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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 83

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Zwölftes Kapitel.
Das Urteil

Um acht Uhr Morgens fiel Albert bei Beauchamp wie der Blitz ein. Der Kammerdiener war unterrichtet; er führte Morcerf in das Zimmer seines Herrn, der sich so eben in das Bad gesetzt hatte.

»Nun!« sagte Albert zu ihm.

»Mein armer Freund, ich erwartete Sie,« erwiderte Beauchamp.

»Hier bin ich. Ich sage Ihnen nicht, Beauchamp, ich halte Sie für zu rechtschaffen und zu gut, um mit irgend Jemand hierüber gesprochen zu haben; nein, mein Freund. Überdies ist mir der Bote, den Sie mir schickten, ein Bürge für Ihre Zuneigung. Verlieren wir also keine Zeit mit Umschweifen: haben Sie einen Gedanken, von welcher Seite dieser Schlag kommen mag?«

»Ich werde Ihnen sogleich zwei Worte sagen.«

»Ja, doch vorher, mein Freund, sind Sie mir in allen ihren Einzelheiten die Geschichte dieses abscheulichen Verrates schuldig.«

Beauchamp erzählte hierauf dem vor Scham und Schmerz niedergebeugten jungen Manne die Vorfälle, welche wir in ihrer ganzen Einfachheit wiedererzählen werden.

Zwei Tage vorher war am Morgen der Artikel in einer andern Zeitung, als der Impartial, erschienen, was der Sache noch mehr Gewicht verlieh, insofern das Blatt, welches ihn brachte, wie allgemein bekannt, der Regierung gehörte. Beauchamp frühstückte, als ihm die Note in die Augen sprang: er schickte sogleich nach einem Cabriolet und eilte, ohne sein Mahl zu vollenden, in das Bureau der Zeitung. Obgleich der Gérant sich zu einer politischen Gesinnung bekannte, welche der von Beauchamp gerade entgegengesetzt war, so war doch dieser, wie dies zuweilen, ja sogar oft geschieht, ein vertrauter Freund desselben.

Als er zu ihm kam, hielt der Gérant seine eigene Zeitung in der Hand und schien sich in einem Artikel über Runkelrübenzucker zu gefallen, der ohne Zweifel von ihm selbst herrührte.

»Ah, bei Gott!« rief Beauchamp, »da Sie Ihre Zeitung in der Hand haben, mein lieber so brauche ich Ihnen nicht zu sagen, was mich hierher führt.«

»Sollten Sie zufälliger Weise ein Begünstiger des Zuckerrohrs sein?« fragte der Gérant der ministeriellen Zeitung.

»Nein, ich bin dieser Frage sogar völlig fremd, und komme wegen einer andern Angelegenheit.«

»Und warum kommen Sie?«

»Wegen des Artikels Morcerf.«

»Ah! ja; nicht wahr, das ist seltsam?

»So seltsam, daß Sie sich der Gefahr aussetzen, einen sehr zweifelhaften Verleumdungsprozeß an den Hals zu bekommen.«

»Keines Weges; wir haben mit der Note alle Beweisstücke empfangen, und sind fest überzeugt, daß Herr von Morcerf sich ruhig verhalten wird; überdies heißt es dem Lande einen Dienst leisten, wenn man die Elenden angibt, welche der Ehre unwürdig sind, die man ihnen erweist.«

Beauchamp war verblüfft.

»Aber wer hat Sie denn so gut unterrichtet?« fragte er, »denn meine Zeitung, welche die Sache zuerst angeregt hatte, war genötigt, in Ermangelung von Beweisen sich jeder Bemerkung zu enthalten, und wir sind doch mehr dabei interessiert, als Sie, Herrn von Morcerf zu entschleiern, insofern er Pair von Frankreich ist und wir Opposition bilden.«

»Oh! mein Gott, das ist ganz einfach, wir sind dem Skandal nicht nachgelaufen, er hat uns aufgesucht. Es ist gestern ein Mensch von Janina angekommen, der den furchtbaren Aktenstoß mitbrachte, und als wir Anstand nahmen, uns auf den Weg der Anklage zu werfen, bemerkte er uns, wenn wir uns weigerten, so würde der Artikel in einer andern Zeitung erscheinen. Sie wissen, Beauchamp, was eine wichtige Nachricht ist; wir wollten diese nicht verloren gehen lassen. Nun ist der Schlag getan; er ist furchtbar und wird bis an das Ende Europas wiederhallen.«

Beauchamp begriff, daß man hier nur das Haupt neigen konnte, und entfernte sich in Verzweiflung, um einen Courier an Morcerf abzuschicken.«

Was er aber nicht hatte Albert schreiben können, denn die Dinge, welche wir nun erzählen werden, folgten auf die Abreise seines Couriers, ist die Tatsache, daß an demselben Tage in der Kammer der Pairs eine große Aufregung sich kundgab und in den gewöhnlich so ruhigen Gruppen der hohen Versammlung herrschte. Jeder war beinahe vor der Stunde angekommen und unterhielt sich von dem unseligen Ereignis, das die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und auf eines der bekanntesten Mitglieder des erhabenen Körpers lenken sollte.

