Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 74
Drittes Kapitel.
Hayde
Kaum hatten sich die Pferde um die Ecke des Boulevard gedreht, als sich Albert mit einem Gelächter, das zu lärmend war, um natürlich zu sein, an den Grafen wandte und zu diesem sagte:
»Ich frage Sie, wie Karl IX. nach der Bartholomäus-Nacht Catharina von Medicis fragte: Wie habe ich meine Rolle gespielt?«
»In welcher Hinsicht?«
»Hinsichtlich der Einsetzung meines Nebenbuhlers bei Herrn Danglars . . . «
»Welches Nebenbuhlers?«
»Bei Gott! Ihres Schützlings, des Herrn Andrea Cavalcanti.«
»Oh! keine schlechte Späße, Vicomte, ich beschütze Herrn Andrea nicht, wenigstens nicht bei Herrn Danglars.«
»Und das ist ein Vorwurf, den ich Ihnen machen würde, wenn der junge Mann eines Schutzes bedürfte; doch zu meinem Glücke kann er desselben entbehren,«
»Wie, Sie glauben, er mache den Hof?«
»Ich stehe Ihnen dafür, er seufzt, wälzt die Augen im Kopfe umher und moduliert verliebte Töne; er strebt nach der Hand der stolzen Eugenie.«
»Was ist daran gelegen, wenn man nur an Sie denkt.«
»Sagen Sie das nicht, mein lieber Graf, man stößt mich von zwei Seiten zurück.«
»Wie, von zwei Seiten?«
»Allerdings: Fräulein Eugenie hat mir kaum geantwortet, und Fräulein d’Armilly, ihre Vertraute, hat mir gar nicht geantwortet.«
»Ja . . . aber der Vater betet Sie an . . . « sprach Monte Christo.
»Er? im Gegenteil, er hat mir tausend Dolche in das Herz gestoßen; Dolche, die wohl in das Heft zurückwichen, Tragödiendolche, die er aber für wahr und wirksam hielt.«
»Die Eifersucht deutet Zuneigung an.«
»Ja, doch ich bin nicht eifersüchtig.«
»Er ist es!«
»Auf wen? auf Debray?«
»Nein, auf Sie.«
»Auf mich? ich wette, daß er mir ehe acht Tage vergehen, die Thüre vor der Nase zumacht.«
»Sie täuschen sich, mein lieber Vicomte.«
»Haben Sie einen Beweis?«
»Wollen Sie ihn?«
»Ja.«
»Ich bin beauftragt, den Herrn Grafen von Morcerf zu bitten, einen entscheidenden Schritt bei dem Baron zu tun.«
»Durch wen?«
»Durch den Baron selbst.«
»Nicht wahr, das werden Sie nicht tun, mein lieber Graf.«
»Sie täuschen sich, Albert, ich werde es tun, da ich es versprochen habe.«
»Es scheint, es ist Ihnen Alles daran gelegen, mich zu verheiraten,« versetzte Albert mit einem Seufzer.
»Es liegt mir daran, mit Jedermann gut zu sein; doch was Debray betrifft, ich sehe ihn nicht mehr bei der Baronin?«
»Es findet eine Zwistigkeit statt.«
»Mit Madame?«
»Nein, mit dem Baron.«
»Er hat also etwas bemerkt.«
»Sie scherzen!«
»Glauben Sie, er habe es vermutet?« versetzte Monte Christo mit einer reizenden Naivität.
»Ei, woher kommen Sie denn, mein lieber Graf?«
»Von Congo, wenn Sie wollen.«
»Das ist noch nicht fern genug.«
»Kenne ich Euere Pariser Ehemänner?«
»Die Ehemänner sind überall dieselben; sobald Sie in irgend einem Lande das Individuum studiert haben, kennen Sie das ganze Geschlecht.«
»Doch welche Ursache konnte denn Danglars und Debray entzweien? Sie schienen sich so gut zu verstehen,« sagte Monte Christo mit neuer Naivität.
»Ah! wir kommen zu den Geheimnissen der Isis, und ich bin nicht eingeweiht. Wenn Herr Cavalcanti Sohn zu der Familie gehört, so mögen Sie ihn dies fragen.«
Der Wagen hielt an.
»Wir sind an Ort und Stelle,« sprach Monte Christo, »es ist erst halb elf Uhr, kommen Sie mit herauf.«
»Sehr gern.«
»Mein Wagen wird Sie zurückführen.«
»Ich danke, mein Coupe muß uns gefolgt sein.«
»In der Tat, hier ist es,« sagte Monte Christo und sprang zu Boden.
Beide gingen in das Haus; der Salon war beleuchtet, sie traten ein.
»Sie werden uns Thee machen lassen, Baptistin,« sprach Monte Christo.
