Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 75
Albert hatte oft, nicht von seinem Vater, der nie darüber sprach, sondern von Fremden die letzten Augenblicke des Wessirs von Janina erzählen hören; doch diese durch die Person und die Stimme des Mädchens« lebendig gewordene Geschichte, dieser gefühlvolle Ausdruck, diese klagende Elegie durchdrangen ihn zugleich mit einem unbeschreiblichen Zauber und mit einem unaussprechlichen Schmerz.
Ganz ihren furchtbaren Erinnerungen hingegeben, hatte Hayde einen Augenblick zu sprechen aufgehört; wie eine Blume, die sich an einem Tage des Sturmes neigt, beugte sie ihre Stirne auf die Hand, und ihre im weiten Raume verlorenen Augen schienen noch am Horizont den grünen Pindus und die blauen Wasser des Sees zu erschauen, der, ein magischer Spiegel, das düstere Gemälde, das sie entwarf, wiederstrahlte.
Monte Christo schaute sie voll Teilnahme und Mitleid an.
»Fahre fort, meine Tochter,« sprach der Graf in romaischer Sprache.
Hayde erhob die Stirne, als ob sie die sonoren Worte, welche Monte Christo ausgesprochen, einem Traume entrissen hätten, und fuhr fort.
»Es war vier Uhr Abends; aber obgleich der Tag außen rein und glänzend, waren wir doch in den Schatten des unterirdischen Gewölbes versenkt.
»Ein einziger Schein glänzte in der Höhle, ähnlich einem am Grunde eines schwarzen Himmels zitternden Sterne: es war die Lunte von Selim.
»Meine Mutter war eine Christin und betete.
»Selim wiederholte von Zeit zu Zeit die geheiligten Worte: »»Gott ist groß!««
»Meine Mutter hatte jedoch noch einige Hoffnung. Hinabsteigend hatte sie den Franken zu erkennen geglaubt, den man nach Constantinopel geschickt, und in den mein Vater sein ganzes Vertrauen setzte, denn er wußte, daß die Soldaten des französischen Sultans gewöhnlich edel und hochherzig sind. Sie ging einige Schritte gegen die Treppe und horchte.
»»Sie nahen,«« sagte sie; »»wenn Sie nur den .Frieden und das Leben bringen!««
»»Was befürchtest Du, Wasiliki?«« entgegnete Selim mit seiner zugleich so weichen und so stolzen Stimme; »»bringen sie uns nicht den Frieden, so geben wir ihnen den Krieg; bringen sie uns nicht das Leben, so geben wir ihnen den Tod.««
»Und er fachte die Flamme seines Spießes mit einer Gebärde an, die ihm eine Ähnlichkeit mit dem Dionysos des alten Kreta verlieh.
»Aber ich, die ich noch so sehr Kind, noch so naiv war, hatte bange vor diesem Mute, den ich wild und unsinnig fand, und ich erschrick vor diesem furchtbaren Tode in der Luft und in den Flammen.
»Meine Mutter mußte von denselben Eindrücken ergriffen sein, denn ich fühlte ihre Hand beben.
»»Mein Gott! mein Gott! Mama,«« rief ich, »»müssen wir sterben?««
»Und bei dem Tone meiner Stimme verdoppelten sich die Tränen und die Gebete der Sklavinnen.
»»Kind,«« sprach Wasiliki zu mir, »»Gott behüte Dich, daß Du Dir je den Tod wünschest, vor dem Du heute bange hast!««
»»Selim,«« sagte sie, »»wie lautet der Befehl des Herrn?««
»»Schickt er mir seinen Dolch, so weigert sich der Sultan, ihn in Gnaden zu empfangen, und ich lege Feuer an; schickt er mir seinen Ring, so verzeiht ihm der Sultan, und ich lösche meine Flamme aus.««
»»Freund,«« versetzte meine Mutter, »»wenn der Befehl des Herrn erscheint, wenn er Dir den Dolch schickt, reichen wir Dir, statt Beide eines Todes zu sterben, der uns erschreckt, die Brust und Du tötest uns mit diesem Dolche.««
»»Ja, Wasiliki,« antwortete Selim ruhig.
»Plötzlich vernahmen wir ein Geschrei; wir horchten: es war ein Freudengeschrei; der Name des Franken, den man nach Constantinopel geschickt, erscholl von unsern Palikaren wiederholt; offenbar brachte er die Antwort des Großherrn, und diese Antwort lautete günstig.«
»Und Sie erinnern sich dieses Namens nicht?« fragte Morcerf, bereit, das Gedächtnis der Erzählerin zu unterstützen.
Monte Christo machte ihr ein Zeichen.
»Ich erinnere mich desselben nicht,« sagte Hayde.
