Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 84
»Diese Szene hatte die Geister der Versammlung wirbeln gemacht, wie man die vom Stamme abgelösten Blätter unter dem mächtigen Nordwinde laufen steht.
»»Herr Graf von Morcerf,«« sprach der Präsident, »»lassen Sie sich nicht niederbeugen, antworten Sie: die Gerechtigkeit des Pairshofes ist erhaben und gleich für Alle, wie die Gottes; sie wird Sie nicht durch Ihre Feinde zu Boden treten lassen, ohne Ihnen die Mittel zu gönnen, dieselben zu bekämpfen. Wollen Sie neue Nachforschungen? Soll ich Befehle zu einer Reise von zwei Kammer-Mitgliedern nach Janina geben? Sprechen Sie!««
»Morcerf antwortete nicht.
»Da schauten sich alle Mitglieder der Commission mit einer Art von Schrecken an. Man kannte den energischen und heftigen Charakter des Grafen. Es bedurfte einer furchtbaren Niederschmetterung, um die Verteidigung dieses Mannes zu vernichten, man mußte denken, auf dieses-Stillschweigen, welches einem Schlafe glich, würde ein donnerähnliches Erwachen folgen.
»»Nun, was bestimmen Sie?«« fragte ihn der Präsident.
»»Nichts!«« antwortete der Graf mit dumpfer Stimme.
»»Die Tochter von Ali Tependelini,«« sprach der Präsident, »»hat also wirklich die Wahrheit gesagt? Sie ist also wirklich der furchtbare Zeuge, dem der Schuldige kein Nein zu entgegnen wagt? Sie haben also wirklich alle diese Dinge begangen, deren man Sie beschuldigt?««
»Der Graf warf einen Blick umher, dessen verzweifelter Ausdruck Tiger gerührt hätte, Richter aber nicht zu entwaffnen vermochte; dann schlug er die Augen zum Gewölbe auf, wandte sie aber sogleich wieder ab, als hätte er befürchtet, dieses Gewölbe könnte, sich öffnend, ein zweites Tribunal, das sich den Himmel nennt, einen andern Richter, der sich Gott nennt, erscheinen lassen.
»Mit einer ungestümen Bewegung riß er die Knöpfe des geschlossenen Rockes auf, der ihn erstickte, und stürzte wie ein Wahnwitziger aus dem Saal; einen Augenblick ertönte noch sein Tritt in dem schallenden Gange, dann erschütterte bald das Rollen des Wagens, der ihn im Galopp fortführte, den Porticus des florentinischen Gebäudes.
»»Meine Herren,«« sprach der Präsident, als das Stillschweigen wiederhergestellt war, »»ist der Herr Graf von Morcerf der Felonie, des Verrates und der Unwürdigkeit überwiesen?««
»»Ja,«« antworteten einstimmig alle Mitglieder der Untersuchungscommission.
»Hayde hatte bis zum Ende der Sitzung beigewohnt; sie hörte das Urteil des Grafen fällen, ohne daß einer der Züge ihres Gesichtes Freude oder Mitleid ausdrückte.
»Dann zog sie ihren Schleier wieder vor das Gesicht, grüßte majestätisch die Räthe und ging hinweg mit jenen Schritten, mit denen Virgil die Göttinnen gehen sah.«
Dreizehntes Kapitel.