Man las mit leiser Stimme den Artikel, man commentirte ihn und tauschte Erinnerungen aus, welche die Tatsachen noch schärfer hervorstellten. Der Graf von Morcerf war unter seinen Standesgenossen nicht beliebt. Um sich in seinem Range zu erhalten, hatte er sich, wie alle Emporkömmlinge, ein Übermaß von Hochmuth zu beobachten genötigt gesehen. Die großen Aristokraten lachten über ihn; die Talente verwarfen ihn; die Männer des reinen Ruhmes verachteten ihn instinktmäßig. Der Graf war an diese ärgerliche Extremität des Sühnopfers getrieben. Einmal vom Finger des Herrn als Opfer bezeichnet, schickte sich Jedermann an, Haro zu schreien.

Nur der Graf von Morcerf allein wußte nichts. Er hielt sich die Zeitung nicht, in der sich die anklagende Notiz fand, und hatte den Morgen mit Briefeschreiben und mit dem Probiren eines Pferdes zugebracht.

Er kam also zu seiner gewöhnlichen Stunde, den Kopf hoch, das Auge stolz, den Gang keck, stieg aus dem Wagen, schritt durch die Gänge, und trat in den Saal, ohne das Zögern der Huissiers und die Halbgrüße seiner Collegen zu bemerken.

Als Morcerf eintrat, war die Sitzung bereits seit einer halben Stunde eröffnet.

Obgleich der Graf, der, wie gesagt, nichts von dem, was vorgefallen war, wußte, weder seine Miene, noch seinen Gang verändert hatte, kamen doch seine’ Miene und sein Gang Allen hochmüthiger als gewöhnlich vor, und seine Gegenwart schien unter diesen.Umständen so angreifend gegen die auf ihre Ehre eifersüchtige Versammlung, daß darin Alle eine Unschicklichkeit, Mehrere ein Trotz bieten und Einige eine Beleidigung erblickten.

Die Kammer brannte offenbar vor Begierde, den Kampf zu beginnen.

Man sah das anklagende Journal in den Händen von allen Anwesenden; doch wie gewöhnlich zögerte Jeder, die Verantwortlichkeit des Angriffs auf sich zu nehmen. Endlich stieg einer von den ehrenwerten Pairs, ein erklärter Feind des Grafen von Morcerf, mit einer Feierlichkeit, welche verkündigte, der erwartete Moment sei gekommen, auf die Tribüne.

Es herrschte ein furchtbares Stillschweigen; Morcerf allein wußte nichts von der Ursache der tiefen Aufmerksamkeit, die man diesmal einem Redner schenkte, dem man gewöhnlich nicht so gefällig zuhörte.

Der Graf ließ ruhig den Eingang vorübergehen, in welchem der Redner äußerte, er habe von einer so heiligen, so ernsten Sache, von einer für die Kammer so bedeutungsvollen Lebensfrage zu sprechen, daß er die ganze Aufmerksamkeit seiner Collegen in Anspruch nehme.

Bei den ersten Worten von Janina und vom Obersten Fernand erbleichte der Graf von Morcerf dergestalt, daß nur ein Zittern in dieser Versammlung eintrat, deren Blicke insgesamt auf den Grafen gerichtet waren.

Die moralischen Wunden haben das Eigentümliche, daß sie sich verbergen, aber nicht wieder schließen; stets schmerzhaft, stets bereit, zu bluten, wenn man sie berührt, bleiben sie frisch und gähnend im Herzen.

Als der Artikel mitten unter diesem Stillschweigen, mitten unter diesem Beben, das sogleich aufhörte, sobald der Redner wieder das Wort zu nehmen geneigt schien, bis zum Schlusse gelesen war, setzte der Ankläger sein Bedenken aus einander und machte einige Bemerkungen über die Schwierigkeit seiner Aufgabe; es war die Ehre von Herrn von Morcerf, es war die der ganzen Kammer, was er zu verteidigen behauptete, indem er eine Debatte hervorrief, welche auf stets so schmerzliche persönliche Fragen gerichtet sein sollte. Endlich schloß er mit dem Antrage auf eine Untersuchung, welche schnell genug eingeleitet werden sollte, um die Verleumdung zu Schanden zu machen, ehe sie zu wachsen Zeit gehabt hätte, und um Herrn von Morcerf in der Stellung, die ihm längst die öffentliche Meinung gemacht, wiederherzustellen.

