Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 78
Sechstes Kapitel.
Anklage
D’Avrigny hatte den Staatsanwalt, der ein zweiter Hingeschiedener in diesem Leichenzimmer zu sein schien, bald wieder zu sich gebracht.
»Oh! der Tod ist in meinem Hause!« rief Villefort.
»Sagen Sie das Verbrechen,« entgegnete der Doktor.
»Herr d’Avrigny,« rief Villefort, »ich kann Ihnen nicht sagen, was Alles in diesem Augenblicke in mir vorgeht: es ist Schrecken, es ist Schmerz, es ist Wahnsinn.«
»Ja,« sprach Herr d’Avrigny mit ausdrucksvoller Ruhe; »doch ich glaube, es ist Zeit, daß wir handeln. Ich glaube, es ist Zeit, daß wir diesem Sterblichkeitsstrome einen Damm entgegensetzen. Ich meines Teils fühle mich nicht fähig, länger solche’ Geheimnisse zu tragen, ohne die Hoffnung, bald die Rache für die Gesellschaft und für die Opfer daraus hervorgehen zu sehen.«
Villefort schaute düster umher und murmelte:
»In meinem Hause! in meinem Hause!«
»Hören Sie, Staatsanwalt,« sprach d’Avrigny, »seien sie ein Mann, Ausleger des Gesetzes, ehren Sie sich durch eine völlige Aufopferung.«
»Sie machen mich beben, Doktor, eine Aufopferung!«
»Das Wort ist gesagt.«
»Sie haben Jemand im Verdacht?«
»Ich habe Niemand im Verdacht; der Tod klopft an Ihre Thüre, er tritt ein und geht, nicht blind, sondern gescheit, wie er ist, von Zimmer zu Zimmer. Nun wohl! ich folge seiner Spur, ich erkenne seinen Gang; ich nehme die Weisheit der Alten an, ich tappe im Finstern umher, denn meine Freundschaft für Ihre Familie, meine Achtung für Sie sind zwei Binden auf meinen Augen; wohl . . . «
»Oh! sprechen Sie, sprechen Sie, Doktor, ich werde Mut haben.«
»Wohl! mein Herr, Sie haben bei sich, in dem Schooße Ihres Hauses, in Ihrer Familie vielleicht eines von jenen furchtbaren, gräßlichen Phänomenen, wie jedes Jahrhundert irgend eines hervorbringt. Locusta und Agrippina, die zu gleicher Zeit lebten, sind ein Beispiel, das zum Beweise dient, mit welcher Wut die Vorsehung darnach trachtete, das durch so viele Verbrechen befleckte römische Reich zu Grunde zu richten. Brunhilde und Fredegunde sind die Resultate der peinlichen Arbeit einer Civilisation in ihrer Entstehung, wobei der Mensch den Geist beherrschen lernte, und war es auch nur durch den Abgesandten der Finsternis. Alle diese Frauen waren jung und schön gewesen, oder waren noch jung und schön. Man hatte auf ihren Stirnen blühen sehen, oder es blühte noch darauf dieselbe Blume der Unschuld, welche man auch aus der Stirne der Schuldigen erblickt, die in Ihrem Hause ist.«
Villefort stieß einen Schrei aus, faltete die Hände und schaute den Doktor mit einer flehenden Gebärde an. Dieser aber fuhr ohne Erbarmen fort:
»Suche, wem das Verbrechen nützt, sagt ein Axiom der Rechtsgelehrsamkeit.«
»Doktor!« rief Villefort, »ach! Doktor, wie oft ist nicht die Gerechtigkeit der Menschen durch diesen unseligen Grundsatz getäuscht worden. Ich weiß nicht, aber es scheint mir, dieses Verbrechen . . . «
»Ah! Sie gestehen doch endlich ein, daß ein Verbrechen obwaltet?«
»Ja, ich muß es anerkennen, ich kann nicht anders. Doch lassen Sie mich fortfahren. Es scheint mir, sage ich, daß dieses Verbrechen auf mich allein fällt und nicht auf die Opfer. Unter all diesem seltsamen Unglück ahne ich einen großen Unstern für mich.«
»Oh! Mensch, selbstsüchtigstes von allen Tieren, persönlichstes von allen Geschöpfen, das stets glaubt, die Erde drehe sich, die Sonne glänze, der Tod mähe nur für den Menschen allein; Ameise, die Gott von der Spitze eines Grashalmes herab verflucht! Und diejenigen, welche das Leben verloren haben, haben sie nichts verloren? Herr von Saint-Meran, Frau von Saint-Meran, Herr Noirtier . . . «
»Wie, Herr Noirtier! . . . «
»Ah ja! glauben Sie vielleicht, es sei auf den unglücklichen Bedienten abgezielt gewesen? Nein, nein: er ist, wie der Polonius von Shakespeare, für einen Andern gestorben. Noirtier sollte die Limonade trinken; Noirtier hat sie nach der logischen Ordnung der Dinge getrunken: der Andere hat nur aus Zufall davon getrunken, und obgleich Barrois gestorben ist, so sollte doch Noirtier sterben.«
»Wie kommt es aber dann, daß mein Vater nicht unterlag?«
»Ich habe es Ihnen bereits eines Abends im Garten, nach dem Tode von Frau von Saint-Meran, gesagt; weil sich sein Körper an den Gebrauch gerade dieses Giftes gewöhnt hatte; weil die Dose, unbedeutend für ihn, für jeden Andern tödlich war; weil Niemand, und selbst nicht einmal der Mörder, weiß, daß ich die Lähmung von Herrn Noirtier mit Brucin behandle, während es dem Mörder nicht unbekannt blieb, und er sich durch die Erfahrung versicherte, daß Brucin ein heftiges Gift ist.«
»Mein Gott! mein Gott!« murmelte Villefort, die Hände ringend.
