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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 89

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Zwanzigstes Kapitel.
Das Geständnis

In demselben Augenblick hörte man die Stimme von Herrn von Villefort aus seinem Cabinet rufen:

»Was gibt es denn? was gibt es denn?«

Morrel befragte mit dem Blicke Noirtier; dieser hatte wieder seine ganze Kaltblütigkeit erlangt und bezeichnete ihm mit dem Auge das Cabinet, in welches er sich schon einmal unter ähnlichen Umständen geflüchtet.

Er hatte kaum Zeit seinen Hut zu nehmen und keuchend in das Cabinet zu eilen. Man hörte die Tritte des Staatsanwaltes im Gange.

Villefort stürzte in das Zimmer, lief auf Valentine zu und faßte sie in seine Arme.

»Einen Arzt! einen Arzt! . . . Herrn d’Avrigny!« rief Villefort; »oder ich gehe vielmehr selbst.«

Und er lief aus dem Zimmer.

Durch die andere Thüre entfloh Morrel.

Eine schreckliche Erinnerung traf ihn in seinem Herzen; die Unterredung zwischen Villefort und dem Doktor, die er in der Nacht, in welcher Frau von Saint-Meran starb, gehört hatte, kehrte in sein Gedächtnis zurück; die Symptome, welche dem Tode von Barrois vorhergegangen, schienen ihm dieselben zu sein, die er, wenn auch in einem etwas geringeren Grade, bei Valentine wahrgenommen hatte. Zu gleicher Zeit kam es ihm vor, als tönte an sein Ohr die Stimme des Grafen von Monte Christo, der ihm kaum zwei Stunden vorher gesagt hatte:

»Wenn Sie etwas brauchen, Morrel, so kommen Sie zu mir, ich vermag viel.«

Schneller als der Gedanke, lief er aus dem Faubourg Saint-Honoré nach der Rue Matignon und von der Rue Matignon in die Avenue des Champs-Elysées.

Während dieser Zeit kam Herr von Villefort in einem Miethcabriolet vor die Thüre von Herrn d’Avrigny; er läutete mit einer solchen Heftigkeit, daß ihm der Portier mit erschrockener Miene öffnete. Villefort stürzte nach der Treppe, ohne daß er die Kraft hatte, etwas zu sagen. Der Portier kannte ihn und rief ihm nur nach:

»In seinem Cabinet, Herr Staatsanwalt, in seinem Cabinet!«

Villefort stieß bereits die Thüre auf.

»Ah!« sagte der Doktor, »Sie sind es?«

»Ja,« erwiderte Villefort, die Thüre hinter sich schließend, »ja, ich bin es und frage Sie, ob wir allein sind. Doktor, mein Haus ist ein verfluchtes Haus!«

»Wie!« sprach dieser scheinbar.kalt, jedoch mit einer tiefen inneren Erschütterung, »haben Sie abermals einen Kranken?«

»Ja, Doktor!« rief Villefort mit krampfhafter Hand seine Haare fassend, »ja!«

Der Blick von d’Avrigny bezeichnete:

»Ich habe es Ihnen vorher gesagt.«

Dann sprachen seine Lippen langsam die Worte:

»Wer soll denn in Ihrem Hause sterben, und welches neue Opfer wird Sie vor Gott der Schwäche beschuldigen?«

Ein schmerzliches Schluchzen entwand sich dem Herzen von Villefort, er näherte sich dem Arzte, faßte ihn beim Arm und antwortete:

»Valentine! die Reihe ist an Valentine!«

»Ihre Tochter!« rief d’Avrigny von Staunen und Schrecken ergriffen.

»Sie sehen, daß Sie sich täuschten,« murmelte der Staatsanwalt, »kommen Sie, schauen Sie meine Tochter an, und Sie werden sie wegen Ihres Verdachtes auf ihrem Schmerzenslager um Verzeihung bitten.«

»So oft Sie mich benachrichtigten, war es zu spät,« sagte Herr d’Avrigny; »doch gleichviel, ich gehe; eilen wir, mein Herr, bei den Feinden, die in Ihrem Hause schlagen, ist keine Zeit zu verlieren.«

»Oh! diesmal, Doktor, werden Sie mir meine Schwäche nicht mehr vorwerfen. Diesmal werde ich den Mörder kennen lernen und treffen.«

»Suchen wir das Opfer zu retten, ehe wir an die Rache denken,« sprach d’Avrigny; »kommen Sie!«

Das Cabriolet, welches Villefort gebracht hatte, führte ihn in scharfem Trab, begleitet von d’Avrigny, in demselben Augenblick zurück, wo Morrel seinerseits an die Thüre von Monte Christo klopfte.