Baptistin entfernte sich ohne ein Wort zu sagen. Zwei Secunden nachher erschien er wieder mit einer vollkommen bestellten Platte, welche wie die Mahle in den Feenstücken aus der Erde hervorzukommen schien.
»In der Tat, mein lieber Graf,« sprach Morcerf, »was ich an Ihnen bewundere, ist nicht Ihr Reichtum, es gibt vielleicht Leute, welche reicher sind, als Sie; es ist nicht Ihr Geist, Beaumarchais hatte nicht mehr, aber eben so viel; es ist Ihre Art und Weise, ohne daß man Ihnen ein Wort erwidert, auf die Minute, auf die Secunde, bedient zu werden, als ob man schon an Ihrem Läuten erriete, was Sie zu haben wünschen, und als ob das, was Sie haben wollen, stets völlig bereit wäre.«
»Was Sie da sagen, ist ein wenig wahr. Man kennt meine Gewohnheiten. Sie sollen ein Beispiel sehen: wünschen Sie nicht irgend etwas zu tun, während Sie Thee trinken?«
»Bei Gott! ich wünschte zu rauchen.«
Monte Christo näherte sich dem Glöckchen und that einen Schlag.
Nach einer Secunde öffnete sich eine besondere Thüre und Ali erschien mit zwei mit vortrefflichem Latakie gestopften Schibuks.
»Das ist wunderbar,« sagte Morcerf.
»Nein, das ist ganz einfach,« versetzte Monte Christo: »Ali weiß, daß ich gewöhnlich rauche, wenn ich Kaffee oder Thee trinke; er weiß, daß ich Thee verlangt habe; er weiß, daß ich mit Ihnen nach Hause gekommen bin, er hört, daß ich rufe, er vermutet die Ursache, und da er von einem Lande ist, wo die Gastfreundschaft besonders mit der Pfeife geübt wird, so bringt er, statt eines Schibuks, zwei.«
»Das ist allerdings eine gute Erklärung; darum scheint es mir aber nicht minder wahr, daß nur Sie . . . Doch was höre ich?«
Morcerf neigte sich nach der Thüre, durch welche wirklich Töne, denen einer Guitarre entsprechend, drangen.
»Meiner Treue, lieber Vicomte, Sie sind diesen Abend ein Opfer der Musik; Sie entgehen dem Piano von Fräulein Danglars nur, um in die Guzla von Hayde zu fallen.«
»Hayde! welch’ ein bewunderungswürdiger Name! Es gibt also wirklich anderswo, als in den Gedichten von Lord Byron, Frauen, welche Hayde heißen?«
»Gewiß; Hayde ist ein in Frankreich sehr seltener, doch in Albanien und im Epirus sehr gewöhnlicher Name; es ist, als ob Sie zum Beispiel sagten: Keuschheit, Schamhaftigkeit, Unschuld; Hayde ist eine Art von Taufnamen, wie Euere Pariser sagen.«
»Oh, wie reizend!« rief Albert; »wie gern möchte ich unsere Französinnen sich Fräulein Güte, Fräulein Stillschweigen, Fräulein Nächstenliebe nennen hören! Sagen Sie, welche Wirkung müßte es hervorbringen, wenn in einem Heiratsaufgebot Fräulein Danglars, statt sich Claire Marie Eugenie zu nennen, wie sie sich nennt, Fräulein Keuschheit-Schamhaftigkeit-Unschuld Danglars heißen würde!«
»Sie sind verrückt!« sprach der Graf; »sprechen Sie nicht so laut, Hayde könnte es hören.«
»Und sie würde sich darüber ärgern?«
»Nein,« entgegnete der Graf mit seiner stolzen Miene.
»Sie ist eine gute Person?« fragte Albert.
