Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 92
Zweites Kapitel.
Die Straße nach Belgien
Einige Augenblicke nach der Szene der Verwirrung, welche in den Gemächern von Herrn Danglars die unerwartete Erscheinung des Gendarmeriebrigadier und die Enthüllung des Polizeikommissärs hervorgebracht hatte, leerte sich das große Hotel mit einer Geschwindigkeit, wie sie etwa die Ankündigung, es sei einer von den Gästen von der Pest oder von der Cholera befallen worden, herbeigeführt haben könnte: in wenigen Minuten floh Jedermann, und die Gesellschaft strömte in größter Hast aus allen Touren, über alle Treppen, durch alle Ausgänge; denn es war einer von den Umständen eingetreten, wo man es nicht einmal versuchen darf, die Alltagströstungen anzuwenden, welche bei großen Katastrophen selbst die besten Freunde so lästig machen.
In dem Hotel des Banquier waren nur Danglars, der, in sein Cabinet eingeschlossen, in die Hände des Gendarmerie-Offiziers seine Angaben niederlegte, Madame Danglars in dem uns wohlbekannten Boudoir, und Eugenie, die sich mit hochmüthigem Auge und verächtlicher Lippe mit ihrer unzertrennlichen Freundin, Fräulein Louise d’Armilly, in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, zurückgeblieben.
Was die zahlreichen und an diesem Abend noch vermehrten Diener betrifft, denn man hatte für dieses Fest die Glaciers, die Köche und den Haushofmeister des Café de Paris beigefügt, so standen sie, gegen ihre Herren den Zorn über das kehrend, was sie ihre Schmach nannten, gruppenweise in den Küchen, in den Zimmern, in den Gesindestuben und kümmerten sich wenig um den Dienst, der übrigens natürlich unterbrochen war.
Unter diesen einzelnen, von verschiedenartigen Interessen bewegten Personen, verdienen nur zwei, daß wir uns mit Ihnen beschäftigen: Fräulein Eugenie Danglars und Fräulein Louise d’Armilly.
Die junge Verlobte hatte sich, wie gesagt, mit hochmüthigem Auge, mit verächtlicher Lippe und mit dem Gange einer beleidigten Königin, gefolgt von ihrer noch bleicheren und noch mehr erschütterten Gefährtin, zurückgezogen. Als Eugenie in ihr Zimmer kam, schloß sie die Thüre von innen, während Louise auf einen Stuhl fiel.
»Oh! mein Gott! mein Gott! diese furchtbare Geschichte!« sagte die junge Tonkünstlerin; »wer konnte dies vermuten? Herr Andrea Cavalcanti . . . ein Mörder . . . aus dem Bagno entsprungen . . . ein Galeerensklave! . . . «
Ein ironisches Lächeln zog die Lippen von Eugenie zusammen.
»In der Tat, ich war prädestiniert,« sprach sie. »Ich entgehe Morcerf, um in die Hände von Cavalcanti zu fallen.«
»Oh! verwechsele den Einen nicht mit dem Andern, Eugenie.«
»Schweige, alle Männer sind Schändliche, und ich bin glücklich, mehr tun zu können, als sie zu hassen: jetzt verachte ich sie.«
»Was werden wir machen?« fragte Louise.
»Was wir machen werden?«
»Ja.«
»Was wir in drei Tagen machen sollten … abreisen.«
»Also heiratest Du nicht mehr, Du willst beständig . . . «
»Höre, Louise, ich habe einen Abscheu vor diesem Leben der Gesellschaft, das stets geordnet, abgemessen, geregelt ist, wie unser Notenpapier. Was ich immer gewünscht, gewollt, erstrebt habe, ist das Leben einer Künstlerin, das freie Leben, das unabhängige Leben, wobei man nur sich selbst Rechenschaft abzulegen hat. Hier bleiben? warum dies? damit man es in einem Monat abermals versucht, mich zu verheiraten; mit wem? mit Herrn Debray vielleicht, wie man es einen Augenblick im Sinne hatte. Nein, Louise, nein, der Vorfall von diesem Abend wird mir zur Entschuldigung dienen: ich suchte ihn nicht, ich verlangte ihn nicht, Gott schickt ihn mir, und er ist willkommen.«
»Wie stark und mutig Du bist,« sagte das blonde, schwächliche Mädchen zu seiner braunen Gefährtin.