Morcerf war so niedergebeugt, so zitternd vor diesem ungeheuren und unerwarteten Ungemach, daß er kaum ein paar Worte, mit irrem Auge seine Collegen anschauend, zu stammeln vermochte. Diese Verzagtheit, welche man eben so wohl dem Erstaunen des Unschuldigen, als der Scham des Schuldigen zuschreiben konnte, erwarb ihm wieder einige Sympathien. Die wahrhaft edlen Menschen sind stets geneigt, mitleidig zu Verden, wenn das Unglück ihres Feindes die Grenzen ihres Hasses überschreitet. Der Präsident ließ über die Untersuchung abstimmen; man stimmte durch Sitzenbleiben und Aufstehen, und es wurde beschlossen, die Untersuchung sollte stattfinden.

Man fragte den Grafen, wie viel er Zeit brauchte, um seine Rechtfertigung vorzubereiten.

Der Mut war Morcerf wieder gekommen, seitdem er sich nach diesem furchtbaren Schlage noch lebend fühlte.

»Meine Herren Pairs,« antwortete er, »nicht mit der Zeit schlägt man einen Angriff zurück, wie derjenige ist, welchen in diesem Augenblick unbekannte und ohne Zweifel im Schatten ihrer Dunkelheit gebliebene Feinde gegen mich richten; auf der Stelle, mit einem Donnerschlag muß ich den Blitz erwidern, der mich einen Augenblick geblendet hat; warum ist es mir nicht vergönnt, statt einer solchen Rechtfertigung, mein Blut zu vergießen, um meinen edlen Collegen zu beweisen, daß ich würdig bin, als ihres Gleichen einherzuschreiten!«

Diese Worte machten einen für den Angeklagten günstigen Eindruck.

»Ich verlange also,« sprach er, »daß die Untersuchung so bald als möglich stattfinde, und ich werde der Kammer alle für die Wirksamkeit dieser Untersuchung erforderliche Beweisstücke liefern.«

»Welchen Tag bestimmen Sie?« fragte der Präsident,

»Ich stelle mich von heute an zur Verfügung der Kammer,« antwortete der Graf.

Der Präsident rührte seine Glocke und fragte:

»Ist die Kammer der Ansicht, daß diese Untersuchung noch heute statthaben soll?«

»Ja!« lautete die einstimmige Antwort der Versammlung.

Man ernannte eine Commission von zwölf Mitgliedern, welche die von Morcerf zu liefernden Beweisstücke untersuchen sollte. Die Stunde der ersten Sitzung dieser Commission wurde auf acht Uhr Abends in den Bureau der Kammer festgesetzt. Wären mehrere Sitzungen nötig, so sollten sie zu derselben Stunde und an demselben Orte stattfinden. Als diese Entscheidung gefaßt war, bat Morcerf um Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen; er hatte die Beweisstücke zusammenzufassen, welche er seit langer Zeit aufgehäuft, um dem von seinem arglistigen und unzähmbaren Charakter vorhergesehenen Sturme Trotz zu bieten.

Beauchamp erzählte dem jungen Manne alle die Dinge, die wir so eben mitgeteilt haben, nur hatte seine Erzählung vor der unseligen den Vorzug der Wärme lebendiger Dinge vor der Kälte toter Dinge.

Albert hörte ihm bebend bald vor Hoffnung, bald vor Zorn, bald vor Scham zu; denn durch die vertrauliche Mitteilung von Beauchamp wußte er, daß sein Vater schuldig war, und er fragte sich, wie es dem Schuldigen gelingen könnte, seine Unschuld zu beweisen.

Bei diesem Punkte angelangt, schwieg Beauchamp,

»Hernach?« fragte Albert.

»Hernach?« wiederholte Beauchamp.

»Ja.«

»Mein Freund, dieses Wort versetzt mich in eine furchtbare Notwendigkeit. Wollen Sie die Folge wissen?«

»Ich muß sie durchaus wissen, mein Freund, und will sie lieber aus Ihrem Munde, als aus einem andern erfahren.«

»Wohl, so fassen Sie Mut, Albert, nie haben Sie desselben mehr bedurft.«

Albert fuhr mit der Hand über seine Stirne, als wollte er sich seiner eigenen Kraft versichern, wie ein Mensch, der sein Leben zu verteidigen sich anschickt, seinen Panzer versucht und seine Degenklinge biegt.