»Verfolgen Sie den Gang des Verbrechers; er tötet Herrn von Saint-Meran.«
»Oh Doktor!«
»Ich würde darauf schwören; das, was man mir von den Symptomen gesagt hat, stimmt zu sehr mit dem überein, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen.«
Villefort hörte auf zu bekämpfen, und stieß einen Seufzer aus.,
»Er tötet Herrn von Saint-Meran,« wiederholte der Doktor, »er tötet Frau von Saint-Meran: es ist eine doppelte Erbschaft zu machen.«
Villefort wischte sich den Schweiß ab, der von seiner Stirne floß.
»Hören Sie wohl!«
»Ach!« stammelte Villefort, »ich verliere kein Wort, kein einziges Wort.«
»Herr Noirtier,« fuhr Herr d’Avrigny mit seiner unbarmherzigen Stimme fort, »Herr Noirtier hatte kürzlich gegen Sie, gegen Ihre Familie, zu Gunsten der Armen testirt; Herr Noirtier wird verschont, man erwartet nichts von ihm. Doch er hat nicht so bald sein erstes Testament zerstört, er hat nicht so bald das zweite gemacht, als man, ohne Zweifel aus Furcht, er könnte ein drittes machen, auch ihn angreift. Das Testament ist, glaube ich, von vorgestern, Sie sehen, man hat keine Zeit verloren.«
»Oh! Gnade, Herr d’Avrigny!«
»Keine Gnade, mein Herr! Der Arzt hat eine heilige Sendung auf Erden, um sie zu erfüllen, ist er bis zu den Quellen des Lebens hinauf, und bis in die geheimnisvolle Finsternis; des Todes hinabgestiegen. Ist das Verbrechen begangen worden, und Gott hat, ohne Zweifel erschrocken, seinen Blick von dem Verbrecher abgewendet, so kommt es dem Arzte zu, zusagen: Hier ist er!«
»Gnade für meine Tochter, Herr!« murmelte Villefort.
»Sie sehen, Sie haben sie genannt, Sie, ihr Vater?«
»Gnade für Valentine! Hören Sie, es ist unmöglich. Ich würde lieber mich selbst anklagen! Valentine, ein Herz von Diamant, eine Lilie der Unschuld!«
»Keine Gnade, Herr Staatsanwalt, das Verbrechen ist unleugbar. Fräulein von Villefort hat selbst die Medicamente eingepackt, welche an Herrn von Saint-Meran abgeschickt worden sind, und Herr von Saint-Meran ist gestorben.
»Fräulein von Villefort hat die Tisanen von Frau von Saint-Meran bereitet, und Frau von Saint-Meran ist gestorben.«
»Fräulein von Villefort hat aus den Händen von Barrois, den man aus dem Hause schickte, die Caraffe mit Limonade genommen, welche der Greis gewöhnlich am Morgen leert, und der Greis ist nur durch ein Wunder entkommen.