»Es ist nicht Güte, es ist Pflicht: eine Sklavin wird nicht gegen ihren Herrn aufgebracht.«
»Gehen Sie doch, Sie scherzen selbst. Gibt es noch Sklavinnen?«
»Sicherlich, da Hayde die meinige ist.«
»In der Tat, Sie tun nichts und haben nichts, wie ein Anderer. Sklavin des Herrn Grafen von Monte Christo! das ist eine Stellung in Frankreich. Nach der Art und Weise, wie Sie das Geld in Bewegung setzen, muß es ein Platz sein, der hunderttausend Thaler jährlich einträgt.«
»Hundert tausend Thaler! Die Arme hat mehr als dies besessen; sie ist auf Schätzen auf die Welt gekommen, gegen welche die aus Tausend und eine Nacht nur sehr wenig sind.«
»Es ist also wirklich eine Prinzessin?«
»Wie Sie sagen, und zwar eine der reichsten ihres Landes.«
»Ich vermutete es. Doch wie ist eine vornehme Prinzessin Sklavin geworden?«
»Wie ist Dionys der Tyrann Schulmeister geworden? Der Zufall des Krieges, mein lieber Vicomte, die Laune des Schicksals.«
»Und ihr Name ist ein Geheimnis?«
»Ja, für Jedermann, aber nicht für Sie, mein lieber Vicomte, der Sie zu meinen Freunden gehören und der Sie schweigen, nicht wahr, wenn Sie mir zu schweigen versprechen?«
»Bei meinem Ehrenwort.«
»Sie kennen die Geschichte vom Pascha von Janina?«
»Von Ali Tependelini? Ganz gewiss, denn mein Vater hat in seinem Dienste sein Glück gemacht.«
»Es ist wahr, ich hatte es vergessen.«
»Nun, was ist Hayde in Beziehung auf Ali Tependelini?«
»Ganz einfach seine Tochter.«
»Wie, die Töchter von Ali Pascha?«
»Ja, von der schönen Wasiliki.«
»Und sie ist Ihre Sklavin?«
»Oh, mein Gott! ja.«
»Wie dies?«
»Als ich eines Tags über den Markt von Constantinopel ging, kaufte ich sie.«
»Das ist herrlich! Bei Ihnen, mein lieber Graf, lebt man nicht, sondern man träumt. Doch hören Sie, was ich Sie nun fragen werde, ist sehr unbescheiden.«
»Sprechen Sie immerhin.«
»Da Sie mit ihr ausgehen, da Sie Hayde in die Oper führen . . . «
»Nun?«
»So kann ich mich wohl erdreisten, dies mir von Ihnen zu erbitten.«
»Sie können sich erdreisten, Alles von mir zu verlangen.«
»Wohl, mein lieber Graf, stellen Sie mich Ihrer Prinzessin vor.«
»Gern; doch unter zwei Bedingungen.«
»Ich nehme sie zum Voraus an.«
»Einmal dürfen Sie diese Vorstellung Niemand mitteilen.«
»Sehr gut.« (Morcerf streckte die Hand aus.) Ich schwöre.«
»Und sodann dürfen Sie ihr nicht sagen, Ihr Vater habe dem ihrigen gedient.«
»Ich schwöre abermals.«
»Vortrefflich. Vicomte, nicht wahr, Sie werden sich dieser beiden Schwüre erinnern?«
»Oh! gewiss,« rief Albert.
»Gut, ich weiß, daß Sie ein Mann von Ehre sind.«
Der Graf schlug abermals auf das Glöckchen; Ali erschien.
»Melde Hayde,« sagte er zu ihm, »daß ich den Kaffee bei ihr trinken will, und mache ihr begreiflich, daß ich sie um Erlaubnis bitte, ihr einen von meinen Freunden vorstellen zu dürfen.«
Ali verbeugte sich und trat ab.
»Es ist also abgemacht, keine unmittelbare Frage, lieber Vicomte. Wenn Sie etwas zu wissen wünschen, so fragen Sie mich, und ich werde Hayde fragen.«
»Abgemacht!«
Ali erschien zum dritten Male und hielt den Thürvorhang aufgehoben, um seinem Herrn und Albert anzudeuten, daß sie kommen könnten.
»Treten wir ein,« sagte Monte Christo.
Albert fuhr mit der Hand in seine Haare und kräuselte seinen Schnurrbart. Der Graf nahm seinen Hut, zog seine Handschuhe an und ging Albert in die Wohnung voran, welche Ali wie ein Vorposten bewachte und die drei von Myrtho befehligten französischen Kammerfrauen verteidigten.
Hayde wartete in dem ersten Zimmer, welches der Salon war, mit großen Augen, in denen sich das Erstaunen deutlich ausprägte, denn es geschah zum ersten Male, daß ein anderer Mann als Monte Christo zu ihr drang; sie saß in der Ecke eines Sopha mit gekreuzten Beinen und hatte sich gleichsam in den reichsten, gestickten und gestreiften orientalischen Seidenstoffen ein Nest gemacht. Neben ihr lag das Instrument, dessen Töne sie verraten hatten; sie war reizend anzuschauen.
Als sie Monte Christo erblickte, stand sie auf, mit dem doppelten Lächeln der Tochter und der Liebenden, das nur ihr eigen war; Monte Christo ging auf sie zu und reichte ihr seine Hand, auf welche sie, wie gewöhnlich, ihre Lippen drückte.
Albert war unter der Herrschaft dieser seltsamen Schönheit, die er zum ersten Male sah, und von der man sich in Frankreich keinen Begriff machen konnte, bei der Thüre stehen geblieben.
