Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 93
Er tauchte die Feder in die Tinte und schrieb mit einer Hand, der er fest zu sein befahl, folgende Zeilen auf das erste Blatt Papier:
»Ich habe kein Geld, um zu bezahlen, bin aber kein unredlicher Mensch, ich Lasse als Unterpfand diese Nadel zurück, welche zehnmal mehr wert ist, als meine Zeche. Man wird mir verzeihen, daß ich mich mit Tagesanbruch entfernt habe, ich schämte mich!«
Er nahm seine Nadel aus seiner Halsbinde und legte sie auf das Papier.
Hiernach zog er die Riegel zurück, öffnete die Thüre ein wenig, als ob er sie weggehend zuzumachen vergessen hätte, schlüpfte in den Kamin wie ein Mensch, der an solche gymnastische Übungen gewöhnt ist, zog den papierenen Schirm an sich, der Achilles bei Deldamia vorstellte, verwischte mit seinen Füßen die Spur seiner Tritte, und fing an, in der gebogenen Röhre hinaus zu klettern, welche ihm den einzigen Weg der Rettung bot, aus den er noch hoffen durfte.
In diesem Augenblick kam der erste Gendarme, der Andrea aufgefallen war, die Treppe herauf; der Polizeikommissär ging ihm voran, und unten an der Treppe wachte der zweite Gendarme, welcher wiederum eine Verstärkung durch den am Thore stationirenden erwarten durfte.
Man höre, welchem Umstande Andrea diesen Besuch zu verdanken hatte, dessen Empfang er sich mit so großer Mühe entzog.
Mit Tagesanbruch spielten die Telegraphen in allen Richtungen, und sogleich benachrichtigt, erweckte jeder Ort die Behörden und trieb die öffentliche Macht zur Nachforschung nach dem Mörder von Caderousse an.
Compiégne ist eine königliche Residenz, Compiégne ist eine Jagdstadt, Compiegne ist eine Garnisonsstadt und im Überfluß mit Behörden, Gendarmen und Polizeikommissären versehen; die Nachsuchungen begannen also sogleich nach Ankunft des telegraphischen Befehls, und da das Gasthaus zur Glocke und Flasche das erste Gasthaus der Stadt ist, so machte man natürlich hier den Anfang.
Überdies war es nach der Meldung der Schildwachen, welche in der Nacht vor dem Rathhause den Dienst gehabt hatten (das Rathhaus liegt unmittelbar neben dem Gasthofe zur Glocke), nach der Meldung der Schildwachen, sagen wir, war es erwiesen, daß mehrere Reisende in der Nacht hier Quartier genommen hatten.
Die Schildwache, die man um sechs Uhr Morgens abgelöst, erinnerte sich sogar, daß sie einige Minuten nach vier Uhr einen jungen Mann auf einem Schimmel mit einem Bauernknaben hinter sich auf dem Kreuze hatte ankommen sehen, welcher junge Mann auf dem Platze abgestiegen war, den Bauernknaben und das Pferd entlassen, und an den Gasthof geklopft hatte, den man vor ihm öffnete und hinter ihm wieder schloß.
Aus dem so seltsam verspäteten jungen Mann haftete besonders der Verdacht.
Dieser junge Mann war aber kein Anderer, als Andrea.
Bewaffnet mit diesen Angaben, gingen der Polizeikommissär und der Gendarme, ein Brigadier, aus die Thüre von Andrea zu.
Die Thüre war halb geöffnet.
»Oh! oh!« rief der Brigadier, ein in listigen Streichen wohl erfahrener alter Fuchs, »eine offene Thüre ist ein schlechtes Zeichen! ich wollte lieber, sie wäre dreifach verriegelt!«
Der kleine Brief und die von Andrea aus dem Tische zurückgelassene Nadel bestätigten oder vielmehr unterstützten wirklich die Wahrheit: Andrea hatte sich geflüchtet.
Wir sagen, unterstützten, denn der Brigadier war nicht der Mann, sich bei einem ersten Beweise zu fügen.
Er schaute umher, tauchte seinen Blick unter das Bett, öffnete die Vorhänge, die Schränke, und stand endlich vor dem Kamin stille.
Durch die Vorsicht von Andrea war keine Spur seiner Tritte in der Asche zurückgeblieben.
Es bildete dies indessen einen Ausgang, und unter den obwaltenden Umständen mußte jeder Ausgang der Gegenstand einer scharfen Nachforschung sein.
Der Brigadier ließ sich ein Reisbündel und Stroh bringen, verstopfte den Kamin, wie er es nur mit Mörtel hätte tun können, und legte Feuer daran.
