Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 90
Einundzwanzigstes Kapitel.
Der Vater und die Tochter
Wir haben im vorhergehenden Kapitel Madame Danglars offiziell Frau von Villefort die nahe bevorstehende Hochzeit von Fräulein Eugenie Danglars mit Herrn Andrea Cavalcanti verkündigen sehen.
Dieser offiziellen Verkündigung, welche einen von allen bei der großen Angelegenheit Belheiligten gefaßten Entschluß anzudeuten schien, war jedoch eine Szene vorhergegangen, von der wir unseren Lesern Rechenschaft geben müssen,
Wir bitten sie einen Schritt rückwärts zu machen und sich am Morgen dieses Tages der großen Katastrophen in den schönen, so gut vergoldeten Salon zu versetzen, der, unsern Lesern bekannt, der Stolz seines Eigenthümers, des Herrn Baron von Danglars, war.
In diesem Salon ging gegen zehn Uhr Morgens seit einigen Minuten nachdenkend und sichtbar unruhig der Banquier selbst auf und ab: er schaute nach jeder Thüre und blieb bei jedem Geräusch stehen.
Als die Summe seiner Geduld erschöpft war, rief er seinem Kammerdiener und sagte zu ihm:
»Etienne. sieh doch, warum Fräulein Eugenie mich hat bitten lassen, sie im Salon zu erwarten, und warum sie mich so lange warten läßt.«
Nach diesem kleinen Ausbruche übler Laune faßte der Baron wieder etwas Geduld.
Fräulein Danglars hatte sich wirklich nach ihrem Erwachen eine Audienz von ihrem Vater erbeten und als Ort für diese Audienz den vergoldeten Salon bezeichnet. Die Seltsamkeit dieses Schrittes, und besonders sein offizieller Charakter setzten nicht wenig den Banquier in Erstaunen, der sogleich dem Wunsche seiner Tochter entsprach und sich in den Salon begab.
Etienne kam bald von seiner Botschaft zurück und meldete:
»Die Kammerjungfer des Fräuleins hat mir gesagt, das Fräulein vollende so eben seine Toilette und werde bald kommen.«
Danglars bezeichnete mit dem Kopfe, er sei zufrieden.
Der Welt und sogar seinen Leuten gegenüber heuchelte Danglars den guten Mann Und den schwachen Vater: es war dies eine Seite der Rolle, die er sich in der volksthümlichen Komödie, welche er spielte, auferlegt hatte, es war dies eine Physiognomie, die er angenommen und die ihm zuzusagen schien, wie es den rechten Profilen der Masken der Väter des antiken Theaters entsprach, die Lippe aufgeworfen und lachend zu haben, während die linke Seite die Lippe niedergeschlagen und weinerlich hatte.
Fügen wir sogleich bei, daß bei vertraulichen Verhältnissen die aufgeworfene und lachende Lippe auf das, Niveau der niedergeschlagenen und weinerlichen Lippe herabfiel, so daß meistens der gute Mensch verschwand, um dem groben Ehemann und dem unbeschränkten Vater Platz zu machen.
»Warum des Teufels kommt diese tolle Person, welche mich, wie es scheint, sprechen will,« murmelte Danglars, »warum kommt sie nicht ganz einfach in mein Cabinet und warum will sie mich überhaupt sprechen?«
Er wälzte zum zwanzigsten Male diesen beunruhigenden Gedanken in seinem Gehirn umher, als die Thüre sich öffnete und Eugenie erschien, angetan mit einem Kleide von schwarzem Atlaß, brochirt mit matten Blumen von derselben Farbe, mit frisierten Haaren und zarten Handschuhen, als hätte es sich darum gehandelt, in einem guten Fauteuil in der italienischen Oper Platz zu nehmen.