Der Graf saß in seinem Cabinet und las sorgenvoll ein Billet, das ihm Bertuccio in der Eile geschickt hatte.

Als er Morrel, der ihn vor kaum zwei Stunden verlassen hatte, melden hörte, erhob der Graf das Haupt.

Für ihn, wie für den Grafen, hatte sich während dieser zwei Stunden ohne Zweifel viel ereignet, denn der junge Mann, der ihn mit einem Lächeln auf den Lippen verlassen, kam mit verstörtem Gesichte zurück.

Er stand auf, eilte Morrel entgegen und rief:

»Was gibt es denn, Maximilian? Sie sind bleich, und Ihre Stirne trieft von Schweiß.«

Morrel fiel auf einen Stuhl und erwiderte:

»Ja, ich bin schnell gelaufen, ich mußte Sie sprechen.«

»In Ihrer Familie befindet sich Jedermann wohl?« fragte der Graf in einem Tone liebevollen Wohlwollens, in dem sich Niemand getäuscht haben könnte.

»Ich danke, Graf, ich danke,« sagte der junge Mann, sichtbar verlegen, wie er das Gespräch beginnen sollte, »ja, in meiner Familie befindet sich Jedermann wohl.«

»Desto besser; Sie habe»mir jedoch etwas zu sagen?« versetzte der Graf immer unruhiger.

»Ja, es ist wahr, ich habe ein Haus, wo der Tod eingetreten ist, verlassen, um zu Ihnen zu lausen.«

»Kommen Sie aus dem Hause von Herrn von Morcerf,« fragte Monte Christo.

»Nein; ist Jemand bei Herrn von Morcerf gestorben?«

»Der General hat sich erschossen,« erwiderte Monte Christo mit kaltem Tone.

»Oh! welch ein furchtbares Unglück!« rief Maximilian.

»Nicht für die Gräfin, nicht für Albert,« versetzte Monte Christo; »besser ein toter Vater und ein toter Gatte, als ein entehrter Vater und ein entehrter Gatte; das Blut wird die Schande abwaschen.«

»Arme Gräfin! sie, eine so edle Frau, beklage ich hauptsächlich.«

»Beklagen Sie auch Albert, Maximilian, denn glauben Sie mir, er ist der würdige Sohn der Gräfin. Doch kommen wir auf Sie zurück: Sie liefen zu mir, sagten Sie i sollte ich das Glück haben, daß Sie meiner bedürften?«

»Ja, ich bedarf Ihrer, nämlich ich glaubte wie ein Wahnsinniger, Sie könnten mir bei einer Sache Hilfe leisten, wo Gott allein helfen kann.«

»Sprechen Sie immerhin.«

»Oh! ich weiß in der Tat nicht, ob es mir erlaubt ist, ein solches Geheimnis menschlichen Ohren zu enthüllen: doch das Unglück treibt mich an, die Notwendigkeit zwingt mich, Graf . . . «

Morrel zögerte.

»Glauben Sie, daß ich Sie liebe?« sprach Monte Christo, zärtlich den jungen Mann bei der Hand fassend.

»Oh! Sie ermutigen mich, und dann sagt mir etwas (Morrel legte seine Hand auf das Herz), daß ich kein Geheimnis vor Ihnen haben darf.«

»Sie haben Recht, Morrel, Gott spricht zu Ihrem Herzen, und Ihr Herz spricht zu Ihnen. Wiederholen Sie mir, was Ihr Herz sagt.«

»Graf, wollen Sie mir erlauben, Baptistin wegzuschicken, und ihn in einem Ihnen bekannten Hause Nachrichten einziehen zu lassen?«

»Ich bin zu Ihrer Verfügung, und Sie mögen also noch viel mehr über meine Bedienten verfügen.«

»Oh! ich lebe nicht, so lange ich nicht weiß, wie es ihr geht.«

»Soll ich Baptistin läuten?«

»Nein, ich will selbst mit ihm sprechen.«

Morrel ging hinaus, rief Baptistin, und sagte ihm leise einige Worte. Der Kammerdiener eilte fort.