Das Feuer machte die Backsteinwände krachen: eine undurchsichtige Rauchsäule drängte sich durch die Rohren und stieg wie der dunkle Ausbruch des Vulkans zum Himmel empor, doch man sah keinen Gefangenen herabfallen, wie man dies erwartet hatte.
Seit seiner Jugend im Kampfe mit der Gesellschaft, stand Andrea einem Gendarmen an List nicht nach, und wäre dieser Gendarme auch zu dem ehrwürdigen Grade eines Brigadier erhoben worden; den Brand vorhersehend, war er auf das Dach geklettert und hielt sich an die Röhre gekauert.
Einen Augenblick hoffte er gerettet zu sein, denn er hörte den Brigadier den zwei Gendarmen zurufen: »Er ist nicht mehr da!« Doch sachte den Hals ausstreckend, sah er, daß die zwei Gendarmen, statt sich zurückzuziehen, wie es bei einer solchen Ankündigung natürlich gewesen wäre, im Gegenteil ihre Aufmerksamkeit verdoppelten.
Er schaute nun ebenfalls umher: das Rathhaus, ein colossales Gebäude aus dem sechzehnten Jahrhundert, erhob sich wie ein düsterer Wall: zu seiner Rechten und durch die Öffnungen des Baudenkmals konnte man in alle Winkel und Ecken des Daches schauen, wie man, von einem Berge herab in das Thal schaut.
Andrea begriff, er würde aus der Stelle den Kopf des Brigadier an einer von den Öffnungen erscheinen sehen.
War er einmal entdeckt, so war er auch verloren; eine Jagd auf den Dächern bot ihm keine Hoffnung aus einen günstigen Erfolg. Er beschloß also, nicht durch denselben Kamin, durch den er herausgekommen war, sondern durch einen ähnlichen hinabzusteigen.
Er suchte mit den Augen denjenigen von den Kaminen, aus welchem er keinen Rauch hervorkommen sah, erreichte ihn über das Dach hinkriechend, und verschwand durch seine Öffnung, ohne wahrgenommen worden zu sein.
In derselben Secunde öffnete sich ein kleines Fenster des Rathhauses und gewährte dem Kopfe des Gendarmerie-Brigadier Durchgang. Einen Augenblick blieb dieser Kopf unbeweglich, wie eines von den steinernen Relief, welche das Gebäude zieren; dann verschwand der Kopf mit einem langen Seufzer über die Täuschung.
Kalt und ruhig wie das Gesetz, dessen Vertreter er war, ging der Brigadier, ohne auf die tausend Fragen der versammelten Menge zu antworten, über den Platz und kehrte in den Gasthof zurück.
»Nun, wie steht es?« fragten die zwei Gendarmen.
»Meine Söhne,« antwortete der Brigadier, »der Räuber muß sich wirklich sehr frühzeitig diesen Morgen aus dem Staube gemacht haben: doch wir schicken Leute aus die Straße von Villers-Coterets und Noyon und durchstreifen den Wald, wo wir ihn unzweifelhaft finden werden.«
Der ehrenwerte Mann hatte kaum mit dem den Brigadiers der Gendarmerie eigenthümlichen Tone dieses Wort zu Tage gefördert, als ein langer Schreckensruf begleitet von einem heftigen Klingeln einer Glocke in dem Hofe des Gasthauses erscholl.
»Oh! oh! was ist das?« rief der Brigadier.
»Das ist ein Reisender, der große Eile zu haben scheint,« sprach der Wirth. »Wo läutet man?«
»In Numero 3.«
»Laufe dahin, Kellner!«
In diesem Augenblick verdoppelten sich das Geschrei und der Lärmen der Glocke. Der Kellner wollte weglaufen.
»Nein, nein!« sagte der Brigadier, den dienstbaren Geist zurückhaltend; »derjenige, welcher läutet, kommt mir vor, als verlangte er etwas Anderes, als einen Kellner, und wir wollen ihm einen Gendarmen servieren. Wer wohnt in Numero 3?«
»Der kleine junge Mann, der gestern Abend mit seiner Schwester in einer Postchaise angekommen ist und ein Zimmer mit zwei Betten verlangt hat.«
Die Glocke erscholl zum dritten Male mit angstvollen Tönen.