»Der Lärmen verdoppelte sich, es erschollen immer näher kommende Tritte: man stieg die Stufen des unterirdischen Gewölbes herab.
»Selim hielt seinen Spieß bereit.
»Bald erschien ein Schatten in der bläulichen Dämmerung, welche die durch den Eingang des unterirdischen Gewölbes eindringenden Strahlen des Tages bildeten.
»»Wer bist Du?«« rief Selim. »»Wer Du auch sein magst, thue keinen Schritt weiter.««
»»Ehre dem Sultan!«« sprach der Schatten. »»Dem Wessir Ali ist volle Begnadigung zugestanden, und man hat ihm nicht nur das Leben gesichert, sondern man gibt ihm auch sein Vermögen und seine Güter zurück.««
»Meine Mutter stieß einen Freudenschrei aus und drückte mich an ihr Herz.
»»Halt!«« sprach Selim, als er sah, daß sie forteilen wollte, »»Du weißt, daß ich den Ring haben muß.««
»»Es ist richtig,«« sagte meine Mutter, und fiel auf die Knie, und hob mich betend zum Himmel empor.««
Und zum zweiten Male schwieg Hayde, überwältigt durch eine so mächtige Erschütterung, daß ihr der Schweiß von der bleichen Stirne floß und ihre zusammengepreßte Stimme nicht mehr durch die Kehle dringen zu können schien.
Monte Christo goß ein wenig Eiswasser in ein Glas, bot es ihr und sprach mit einer Weichheit, die jedoch nicht ganz von einem Schatten von Befehl frei war:
»Mut gefaßt, meine Tochter.«
Hayde trocknete ihre Augen und ihre Stirne und fuhr fort:
»An die Dunkelheit gewöhnt, hatten mittlerweile unsere Augen den Abgesandten des Pascha erkannt: es war ein Freund.
»Selim hatte ihn ebenfalls wahrgenommen, doch der brave junge Mann kannte nur Eines: Gehorsam,
»»In wessen Namen kommst Du?«« fragte er.
»»Ich komme im Namen Deines Herrn, Ali Tependelini.««
»»Wenn Du im Namen von Ali kommst, so weißt Du, was Du mir zu übergeben hast?««
»»Ja,«« sprach der Abgeordnete, »»ich bringe Dir seinen Ring.««
»Gleichzeitig hob er seine Hand über seinen Kopf empor; aber er stand zu weit entfernt, und es war nicht hell genug, daß Selim von seinem Posten aus den Gegenstand, den er ihm zeigte, zu unterscheiden und zu erkennen vermochte.
»»Ich weiß nicht, was Du in der Hand hältst,«« sagte Selim,
»»Nähere Dich,«’’ sprach der Bote, »»oder ich werde mich Dir nähern.««
»»Weder das Eine, noch das Andere,«« entgegnete der junge Soldat; »»lege auf die Stelle, wo Du bist, und unter den Lichtstrahl den Gegenstand, den Du mir zeigst, und ziehe Dich zurück, bis ich ihn gesehen habe.««
»»Es sei,«« sprach der Bote.
»Und er zog sich zurück, nachdem er das Erkennungszeichen auf die genannte Stelle gelegt hatte.
»Unser Herz schlug gewaltig, denn der Gegenstand schien uns wirklich ein Ring zu sein. Nur fragte es sich, ob es der Ring meines Vaters war,
»Beständig die angezündete Lunte in der Hand haltend, ging Selim an die Öffnung, bückte sich unter den Lichtstrahl und hob das Zeichen auf.
»»Der Ring des Herrn,«« sprach er denselben küssend, »»es ist gut!««
»Und die Lunte auf den Boden werfend, trat er darauf und löschte sie ans.
»Der Bote stieß einen Freudenschrei aus und klatschte in die Hände. Auf dieses Zeichen liefen vier Soldaten des Seraskier Kurschid herbei, und Selim stürzte durchbohrt von fünf Dolchstößen nieder. Jeder hatte ihm einen Stoß versetzt.
»Und trunken durch ihr Verbrechen, obgleich noch bleich vor Schrecken, stürzten sie in das Gewölbe, suchten überall, ob Feuer da wäre, und wälzten sich auf den Goldsäcken.
»Mittlerweile faßte mich meine Mutter in ihre Arme und gelangte behende und durch Krümmungen eilend, welche nur uns allein bekannt waren, zu einer Geheimtreppe des Kiosks, in welchem ein furchtbarer Aufruhr herrschte.
»Die unteren Säle waren ganz gefüllt von den Tschadoars von Kurschid, das heißt von unsern Feinden.