Er fühlte sich stark, denn er hielt sein Fieber für Energie.

»Vorwärts,« sprach er.

»Es kam der Abend,« fuhr Beauchamp fort, »ganz Paris wartete auf den Ausgang der Sache. Viele behaupteten, Ihr Vater habe sich nur zu zeigen, um die Anklage umzustürzen; Viele sagten, er werde sich nicht einfinden; Andere versicherten, sie haben ihn nach Brüssel abreisen sehen, und Einige gingen auf die Polizei und fragten, ob es wahr sei, daß der Graf seine Pässe genommen.

»Ich muß Ihnen gestehen, daß ich Alles that, um von einem der Mitglieder der Commission, einem mir befreundeten jungen Pair, auf eine Art von Tribune geführt zu werden. Um sieben Uhr holte er mich ab und empfahl mich, ehe Jemand gekommen war, einem Huissier, der mich in eine Loge einschloß. Ich war durch eine Säule maskiert und in einer völligen Dunkelheit verloren, und konnte hoffen, ich würde vom Anfang bis zum Ende die furchtbare Szene, die sich entwickeln sollte, hören und sehen.

Pünktlich um acht Uhr waren Alle angekommen.

»Herr von Morcerf trat bei dem letzten Schlage der achten Stunde ein. Er hatte einige Papiere in der Hand, und seine Haltung schien ziemlich ruhig; gegen seine Gewohnheit war sein Gang einfach, sein Anzug ernst, und er trug nach Art der alten Militäre seinen Rock von oben bis unten zugeknöpft.

»Seine Erscheinung brachte die beste Wirkung her: vor: die Commission war entfernt nicht böswillig, und mehrere von ihren Mitgliedern gingen dem Grafen entgegen und reichten ihm die Hand.«

Albert fühlte, wie sein Herz bei diesen einzelnen Umständen beinahe brach, und dennoch regte sich unter seinem Schmerze ein Gefühl der Dankbarkeit; gern hätte er alle diese Menschen umarmen mögen, welche seinem Vater während einer so großen Gefährdung seiner Ehre die Hand gereicht.

»In diesem Augenblick trat ein Huissier ein und übergab dem Präsidenten einen Brief.

»»Sie haben das Wort, Herr von Morcerf,«« sprach der Präsident, den Brief entsiegelnd.

»Der Graf begann seine Verteidigungsrede, und ich versichere Sie, Albert,« fuhr Beauchamp fort, »er war von einer außerordentlichen Beredsamkeit und Geschicklichkeit; er brachte Papiere vor, welche bewiesen, daß ihn der Wessir von Janina bis zu seiner letzten Stunde mit seinem ganzen Vertrauen beehrt und besonders mit einer Unterhandlung bei dem Kaiser selbst beauftragt hatte, wobei es sich um Leben oder Tod gehandelt. Er wies den Ring vor, ein Zeichen des Oberbefehls, mit welchem Ali selbst gewöhnlich seine Briefe siegelte und den er ihm gegeben, damit er bei seiner Rückkehr, zu welcher Stunde des Tages oder der Nacht es such sein möchte, und wäre er sogar in seinem Harem, zu ihm dringen könnte. Unglücklicher Weise, sagte er, scheiterte seine Unterhandlung, und als er zurückkam, um seinen Wohlthäter zu verteidigen, war er bereits tot. Doch sterbend, behauptete der Graf, habe ihm Ali Pascha, so groß sei sein Vertrauen gewesen, seine erste Favoritin und seine Tochter anvertraut.«

Albert bebte bei diesen Worten; denn während Beauchamp sprach, trat die ganze Erzählung von Hayde vor den Geist des jungen Mannes, und er erinnerte sich dessen, was die schöne Griechin von dieser Botschaft, von diesem Ringe und von der Art und Weise, wie sie verkauft und in die Sklaverei geführt worden war, gesagt hatte.

»Und was war die Wirkung der Rede des Grafen?« fragte Albert voll Angst.

»Ich gestehe, daß sie mich erschütterte, und ebenso, wie mich, auch die ganze Kommission erschütterte,« sprach Beauchamp.