»Herbei! Herr Commissär!« rief der Brigadier, »folgen Sie mir und beschleunigen Sie Ihre Schritte.«
»Warten Sie einen Augenblick,« sagte der Wirth; »zu Numero 3 führen zwei Treppen: eine äußere und eine innere.«
»Gut!« sprach der Brigadier, »ich wähle die innere, das ist mein Departement. Sind die Carabiner geladen?«
»Ja, Brigadier.«
»Wohl! so wachen Sie an der äußeren Treppe, und wenn er fliehen will, Feuer auf ihn! Es ist ein großer Verbrecher, wie der Telegraph sagt.«
Gefolgt von dem Polizeikommissär und begleitet von dem Lärmen, den die Mitteilungen über Andrea in der Menge erzeugt hatten, verschwand der Brigadier aus der inneren Treppe.
Wir haben zu erklären, wie sich die Dinge gestaltet hatten.
Andrea war sehr geschickt bis auf zwei Drittel des Kamines hinabgestiegen; doch hier angelangt, war sein Fuß abgewichen, und er hatte sich mit größerer Schnelligkeit und besonders mit mehr Geräusch, als ihm lieb war, hinab versenkt. Wäre das Zimmer verlassen gewesen, so hätte dies nichts zu bedeuten gehabt, doch zum Unglück war es bewohnt.
Zwei Frauen schliefen in einem Bette, das Geräusch erweckte sie. Ihre Blicke richteten sich nach dem Punkte, von wo der Lärmen kam, und sie sahen durch die Öffnung des Kamines einen Menschen erscheinen.
Eine von den zwei Frauen, eine Blonde, war es, die den furchtbaren Schrei ausstieß, von dem das ganze Haus wiederhallte, während die Andere nach der Klingelschnur stürzte, mit aller Gewalt daran zog, und Lärmen machte.
Andrea spielte, wie man sieht, sehr unglücklich.
»Barmherzigkeit!« rief er, bleich, verwirrt, ohne die Personen anzuschauen, an die er sich wandte, »Barmherzigkeit! rufen Sie nicht, retten Sie mich! ich will Ihnen nichts Böses tun.«
»Andrea der Mörder!« rief eine von den zwei jungen Frauen.
»Eugenie, Fräulein Danglars!« murmelte Cavalcanti, vom Schrecken zum höchsten Erstaunen übergehend.
»Zu Hilfe! zu Hilfe!« schrie Fräulein d’Armilly, die Glocke aus den trägen Händen von Eugenie nehmend und noch kräftiger läutend, als ihre Gefährtin.
»Retten Sie mich, man verfolgt mich!« sprach Andrea die Hände faltend; »Barmherzigkeit, Gnade, liefern Sie mich nicht aus!«
»Es ist zu spät, man kommt herauf,« erwiderte Eugenie.
»So verbergen Sie mich irgendwo, Sie sagen, Sie haben ohne Grund Furcht gehabt; Sie wenden den Verdacht ab und retten mir das Leben.«
An einander gedrängt, sich in ihre Decken hüllend, blieben die zwei Frauen stumm bei dieser flehenden Stimme; alles Widerstreben, aller Widerwille, alle Befürchtungen durchkreuzten sich in ihrem Innern.
»Wohl! es sei,« sprach Eugenie; »kehren Sie in den Kamin zurück, durch den Sie gekommen sind, Unglücklicher; gehen Sie, und wir werden nichts sagen.«
»Hier ist er! hier ist er!« rief eine Stimme auf dem Ruheplatze, »hier ist er, ich sehe ihn!«
Der Brigadier hatte wirklich sein Auge an das Schlüsselloch gedrückt und gesehen, wie Andrea flehend vor den Frauen stand.
Ein heftiger Kolbenschlag sprengte das Schloß, zwei weitere Schläge sprengten die Riegel; die Thüre fiel zerschmettert nach innen.
Andrea lief an die andere Thüre, welche nach der Galerie des Hofes ging, und öffnete sie, um hinauszustürzen.
Die zwei Gendarmen standen mit ihren Carabinern da und schlugen aus ihn an.
Andrea blieb stehen; bleich, den Körper etwas zurückgeneigt, hielt er sein unnützes Messer in der krampfhaft zusammengepreßten Hand.
»Fliehen Sie doch!« rief Fräulein d’Armilly, in deren Herz das Mitleid in demselben Maße zurückkehrte, in welchem der Schrecken daraus verschwand, »fliehen Sie doch!«
»Oder töten Sie sich!« sprach Eugenie mit dem Tone und der Gebärde von einer von jenen Vestalinnen, welche im Circus mit dem Daumen dem siegreichen Gladiator seinem niedergeworfenen Gegner das Lebenslicht vollends auszublasen befahlen.
Andrea bebte und schaute das Mädchen mit einem verächtlichen Lächeln an, welches bewies, daß sein verdorbenes Wesen diese erhabene Wildheit der Ehre nicht begriff.