»Nun, ist es abgemacht?« fragte Monte Christo, als er Morrel wieder erscheinen sah.

»Ja, und ich werde etwas ruhiger sein.«

»Sie wissen, daß ich warte,« bemerkte Monte Christo lächelnd.

»Und ich spreche. Hören Sie, ich befand mich eines Abends in einem Garten; ich war durch ein Gebüsch verborgen; Niemand vermutete, daß ich anwesend sein könnte. Zwei Personen gingen an mir vorüber, erlauben Sie mir vorläufig, ihre Namen zu verschweigen; sie sprachen mit leiser Stimme, doch ich hatte ein solches Interesse, sie zu hören, daß ich reine Sylbe von dem, was sie sagten, verlor.«

»Das kündigt sich düster an, wenn ich Ihrer Blässe und Ihrem Schauern glauben darf.«

»Ja, sehr traurig, mein Freund! Es war Jemand bei dem Herrn des Gartens, in welchem ich mich befand, gestorben; die eine von den zwei Personen, deren Gespräch ich hörte, war der Herr des Gartens, die andere der Arzt.

»Der Erste teilte dem Zweiten seine Befürchtungen und seine Schmerzen mit; denn zum zweiten Male seit einem Monat warf sich der Tod rasch und unvorhergesehen auf dieses Haus, von dem man hätte glauben sollen, es wäre von einem Engel der Vertilgung dem Zorne Gottes bezeichnet worden.«

»Ah! ah!« sprach Monte Christo, den jungen Mann fest anschauend und sein Fauteuil mit einer unmerklichen Bewegung so drehend, daß er im Schatten saß, während das volle Tageslicht auf das Gesicht von Maximilian fiel.

»Ja,« fuhr dieser fort, »der Tod war zweimal in diesem Hause in einem Monat eingekehrt.«

»Und was antwortete der Doktor?« fragte Monte Christo.

»Er antwortete . . . er antwortete, dieser Tod wäre nicht natürlich, und man könnte ihn nichts Anderem zuschreiben . . . «

»Als?«

»Als Gift!«

»Wirklich!« versetzte Monte Christo mit jenem leichten Husten, das ihm in den Augenblicken der höchsten Aufregung dazu diente, seine Röte, seine Blässe, oder die Aufmerksamkeit zu verbergen, mit der er zuhörte; »wirklich, Maximilian, Sie haben diese Dinge gehört?«

»Ja, lieber Graf, ich habe sie gehört, und der Doktor fügte bei, wenn sich ein solches Ereignis wiederholte, so würde er sich für verpflichtet erachten, an die. Gerichte zu appellieren.«

Monte Christo hörte scheinbar mit der größten Ruhe.

»Nun!« sprach Maximilian, »der Tod ist zum dritten Male eingekehrt, und weder der Herr des Hauses, noch der Doktor hat etwas gesagt; der Tod wird vielleicht zum vierten Male treffen, Graf, wozu glauben Sie, daß mich die Kenntnis dieses Geheimnisses verpflichtet?«

»Mein lieber Freund, Sie scheinen mir eine Geschichte zu erzählen, welche Jeder von uns auswendig weiß. Ich kenne das Haus, wo Sie dies gehört haben, oder kenne wenigstens ein ähnliches: ein Haus, wo sich ein Garten, ein Familienvater, ein Doktor findet, ein Haus, wo sich drei seltsame, unerwartete Todesfälle ereignet haben. Wohl, schauen Sie mich an, mich, der ich keine solche Mitteilung erlauscht habe, und dennoch dies Alles so gut weiß, als Sie, . . habe ich Gewissensbedenklichkeiten? Nein! das geht mich nichts an. Sie sagen, ein Vertilgungsengel scheine dieses Haus dem Zorne des Herrn zu bezeichnen; wer sagt Ihnen denn, daß Ihre Voraussetzung nicht eine Wirklichkeit ist? Sehen Sie nicht Dinge, welche die Menschen, die ein Interesse dabei haben, sie zu sehen, nicht sehen wollen. Wenn die Gerechtigkeit, und nicht der Zorn Gottes, durch dieses Haus schreitet, Maximilian, so wenden Sie den Kopf ab und lassen Sie die Gerechtigkeit Gottes ihren Gang gehen.«