»Der Präsident warf nachlässig die Augen auf den Brief, den man ihm gebracht hatte; doch beiden ersten Zeilen wurde seine Aufmerksamkeit rege, er las das Schreiben, las es abermals, und sprach, seine Blicke auf Herrn von Morcerf heftend:

»»Herr Graf, Sie sagen uns, der Wessir von Janina habe Ihnen seine Frau und seine Tochter anvertraut?««

»»Ja, mein Herr,«« antwortete Morcerf: »»doch hierin, wie im Übrigen, verfolgte mich das Unglück. Bei meiner Rückkehr waren Wasiliki und ihre Töchter Hayde verschwunden.««

»»Sie kennen dieselben?««

»»Mein vertrauter Umgang mit dem Pascha und der feste Glaube, den er zu meiner Treue hatte, erlaubten mir, sie mehr als zwanzigmal zu sehen.««

»»Haben Sie irgend einen Gedanken, was aus ihnen geworden sein mag?««

»»Ja, mein Herr, ich habe sagen hören, sie seien ihrem Kummer und vielleicht ihrer Armut unterlegen. Ich war nicht reich, ich sah mein Leben großen Gefahren preisgegeben, und ich konnte zu meinem innigen Bedauern keine Nachforschungen anstellen.««

Der Präsident runzelte unmerklich die Stirne und sprach:

»»Meine Herren, Sie haben den Herrn Grafen gehört und in seinen Erläuterungen verfolgt. Herr Graf, können Sie zur Unterstützung Ihrer Angabe einige Zeugen liefern?««

»»Ach! nein, mein Herr,«« antwortete der Graf, »»alle diejenige, welche den Wessir umgaben und mich an seinem Hofe kannten, sind tot oder zerstreut; allein, so glaube ich wenigstens, habe ich diesen furchtbaren Krieg überlebt; ich besitze nur die Briefe von Ali Tependelini, welche vor Ihren Augen liegen; ich besitze nur den Ring, das Pfand seines Willens, das Sie hier sehen; ich habe endlich den überzeugendsten Beweis, den ich liefern kann, nämlich nach einem anonymen Angriff den Mangel jeder Zeugschaft gegen mein Wort als ehrlicher Mann und die Reinheit meines militärischen Lebens.««

»Gin Gemurmel des Beifalls durchlief die ganze Versammlung; in diesem Augenblick, Albert, und wenn kein neuer Vorfall dazu gekommen wäre, hätte Ihr Vater seine Sache gewonnen gehabt.

»Man hatte nur noch abzustimmen, als der Präsident das Wort nahm und sprach:

»»Meine Herren und Sie, Herr Graf, ich denke, es wird Ihnen nicht unangenehm sein, einen sehr wichtigen Zeugen zu hören, der sich von selbst einfindet; dieser Zeuge, wir zweifeln nicht daran, ist nach Allem, was uns der Graf gesagt hat, berufen, die vollkommene Unschuld unseres Collegen darzutun. Hier ist ein Brief, den ich so eben in dieser Beziehung empfangen habe; soll er gelesen werden, oder entscheiden Sie, daß wir darüber weggehen und uns bei diesem Zwischenfalle nicht aufhalten?««

»Herr von Morcerf erbleichte und preßte krampfhaft die Papiere zusammen, die er in der Hand hielt.

»Die Antwort der Commission fiel für das Vorlesen aus: der Graf aber war nachdenkend und hatte keine Meinung auszusprechen.

»Der Präsident las folgenden Brief vor:

»»Herr Präsident,

»»Ich kann der Untersuchungscommission, welche mit der Prüfung des Benehmens des Herrn Generallieutenant Grafen von Morcerf im Epirus und in Macedonien beauftragt ist, die bestimmteste und sicherste Auskunft geben.««

»Der Präsident machte eine kurze Pause.

»Der Graf von Morcerf erbleichte; der Präsident befragte die Zuhörer mit dem Blicke:

»»Fahren Sie fort!«« rief man von allen Seiten.

»Der Präsident fuhr fort:

»»Ich war beim Tode von Ali Pascha an Ort und Stelle; ich wohnte seinen letzten Augenblicken bei; ich weiß, was aus Wasiliki und Hayde geworden ist; ich stelle mich zur Verfügung der Commission und fordere sogar die Ehre, gehört zu werden. Ich werde in dem Augenblick, wo man Ihnen dieses Billet übergibt, im Vorsaale der Kammer sein.««

»»Und wer ist dieser Zeuge .oder vielmehr dieser Feind?«« fragte der Graf mit einer Stimme, in der eine tiefe Erschütterung nicht zu verkennen war.