»In dem Augenblick, wo meine Mutter die kleine Thüre aufstoßen wollte, hörten wir furchtbar und drohend die Stimme des Pascha ertönen.
»Meine Mutter hielt ihr Auge an die Spalten der Bretter; zufällig fand sich eine Öffnung vor dem meinigen und ich schaute.
»»Was wollt Ihr?«« sagte mein Vater zu den Leuten, welche ein Papier mit goldenen Buchstaben in der Hand hielten.
»»Was wir wollen?«« entgegnete einer derselben, »»Dir den Willen Seiner Hoheit mitteilen. Siehst Du diesen Ferman?««
»»Ich sehe ihn.««
»»So lies; er fordert Deinen Kopf.««
»Mein Vater brach in ein Gelächter aus, das furchtbarer war, als irgend eine Drohung hätte sein können, doch er hatte noch nicht zu lachen aufgehört, als bereits mit zwei Pistolenschüssen von seinen Händen zwei Männer tot niedergestreckt waren.
»Die Palikaren, welche, das Gesicht gegen die Erde, um meinen Vater lagen, erhoben sich und gaben Feuer; das Gemach füllte sich mit Geschrei, Flammen und Rauch.
»Auf der Stelle begann das Feuer von der andern Seite, und die Kugeln durchlöcherten die Bretter um uns her.
»Oh! wie er schön war, wie er groß war, der Wessir Ali Tependelini, mein Vater, mitten unter den Kugeln, den Säbel in der Faust, das Gesicht von Pulver geschwärzt! Wie seine Feinde flohen!
»»Selim! Selim!«« schrie er, »»Feuerwächter, thue Deine Pflicht!««
»»Selim ist tot,«« antwortete eine Stimme, welche aus den Tiefen des Kiosks zu kommen schien, »»und Du, mein Herr, bist verloren!««
»Gleichzeitig vernahm man einen dumpfen Ton, und der Boden flog um meinen Vater in Stücke.
»Die Tschadoars schossen durch den Boden, drei oder vier Palikaren fielen von unten herauf getroffen durch Wunden, die ihnen den ganzen Leib aufrissen.
»Mein Vater brüllte, streckte seine Finger durch die Löcher der Kugeln und riß ein ganzes Brett aus.
»In demselben Augenblick aber brachen durch diese Öffnung zwanzig Flintenschüsse, und wie aus dem Krater eines Vulkans hervorströmend ergriff die Flamme die Tapeten und verzehrte sie.
»Mitten unter diesem furchtbaren Aufruhr, mitten unter diesem gräßlichen Geschrei, verwandelten mich zwei von den andern zu unterscheidende Schüsse, zwei herzzerreißende Schreie, welche alle andern Schreie übertönten, vor Schrecken in Eis: diese Schüsse hatten meinen Vater tödlich getroffen, und er hatte diese zwei Schreie ausgestoßen.
»Er war indessen, an ein Fenster angeklammert, aufrecht stehen geblieben. Meine Mutter rüttelte an der Thüre, um mit ihm zu sterben, aber die Thüre war verschlossen.
»Rings um ihn her krümmten sich Palikaren im Todeskampfe zuckend; zwei oder drei, welche ohne Wunden oder nur leicht verwundet waren, sprangen durch die Fenster.
»Zu gleicher Zeit krachte der ganze Boden von unten zertrümmert; mein Vater fiel auf ein Knie, zwanzig Arme streckten sich, mit Säbeln, Pistolen, Dolchen bewaffnet, nach ihm aus, zwanzig Streiche trafen in derselben Sekunde einen einzigen Mann, und mein Vater verschwand in einem von diesen brüllenden Teufeln angezündeten Feuerwirbel, als ob sich die Hölle unter seinen Füßen geöffnet hätte.
»Ich fühlte, wie ich zu Boden rollte: meine Mutter stürzte ohnmächtig nieder.«
Hayde ließ, einen Seufzer ausstoßend, ihre Arme sinken und schaute den Grafen an, als wollte sie ihn fragen, ob er mit ihrem Gehorsam zufrieden wäre.
Der Graf stand auf, ging auf sie zu, faßte sie bei der Hand und sagte in romaischer Sprache zu ihr:
»Beruhige Dich, liebes Kind, fasse Mut und bedenke, daß es einen Gott gibt, der die Verräter bestraft.«
»Das ist eine furchtbare Geschichte, Graf,« sprach Albert ganz erschrocken über die Blässe von Hayde; »ich mache es mir zum Vorwurf, daß ich so grausam unbescheiden gewesen bin.«
»Es ist nichts,« erwiderte Monte Christo; dann seine Hand auf den Kopf des Mädchens legend, fuhr er fort:
»Hayde ist eine mutige Frau; sie hat in der Erzählung ihrer Schmerzen eine Erleichterung gefunden.«
»Weil mich meine Schmerzen an Deine Wohlthaten erinnern, mein Herr,« versetzte rasch Hayde.