»Kennst Du mich noch nicht? Auf, Louise, laß uns von unsern Angelegenheiten sprechen. Der Reisewagen?«
»Ist zum Glück seit drei Tagen gekauft.«
»Hast Du ihn dahin führen lassen, wo wir ihn nehmen sollen?«
»Ja.«
»Unser Paß?«
»Hier ist er!«,
Eugenie entfaltete mit ihrer gewöhnlichen Festigkeit ein gedrucktes Papier und las:
»Herr Leon d’Armilly, ein und zwanzig Jahre alt; Gewerbe, Künstler, Haare, schwarz, Augen, schwarz, reist mit seiner Schwester.«
»Durch wen hast Du Dir diesen Paß verschafft?«
»Als ich zu Herrn von Monte Cristo ging und ihn um Briefe an die Directoren der Theater in Rom und Neapel bat, drückte ich ihm meine Befürchtungen darüber aus, daß ich allein reisen sollte; er begriff dieselben vollkommen, bot sich an, mir einen Paß für einen Mann ausgestellt zu verschaffen, und zwei Tage nachher erhielt ich diesen, welchen, ich mit meiner Hand die Worte: »Reist mit seiner Schwester,« beigefügt habe.«
»Gut!« sagte Eugenie heiter, »wir brauchen nur noch unsern Koffer zu packen, und reisen am Verlobungsabend, statt am Hochzeitabend, das ist das Ganze.«
»Überlege es wohl, Eugenie.«
»Oh! ich habe Alles überlegt: ich bin es müde, von nichts sprechen zu hören, als von Bilancen, Monatsschlüssen, von Steigen, von Fallen, von spanischen Fonds, von Haytischen Papieren. Statt dessen, Louise, begreifst Du, die Lust, die Freiheit, der Gesang der Vögel, die Ebenen der Lombardei, die Kanäle von Venedig, die Paläste von Rom, das Gestade von Neapel. Wie viel besitzen wir, Louise?«
Das befragte Mädchen zog aus einem incrustirten Sekretär ein kleines Portefeuille mit Schloß, öffnete es und zählte drei und zwanzig Bankbillets.
»Drei und zwanzig tausend Franken.« sprach Louise.
»Und für wenigstens eben so viel Perlen, Diamanten und Juwelen,« sagte Eugenie. »Wir sind mit fünf und vierzig tausend Franken reich, wir können zwei Jahre lang wie Prinzessinnen, oder vier Jahre lang anständig leben: doch ehe sechs Monate vergehen, haben wir, Du mit Deiner Musik, ich mit meiner Stimme unser Kapital verdoppelt. Vorwärts! übernimm Du das Geld, ich übernehme das Kistchen mit den Edelsteinen, so daß, wenn Eine von uns das Unglück hätte, ihren Schatz zu verlieren, die Andere immer noch den ihrigen besäße. Und nun den Koffer, rasch den Koffer!«
»Warte,« sagte Louise, an der Thüre von Madame Danglars horchend.
»Was befürchtest Du?«
»Man könnte uns überraschen.«
»Die Thüre ist geschlossen.«
»Doch wenn man uns öffnen heißt?«
»Man mag sagen, was man will, wir öffnen nicht.«
»Du bist eine wahre Amazone, Eugenie!«
Und die zwei Mädchen fingen an, mit einer wunderbaren Thätigkeit in einem Koffer alle Gegenstände anzuhäufen, welche sie für ihre Reise nötig zu haben glaubten.
»Gut, nun schließe den Koffer, während ich die Kleider wechsele,« sagte Eugenie.
Louise stützte mit aller Gewalt ihre kleinen, weißen Hände aus den Deckel des Koffers.
»Ich kann nicht,« rief sie; »ich bin nicht stark genug, schließe Du.«
»Ah! es ist richtig,« sagte lachend Eugenie, »ich vergaß, daß ich Hercules bin, während Du nur die bleiche Omphale bist.«
Und sie drückte das Knie aus den Koffer und stemmte ihre weißen, muskeligen Arme darauf, bis die zwei Abteilungen des Koffers verbunden waren und Fräulein d’Armilly das Schloß zugemacht hatte. Als diese Operation vorüber war, öffnete Eugenie eine Commode, deren Schlüssel sie bei sich trug, und zog einen veilchenblauen, wattierten seidenen Reisemantel daraus hervor.