»Wen bringst Du mir?« fragte das Mädchen in romaischer Sprache Monte Christo; »einen Bruder, einen Freund, einen einfachen Bekannten, oder einen Feind?«
»Einen Freund,« antwortete Monte Christo in derselben Sprache.
»Sein Name?«
»Graf Albert, es ist derselbe, den ich in Rom den Händen der Banditen entrissen habe.«
»In welcher Sprache soll ich mit ihm sprechen?«
Monte Christo wandte sich gegen Albert um und fragte den jungen Mann:
»Kennen Sie das Neugriechische?«
»Ach! nicht einmal das Altgriechische,« versetzte Albert; »an mir hatten Homer und Plato einen erbärmlichen Schüler.«
»Nun wohl,« sagte Hayde, durch ihre Worte beweisend, daß sie die Frage von Monte Christo und die Antwort von Albert gehört hatte, »ich werde Französisch oder Italienisch sprechen, wenn es überhaupt der Wille meines Herrn ist, daß ich spreche.«
Monte Christo dachte einen Augenblick nach und erwiderte:
»Du wirft Italienisch sprechen.«
Dann sich an Albert wendend:
»Es ist ärgerlich, daß Sie weder das Neugriechische, noch das Altgriechische verstehen, denn Hayde spricht Beides vortrefflich; die Arme ist genötigt, Italienisch mit Ihnen zu sprechen, was Ihnen vielleicht einen falschen Begriff von ihr geben wird.«
Er machte Hayde ein Zeichen.
»Sei willkommen, Freund, der Du mit meinem Herrn und Gebieter erscheinst,« sagte das Mädchen in vortrefflichem Toscanisch und mit jenem weichen römischen Accent, der die Sprache von Dante so wohlklingend macht, als die von Homer; »Ali, Kaffee und Pfeifen.«
Hiernach bedeutete Hayde Albert durch ein Zeichen, er möge sich ihr nähern, während Ali wegging, um die Befehle seiner jungen Herrin zu vollziehen.
Monte Christo zeigte Albert zwei Stühle und Jeder holte den seinigen, um ihn an ein Tischchen zu rücken, das mit natürlichen Blumen, Zeichnungen und musikalischen Albums überladen war.
Ali kehrte bald mit dem Kaffee und den Schibuks zurück; für Herrn Baptistin war dieser Teil der Wohnung verboten.
Albert wies die Pfeife zurück, die ihm der Nubier bot.
»Oh! nehmen Sie, nehmen Sie,« sagte Monte Christo; »Hayde ist beinahe ebenso civilisirt als eine Pariserin; der Havanna ist ihr unangenehm, weil sie die schlechten Gerüche nicht liebt, doch der orientalische Tabak gibt einen Wohlgeruch, wie Sie wissen.«
Ali verließ das Zimmer.
Die Kaffeetassen waren völlig zugerichtet, nur hatte man für Albert eine Zuckerdose beigefügt. Monte Christo und Hayde nahmen den arabischen Trank auf die Weise der Araber, nämlich ohne Zucker.
Hayde streckte ihre Hand aus und faßte mit der Spitze ihrer zarten, rosigen Finger die Tasse von japanesischem Porzellan, die sie mit dem naiven Vergnügen eines Kindes, das etwas ißt oder trinkt, was es liebt, an ihre Lippen führte.
Zu gleicher Zeit traten zwei Frauen ein, welche zwei andere Platten, beladen mit Eisen und Sorbets brachten, die sie auf kleine, für diesen Gebrauch bestimmte Tische setzten.
»Mein lieber Wirth und Sie Signora,« sprach Albert italienisch, »entschuldigen Sie mein Erstaunen. ’Ich bin ganz verwirrt, und das ist natürlich: ich finde hier den Orient, den wahren Orient, nicht wie ich ihn gesehen, sondern wie ich ihn geträumt, im Schooße von Paris geträumt habe; so eben noch hörte ich die Omnibus rollen, und die Glöckchen der Limonadehändler ertönen. Oh! Signora, daß ich nicht Griechisch sprechen kann, Ihre Rede, verbunden mit dieser feenhaften Umgebung würde für mich einen Abend bitten, dessen ich mich stets erinnern müßte.«
»Ich spreche gut genug Italienisch, um mich mit Ihnen zu unterhalten, mein Herr,« sagte ruhig Hayde, »und ich werde nach meinen Kräften dafür sorgen, daß Sie den Orient hier wiederfinden, wenn Sie ihn lieben.«
»Wovon kann ich mit ihr sprechen?« fragte Albert ganz leise Monte Christo,
»Von Allem, was Sie wollen: von ihrem Vaterland, von ihrer Jugend, von ihren Erinnerungen, oder, wenn Sie lieber wollen, von Rom, von Neapel, von Florenz.«
»Oh! es wäre nicht der Mühe wert, eine Griechin vor sich zu haben, um mit ihr von allem dem zu reden, wovon man mit einer Pariserin reden würde; lassen Sie mich mit ihr vom Orient sprechen.«
»Thun Sie das, mein lieber Albert, es ist für sie die angenehmste Unterhaltung.«
Albert wandte sich gegen Hayde und fragte:
»In welchem Alter hat Signora Griechenland verlassen?«
»Mit fünf Jahren,« antwortete Hayde. »Und Sie erinnern sich Ihres Vaterlandes?« fragte Albert.
»Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Alles wieder, was ich gesehen habe. Es gibt zwei Blicke: den Blick des Körpers und den Blick der Seele. Der Blick des Körpers kann zuweilen vergessen, aber der der Seele erinnert sich immer.«
»Und was ist die fernste Zeit, der Sie sich erinnern?«
»Ich konnte kaum gehen; meine Mutter, welche Wasiliki hieß (Wasiliki bedeutet königlich,« fügte das Mädchen stolz das Haupt erhebend bei), »meine Mutter nahm mich bei Her Hand und wir gingen Beide mit Schleiern bedeckt, nachdem wir in den Grund der Börse alles Gold gelegt hatten, das wir besaßen, umher und forderten mit den Worten: »»Derjenige, welcher den Armen gibt, leiht dem Ewigen,«« Almosen für die Gefangenen. Wenn dann unsere Börse voll war, kehrten wir in den Palast zurück und schickten, ohne meinem Vater ein Wort zu sagen, alles Gold, das man uns, im Glauben, wir wären arme Frauen, gegeben hatte, dem Hegumenos des Klosters, der es unter die Gefangenen austeilte.«
»Wie alt waren Sie damals?«
»Drei Jahre,« sprach Hayde.
»Also erinnern Sie sich alles dessen, was seit dem Alter von drei Jahren um Sie her vorging?«
»Gewiß.«
»Graf,« sagte ganz leise Morcerf zu Monte Christo, »Sie sollten der Signora erlauben, uns etwas von ihrer Geschichte zu erzählen. Sie haben mir verboten, von meinem Vater mit ihr zu sprechen, doch vielleicht spricht sie von ihm, und Sie können sich gar nicht denken, wie glücklich ich wäre, Ihren Namen aus einem so schönen Munde kommen zu hören.«
Monte Christo wandte sich an Hayde und sagte mit einem Zeichen der Augenbrauen, das ihr andeutete, sie solle mit der größten Aufmerksamkeit seinem Befehle Folge leisten, in griechischer Sprache zu ihr:
»Erzähle uns das Schicksal Deines Vaters, aber nenne nicht den Namen des Verräters.«
Hayde stieß einen langen Seufzer aus und eine düstere Wolke zog über ihre so reine Stirne hin.
»Was sagen Sie ihr?« fragte ganz leise Morcerf.
»Ich wiederhole ihr, daß Sie ein Freund von mir sind und daß sie Ihnen gegenüber nichts zu verbergen hat.«
»Diese fromme Pilgerfahrt zu den Gefangenen ist also Ihre erste Erinnerung?« sagte Albert, »was ist die andere?«
»Die andere? Ich sehe mich unter dem Schütten von Ahornbäumen, in der Nähe eines Sees, dessen zitternden Spiegel ich noch durch das Blätterwerk erblicke; an dem ältesten und buschreichsten Baume saß mein Vater auf Kissen, und während meine Mutter zu seinen Füßen lag, spielte ich mit seinem weißen Barte, der bis auf seine Brust herabging, und mit dem in seinem Gürtel steckenden Kandschar mit dem Diamantgriffe; von Zeit zu Zeit kam ein Albaneser zu ihm und sagte ein paar Worte, denen ich keine Aufmerksamkeit schenkte, er aber antwortete mit dem gleichen Tone: »»Tötet!«« oder »»Begnadigt!««
»Es ist doch seltsam,« sagte Albert, »solche Dinge aus dem Munde eines Mädchens anderswo, als auf dem Theater, zu hören und sich sagen zu können: das ist keine Fiktion. Doch wie finden Sie mit diesem poetischen, so wundervollen Horizont Frankreich?«
»Ich glaube, es ist ein schönes Land,« sprach Hayde: »doch ich sehe Frankreich so wie es ist, denn ich sehe es mit Frauenaugen, während mir im Gegenteil mein Vaterland, das ich nur mit Kindesaugen angeschaut habe, stets mit einem leuchtenden oder düsteren Nebel umhüllt zu sein scheint, je nachdem es meine Erinnerungen zu einer süßen Heimat, oder zu einem Orte bitterer Leiden machen.«
»Signora, wie konnten Sie so jung schon leiden,« fragte Albert? unwillkürlich der Macht der Alltäglichkeit nachgebend.