»Fräulein von Villefort ist die Schuldige! sie ist die Giftmischerin! Herr Staatsanwalt, ich zeige Fräulein von Villefort bei Ihnen an; tun Sie Ihre Pflicht.«
»Doktor, ich widerstehe nicht länger, ich verteidige mich nicht mehr, ich glaube Ihnen; doch haben Sie Mitleid, schonen Sie mein Leben, meine Ehre!«
»Herr von Villefort,« erwiderte der Doktor mit wachsender Kraft, »es gibt Umstände, wo ich alle Grenzen der albernen menschlichen Bedachtsamkeit überschreite. Hätte Ihre Tochter nur ein Verbrechen begangen, und ich sähe sie auf ein neues sinnen, so würde ich zu Ihnen sagen: Warnen Sie Ihre Tochter, mag sie den Rest ihres Lebens in einem Kloster zubringen, um zu weinen und zu beten. Hätte sie ein zweites Verbrechen begangen, so würde ich Ihnen sagen: Hören Sie, Herr von Villefort, hier ist ein Gift, das die Giftmischerin nicht kennt, ein Gift, das kein bekanntes Gegengift hat, ein Gift, schnell wie der Gedanke, rasch wie der Blitz, tödlich wie der Donnerschlag; geben Sie ihr dieses Gift, empfehlen Sie ihre Seele Gott, und retten Sie so Ihre Ehre und Ihr Leben, denn nunmehr gedenkt sie Ihre Tage abzukürzen. Und ich sehe sie mit ihrem heuchlerischen Lächeln und ihren sanften Ermahnungen an Ihr Bett treten . . . Wehe Ihnen, Herr von Villefort, wenn Sie sich nicht beeilen, zuerst zu schlagen. Das würde ich Ihnen sagen, hätte sie nur zwei Personen getötet; aber sie hat drei Todeskämpfe gesehen, hat drei Sterbende betrachtet, ist bei drei Leichen gekniet; dem Henker die Giftmischerin! dem Henker! Sie sprechen von Ihrer Ehre, tun Sie, was ich Ihnen sage, und die Unsterblichkeit erwartet Sie!«
Villefort fiel auf die Knie und rief: »Hören Sie, ich besitze nicht die Kraft, die Sie haben, oder die Sie vielleicht nicht hätten, wenn es sich, statt um meine Tochter Valentine, um Ihre Tochter Madeleine handelte.«
Der Doktor erbleichte.
»Doktor, jeder Sohn einer Frau ist geboren, um zu leiden und zu sterben; Doktor, ich werde leiden und den Tod erwarten.«
»Nehmen Sie sich in Acht,« sprach d’Avrigny, »dieser Tod kann langsam sein; Sie werden ihn vielleicht herannahen sehen, nachdem Ihr Vater, Ihre Frau, Ihr Sohn getroffen worden ist.«
Keuchend preßte Villefort den Arm des Doktors’ und rief:
»Hören Sie mich, beklagen Sie mich, helfen Sie mir . . . Nein, meine Tochter ist nicht schuldig . . . Schleppen Sie uns vor ein Tribunal; ich werde abermals sagen: Nein, meine Tochter ist nicht schuldig . . . Es gibt kein Verbrechen in meinem Hause . . . Ich will nicht, hören Sie, ich will nicht, daß es ein Verbrechen in meinem Hause gibt; denn wenn das Verbrechen irgendwo eintritt, so ist es wie der Tod: es tritt nicht allein ein. Hören Sie, was ist Ihnen daran gelegen, wenn ich ermordet sterbe? . . . Sind Sie mein Freund, sind Sie ein Mensch, haben Sie ein Herz? . . . Nein, Sie sind Arzt! . . . Wohl! ich sage Ihnen, nein, meine Tochter wird nicht durch mich in die Hände des Henkers geschleppt werden . . . Ha! das ist ein Gedanke, der mich verzehrt, aufreibt, der mich wie einen Wahnsinnigen antreibt, meine Brust mit den Nägeln aufzugraben! Und wenn Sie sich täuschten! wenn es ein Anderer wäre, als meine Tochter! . . . wenn ich eines Tages bleich wie ein Gespenst käme und zu Ihnen sagte: Mörder! Du hast meine Tochter getötet! . . . Hören Sie, wenn dies geschähe, ich bin ein Christ, Herr d’Avrigny, und dennoch würde ich mich töten! . . . «
»Es ist gut,« sprach der Doktor nach kurzem Stillschweigen, »ich werde warten.«
Villefort schaute ihn an, als zweifelte er noch an seinen Worten.
»Doch wenn eine Person Ihres Hauses krank wird,« fuhr Herr d’Avrigny langsam und mit feierlichem Tone fort, »wenn Sie sich selbst getroffen fühlen, rufen Sie mich nicht, denn ich werde nicht kommen. Ich will wohl mit Ihnen das fruchtbare Geheimnis teilen, aber die Schande und die Reue sollen nicht in meinem Gewissen wachsen und fruchtbar werden, wie das Verbrechen und das Unglück in Ihrem Hause wachsen und Früchte treiben.«
»Sie verlassen mich also, Doktor?«
»Ja, ich kann Ihnen nicht ferner folgen, und ich verweile nicht am Fuße des Blutgerüstes. Eine andere Enthüllung wird kommen und das Ende dieser furchtbaren Tragödie herbeiführen. Gott befohlen.«
»Doktor, ich flehe Sie an.«
»Alle Gräuel, die meinen Geist beflecken, machen mir Ihr Haus verhaßt und unselig. Gott befohlen, mein Herr.«
»Ein Wort, nur ein einzige« Wort, Doktor! Sie entfernen sich und überlassen mich allen Schrecknissen meiner Lage, Schrecknissen, welche Sie durch Ihre Enthüllung noch vermehrt haben. Doch was wird man von dem plötzlichen Tode des armen alten Dieners sagen?«
»Es ist richtig,« sprach Herr d’Avrigny, »geleiten Sie mich zurück.«
Der Doktor ging zuerst hinaus, Herr von Villefort folgte ihm; die Bedienten standen unruhig in den Gängen und auf den Treppen, wo der Doktor vorbeikommen mußte.
