihrem Großvater zu bedienen pflegte, hatte sie in einem Augenblick das Wort Schlüssel gefunden.

Dann befragte sie den Blick des Gelähmten, der sich auf die Schublade eines kleinen, zwischen zwei Fenstern stehenden Schrankes heftete.

Als sie diesen Schlüssel herausgenommen und der Greis ihr durch ein Zeichen kundgegeben hatte, daß es wirklich der verlangte war, wandten sich die Augen des Gelähmten nach einem alten, seit Jahren vergessenen Sekretär, von dem man glaubte, er enthielte nur unnütze Wische.

»Soll ich den Sekretär öffnen?« fragte Valentine.

»Ja,« machte der Greis.

»Soll ich die Schubladen öffnen?«

»Ja.«

»Die von den Seiten?«

»Nein.«

»Die mittlere?«

»Ja.«

Valentine öffnete und zog ein Bündel heraus.

»Ist es das, was Sie wünschen, guter Vater?« fragte sie.

»Nein.«

Sie zog nach und nach alle andere Papiere heraus, bis durchaus nichts mehr in der Schublade blieb.

»Aber die Schublade ist nun leer,« sprach sie.

Die Augen von Noirtier hefteten sich auf das Wörterbuch.

»Ja, guter Vater, ich begreife Sie,« sprach das Mädchen.

Und sie wiederholte einen nach dem andern die Buchstaben des Alphabets; bei dem Buchstaben G hielt sie Noirtier an.

Sie öffnete das Wörterbuch und suchte bis zu dem Wort geheim.

»Ah! es gibt ein geheimes Fach?«

»Ja,« machte Noirtier.

»Und wer kennt es?«

Noirtier schaute nach der Thüre, durch welche der Bediente weggegangen war.

»Barrois?« sagte sie.

»Ja,« machte Noirtier.

»Soll ich ihm rufen?«

»Ja.«

Valentine ging an die Thüre und rief Barrois.

Während dieser Zeit floß der Schweiß der Ungeduld von der Stirne von Villefort, und Franz war im höchsten Maaße erstaunt.

Der alte Diener erschien.

»Barrois,« sagte Valentine, »mein Großvater hat mir befohlen, diesen Schlüssel aus dem Schranke zu nehmen, diesen Sekretär zu öffnen und diese Schublade herauszuziehen; nun ist ein Geheimnis bei dieser Schublade, das Sie, wie es scheint, kennen, öffnen Sie.«

Barrois schaute den Greis an.

»Gehorche,« sprach das gescheite Auge von Noirtier.

Barrois gehorchte; ein doppelter Boden öffnete sich und zeigte mehre mit schwarzem Band umwickelte Papiere.

»Ist es das, was Sie wünschen, mein Herr?« fragte Barrois.

»Ja,« machte Noirtier.

»Wem soll ich diese Papiere übergeben, Herrn von Villefort?«

»Nein.«

»Fräulein Valentine?«

»Nein.«

»Herrn Franz d’Epinay?«

»Ja.«

Franz machte erstaunt einen Schritt vorwärts und sagte:

»Mir, mein Herr?«

»Ja.«

Franz empfing die Papiere aus den Händen von Barrois und las, die Augen auf den Umschlag werfend:

»Nach meinem Tode bei meinem Freunde, dem General Durand, zu deponiren, der dieses Paquet sterbend seinem Sohne mit der Einschärfung vermachen wird, dasselbe, da es ein Papier von der größten Wichtigkeit enthält, aufzubewahren.«

»Nun, mein Herr?« fragte Franz, »was soll ich mit diesem Papier machen?«

»Sie sollen es ohne Zweifel versiegelt, wie es ist, behalten,« sprach der Staatsanwalt.

»Nein, nein,« erwiderte der Greis lebhaft.

»Sie wünschen vielleicht, daß es der Herr lesen möge?« fragte Valentine.

»Ja,« antwortete der Greis.

»Sie hören, mein Herr Baron? mein Großvater bittet Sie, dieses Papier zu lesen,« sagte Valentine.

»So setzen wir uns,« sprach Villefort voll Ungeduld, »wenn das wird lange dauern.«

»Setzt Euch,« machte das Auge des Greises.

Villefort setzte sich, aber Valentine blieb neben ihrem Großvater, auf seinen Lehnstuhl gestützt, stehen, und Franz stand vor ihr,

Er hielt das geheimnisvolle Papier in der Hand.