»Mich töten,« sagte er sein Messer von sich werfend, »warum dies?«
»Sie haben es selbst ausgesprochen,« rief Fräulein Danglars, »man wird Sie zum Tode verurteilen, man wird Sie hinrichten wie den letzten Verbrecher!«
»Bah!« versetzte Cavalcanti, die Arme kreuzend, »man hat seine Freunde.«
Der Brigadier trat mit dem Säbel in der Faust aus ihn zu.
»Vorwärts,« sagte Cavalcanti, »stecken Sie wieder ein, mein braver Mann, es ist nicht der Mühe wert, so viel Lärmen zu machen, da ich mich selbst ergebe.«
Und er streckte seine Hände aus, um Schellen daran legen zu lassen.
Die zwei jungen Mädchen schauten voll Schrecken die häßliche Metamorphose an, welche vor ihren Augen vorging: der Mann der Gesellschaft legte seine Hülle ab und wurde wieder der Mensch des Bagno.
Andrea wandte sich gegen sie um und fragte mit dem Lächeln der Unverschämtheit:
»Haben Sie keinen Auftrag an Ihren Herrn Vater, Fräulein Eugenie denn aller Wahrscheinlichkeit nach kehre ich nach Paris zurück.«
Eugenie verbarg ihren Kopf in ihren beiden Händen.
»Oh! oh!« sagte Andrea, »Sie brauchen sich nicht zu schämen; ich bin Ihnen nicht böse, daß Sie Post genommen haben, um mir nachzueilen; war ich nicht beinahe Ihr Gatte?«
Und nach diesem Spotte ging Andrea hinaus und ließ die zwei Flüchtlinge den Leiden der Scham und den Commentaren der Versammlung preisgegeben zurück.
Eine Stunde nachher stiegen Beide in ihren Frauenkleidern in die Reisecaleche.
Man hatte das Thor des Gasthofes geschlossen, um sie den ersten Blicken zu entziehen: doch sie mußten nicht minder durch eine doppelte Hecke von Neugierigen mit flammenden Augen und murmelnden Lippen fahren.
Eugenie ließ die Vorhänge herab; aber wenn sie nichts sah, so hörte sie doch, und der Lärmen des Hohngelächters drang zu ihr.
»Oh! warum ist die Welt nicht eine Wüste?« rief sie, sich an die Brust von Fräulein d’Armilly werfend, während ihre Augen von jener Wut funkelten, welche Nero wünschen ließ, die Welt möchte ein einziger Kopf sein, damit er ihn mit einem Schlage vom Rumpfe trennen könnte.
Am anderen Tage stiegen sie im Hotel de Flandres in Brüssel ab.
Andrea war am Abend vorher in die Liste der Gefangenen der Conciergerie eingetragen worden.
Viertes Kapitel.
Das Gesetz
Wir haben gesehen, mit welcher Ruhe Fräulein Danglars und Fräulein d’Armilly ihre Verwandlung ausführen und ihre Flucht bewerkstelligen konnten: es wurde ihnen dies dadurch möglich, daß Jedermann zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt war, um sich mit den ihrigen abzugeben.
Wir lassen den Banquier, Schweiß auf der Stirne, vor dem Gespenste des Bankerottes die ungeheuren Colonnen seiner Passiva aufreihen, und folgen der Baronin, welche, nachdem sie einen Augenblick unter dem heftigen Schlage, der sie getroffen, niedergeschmettert geblieben war, ihren gewöhnlichen Rath Lucien Debray wieder aussuchte.
Die Baronin rechnete wirklich auf diese Heirat, um endlich von einer Vormundschaft befreit zu werden, welche bei dem Charakter von Eugenie nur sehr lästig sein konnte; bei solchen stillschweigenden Verträgen, die das hierarchische Band der Familie erhalten, ist die Mutter nur unter der Bedingung, daß sie ihr beständig ein Beispiel der Weisheit und ein Musterbild der Vollkommenheit bietet, Gebieterin ihrer Tochter.
Madame Danglars aber fürchtete die Scharfsichtigkeit von Eugenie und die Rathschläge von Fräulein d’Armilly; sie hatte gewisse von ihrer Tochter Debray zugeschleuderte Blicke bemerkt, Blicke, welche zu bedeuten schienen, ihre Tochter kenne das ganze Geheimnis ihrer, verliebten und pekuniären Beziehungen zu dem Geheimsekretär, während eine klügere und tiefere Auslegung der Baronin im Gegenteil bewiesen hätte, Eugenie verachte Debray, nicht weil er im väterlichen Hause ein Stein des Anstoßes und der Ärgerniß war, sondern weil sie ihn ganz einfach in die Kategorie jener Zweifüßigen einreihte, welche Plato nicht mehr Menschen zu nennen versuchte und Diogenes durch die Periphrase als Tiere mit zwei Füßen und ohne Federn bezeichnete.