»Mein Herr,« sagte d’Avrigny so laut, daß es Jedermann hörte, »der arme Barrois mußte in der letzten Zeit zu viel im Zimmer sitzen; einst gewohnt, mit seinem Herrn sich zu Pferde oder zu Wagen in den vier Ecken Europas umherzutreiben, hat er sich bei dem eintönigen Dienste an einem Lehnstuhl getötet. Das Blut ist schwer geworden. Er war voll, hatte einen kurzen, dicken Hals, wurde vom Schlage gerührt, und ich erhielt zu spät Nachricht.«
»Vergessen Sie nicht,« fügte er leise bei, »vergessen Sie nicht, die Tasse mit Veilchensyrup in die Asche zu werfen.«
Und ohne die Hand von Villefort zu berühren, ohne auch nur einen Augenblick auf das, was er gesagt, zurückzukommen, entfernte er sich, geleitet von den Tränen und Wehklagen aller Leute des Hauses.
Am Abend kamen alle Dienstboten von Villefort, die sich in der Küche versammelt und lange mit einander besprochen hatten, zu Frau von Villefort und baten um ihren Abschied. Keine Ermahnung. kein Vorschlag von Gehaltserhöhung vermochte sie zurückzuhalten; auf Alles, was man sagte, erwiderten sie:
»Wir wollen gehen, weil der Tod im Hause ist.«
Sie gingen also, trotz der Bitten, die man an sie richtete, und äußerten nur, sie bedauerten es lebhaft, so gute Gebieter, und besonders Fräulein Valentine zu verlassen, welche so mild, so wohlthätig, so sanft wäre.
Villefort schaute bei diesen Worten Valentine an.
Sie weinte.
Seltsam! durch die Erschütterung, die bei ihm diese Tränen hervorbrachten, schaute er auch Frau von Villefort an, und es kam ihm vor, als ob ein flüchtiges, düsteres Lächeln über ihre dünnen Lippen hingeschwebt wäre, wie jene Meteore, die man unheilschwanger zwischen zwei Wolken an einem stürmischem Himmel hinschlüpfen sieht.
Siebentes Kapitel.
Das Zimmer des zurückgezogenen Bäckers
Am Abend des Tages, wo der Graf von Morcerf mit einer Wut, welche die Weigerung des Banquier begreiflich macht, das Haus von Danglars verlassen hatte, fuhr Herr Andrea Cavalcanti, die Haare frisirt und glänzend, den Schnurrbart zugespitzt, die weißen Handschuhe seine Nägel abzeichnend, beinahe stehend auf seinem Phaëton, in den Hof des Banquier in der Rue de la Chaussee d’Antin.
Als er zehn Minuten im Salon war, fand er Gelegenheit, Danglars in eine Fenstervertiefung zu ziehen, und hier setzte er ihm die Qualen seines Lebens seit der Abreise seines edlen Vaters auseinander. Seit dieser Abreise, sagte er, habe er in der Familie des Banquier, wo man so wohlwollend gewesen, ihn wie einen Sohn aufzunehmen, alle Garantien des Glückes gefunden, welche ein Mensch immer suchen müsse, . ehe er den Launen der Leidenschaft nachlaufe, und was die Leidenschaft selbst betreffe, so habe er das Glück gehabt, ihr in den schönen Augen von Fräulein Danglars zu begegnen.
Danglars hörte mit der tiefsten Aufmerksamkeit; seit einigen Tagen erwartete er diese Erklärung, und als sie endlich kam, erweiterte sich sein Auge eben so sehr, als es sich bei den Worten von Morcerf bedeckt und verdüstert hatte.
Er wollte indessen den Antrag des jungen Mannes nicht so annehmen, ohne ihm irgend eine Gewissensbemerkung zu machen.
»Herr Andrea, sind Sie nicht ein wenig zu jung, um an das Heiraten zu denken?« sagte er zu ihm.