»Du siehst, daß ich au Alles gedacht habe,« sprach sie; »mit diesem Mantel wirst Du nicht kalt haben.«
»Aber Du?«
»Oh! ich habe nie kalt, Du weißt es wohl; überdies mit den Männerkleidern . . . «
»Du willst Dich hier anziehen?«
»Allerdings.«
»Hast Du denn Zeit dazu?«
»Sei unbesorgt, Hasenherz; alle unsere Leute sind mit der großen Angelegenheit beschäftigt. Auch darf man sich, wenn man bedenkt, in welcher Verzweiflung ich sein muß, nicht wundern, daß ich mich eingeschlossen habe.«
»Das ist wahr, Du beruhigst mich.«
»Komm, hilf mir.«
Und sie zog aus derselben Schublade, aus der sie den Mantel für Fräulein d’Armilly genommen, mit dem diese bereits ihre Schultern bedeckt hatte, einen vollständigen Männeranzug, von den Stiefelchen bis zum Oberrock, nebst einem Vorrathe von Wäsche, wobei nichts Überflüssiges, wohl aber alles Notwendige war. Mit einer Geschwindigkeit, welche andeutete, daß sie ohne Zweifel nicht zum ersten Male die Kleider eines anderen Geschlechtes anzog, schlüpfte Eugenie in ihre Stiefelchen, in die Beinkleider, band sie sich eine Cravate um, knöpfte sie eine Weste bis zum Halse zu, und legte sie den Oberrock an, der ihre zarte, schön gebogene Gestalt hervorhob,
»Oh! das ist gut! in der Tat, das ist sehr gut!« sagte die Tonkünstlerin, Eugenie mit Bewunderung anschauend; »doch diese schönen, schwarzen Haare, diese herrlichen Flechten, welche alle Frauen vor Neid seufzen machen, werden sie unter einem Männerhute, wie der, welchen ich hier erblicke, halten?«
»Du wirst es sehen,« sprach Eugenie.
Und mit der linken Hand die dicke Flechte ergreifend, über welcher sich ihre langen Finger kaum schlossen, faßte sie mit der rechten eine große Scheere, und bald krachte der Stahl mitten durch das weiche, glänzende Haar, das ganz zu den Füßen des Mädchens fiel, welches sich, um es von dem Oberrock abzusondern, zurückgebogen hatte.
Als die obere Flechte abgeschnitten war, ging Eugenie zu denen von den Schläfen über, welche sie nach und nach ebenfalls abschnitt, ohne daß ihr die geringste Klage entschlüpfte: ihre Augen funkelten im Gegenteil freudiger als gewöhnlich unter ihren ebenholzschwarzen Brauen.
»Oh! die herrlichen Haare!« sagte Louise mit Bedauern.
»Ei! bin ich nicht hundertmal besser so?« rief Eugenie, die zerstreuten Locken ihres ganz männlich gewordenen Kopfes glättend, »und findest Du mich so nicht schöner?«
»Oh! Du bist schön, immer schön!« rief Louise. »Doch wohin gehen wir?«
»Nach Belgien, wenn Du willst, es ist die nächste Grenze. Wir erreichen Brüssel, Lüttich, Aachen; wir fahren den Rhein hinauf bis nach Straßburg, reisen durch die Schweiz und steigen über den St. Bernhard nach Italien hinab; bist Du damit einverstanden?«
»Ja wohl!«
»Was betrachtest Du?«
»Ich betrachte Dich. In der Tat, Du bist anbetungswürdig, man sollte meinen, Du entführest mich.«
»Ei! bei Gott! man würde Recht haben.«
»Oh! ich glaube, Du hast geschworen, Eugenie?«
Und die zwei Freundinnen, von denen man hätte annehmen können, sie wären beide in Tränen versunken, die Eine für eigene Rechnung, die Andere aus Ergebenheit, brachen in ein Gelächter aus, während sie die sichtbarsten Spuren der Unordnung, welche natürlich die Vorbereitungen zu ihrer Flucht zur Folge gehabt hatten, verschwinden machten.
Nachdem sie ihre Lichter ausgelöscht, öffneten die zwei Flüchtlinge, das Auge forschend, das Ohr horchend, den Hals gestreckt, die Thüre eines Ankleidezimmers, welches auf eine bis in den Hof hinab sich erstreckende Gesindetreppe ging: Eugenie schritt voran und hielt mit einer Hand den Henkel des Koffers, den an dem entgegengesetzten Henkel Fräulein d’Armilly kaum mit, ihren beiden Händen aufzuheben vermochte. Der Hof war leer. Es schlug Mitternacht.
Beim Portier war noch Licht.
Eugenie näherte sich ganz sachte und sah den würdigen Schweizer, auf seinem Lehnstuhle ausgestreckt, mitten in der Loge schlafen.
Sie wandte sich gegen Louise um, nahm den Koffer wieder auf, den sie einen Augenblick aus den Boden gesetzt hatte, und Beide erreichten, dem Schatten der Mauer folgend, das Gewölbe.
Eugenie ließ Louise sich im Winkel der Thüre verbergen, so daß der Portier, wenn es ihm zu erwachen beliebte, nur eine Person sah.
