Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 77
Fünftes Kapitel.
Die Limonade
Morrel war wirklich sehr glücklich.
Herr Noirtier hatte nach ihm geschickt, und es drängte ihn so sehr, die Ursache hiervon zu erfahren, daß er nicht einmal ein Cabriolet nahm, denn er traute viel mehr seinen zwei Beinen, als den vier Beinen eines Fiacrepferdes; er war also in größter Eile von der Rue Meslay weggelaufen, und begab sich nach dem Faubourg Saint-Honoré.
Morrel marschierte im gymnastischen Schritte, und der arme Barrois folgte ihm so gut er konnte. Morrel war einunddreißig Jahre alt, Barrois sechzig; Morrel war liebestrunken, Barrois durch die große Hitze angegriffen. So durch die Interessen und das Alter geteilt, glichen diese zwei Männer zwei Linien, welche ein Dreieck bildet: durch die Base von einander entfernt, liefen sie in der Spitze zusammen.
Die Spitze war Herr Noirtier, der nach Morrel geschickt und ihm Eile empfohlen hatte, eine Empfehlung, welche Morrel zur großen Verzweiflung von Barrois buchstäblich befolgte.
Als Morrel an Ort und Stelle kam, war er nicht einmal athemlos; aber seit langer Zeit nicht mehr verliebt, schwamm Barrois in seinem Schweiße.
Der alte Diener ließ Morrel durch die besondere Thüre eintreten, schloß die Thüre des Cabinets, und bald kündigte ein Streifen des Kleides auf dem Boden den Besuch von Valentine an.
Valentine war in in ihren Trauergewändern zum Entzücken schön.
Der Traum wurde so süß für Morrel, daß er beinahe auf eine Unterredung mit Noirtier Verzicht geleistet, oder diese vergessen hätte; doch der Lehnstuhl des Greises rollte bald auf dem Boden, und er erschien.
Noirtier nahm wohlwollend die Danksagungen auf, mit denen ihn Morrel für die wunderbare Vermittlung überhäufte, die ihn und Valentine vor der Verzweiflung gerettet hatte. Dann hieß der Blick von Morrel Valentine, welche, schüchtern und fern von Morrel sitzend, darauf wartete, daß man sie zum Reden zwingen würde, sich über die neue Gunst, die man ihm bewilligt, aussprechen.
Noirtier schaute sie ebenfalls an.
»Ich soll also sagen, womit Sie mich beauftragt haben?« fragte sie.
»Ja,« machte Noirtier.
»Herr Morrel,« sprach Valentine zu dem jungen Mann, der sie mit den Augen verschlang, »mein guter Papa Noirtier hatte Ihnen tausend Dinge zu sagen, die er seit drei Tagen mir mitgeteilt hat; heute läßt er Sie rufen, damit ich Ihnen dieselben wiederhole: ich werde Ihnen diese Dinge, ohne ein Wort an seinen Absichten zu verändern, wiederholen, da er mich zu seiner Dolmetscherin gewählt hat.«
»Oh! ich höre mit der größten Ungeduld,« antwortete der junge Mann, »sprechen Sie, mein Fräulein, sprechen Sie.«
Valentine schlug die Augen nieder, es war dies ein Vorzeichen, das Morrel süß dünkte. Valentine war nur im Glücke schwach.
»Mein Großvater will dieses Haus verlassen,« sagte sie, »Barrois ist bemüht, ihm eine anständige Wohnung zu verschaffen.«
»Doch Sie, mein Fräulein,« entgegnete Morrel, »Sie, die Sie Herrn Noirtier so süß und so teuer sind?«
»Ich,« sprach das Mädchen, »ich werde meinen Großvater nicht verlassen, das ist eine zwischen ihm und mir abgemachte Sache. Meine Wohnung wird bei der seinigen sein. Entweder erhalte ich die Einwilligung von Herrn von Villefort, meinen Aufenthalt bei Papa Noirtier zu nehmen, oder man verweigert es mir: im ersten Falle gehe ich schon jetzt, im zweiten warte ich meine Volljährigkeit ab, welche in zehn Monaten eintritt. Dann bin ich frei, dann besitze ich ein unabhängiges Vermögen, und . . . «
»Und? . . . « fragte Morrel.