Albert schaute sie neugierig an, denn sie hatte noch nicht erzählt, was er am meisten zu wissen wünschte, nämlich, wie sie Sklavin des Grafen geworden war.
Hayde sah zugleich in den Blicken des Grafen und in denen von Albert dasselbe Verlangen ausgedrückt und fuhr fort:
»Als meine Mutter wieder zu sich kam, befanden wir uns vor dem Seraskier.
»»Töte mich,«« sprach sie, »»aber schone die Ehre der Witwe von Ali.««
»»Du mußt Dich nicht an mich wenden,«« erwiderte Kurschid.
»»An wen denn?««
»»An Deinen neuen Herrn.««
»»Wer ist dies?««
»»Hier steht er.««
»Und Kurschid deutete auf einen von denjenigen, welche am meisten zum Tode meines Vaters beigetragen hatten,« fuhr das Mädchen mit einem dumpfen Zorne fort.
»Ihr wurdet also das Eigentum dieses Mannes?« fragte Albert.
»Nein,« antwortete Hayde; »er wagte es nicht, uns zu behalten, und verkaufte uns an Sklavenhändler, welche nach Constantinopel zogen. Wir durchreisten Griechenland und kamen sterbend an der kaiserlichen Pforte an, wo uns Neugierige bedrängten, welche einen Durchgang öffneten, als meine Mutter mit den Augen der Richtung aller Blicke folgte, einen Schrei ausstieß und mir über der Pforte ein Haupt zeigend niederstürzte.
Ȇber diesem Haupte waren die Worte angeschrieben:
»»Dieses ist der Kopf von Ali Tependelini, Pascha von Janina.««
»Weinend suchte ich meine Mutter aufzuheben: sie war tot.
»Man führte mich nach dem Bazar: ein reicher Armenier kaufte mich, ließ mich unterrichten, gab mir Lehren und verkaufte mich wieder an den Sultan Mahmud, als ich dreizehn Jahre alt war.«
»Von dem ich sie um den Smaragd erkaufte, der dem ähnlich war, in welchem meine Haschischkügelchen enthalten sind,« sagte Monte Christo.
»Oh! Du bist gut! Du bist groß, mein Herr,« sagte Hayde die Hand von Monte Christo küssend, »und ich bin sehr glücklich, daß ich Dir gehöre.«
Albert war ganz betäubt von dem, was er vernommen hatte.
»Leeren Sie Ihre Tasse,« sagte der Graf zu ihm; »die Geschichte ist beendigt.«
Viertes Kapitel.
Man schreibt uns von Janina
Franz verließ das Zimmer von Noirtier so schwankend und so verwirrt, daß Valentine selbst Mitleid mit ihm bekam.
Villefort, der nur einige Worte ohne Folge gesprochen hatte und in sein Cabinet entflohen war, erhielt zwei Stunden nachher folgenden Brief:
»Nach dem, was mir diesen Morgen geoffenbart worden ist, kann Herr Noirtier von Villefort nicht annehmen, es sei eine Verbindung zwischen seiner Familie und der von Herrn Franz d’Epinay möglich. Herr Franz d’Epinay denkt mit Schrecken daran, daß Herr von Villefort, der die an diesem Morgen erzählten Ereignisse zu kennen schien, ihm nicht in diesem Gedanken zuvorgekommen ist.«
Wer den Staatsbeamten unter diesem Schlage hinsinken gesehen hätte, würde nicht geglaubt haben, daß er eine Ahnung davon gehabt; er dachte auch in der Tat nie daran, sein Vater könnte die Offenherzigkeit, oder vielmehr die Rohheit so weit treiben, daß er eine solche Geschichte erzählen würde. Allerdings hatte sich Herr Noirtier, der sich über die Meinung seines Sohnes mit Verachtung wegsetzte, nie die Mühe genommen, die Begebenheit in den Augen seines Sohnes aufzuklären, und dieser war stets der Meinung gewesen, den General von Quesnel oder der Baron d’Epinay, je nachdem man ihn nach dem Namen, den er sich gemacht, oder nach dem, welchen man ihm gegeben, nennen will, sei ermordet und nicht auf loyale Weise im Zweikampfe getötet worden.
Dieser so harte Brief eines bis dahin ehrfurchtsvollen jungen Mannes war tödlich für den Stolz von Villefort.
Kaum befand er sich in seinem Cabinet, als seine Frau eintrat.