»Nein, mein Herr,« erwiderte Cavalcanti, »ich wenigstens finde es nicht: in Italien verheiraten sich die vornehmen Herren im Allgemeinen jung. Es ist eine logische Gewohnheit, denn das Leben ist so vielen Wechselfällen unterworfen, daß man das Glück ergreifen muß, sobald es in unsern Bereich kommt.«
»Mein Herr,« sagte Danglars, »wenn ich nun voraussetze, Ihr Antrag, der mich ehrt, werde von meiner Frau und von meiner Tochter angenommen, so fragt es sich noch, mit wem werden wir über die Interessen verhandeln? Es ist dies, wie mir scheint, eine wichtige Negociation, welche die Väter allein auf eine entsprechende Weise für das Glück ihrer Kinder zu behandeln wissen.«
»Mein Vater ist ein weiser Mann, voll Rücksicht und Vernunft: er hat, den wahrscheinlichen Umstand, daß ich das Bedürfnis fühlen würde, mich in Frankreich niederzulassen, vorhersehend, alle Papiere, welche meine Identität beglaubigen, und einen Brief zurückgelassen, in dem er mir, für den Fall, daß ich eine ihm angenehme Wahl treffen würde, von dem Tage meiner Heirat an eine Rente von hundert und fünfzig tausend Franken zusichert. Es ist dies, so viel ich beurteilen kann, der vierte Teil der Einkünfte meines Vaters.«
»Bei mir war es immer Absicht, meiner Tochter fünfmal hundert tausend Franken bei ihrer Verheiratung zu geben; überdies ist sie meine einzige Erbin.«
»Wohl!« sprach Andrea, »Sie sehen, die Sache stünde vortrefflich, vorausgesetzt, meine Bitte würde von der Frau Baronin Danglars und von Fräulein Eugenie nicht zurückgewiesen. Wir haben somit hundert fünf und siebzig tausend Franken Rente. Nehmen wir an, ich bringe es bei dem Marquis dahin, daß er mir, statt mir die Rente zu bezahlen, das Kapital gibt (ich weiß wohl, es wird dies nicht leicht sein, doch ist es möglich), so treiben Sie diese zwei oder drei Millionen um, und zwei oder drei Millionen in geschickten Händen können immerhin zehn Procent eintragen.«
»Ich nehme immer nur zu vier,« sagt« der Banquier, »und sogar zu drei und ein halb. Aber bei meinem Schwiegersohne nehme ich zu fünf, und wir teilen den Nutzen.«
»Vortrefflich, Schwiegervater,« sagte Cavalcanti, der sich von seiner etwas gemeinen Natur hinreißen ließ, welche von Zeit zu Zeit trotz seiner Anstrengung den aristokratischen Firniß sprengte, mit dem er sie zu bedecken suchte.
Doch alsbald sprach er, sich verbessernd:
»Oh! verzeihen Sie, mein Herr, schon die Hohnung macht mich beinahe verrückt; wie wäre es erst mit der Wirklichkeit!«
»Aber,« versetzte Danglars, der seinerseits nicht bemerkte; wie dieses, Anfangs uneigennützige Gespräch, rasch zum Geschäftsbetrieb überging, »aber es gibt wohl einen Teil Ihres Vermögens, den Ihnen Ihr Vater nicht verweigern kann?«
»Welchen Teil?« fragte der junge Mann.
»Denjenigen, welcher von Ihrer Mutter herkommt,«
»Ah! gewiss, denjenigen, welcher von meiner Mutter Oliva Corsinari herkommt.«
»Und auf wie hoch mag sich dieser Vermögensteil belaufen?«
»Meiner Treue,« sprach Andrea, »ich versichere Sie, ich habe nie über diesen Gegenstand nachgedacht; doch ich schätze ihn auf wenigstens zwei Millionen.«
Danglars fühlte jene freudige Beklemmung, wie sie der Geizige fühlt, der einen verlorenen Schatz wiederfindet, oder der Mensch, der dem Untersinken nahe ist, und unter seinen Füßen den festen Boden statt der Tiefe trifft, in der er sich zu begraben im Begriffe war.