»Nun, Eugenie, was gibt es denn?« rief der Vater, »und warum dieser feierliche Salon, während man in meinem Cabinet so gut ist?«
»Sie haben vollkommen Recht, mein Herr,« sagte Eugenie, ihrem Vater durch ein Zeichen bedeutend, er könnte sich setzen, »und Sie stellen da zwei Fragen, welche zum Voraus unser ganzes Gespräch zusammenfassen. Ich werde beide beantworten, und zwar wider die Gesetze der Gewohnheit die zweite als die minder verwickelte zuerst. Ich habe den Salon für unsere Zusammenkunft gewählt, mein Herr, um die unangenehmen Eindrücke und den Einfluß des Cabinets eines Banquier zu vermeiden. Diese Kassenbücher, so vergoldet sie auch sein mögen, diese wie die Thore einer Festung geschlossenen Schubladen, diese Massen von Bankbillets, welche man weiß nicht woher kommen, diese zahllosen Briefe von England, von Holland, von Spanien, von Indien, von China und von Peru, wirken im Allgemeinen sonderbar auf den Geist eines Vaters und lassen ihn vergessen, daß es auf der Welt ein höheres und heiligeres Interesse gibt, als das der gesellschaftlichen Stellung, und der Meinung seiner Committenten: ich habe als diesen Salon gewählt, wo Sie lachend und glücklich in ihren prachtvollen Rahmen Ihr Porträt, das meinige, das meiner Mutter und alle Arten von Landschaften und rührenden Schäferszenen sehen. Ich hege ein großes Vertrauen zu der Macht der äußeren Eindrücke: Ihnen gegenüber ist das vielleicht ein Irrtum; doch was wollen Sie? ich wäre keine Künstlerin, Wenn mir nicht einige Illusionen blieben.«
»Sehr gut,« antwortete Danglars, der die Tirade mit einer unstörbaren Kaltblütigkeit, aber ohne ein Wort davon zu verstehen, angehört hatte, denn er war, wie jeder mit Hintergedanken angefüllte Mensch, damit beschäftigt, seine eigene Idee in den Ideen der Sprechenten zu suchen.
»Der zweite Punkt ist nunmehr aufgeklärt, und Sie scheinen mit der Erklärung zufrieden,« sagte Eugenie, ohne die geringste Unruhe und mit jener ganz männlichen Festigkeit, welche ihre Gebärde und ihre Rede charakterisirte. »Kommen wir nun zu dem ersten Punkte: Sie fragen mich, warum ich mir diese Audienz erbeten habe: ich werde es Ihnen mit zwei Worten sagen; hören Sie, mein Herr: Ich will den Herrn Grafen Andrea Cavalcanti nicht heiraten.«
Danglars sprang von seinem Stuhle auf und hob zugleich seine Augen und seine Arme zum Himmel empor.
»Mein Gott! ja, mein Herr,« fuhr Eugenie stets gleich ruhig fort: »ich sehe, Sie sind erstaunt, denn seitdem diese ganze Angelegenheit im Zuge ist, habe ich nicht den geringsten Widerstand kundgegeben, sicher, wie ich dies immer bin, im gegebenen Augenblick den Leuten, die mich nicht um Rath gefragt, und den Dingen, die mir mißfallen, einen offenen und bestimmten Willen entgegenzusehen. Diesmal jedoch entsprangen diese Ruhe, diese Passivität, wie die Philosophen sagen, einer anderen Quelle; sie entsprangen daraus, daß ich, eine unterthänige und ergebene Tochter . ., (ein leichtes Lächeln umspielte die purpurroten Lippen des Mädchens), mich im Gehorsam versuchte.«
»Nun?« fragte Danglars.
»Nun . . . mein Herr,« versetzte Eugenie, »ich habe meine Kräfte bis zum Ende auf die Probe gestellt und fühle mich jetzt, da der Augenblick gekommen ist, trotz aller meiner Anstrengungen gegen mich selbst, unfähig, zu gehorchen.«
»Doch sprich,« sagte Danglars, der, ein Geist zweiten Ranges, Anfangs von dem Gewichte dieser unbarmherzigen Logik, deren Phlegma so viel Vorbedacht und Willenskraft andeutete, ganz betäubt zu sein schien, »sprich, was ist der Grund dieser Weigerung, Eugenie?«
»Der Grund,« versetzte das Mädchen, »oh! mein Gott! nicht als ob dieser Mann häßlicher, oder dummer, oder unangenehmer wäre, als ein Anderer, nein; Herr Andrea Cavalcanti kann sogar bei denjenigen, welche die Menschen nach dem Gesichte, oder nach dem Wuchse betrachten, für ein ziemlich hübsches Modell gelten; es ist auch nicht der Fall, weil mein Herz weniger von ihm, als von irgend einem Andern berührt wird; dies wäre ein Grund für eine Pensionaire, den ich als völlig unter mir betrachte; ich liebe durchaus Niemand, mein Herr, nicht wahr, das wissen Sie wohl? Ich sehe also nicht ein, warum ich, ohne eine absolute Notwendigkeit, mein Leben durch einen ewigen Gefährten beschweren sollte. Hat der Weise nicht irgendwo gesagt: Nichts zu viel; und an einer andern Stelle: Trage Alles bei dir. Man hat mich diese zwei Aphorismen sogar in lateinischer und griechischer Sprache gelehrt; die eine ist, glaube ich, von Phädrus, und die andere von Bias. Wohl! mein lieber Vater, bei dem Schiffbruch des Lebens, denn das Leben ist der ewige Schiffbruch unserer Hoffnungen, werfe ich mein unnützes Gepäcke in das Meer und bleibe mit meinem Willen, entschlossen vollkommen allein zu leben, und folglich vollkommen frei.«
»Unglückliche! Unglückliche!« murmelte Danglars erbleichend, denn er kannte durch eine lange Erfahrung die Haltbarkeit des Hindernisses, auf das er so plötzlich stieß.