Aus ihrem Gesichtspunkte, und leider hat auf dieser Welt Jeder einen Gesichtspunkt, der ihn verhindert, die Gesichtspunkte der Anderen zu sehen: aus ihrem Gesichtspunkte, sagen wir, beklagte es Madame Danglars unendlich, daß die Verheiratung, von Eugenie scheiterte, nicht als ob diese Heirat passend, wünschenswert gewesen wäre und das Glück von Eugenie hätte begründen müssen, sondern weil sie ihr die Freiheit wiedergegeben haben würde. .
Sie eilte also, wie gesagt, zu Debray, der, nachdem er, wie ganz Paris der Soirée des Vertrages und dem dabei vorgefallenen Skandal beigewohnt, sich eiligst in seinen Clubb zurückgezogen hatte, wo er mit einigen Freunden von dem Ereignis plauderte, das zu dieser Stunde das Gespräch von drei Vierteln dieser ungeheuer cancanischen Stadt, welche man die Capitale der Welt nennt, bildete.
»In dem Augenblick, wo Madame Danglars, in einem schwarzem Kleide und unter einem langen Schleier verborgen, trotz der Versicherung des Portier, der junge Mann wäre nicht zu Hause, die Treppe hinaufstieg, welche in die Wohnung von Debray führte, beschäftigte sich dieser damit, die Aufforderungen eines Freundes zurückzuweisen, der ihm darzutun suchte, nach dem furchtbaren Eclat sei es seine Pflicht als Freund des Hauses, Fräulein Eugenie Danglars und ihre zwei Millionen zu heiraten.
Debray, verteidigte sich wie ein Mensch, dessen einziger Wunsch es ist, besiegt zu werden: denn es hatte sich dieser Gedanke oft in seinem Innern geregt; doch da er Eugenie, ihren stolzen und unabhängigen Charakter kannte, so nahm er zuweilen wieder eine defensive Stellung an und sagte sich, diese Verbindung wäre ganz und gar unmöglich, wobei er sich jedoch immerhin dumpf mit dem bösen Gedanken kitzelte, der unablässig im Grunde der Seele wachend, wie Satan hinter dem Kreuze, den ehrlichsten und reinsten Menschen in Anspruch nimmt.
Der Thee, das Spiel, die, wie man sieht, interessante Unterhaltung, da so wichtige Dinge verhandelt wurden, dauerten bis ein Uhr Morgens.
Von den Kammerdienern von Lucien eingeführt, wartete Madame Danglars während dieser Zeit verschleiert und zitternd in dem grünen Salon zwischen zwei Körbchen mit Blumen, die sie ihm selbst am Morgen geschickt hatte, und die von Debray persönlich mit einer Sorgfalt geordnet und gereinigt worden waren, welche die arme Frau seine Abwesenheit zu verzeihen bewog.
Um elf Uhr vierzig Minuten stieg Madame Danglars, des vergeblichen Wartens müde, wieder in einen Fiacre und ließ sich nach Hause führen. Die Frauen von einer gewissen Gesellschaft haben das mit den Grisetten in glücklichen Umständen gemein, daß sie gewöhnlich nicht nach Mitternacht nach Hause kommen.
Die Baronin kehrte in ihr Hotel mit derselben Behutsamkeit zurück, mit der Eugenie dieses verlassen hatte; sie stieg leicht, obschon mit ganz gepreßtem Herzen, die Treppe zu ihrer Wohnung hinaus, welche, wie man weiß, neben der von Eugenie lag. Sie befürchtete irgend einen Commentar und glaubte so fest, . . die arme, wenigstens in diesem Punkte achtungswerte Frau, . . an die Unschuld ihrer Tochter und an die Treue für den väterlichen Herd.
In ihrem Zimmer angelangt, pochte sie an der Thüre von Eugenie; als sie jedoch kein Geräusch hörte, versuchte sie es, hineinzugehen; aber die Riegel waren vorgeschoben. Madame Danglars glaubte, durch die furchtbare Aufregung des Abends ermüdet, hätte sich Eugenie zu Bette gelegt und schliefe. Sie rief die Kammerfrau und befragte sie.