»Lesen Sie,« sagten die Augen des Greises.

Franz machte den Umschlag los, und es trat eine tiefe Stille in dem Zimmer ein.

Mitten unter dieser Stille las er:

»Auszug aus den Protokollen einer Sitzung des bonapartistischen Clubbs der Rue Saint-Jacques, gehalten am 5. Febr. 1815.

Franz hielt inne.

»Am S. Februar 1815,« sagte er, »das ist der Tag, an welchem mein Vater ermordet wurde!«

Valentine und Villefort blieben stumm: nur das Auge des Greises sprach klar: »Fahren Sie fort.«

»Doch mein Vater ist verschwunden, als er diesen Clubb verließ,« sagte Franz.

Der Blick von Noirtier sprach abermals: »Lesen Sie.«

Er fuhr fort,

»Die Unterzeichneten, Louis Jacques Beauregard, Generallieutenant der Artillerie, Etienne Duchampy, Brigadegeneral, und Claude Lecharpale Director der Forsten:

»Erklären, daß am 4. Febr. 1815 ein Brief von der Insel Elba ankam, der dem Wohlwollen und dem Vertrauen der Mitglieder des bonapartistischen Clubbs den General Flavier von Quesnel empfahl, welcher dem Kaiser von 1804 bis 18l4 gedient hatte und der Napoleonischen Dynastie trotz des Baronentitels, den Ludwig XVIII. so eben seinem Landgute d’Epinay angehängt, völlig ergeben sein mußte.

»Dem zu Folge wurde ein Billet an den General von Quesnel gerichtet, worin man ihn bat, der Sitzung am fünften beizuwohnen. Das Billet gab weder die Straße, noch die Hausnummer an, wo die Versammlung stattfinden sollte; es hatte keine Unterschrift und sagte nur dem General, wenn er sich bereit halten wollte, so würde man ihn um neun Uhr Abends abholen.

»Die Sitzungen fanden von neun Uhr Abends bis Mitternacht statt.

»Um neun Uhr Abends erschien der Präsident des Clubbs bei dem General: der General war bereit. Der Präsident bemerkte ihm, es wäre eine der Bedingungen seiner Einführung, daß er nie den Ort der Zusammenkunft wüßte, daß er sich die Augen verbinden ließe und schwüre, er werde die Binde nicht abzunehmen suchen.

»Der General von Quesnel nahm die Bedingung an und machte sich bei seinem Ehrenwort anheischig, nicht sehen zu wollen, wohin man ihn führte.

»Der General hatte seinen Wagen anspannen lassen, aber der Präsident erklärte ihm, man könnte sich unmöglich desselben bedienen, insofern es sich nicht der Mühe lohnte, die Augen des Herrn zu verbinden, wenn dem Kutscher die Augen offen blieben, und er zu er kennen vermöchte, durch welche Straßen man käme. »»Was ist dann zu tun?« fragte der General. »»Ich habe meinen Wagen bei mir.«« sagte der Präsident.

»»Sind Sie Ihres Kutschers so sicher, daß Sie ihm ein Geheimnis anvertrauen, welches Sie dem meinigen anzuvertrauen für unklug halten?««

»»Unser Kutscher ist ein Mitglied des Clubbs,«« erwiderte der Präsident, »»wir werden von einem Staatsrathe geführt.««

»»Dann sind wir einer andern Gefahr ausgesetzt, der, umzuwerfen,«« sagte der General lachend.

»Wir bezeichnen diesen Scherz als einen Beweis, daß der General nicht entfernt gezwungen war, der Sitzung beizuwohnen, und daß er dieselbe durchaus freiwillig besuchte.

»Sobald man in den Wagen gestiegen war, erinnerte der Präsident den General an sein Versprechen, sich die Augen verbinden zulassen. Der General machte keine Einwendung gegen diese Förmlichkeit: mit einem zu diesem Behufe im Wagen liegenden seidenen Tuche wurde die Sache abgemacht.

»Unter Weges glaubte der Präsident zu bemerken, daß der General unter seiner Binde zu sehen suchte, er erinnerte ihn an seinen Schwur.

»»Ah! es ist wahr,« sagte der General.