Hayde wandte sich mit den Augen an Monte Christo, und dieser murmelte mit einem unmerklichen Zeichen:
»Erzähle.«
»Nichts bildet den Grund der Seele, wie die ersten Erinnerungen und abgesehen von den Zweien, die ich Ihnen genannt habe, sind alle Erinnerungen meiner Jugend traurig.«
»Reden Sie, reden Sie, Signora,« sagte Albert, »ich schwöre, daß ich Ihnen mit unaussprechlichem Glücke zuhöre.«
Hayde erwiderte traurig lächelnd:
»Ich soll also zu meinen andern Erinnerungen übergehen?«
»Ich bitte Sie darum.«
»Wohl, ich war vier Jahre alt, als ich eines Abends von meiner Mutter aufgeweckt wurde. Wir befanden uns in dem Palast von Janina; sie nahm mich von den Kissen, auf denen ich ruhte, und als ich die Augen öffnete, sah ich die ihrigen voll schwerer Tränen.
»Sie trug mich fort, ohne etwas zu sagen.
»Als ich wahrnahm, daß sie weinte, fing ich ebenfalls zu weinen an.
»»Stille, Kind!«« sagte sie.
»Trotz der mütterlichen Tröstungen oder Drohungen fuhr ich, launenhaft wie alle Kinder, oft fort zu weinen: doch diesmal lag in der Stimme meiner armen Mutter ein solcher Ausdruck von Schrecken, daß ich auf der Stelle schwieg.
»Sie trug mich rasch weiter.
»Wir stiegen eine breite Treppe hinab: alle Frauen meiner Mutter stiegen oder stürzten vielmehr, Kisten, Säcke, Putzsachen, Juwelen, Goldbörsen tragend, dieselbe Treppe hinab.
»Hinter den Frauen kam eine Wache von zwanzig Mann, bewaffnet mit langen Flinten und Pistolen und in jener Tracht, die man in Frankreich kennt, seitdem Griechenland wieder eine Nation geworden ist.
»Glauben Sie mir,« sprach Ha»de den Kopfschüttelnd und schon bei dieser Erinnerung allein erbleichend, »es lag etwas Unseliges in der langen Reihe von Sklaven und Frauen, welche halb schlaftrunken waren, wenigstens bildete ich es mir ein, denn ich hielt vielleicht die Andern für eingeschlafen, weil ich schlecht erwacht war.
»Auf der Treppe liefen riesige Schatten, welche die tannenen Fackeln an den Gewölben zittern machten.
»»Man eile!«« rief eine Stimme im Hintergrunde der Galerie.
»Bei dieser Stimme beugte sich alle Welt, wie der Wind über die Ebene hinstreichend ein Ährenfeld sich beugen macht.
»Ich aber zitterte.
»Diese Stimme war die meines Vaters.
»Er kam zuletzt in seinen glänzenden Gewändern, und den Carabiner in der Hand haltend, den Ihr Kaiser ihm geschenkt hatte; auf seinen Liebling Selim gestützt, trieb er uns vor sich her, wie ein Hirte seine verirrte Herde treibt.
»Mein Vater,« fuhr Hayde das Haupt erhebend fort, »mein Vater war der berühmte Mann, den Europa unter dem Namen Ali Tependelini, Pascha von Janina, gekannt hat, und vor dem die Türkei zitterte.«
Ohne zu wissen warum, bebte Albert, als er diese Worte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Hoheit und Würde aussprechen hörte; es kam ihm vor, als strahlte etwas Düsteres, Furchtbares in den Augen des griechischen Mädchens; einer Zauberin ähnlich, welche ein Gespenst heraufbeschwört, erweckte Hayde die Erinnerung an die blutige Gestalt, die ihr gräßlicher Tod riesenhaft vor dem gleichzeitigen Europa erscheinen ließ.
»Bald hielt man an,« fuhr Hayde fort, »wir wann unten an der Treppe und am Rande eines Sees. Meine Mutter drückte mich an ihre pochende Brust, und ich sah zwei Schritte hinter uns meinen Vater, der unruhig nach allen Seiten umherschaute.
»Vor uns lagen vier Marmorstufen und unten an der letzten Stufe schaukelte eine Barke.
»Von dem Orte aus, wo wir waren, sah man mitten im See eine schwarze Masse sich erheben; es war der Kiosk, nach welchem wir uns begaben. Dieser Kiosk kam mir bedeutend entfernt vor, vielleicht wegen der Dunkelheit.
»Wir stiegen in die Barke hinab. Ich erinnere mich, daß die Ruder keinen Lärmen machten, als sie das Wasser berührten; ich beugte mich, um sie zu betrachten: sie waren mit den Gürteln unserer Palikaren umwickelt.