»Unglückliche!« versetzte Eugenie, »Unglückliche, sagen Sie, mein Herr? In der Tat, nein, dieser Ausdruck kommt mir ganz theatralisch und affectirt vor. Im Gegenteil Glückliche, denn ich frage Sie, was fehlt mir? Die Welt findet mich hübsch, und das ist etwas wert, um günstig aufgenommen zu werden. Ich liebe einen guten Empfang, er hellt die Gesichter auf, und diejenigen, welche mich umgeben, erscheinen mir viel weniger häßlich. Ich bin mit einigem Geist und mit einer gewissen Empfindsamkeit ausgestattet, welche mir aus der allgemeinen Existenz das, was ich gut daran finde, zu ziehen gestattet, um es in die meinige übergehen zu lassen, wie es der Affe tut, wenn er die grüne Nuß zerbricht, um den Inhalt herauszuziehen. Sie haben eines von den schonen Vermögen in Frankreich, ich bin Ihre einzige Tochter, und Sie sind nicht in dem Grade hartnäckig, wie die Väter des Theaters der Porte Saint-Martin und der Gaieté, welche ihre Töchter enterben, weil sie ihnen keine Enkel geben wollen. Überdies hat das vorsichtige Gesetz Ihnen das Recht benommen, mich zu enterben, wenigstens gänzlich zu enterben, wie es Ihnen die Gewalt entzogen hat, mich zu zwingen, diesen oder jenen zu heiraten. Also schön, gescheit, mit einigem Talent geschmückt, wie man in den komischen Opern sagt, und reich! Das ist das Glück, mein Herr, warum nennen Sie mich also unglücklich?«
Als Danglars seine Tochter lachend und stolz bis zur Frechheit sah, vermochte er eine rohe Bewegung nicht zurückzudrängen, die sich jedoch nur durch einen Stimmausbruch verriet. Unter dem scharfen Blick seiner Tochter, diesen schönen, schwarzen, durch die Forschung zusammengezogenen Augenbrauen gegenüber, wandte er sich mit Klugheit zurück und beruhigte sich alsbald, bezähmt durch die eiserne Hand der Umsicht.
»In der Tat, meine Tochter,« erwiderte er mit einem Lächeln, »Tu bist ganz das, was Du Dich zu sein rühmst, abgesehen von einem Punkte, meine Tochter, den ich Dir nicht gerade heraussagen will, da es mir lieber ist, wenn Du ihn errätst.«
Eugenie schaute Danglars sehr erstaunt darüber an, da« man ihr eine von den Zierraten der Krone des Stolzes, welche sie sich so prachtvoll auf das Haupt gesetzt, streitig machen wollte.
»Meine Tochter,« fuhr der Banquier fort, »Du hast mir vollkommen erklärt, welche Gefühle bei den Entscheidungen eines Mädchens den Vorsitz führen, das nicht zu heiraten beschlossen hat: nun ist es an mir, zu sagen, welche Gründe einen Vater meiner Art bestimmen, wenn er seine Tochter zu verheiraten beschließt.«
Eugenie verbeugte sich, nicht als eine gehorsame Tochter, welche hört, sondern als eine kampfbereite Gegnerin, welche wartet.