»Der Wagen hielt vor einem Hause der Rue Saint Jacques. Der General stieg aus und stützte sich dabei auf den Arm des Präsidenten, er kannte dessen Würde nicht und hielt ihn für ein einfaches Mitglied des Clubbs: man durchschritt den Gang, stieg einen Stock hinauf und trat in das Zimmer der Beratungen.

»Die Sitzung hatte begonnen. Von der Vorstellung benachrichtigt, welche an diesem Abend stattfinden sollte, waren die Mitglieder des Clubbs vollzählig versammelt. Als der General die Mitte des Saales erreicht hatte, wurde er aufgefordert, seine Binde abzunehmen. Er entsprach sogleich dieser Aufforderung und schien sehr erstaunt, eine so große Anzahl von bekannten Gesichtern in einer Gesellschaft zu finden, von deren Dasein er bis dahin nicht einmal eine Ahnung gehabt hatte.

»Man befragte ihn über seine Gesinnung, doch er begnügte sich, zu antworten, der Brief von der Insel Elba habe dieselbe bekannt machen müssen . . . «

Franz unterbrach sich mit den Worten:

»Mein Vater war Royalist, man hatte nicht nötig, ihn um seine Gesinnung zu befragen, sie war bekannt.«

»Und daher rührte meine Verbindung mit Ihrem Vater, mein lieber Herr Franz,« sagte Villefort; »man verbindet sich so leicht, wenn man dieselben Meinungen teilt.«

»Lesen Sie,« sprach abermals das Auge des Greises.

Franz fuhr fort:

»Der Präsident nahm nun das Wort und forderte den General auf, sich deutlicher zu erklären: doch Herr von Quesnel antwortete, er wünschte vor Allem zu wissen, was man von ihm verlange.

»Es wurde nun dem General eben dieser Brief von der Insel Elba mitgeteilt, der ihn dem Clubb als einen Mann empfahl, auf dessen Mitwirkung man zählen könnte. Ein ganzer Paragraph setzte die wahrscheinliche Rückkehr von der Insel Elba auseinander und versprach einen neuen Brief mit umfassenderen Einzelheiten bei der Ankunft des Pharaon, eines dem Reeder Morrel in Marseille gehörenden Schiffes, dessen Kapitän dem Kaiser ganz und gar ergeben wäre.

»Während dieses Vorlesens gab der General, auf den man wie auf einen Bruder zählen zu können glaubte, im Gegenteil Zeichen der Unzufriedenheit und sichtbaren Widerstrebens von sich.

»Als der Brief zu Ende gelesen war, verharrte der General stillschweigend und mit gerunzelter Stirne.

»»Nun!«« fragte der Präsident, »»was sagen Sie zu diesem Briefe, Herr General?««

»»Ich sage, es ist sehr kurz, daß man dem König Ludwig XVIII. einen Eid geleistet hat, um ihn bereits zu Gunsten des Exkaisers zu verletzen,«« erwiderte er.

»Diese Antwort war zu klar, als daß man sich über seine Gesinnung täuschen konnte.

»»General,«« sprach der Präsident, »»es gibt für uns ebenso wenig einen König Ludwig XVIIl., als es einen Exkaiser gibt; es gibt nur Seine Majestät den Kaiser und König, der seit zehn Monaten aus Frankreich, seinem Staate, durch die Gewalt und den Verrath entfernt worden ist.««

»»Verzeihen Sie, meine Herren,«« sprach der General, »»es ist möglich, daß es für Sie keinen Ludwig XVIII. gibt, aber es gibt einen für mich, in Betracht, daß er mich zum Baron und zum Feldmarschall gemacht, und daß ich nie vergessen werde, ich habe seiner glücklichen Rückkehr nach Frankreich diese zwei Titel zu verdanken.««

»»Mein Herr,«« sprach der Präsident mit äußerst strengem Tone, während er sich erhob, »»geben Sie wohl Acht auf das, was Sie reden; Ihre Worte sagen uns deutlich, daß man sich auf der Insel Elba in Ihnen getäuscht und daß man uns getäuscht hat! Die Mitteilung, die man Ihnen gemacht, ist Folge des Vertrauens, das man in Sie setzte, und somit eines Gefühles, das Sie ehrt. Wir waren in einem Irrtum begriffen, ein Titel und ein Grad haben Sie mit der neuen Regierung ausgesöhnt, die wir umstürzen wollen. Wir werden Sie nicht zwingen, uns Ihren Beistand zu leihen, wir reihen Niemand wider sein Gewissen und wider seinen Willen ein; doch wir werden Sie zwingen als ein ehrenhafter Mann zu handeln, selbst wenn Sie nicht dazu geneigt wären.««