Die Herausforderung
»Nun benützte ich das Stillschweigen und die Dunkelheit des Saales, um mich, ohne gesehen zu werden, zu entfernen,« fuhr Beauchamp fort. »Der Huissier, der mich eingeführt hatte, erwartete mich an der Thüre. Er geleitete mich durch die Gänge bis zu einer kleinen Pforte, welche nach der Rue de Vaugirard führte. Ich ging weg, mit zugleich gebrochenem und entzücktem Herzen, verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, Albert, gebrochen in Beziehung auf Sie, entzückt durch den Adel dieses Mädchens, welches so thatkräftig die väterliche Rache verfolgte. Ja, ich schwöre Ihnen, Albert, von welcher Seite auch diese Enthüllung kommen mag, ich sage, sie kann von einem Feinde kommen, aber dieser Feind ist nur der handelnde Diener der Vorsehung.«
Albert hielt seinen Kopf zwischen seinen beiden Händen, hob sein Antlitz rot und in Tränen gebadet empor, ergriff Beauchamp beim Arm und sprach:
»Freund, mein Leben ist beendigt: es bleibt mir nicht, wie Sie zu sagen, die Vorsehung habe mir diesen Schlag beigebracht, sondern ich muß den Menschen suchen, der mich mit seiner Feindschaft verfolgt; sobald ich diesen Menschen kenne, töte ich ihn, oder er tötet mich; ich zähle jedoch auf Ihre Freundschaft Beauchamp, daß Sie mich unterstützen werden, wenn sie die Verachtung nicht in Ihrem Herzen getötet hat.«
»Die Verachtung, mein Freund! in welcher Hinsicht berührt Sie dieses Unglück? Nein, Gott sei Dank, wir leben nicht mehr in einer Zeit, wo ein ungerechtes Vorurteil die Söhne für die Handlungen der Väter verantwortlich macht. Durchgehen Sie Ihr ganzes Leben, Albert; es stammt allerdings erst von gestern, aber nie war die Morgenröthe eines schönen Tages reiner, als Ihr Sonnenaufgang. Nein, Albert, glauben Sie mir, Sie sind jung, Sie sind reich; verlassen Sie Frankreich, Alles vergißt sich schnell in diesem großen Babylon mit dem bewegten Dasein und dem wechselnden Geschmacke; Sie kommen in drei oder vier Jahren zurück, Sie haben eine russische Fürstin geheiratet, und Niemand denkt mehr an das, was gestern vorgefallen ist, und noch viel weniger an das, was sich vor sechzehn Jahren ereignete.«
»Ich danke, mein lieber Beauchamp, ich danke für die vortreffliche Absicht, welche Ihnen diese Worte eingibt; ich habe Ihnen meinen Wunsch genannt, und verändere nun, wenn es sein muß, den Ausdruck Wunsch in den Ausdruck Willen.«
»Sie begreifen, in dieser Angelegenheit persönlich beteiligt, kann ich die Sache nicht aus demselben Gesichtspunkte ansehen, wie Sie. Was Ihnen aus einer himmlischen Quelle zu kommen scheint, scheint mir einer minder reinen Quelle zu entfließen. Die Vorsehung kommt mir, ich muß es gestehen, dieser Sache sehr fremd vor, denn statt der unsichtbaren und unfühlbaren Botin der himmlischen Belohnungen und Bestrafungen, werde ich ein sichtbares und fühlbares Wesen finden, an dem ich mich, das schwöre ich Ihnen, für Alles räche, was ich seit einem Monat gelitten habe. Ich wiederhole Ihnen nun, Beauchamp, es ist mir daran gelegen, in das menschliche und materielle Leben zurückzukehren, und wenn Sie noch mein Freund sind, wie Sie sagen, so helfen Sie mir die Hand finden, die den Schlag geführt hat.«
»Es sei, und wenn Sie durchaus wollen, daß ich auf die Erde herabsteige, so werde ich es tun; ist es Ihre Absicht, Nachforschungen nach einem Feinde anzustellen, so stelle ich sie mit Ihnen an. Und ich werde ihn finden, denn meine Ehre ist hierbei beinahe eben so sehr beteiligt, als die Ihrige.«
»Dann beginnen wir auf der Stelle, ohne Verzug unsere Nachsuchungen. Jede Minute Verzug ist eine Ewigkeit für mich; der Denunciant ist noch nicht bestraft, er kann also hoffen, er werde nicht bestraft werden: und bei meiner Ehre! wenn er dies hofft, so täuscht er sich.«
»Wohl, so hören Sie, Morcerf.«
»Ah! Beauchamp, ich sehe, Sie wissen etwas; Sie geben mir das Leben wieder!«
»Ich sage Ihnen nicht, es sei eine Wirklichkeit, Albert, , doch es ist wenigstens ein Licht in der Nacht: folgen wir diesem Lichte, und es wird uns vielleicht zum Ziele führen.«
»Sprechen Sie, Sie sehen, daß mich die Ungeduld verzehrt.«