»Nun, mein Herr,« sprach Andrea sich mit zärtlicher Achtung vor dem Banquier verbeugend, »darf ich hoffen? . . . «
»Mein Herr Andrea,« erwiderte Danglars, »hoffen Sie, und glauben Sie mir, daß die Sache abgeschlossen ist, wenn nicht ein Hinderniß von Ihrer Seite den Gang der Angelegenheit aufhält.«
»Ah! Sie erfüllen mich mit Freude, mein Herr.«
»Doch, wie kommt es?« fragte Danglars nachdenkend, »wie kommt es, daß der Graf von Monte Christo, Ihr Patron in der Pariser Welt, nicht mit Ihnen erschienen ist, um diese Bitte an mich zu richten?«
Andrea errötete unmerklich und antwortete:
»Ich war so eben bei dem Grafen; er ist unstreitbar ein vortrefflicher Mann, aber von einer unbegreiflichen Originalität; er billigte mein Vorhaben sehr und sagte mir sogar, er glaube nicht, daß mein Vater einen Augenblick zögern werde, mir das Kapital statt der Rente zu geben; er versprach mir, mich zu diesem Behuse mit seinem Einfluß zu unterstützen; doch er erklärte mir zugleich, persönlich habe er nie die Verantwortlichkeit, um eine Hand zu bitten, auf sich genommen, und er würde sie auch nie auf sich nehmen. Aber ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er fügte wohlwollend bei, wenn er je dieses Widerstreben beklagt habe, so geschehe dies bei mir, denn er denke, die beabsichtigte Verbindung sei eine schickliche und glückliche. Will er übrigens nichts offiziell tun, so behält er sich doch vor, Ihnen zu antworten, wie er sagt, wenn Sie mit ihm sprechen werden.«
»Ah! sehr gut!«
»Nun habe ich mit dem Schwiegervater beendigt,« sagte Andrea mit seinem reizendsten Lächeln, »und ich wende mich an den Banquier.«
»Was wollen Sie von ihm, lassen Sie hören?« entgegnete Danglars ebenfalls lächelnd.
»Übermorgen habe ich so etwa vier tausend Franken von Ihnen zu beziehen, doch der Graf hat begriffen, daß der Monat, in welchen ich eintrete, einen Zuwachs von Ausgaben herbeiführen werde, welchem meine kleinen Junggeselleneinkünfte nicht entsprechen dürften, und hier ist eine Anweisung von zwanzig tausend Franken, die er mir, ich sage nicht gegeben, sondern angeboten hat. Sie ist von seiner Hand unterzeichnet, wie Sie sehen; sind Sie damit zufrieden?«
»Bringen Sie mir wie diese für eine Million, und ich nehme sie Ihnen alle ab,« sprach Danglars die Anweisung in die Tasche steckend; »sagen Sie mir, wann Sie morgen zu Hause sind, und mein Kassengehilfe kommt zu Ihnen mit einem Empfangschein von zwanzig tausend Franken,«
»Morgen Vormittag um zehn Uhr, wenn Sie wollen; je eher, desto besser, denn ich möchte gern morgen auf das Land fahren.«
»Es sei; um zehn Uhr, nicht wahr, immer noch im Hotel des Princes?«
»Ja.«
Am andern Tage waren mit einer Pünktlichkeit, welche dem Banquier Ehre machte, die zwanzig tausend Franken bei dem jungen Manne, welcher wirklich ausfuhr und zweihundert Franken für Caderousse zurückließ.
Bei dieser Fahrt bezweckte Andrea hauptsächlich, seinen gefährlichen Freund zu vermeiden; er kam auch am Abend so spät als möglich zurück.
Doch kaum hatte er den Fuß auf das Pflaster des Hofes gesetzt, als er den Portier des Hotel, der ihn mit der Mütze in der Hand erwartete, vor sich stehen sah.
»Mein Herr, der Mensch ist gekommen.«
»Was für ein Mensch?« fragte nachlässig Cavalcanti, als ob er denjenigen vergessen hätte, dessen er sich nur zu gut erinnerte.
»Der Mensch, dem Euere Exzellenz die kleine Rente gibt.«
»Ah! ja,« sprach Andrea, »der alte Diener meines Vaters. Nun, Sie haben ihm die zweihundert Franken, die ich ihm zurückgelassen, übergeben?«
»Ja, Exzellenz, pünktlich.«
Andrea ließ sich Exzellenz nennen.
»Aber er wollte sie nicht nehmen,« fuhr der Portier fort.
Andrea erbleichte; nur sah ihn Niemand erbleichen, weil es Nacht war.
»Wie! er wollte sie nicht nehmen?« versetzte er mit leicht bewegter Stimme.
»Nein, er wollte mit Eurer Exzellenz sprechen. Ich entgegnete ihm, Sie wären ausgegangen, er blieb hartnäckig; endlich aber schien er sich überzeugen zu lassen und gab mir diesen Brief, den er versiegelt mitgebracht hatte.«
»Geben Sie,« sagte Andrea.
Und er las bei der Laterne seines Phaëton:
»Du weißt, wo ich wohne; ich erwarte Dich morgen Vormittag um halb neun Uhr.«
Andrea betrachtete das Siegel, um zu sehen, ob man den Brief nicht aufgemacht, und ob nicht unbescheidene Blicke in das Innere hatten dringen können; aber er war mit einem solchen Luxus von Rauten und Ecken zusammengelegt, daß man das Siegel hätte zerreißen müssen: dieses war jedoch völlig unverletzt.