»Und mit der Genehmigung meines guten Papa halte ich das Versprechen, das ich Ihnen geleistet habe.«
Valentine sagte die letzten Worte so leise, daß Morrel, ohne das Interesse, welches er hatte, sie zu verschlingen, nicht im Stande gewesen wäre, dieselben zu hören.
»Habe ich nicht Ihren Gedanken ausgedrückt, guter Papa?« fügte Valentine, sich an den Greis wendend bei,
»Ja,« machte der Greis.
»Bin ich einmal bei meinem Großvater, so wird Herr Morrel mich in Gegenwart dieses guten und würdigen Beschützers sehen können,« sprach Valentine; »wenn das Band, das unsere, vielleicht launenhaften oder unwissenden, Herzen zu bilden begonnen haben, uns nach unserer Erfahrung (ach! man sagt, durch Hindernisse entflammte Herzen erkalten in der Sicherheit!), uns nach unserer Erfahrung Garantien für unser zukünftiges Glück bietet, dann kann mich Herr Morrel von mir verlangen . . . ich erwarte ihn.«
»Oh!« rief Morrel, versucht vor dem Greise wie vor einem Gott, vor Valentine wie vor einem Engel niederzuknien; »oh! was habe ich denn in meinem Leben Gutes getan, um so viel Glück zu verdienen.«
»Bis dahin,« fuhr das Mädchen mit seiner reinen, ernsten Stimme fort, »bis dahin werden wir die Schicklichkeit, den Willen unserer Eltern achten, insofern dieser Wille nicht dahin strebt, uns für immer zu trennen.; mit einem Worte und ich wiederhole dieses Wort, weil es Alles sagt, wir werden warten.«
»Und die Opfer, welche dieses Wort auferlegt, mein Fräulein, ich schwöre Ihnen, sie zu erfülle», nicht mit Resignation, sondern mit dem Gefühle des Glückes.«
»Also keine Unklugheiten mehr,« sprach Valentine, mit einem für das Herz von Maximilian süßen Blicke, »gefährden Sie nicht diejenige, mein Freund, welche sich von heute an als bestimmt, rein und würdig Ihren Namen zu tragen, betrachtet.«
Morrel legte seine Hand auf sein Herz.
Noirtier schaute Beide voll Zärtlichkeit a«. Barrois, der im Hintergrunde geblieben war, wie ein Mensch, dem man nichts zu verbergen hat, lächelte große Schweißtropfen abtrocknend, welche von seiner kahlen Stirne fielen.
»Oh mein Gott! wie heiß der gute Barreis hat!« rief Valentine.
»Ah! das kommt davon her, daß ich stark gelaufen bin, mein Fräulein,« erwiderte Barrois; »doch Herr Morrel, ich muß ihm diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, lief noch schneller als ich.«
Noirtier bezeichnete mit dem Auge eine Platte, worauf eine Flasche mit Limonade und ein Glas standen. Was in der Flasche fehlte, war eine halbe Stunde vorher von Noirtier getrunken worden.
»Nimm, guter Barrois,« sprach das Mädchen, »nimm, denn ich sehe, daß Deine Augen gierig nach dieser Flasche zielen.«
»Ich sterbe allerdings vor Durst,« sprach Barrois, »und würde sehr gern ein Glas Limonade auf Ihre Gesundheit trinken.«
»Trink also,« versetzte Valentine, »und komm in einem Augenblick wieder.«
Barrois trug die Platte fort, und kaum war er im Gange, so sah man ihn durch die Thüre, die er zu schließen vergessen hatte, das Haupt rückwärts neigen und das Glas, welches ihm Valentine gefüllt, leeren.
Valentine und Morrel nahmen in Gegenwart von Noirtier von einander Abschied, als man die Glocke auf der Treppe von Villefort ertönen hörte.
Valentine schaute nach der Pendeluhr.
»Es ist Mittag,« sagte sie, »heute ist Samstag, guter Papa, ohne Zweifel kommt der Doktor.«
Noirtier bedeutete durch ein Zeichen, er müßte es wirklich sein.