»Meine Tochter,« sprach Danglars, »wenn ein Vater seine Tochter bittet, einen Mann zu nehmen, so ist immer ein Grund vorhanden, warum er ihre Verheiratung wünscht. Die Einen sind von der so eben bezeichneten Manie befallen und wollen sich in ihren Enkeln wieder aufleben sehen. Ich habe diese Schwäche nicht, ich bemerke Dir sogleich: die Familienfreuden sind mir beinahe gleichgültig. Ich kann dies einer Tochter sagen, von der ich weiß, daß sie hinreichend Philosophie besitzt, um mich zu verstehen und mir kein Verbrechen daraus zu machen.«
»Gut,« rief Eugenie, »sprechen wir offenherzig, ich liebe das mein Herr.«
»Oh! Du siehst, daß ich, ohne im Allgemeinen Deine Sympathie für die Offenherzigkeit zu teilen, mich unterwerfe, wenn ich glaube, daß mich die Umstände dazu auffordern. Ich fahre also fort. Ich habe Dir einen Gatten nicht für Dich vorgeschlagen, denn in der Tat, ich dachte in diesem Augenblick nicht im Geringsten an Dich . . . Du liebst die Offenherzigkeit, hier hast Du sie: sondern ich schlug ihn Dir vor, weil es für mich gewisser Handelscombinationen wegen, die ich zu gründen im Begriffe bin, notwendig erschien, daß Du einen Gatten nähmest.«
Eugenie machte eine Bewegung.
»Es ist, wie ich Dir zu sagen die Ehre habe, und Du darfst mir deshalb nicht grollen, denn Du zwingst mich dazu; wider meinen Villen, Du begreifst es wohl, gehe ich in arithmetische Erläuterungen mit einer Künstlerin Deiner Art ein, welche sich fürchtet, in das Cabinet eines Banquier zu treten, weil sie hier, ich glaube, die Philosophen sagen dies auch, weil sie hier unangenehme und unpoetische Eindrücke und Gefühle erhalten könnte. Doch erfahre, meine Tochter, daß man in diesem Cabinet des Banquier, welches Du indessen vorgestern zu betreten die Güte hattest, um von mir die tausend Franken zu verlangen, die ich Dir jeden Monat für Deine Launen gebe, erfahre, daß man in diesem Cabinet viele Dinge zum Nutzen von jungen Personen lernt, die sich nicht verheiraten wollen. Man erfährt dort zum Beispiel, aus Rücksicht für Deine reizbaren Nerven, will ich Dich hier davon unterrichten, man erfährt dort, daß der Credit eines Banquier sein physisches und moralisches Leben ist, daß der Credit den Menschen stützt, wie der Atem den Körper belebt; Herr von Monte Christo hat mir hierüber eines Tags eine schöne Rede gehalten, die ich nie vergessen werde. Man erfährt dort, daß je mehr der Credit sich zurückzieht, desto mehr der Körper ein Leichnam wird, und daß dies in kurzer Zeit dem Banquier begegnen muß, der die Ehre hat, der Vater einer in der Logik so starken Tochter zu sein.«
Statt sich unter diesem Schlage zu beugen, erhob sich Eugenie und sprach:
»Zu Grunde gerichtet!«
»Du hast den richtigen Ausdruck gefunden, meine Tochter,« versetzte Danglars, mit den Nägeln in seiner Brust grabend, während er auf seinem rohen Gesichte das Lächeln des Mannes ohne Herz, aber nicht ohne Geist bewahrte: »zu Grunde gerichtet; . . . es ist so.«
»Ah!« machte Eugenie.