»Fräulein Eugenie,« antwortete die Kammerfrau, »ist mit Fräulein d’Armilly in ihr Zimmer zurückgekehrt, dann tranken sie mit einander den Thee und hierauf verabschiedeten sie mich mit der Bemerkung, sie bedürften meiner nicht mehr.«
Seit dieser Zeit war die Kammerfrau in der Gesindestube, und sie glaubte, wie Jedermann, die zwei jungen Personen wären in ihrem Zimmer.
Madame Danglars legte sich ohne einen Schatten von Verdacht nieder; doch über die einzelnen Personen beruhigt, kehrte ihr Geist zu den Ereignissen zurück. Je klarer ihre Gedanken in ihrem Innern wurden, desto größer gestalteten sich die Verhältnisse der Szene des Vertrags: es war nicht mehr ein Skandal, es war ein ungeheurer Lärmen; es war nicht mehr ein einfacher unglücklicher Vorfall, sondern eine ungeheure Schande.
Unwillkührlich erinnerte sich die Baronin, daß sie ohne Mitleid gegen die arme Mercedes gewesen war, welche vor Kurzem in ihrem Gatten und in ihrem Sohne ein so großes Unglück betroffen hatte.
»Eugenie,« sagte sie sich, »ist verloren, und wir sind es ebenfalls. Die Geschichte, so wie sie dargestellt werden wird, bedeckt uns mit Schmach, denn in einer Gesellschaft, wie die unsere, sind gewisse Lächerlichkeiten im höchsten Maße blutig und unheilbar.
»Welch ein Glück,« murmelte sie, »daß Gott Eugenie den seltsamen Charakter gegeben hat, der mich oft zittern machte!« Und ihr dankbarer Blick richtete sich zum Himmel aus, dessen geheimnisvolle Vorsehung Alles zum Voraus nach den Ereignissen, die da kommen sollen, ordnet und aus einem Fehler, aus einem Laster sogar zuweilen ein Glück macht.
Dann durchschnitt ihr Gedanke den Raum, wie es der Vogel, seine Flügel ausbreitend, bei einem Abgrunde tut, und blieb vor Cavalcanti stehen.
Dieser Andrea war ein Elender, ein Dieb, ein Mörder, und dennoch besaß er Manieren, welche eine Halberziehung, wenn nicht eine völlige Erziehung andeuteten; dieser Andrea zeigte sich in der Welt mit dem Anscheine eines großen Vermögens, mit der Unterstützung ehrenhafter Namen.
Wie soll man klar in diesem Irrsale sehen? An wen sich wenden, um aus dieser grausamen Lage zu kommen? Debray, zu dem sie mit dem ersten Antriebe der Frau gelaufen war, welche Hilfe bei einem Manne sucht, den sie liebt, obgleich er sie zuweilen zu Grunde richtet, Debray konnte ihr nur einen Rath geben, den Rath, sie sollte sich an einen Mächtigeren wenden.
Die Baronin dachte nun an Herrn von Villefort.
Herr von Villefort hatte Cavalcanti wollen verhaften lassen; Herr von Villefort hatte ohne Mitleid die Unruhe in ihre Familie gebracht, als ob ihm diese Familie fremd gewesen wäre. Doch nein, wenn sie es sich überlegte, der Staatsanwalt war kein Mann ohne Mitleid, er war Beamter und Sklave seiner Pflichten, er war ein rechtschaffener und fester Freund, der auf eine harte Weise, aber mit fester Hand das Zergliederungsmesser in die Verdorbenheit gestoßen hatte; er war kein Henker, sondern ein Wundarzt, ein Wundarzt, der in den Augen der Welt die Ehre der Danglars von der Schmach des verlorenen jungen Mannes, den sie dieser Welt als ihren Schwiegersohn vorgestellt, hatte absondern wollen.
Sobald Herr von Villefort als Freund der Familie so handelte, war nicht anzunehmen, der Banquier habe etwas zuvor gewußt und sich zu den listigen Streichen von Andrea hergegeben.
Das Benehmen von Villefort erschien also bei näherer Betrachtung der Baronin unter einem Lichte, das sich zu ihrem gemeinschaftlichen Vorteil erklärte.
Hierbei aber mußte die Unbeugsamkeit des Staatsanwaltes stehen bleiben; sie wurde ihn am andern Tage aufsuchen und würde es von ihm verlangen, wenn nicht, daß er sich gegen seine Pflichten als Beamter verfehlte, doch wenigstens, daß er ihnen allen Spielraum der Nachsicht ließe.
Die Baronin würde die Vergangenheit anrufen; sie würde seine Erinnerungen verjüngen; sie würde ihn anflehen im Namen einer schuldbefleckten, aber glücklichen Zeit; Herr von Villefort würde die Sache einschläfern, oder wenigstens (und zu diesem Behufe hätte er nur die Augen aus eine andere Seite zu wenden) Cavalcanti fliehen lassen und das Verbrechen nur gegen den Schatten verfolgen, den man die Contumaz nennt.