»Er wird hierher kommen, und Herr Morrel muß gehen, nicht wahr, guter Papa?«
»Ja,« antwortete der Greis.
»Barrois!« rief Valentine, »Barrois komm!«
Man hörte die Stimme des alten Dieners antworten:
»Ich komme, mein Fräulein.«
»Barrois wird Sie bis zur Thüre zurückführen,« sagte Valentine zu Morrel; »und nun erinnern Sie sich, mein Herr Offizier, daß mein guter Papa Ihnen einschärft, Sie mögen keinen Schritt wagen, der unser Glück gefährden könnte.«
»Ich habe versprochen, zu warten,« sagte Morrel, »und ich werde warten.«
In diesem Augenblick trat Barrois ein.
»Wer hat geläutet?« fragte Valentine.
»Der Herr Doktor d’Avrigny,« erwiderte Barrois, auf seinen Beinen wankend.
»Nun, was hast Du denn, Barrois?« fragte Valentine.
Der Greis antwortete nicht, er schaute nur seinen Herrn mit irren Augen an, während er mit seiner krampfhaft zusammengezogenen Hand eine Stütze suchte, um sich aufrecht halten zu können.
»Er wird fallen,« rief Morrel.
Das Zittern von Barrois vermehrte sich wirklich stufenweise; durch die krampfhaften Bewegungen der Gesichtsmuskeln verstört, offenbarten seine Züge einen sehr heftigen nervösen Anfall.
Als Noirtier Barrois so erschüttert sah, vermehrte er seine Blicke, in denen sich klar und verständlich alle Regungen ausdrückten, die in dem Herzen des Mannes vorgingen.
Barrois machte einige Schritte gegen seinen Herrn.
»Ah! mein Gott! was habe ich denn?« sagte er. »Ich leide .. . ich sehe nicht mehr . .. Tausend feurige Punkte durchkreuzen meinen Schädel? Oh! berühren Sie mich nicht, berühren Sie mich nicht!«
Die Augen wurden wirklich stier und hervorspringend, und der Kopf fiel zurück, während der untere Teil des Körpers erstarrte.
Valentine stieß erschrocken einen Schrei aus. Morrel faßte sie in seine Arme, als wollte er sie gegen eine unbekannte Gefahr beschützen.
»Herr d’Avrigny! Herr d’Avrigny!« rief Valentine mit erstickter Stimme, »herbei! zu Hilfe!«
Barrois drehte sich gleichsam auf sich selbst, machte drei Schritte rückwärts, stolperte, fiel zu den Füßen von Noirtier nieder, stützte seine Hand auf dessen Knie und rief:
»Mein Herr! mein guter Herr!«
In diesem Augenblick erschien Herr von Villefort, durch das Geschrei herbeigezogen, auf der Schwelle.
Morrel ließ die halb ohnmächtige Valentine los, warf sich zurück, drückte sich in die Ecke des Zimmers, und verschwand beinahe hinter einem Vorhang.
Noirtier kochte in seinem Innern vor Ungeduld und Schrecken, seine Seele flog dem armen Greise zu Hilfe, der mehr sein Freund, als sein Diener war. Man sah den furchtbaren Kampf des Lebens und des Todes auf seiner Stirne durch das Anschwellen der Adern und durch das Zusammenziehen einiger, um seine Augen her lebendig gebliebener, Muskeln hervortreten.
Das Gesicht heftig bewegt, die Augen mit Blut unterlaufen, den Hals zurückgeworfen, lag Barrois, mit den Händen auf den Boden schlagend, vor Noirtier, während seine steif gewordenen Beine eher brechen zu müssen, als sich zu biegen schienen.
Ein leichter Schaum stieg auf seine Lippen, und er atmete schmerzhaft.
Erstaunt verweilte Villefort einige Secunden die Augen auf dieses Gemälde geheftet, welches bei seinem Eintritt in das Zimmer seine Blicke fesselte.
Er hatte Morrel nicht wahrgenommen.