Dann stellte sie sich mitten in die Strahlen der Lampe, welche den Hof beleuchtete, schlug an die Scheibe und rief mit ihrer schönen Altstimme:
»Die Thüre ausgemacht!«
Der Portier stand auf, wie es Eugenie vorhergesehen hatte, und ging sogar einige Schritte vor, um die Person zu erkennen, welche hinausgeben wollte; als er aber einen jungen Mann sah, der ungeduldig sein Beinkleid mit seinem Stöckchen peitschte, öffnete er aus der Stelle.
Sogleich schlüpfte Louise wie eine Eidechse durch die halb offene Thüre und sprang leise hinaus. Scheinbar ruhig, obgleich ihr Herz aller Wahrscheinlichkeit nach mehr Pulsschläge zählte, als in seinem gewöhnlichen Zustande, ging Eugenie ebenfalls hinaus.
Es kam ein Commissionär vorüber, man übergab ihm den Koffer; die zwei jungen Mädchen bezeichneten demselben als Ziel ihrer Wanderung die Rue de la Victoire und die Nummer 26 dieser Straße, und marschierten hinter diesem Menschen, dessen Gegenwart Louise beruhigte. Eugenie aber war stark wie eine Judith oder eine Dalila.
Man kam zur bezeichneten Nummer. Eugenie befahl dem Commissionär, den Koffer niederzusetzen, gab ihm etwas Münze und schickte ihn fort, nachdem sie an den Laden geklopft hatte.
Dieser Laden, an den Eugenie geklopft, war der einer kleinen, zum Voraus benachrichtigten Wäscherin; sie hatte sich noch nicht zu Bett gelegt und öffnete.
»Mademoiselle,« sagte Eugenie, »lassen Sie durch den Portier den Wagen aus der Remise ziehen und schicken Sie ihn nach dem Hotel der Posten, um Pferde zu holen. Hier sind fünf Franken für seine Mühe.«
»In der Tat,« sprach Louise, »ich bewundere Dich, und möchte sogar sagen, ich verehre Dich.«
Die Wäscherin sah ganz erstaunt aus, doch da sie verabredeter Maßen zwanzig Louisd’or bekommen sollte, so machte sie nicht die geringste Bemerkung.
In einer Viertelstunde kam der Concierge mit einem Postillon und mit Pferden zurück, welche in einem Augenblick an den Wagen angespannt waren, aus dem der Concierge mittelst eines Strickes den Koffer befestigte.
»Hier ist der Paß,« sagte der Postillon; »welchen Weg schlagen wir ein, junger Herr?«
»Die Straße nach Fontainebleau,« antwortete Eugenie mit einer beinahe männlichen Stimme.
»Was sagst Du?« fragte Louise.
»Ich gebe einen falschen Weg an,« erwiderte Eugenie; »die Frau, der wir zwanzig Louisd’or geschenkt haben, kann uns für vierzig verraten: auf dem Boulevard nennen wir eine andere Richtung.«
Und das Mädchen sprang in den vortrefflich zum Schlafen eingerichteten Wagen, ohne beinahe den Fußtritt zu berühren.
»Du hast immer Recht, Eugenie,« sagte die Gesangslehrerin, neben ihrer Freundin Platz nehmend.
Eine Viertelstunde nachher fuhr der Postillon, auf den rechten Weg gebracht, mit der Peitsche knallend durch die Barrière Saint-Martin.
»Ah! nun sind wir außerhalb Paris,« sagte Louise atmend.
»Ja, meine Liebe, und die Entführung ist schön bewerkstelligt worden,« versetzte Eugenie.
»Und zwar ohne Gewalt.«
»Ich werde dies als einen mildernden Umstand geltend machen,« sprach Eugenie.
Diese Worte verloren sich in dem Lärmen, den der Wagen über das Pflaster von La Villette, hinrollend machte.
Herr Danglars hatte keine Tochter mehr.
Drittes Kapitel.
Das Wirthshaus zur Glocke und Flasche
Und nun lassen wir Fräulein Danglars und ihre Freundin auf der Straße nach Brüssel hinziehen und kehren zu dem armen Andrea Cavalcanti zurück, der auf eine so unselige Weise mitten im Aufschwunge seines Glückes aufgehalten wurde. Er war trotz seines noch sehr wenig vorgerückten Alters ein äußerst gewandter und gescheiter Junge, dieser Herr Andrea Cavalcanti. Wir sahen ihn auch bei dem ersten Geräusche im Salon sich der Thüre nähern, ein oder zwei Zimmer durchschreiten, und endlich verschwinden. Einen Umstand, dessen wir zu erwähnen vergessen, während er doch nicht übergangen werden darf, müssen wir hier nachholen: in einem von den zwei Zimmern, durch welche Cavalcanti ging, war der Trousseau der Verlobten ausgestellt, Schmuckkästchen mit Diamanten, Kaschmirshawls, Spitzen von Valenciennes, Schleier von England, und Alles, was jene Welt von lockenden Gegenständen bildet, deren Name schon das Herz der jungen Mädchen hüpfen macht, und die man das Körbchen nennt.