»Gut! ich will Ihnen erzählen, was ich Ihnen nicht sagen wollte, als ich von Janina zurückkam.«
»Reden Sie.«
»Hören Sie, was vorgefallen ist, Albert: ich ging natürlich zum ersten Banquier der Stadt, um Erkundigungen einzuziehen; nach zwei Worten über diese Angelegenheit, sagte er zu mir, ehe ich den Namen Ihres Vaters ausgesprochen hatte:
»Ah! sehr gut! ich errate, was Sie hierher führt.««
»»Wie so, und warum?««
»»Weil ich vor kaum vierzehn Tagen über denselben Gegenstand befragt worden bin.««
»»Von wem?««
»»Von einem Banquier in Paris, meinem Correspondenten.««
»»Wie heißt er?««
»»Herr Danglars.««
»Er!« rief Albert; »er verfolgt in der Tat seit langer Zeit meinen Vater mit seiner Eifersucht und mit seinem Hasse; er, der angebliche Volksmann, der es dem Grafen von Morcerf nicht verzeihen kann, daß er Pair von Frankreich ist. Und dann, das Abbrechen des Heiratsplanes, ohne irgend eine Ursache anzugeben.. ja, so ist es.«
»Erkundigen Sie sich, Albert, aber erhitzen Sie sich nicht zum Voraus; erkundigen Sie sich, sage ich, und wenn die Sache wahr ist..«
»Oh ja! wenn die Sache wahr ist,« rief der junge Mann, »so soll er mir Alles bezahlen, was ich gelitten habe.«
»Nehmen Sie sich in Acht, Morcerf, er ist ein bereits alter Mann.«
»Ich werde sein Alter berücksichtigen, wie er die Ehre meiner Familie berücksichtigt hat; wenn er meinem Vater grollte, warum schlug er nicht meinen Vater? Oh! nein, er hat bange, sich einem Manne gegenüber zu stellen!«
»Albert, ich verdamme Sie nicht, ich will Sie nur zurückhalten; handeln Sie klug.«
»Oh! seien Sie unbesorgt; überdies werden Sie mich begleiten, Beauchamp; feierliche Dinge müssen vor Zeugen behandelt werden. Ist Herr Danglars der Schuldige, so hat er vor dem Ende dieses Tages zu leben aufgehört, oder ich bin tot. Bei Gott! Beauchamp, ich will meiner Ehre ein schönes Leichenbegängniß bereiten.«
»Wohl! Albert, sind solche Entschlüsse einmal gefaßt, so muß man sie auf der Stelle in Ausführung bringen. Sie wollen zu Herrn Danglars gehen? Vorwärts.«
Man ließ ein Miethcabriolet holen. Als man zu dem Hause des Banquier gelangte, erblickte man den Phaëton und den Bedienten von Herrn Andrea Cavalcanti vor der Thüre.
»Ah, bei Gott! das geht gut!« sprach Albert mit düsterem Tone. »Will sich Herr Danglars nicht mit mir schlagen, so töte ich seinen Schwiegersohn. Ein Cavalcanti muß sich schlagen!«
Man meldete Albert dem Banquier, der bei seinem Namen, da er wußte, was am Tage vorher vorgefallen war, ihm den Eintritt verweigern ließ. Aber es war zu spät; Albert folgte dem Bedienten, hörte den Befehl, stieß die Thüre auf und drang mit Beauchamp in das Cabinet des Banquier.
»Mein Herr!« rief dieser, »steht es mir nicht frei, zu empfangen, wen ich will? Es scheint mir, Sie vergessen sich auf eine sonderbare Weise.«
»Nein, mein Herr,« erwiderte Albert mit kaltem Tone, »es gibt Umstände, und Sie befinden sich in diesen, wo man, wenn man sich nicht einer Feigheit schuldig machen will, wenigstens für gewisse Personen zu Hause sein muß.«
»Was wollen Sie von mir, mein Herr?«
»Ich will,« sagte Albert, sich dem Banquier nähernd, ohne daß es schien, als bemerkte er Cavalcanti, der am Kamin lehnte, »ich will Ihnen eine Zusammenkunft in einem verborgenen Winkel vorschlagen, wo uns zehn Minuten lang Niemand stören wird, mehr verlange ich nicht von Ihnen: von den zwei Personen, welche sich treffen werden, bleibt eine unter den Bäumen.«
Danglars erbleichte. Cavalcanti machte eine Bewegung. Albert wandte sich zu dem jungen Manne um, und sprach:
»Oh mein Gott! kommen Sie, wenn Sie wollen, Herr Graf; Sie haben das Recht, dabei zu sein, Sie gehören beinahe zu der Familie, und ich gewähre solche Zusammenkünfte so vielen Menschen, als sich finden, um dieselben anzunehmen.«
Cavalcanti schaute Danglars erstaunt an; dieser erhob sich mit einer Anstrengung und trat zwischen die zwei jungen Leute. Der Angriff von Albert auf Andrea, hatte ihn auf ein anderes Gebiet gebracht, und er hoffte, der Besuch von Albert sei einer andern Ursache zuzuschreiben, als der, welche er zuerst vorausgesetzt hatte.