Nach einer kurzen, stummen Betrachtung, während welcher man sein Gesicht erbleichen und seine Haare auf dem Haupte sich sträuben sehen konnte, stürzte er nach der Thüre und rief:
»Doktor! Doktor! kommen Sie, kommen Sie!«
»Madame! Madame!« rief Valentine zu ihrer Stiefmutter eilend, und sich an den Wänden der Treppe stoßend, »kommen Siel kommen Sie geschwinde, und bringen Sie Ihren Flacon!«
»Was gibt es denn?« fragte die metallartig klingende Stimme von Frau von Villefort.
»Oh! kommen Sie, kommen Sie!«
»Aber wo ist denn der Doktor?« rief Villefort; »wo ist er?«
Frau von Villefort stieg langsam die Treppe herab; man hörte die Bretter unter ihren Füßen krachen. In einer Hand hielt sie ein Sacktuch, mit welchem sie sich das Gesicht abtrocknete, in der andern einen Flacon mit englischem Salz.
Ihr erster Blick, als sie zu der Thüre kam, war auf Noirtier gerichtet, dessen Gesicht, abgesehen von einer unter solchen Umständen natürlichen Aufregung, eine vollkommene Gesundheit andeutete; ihr zweiter Blick traf den Sterbenden.
Sie erbleichte, und ihr Auge sprang so zu sagen von dem Diener auf den Herrn zurück.
»Aber in des Himmels Namen, Madame! wo ist der Doktor?« fragte Villefort; »er ging zu Ihnen hinein. Sie sehen, es ist ein Schlaganfall, mit einem Aderlaß kann man ihn retten.«
»Hat er vor kurzem gegessen?« sagte Frau von Villefort, der Frage ihres Gatten ausweichend.
»Madame,« antwortete Valentine, »er hat nicht gefrühstückt, doch er ist diesen Morgen stark gelaufen, ’um einen Auftrag zu besorgen, den ihm der gute Papa gegeben hatte. Bei seiner Rückkehr trank er ein Glas Limonade.«
»Ah!« rief Frau von Villefort, »warum nicht Wein? Limonade, das ist schlimm.«
»Die Limonade war gerade bei der Hand, in der Caraffe des guten Papa: der arme Barrois hatte Durst und trank, was er eben fand.«
Frau von Villefort bebte, Noirtier umfaßte sie gleichsam mit einem tiefen Blicke.
»Er hat einen so kurzen Hals!« sagte sie.
»Madame,« sprach Villefort, »ich frage Sie, wo ist Herr d’Avrigny? antworten Sie mir, im Namen des Himmels!«
»Er ist in dem Zimmer von Eduard, der ein wenig leidet,« erwiderte Frau von Villefort, welche nun nicht länger ausweichen konnte.
Villefort stürzte nach der Treppe, um ihn selbst zu holen.
»Höre,« sagte die junge Frau, Valentine ihren Flacon übergebend, »man wird ihm ohne Zweifel zur Ader lassen. Ich gehe in mein Zimmer hinauf, denn ich kann den Anblick des Blutes nicht ertragen.«
Und sie folgte Herrn von Villefort.
Morrel trat aus der düstern Ecke hervor, in die er sich zurückgezogen, ohne daß ihn Jemand gesehen hatte, so groß war die allgemeine Bestürzung.
»Gehen Sie geschwinde, Maximilian!« sagte Valentine zu ihm, »und warten Sie, bis ich Sie rufe. Gehen Sie!«
Morrel befragte Noirtier durch eine Gebärde. Noirtier, der seine ganze Kaltblütigkeit behalten hatte, machte ihm ein bejahendes Zeichen.
Er drückte die Hand von Valentine an sein Herz und entfernte sich durch den geheimen Gang.
Zu gleicher Zeit traten Villefort und der Doktor durch die entgegengesetzte Thüre ein.
Barrois kam allmälig wieder zu sich: die Krise war vorüber, er seufzte und erhob sich auf ein Knie.
D’Avrigny und Villefort trugen Barrois auf ein Ruhebett.
»Was befehlen Sie, Doktor?« fragte Villefort. »Man bringe mir Wasser und Äther. Sie haben doch im Hause?«
»Ja.«
»Man hole mir schleunig Terpentinöl und ein Brechmittel.«
»Gehen Sie!« sagte Villefort.
»Und nun entferne sich Jedermann.«
»Ich auch?« fragte Valentine schüchtern.