Morrel bebte. Es lag etwas zugleich Finsteres, Feierliches und Furchtbares in dem Tone des Grafen.

»Überdies,« fuhr er mit einer so scharfen Veränderung der Stimme fort, daß man hätte glauben sollen, diese letzten Worte kämen nicht mehr aus dem Munde desselben Menschen; »überdies, wer sagt Ihnen, daß es wieder anfangen wird?«

»Es fängt wieder an, Graf!« rief Morrel, »und deshalb bin ich zu Ihnen gelaufen.«

»Was soll ich tun, Morrel? Soll ich etwa den Herrn Staatsanwalt in Kenntnis setzen?«

Monte Christo artikulierte diese Worte so deutlich und mit einem so stark vibrierenden Ausdrucke, daß Morrel plötzlich aufstand und rief:

»Graf! Graf! nicht wahr, Sie wissen, von wem ich sprechen will?«

»Ei, allerdings, mein guter Freund, und ich will es Ihnen dadurch beweisen, daß ich die Punkte auf die i, oder vielmehr die Namen auf die Menschen setze. Sie sind eines Abends im Garten von Herrn von Villefort spazieren gegangen; nach dem, was Sie mir gesagt, nehme ich an, es war an dem Abend, an welchem Frau von Saint-Meran starb. Sie haben Herrn von Villefort mit Herrn d’Avrigny über den Tod von Herrn von Saint-Meran und über den nicht minder Staunen erregenden seiner Gattin sprechen hören. Herr d’Avrigny sagte, er glaube an eine Vergiftung, oder sogar an zwei Vergiftungen; und Sie, der vorzugsweise ehrliche Mann, sind seit jenem Augenblick damit beschäftigt, Ihr Herz zu befühlen, die Sonde in Ihr Gewissen zu werfen, um zu erfahren, ob Sie dieses Geheimnis enthüllen, oder ob Sie schweigen sollen. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, mein Freund, es gibt keine heilige Vehme, keine Freischoppen mehr: was Teufels wollen Sie von diesen Menschen verlangen? Gewissen, was willst Du von mir? wie Sterne sagt. Ei! mein Lieber, lassen Sie die Leute schlafen, wenn sie schlafen, lassen Sie dieselben in ihren Schlaflosigkeiten erbleichen, wenn sie Schlaflosigkeiten haben, und schlummern Sie um Gottes willen, Sie, den keine Gewissensbisse zu schlummern hindern.«

Ein furchtbarer Schmerz prägte sich in den Augen von Morrel aus; er ergriff die Hand von Monte Christo und rief:

»Aber es fängt wieder an, sage ich Ihnen!«

»Nun wohl,« erwiderte der Graf, erstaunt über diese Hartnäckigkeit, die er nicht begriff, während er Maximilian noch aufmerksamer anschaute, »lassen Sie es wieder anfangen: es ist eine Atriden-Familie; Gott hat sie verurteilt und sie werden seinem Spruche unterliegen, sie werden verschwinden, wie jene Popanze, welche die Kinder mit gebogenen Karten machen, die nach einander unter dem Hauche ihres Schöpfers wieder einfallen. Vor drei Monaten war es Herr von Saint-Meran; vor zwei Monaten war es Frau von Saint-Meran; kürzlich war es Barrois; heute ist es der alte Noirtier oder die junge Valentine.«

»Sie wußten es?« rief Morrel in einem solchen Schreckensanfall, daß Monte Christo bebte, er, den des Himmels Einsturz unempfindlich gefunden hätte; »Sie Wußten es und sagten nichts?«

»Ei! was ist mir daran gelegen!« versetzte Monte Christo die Achseln zuckend, »kenne ich diese Leute? Meiner Treue, nein; denn ich räume weder dem Schuldigen, noch dem Opfer einen Vorzug ein.«

»Aber ich, ich,« rief Morrel brüllend vor Schmerz, »ich, ich liebe sie!«

»Sie lieben, wen?« rief Monte Christo aufspringend und die zwei Hände von Morrel ergreifend, welche dieser zum Himmel emporhob.