Der Abgang des von Herrn Noirtier gerufenen Franz hatte Jedermann dergestalt in Erstaunen gesetzt, daß die Lage von Frau von Villefort, welche mit dem Notar und den Zeugen allein geblieben war, jeden Augenblick peinlicher wurde. Da faßte Frau von Villefort einen Entschluß und entfernte sich mit der Bemerkung, sie würde Nachricht einziehen und wieder zurückkommen.
Herr von Villefort beschränkte sich darauf, ihr zu sagen, in Folge einer Erklärung zwischen ihm, Herrn Noirtier und Herrn d’Epinay sei die Heirath von Valentine mit Franz abgebrochen.
Es war schwierig, dies den Wartenden mitzuteilen; als Frau von Villefort zurückkehrte, sagte sie auch nur, Herr Noirtier habe am Anfang der Besprechung eine Art von Schlaganfall gehabt, und die Unterzeichnung des Vertrags werde natürlich dadurch um einige Tage verschoben.
Diese Nachricht, so falsch sie auch war, kam so sonderbar nach zwei Unglücksfällen ähnlicher Art, daß sich die Zuhörer erstaunt anschauten und entfernten, ohne ein Wort zu sagen.
Zugleich glücklich und erschrocken, umarmte Valentine den schwachen Greis, der auf diese Art mit einem Schlage die Kette zerbrochen hatte, die sie bereits für unauflöslich hielt, dankte ihm, und bat ihn sodann um Erlaubnis, sich zu ihrer Erholung in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen, was ihr der Greis mit dem Auge bewilligte. Doch statt in ihre Wohnung hinauf zu gehen, eilte Valentine, sobald sie die Thüre von Herrn Noirtier wieder zugemacht hatte, durch den Gang und von da durch die kleine Thüre in den Garten. Inmitten aller der Ereignisse, welche sich auf einander gehäuft, hatte ein dumpfer Schrecken beständig ihr Herz zusammengepreßt. Jeden Augenblick erwartete sie Morrel bleich und drohend, wie den Laird von Ravenswood bei dem Vertrage von Lucie von Lammermoor, erscheinen zu sehen.
Es war in der Tat Zeit, daß sie zu dem Gitter kam. Vermuthend, was vorgehen würde, als er Franz mit Herrn von Villefort den Kirchhof verlassen sah, war er ihm nachgefolgt, nachdem er ihn hatte in das Haus hineingehen sehen, bemerkte er auch, daß er wieder herausging und bald mit Albert und Chateau-Renaud zurückkehrte. Es gab für ihn folglich keinen Zweifel mehr. Er warf sich in sein Gehege, bereit für jedes Ereignis und fest überzeugt, Valentine würde bei dem ersten freien Augenblick, den sie erhaschen könnte, zu ihm eilen.
Er täuschte sich nicht; sein an die Bretter gedrücktes Auge sah wirklich das Mädchen erscheinen, welches ohne eine von den gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln zu nehmen, nach dem Gitter lief.
Mit dem ersten Blicke, den Maximilian auf sie warf, war er beruhigt; bei dem ersten Worte, das sie sprach, hüpfte er vor Freude.
»Gerettet!« sagte Valentine.
»Gerettet!« wiederholte Morrel, der kaum an ein solches Glück glauben konnte, »doch durch wen gerettet?«
»Durch meinen Großvater. Oh! liebe ihn sehr, Maximilian!«
Morrel schwur, den Greis von ganzer Seele zu lieben, und es kostete ihn nichts, den Schwur zu leisten, denn in diesem Augenblick begnügte er sich nicht damit, ihn wie einen Freund, oder wie einen Vater zu lieben, er betete ihn an, wie einen Gott.
»Doch wie hat sich das gemacht?« fragte Morrel; »was für ein seltsames Mittel hat er angewendet?«
Valentine öffnete den Mund, um Alles zu erzählen; doch sie bedachte, daß im Grunde von dem Allem ein furchtbares Geheimnis lag, das nicht ihrem Großvater allein gehörte.
»Später werde ich Dir Alles erzählen,« sagte sie.
»Wann dies?«
»Wenn ich einmal Deine Frau bin?
Dies hieß das Gespräch auf ein Kapitel bringen, das Morrel leicht Alles verstehen ließ; er verstand sogar, daß er sich mit dem, was er wußte, begnügen sollte, und das war genug für einen Tag. Er willigte jedoch erst auf das Versprechen, Valentine am andern Abend wiederzusehen, ein, sich zu entfernen.
Valentine versprach Alles, was Morrel haben wollte. Alles hatte sich in ihren Augen geändert, und es war ihr nun natürlich minder schwer, zu glauben, sie würde Maximilian heiraten, als eine Stunde vorher, zu glauben, sie würde Franz nicht heiraten.