»Ja, mein Fräulein, Sie besonders,« erwiderte der Doktor mit strengem Tone.
Valentine schaute Herrn d’Avrigny erstaunt an, küßte Herrn Noirtier auf die Stirne und ging hinaus.
Hinter ihr schloß der Doktor die Thüre mit finsterer Miene.
»Sehen Sie! sehen Sie! Doktor, er kommt wieder zu sich, es war nur ein Anfall ohne Bedeutung.«
Herr d’Avrigny lächelte düster:
»Wie fühlen Sie sich, Barrois?« fragte der Doktor.
»Ein wenig besser, mein Herr.«
»Können Sie dieses Glas Wasser mit Äther trinken?«
»Ich will es versuchen; doch berühren Sie mich nicht.«
»Warum?«
»Weil es mir vorkommt, als müßte sich der Anfall wiederholen, wenn Sie mich berühren würden, und wäre es auch nur mit der Fingerspitze.«
»Trinken Sie!«
Barrois nahm das Glas, näherte es seinen blauen Lippen und leerte es ungefähr zur Hälfte.
»Wo leiden Sie?« fragte der Doktor.
»Überall; ich habe furchtbare Krämpfe.«
»Haben Sie Verdunkelungen, Blendungen?«
»Ja.«
»Ein Klingeln in den Ohren?«
»Gräßlich!«
»Wann ist dieser Anfall gekommen?«
»So eben.«
»Rasch?«
»Wie der Blitz!«
»Nichts gestern? nichts vorgestern?«
»Nichts.«
»Keine Schlafsucht? keine Schwere?«
»Nein.«
»Was haben Sie heute gegessen?«
»Ich habe nichts gegessen, ich habe nur ein Glas Limonade von dem Herrn getrunken, und sonst nichts.«
Barrois machte mit dem Kopfe eine Gebärde, um Herrn Noirtier zu bezeichnen, der von seinem Lehnstuhle diese furchtbare Szene betrachtete, ohne die geringste, Bewegung zu verlieren, ohne sich ein Wort entgehen zu lassen.
»Wo ist die Limonade?« fragte der Doktor.
»In der Caraffe, dort.«
»Wo, dort?«
»In der Küche.«
»Soll ich sie holen, Doktor?« fragte Villefort.
»Nein, bleiben Sie hier, und machen Sie, daß der Kranke den Rest dieses Glases Wasser trinkt.«
»Doch die Limonade? . . . «
»Ich gehe selbst.«
D’Avrigny machte einen Sprung, öffnete die Thüre, stürzte nach der Treppe, welche nach der Küche führte, und hätte beinahe Frau von Villefort, die ebenfalls nach der Küche ging, umgeworfen.
Sie stieß einen Schrei aus.
D’Avrigny merkte nicht darauf; fortgerissen durch die Macht eines einzigen Gedanken sprang er die letzten paar Stufen hinab, stürzte in die Küche, und erblickte die zu drei Vierteln leere Caraffe aus ihrer Platte.
Er warf sich darauf, wie ein Adler auf seine Beute.
Keuchend stieg er in das Erdgeschoß hinauf, und kehrte in das Zimmer zurück.
Frau von Villefort ging langsam die Treppe empor, welche in ihre Wohnung führte.
»Ist dies wirklich die Caraffe, welche hier war?« fragte d’Avrigny.
»Ja, Herr Doktor.«
»Ist dies die Limonade, von der Sie getrunken haben?«
»Ich glaube.«
»Was für einen Geschmack fanden Sie dabei?«
»Einen bittern Geschmack.«
Der Doktor goß ein paar Tropfen Limonade in seine hohle Hand, schlürfte sie mit den Lippen ein, schwankte sich damit den Mund, wie man es tut, wenn man Wein kosten will, und spuckte dann die Flüssigkeit wieder in den Kamin.
»Es ist dieselbe,« sagte er.
»Und Sie haben auch davon getrunken, Herr Noirtier?«
»Ja,« machte der Greis.
»Und Sie haben denselben bittern Geschmack gefunden?«
»Ja.«
»Ach! Herr Doktor,« rief Barrois, »es packt mich wieder!
Mein Gott und Vater habe Mitleid mit mir?«
Der Doktor lief zu dem Kranken.