»»Wir werden es erfahren, mein Herr,«« antwortete der Präsident. »»Ist die Commission der Ansicht, daß der Zeuge gehört werden soll?««

»»Ja! ja!«« sprachen gleichzeitig alle Stimmen.

»Man rief den Huissier.

»»Huissier,«« fragte der Präsident, »»wartet Jemand im Vorsaale?««

»»Ja, Herr Präsident.««

»»Wer ist dieser Jemand?««

»»Eine Frau, begleitet von einem Diener.««

»Alle schauten sich an.

»»Lassen Sie diese Frau eintreten,«« sagte der Präsident.

»Fünf Minuten nachher erschien der Huissier wieder; Aller Augen waren auf die Thüre gerichtet und ich selbst,« sprach Beauchamp, »und ich selbst teilte die allgemeine Erwartung und Angst.

»Hinter dem Huissier ging eine Frau, gehüllt in einen großen Schleier, der sie völlig verbarg. An den Formen, welche dieser Schleier verriet, und an den ausströmenden Wohlgerüchen erkannte man bald eine junge und zierliche Frau, aber nicht mehr.

»Der Präsident bat die Unbekannte, den Schleier zurückzuschlagen, und man konnte nun diese Frau sehen, welche nach griechischer Weise gekleidet und außerordentlich schön war.«

»Ah!« rief Morcerf, »sie war es.«

»Wie, sie?«

»Ja, Hayde.«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ach! ich errate es. Doch fahren Sie fort, Beauchamp, ich bitte Sie. Sie sehen, ich bin ruhig und stark.«

»Herr von Morcerf,« fuhr Beauchamp fort, »schaute diese Frau mit einer Mischung von Angst und Erstaunen an. Für ihn sollte das Leben oder der Tod aus diesem reizenden Munde kommen; für alle Andere war es ein so seltsames, so interessantes Abenteuer, daß das Heil oder der Untergang von Herrn von Morcerf an diesem Ereignis nur als ein secundäres Element Anteil hatten.

»Der Präsident bot der jungen Frau mit der Hand einen Stuhl an; doch sie bedeutete durch ein Zeichen mit dem Kopfe, sie würde stehen bleiben. Der Graf war wieder auf sein Fauteuil zurückgefallen, und seine Beine weigerten sich offenbar, ihn zu tragen.

»»Madame,«« sprach der Präsident, »»Sie haben der Commission geschrieben und sich angeboten, ihr Auskunft über die Angelegenheit von Janina zu geben: Sie sind Ihrer Behauptung nach Augenzeugin gewesen.««

»»Das war ich auch wirklich,«« sprach die Unbekannte mit einem Tone voll reizender Traurigkeit und mit jenem den orientalischen Stimmen eigenthümlichen Wohlklang.

»»Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie damals noch sehr jung waren,«« versetzte der Präsident.

»»Ich war vier Jahre alt; doch da diese Ereignisse die höchste Bedeutung für mich hatten, so verlor sich kein Umstand aus meinem Geiste, entging keine Einzelheit meinem Gedächtnis?.««

»»Welche Bedeutung hatten für Sie diese Ereignisse, und wer sind Sie, daß diese große Katastrophe einen so tiefen Eindruck auf Sie hervorgebracht hat?««

»»Es handelte sich um das Leben oder den Tod meines Vaters,«« antwortete das Mädchen; »»ich heiße Hayde und bin die Tochter von Ali Tependelini, Pascha von Janina, und von Wasiliki, seiner viel geliebten Frau.««

»Die bescheidene und zugleich stolze Röte, welche bei diesen Worten die junge Frau mit Purpur übergoß, das Feuer ihres Blickes, die Majestät ihrer Offenbarung brachten eine unaussprechliche Wirkung auf die Versammlung hervor.

»Der Graf konnte nicht mehr vernichtet gewesen sein, wein der Blitz herabgefallen wäre und zu seinen Füßen eilen Abgrund geöffnet hätte.