»Ich liebe bis zur Raserei, ich liebe wie ein Mensch, der all sein Blut hingeben würde, um ihr eine Träne zu ersparen: ich liebe Valentine von Villefort, die man in diesem Augenblick ermordet, hören Sie wohl, ich liebe sie, und frage Gott und Sie, wie ich sie retten kann

Monte Christo stieß einen wilden Schrei aus, von dem sich nur diejenigen einen Begriff machen können, welche das Brüllen eines verwundeten Löwen gehört haben.

»Unglücklicher!« rief er, die Hände ringend, »Unglücklicher! Du liebst diese Tochter eines verfluchten Geschlechtes!«

Nie hatte Morrel einen ähnlichen Ausdruck gesehen; nie hatte ein so furchtbares Auge vor seinem Gesicht geflammt; nie hatte der Geist des Schreckens, den er so oft auf den Schlachtfeldern oder in den mörderischen Nächten Algeriens erschaut, so düstere Feuer um ihn her geschleudert.

Er wich erschrecken zurück.

Monte Christo schloß ein paar Secunden lang nach diesem Ausbruche, wie von inneren Blitzen geblendet, die Augen; während dieser Secunden sammelte er sich mit solcher Gewalt, daß man nach und nach die wellenförmigen Bewegungen seiner von Stürmen angeschwollenen Brust sich legen sah, wie man nach dem Gewitter unter der Sonne die stürmischen, schäumenden Wogen zerschmelzen sieht.

Dieses Stillschweigen, dieses Sammeln, dieser Kampf dauerten ungefähr eine halbe Minute.

Dann hob der Graf seine bleiche Stirne empor und sprach mit leicht bebender Stimme:

»Sehen Sie, lieber Freund, wie Gott die kältesten und prahlerischsten Menschen für die Gleichgültigkeit zu bestrafen weiß, welche sie den furchtbaren Schauspielen gegenüber, die er ihnen gibt, bestraft. Ich, der ich unempfindlich und neugierig da stand, ich, der ich die Entwickelung dieser furchtbaren Tragödie betrachtete; ich, der ich einem schlimmen Genius ähnlich über das Böse lachte, das die Menschen unter dem Schutze des Geheimnisses tun (und das Geheimnis ist für die Reichen und für die Mächtigen leicht zu bewahren), ich fühle mich nun selbst gebissen von der Schlange, deren krummen Gang ich betrachtete, und zwar in das Herz gebissen.«

Morrel stieß einen dumpfen Seufzer aus.

»Auf! auf! genug der Klagen,« fuhr der Graf fort, »seien Sie stark, seien Sie ein Mann, seien Sie voll Hoffnung, denn ich bin da, ich wache über Ihnen.«

Morrel schüttelte traurig den Kopf.

»Ich sage Ihnen, Sie sollen hoffen, verstehen Sie mich?« rief Monte Christo. »Erfahren Sie, daß ich nie lüge, daß ich mich nie täusche. Es ist Mittag, Maximilian, danken Sie dem Himmel, daß Sie am Mittag gekommen sind, statt am Abend, statt morgen früh zu kommen. Hören Sie, was ich Ihnen sagen werde, Morrel: es ist Mittag, wenn Valentine noch nicht tot ist, so wird sie nicht sterben.«

»Oh! mein Gott! mein Gott!« rief Morrel, »ich habe sie sterbend zurückgelassen.«

Monte Christo legte eine Hand an seine Stirne.

Was ging in diesem von furchtbaren Geheimnissen so schweren Kopfe vor? Was sagte diesem zugleich unversöhnlichen und menschlichen Geiste der Engel des Lichts oder der Engel der Finsternis?

Gott allein weiß es.

Monte Christo hob die Stirne noch einmal empor, und diesmal war er ruhig wie das Kind beim Erwachen.