»Sehr gut,« sagte er, »armer Mensch! ein vortreffliches Geschöpf!«
Und der Portier blieb erbaut durch diese Worte und wußte nicht, was er mehr bewundern sollte, den jungen Herrn, oder den alten Diener.
»Spanne rasch aus und komm zu mir herauf,« sagte Andrea zu seinem Groom.
Mit zwei Sprüngen war der junge Mann in seinem Zimmer und verbrannte den Brief von Caderousse, den er bis auf die Asche verschwinden ließ.
Er vollendete eben diese Operation, als der Diener eintrat.
»Du bist von demselben Wuchst, wie ich?« sagte er zu ihm.
»Ich bin so glücklich, Exzellenz.«
»Du mußt eine Livree haben, die man Dir gestern brachte.«
»Ja, gnädiger Herr.«
»Ich habe mit einer kleinen Grisette zu tun, der ich weder meinen Titel, noch meinen Stand sagen will; leihe mir Deine Livree, und bringe mir Deine Papiere, damit ich, im Falle der Not, in einem Wirthshause schlafen kann.«
Pierre gehorchte.
Fünf Minuten nachher verließ Andrea, völlig verkleidet, das Hotel, ohne erkannt zu werden, nahm ein Cabriolet und ließ sich in das Wirthshaus zum roten Rosse in Picpus führen.
Am andern Tage verließ er das Wirthshaus zum roten Rosse, wie er das Hotel des Princes verlassen hatte, nämlich ohne von Jemand bemerkt zu werden, ging durch den Faubourg Saint-Antoine über das Boulevard bis zu der Rue Ménilmontant, blieb vor der Thüre des dritten Hauses links stehen, und suchte, bei wem er sich in Ermangelung eines Portier erkundigen konnte.
»Wen suchen Sie, mein hübscher Junge?« fragte die Obsthändlerin gegenüber.
»Herrn Palletin, wenn Sie erlauben, meine gute Mama?« antwortete Andrea,
»Einen ehemaligen Bäcker?« sagte die Obsthändlerin.
»So ist es.«
»Hinten im Hofe, links im dritten Stocke.«
Andrea schlug den bezeichneten Weg ein und fand im dritten Stocke einen Hasenlauf, an dem er mit einem Gefühle übler Laune zog, welches sich in der raschen Bewegung kundgab.
Einige Secunden nachher erschien das Gesicht von Caderousse hinter dem in der Thüre angebrachten Gitter.
»Ah! Du bist pünktlich,« sagte er.
Und er zog die Riegel.
Andrea warf bei seinem Eintritt seine Livréemütze von sich, welche m Ermangelung eines Stuhles auf die Erde fiel und auf ihrem Umkreise im Zimmer umherrollte.
»Ruhig, ärgere Dich nicht, Kleiner,« sprach Caderousse. »Sieh, ich habe an Dich gedacht, schau einmal das gute Frühstück an, das wir genießen werden. Gottes Donner! lauter Dinge, die Du liebst.«
Atem schöpfend, spürte Andrea wirklich einen Küchengeruch, dessen plumpen Aromen es für einen ausgehungerten Magen nicht an einem gewissen Reize gebrach; es war die Mischung von frischem Fett und Knoblauch, welche die provencalische Küche geringerer Art bezeichnet: es war ferner der Geschmack von geschmortem Fisch und vor Allem der scharfe Geruch der Muskate und der Gewürznelke. Alles dies strömte aus zwei hohlen und bedeckten, auf zwei Kohlenbecken über einander gesetzten, Platten und aus einer Casserole aus, welche in einer Ofenröhre kochte.
In dem anstoßenden Zimmer sah Andrea überdies einen ziemlich reinlichen Tisch mit zwei Gedecken, dabei zwei versiegelte Flaschen, die eine grün, die andere gelb, ein gutes Maaß Branntwein in einer Caraffe und eine Quantität Obst auf einem Kohlblatt, das auf einem Fayenceteller lag.
»Wie kommt Dir das vor. Kleiner?« sagte Caderousse, »nicht wahr, das duftet? Ah! Du weißt, ich war ein guter Koch dort. Du erinnerst Dich, wie man sich die Finger nach meiner Küche leckte? Und Du hast zuerst von meiner Küche gekostet, und verachtetest sie, glaube ich, nicht.«
Und Caderousse fing an, einen Zusatz von Zwiebeln abzuklauben.