Durch dieses Zimmer schreitend, bemächtigte sich Andrea, was zum Beweise dient, daß er nicht nur ein sehr gescheiter und gewandter, sondern auch ein sehr vorsichtiger Junge war, bemächtigte er sich, sagen wir, des Reichsten von dem ganzen ausgestellten Schmucke. Mit diesem Viaticum versehen, fühlte sich Andrea halb so leicht, um durch das Fenster zu springen und den Händen der Gendarmen zu entschlüpfen.
Groß und schlank, wie der antike Ringer, muskelig wie ein Spartaner, machte Andrea einen Lauf von einer Viertelstunde, ohne zu wissen, wohin er ging, und einzig und allein in der Absicht, sich von dem Orte zu entfernen, wo er beinahe festgenommen worden wäre. Von der Rue du Mont-Blanc ausgehend, fand er sich wieder mit jenem Instinkte der Barrieren, welchen die Diebe besitzen, wie die Hasen den Instinkt des Lagers, am Ende der Rue Lafayette.
Keuchend, athemlos, blieb er hier stehen. Er war ganz allein und hatte zu seiner Linken das Saint-Lazare-Gehege, zu seiner Rechten Paris in seiner ganzen Ausdehnung.
»Bin ich verloren?« fragte er sich, »Nein, wenn ich eine Summe von Thätigkeit zu liefern vermag, welche die meiner Feinde übertrifft. Meine Rettung ist folglich eine einfache Meilenfrage geworden.«
In diesem Augenblick gewahrte er, von der Höhe des Faubourg Poissonniere herabkommend, ein Regiecabriolet, dessen schweigsamer Kutscher eine Pfeife rauchte und nach dem äußersten Ende des Faubourg Saint-Denis, wo er ohne Zweifel seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, fahren zu wollen schien.
»He! Freund,« rief Benedetto.
»Was gibt es, mein Bürger?« fragte der Kutscher.
»Ist Ihr Pferd müde?«
»Müde! ah ja wohl! es hat den ganzen lieben langen Tag nichts getan. Vier elende Fahrten und zwanzig Sous Trinkgeld; sieben Franken im Ganzen, und ich muß dem Patron zehn geben!«
»Wollen Sie diesen sieben Franken zwanzig beifügen?«
»Mit Vergnügen, Bürger; zwanzig Franken, das ist nicht zu verachten. Was muß ich hierfür tun?«
»Etwas sehr Leichtes, wenn Ihr Pferd nicht zu müde ist.«
»Ich sage Ihnen, es wird gehen wie ein Zephir, ich brauche nur zu wissen, in welcher Richtung.«
»In der Richtung von Louvres.«
»Ah! ah! bekannt: Land des Ratafia!«
»Ganz richtig. Es handelt sich einfach darum, einen von meinen Freunden wieder einzuholen, mit dem ich morgen bei Chapelle-en-Serval jagen soll. Er versprach mich hier mit seinem Cabriolet bis um halb zwölf Uhr zu erwarten: es ist Mitternacht: er wird des Wartens müde geworden und allein weggefahren sein.«
»Das ist wahrscheinlich.«
»Nun, wollen Sie es versuchen, ihn einzuholen?«
»Mit größtem Vergnügen.«
»Wenn wir ihn nicht von hier bis Bourget einholen, so bekommen Sie zwanzig Franken, wenn wir ihn bis Louvres nicht einholen, dreißig.«
»Und wenn wir ihn einholen?«
»Vierzig!« sagte Andrea, der einen Augenblick gezögert hatte, dann aber bedachte, daß er bei dem Versprechen nichts wage.
»Gut!« rief der Kutscher, »Steigen Sie ein und vorwärts! Brrru! . . . brrru! . . . «
Andrea stieg in das Cabriolet, und dieses fuhr durch den Faubourg Saint-Denis, sodann an dem Faubourg Saint-Martin hin, erreichte in raschem Laufe die Barrière und drang in das endlose Villette.