»»Madame,«,« sprach der Präsident, nachdem er sich ehrfurchtsvoll verbeugt hatte, »»erlauben Sie mir eine einfache Frage, welche keinen Zweifel enthält und die letzte sein wird: können Sie die Aechtheit Ihrer Behauptung nachweisen?««

»»Ich kann es, mein Herr,«« sprach Hayde, unter ihrem Schleier ein Säckchen von parfümiertem Atlaß hervorziehend; »»denn hier ist mein Geburtsschein, abgefaßt von meinem Vater und unterzeichnet von seinen obersten Offizieren; denn hier ist bei meinem Geburtsschein mein Taufschein, mein Vater hatte nämlich eingewilligt, daß ich in der Religion meiner Mutter aufgezogen wurde, und der Großprimas von Macedonien und Epirus hat diesem Scheine sein Siegel aufgedrückt: hier ist endlich (und das ist ohne Zweifel das Wichtigste) die Urkunde des Verkaufes, der mit meiner Person und mit der meiner Mutter an den armenischen Kaufmann El-Kobbir durch den fränkischen Offizier ausgeführt wurde, welcher, bei seinem schändlichen Handel mit der Pforte, sich für seinen Beuteanteil die Frau und die Tochter seines Wohlthäters vorbehalten hatte, die er für die Summe von tausend Beuteln, das heißt für ungefähr viermal hundert tausend Franken, verwertete.««

»Eine grünliche Blässe bemächtigte sich des Grafen von Morcerf, und seine Augen wurden von Blut unterlaufen bei dem Ausspruche dieser schrecklichen Anschuldigungen, welche die Versammlung mit einem finsteren Stillschweigen aufnahm.

»Immer ruhig, aber viel drohender, als dies eine Andere in ihrem Zorne gewesen wäre, überreichte Hayde dem Präsidenten die in arabischer Sprache abgefaßte Verkaufsurkunde.

»Man hatte gedacht, es könnten einige von den vorgebrachten Beweisstücken in arabischer, in türkischer oder romaischer Sprache geschrieben sein, und der Dolmetscher der Kammer war deshalb benachrichtigt worden; man rief ihn.

»Einer von den edlen Pairs, der mit der arabischen Sprache, welche er während des Feldzuges in Ägypten erlernt hatte, bekannt war, folgte auf dem Pergamente der Schrift, welche der Übersetzer mit lauter Stimme las:

»»Ich, El-Kobbir, Sklavenhändler und Lieferant des Harems Seiner Hoheit, erkenne hiermit, daß ich, um ihn dem erhabenen Kaiser zu übergeben, von dem fränkischen Herrn Grafen von Monte Christo einen Smaragd im Werte von zweitausend Beuteln als Preis für eine christliche, elf Jahre alte Sklavin, Namens Hayde, anerkannte Tochter des verstorbenen Ali Tependelini, Pascha von Janina, und von Wasiliki, seiner Favoritin, erhalten habe; welche an mich vor sieben Jahren mit ihrer bei der Ankunft in Constantinopel gestorbenen Mutter durch einen fränkischen Obersten im Dienste des Wessirs Ali Tependelini, Namens Fernand Mondego, verkauft worden ist.

»»Der erwähnte Verkauf ist für Rechnung Seiner Hoheit, von dem ich einen Auftrag hatte, gegen, die Summe von tausend Beuteln geschehen.

»»Ausgefertigt in Constantinopel mit Vollmacht

Seiner Hoheit im Jahre 1247 der Hedschra.

Unterzeichnet

El-Kobbir.

»»Die gegenwärtige Urkunde wird, um ihr jede Glaubwürdigkeit und Aechtheit zu verleihen, mit dem kaiserlichen Siegel versehen werden, das der Verkäufer derselben beidrücken zu lassen sich verbindlich macht.««

»Neben der Unterschrift des Kaufmanns sah man wirklich das Siegel des Großherrn.

»Auf diese Vorlesung folgte ein furchtbares Stillschweigen; der Graf hatte nur noch den Blick, und dieser unwillkürlich auf Hayde geheftete Blick schien von Flammen und Blut zu sein.

»»Madame,«« sprach der Präsident, »»kann man nicht den Herrn Grafen von Monte Christo befragen, welcher sich, wie ich glaube, bei Ihnen in Paris befindet?««

»»Mein Herr,«« antwortete Hayde, »»der Graf von Monte Christo, mein zweiter Vater, ist seit drei Tagen in der Normandie.««

»»Doch wer hat Ihnen diesen Schritt geraten, für den Ihnen die Kammer dankbar ist. einen Schritt, der übrigens nach Ihrer Geburt und nach Ihren Leiden nur natürlich erscheinen kann.««