»Ah! mein Herr,« sagte er zu Albert, »wenn Sie hierher kommen, um mit diesem Herrn Streit zu suchen, weil ich denselben Ihnen vorgezogen habe, so bemerke ich Ihnen, daß ich eine Angelegenheit für den Staatsanwalt daraus machen werde.«
»Sie täuschen sich, mein Herr,« entgegnete Morcerf mit einem düsteren Lächeln, »ich spreche von nichts weniger, als von Heiratsgeschichten, und ich wende mich an Herrn Cavalcanti nur, weil er einen Augenblick die Absicht gehabt zu haben scheint, sich in unsere Verhandlung zu mischen. Und dann haben Sie Recht, ich suche heute mit Jedermann Streit; doch seien Sie unbesorgt, Herr Danglars, der Vorrang gebührt Ihnen.«
»Mein Herr,« sprach Danglars, bleich vor.Zorn und Angst, »ich bemerke Ihnen, wenn mir das Unglück widerfährt, einen wütenden Hund auf meinem Weg zu treffen, so töte ich ihn, und weit entfernt, mich schuldig zu glauben, lebe ich vielmehr der Überzeugung, daß ich der Gesellschaft einen Dienst geleistet habe. Wenn Sie nun wütend sind und mich zu beißen versuchen, so sage ich Ihnen, daß ich Sie töten werde. Sprechen Sie, ist es meine Schuld, wenn Ihr Vater entehrt ist?«
»Ja, Elender!« rief Morcerf, »es ist Deine Schuld!«
Danglars machte einen Schritt rückwärts.
»Meine Schuld!« sagte er, »Sind Sie verrückt! weiß ich die griechische Geschichte! Bin ich in diesen Ländern gereist. Habe ich Ihrem Vater geraten, die Schlösser von Janina zu verraten . . . «
»Stille!« sprach Albert mit dumpfem Tone. »Nein, Sie haben nicht unmittelbar diesen Lärmen gemacht und dieses Unglück verursacht, doch Sie haben die ganze Sache, heuchlerischer Weise hervorgerufen.«
»Ich!«
»Ja, Sie! Woher kommt die Enthüllung?«
»Mir scheint, die Zeitung hat es Ihnen gesagt, von Janina, bei Gott!«
»Wer hat nach Janina geschrieben?«
»Nach Janina?«
»Ja. Wer hat geschrieben, um Erkundigungen über meinen Vater einzuziehen?«
»Mich dünkt, es kann Jedermann nach Janina schreiben.«
»Es hat jedoch eine einzige Person geschrieben.«
»Eine einzige?«
»Ja, und diese Person sind Siel«
»Ich habe allerdings geschrieben: doch ich glaube, wenn man seine Tochter an einen jungen Mann verheiratet, kann man Erkundigungen über die Familie dieses jungen Mannes einziehen; es ist dies nicht bloß ein Recht, sondern auch eine Pflicht.«
»Sie haben geschrieben, während Sie vollkommen wußten, welche Antwort Ihnen zukommen würde.«
»Ich! ah! ich schwöre Ihnen,« rief Danglars mit einen, Vertrauen und mit einer Sicherheit, welche vielleicht weniger von seiner Furcht, als von der Teilnahme herrührten, die er im Grunde für den unglücklichen jungen Mann fühlte: »ich schwöre Ihnen, daß ich nie daran gedacht hätte, nach Janina zu schreiben. Kannte ich die Katastrophe von Ali Pascha?«
»Es hat Sie also Jemand angetrieben, zu schreiben?«
»Gewiß.«
»Man hat Sie angetrieben?«
Ja.«
»Wer dies? . . . vollenden Sie . . . ?«
»Bei Gott! das ist ganz einfach; ich sprach von der Vergangenheit Ihres Vaters, ich sagte die Quelle seines Vermögens wäre stets dunkel geblieben. Die Person fragte mich, wo sich Ihr Vater dieses Vermögen gemacht hätte. Ich antwortete: »»In Griechenland.«« Da sprach sie mir: »»Nun, so schreiben Sie nach Janina.««
»Und wer hat Ihnen diesen Rath gegeben?«
»Bei Gott! der Graf von Monte Christo, Ihr Freund.«
»Der Graf von Monte Christo hat Ihnen gesagt, Sie sollen nach Janina schreiben?«
»Ja, und ich habe geschrieben. Wollen Sie meine Correspondenz sehen? ich werde sie Ihnen zeigen.«
Albert und Beauchamp schauten sich an.