»»Sie nennen als ein ehrenhafter Mann handeln, Ihre Verschwörung kennen und sie nicht enthüllen! Ich nenne das Ihr Mitschuldiger sein. Sie sehen, daß ich noch offenherziger bin, als Sie . . . «

»Ah! mein Vater,« sprach Franz sich unterbrechend, »ich begreife nun, warum sie Dich ermordet haben.«

Valentine konnte sich nicht enthalten, einen Blick auf Franz zu werfen; der junge Mann war wirklich schön in der Begeisterung des Sohnes.

Villefort ging im Zimmer auf und ab.

Noirtier folgte mit den Augen dem Ausdrucke eines Jeden und beobachtete seine würdige, strenge Haltung.

Franz kehrte zu der Handschrift zurück und fuhr fort:

»»Mein Herr,«« sprach der Präsident, »»man hat Sie gebeten, sich in den Schooß dieser Versammlung zu begeben und schleppte Sie durchaus nicht mit Gewalt in dieselbe; man forderte von Ihnen, Sie sollten Ihre Augen verbinden, und Sie willigten ein. Als Sie diesem doppelten Verlangen entsprachen, wußten Sie vollkommen, daß wir uns nicht damit beschäftigten, Ludwig XVIII. den Thron zu sichern, sonst wären wir nicht so bemüht gewesen, uns vor der Polizei zu verbergen. Sie begreifen, es wäre nur zu bequem, eine Maske vorzunehmen, mit deren Hilfe man die Geheimnisse der Leute erforscht und dann ganz einfach die Maske abzulegen, um diejenigen zu Grunde zu richten, deren Vertrauen man genossen hat. Nein, nein, Sie werden uns vor Allem offenherzig sagen, ob Sie für den Zufallskönig sind, der in diesem Augenblick regiert, oder für Seine Majestät den Kaiser.««

»»Ich bin Royalist,«« antwortete der General, »»ich habe Ludwig XVIII. einen Eid geschworen und werde ihn halten.««

»Auf diese Worte erfolgte ein allgemeines Gemurmel, und man konnte aus den Blicken einer großen Anzahl von Mitgliedern des Clubbs ersehen, daß sie in ihrem Innern die Frage verhandelten, ob sie nicht Herrn d’Epinay diese unklugen Worte bereuen lassen sollten.

»Der Präsident stand abermals auf und gebot Stillschweigen.

»»Mein Herr,«« sagte er, »»Sie sind ein zu ernster und zu verständiger Mann, um nicht die Folgen der Lage zu begreifen, in der wir uns einander gegenüber befinden, und Ihre Offenherzigkeit gerade dictirt uns die Bedingungen, welche wir stellen müssen: Sie werden uns schwören, nichts von dem zu enthüllen, was Sie gehört haben.««

»Der General fuhr mit der Hand nach seinem Degen und rief:

»»Wenn Sie von Ehre sprechen, so fangen Sie damit an, daß Sie die Gesetze nicht mißkennen und nichts durch Gewalt auferlegen.««

»»Und Sie, mein Herr,«« fuhr der Präsident mit einer Ruhe fort, die vielleicht furchtbarer war, als der Zorn des Generals, »»berühren Sie Ihren Degen nicht, das rathe ich Ihnen.««

»Der General warf Blicke umher, die einen Anfang von Unruhe verrieten.

»Er beugte sich jedoch noch nicht, sondern sprach, seine ganze Kraft sammelnd:

»»Ich schwöre nicht.««

»»Dann müssen Sie sterben,«« erwiderte ruhig der Präsident.

»Herr d’Epinay wurde sehr bleich: er schaute einen Augenblick umher; mehrere Mitglieder des Clubbs wisperten und suchten Waffen unter ihren Mänteln.

»»General,«« sprach der Präsident, »»seien Sie unbesorgt, Sie sind unter Männern von Ehre, welche jedes Mittel versuchen werden, um Sie zu überzeugen, ehe Sie zum Äußersten gegen sie schreiten; doch Sie sind auch unter Verschworenen; Sie besitzen unser Geheimnis und müssen es uns zurückgeben.««

»Ein bedeutungsvolles Schweigen folgte auf diese Worte, und als der General nicht antwortete, sagte der Präsident zu den Huissiers:

»»Schließt die Thüren.««

»Abermals trat eine Todesstille ein.