Man war nicht ängstlich daraus bedacht, den chimärischen Freund einzuholen: von Zeit zu Zeit erkundigte sich jedoch Cavalcanti bei den Vorüberkommenden oder an den Schenken nach einem grünen Cabriolet mit einem hellbraunen Pferde, da aber aus der Straße nach den Niederlanden stets Cabriolets in großer Anzahl fahren und neun Zehntel dieser Cabriolets grün angestrichen sind, so regnete es auf jedem Schritt Auskunft. Man hatte es überall vorbeifahren sehen, es war nicht fünfhundert Schritte, nicht zweihundert Schritte, nicht hundert Schritte voraus. Endlich erreichte man dasselbe, fand aber ein anderes Gefährt, als das welchem man nachgejagt war.
Einmal wurde das Miethcabriolet selbst von einer Caleche überholt, welche zwei Postpferde im Galopp fortzogen.
»Ah!« sagte Cavalcanti zu sich selbst, »wenn ich diese Caleche, diese zwei guten Pferde und besonders den Paß hätte, dessen man bedurfte, um sie zu nehmen!«
Und er stieß einen tiefen Seufzer aus.
Diese Caleche war die, welche Fräulein Danglars und Fräulein d’Armilly fortführte.
»Vorwärts! vorwärts!« rief Andrea, »wir müssen ihn bald einholen.«
Und das arme Pferd setzte sich wieder in den wütenden Trab, den es von der Barrière an gelaufen war, und kam ganz rauchend in Louvres an.
»Ich sehe jetzt offenbar, daß ich meinen Freund nicht einhole,« sprach Andrea, »und ich würde Ihr Pferd töten. Es ist also besser, ich halte an. Hier sind Ihre dreißig Franken, ich bleibe im roten Rosse über Nacht und nehme in dem ersten Wagen, den ich finde, einen Platz, Gute Nacht, mein Freund.«
Andrea legte dem Kutscher sechs Fünffrankenstücke in die Hand und sprang leicht auf das Straßenpflaster,
Der Kutscher steckte freudig die Summe in die Tasche und fuhr im Schritte wieder nach Paris zurück; Andrea stellte sich, als ob er nach dem Gasthofe zum roten Rosse ginge, doch, nachdem er einen Augenblick an der Thüre stehen geblieben war und das Geräusch des Cabriolets in der Ferne sich hatte verlieren hören, setzte er seinen Weg fort, und machte mit gymnastischen Schritten einen Lauf von zwei Lieues.
Hier ruhte er aus; er mußte ganz nahe bei Chapelle-en-Serval sein, wohin er seinem Vorgeben nach gehen wollte.
Es war nicht die Müdigkeit, was Andrea Cavalcanti aufhielt, sondern das Bedürfnis, einen Entschluß zu fassen, die Notwendigkeit, einen Plan zu entwerfen.
Eine Diligence besteigen, war unmöglich; die Post nehmen, war ebenfalls unmöglich, Um aus die eine oder andere Weise zu reisen, war durchaus ein Paß erforderlich.
In dem Departement der Oise, nämlich in einem der entblößtesten und überwachtesten Departements von Frankreich, bleiben, war auch unmöglich, besonders für einen in Criminalsachen erfahrenen Menschen, wie Andrea.
Andrea setzte sich an den Rand eines Grabens, ließ seinen Kopf in seine Hände fallen und dachte nach.
Zehn Minuten nachher hob er den Kopf wieder empor: sein Entschluß war gefaßt.
Er bedeckte mit Staub eine ganze Seite des Paletot, den er im Vorzimmer vom Haken zu nehmen und über seinen Ballstaat zu knöpfen Zeit gehabt hatte, erreichte Chapelle-en-Serval und klopfte kühn an die Thüre des einzigen Wirthshauses der Gegend.
Der Wirth öffnete.
»Mein Freund,« sagte Andrea, »ich wollte von Mortesontaine nach Senlis reiten, als mein Pferd, ein böses Tier, einen Seitensprung machte und mich zehn Schritte hinausschleuderte. Ich muß notwendig noch in dieser Nacht nach Compiegne, wenn ich nicht meiner Familie die größte Unruhe verursachen soll. Können Sie mir nicht ein Pferd leihen?«
Wohl oder übel, hat ein Wirth immer ein Pferd. Der Wirth von Chapelle-en-Serval rief den Hausknecht, befahl, den Schimmel zu satteln, weckte seinen Sohn, ein Kind von sieben Jahren, das hinter dem Herrn auf dem Kreuze des Pferdes reiten sollte.
Andrea gab dem Wirth zwanzig Franken und ließ, während er sie aus der Tasche zog, eine Visitenkarte auf den Boden fallen. Diese Visitenkarte war von einem seiner Freunde aus dem Café de Paris, so daß der Wirth, als Andrea wieder abgereist war und er die auf den Boden gefallene Karte aufhob, der Überzeugung lebte, er habe sein Pferd an den Herrn Grafen von Mauleon, Rue Saint-Dominique, Nro. 25. vermiethet: dies war der Name und die Adresse auf der Karte.