»Mein Herr,« sagte Beauchamp, der noch nicht das Wort genommen hatte, »es scheint mir, Sie klagen den Grafen an, während er in diesem Augenblick von Paris entfernt ist und sich nicht rechtfertigen kann?«
»Ich klage Niemand an, mein Herr,« antwortete Danglars, »ich erzähle und werde in Gegenwart des Grafen von Monte Christo wiederholen, was ich so eben vor Ihnen gesagt habe.«
»Und der Graf weiß, welche Antwort Ihnen zugekommen ist?«
»Ja, ich habe sie ihm gezeigt.«
»Wußte er, daß der Taufname meines Vaters Fernand und sein Familienname Mondego war?«
»Ja, ich hatte es ihm längst gesagt; übrigens that ich hierbei nur das, was jeder Andere an meiner Stelle getan hätte, und vielleicht noch weniger. Als am Tage nach dieser Antwort Ihr Vater meine Tochter offiziell von mir verlangte, wie man dies tut, wenn man bei einer Sache zu Ende kommen will, so schlug ich ihm ihre Hand allerdings unumwunden ab, doch ohne Erklärung, ohne Lärm. Warum sollte ich in der Tat auch Lärmen gemacht haben! Was war mir an der Ehre oder der Schande von Herrn von Morcerf gelegen? Das machte die Rente weder steigen noch fallen.«
Wert fühlte, wie ihm die Rothe auf das Gesicht stieg; es unterlag keinem Zweifel mehr, Danglars verteidigte sich mit der Gemeinheit, aber zugleich auch mit der Sicherheit eines Menschen, der, wenn nicht die volle Wahrheit, doch wenigstens einen Teil der Wahrheit sagt, allerdings nicht aus Gewissenhaftigkeit, sondern aus Schrecken. Was suchte überdies Morcerf? Nicht die größere oder geringere Schuldhaftigkeit von Danglars oder Monte Christo, sondern einen Menschen, der ihm für die leichte oder schwere Beleidigung verantwortlich wäre, einen Menschen, der sich schlüge, und Danglars schlug sich offenbar nicht.
Und dann wurde jedes von den vergessenen oder unbemerkten Dingen seinen Augen wieder sichtbar oder seiner Erinnerung wieder gegenwärtig. Monte Christo wußte Alles, da er die Tochter von Ali Pascha gekauft hatte; und dann hatte er, Alles wissend, Danglars den Rath gegeben, nach Janina zu schreiben. Während ihm die Antwort bekannt war, hatte er dem von Albert geäußerten Verlangen, Hayde vorgestellt zu werden, nachgegeben; bei ihr hatte er das Gespräch auf den Tod von Ali fallen lassen und sich der Erzählung von Hayde nicht widersetzt (wobei er indessen ohne Zweifel dem Mädchen in einigen romaischen Worten Instructionen gegeben, denen zu Folge Morcerf seinen Vater zu erkennen nicht gestattet war); hatte er nicht überdies Morcerf gebeten, den Namen seines Vaters nicht vor Hayde auszusprechen? Endlich hatte er Albert, in dem Augenblick, wo der Lärmen losbrechen sollte, nach der Normandie geführt. Es unterlag keinem Zweifel mehr, Alles beruhte auf einer Berechnung, und Monte Christo war ohne Zweifel im Einverständniß mit den Feinden seines Vaters.
Albert nahm Beauchamp in eine Ecke und teilte ihm alle seine Gedanken mit.
»Sie haben Recht,« sagte Beauchamp, »Herr Danglars ist in dem, was vorgefallen, nur für die rohe und materielle Seite beteiligt, und Sie müssen von Herrn von Monte Christo eine Erklärung verlangen.«
Albert wandte sich um und sprach zu Danglars:
»Mein Herr, Sie begreifen, daß ich noch keinen bestimmten Abschied von Ihnen nehme; ich muß noch in Erfahrung bringen, ob Ihre Anschuldigungen gerecht sind, und ich will mich auf der Stelle hiervon bei Herrn von Monte Christo überzeugen.«
Und den Banquier begrüßend, entfernte er sich mit Beauchamp, ohne daß er sich im Geringsten um Cavalcanti zu bekümmern schien,
Danglars geleitete ihn bis zur Thüre und erneuerte Albert die Versicherung, daß kein Beweggrund persönlichen Hasses ihn gegen den Herrn Grafen von Morcerf einnehme.
Vierzehntes Kapitel.
Die Beleidigung
Vor der Thüre des Banquier hielt Beauchamp Morcerf zurück und sprach:
»Hören Sie, ich sagte Ihnen so eben bei Herrn Danglars, Sie hätten von Herrn von Monte Christo eine Erklärung zu verlangen?«
»Ja, und wir gehen zu ihm.«
»Überlegen Sie einen Augenblick, Morcerf, ehe Sie zu dem Grafen gehen.«
»Was soll ich überlegen?«
»Die ernste Bedeutung Ihres Schrittes.«
»Ist er ernster, als wenn ich zu Herrn Danglars gehe?«
»Ja; Herr Danglars ist ein Geldmensch, und Sie wissen, die Geldmenschen kennen zu genau das Kapital, das sie wagen, um sich so leicht zu schlagen. Der Andere ist im Gegenteil ein Edelmann, wenigstens wie es scheint; doch fürchten Sie nicht, unter dem Edelmann einen Bravo zu treffen?«
»Ich fürchte nur, einen Menschen zu treffen, der sich nicht schlägt.«
»Oh! seien Sie unbesorgt.« sprach Beauchamp, »der wird sich schlagen. Nehmen Sie sich in Acht, ich habe bange, er schlägt sich nur zu gut!«
»Freund,« entgegnete Morcerf mit einem schönen Lächeln, »das ist es, was ich wünsche; und das größte Glück, das mir widerfahren kann, ist, für meinen Vater getötet zu werden: das wird uns Alle retten.«
»Ihre Mutter wird darüber sterben!«
»Arme Mutter!« versetzte Albert, mit der Hand über seine Augen fahrend, »ich weiß es wohl, doch besser, sie stirbt hierüber, als sie stirbt vor Schande.«
»Sie sind also fest entschlossen, Albert?«
»Vorwärts!«
»Glauben Sie, daß wir ihn treffen werden?«
»Er sollte einige Stunden nach mir zurückkommen, und ist sicherlich eingetroffen.«
Sie stiegen in ihr Cabriolet und ließen sich nach der Avenue des Champs-Elysées, Nro. 30, führen.