»Außer den Ruderern waren in der Barke nur die Frauen, mein Vater, meine Mutter, Selim und ich.
»Die Palikaren waren, bereit, den Rückzug zu decken, am Rande des Sees geblieben; sie knieten auf der letzten Stufe und machten sich so für den Fall, daß sie verfolgt würden, einen Wall aus den drei andern.
»Unsere Barke ging wie der Wind.
»»Warum geht die Barke so geschwind?’«’ fragte ich meine Mutter.
»»Stille, mein Kind!«« sprach sie, »»wir fliehen.««
»Ich begriff das nicht. Warum floh mein Vater? er der Allmächtige, vor dem gewöhnlich die Andern flohen, er, dessen Wahlspruch es war:
»»Sie mögen mich hassen, wenn sie mich nur fürchten.««
»Es war in der Tat eine Flucht, was mein Vater auf dem See bewerkstelligte. Man sagte mir seitdem, eines langen Dienstes müde, habe die Garnison des Schlosses von Janiua . . .
Hier heftete Hayde ihren ausdrucksvollen Blick auf Monte Christo, dessen Augen die ihrigen nicht mehr verließen. Das Mädchen fuhr langsam fort, wie Jemand, der erfindet oder unterdrückt.
»Sie sagten, Signora,« sprach Albert, welcher mit der größten Aufmerksamkeit dieser Erzählung zuhörte, »des langen Dienstes müde habe die Garnison von Janina . . . «
»Mit dem Seraskier Kurschid unterhandelt, der von dem Sultan abgeschickt war, um meinen Vater festzunehmen. Damals faßte mein Vater den Entschluß, nachdem er an den Sultan einen fränkischen Offizier, dem er sein ganzes Zutrauen schenkte, abgeschickt hatte, sich nach dem Asyle zurückzuziehen, das er sich seit langer Zeit bereitet, und sein Kataphygion, das heißt seinen Zufluchtsort nannte.«
»Und Sie erinnern sich des Namens dieses Offiziers?« fragte Albert.
Monte Christo wechselte mit dem Mädchen einen Blick rasch wie der Blitz, der von Morcerf unbemerkt blieb.
»Nein, ich entsinne mich desselben nicht,« antwortete sie, »doch er wird mir vielleicht später einfallen, und ich werde ihn dann nennen.«
Albert wollte den Namen seines Vaters aussprechen, als Monte Christo zum Zeichen des Stillschweigens langsam den Finger aufhob; der junge Mann erinnerte sich seines Schwures und schwieg.
»Wir schifften gegen diesen Kiosk.
»Ein mit Arabesken verziertes Erdgeschoß badete seine Terrassen im Wasser, dieses Erdgeschoß und ein erster auf den See gehender Stock war Alles, was der Palast den Augen Sichtbares bot.
»Aber unter dem Erdgeschosse war, sich in die Insel ausdehnend, ein Gewölbe, eine weite Höhle, in die man uns, meine Mutter, mich und unsere Frauen, führte, und wo einen einzigen Haufen bildend sechzig tausend Beutel und zweihundert Fässer lagen; in diesen Beuteln waren fünf und zwanzig Millionen in Gold, in diesen Fässern dreißig tausend Pfund Pulver enthalten. Bei diesen Fässern stand Selim, der von mir erwähnte Liebling meines Vaters; er wachte Tag und Nacht, mit einem Spieße in der Hand, an dessen Ende eine Lunte brannte; er hatte Befehl, auf das erste Zeichen meines Vaters Alles, Kiosk, Waffen, Pascha, Frauen und Gold, in die Luft zu sprengen.
»Ich erinnere mich, daß unsere Sklaven, welche diese furchtbare Nachbarschaft kannten, Tag und Nacht fort beteten, weinten und seufzten.
»Ich, was mich betrifft, sehe immer noch den jungen Soldaten, mit der bleichen Gesichtsfarbe und dem schwarzen Auge, und wenn der Engel des Todes zu mir herabsteigt, bin ich überzeugt, daß ich Selim erkennen werde.
»Ich kann nicht sagen, wie lange wir so blieben; damals wußte ich noch nicht, was die Zeit ist; zuweilen, jedoch selten, ließ mein Vater mich und meine Mutter auf die Terrasse des Palastes rufen; dies waren die festlichen Stunden für mich, die ich in dem unterirdischen Gewölbe nur seufzende Schatten und den entflammten Spieß von Selim erblickte. Mein Vater saß vor einer großen Öffnung, heftete einen düsteren Blick auf die Tiefen des Horizontes und befragte jeden schwarzen Punkt, der auf dem See erschien, während meine Mutter, halb neben ihm liegend, ihren Kopf auf seine Schulter stützte, und ich, zu seinen Füßen spielend, mit jenem Erstaunen der Kindheit, das die Gegenstände noch vergrößert, die Abdachungen des am Horizont sich erhebenden Pindus, die aus dem blauen Wasser des See weiß und eckig hervortretenden Schlösser von Janina und die ungeheuren, schwarzgrünen Baumgruppen betrachtete, welche wie Schlingpflanzen am Gebirge hingen und aus der Ferne wie Moose aussahen, während es in der Nähe riesige Fichten und mächtige Myrrhen sind.