»Da schritt der General vor und sprach mit einer heftigen Anstrengung:

»»Ich habe einen Sohn, und muß, da ich mich unter Mördern befinde, an ihn denken.««

»»General,«« sagte voll Adel das Haupt der Versammlung, »»ein einziger Mensch hat immer das Recht, fünfzig zu beleidigen; es ist dies die Befugniß der Schwäche. Nur hat er Unrecht, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Glauben Sie mir, General, schwören Sie und beleidigen Sie nicht.««

»Abermals bezähmt durch die Hoheit des Hauptes der Versammlung, zögerte der General einen Augenblick; doch endlich schritt er bis zu dem Tische des Präsidenten und fragte:

»Wie lautet die Formel?«

»»Hören Sie:

»»Ich schwöre bei meiner Ehre, nie irgend einem Menschen auf der Welt zu enthüllen, was ich am 5. Februar 1815, Abends zwischen neun und zehn Uhr, gesehen und gehört habe, und ich erkläre, daß ich den Tod verdiene, wenn ich meinen Schwur verletze.««

»Der General schien von einem Nervenzittern ergriffen zu werden, das ihn einige Secunden lang zu antworten verhinderte; endlich aber sprach er, ein sichtbares Widerstreben überwindend, den verlangten Eid, doch so leise, daß man es kaum hörte; es begehrten auch mehrere Mitglieder, daß er ihn mit lauterer Stimme und deutlicher wiederhole, was geschah.

»»Nun wünsche ich mich entfernen zu dürfen,«« sagte der General, »»bin ich endlich frei?««

»Der Präsident stand auf, bezeichnete drei Mitglieder der Versammlung, um ihn zu begleiten, und stieg mit dem General in den Wagen, nachdem er ihm die Augen verbunden hatte.

»Unter den drei Mitgliedern war der Kutscher, der sie gebracht hatte.

»Die anderen Mitglieder des Clubbs trennten sich in der Stille.

»»Wohin sollen wir Sie führen?«« fragte der Präsident.

»»Überallhin, wo ich von Ihrer Gegenwart befreit werden kann,«« antwortete d’Epinay.

»»Mein Herr,«« versetzte der Präsident; »»nehmen Sie sich in Acht, Sie sind hier nicht mehr in der Versammlung, Sie haben es mit einzelnen Menschen zu tun; beleidigen Sie dieselben nicht, wenn Sie nicht für die Beleidigung verantwortlich gemacht werden wollen.««

»Doch statt diese Sprache zu verstehen, erwiderte d’Epinay:

»»Sie sind immer noch so mutig in Ihrem Wagen, wie in Ihrem Clubb, aus dem einfachen Grunde, mein Herr, weil vier Männer stets stärker sind, als ein einziger.««

»Der Präsident ließ den Wagen halten.

»Man war gerade an der Stelle des Quai des Ormes, wo sich die Treppe findet, welche zu dem Flusse hinabführt.

»»Warum lassen Sie hier halten?«« fragte der General d’Epinay.

»»Weil Sie einen Mann beleidigt haben, mein Herr,«« antwortete der Präsident, »»und weil dieser Mann keinen Schritt mehr tun will, ohne auf eine loyale Weise Genugtuung von Ihnen zu verlangen.««

»»Abermals eine Art, zu morden,«« sprach der General, die Achseln zuckend.

»»Keinen Lärmen, mein Herr,«« entgegnete der Präsident, »»wenn ich Sie nicht als einen von den Menschen betrachten soll, die Sie so eben bezeichneten, nämlich für einen Feigen, der seine Schwäche zum Schilde nimmt. Sie sind allein, ein Einziger wird Ihnen antworten; Sie haben einen Degen an der Seite, ich habe einen in meinem Stocke; Sie haben keinen Zeugen, einer von diesen Herren ist der Ihrige. Nun mögen Sie die Binde abnehmen, wenn es Ihnen beliebt.««

»Der General riß auf der Stelle das Sacktuch von den Augen.

»»Endlich,«« sprach er, »»endlich werde ich erfahren, mit wem ich es zu tun habe.««

»Man öffnete den Wagen: die vier Männer stiegen aus.