»Maximilian,« sagte er, »kehren Sie still nach Hause zurück; ich befehle Ihnen, nichts zu tun, keinen Schritt zu versuchen, über ihr Antlitz nicht den Schatten einer Unruhe schweben zu lassen, ich werde Ihnen Nachricht geben; gehen Sie.«

»Mein Gott! mein Gott! Sie erschrecken mich mit Ihrer Kaltblütigkeit, Graf. Vermögen Sie etwas gegen den Tod? Sind Sie mehr als ein Mensch? Sind Sie ein Engel? Sind Sie ein Gott?«

Und der junge Mann, den keine Gefahr je einen Schritt zurückweichen gemacht hatte, wich von einem unsäglichen Schrecken erfaßt zurück.

Doch Monte Christo schaute ihn mit einem zugleich so schwermütigen und so sanften Lächeln an, daß Maximilian Tränen in seinen Augen fühlte.

»Ich vermag viel,« antwortete der Graf. »Gehen Sie, ich muß allein sein, mein Freund.«

Unterjocht durch die wunderbare Herrschaft, welche der Graf auf Alles, was ihn umgab, ausübte, versuchte es Morrel nicht einmal, sich derselben zu entziehen. Er drückte dem Grafen die Hand und entfernte sich.

Vor der Thüre blieb er jedoch stehen, um Baptistin zu erwarten, den er von der Ecke der Rue Matignon herbeilaufen sah.

Villefort und d’Avrigny waren indessen in größter Eile nach dem Hotel des Staatsanwaltes gefahren. Bei ihrer Rückkehr war Valentine noch ohnmächtig, und der Arzt untersuchte die Kranke mit der von den Umständen gebotenen Sorgfalt, und mit einer Schärfe, welche seine Vertrautheit mit dem Geheimnis verdoppelte.

An seinen Lippen und seinen Blicken hängend, erwartete Villefort das Resultat der Prüfung. Bleicher, als das Mädchen, gieriger auf eine Lösung, als selbst Villefort, wartete Noirtier ebenfalls, und Alles in ihm wurde Verstand und Wahrnehmung.

Endlich gab d’Avrigny langsam die Worte von sich:

»Sie lebt noch.«

»Noch?« rief Villefort, »oh! Doktor, welch ein furchtbares Wort haben Sie da ausgesprochen!«

»Ja,« sagte der Doktor, »ich wiederhole meine Behauptung: sie lebt noch, und ich bin darüber erstaunt.«

»Doch sie ist gerettet?« fragte der Vater.

»Ja, da sie lebt.«

In diesem Moment begegnete der Blick von d’Avrigny dem Blicke von Noirtier. Er erglänzte von so außerordentlicher Freude, von einem so reichen und fruchtbaren Gedanken, daß der Arzt sich dadurch betroffen fühlte.

Er ließ das Mädchen, dessen bleiche, weiße Lippen sich kaum auf der übrigen Farbe des Geliebtes hervorhoben, wieder auf den Stuhl fallen und schaute unbeweglich Noirtier an, der jede seiner Gebärden erwartete und erläuterte.

»Mein Herr,« sprach nun d’Avrigny zu Villefort, »rufen Sie gefälligst des Fräuleins Kammerjungfer.«

Villefort ließ den Kopf seiner Tochter los, den er unterstützte, und lief weg, um die Kammerjungfer zu rufen.

Sobald Villefort die Thüre zugemacht hatte, näherte sich d’Avrigny, Herrn Noirtier und fragte ihn:

»Sie haben mir etwas zu sagen?«

Der Greis blinzelte auf eine ausdrucksvolle Weise mit den Augen: es war dies, wie man sich erinnert, sein bejahendes Zeichen.

»Mir allein?«

»Ja,« machte Noirtier.

»Gut, ich werde bei Ihnen bleiben.«

In diesem Augenblick kehrte Villefort gefolgt von der Kammerjungfer zurück; hinter dieser ging Frau von Villefort.