Frau von Villefort war mittlerweile zu Herrn Noirtier hinaufgegangen.
Noirtier schaute sie mit dem strengen, düstern Auge an, mit dem er sie gewöhnlich empfing.
»Mein Herr,« sagte sie zu ihm, »ich brauche Ihnen nicht mitzuteilen, daß die Heirat von Valentine abgebrochen ist, denn der Bruch hat hier stattgefunden.«
Noirtier blieb unempfindlich.
»Doch, was Sie nicht wissen,« fuhr Frau von Villefort fort, »ist der Umstand, mein Herr, daß ich stets gegen diese Heirat gewesen bin, welche wider meinen Willen geschlossen werden sollte.«
Noirtier schaute seine Schwiegertochter wie ein Mensch an, der eine Erklärung erwartet.
»Da nun diese Heirat, welche Ihnen, wie ich weiß, so sehr widerstrebte, abgebrochen ist, so komme ich, um bei Ihnen einen Schritt zu tun, den weder Herr von Villefort, noch Valentine tun können.«
Die Augen von Noirtier fragten, worin dieser Schritt bestünde.
»Ich komme, um Sie zu bitten, mein Herr,« fuhr Frau von Villefort fort, »denn nur ich, der nichts davon zukommen wird, bin hierzu berechtigt, ich komme, um Sie zu bitten, Ihrer Enkelin, ich sage nicht Ihre Gunst, sie hat sie stets gehabt, sondern Ihr Vermögen zufließen zu lassen.«
Die Äugen von Noirtier blieben eine Zeit lang unschlüssig: er suchte offenbar die Beweggründe dieses Schrittes und konnte sie nicht finden.
»Darf ich hoffen, mein Herr, daß Ihre Absichten im Einklang mit der Bitte standen, die ich so eben an Sie gerichtet habe?« fragte-Frau von Villefort.
»Ja,« machte der Greis.
»Dann entferne ich mich, zugleich dankbar und glücklich,« sprach Frau von Villefort, grüßte Herrn Noirtier und verließ das Zimmer.
Noirtier ließ in der Tat schon am andern Tag den Notar kommen: das erste Testament wurde zerrissen und ein anderes abgefaßt, in welchem er sein ganzes Vermögen Valentine unter der Bedingung vermachte, daß man sie nicht von ihm trennen würde.«
Einige Personen berechneten sodann, Erbin des Marquis und der Marquise von Saint-Meran und wieder in die Gunst ihres Großvaters eingesetzt, hätte Fräulein von Villefort eines Tags eine Rente von dreimal hundert tausend Francs.
Während diese Heirat bei den Villefort abgebrochen wurde, hatte der Graf von Morcerf den Besuch von Monte Christo empfangen, und um Danglars seinen Eifer kundzugeben, zog jener seine große Generallieutenants-Uniform an, die er mit allen seinen Kreuzen hatte schmücken lassen, und befahl, seine besten Pferde anzuspannen.
So geschmückt, begab er sich in die Rue de la Chaussee d’Antin und ließ sich bei Danglars melden, der eben seinen Monatsabschluß berechnete.
Es war seit einiger Zeit nicht der Augenblick, in dem man den Banquier besuchen mußte, wenn man ihn in guter Laune finden wollte.
Bei dem Anblicke seines alten Freundes nahm Danglars seine majestätische Miene an und setzte sich viereckig in seinem Lehnstuhle zurecht. Sonst so steif, halte Morcerf im Gegenteil eine lachende, freundliche Miene entlehnt: beinahe sicher, seiner Eröffnung würde ein guter Empfang zu Teil werden, ging er nicht diplomatisch zu Werke, sondern sprach, mit einem Schlage zum Ziele schreitend:
»Baron, hier bin ich. Seit geraumer Zeit drehen wir uns um das, was wir früher besprochen . . . «
Morcerf erwartete, er würde bei diesen Worten das Gesicht des Banquier, dessen Verdüsterung er seinem Stillschweigen zuschrieb, aufblühen sehen, aber dieses Gesicht wurde im Gegenteil, was beinahe unglaublich war, noch viel kalter und unempfindlicher.
Deshalb hatte Morcerf mitten in seinem Satze angehalten.
»Was haben wir besprochen, mein Herr Graf?« fragte der Banquier, als suchte er vergebens in seinem Geiste die Erklärung dessen, was der Graf sagen wollte.