Beauchamp wollte allein aussteigen; doch Albert bemerkte ihm, daß diese Angelegenheit, welche aus den gewöhnlichen Regeln heraustrete, ihm von der Etiquette des Zweikampfes abzugehen gestatte.
Der junge Mann handelte in dem Allem für eine so heilige Sache, daß sich Beauchamp nur in seinen Willen zu fügen hatte; er gab also Morcerf nach und begnügte sich, ihm zu folgen.
Albert machte nur einen Sprung von der Loge des Portier bis zur Freitreppe. Baptistin empfing ihn.
Der Graf war wirklich angekommen, aber er saß im Bade und hatte verboten, irgend Jemand zu empfangen.
»Doch nach dem Bade?« fragte Morcerf.
»Wird der Herr Graf zu Mittag speisen.«
»Und nach dem Mittagessen?«
»Wird der Herr Graf eine Stunde schlafen.«
»Hernach?«
»Hernach wird er in die Oper fahren.«
»Sind Sie dessen gewiss?« fragte Albert.
»Vollkommen gewiss; der Herr Graf hat seine Pferde auf den Punkt acht Uhr bestellt.«
»Sehr gut,« versetzte Albert; »mehr wollte ich Nichtwissen.« Dann sich gegen Beauchamp umwendend:
»Wenn Sie etwas zu tun haben, Beauchamp, so tun Sie es sogleich; wenn Sie diesen Abend ein Rendezvous haben, so verschieben Sie es auf morgen. Sie begreifen, ich zähle darauf, daß Sie mich in die Oper begleiten. Wenn Sie können, bringen Sie Chateau-Renaud mit.«
Beauchamp benützte die Erlaubnis und verließ Albert, nachdem er ihm versprochen, er werde ihn um drei Viertel auf acht Uhr abholen.
Nach Hause zurückgekehrt, benachrichtigte Albert Franz, Debray und Morrel von seinem Wunsche, sie ebenfalls in der Oper zu sehen. Dann besuchte er seine Mutter, welche seit den Ereignissen des vorhergehenden Tages ihre Thüre Jedermann verboten hatte und das Zimmer hütete. Er fand sie, durch den Schmerz dieser öffentlichen Demütigung niedergeschmettert, im Bette. Der Anblick von Albert brachte auf Mercedes die Wirkung hervor, welche man davon erwarten konnte;. sie drückte ihrem Sohne die Hand und brach in ein Schluchzen aus. Diese Tränen erleichterten sie jedoch.
Albert blieb einen Augenblick stumm vor dem Bette seiner Mutter stehen. Man sah an seinem bleichen Gesichte und an seiner gerunzelten Stirne, daß sein Racheentschluß sich immer mehr in seinem Herzen abstumpfte.
»Meine Mutter,« sagte Albert, »kennen Sie irgend einen Feind von Herrn von Morcerf?«
Mercedes bebte, denn sie hatte bemerkt, daß der junge Mann nicht »von meinem Vater« sagte.