Franz unterbrach sich abermals, und wischte den kalten Schweiß ab, der von seiner Stirne floß; er war furchtbar anzuschauen, der Sohn, wie er, bleich und zitternd, mit lauter Stimme die bis dahin unbekannten Umstände von dem Tode seines Vaters las.

Valentine faltete die Hände, als ob sie betete.

Noirtier schaute Villefort mit einem erhabenen Ausdruck der Verachtung und des Stolzes an.

Franz fuhr fort:

»Es war, wie wir gesagt haben, der 5. Februar; seit drei Tagen fror es bei fünf bis sechs Graden; die Treppe war ganz starr von Eis; der General war groß und dick, der Präsident bot ihm die Seite des Geländers an, um hinabzugehen.

»Die zwei Zeugen folgten.

»Es war eine finstere Nacht, der Boden von der Treppe bis zum Fluß war feucht von Schnee und Rauhreif; man sah das Wasser schwarz, tief und Eisschollen treibend hinfließen.

»Einer von den Zeugen suchte eine Laterne in einem Kohlenschiffe, und bei dem Scheine dieser Laterne prüfte man die Waffen.

»Der Degen des Präsidenten, ein einfacher Stockdegen, war fünf Zoll kürzer, als der seines Gegners und Hatte kein Stichblatt.

»Der General d’Epinay machte den Vorschlag, das Loos über diese zwei Degen zu ziehen; doch der Präsident erwiderte, er habe herausgefordert, und bei der Herausforderung sei es seine Absicht gewesen, daß Jeder sich seiner Waffe bediene.

»Die Zeugen wollten Einsprache tun, doch der Präsident gebot ihnen Stillschweigen.

»Man setzte die Laterne auf den Boden; die zwei Gegner stellten sich einander gegenüber; der Kampf begann.

»Das Licht machte aus den zwei Degen zwei Blitze. Die Männer gewahrte man kaum, so dicht war der Schatten.

»Der Herr General d’Epinay galt für eine der besten Klingen der Armee. Aber er wurde bei den ersten Stößen so lebhaft bedrängt, daß er aus der Lage wich und hierbei fiel.

»Die Zeugen hielten ihn für tot, doch sein Gegner wußte, daß er ihn nicht berührt hatte, und bot ihm die Hand, um ihm aufstehen zu helfen. Statt ihn zu beschwichtigen, brachte den General dieser Umstand so sehr auf, daß er ebenfalls auf seinen Gegner eindrang.

»Doch sein Gegner wich nicht eine Linie. Zu nahe von dem Degen des Präsidenten bedrängt, zog sich der General dreimal zurück und griff dann immer wieder an.

»Bei dem dritten Male fiel er abermals.

»Man glaubte, er wäre ausgeglitscht, wie das erste Mal; da ihn jedoch die Zeugen nicht wieder aufstehen sahen, näherten sie sich ihm und versuchten es, ihn auf die Beine zu bringen; doch derjenige, welcher ihn um den Leib gefaßt hatte, fühlte unter seiner Hand eine feuchte Wärme.

»Es war Blut.

»Der General, der beinahe ohnmächtig war, kam wieder zu sich und rief:

»»Ah! man hat einen Raufer, einen Regimentsfechtmeister gegen mich abgeschickt.««

»Ohne zu antworten, näherte sich der.Präsident demjenigen von den zwei Zeugen, welcher die Laterne hielt, schlug seinen Ärmel zurück und zeigte seinen von zwei Degenstichen durchbohrten Arm; dann öffnete er seinen Rock, knöpfte seine Weste auf und ließ an seiner Seite eine dritte Wunde sehen.

»Er hatte indessen keinen Seufzer ausgestoßen. »Bei dem General d’Epinay trat der Todeskampf ein, und fünf Minuten nachher war er verschieden.

Franz las diese letzten Worte mit so gepreßter Stimme, daß man sie kaum hören konnte, und als er sie gelesen, fuhr er mit der Hand über seine Augen, als wollte er eine Wolke vertreiben. Nach einem kurzen Stillschweigen las er fort:

»Der Präsident stieg wieder die Treppe hinauf, nachdem er zuvor seinen Degen in den Stock gestoßen hatte; eine Blutspur bezeichnete seinen Weg auf dem Schnee. Er hatte noch nicht die oberste Stufe der Treppe erreicht, als er ein dumpfes Geplatsche im Wasser hörte: es war der Körper des Generals, den die Zeugen, nachdem sie sich über seinen Tod versichert, in den Fluß gestürzt hatten.