»Das Brechmittel, Villefort, sehen Sie, ob es kommt.«
Villefort stürzte hinaus und schrie:
»Das Brechmittel! das Brechmittel! hat man es gebracht?«
Niemand antwortete. Es herrschte der tiefste Schrecken im Hause.
»Wenn ich nur im Stande wäre, ihm Luft in die Lunge zu blasen,« sagte d’Avrigny im Zimmer umherschauend, »vielleicht vermöchte man dem Schlage zuvorzukommen. Doch nein! nein! nichts!«
»Oh! Herr, werden Sie mich so ohne Hilfe sterben lassen?« rief Barrois.
»Oh! ich sterbe! mein Gott! ich sterbe!«
»Eine Feder! eine Feder!« sagte der Doktor.
Er erblickte eine auf dem Tische.
D’Avrigny suchte die Feder in den Mund des Kranken zu stecken, der mitten unter Convulsionen sich anstrengte, um sich zu erbrechen; aber die Kinnbacken waren so zusammengepreßt, daß die Feder nicht durch konnte.
Barrois hatte einen noch heftigeren Nervenfall, als das erste Mal. Er war von dem Ruhebette auf die Erde herabgesunken und streckte sich steif auf dem Boden aus.
Der Doktor überließ ihn diesem Anfalle, bei welchem er ihm keine Erleichterung verschaffen konnte, ging auf Noirtier zu und sagte hastig und mit leiser Stimme zu ihm:
»Wie befinden Sie sich, gut?«
»Ja.«
»Leicht im Magen oder schwer? leicht?«
»Ja.«
»Wie wenn Sie die Pille genommen haben, welche ich Ihnen jeden Sonntag geben lasse?«
»Ja.«
»Hat Barrois Ihre Limonade gemacht?«
»Ja.«
»Haben Sie ihn aufgefordert, davon zu trinken?«
»Nein.«
»Herr von Villefort?«
»Nein.«
»Valentine also?«
»Ja.«
Ein Seufzer von Barrois, ein Gähnen, das die Knochen seines Kiefers krachen machte, erregten die Aufmerksamkeit von d’Avrigny; er verließ Herrn Noirtier und lief zu dem Kranken.
»Barrois,« fragte der Doktor, »können Sie sprechen?«
Barrois stammelte ein paar unverständliche Worte.
»Versuchen Sie es, mein Freund.«
Barrois öffnete blutige Augen.
»Wer hat die Limonade gemacht?«
»Ich.«
»Haben Sie dieselbe sogleich Ihrem Herrn gebracht, nachdem sie bereitet war?«
»Nein.«
»Sie haben sie irgendwo stehen lassen?«
»In der Küche; man rief mich.«
»Wer hat sie hierher gebracht?«
»Fräulein Valentine.«
»D’Avrigny schlug sich vor die Stirne und murmelte:
»Oh! mein Gott!«
»Doktor! Doktor!« rief Barrois, der einen dritten Anfall kommen fühlte.
»Wird man denn das Brechmittel nicht bringen!« rief der Doktor.
»Hier ist ein Glas völlig bereitet,« sagte Villefort zurückkehrend.
»Durch wen?«
»Durch den Apothekergehilfen, der mit mir gekommen ist.«
»Trinken Sie.«
»Unmöglich, Doktor, es ist zu spät; meine Kehle schnürt sich zusammen, ich ersticke! Oh mein Magen! Oh mein Kopf . . . Oh! welche Hölle . . . Werde ich lange so leiden?«
»Nein, nein, mein Freund,« antwortete der Doktor, »Sie werden bald nicht mehr leiden.«
»Ah! ich verstehe Sie,« rief der Unglückliche; »mein Gott! erbarme Dich meiner!«
Und einen Schrei ausstoßend, fiel er rückwärts, als ob ihn der Blitz getroffen hätte.
D’Avrigny legte eine Hand auf sein Herz und hielt einen Spiegel an seine Lippen.
»Nun?« fragte Herr von Villefort.
»Sagen Sie. in der Küche, man soll sehr schnell Veilchensyrup bringen.«
Villefort eilte sogleich hinab.