»Oh! Sie sind ein Formenmann, mein lieber Herr,« versetzte der Graf, »und Sie erinnern mich daran, daß das Zeremoniell nach allen Gebräuchen beobachtet werden muß. Meiner Treue! sehr gut. Verzeihen Sie mir, da ich nur einen Sohn habe, und dies das ersten Mal ist, daß ich. an seine Verheiratung denke, so bin ich noch ein Lehrling hierin; wohl, ich unterwerfe mich.«
Und Morcerf erhob sich mit einem gezwungenen Lächeln, machte eine tiefe Verbeugung vor Danglars und sprach zu ihm:
»Mein Herr Baron, ich habe die Ehre, Sie um die Hand von Fräulein Eugenie Danglars, Ihrer Tochter, für meinen Sohn, den Vicomte Albert von Morcerf zu bitten.«
Doch statt diese Worte mit einem Wohlwollen aufzunehmen, das Morcerf von ihm hoffen durfte, runzelte Danglars die Stirne, setzte sich, ohne den Grafen, welcher stehen geblieben war, zum Sitzen einzuladen, und sprach:
»Mein Herr Graf, ehe ich Ihnen antworte, muß ich überlegen.«
»Überlegen!« entgegnete Morcerf immer mehr erstaunt, »haben Sie seit den acht Jahren, da wir zum ersten Male von dieser Heirat sprachen, nicht Zeit gehabt, sich die Sache zu überlegen.«
»Mein Herr Graf,« sagte Danglars, »es fallen alle Tage Dinge vor, welche dahin wirken, daß eine Überlegung, die man bereits gemacht hat, wiederholt werden muß.«
»Wie so?« fragte Morcerf, »ich begreife Sie nicht, Baron.«
»Ich will damit sagen, mein Herr, daß seit vierzehn Tagen neue Umstände…«
»Erlauben Sie mir,« versetzte Morcerf, »spielen wir Komödie?«
»Wie, Komödie?«
»Ja, wir wollen uns kategorisch erklären.«
»Das kann mir nur lieb sein.«
»Haben Sie Herrn von Monte Christo gesehen?«
Ich sehe ihn sehr häufig antwortete Danglars, seinen Jabot schüttelnd, »er gehört zu meinen Freunden.«
»Wohl, bei einem seiner letzten Besuche in Ihrem Hause, sagten Sie ihm, ich scheine vergeßlich, unentschlossen, in Beziehung auf diese Heirat?«
»Das ist wahr.«
»Nun! hier bin ich. Ich bin weder vergeßlich, noch unentschlossen, wie Sie sehen, denn ich komme, um Sie aufzufordern, Ihr Versprechen zu halten.«
Danglars antwortete nicht.
»Haben Sie Ihre Ansichten so bald verändert?« fügte Morcerf bei, »oder haben Sie mein Gesuch nur hervorgerufen, um sich das Vergnügen zu machen, mich zu demütigen?«
Danglars begriff, daß die Sache, wenn er das Gespräch in dem Tone, in dem er es angefangen, fortsetzen würde, eine schlimme Wendung für ihn nehmen könnte.
»Mein Herr Graf,« sagte er, »Sie müssen mit vollem Rechte über meine Zurückhaltung erstaunt sein, glauben Sie mir, ich begreife dies und bin vor Allen darüber betrübt; seien Sie überzeugt, daß mir diese Zurückhaltung durch gebieterische Umstände vorgeschrieben wird.«
»Das sind Worte in die Luft gesprochen, mein lieber Herr, mit denen sich der Erste der Beste begnügen könnte; doch der Graf von Morcerf ist nicht der Erste der Beste, und wenn ein Mann wie ich einen andern Mann aussucht, ihn an ein gegebenes Wort erinnert, und dieser Mann sein Wort nicht hält, so hat er wenigstens das Recht, auf der Stelle zu verlangen, daß man ihm einen vernünftigen Grund angibt.«
Danglars war feig, aber er wollte es nicht scheinen; von dem Tone von Morcerf gereizt, erwiderte er:
»Es fehlt mir auch nicht an einem vernünftigen Grunde.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Daß ich einen vernünftigen Grund habe, daß er aber schwer anzugeben ist.«
»Sie fühlen jedoch, mein Herr,« entgegnete Morcerf, »daß ich mich nicht mit Ihrem Verschweigen abspeisen lassen werde; Eines aber ist mir bei alle dem sehr klar, nämlich daß Sie eine Verbindung mit mir ausschlagen.«
»Nein, mein Herr,« sprach Danglars, »ich verschiebe nur meinen Entschluß auf Weiteres.«
»Doch Sie werden wohl nicht die Anmaßung haben, zu glauben, ich unterschreibe Ihre Launen und warte ruhig und demütig auf die Rückkehr Ihrer Gunst?«
»Wenn Sie nicht warten können, mein Herr Graf, so wollen wir unsere Pläne als nicht geschehen betrachten.«
Der Graf biß sich bis auf das Blut in die Lippen, um den Ausbruch zurückzudrängen, zu dem ihn sein stolzer, reizbarer Charakter antrieb; da er jedoch begriff, die Lächerlichkeit wäre unter diesen Umständen auf seiner Seite, so ging er bereits auf die Thüre des Salon zu, besann sich aber bald wieder eines Andern und kehrte zurück.