Der Schimmel ging nicht schnell, doch er ging einen gleichmäßigen Schritt; in drei und einer halben Stunde machte Andrea die neun Lieues, die ihn von Compiegne trennten; es schlug vier aus der Uhr des Rathhauses, als er aus den Platz kam, wo die Diligencen anhalten.
Es gibt in Compiegne ein vortreffliches Wirthshaus, dessen sich auch diejenigen erinnern, welche nur einmal dort gewohnt haben: Andrea, der daselbst bei einem seiner Ausflüge in die Umgegend von Paris einen Haltgemacht, erinnerte sich des Wirthshauses zur Glocke und Flasche: er schaute sich um, sah bei dem Schimmer eines Scheinwerfers das bezeichnende Schild, entließ das Kind, dem er Alles gab, was er an Münze bei sich hatte, und klopfte an die Thüre; denn er bedachte ganz richtig, daß er, drei bis vier Stunden vor sich hätte, und daß es das Beste wäre, sich durch einen guten Schlaf und ein gutes Mahl gegen die zukünftigen Anstrengungen zu verwahren.
Ein Kellner öffnete.
»Mein Freund,« sagte Andrea, »ich komme von Saint-Jean-au-Bois, wo ich zu Mittag gespeist habe; ich wollte den Wagen nehmen, der um Mitternacht durchfährt, verirrte mich aber alberner Weise und laufe seit vier Stunden im Walde umher. Geben Sie mir eines von den hübschen Zimmern, welche nach dem Hofe gehen, und bringen Sie mir ein kaltes Huhn nebst einer Flasche Bordeaux-Wein.«
Der Kellner faßte keinen Verdacht: Andrea sprach mit der vollkommensten Ruhe; er hatte die Cigarre im Mund und die Hände in den Taschen seines Paletot; seine Kleider waren elegant, sein Bart frisch rasiert, seine Stiefeln, tadellos; er sah aus wie ein verspäteter Nachbar.
Während der Kellner sein Zimmer bereitete, stand die Wirthin aus: Andrea empfing sie mit dem reizendsten Lächeln; er fragte sie, ob er nicht Nro. 3 haben könnte, was er schon einmal bei seinem letzten Aufenthalte in Compiégne gehabt; leider war Nro. 3 von einem jungen Manne besetzt, der mit seiner Schwester reiste.
Andrea schien in Verzweiflung, er tröstete sich nur, als ihn die Wirthin versicherte, Nro. 7, wo man ihn einquartierte, hätte ganz dieselbe Lage, wie Nro, 3, und während er sich die Füße wärmte und von dem letzten Rennen in Chantilly plauderte, wartete er, bis man ihm ankündigte, das Zimmer wäre bereit.
Nicht ohne Grund hatte Andrea von den hübschen Zimmern gesprochen, welche nach dem Hofe gingen: der Hof des Gasthauses zur Glocke, mit seiner dreifachen Reihe von Galerien, die ihm das Aussehen eines Schauspielsaales gaben, mit seinen Jasminen und Rebwinden, welche an den leichten Säulen wie eine natürliche Dekoration hinlaufen, ist einer der reizendsten Wirthshauseingänge der Welt.
Das Huhn war frisch, der Wein alt, das Feuer hell und knisternd; Andrea speiste mit so gutem Appetit, als ob nichts vorgefallen wäre. Dann legte er sich nieder und versank bald in jenen unversöhnlichen Schlaf, den der Mensch mit zwanzig Jahren immer findet, selbst wenn er Gewissensbisse hat.
Wir müssen gestehen, Andrea hätte Gewissensbisse haben können, aber er hatte keine.
Man vernehme den Plan von Andrea, einen Plan, der ihm den größten Teil seiner Sicherheit verliehen hatte.
Mit Tagesanbruch stand er, seiner Absicht nach, auf, verließ das Wirthshaus, nachdem er pünktlich seine Rechnung bezahlt, erreichte den Wald, erkaufte, unter dem Vorwand, Malerstudien zu machen, die Gastfreundschaft eines Bauern: verschaffte sich den Anzug eines Holzhauers und eine Axt, und legte dann die Kleidung eines Löwen ab, um die eines Arbeiters anzuziehen; die Hände erdfarbig, die Haare durch einen bleiernen Kamm gebräunt, die Gesichtshaut sonnverbrannt durch ein Präparat, von dem ihm seine ehemaligen Kameraden das Recept gegeben hatten, gelangte er, von Wald zu Wald, zur nächsten Grenze, bei Nacht marschierend, bei Tag in den Wäldern oder in den Steinbrüchen schlafend, und bewohnten Orten nur sich nähernd, um von Zeit zu Zeit ein Stück Brot zu kaufen.