Hiernach erst schlief sie ruhig ein.
Am andern Morgen um neun Uhr stand sie auf und kleidete sich an, ohne ihrer Kammerfrau zu läuten, ohne irgend Jemand ein Lebenszeichen zu geben, schlich mit derselben Einfachheit angetan, wie am Tage zuvor, die Treppe hinab, verließ das Hotel, ging bis zur Rue de Provence, stieg in einen, Fiacre und ließ sich nach dem Hause von Herrn von Villefort führen.
Seit einem Monat bot dieses verfluchte Haus den finstern Anblick eines Lazareths, in welchem die Pest ausgebrochen: ein Teil der Zimmer war von außen und von innen geschlossen; die Läden öffneten sich nur von Zeit zu Zeit einen Augenblick, um etwas Luft einzulassen; dann sah man am Fenster den verstörten Kopf eines Bedienten erscheinen; das Fenster schloß sich wieder, wie die Platte auf eine für ein paar Augenblicke geöffnete Gruft zurückfällt, und die Nachbarn fragten sich ganz leise: werden wir heute abermals einen Sarg aus dem Hause des Herrn Staatsanwalts kommen sehen?
Madame Danglars wurde von einem Schauer bei bei dem Anblicke dieses verödeten Hauses befallen; sie stieg aus ihrem Fiacre, näherte sich mit zitternden Knien der geschlossenen Thüre und läutete.
Erst als zum dritten Male die Glocke ertönte, deren düsterer Klang die allgemeine Traurigkeit zu teilen schien, kam ein Portier und öffnete die Thüre gerade weit genug, daß die Worte durchdringen konnten.
Er sah eine Frau der guten Gesellschaft, eine elegant gekleidete Frau, und dennoch blieb die Thüre beinahe geschlossen.
»Öffnen Sie doch!« sprach die Baronin.
»Sagen Sie mir zuerst, Madame, wer sind Sie?« fragte der Portier.
»Wer ich bin, Sie kennen mich ja.«
»Wir kennen Niemand mehr, Madame.«
»Sie sind ein Narr, mein Freund,« rief die Baronin.
»Woher kommen Sie denn?«
»Oh! das ist doch zu stark.«
»Madame, es ist der Befehl, entschuldigen Sie mich; Ihr Name?«
»Die Frau Baronin Danglars, Sie haben mich hundertmal gesehen.«
»Es ist möglich, Madame; doch sagen Sie nun, was wollen Sie?«
»Oh! wie sonderbar Sie sind! Ach werde mich bei Herrn von Villefort über die Unverschämtheit seiner Leute beklagen.«
»Madame, das ist nicht Unverschämtheit, das ist Vorsicht; Niemand darf hier herein ohne ein Wort vom Herrn Doktor d’Avrigny, oder ohne mit dem Herrn Staatsanwalt gesprochen zu haben.«
»Wohl! gerade mit dem Herrn Staatsanwalt habe ich zu tun.«
»In einer dringenden Angelegenheit?«
»Sie müssen es sehen, da ich noch nicht wieder in meinen Wagen gestiegen bin. Doch vorwärts: hier ist meine Karte, bringen Sie dieselbe Ihrem Herrn.«
»Wird Madame meine Rückkehr abwarten?«
»Ja; gehen Sie.«
Der Portier schloß die Thüre und ließ Madame Danglars auf der Straße.
Die Baronin wartete allerdings nicht lange; einen Augenblick nachher öffnete sich die Thüre abermals in hinreichender Weite, um der Baronin den Durchgang zu gewähren: sie ging hinein und die Thüre schloß sich hinter ihr.
Im Hofe zog der Portier, ohne einen Augenblick die Thüre aus dem Gesicht zu verlieren, ein Pfeifchen aus der Tasche und pfiff.
Der Kammerdiener von Herrn von Villefort erschien aus der Freitreppe.
»Madame wird diesen braven Mann entschuldigen,« sagte er, der Baronin entgegengehend: »doch seine Befehle sind streng, und Herr von Villefort hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, er könnte es nicht anders machen, als er es gemacht habe.
Im Hofe war ein Lieferant, den man mit derselben Vorsicht eingeführt hatte, und dessen Waaren man einer genauen Prüfung unterwarf.