»Aber was hat denn das liebe Kind?« rief sie;.. »sie ging von mir weg, beklagte sich zwar etwas über Unpäßlichkeit, doch ich glaubte, es wäre von keiner Bedeutung.«

Und die junge Frau näherte sich Valentine mit Tränen in den Augen und mit allen Zeichen der Zuneigung einer wahren Mutter, und nahm sie bei der Hand.

D’Avrigny schaute Noirtier fortwährend an: er sah, wie seine Augen sich erweiterten und rundeten, wie seine Wangen zitterten und erbleichten, wie der Schweiß auf seiner Stirne perlte.

»Oh!« machte er unwillkürlich, während er der Richtung des Blickes von Noirtier folgte, das heißt seine Augen auf Frau von Villefort heftete. Diese sagte wiederholt:

»Das arme Kind wird besser in seinem Zimmer sein. Kommen Sie, Fanny, wir wollen Valentine zu Bette bringen.«

Herr d’Avrigny, der in diesem Vorschlag ein Mittel sah, mit Noirtier allein zu bleiben, bedeutete durch ein Zeichen mit dem Kopfe, es wäre dies das Beste, verbot aber, sie irgend etwas Anderes nehmen zu lassen, als was er verordnen würde.

Man trug Valentine weg; sie hatte wieder das Bewußtsein erlangt, vermochte aber weder sich zu bewegen, noch zu sprechen, so sehr waren ihre Glieder durch die Erschütterung, die sie erlitten, gelähmt.

Sie hatte indessen die Kraft, mit einem Blicke ihren Großvater zu grüßen, dem man, als man sie wegtrug, die Seele zu entreißen schien.

D’Avrigny folgte der Kranken, gab vollends seine Vorschriften, hieß Villefort ein Cabriolet nehmen, selbst zu dem Apotheker fahren, in seiner Gegenwart die verordneten Tränke bereiten lassen, sie selbst zurückbringen und ihn im Zimmer seiner Tochter erwarten.

Nachdem er abermals eingeschärft, Valentine nichts nehmen zu lassen, ging er wieder zu Herrn Noirtier hinab, schloß sorgfältig die Thüre, überzeugte sich, daß Niemand horchte, und sprach:

»Mein Herr, Sie wissen etwas über diese Krankheit Ihrer Enkelin?«

»Ja,« machte der Greis.

»Hören Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren, ich will Sie fragen, und Sie antworten mir.«

Noirtier bezeichnete, er wäre bereit zu antworten.

»Haben Sie den Unfall vorhergesehen, der heute Valentine begegnet ist?«

»Ja.«

D’Avrigny dachte einen Augenblick nach, näherte sich sodann Noirtier und fuhr fort:

»Verzeihen Sie mir, was ich Ihnen sagen werde, doch in der furchtbaren Lage, in der wir uns befinden, darf kein Anzeichen vernachlässigt werden. Haben Sie den armen Barrois sterben sehen?«

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf.

»Wissen Sie, woran er gestorben ist?« fragte d’Avrigny seine Hand auf die Schulter von Noirtier legend.

»Ja,« antwortete der Greis.

»Glauben Sie, sein Tod sei natürlich gewesen?«

Etwas wie ein Lächeln trat auf die trägen Lippen von Noirtier.

»Es ist Ihnen also der Gedanke gekommen, Barrois sei vergiftet worden?«

»Ja.«

»Glauben Sie, das Gift, dem er unterlegen, sei für ihn bestimmt gewesen?«

»Nein.«

»Denken Sie nun, dieselbe Hand, welche Barrois statt eines Andern getroffen, treffe heute Valentine?«

»Ja.«

»Sie wird also ebenfalls unterliegen?« fragte d’Avrigny seinen tiefen Blick auf Noirtier heftend.

Und er erwartete die Wirkung dieser Worte auf den Greis.

»Nein!« erwiderte dieser mit einer triumphierenden Miene, welche alle Mutmaßungen des geschicktesten Sehers aus dem Geleise hätte bringen können.

»Sie hoffen also?« fragte d’Avrigny erstaunt.

»Ja.«

»Was hoffen Sie?«

Der Greis machte durch die Augen begreiflich, er könnte nicht antworten.

»Ah! ja, das ist wahr,« murmelte d’Avrigny.