»Ja, zu Grunde gerichtet! So ist es nun bekannt, dieses schreckensvolle Geheimnis, wie der tragische Dichter sagt. Höre also aus meinem Munde, meine Tochter, wie dieses Unglück für Dich, ich sage nicht für mich, sondern für Dich minder bedeutend werden kann.«
»Oh!« rief Eugenie, »Sie sind ein schlechter Physiognomiker, wenn Sie sich einbilden, ich beklage für mich die Katastrophe, die Sie mir auseinandersetzen. Ich zu Grunde gerichtet! Und was ist mir daran gelegen? bleibt mir nicht mein Talent? Kann ich mir nicht wie die Pasta, wie die Malibran, wie die Grisi das machen, was Sie mir nie gegeben hätten, wie groß auch Ihr Vermögen sein mochte, hundert oder hundert und fünfzig tausend Franken Rente, die ich mir dann selbst zu verdanken habe, und die mir, statt mir zuzukommen, wie die armseligen zwölftausend Franken, welche Sie mir mit sauertöpfischem Gesichte und mit Worten des Vorwurfs über meine Verschwendung geben, in Begleitung von Beifallklatschen, Bravos und Blumen zukommen werden; und hätte ich dieses Talent nicht, an dem Sie, nach Ihrem Lächeln zu schließen, zweifeln, bliebe mir dann nicht diese wütende Liebe für die Unabhängigkeit, die mir stets alle Schätze ersetzen wird, und in mir Alles, bis auf den Instinkt der Erhaltung, beherrscht? Nein, nicht meinetwegen betrübe ich mich, ich werde mich stets gut herauszuziehen wissen; meine Bücher, meine Kreide, mein Piano, lauter Dinge, welche nicht viel kosten und sich leicht anschaffen lassen, bleiben mir immer noch. Sie denken vielleicht, ich betrübe mich für Madame Danglars? Sie sind abermals in einem Irrtum begriffen: ich müßte mich gewaltig täuschen, wenn nicht meine Mutter alle ihre Vorsichtsmaßregeln gegen die Katastrophe getroffen hätte, welche Sie bedroht und vorübergehen wird, ohne Madame Danglars zu berühren; sie hat sich sichergestellt und durfte sich nicht, mich bewachend, ihren Vermögensgeschäften entziehen: denn unter dem Vorwande, ich liebe die Freiheit, hat sie mir, Gott sei Dank, meine ganze Unabhängigkeit gelassen. Oh! nein, mein Herr, seit meiner Jugend habe ich zu viele Dinge um mich her vorgehen sehen; ich habe sie alle zu gut begriffen, als daß das Unglück einen größeren Eindruck auf mich machen sollte, als es verdient; seitdem ich mich kenne, hat mich Niemand geliebt, und das war schlimm; dies führte mich natürlich dazu, daß ich Niemand liebte, und das war gut! Sie haben nun mein Glaubensbekenntnis.«
»Also, mein Fräulein,« entgegnete Danglars bleich von einem Zorne, dessen Quelle nicht in der beleidigten Vaterliebe zu suchen war, »also, mein Fräulein, Sie bestehen darauf, meinen Untergang vollenden zu wollen?«
»Ihren Untergang? Ich,« rief Eugenie, »Ihren Untergang vollenden? Was wollen Sie damit sagen? Ich verstehe Sie nicht.«
»Desto besser, das läßt mir einen Hoffnungsstrahl; hören Sie!«
»Ich höre,« sprach Eugenie und schaute dabei ihren Vater so starr an, daß dieser sich anstrengen mußte, um die Augen nicht unter dem mächtigen Blicke des jungen Mädchens niederzuschlagen.
»Herr Cavalcanti heiratet Dich,« fuhr Danglars fort, »und indem er Dich heiratet, bringt er Dir drei Millionen Mitgift, die er bei mir anlegt.«
»Ah! sehr gut,« sagte Eugenie mit einer erhabenen Verachtung, während sie ihre Handschuhe über einander legte.
»Du glaubst. ich werde Dir mit diesen drei Millionen Unrecht tun? Keines Weges. Diese drei Millionen sind bestimmt, wenigstens zehn hervorzubringen. Ich habe mit einem Collegen von mir, mit einem Banquier, die Concession zu einer Eisenbahn erhalten: dies ist der einzige Gewerbszweig, der in unsern Tagen fabelhafte Chancen eines unmittelbaren Erfolges bietet, welche einst Law für die guten Pariser, diese ewigen Modeschwindler der Speculation, auf einen phantastischen Mississippi anwandte. Nach meiner Berechnung muß man ein Millionstel Schiene besitzen, wie man einst einen Morgen unangebautes Land an den Ufern des Ohio besaß. Es ist eine hypothekarische Anlegung, und dies ist ein Fortschritt, wie Du siehst, denn man wird wenigstens zehn, fünfzehn, zwanzig, hundert Pfund Eisen für sein Silber haben! Wohl, in acht Tagen muß ich für meine Rechnung vier Millionen deponieren und diese vier Millionen, sage ich Dir, werden zehn bis zwölf eintragen.«