Die Baronin stieg die Freitreppe hinaus; diese Traurigkeit hatte einen tiefen Eindruck auf sie hervorgebracht, denn sie erweiterte gleichsam den Kreis der ihrigen; immer von dem Kammerdiener geleitet, wurde sie, ohne daß dieser sie einen Augenblick aus dem Gesichte verlor, in das Cabinet des Staatsanwalts eingeführt.
So sehr Madame Danglars durch den Grund, der sie in dieses Haus führte, beunruhigt war, so kam ihr doch der Empfang, der ihr von den Dienstboten zu Teil geworden, so unwürdig vor, daß sie sich vor Allem hierüber beklagte.
Doch Villefort hob sein vom Schmerz niedergebeugtes Haupt empor und schaute sie mit einem so traurigen Lächeln an, daß die Klagen aus ihren Lippen erstarben.
»Entschuldigen Sie meine Diener wegen eines Schreckens, aus dem ich ihnen kein Verbrechen machen kann.«
Madame Danglars hatte oft in der Gesellschaft von dem Schrecken sprechen hören, den der Staatsanwalt bezeichnete, aber sie würde nie daran geglaubt haben, hätte sie sich nicht mit ihren eigenen Augen überzeugt, daß dieses Gefühl bis aus einen so hohen Grad gesteigert war.
»Sie sind also auch unglücklich?« sagte sie.
»Ja, Madame,« antwortete Villefort.
»Sie beklagen mich also?«
»Aufrichtig, Madame.«
»Und Sie begreifen, was mich hierher führt?«
»Sie wollen von dem sprechen, was vorgefallen ist, nicht wahr?«
»Ja, mein Herr, ein furchtbares Unglück.«
»Das heißt ein Unfall.«
»Ein Unfall!« rief die Baronin.
»Ach! Madame,« entgegnete der Staatsanwalt mit seiner unstörbaren Ruhe, »ich bin dahin gekommen, daß ich nur unwiederbrigliche Dinge ein Unglück nenne.«
»Glauben Sie, daß man vergessen wird?«
»Alles vergißt sich, Madame; die Heirat Ihrer Tochter wird sich morgen machen, wenn sie sich nicht heute macht; in acht Tagen, wenn sie sich nicht morgen macht. Und dann, was den Verlust des Bräutigams von Fräulein Eugenie betrifft, so glaube ich nicht, daß Sie diesen zu sehr beklagen.«
Madame Danglars schaute Villefort an, denn sie war ganz erstaunt, diese beinahe spöttische Ruhe an ihm wahrzunehmen.
»Bin ich zu einem Freunde gekommen?« fragte sie mit einem Tone voll schmerzlicher Würde.
»Sie wissen, ja, Madame,« antwortete Villefort, dessen bleiche Wangen sich bei dieser Versicherung mit einer leichten Röte bedeckten.
Diese Versicherung enthielt allerdings eine Anspielung auf andere Dinge, als die, welche im Augenblick die Baronin und ihn beschäftigten.
»So seien Sie liebevoller, mein teurer Villefort,« sagte die Baronin, »sprechen Sie mit mir als Freund, und nicht als Staatsbeamter, und wenn ich unendlich unglücklich bin, so sagen Sie mir nicht, ich soll heiter sein.«
Villefort verbeugte sich und erwiderte: »Madame, ich habe seit drei Monaten, wenn ich von Unglück sprechen höre, die ärgerliche Gewohnheit, an das meinige zu denken, und unwillkürlich bewerkstelligt sich in meinem Geiste die selbstsüchtige Operation der Vergleichung. Darum kam mir Ihr Unglück gegen das meinige nur wie ein Unfall vor: darum erschien mir neben meiner traurigen Lage die Ihrige als beneidenswert; doch das verdrießt Sie und wir wollen darüber weggehen. Sie sagten, Madame?«
»Ich wollte von Ihnen erfahren, mein Freund, wie es mit der Angelegenheit des Betrügers steht?« versetzte die Baronin.
»Betrüger!« wiederholte Villefort; »es beruht bei Ihnen offenbar auf einem Entschluß, gewisse Dinge zu mildern und andere zu übertreiben; Herr Andrea Cavalcanti, oder vielmehr Herr Benedetto ein Betrüger! Sie täuschen sich, Madame, Herr Benedetto ist ganz einfach ein Mörder.«
»Mein Herr, ich leugne die Richtigkeit Ihrer Bemerkung nicht, doch je mehr Sie sich mit Strenge gegen diesen Unglücklichen waffnen, desto härter treffen Sie unsere Familie. Vergessen Sie ihn einen Augenblick, statt ihn zu verfolgen, lassen Sie ihn fliehen.«
»Sie kommen zu spät, Madame, die Befehle sind bereits gegeben.«