»Mein Freund,« sprach sie, »die Menschen in der Stellung des Grafen haben viele Feinde, die sie nicht kennen. Überdies sind die Feinde, die man nicht kennt, wie Du weißt, die gefährlichsten.«
»Ja, ich weiß dies, und appelliere auch an Ihren Scharfsinn. Meine Mutter, Sie sind eine so erhabene Frau, daß Ihnen nichts entgeht!«
»Warum sagst Du mir dies?«
»Weil Sie, zum Beispiel, bemerkten, daß an dem Abend unseres Balles der Herr Graf von Monte Christo nichts bei uns hatte nehmen wollen.«
Mercedes erhob sich zitternd auf ihren vom Fieber brennenden Arm und rief:
»Herr von Monte Christo? und welchen Zusammenhang hätte dies mit der Frage, die Du an mich richtest?«
»Sie wissen, meine Mutter, Herr von Monte Christo ist beinahe ein Orientale, und um ihre volle Rachefreiheit zu bewahren, essen und trinken die Orientalen nichts bei ihren Feinden.«
»Herr von Monte Christo unser Feind, sagst Du, Albert?« entgegnete Mercedes, weißer werdend, als das Tuch, das sie bedeckte. »Wer hat Dir das gesagt? warum? Du bist verrückt, Albert. Herr von Monte Christo hat nur Artigkeiten gegen uns gehabt, ’ Herr von Monte Christo rettete Dir das Leben, und Du selbst hast ihn uns vorgestellt. Oh! ich bitte Dich, mein Sohn, wenn Du einen solchen Gedanken hegtest, so verbanne ihn, und wenn ich Dir etwas zu empfehlen, wenn ich eine Bitte an Dich zu richten habe, so bleibe in gutem Vernehmen mit ihm.«
»Meine Mutter,« versetzte der junge Mann mit einem düstern Blicke, »Sie haben Ihre Gründe, daß Sie mir sagen, ich soll diesen Mann schonen.«
»Ich!« rief Mercedes, . . und sie errötete mit derselben Schnelligkeit, mit der sie erbleicht war, und wurde beinahe in demselben Augenblick noch bleicher, als zuvor.
»Ja! allerdings, Ihr Grund ist, daß der Graf uns Böses zufügen kann, nicht so?« sagte Albert.
Mercedes bebte und erwiderte, einen forschenden Blick auf ihren Sohn heftend:
»Du sprichst seltsam mit mir, und hast, wie mir scheint, sonderbare Vorurteile. Was that Dir der Graf? Vor drei Tagen reiftest Du mit ihm in die Normandie: vor drei Tagen betrachtete ich ihn als Deinen besten Freund, und Du warst derselben Meinung.«
Ein ironisches Lächeln umschwebte die Lippen von Albert. Mercedes sah dieses Lächeln und erriet mit ihrem doppelten Instinkte der Frau und der Mutter Alles: aber klug und stark, verbarg sie ihre Unruhe und ihr Beben.
Albert ließ das Gespräch fallen; nach einem Augenblick knüpfte es die Gräfin wieder an.
»Du bist gekommen, um mich zu fragen, wie es mir ginge,« sagte sie; »ich antworte Dir offenherzig, mein Freund, ich fühle mich unwohl. Du solltest Dich hier einrichten. Albert, und mir Gesellschaft leisten; ich habe das Bedürfnis, nicht allein zu sein.«
»Meine Mutter, ich wäre zu Ihren Befehlen, und Sie wissen, mit welchem Glücke, wenn mich nicht eine dringende und wichtige Angelegenheit zwänge, Sie diesen Abend zu verlassen.«
»Ah! gut,« erwiderte Mercedes mit einem Seufzer, »gehe, Albert, ich will Dich nicht zum Sklaven Deiner kindlichen Frömmigkeit machen.«
Albert stellte sich, als hörte er nicht, grüßte seine Mutter und ging.
Kaum hatte der junge Mann die Thüre wieder zugemacht, als Mercedes einen vertrauten Diener rufen ließ; diesem befahl sie. Albert überall zu folgen, wohin er gehen würde, und ihr sogleich Meldung zu machen.
Dann läutete sie ihrer Kammerfrau und ließ sich, so schwach sie war, ankleiden, um auf jeden Fall bereit zu sein.
Der dem Bedienten erteilte Auftrag war nicht schwer zu vollziehen. Albert kehrte in seine Wohnung zurück und kleidete sich äußerst pünktlich an. Zehn Minuten vor acht Uhr kam Beauchamp: er hatte Chateau-Renaud gesehen, der ihm beim Aufziehen des Vorhangs im Orchester zu sein versprach.
Beide stiegen in das Coupe von Albert und dieser rief, da er keinen Grund hatte, zu verbergen, wohin er fuhr, ganz laut:
»In die Oper.«
In seiner Ungeduld kam er vor dem Aufziehen des Vorhangs. Chateau-Renaud saß auf seinem Sperrsitze: Beauchamp hatte ihn von Allem unterrichtet, und Albert brauchte ihm keine Erläuterung zu geben. Das Benehmen dieses Sohnes, der seinen Vater zu rächen suchte, war so einfach, daß Chateau-Renaud sich durchaus nicht bemühte, ihm abzurathen, und sich nur darauf beschränkte. Albert die Versicherung zu wiederholen, er stünde zu seiner Verfügung.