»Erschrecken Sie nicht, Herr Noirtier,« sagte d’Avrigny, »ich bringe den Kranken in ein anderes Zimmer, um ihm zur Ader zu lassen; dergleichen Anfälle sind in der Tat gräßlich anzuschauen.«
Und Barrois unter den Armen fassend, schleppte er ihn in ein anstoßendes Zimmer; doch beinahe in demselben Augenblick kehrte er zu Noirtier zurück, um den Rest der Limonade zu nehmen.
Noirtier schloß das rechte Auge.
»Nicht wahr, Valentine? Sie wollen Valentine? Ich will sagen, daß man nach ihr schickt.«
Villefort kam wieder herauf: d’Avrigny begegnete ihm im Gange.
»Nun?« fragte er.
»Kommen Sie,« sagte d’Avrigny.
Und er führte ihn in das Zimmer.
»Immer noch ohnmächtig?« fragte der Staatsanwalt.
»Er ist tot.«
Villefort wich drei Schritte zurück, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und sprach, den Leichnam anschauend, mit unzweideutigem Mitleid:
»So schnell gestorben!«
»Ja, sehr schnell, nicht wahr?« entgegnete d’Avrigny; »doch das darf Sie nicht in Erstaunen setzen: Herr und Frau von Saint-Meran sind eben so plötzlich gestorben. Oh! man stirbt schnell in Ihrem Hause, Herr von Villefort.«
»Wie!« rief der Staatsanwalt mit einem Ausdrucke des Abscheus und der Bestürzung, »Sie kommen wieder auf diesen furchtbaren Gedanken zurück?«
»Immer, mein Herr, immer,« sprach d’Avrigny feierlich, »denn er hat mich nicht einen Augenblick verlassen; und damit Sie überzeugt sein mögen, daß ich mich diesmal nicht täusche, so hören Sie wohl, Herr von Villefort.«
Villefort zitterte krampfhaft.
»Es gibt ein Gift, das beinahe ohne irgend eine Spur zurückzulassen tötet. Dieses Gift, ich kenne es, ich habe es in allen Fällen, die es herbeiführt, in allen Erscheinungen, die es erzeugt, studiert. Dieses Gift, ich habe es so eben bei dem armen Barrois erkannt, wie ich es bei Frau von Saint-Meran erkannte. Es gibt ein Mittel, sein Vorhandensein zu erkennen: es stellt die blaue Farbe, des durch eine Säure gerötheten Lackmußpapiers wieder her und färbt den Veilchensyrup grün. Wir haben kein Lackmußpapier; doch hören Sie, man bringt mir den Veilchensyrup, den ich verlangt habe.«
Man hörte wirklich dritte im Gange;. der Doktor öffnete halb die Thüre, nahm aus den Händen der Kammerfrau das Gefäß, auf.dessen Boden ein paar Löffel voll Syrup waren, und schloß die Thüre wieder.
»Sehen Sie,« sagte er zu dem Staatsanwalt, dessen Herz so heftig schlug, daß man es hätte hören können, »hier in dieser Tasse ist Veilchensyrup, und in dieser Caraffe der Rest der Limonade, wovon Herr Noirtier und Barrois einen Teil getrunken haben. Ist die Limonade rein und unschädlich, so wird der Syrup seine Farbe behalten; ist die Limonade vergiftet, so wird der Syrup grün werden. Schauen Sie!«
Der Doktor goß langsam einige Tropfen Limonade aus der Caraffe in die Tasse, und man sah auf der Stelle auf dem Grunde der Tasse eine Wolke sich bilden; diese Wolke nahm Anfangs eine grüne Farbe an, ging dann vom Saphir zum Opal und vom Opal zum Smaragd über.
Als sie diese letzte Farbe erlangt hatte, stellte sie sich gleichsam fest, der Versuch ließ keinen Zweifel übrig.
»Der unglückliche Barrois ist mit der falschen Angustura oder mit Ignatiusbohnen vergiftet worden,« sprach d’Avrigny, »dafür bürge ich vor den Menschen und vor Gott.«
Villefort sagte nichts, aber er streckte die Arme zum Himmel empor, öffnete seine stieren Augen, und sank wie vom Blitze getroffen auf einen Stuhl nieder.