»Der General ist folglich einem redlichen Duell und nicht einem Hinterhalte unterlegen, wie man sagen könnte.

»Zur Beglaubigung dessen haben wir Gegenwärtiges unterzeichnet, um die Wahrheit der Tatsachen zu begründen, befürchtend, es könnte ein Augenblick kommen, wo eine von den handelnden Personen dieser furchtbaren Szene des Mordes mit Vorbedacht oder der Verletzung der Gesetze der Ehre beschuldigt werden würde.

»Unterzeichnet Beauregard, Duchampy und Lecharpal.

Als Franz diese für einen Sohn so schreckliche Schrift gelesen, als Valentine, bleich vor Erschütterung, eine Träne getrocknet, als Villefort, zitternd und in einen Winkel gekauert, durch flehende, an den unversöhnlichen Greis gerichtete Blicke den Sturm zu beschwören versucht hatte, sagte d’Epinay zu Noirtier:

»Da Sie diese furchtbare Geschichte in allen ihren Einzelheiten kennen, da Sie dieselbe durch ehrenwerte Unterschriften haben bezeugen lassen, da Sie sich für mich zu interessieren scheinen, obgleich sich Ihr Interesse bis jetzt nur durch den Schmerz kundgegeben hat, so verweigern Sie mir nicht eine letzte Genugtuung. nennen Sie mir den Namen des Präsidenten, damit ich endlich denjenigen kenne, welcher meinen armen Vater getötet hat.«

Villefort suchte wie verwirrt den Drücker der Thüre; Valentine, welche vor allen Anderen die Antwort des Greises begriffen und oft auf seinem Vorderarme die Spur von zwei Degenstichen wahrgenommen hatte, wich einen Schritt zurück.

»Ich beschwöre Sie, mein Fräulein,« sprach Franz, sich an seine Braut wendend, »verbinden Sie sich mit mir, daß ich den Namen des Mannes erfahre, der mich mit zwei Jahren zur Waise gemacht hat.«

Valentine blieb stumm und unbeweglich.

»Ich bitte Sie, mein Herr,« sagte Villefort, »verlängern Sie diese Szene nicht; die Namen sind überdies absichtlich verborgen worden. Mein Vater kennt selbst diesen Präsidenten nicht, und wenn er ihn auch kennt, so vermag er ihn nicht zu nennen, insofern sich die Eigennamen nicht in dem Wörterbuch finden.«

»Oh wehe! die einzige Hoffnung, welche mich, während ich diese Schrift las, aufrecht erhalten und mir die Kraft, bis zum Schlüsse zu gehen, gegeben hat, war, wenigstens den Namen desjenigen, welcher meinen Vater getötet, kennen zu lernen! Mein Herr!« rief er, sich gegen den Greis umwendend, »im Namen des Himmels! tun Sie, was Sie können, bemühen Sie sich, ich flehe Sie an, mir begreiflich zu machen . . . «

»Ja,« antwortete Noirtier.

»Oh! mein Fräulein,« rief Franz, »Ihr Großvater bedeutet mir durch ein Zeichen, er könne mir diesen Mann angeben, . . Helfen Sie mir,  . . . Sie verstehen ihn . . . leihen Sie mir Ihren Beistand.«

Noirtier schaute das Wörterbuch an.

Franz nahm es mit einem Nervenzittern, und sprach hinter einander die Buchstaben des Alphabets bis zum I aus.

Bei diesem Buchstaben machte der Greis ein bejahendes Zeichen.

»I?« wiederholte Franz.

Der Finger des jungen Mannes glitt über die Wörter hin, bei mehren antwortete Noirtier durch ein verneinendes Zeichen.

Valentine verbarg ihren Kopf in ihren Händen.

Bald gelangte Franz zu dem Worte: Ich.

»Ja!« machte der Greis.

»Sie?« rief Franz. dessen Haare sich auf seinem Haupte sträubten; »Sie, Herr Noirtier, Sie haben meinen Vater getötet!«

»Ja,« antwortete Noirtier, einen majestätischen Blick auf den jungen Mann heftend.

Franz fiel gelähmt auf einen Stuhl, Villefort öffnete die Thüre und entfloh, denn es kam ihm der Gedanke, das Wenige von Dasein, das noch in dem Herzen des furchtbaren Greises übrig blieb, zu ersticken.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
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