Dann zu Noirtier zurückkehrend, sagte er:

»Sie hoffen, der Mörder werde müde werden?«

»Nein.«

»Also hoffen Sie, das Gift werde ohne Wirkung auf Valentine sein?«

»Ja.«

»Denn nicht wahr, ich belehre Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, man habe sie zu vergiften gesucht?«

Der Greis machte mit den Augen ein Zeichen, das keinen Zweifel in dieser Beziehung übrig ließ.

»Wie hoffen Sie denn, daß Valentine entkommen werde?«

Noirtier hielt hartnäckig seine Augen auf dieselbe Seite geheftet; d’Avrigny folgte der Richtung seiner Augen und sah, daß sie auf eine Flasche zielten, welche den Trank enthielt, den man ihm jeden Morgen brachte.

»Ah! ah!« sprach d’Avrigny, plötzlich von einem Gedanken berührt, »sollten Sie den Einfall gehabt haben? . . . «

Noirtier ließ ihn nicht vollenden.

»Ja,« machte er.

»Sie gegen das Gift zu verwahren . . . ?«

»Ja.«

»Indem Sie Valentine allmälig daran gewöhnten . . . «

»Ja, ja, ja,« machte der Greis, entzückt. verstanden zu werden.

»In der Tat, Sie haben mich sagen hören, es komme Brucin in den Trank, den ich Ihnen gebe.«

»Ja.«

»Und Sie gewöhnten sie an dieses Getränke und wollten dadurch die Wirkungen eines solchen Giftes neutralisieren?«

Dieselbe triumphierende Freude von Noirtier.

»Und es ist Ihnen wirklich gelungen!« rief d’Avrigny. »Ohne diese Vorsichtsmaßregel wäre Valentine heute getötet, getötet ohne die Möglichkeit einer Hilfe, getötet ohne Barmherzigkeit; der Schlag war heftig, doch sie wurde nur erschüttert, und diesmal wenigstens wird Valentine nicht sterben.«

Eine übermenschliche Freude glänzte in den mit einem Ausdrucke unsäglicher Dankbarkeit zum Himmel aufgeschlagenen Augen des Greises.

In dieser Minute kam Villefort zurück.

»Hier, Doktor,« sagte er. »hier ist das Verlangte.«

»Dieser Trank ist in Ihrer Gegenwart bereitet worden?«

»Ja,« antwortete der Staatsanwalt.

»Er ist nicht aus Ihren Händen gekommen?«

»Nein.«

D’Avrigny nahm die Flasche, goß ein paar Tropfen von ihrem Inhalt in seine hohle Hand und verschluckte sie.

»Gut,« sagte er, »gehen wir zu Valentine hinauf, ich werde dort Jedermann meine Vorschriften geben, und Sie selbst, Herr von Villefort, wachen darüber, daß Niemand davon abgeht.«

In dem Augenblick, wo der Doktor in das Zimmer von Valentine, begleitet von Villefort, zurückkehrte, miethete ein italienischer Priester, mit ernster Haltung und ruhiger, entschiedener Rede, für seinen Gebrauch das an das Hotel von Herrn von Villefort anstoßende Haus.

Man konnte nicht erfahren, Kraft welcher Verhandlung die drei Miethsleute dieses Hauses zwei Stunden nachher auszogen; aber es ging allgemein das Gerücht im Quartier, das Haus ruhe nicht fest auf seinem Grunde und drohe einzustürzen, was den neuen Miethsmann durchaus nicht abhielt, noch an demselben Tage gegen fünf Uhr mit seinem bescheidenen Mobiliar Besitz davon zu ergreifen.

Der Vertrag wurde für drei, sechs oder neun Jahre durch den neuen Miethsmann gemacht, welcher, gemäß der von den Hauseigenthümern eingeführten Gewohnheit, sechs Monate vorausbezahlte; dieser neue Miethsmann, der, wie gesagt, ein Italiener war, hieß Signor Giacomo Busoni.

Es wurden sogleich Arbeiter gerufen, und noch in derselben Nacht sahen einige Verspätete beim Vorübergehen oben auf dem Faubourg mit Erstaunen Zimmerleute und Maurer mit Ausbesserung des wankenden Hauses beschäftigt.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
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