Debray war noch nicht eingetroffen; doch Albert wußte, daß er selten bei einer Vorstellung der Oper ausblieb. Albert irrte bis zum Aufziehen des Vorhangs im Theater umher. Er hoffte, Monte Christo entweder im Gange oder auf der Treppe zu treffen. Das Glöckchen rief ihn an seinen Platz, und er setzte sich im Orchester zwischen Chateau-Renaud und Beauchamp.
Doch seine Augen verließen die Loge zwischen den Säulen nicht, welche während des ersten Actes hartnäckig geschlossen blieb. Endlich, am Anfange des zweiten Actes, als Albert zum hundertsten Male seine Uhr befragte’, öffnete sich die Thüre der Loge; Monte Christo trat schwarz gekleidet ein und stützte sich auf das Geländer, um in den Saal zu schauen; Morrel folgte ihm, mit den Augen seine Schwester und seinen Schwager suchend. Er sah sie in einer Loge des zweiten Ranges und machte ihnen ein Zeichen. Als der Graf seinen Rundblick in den Saal warf, gewahrte er einen bleichen Kopf und funkelnde Augen, welche gierig seine Blicke anzuziehen schienen; er erkannte Albert, der Ausdruck, den er auf diesem verstörten Gesichte wahrnahm, rieth ihm ohne Zweifel, nichts bemerkt zuhaben. Ohne irgend eine seine Gedanken verratende Bewegung zu machen, setzte er sich, zog sein Doppelglas aus dem Etui und schaute nach einer andern Seite.
Doch ohne den Anschein zu haben, als sähe er Albert, verlor ihn der Graf nicht aus dem Blicke, und als der Vorhang am Ende des zweiten Actes fiel, folgte sein unfehlbares Auge dem jungen Mann, der, begleitet von seinen Freunden, das Orchester verließ. Dann erschien derselbe Kopf wieder in einer Loge der seinigen gegenüber. Der Graf fühlte, daß der Sturm gegen ihn losbrach, und als er den Schlüssel in dem Schlosse seiner Loge drehen hörte, wußte der Graf, obgleich er in diesem Augenblick mit seinem lachendsten Gesichte mit Morrel sprach, woran er sich zu halten hatte, und war auf Alles gefaßt.
Die Thüre öffnete sich.
Jetzt erst wandte sich Monte Christo um und erblickte Albert zitternd und leichenbleich. Hinter ihm waren Beauchamp und Chateau-Renaud.
»Sieh da!« rief er mit jener wohlwollenden Höflichkeit, welche gewöhnlich seinen Gruß von den Alltagscomplimenten der Welt unterschied, »mein Reiter ist am Ziele angelangt. Guten Abend, Herr von Morcerf.«
Und das Gesicht dieses Mannes, der auf eine so seltsame Weise seiner Herr war, drückte die vollkommenste Herzlichkeit aus.
Nun erst erinnerte sich Morrel des Briefes, den er vom Vicomte empfangen, und worin ihn dieser, ohne eine andere Erklärung, gebeten hatte, sich in der Oper einzufinden, und er begriff, daß etwas Furchtbares vorgehen sollte.
»Wir kommen nicht hierher, um heuchlerische Höflichkeiten und falsche Freundschaftsbezeigungen auszutauschen,« sprach der junge Mann; »wir kommen, um eine Erklärung von Ihnen zu fordern, Herr Graf.«
Die zitternde Stimme des jungen Mannes war kaum durch die geschlossenen Zähne gedrungen.
»Eine Erklärung in der Oper?« sagte der Graf mit jenem so ruhigen Tone und dem so durchdringenden Auge, woran sich der ewig seiner selbst sichere Mann erkennen läßt. »So wenig ich mit den Pariser Gewohnheiten vertraut bin, so hätte ich doch nicht geglaubt, daß man hier Erklärungen zu fordern pflege.«
»Wenn sich jedoch die Leute verleugnen lassen,« sprach Albert, »wenn man unter dem Vorwande, sie seien im Bad, bei Tische, oder im Bett, nicht zu ihnen dringen kann, so muß man sich an sie wenden, wo man sie trifft.«
»Ich bin nicht so schwer zu treffen,« sprach Monte Christo, »denn noch gestern, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, waren Sie bei mir.«
»Gestern, mein Herr,« entgegnete der junge Mann, dessen Kopf in Flammen gerieth, »gestern befand ich mich bei Ihnen, weil ich nicht wußte, wer Sie waren.«
Bei diesen Worten hatte Albert die Stimme dergestalt erhoben, daß die in den benachbarten Logen sitzenden Personen, so wie die Menschen, welche sich in den Gängen umhertrieben, ihn hörten
Auch wandten sich die Personen der Logen um, und die im Gange blieben hinter Beauchamp und Chateau-Renaud bei dem Lärmen dieses Streites stehen.