Eine Wolke zog über seine Stirne hin, und ließ darauf, statt des beleidigten Stolzes, die Spur einer unbestimmten Unruhe.
»Mein lieber Herr Danglars,« sprach er, »wir kennen uns seit langen Jahren und müssen folglich einige Schonung für einander haben. Sie sind mir eine Erklärung schuldig, und es ist doch das Wenigste, daß ich erfahre, welchem unglücklichen Ereignis mein Sohn den Verlust Ihrer guten Absichten in Beziehung auf ihn zuzuschreiben hat.«
»Es betrifft den Vicomte nicht persönlich, mehr kann ich Ihnen nicht sagen, mein Herr,« antwortete Danglars, der wieder frech wurde, seitdem er sah, daß Morcerf sich besänftigte.
»Und wen betrifft es denn persönlich?« fragte mit bebender Stimme Morcerf, dessen Stirne sich mit Blässe bedeckte.
Danglars, dem keines dieser Symptome entging, heftete auf ihn einen sichereren Blick, als er sonst zu tun pflegte, und sprach:
»Danken Sie mir, daß ich mich nicht näher erkläre.«
Ein ohne Zweifel von einem zurückgehaltenen Zorne herrührendes Nervenzittern schüttelte Morcerf, und er erwiderte mit einer gewaltigen Anstrengung gegen sich selbst:
»Ich bin berechtigt, eine Erklärung von Ihnen zu verlangen: haben Sie etwas gegen Frau von Morcerf? Ist mein Vermögen nicht hinreichend? Sind es meine Ansichten, welche, den Ihrigen entgegengesetzt . . . «
»Nichts von dem Allem, mein Herr,« sagte Danglars; »ich wäre unentschuldbar, denn ich habe mich, alles dies kennend, in die Sache eingelassen. Nein, suchen Sie nicht weiter, ich bin in der Tat beschämt, Sie diese Gewissensprüfung machen zu lassen; glauben Sie mir, bleiben wir bleibet stehen. Nehmen wir das in der Mitte liegende Wort Aufschub, was weder ein Bruch, noch eine bestimmte Verbindlichkeit ist. Mein Gott! nichts drängt. Meine Tochter ist siebzehn Jahre alt, Ihr Sohn einundzwanzig. Während unseres Haltes schreitet die Zeit fort, sie führt die Ereignisse herbei, die Dinge, welche noch gestern dunkel schienen, sind heute vielleicht klar; zuweilen fallen mit einem Worte, zuweilen an einem Tage die grausamsten Verleumdungen.«
»Verleumdungen, haben Sie gesagt, mein Herr?« rief Morcerf leichenbleich. »Man verleumdet mich also?«
»Mein Herr Graf, wir wollen uns nicht weiter erklären, sage ich.«
»Ich soll mich also ruhig dieser Weigerung unterwerfen?«
»Welche besonders für mich peinlich ist, mein Herr. Ja, peinlicher für mich, als für Sie, denn ich rechnete auf die Ehre einer Verbindung mit Ihnen, und eine fehlgeschlagene Heirat schadet immer mehr der Braut, als dem Bräutigam.«
»Es ist gut, mein Herr, sprechen wir nicht mehr davon,« sagte Morcerf, und seine Handschuhe mit der größten Wut zerknitternd verließ er das Zimmer.
Danglars bemerkte, daß es Morcerf nicht ein einziges Mal gewagt hatte, ihn zu fragen, ob er, Morcerf, die Ursache wäre, warum Danglars sein Wort zurücknähme.
Am Abend fand eine lange Besprechung mit mehreren Freunden statt, und Herr Cavalcanti, der sich beständig in dem Salon der Frauen aufgehalten hatte, ging zuletzt aus dem Hause des Banquier.
Als Danglars am andern Morgen erwachte, verlangte er nach den Zeitungen; man brachte sie ihm sogleich: er schob drei oder vier auf die Seite und nahm den Impartial.
Beauchamp war Redakteur dieser Zeitung.
Er brach rasch den Umschlag auf, öffnete ihn mit einer nervigen Hast, ging verächtlich über den Pariser Artikel weg und blieb, als er zu den verschiedenen Begebenheiten gelangte, mit einem lebhaften Lächeln bei einer kurzen Notiz stehen, welche mit den Worten anfing: Man schreibt uns von Janina . . .