»Es ist gut, es ist gut,« sagte Andrea verdrießlich; »bei Gott! wenn Du mich gestört hast, damit ich mit Dir frühstücke, so soll es der Teufel holen!«
»Mein Sohn,« sprach Caderousse pathetisch, »während man ißt, plaudert man; und dann, Du Undankbarer, macht es Dir keine Freude, Deinen alten Freund ein wenig zu sehen? Ich meines Teils weine vor Freude.«
Caderousse weinte wirklich, nur war es schwer zu sagen, ob die Freude oder die Zwiebeln auf die Tränendrüse des ehemaligen Wirthes vom Pont du Gard wirkten.
»Schweige doch, Heuchler!« versetzte Andrea; »Du solltest mich lieben?«
»Ja, ich liebe Dich; oder der Teufel soll mich holen, »es ist eine Schwäche, ich weiß wohl, aber es ist stärker als ich.«
»Was Dich nicht abhält, mich wegen irgend einer Treulosigkeit kommen zu lassen.«
»Gehe doch!« rief Caderousse, sein breites Messer an seiner Schürze abwischend, »wenn ich Dich nicht liebte, würde ich das elende Leben ertragen, das Du mich führen lassest? Sieh doch ein wenig, Du trägst auf Deinem Rücken das Kleid Deines Bedienten, und hast folglich einen Bedienten, ich habe keinen und bin genötigt, mein Gemüse selbst aufzuklauben: Du machst pfui über meine Küche, weil Du an der Tafel des Hotel des Princes oder im Café de Paris speisest. Ich könnte auch speisen, wo ich wollte; nun! warum beraube ich mich dessen? um meinem kleinen Benedetto keine Mühe zu machen. Gestehe nur, daß ich es könnte, wie?«
Und ein vollkommen klarer Blick von Caderousse beschloß den Sinn dieser Worte.
»Gut, wir wollen annehmen, Du liebest mich,« sprach Andrea; »warum verlangst Du aber, daß ich mit Dir frühstücke?«
»Um Dich zu sehen, Kleiner.«
»Um mich zu sehen, wozu? da wir zum Voraus alle unsere Bedingungen abgemacht haben.«
»Ei! lieber Freund, gibt es Testamente ohne Codicille? Doch Du bist gekommen, um vor Allem zu frühstücken, nicht wahr? Wohl, so setze Dich und laß uns mit diesen Sardellen und dieser frischen Butter anfangen, die ich, wie Du es liebst. Abscheulicher, auf Weinblätter gelegt habe. Ah! ja. Du betrachtest mein Zimmer, meine vier Strohstühle, meine Bilder zu drei Franken mit dem Rahmen. Verdammt! was willst Du, das ist kein Hotel des Princes!«
»Du bist also bereits Deiner Lage überdrüssig, Du bist nicht mehr glücklich, Du, der Du das Aussehen eines Bäckers haben wolltest, welcher sich von den Geschäften zurückgezogen?«
Caderousse stieß einen Seufzer aus.
»Nun! was hast Du zu sagen? Du hast Deinen Traum verwirklicht gesehen.«
»Ich habe zu sagen, daß es ein Traum ist, ein Bäcker, der sich zurückgezogen, mein Benedetto, das ist reich, das hat Renten.«
»Bei Gott! Du hast Renten.«
»Ich?«
»Ja, Du, da ich Dir Deine zweihundert Franken bringe.«
Caderousse erwiderte die Achseln zuckend!
»Es ist demütigend, so wider Willen gegebenes Geld, ephemeres Geld zu empfangen, das mir an einem oder an dem andern Tage ausbleiben kann. Du siehst wohl, daß ich für den Fall, es würde Dein Wohlstand nicht fortdauern, zu sparen genötigt bin, Ei! mein Gott! das Glück ist unbeständig, wie der Pfarrer des . . . Regiments sagte. Ich weiß wohl, daß Dein Glück groß ist, Böser, Du wirst die Tochter von Danglars heiraten.«
»Wie! von Danglars?«
»Gewiß von Danglars! Soll ich nicht sagen: des Baron von Danglars? Es ist, als ob ich sagte: des Grafen Benedetto . . . Danglars war ein Freund von mir, und wenn er nicht ein schlechtes Gedächtnis hätte, so müßte er mich zu Deiner Hochzeit einladen . . . in Betracht, daß er bei der meinigen gewesen ist . . . ja, ja, ja, bei der meinigen! Verdammt! er war damals nicht so stolz, der kleine Commis bei Herrn Morrel. Ich speiste mehr als einmal mit ihm und dem Grafen von Morcerf. Du siehst, ich habe schöne Bekanntschaften, und wenn ich sie ein wenig kultivieren wollte, so würden wir uns in denselben Salons begegnen.«
»Stille doch, Deine Eifersucht läßt Dich Regenbogen sehen.«