»Doch während des Besuches, den ich Ihnen vorgestern gemacht habe, mein Herr, Sie werden sich vielleicht gütigst erinnern, sah ich Sie fünf und eine halbe Million einkassieren, nicht wahr, einkassieren ist der richtige Ausdruck?« versetzte Eugenie. »Sie zeigten mir sogar die Sache in Bons auf den Staatsschatz und waren darüber erstaunt, daß ein Papier von so großem Werte meine Augen nicht blendete, wie es ein Blitz tun würde.«
»Ja, doch diese fünf und eine halbe Million gehören nicht mir und sind nur ein Beweis des Vertrauens, das man in mich setzt: mein Titel als volksthümlicher Banquier hat mir das Zutrauen der Hospitäler verschafft, und diese fünf und eine halbe Million gehören den Hospitälern; zu jeder andern Zeit wurde ich nicht zögern, davon Gebrauch zu machen, aber heute weiß man, daß ich große Verluste erlitten habe, und der Credit fängt an, wie ich Dir gesagt habe, sich von mir zurückzuziehen. Jeden Augenblick kann die Verwaltung das Deposit von mir zurückverlangen, und wenn ich es zu etwas Anderem angewendet habe, so bin ich genötigt, einen schändlichen Bankerott zu machen. Ich verachte die Bankerotte nicht, das kannst Du mir glauben, doch nur die Bankerotte, welche bereichern, und nicht die zu Grunde richtenden. Heiratest Du Herrn Cavalcanti, damit ich die drei Millionen bekomme, oder daß man wenigstens glaubt, ich bekomme sie, so befestigt sich wieder mein Credit, und mein Vermögen, das sich seit einem oder zwei Monaten in Schlünde versenkt hat, die ein unbegreifliches Unglück unter meinen Füßen gegraben, wird wiederhergestellt. Begreifst Du mich?«
»Vollkommen; nicht wahr, Sie verpfänden mich für drei Millionen?«
»Je größer die Summe ist, desto schmeichelhafter ist sie: sie gibt Dir einen Begriff von Deinem Werte.«
»Ein letztes Wort, mein Herr; versprechen Sie mir, sich, so lange Sie wollen, der Ziffer der Mitgift zu bedienen, welche Herr Cavalcanti beibringen soll, aber nie die Summe zu berühren? Das ist keine Sache der Selbstsucht, sondern eine Sache des Zartgefühls. Ich will wohl zum Wiederaufbau Ihres Vermögens behilflich sein, aber ich will nicht die Mitschuldige am Untergang von Andern werden.«
»Doch, da ich Dir sage, daß mit diesen drei Millionen . . . «
»Glauben Sie sich aus der Verlegenheit ziehen zu können, ohne diese drei Millionen zu berühren?« .
»Ich hoffe es, aber stets unter der Bedingung, daß die Vollziehung der Heirat meinen Credit befestigt.«
»Können. Sie an Cavalcanti die fünfmal hundert tausend Franken bezahlen, die Sie mir durch meinen Heiratsvertrag versprechen?«
»Bei seiner Rückkehr von der Mairie erhält er sie.«
»Gut.«
»Wie, gut, was wollen Sie damit sagen?«
»Ich will damit sagen: nicht wahr, wenn Sie meine Unterschrift verlangen, lassen Sie mir vollkommene Freiheit meiner Person?«
»Vollkommen.«
»Dann gut; ich bin, wie ich Ihnen sagte, mein Herr, bereit, Herrn Cavalcanti zu heiraten.«
»Doch, was für Pläne hast Du?«
»Ah! das ist mein Geheimnis. Wie, wäre ich Ihnen überlegen, wenn ich, im Besitze des Ihrigen, Ihnen das meinige preisgeben würde?«
Danglars biß sich auf die Lippen.
»Du bist also bereit, einige durchaus unerläßliche offizielle Besuche zu machen?« sagte er.
»Ja,« antwortete Eugenie.
»Und den Vertrag in drei Tagen zu unterzeichnen?«
»Ja.«
»Dann ist es an mir, zu sagen: Gut!«
Hiernach nahm Danglars die Hand seiner Tochter und drückte sie in seinen Händen.
Doch seltsamer Weise wagte es der Vater nicht, während dieses Händedrucks zu sprechen: Ich danke, mein Kind; die Tochter hatte kein Lächeln für den Vater.
»Die Conferenz ist beendigt?« fragte Eugenie aufstehend.
Danglars erwiderte mit einem Zeichen des Kopfes, er habe nichts mehr zu sagen.
Fünf Minuten nachher erklang das Klavier unter den Fingern von Fräulein d’Armilly, und Fräulein Danglars sang den Fluch von Brabantio über Desdemona.
Am Ende des Stückes trat Etienne ein und meldete Eugenie, die Pferde wären angespannt und die Baronin wartete, um Besuche zu machen.
Wir haben die Frauen bei Villefort erscheinen sehen, von wo sie sich entfernten, um ihre Besuche fortzusetzen.