»Eines Morgens ließ uns mein Vater holen; meine Mutter hatte die ganze Nacht geweint; wir fanden ihn ziemlich ruhig, aber bleicher als gewöhnlich.
»»Fasse Geduld, Wasiliki,«« sagte er, »»heute wird Alles vorüber sein; heute kommt der Ferman des Herrn, und mein Schicksal ist entschieden. Bin ich völlig begnadigt, so kehren wir nach Janina zurück, ist die Nachricht schlimm, so fliehen wir in dieser Nacht.««
»»Aber wenn sie uns nicht fliehen lassen?«« entgegnete meine Mutter.
»»Oh, sei unbesorgt!«« sprach Ali lächelnd; »»Selim und sein angezündeter Spieß haften mir für sie. Es wäre ihnen lieb, wenn ich sterben müßte, doch nicht unter der Bedingung, mit mir zu sterben.««
»Meine Mutter antwortete auf diese Tröstungen, welche nicht aus dem Herzen meines Vaters kamen, nur durch Seufzer.
»Sie bereitete ihm das Eiswasser, das er jeden Augenblick trank, denn seit dem Rückzuge nach dem Kiosk verzehrte ihn ein glühendes Fieber; sie rieb seinen weißen Bart mit wohlriechendem Öl und zündete den Schibuk an, dessen in der Luft verfliegendem Rauch seine zerstreuten Augen zuweilen ganze Stunden lang folgten.
»Plötzlich machte er eine so ungestüme Bewegung, daß ich bange bekam.
»Dann verlangte er, ohne die Augen von dem Gegenstand abzuwenden, der seine Aufmerksamkeit fesselte, ein Fernglas.
»Meine Mutter gab es ihm, weißer als die Wand, an die sie sich lehnte.
»Ich sah die Hand meines Vaters zittern.
»»Eine Barke! . . zwei! . . drei! . .«« murmelte mein Vater; »»vier! . .««
»Und er stand auf und ergriff seine Waffen und schüttete, wie ich mich genau erinnere, Pulver auf die Pfannen seiner Pistolen.
»»Wasiliki,«« sagte er mit sichtbarem Beben zu meiner Mutter, »»der Augenblick ist gekommen, der über uns entscheiden wird; in einer halben Stunde wissen wir die Antwort des Großherrn; begib Dich mit Hayde in das unterirdische Gewölbe.««
»»Ich will Euch nicht verlassen,«« entgegnete Wasiliki, »»sterbt Ihr, Herr, so will ich mit Euch sterben.««
»»Geht zu Selim,«« rief mein Vater.
»»Gott befohlen, Herr!«« murmelte meine Mutter, gehorchend und wie gelähmt beim Herannahen des Todes.
»»Führt Wasiliki weg!«« sprach mein Vater zu seinen Palikaren.
»Ich aber, die man vergaß, lief auf ihn zu und streckte meine Arme nach ihm aus; er sah mich, neigte sich auf mich herab und drückte meine Stirne an seine Lippen.
»Oh! dieser Kuß war der letzte, und ich fühle ihn noch hier auf meiner Stirne.
»Hinabsteigend erblickten wir durch die Gitter der Terrasse die Barken, welche auf dem See immer größer wurden, und, kaum zuvor noch schwarzen Punkten ähnlich, nun bereits die Oberfläche der Wellen streifende Vögel zu sein schienen.
»Zu den Füßen meines Vaters sitzend und durch das Gebüsch verborgen, beobachteten mittlerweile zwanzig Palikaren mit blutigem Auge die Ankunft der Schiffe, und hielten ihre langen mit Perlmutter und Silber eingelegten Flinten bereit; Patronen lagen in großer Anzahl auf dem Boden zerstreut; mein Vater schaute auf seine Uhr und ging ängstlich hin und her.
»Dies fiel mir auf, als ich meinen Vater verließ, nachdem ich den letzten Kuß von ihm empfangen hatte.
»Meine Mutter und ich gingen durch das unterirdische Gewölbe; Selim war immer noch an seinem Posten; er lächelte uns traurig zu; in großen Gefahren suchen sich ergebene Herzen, und obgleich noch Kind, fühlte ich doch, daß eine große Gefahr über unseren Häuptern schwebte.«