War die Grenze überschritten, so machte Andrea seine Diamanten zu Geld, vereinigte den Preis, den er dafür erhielt, mit etwa zehn Bankbillets, die er stets für den Fall eines Unglücks bei sich trug, und war abermals im Besitze einer Summe von fünfzig tausend Franken, was seiner Philosophie keine gar zu harte Not dünkte.
Dabei zählte er sehr darauf, das, den Danglars Alles daran gelegen sein müßte, den Lärmen über den Unfall, der sie betroffen, zu ersticken.
Das war es, warum Andrea, abgesehen von seiner Müdigkeit, so schnell und so gut schlief.
Um früher aufzuwachen. schloß Andrea die Läden nicht; er begnügte sich, die Riegel seiner Thüre vorzuschieben, und auf seinem Nachttische ein gewisses sehr scharfes und spitziges Messer von vortrefflich gehärtetem Stahl, das ihn nie verließ, offen zu halten.«
In jedem gut organisierten Gehirne ist der herrschende Gedanke, und es gibt immer einen, ist der herrschende Gedanke derjenige, welcher, nachdem er zuletzt eingeschlafen, zuerst das Erwachen des Geistes erleuchtet. Andrea hatte noch nicht völlig die Augen geöffnet, als ihn schon sein herrschender Gedanke erfaßte und ihm in das Ohr flüsterte, er habe zu lange geschlafen.
Er sprang aus seinem Bette und lief an das Fenster.
Ein Gendarme ging durch den Hof.
Ein Gendarme ist einer von den aller auffallendsten Gegenständen der Welt, selbst für das Auge eines Menschen ohne Unruhe; doch für jedes furchtsame Gewissen, wenn es einen Grund hat, dies zu sein, nehmen das Gelbe, das Blaue und das Weiße, woraus seine Uniform besteht, gräßliche Tinten an.
»Warum ein Gendarme?« fragte sich Andrea.
Dann antwortete er sich plötzlich mit jener Logik, welche der Leser bereits an ihm wahrnehmen mußte:
»Ein Gendarme hat nichts, was in einem Gasthofe in Erstaunen setzen darf; wir wollen uns also nicht wundern, sondern ankleiden.«
Und der junge Mann kleidete sich mit einer Geschwindigkeit an, die ihn sein Kammerdiener in den paar Monaten seines fashionablen Lebens in Paris nicht hatte verlieren lassen.
»Gut!« sagte Andrea, während er sich ankleidete, »ich warte, bis er weggegangen ist, und mache mich sodann aus dem Staube.«
Und als er diese Worte gesprochen, ging er sachte abermals an das Fenster und hob zum zweiten Male den Mousselinevorhang auf.
Der erste Gendarme war nicht nur nicht weggegangen, sondern der junge Mann erblickte eine zweite blau, gelb und weiße Uniform unten an der Treppe, der einzigen, aus welcher er hinab gehen konnte, während ein dritter Gendarme, zu Pferde und den Carabiner in der Faust, sich als Schildwache an dem Hofthore, seinem einzigen Ausgange, hielt.
Dieser dritte Gendarme war im höchsten Grade bezeichnend: denn vor ihm dehnte sich ein Halbkreis von Neugierigen aus, welche das Thor hermetisch blockierten.
»Teufel! man sucht mich,« war der erste Gedanke von Andrea.
Blässe überströmte die Stirne des jungen Mannes; er schaute ängstlich umher. Sein Zimmer hatte, wie sämtliche Zimmer dieses Stockes. nur einen Ausgang nach der für alle Blicke offenen äußeren Galerie.
»Ich bin verloren!« war sein zweiter Gedanke.
Für einen Menschen in der Lage von Andrea bedeutete Verhaftung: Assisen, Verurteilung, Tod, Tod ohne Barmherzigkeit und Verzug.
Einen Augenblick preßte er krampfhaft seinen Kopf zwischen seinen zwei Händen.
Während dieses Augenblicks wäre er vor Angst beinahe verrückt geworden.
Doch aus dieser Welt seinen Kopf durchkreuzender Gedanken sprang bald ein Gedanke der Hoffnung hervor; ein bleiches Lächeln trat aus seine entfärbten Lippen und aus seine zusammengezogenen Wangen. Er schaute umher: die Gegenstände, welche er suchte, fanden sich auf dem Marmor eines Sekretärs, nämlich eine Feder, Tinte und Papier.