»»Mein Herr,«« antwortete Hayde, »»dieser Schritt ist mir von meiner Ehrfurcht und von meinem Schmerze geraten worden. Gott vergebe mir! obgleich Christin, dachte ich stets daran, meinen erhabenen Vater zu rächen. Als ich den Fuß auf die Erde Frankreichs setzte, als ich erfuhr, der Verräter wohne in Paris, waren meine Augen und meine Ohren beständig offen. Ich lebe zurückgezogen in dem Hause meines edlen Beschützers, doch ich lebe so, weil ich den Schatten und die Stille liebe, die mir in meinen Gedanken und in der Sammlung meines Geistes zu leben gestatten. Aber der Graf von Monte Christo umgibt mich mit seiner väterlichen Sorge, und nichts, was das Dasein bildet, ist mir fremd, obschon ich davon nur das entfernte Geräusch empfange. So lese ich alle Zeitungen, wie man mir alle Albums schickt, wie ich alle Melodieen erhalte; das Leben Anderer verfolgend, erfuhr ich, was diesen Morgen in der Kammer der Pairs vorgefallen war, und was diesen Abend vorfallen sollte . . . dann schrieb ich.««

»»Der Herr Graf von Monte Christo hat also keinen Anteil an Ihrem Schritte?«« fragte der Präsident.

»»Er weiß durchaus nichts davon, mein Herr, und ich befürchte sogar, er mißbilligt denselben, wenn er ihn erfährt; es ist indessen ein schöner Tag für mich,«« fuhr das Mädchen einen Flammenblick zum Himmel aufschlagend fort, »»dieser Tag, an welchem ich endlich Gelegenheit finde, meinen Vater zu rächen!««

»Der Graf hatte während dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Wort gesprochen: seine Collegen schauten ihn an und beklagten ohne Zweifel dieses unter dem wohlriechenden Hauche einer Frau gebrochene Dasein; sein Unglück prägte sich allmälig in finsteren Zügen auf seinem Antlitz aus.

»»Herr von Morcerf,«« sprach der Präsident, »»erkennen Sie in dieser Frau die Tochter von Ali Tependelini, Pascha von Janina?««

»»Nein,«« sprach Morcerf mit einer Anstrengung, sich zu erheben, »»es ist dies ein von meinen Feinden angezetteltes Gewebe.««

»Hayde, welche ihre Augen auf die Thüre geheftet hatte, wandte sich ungestüm um, stieß, als sie den Grafen wieder aufrecht fand, einen furchtbaren Schrei aus und sprach:

»»Du erkennst mich nicht; wohl! glücklicher Weise erkenne ich Dich! Du bist Fernand Mondego, der fränkische Offizier, der die Truppen meines edlen Vaters unterrichtete. Du bist es, der die Schlösser von Janina übergeben hat! Du, der von ihm nach Constantinopel geschickt, um unmittelbar mit dem Kaiser über das Leben oder den Tod Deines Wohlthäters zu unterhandeln, einen falschen Ferman zurückbrachte, in welchem ihm vollständige Begnadigung zugestanden war! Du bist es, der mit diesem Ferman den Ring des Pascha erhielt, welcher Dir bei Selim, dem Feuerwächter, Gehorsam verschaffen sollte; Du bist es, der Selim erdolchte und meine Mutter und mich an den Handelsmann El-Kobbir verkaufte. Mörder! Mörder! Mörder! Du hast noch auf Deiner Stirne das Blut Deines Herrn: schaut Alle!««

»Diese Worte waren mit einer solchen Begeisterung der Wahrheit gesprochen worden, daß Aller Augen sich nach der Stirne des Grafen wandten und er selbst mit der Hand darnach fuhr, als ob noch warm das Blut von Ali darauf wäre.

»»Sie erkennen also ganz bestimmt in Herrn von Morcerf den Offizier Fernand Mondego?««

»»Ob ich ihn erkenne!«« rief Hayde. »»O! Meine Mutter! Du hast mir gesagt: – Du warst frei, Du hattest einen Vater, der Dich liebte, Du warst bestimmt, beinahe eine Königin zu sein! Schaue diesen Menschen wohl an, er hat Dich zur Sklavin gemacht, er hat auf einem Spieße das Haupt Deines Vaters fortgetragen, er hat uns verkauft, er hat uns ausgeliefert! Schaue genau seine rechte Hand an, sie hat eine breite Narbe; würdest Du sein Gesicht vergessen, so müßtest Du ihn an dieser Hand wiedererkennen, in welche eines nach dem andern die Goldstücke des Kaufmanns El-Kobbir gefallen sind! – Ob ich ihn wiedererkenne! Oh! er mag nur sagen, ob er mich nicht wiedererkennt!««

»Jede Sylbe fiel wie ein Messer auf Morcerf und schnitt einen Teil seiner Energie ab; bei den letzten Worten verbarg er rasch und unwillkürlich seine in der Tat von einer Wunde verstümmelte Hand in seiner Brust und fiel, in eine düstere Verzweiflung versunken, auf seinen Stuhl zurück.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain