Kitabı oku: «Der Graf von Moret», sayfa 38
V.
Ein Aufenthalt in den Bergen
Wilhelm trat nach einem Augenblicke wieder heraus, legte die Finger an den Mund, um den Reisenden Stillschweigen anzuempfehlen, nahm sein Maultier am Zügel und gab der Gesellschaft ein Zeichen, ihm zu folgen.
Man ritt um die Hütte herum und gelangte auf der Rückseite derselben in einen Hof, wo die Maultiere unter einem Schuppen untergebracht wurden, unter dessen Dach bereits ein Dutzend Pferde und Maultiere standen.
Wilhelm ließ die beiden Frauen absteigen, und bat sie dann, ihm zu folgen.
Isabella wandte sich zu dem Grafen.
»Ich fürchte mich!« sagte sie.
»Fürchtet nichts!« antwortete er; »ich wache über Euch.«
»Wenn wir etwas fürchten müssen,« sagte Wilhelm Coutet, welcher es gehört hatte, »so ist es gewiss nicht an diesem Orte, wo ich sehr viele Freunde habe.«
»Und wir?« fragte der Graf.
»Steckt Eure Pistolen in den Gürtel; ein solcher Schmuck ist in diesem Land, und zu der Zeit, in welcher wir reisen, kein bloßer Luxus. Dann erwartet mich hier.«
Er lud von den Packsatteln der Tiere das den Damen gehörende Gepäck, und schritt diesen in die Hütte voran,
Eine Frau erwartete sie daselbst, führte sie in eine Art Backstube, und zündete auf dem Herde ein großes knisterndes Feuer an.
»Bleibt hier, Madame,« sagte Wilhelm Coutet zu Isabella, »Ihr seid hier ebenso sicher wie im Gasthaus »zum goldenen Wachholderbaum«; ich werde jetzt hinausgehen, mich mit den Herren zu beschäftigen.«
Der Graf von Moret und Galaor hatten die Weisungen Wilhelm Coutet's befolgt, waren abgestiegen, hatten ihre Pistolen in die Gürtel gesteckt, und ihre Mantelsäcke, welche ihre Effekten enthielten, von den Tieren abgeschnallt.
Die Sicherheit, welche Coutet bot, erstreckte sich nicht auch auf die Habseligkeiten der Reisenden; er bürgte nur für die Personen.
Alle Drei machten sich nun auf den Weg, gingen wieder um die Hütte herum und betraten sie durch den Haupteingang, nachdem sie einen Augenblick an der Schwelle stehen geblieben waren.
Isabella erschrak nicht ohne Grund über die Gesellschaft, welche hier versammelt war. Weniger schüchtern als sie, zögerten die zwei jungen Männer zwar nicht, sich unter dieselbe zu mischen, aber der Blick, den sie mit einander wechselten, das Lächeln, das auf ihre Lippen trat, die fast gleichzeitige Bewegung ihrer Hände gegen die Kolben ihrer Pistolen, Alles zeigte, dass sie den Versicherungen Coutet's nicht unbedingten Glauben schenkten.
Dieser hingegen, der von seiner Kindheit an das Schmugglerhandwerk und Wilddieberei trieb, war ganz in seinem Elemente; er bahnte sich mit Ellbogen und Schultern einen Weg nach dem ungeheuren Camine, an welchem etwa zwölf Individuen von zweifelhaftem Aussehen sich wärmten.
Er sagte darauf zweien der Leute einige Worte in das Ohr, worauf diese sich sogleich erhoben und bereitwillig und ohne irgend ein Zeichen des Missvergnügens über die erlittene Störung den neuen Ankömmlingen Platz machten, indem sie ihre Sitze, das heißt die Warenballen, die ihnen Als solche gedient hatten, mit sich fortnahmen.
Die Mantelsacke wurden an die Stelle der Warenballen gelegt, und der Graf von Moret, sowie sein Page Galaor ließen sich auf dieselben nieder.
Der Blick, den setzt die jungen Leute auf ihre Umgebung warfen,rechtfertigte in ihrer Meinung vollkommen die Befürchtungen, welche Fräulein von Lautrec geäußert hatte.
Der größere Teil der Gesellschaft gehörte der ehrsamen Gilde der Schmuggler an, zu welcher auch Wilhelm Coutet zählte, die Anderen aber schienen Wilddiebe oder Wegelagerer, oder Beides zugleich zu sein. Es wurde hier in fast allen Sprachen gesprochen, gescherzt, geflucht, Italiener, Spanier, Deutsche, Franzosen waren in der zusammengewürfelten Sippschaft gleichmäßig vertreten.
Alle Belagerten, welche sich aus Casale hatten retten können, wo man Hungers starb, alle Deserteure, welche aus dem Mailändischen unter dem Vorwand wegliefen, dass man ihnen ihren Sold nicht regelmäßig auszahle, begaben sich zu jener Zeit in die Berge und übten hier jene geheimnisvollen Gewerbe, deren Schauplatz stets die waldigen Grenzgebirge zu sein pflegen.
Alle diese Elemente mischten sich untereinander und bildeten die Zuflüsse eines trüben Stromes, der sich dem Abgrund zu wälzte; über ihren Häuptern schwamm eine Dunstwolke, welche sich aus dem Tabakrauch und dem Dampfe heißer geistiger Getränke bildete; einige stinkende Talglichter, die entweder an der Mauer befestigt waren, oder auf den wackligen Tischplatten standen, verbesserten keineswegs die Atmosphäre, die sie schwach erhellten; die Flammen waren dabei von einem gelben Hofe umgeben, wie der Mond am Vorabende regnerischer Tage.
Von Zeit zu Zeit hörte man ein heftigeres Geschrei und sah in der Dunstwolke die Umrisse der Anwesenden sich heftig bewegen; das geschah, wenn zwischen einem Spanier und einem Deutschen, einem Italiener und einem Franzosen ein Streit ausgebrochen war; dann hielten sich Spanier, Deutsche, Italiener und Franzosen zu ihren Landsleuten; waren die Kräfte der Streitenden ziemlich gleich, dann wurde der Kampf allgemeiner; war aber Einer derselben bedeutend schwächer als der Andere, dann blieben die Übrigen teilnahmslose Zuschauer, und ließen die Beiden den Streit entweder durch einen Friedenskuß oder durch einen Messerstich beendigen.
Kaum hatten die beiden jungen Leute sich niedergesetzt und einigermaßen erwärmt, als eine jener Streitigkeiten, welche immer nur halb einschliefen, in einer Ecke des Zimmers wieder ausbrach. Deutsche und spanische Flüche, die man durcheinander hörte, verkündeten die Nationalität der Streitenden. Im Augenblicke sah man etwa ein Dutzend Leute sich erheben, welche die Absicht zu haben schienen, sich in jene Ecke zu stürzen, und an dem Streite teilzunehmen; da sie jedoch bemerkten, dass unter ihnen neun Spanier und nur drei Deutsche waren, sagten die Deutschen: »Es ist nichts!« und die Spanier ließen sich mit der Bemerkung nieder: »Lasst sie nur machen, sie werden schon miteinander fertig werden!«
Diese Freiheit des Handelns machte bald aus den beiden Streitenden zwei Kämpfende. Man sah, wie die Bewegungen den Worten folgten und mit diesen an Heftigkeit zunahmen; dann bemerkte man in dem Kreise, den die Kerzen erhellten, das Blitzen von Messern; Ausrufungen, welche erhaltene Wunden verrieten, wurden ausgestoßen und folgten in immer kürzeren Zwischenräumen; endlich ertönte ein grässlicher Schrei, ein Mann warf alle im Wege stehenden Stühle und Tische über den Haufen und rannte zur, Türe hinaus, und am Boden ließ sich das Röcheln eines Sterbenden vernehmen.
In dem Augenblicke, wo der Graf von Moret die Klingen der Messer funkeln sah, machte er eine Bewegung, sich in den Kampf zu mischen, um dem Schwächeren beizustehen, allein eine Hand von Eisen hielt ihn auf seinem Sitze fest.
Es war Wilhelm Coutet, der ihm diesen eben so klugen, wie menschenfreundlichen Dienst erwies.
»Um Gottes willen,« flüsterte er ihm zu, »rührt Euch nicht von der Stelle!«
»Aber Ihr seht doch, dass Einer den Andern umbringt!«
»Was kümmert das Euch,« antwortete Wilhelm Coutet ruhig; »lasset die Leute nur gewährend«
Und man ließ sie in der Tat gewähren.
Das Resultat war, dass der Eine, nachdem er den Stich ausgeteilt hatte, entfloh, und der Empfänger dieses Stiches sich erst an die Mauer stützte, dann längs derselben herabglitt und auf dem Fußboden röchelnd den Tod erwartete.
Da es der Deutsche war, welcher den Kürzeren gezogen hatte, überließ man es nun seinen zwei oder drei Landsleuten, den noch leise atmenden Körper vom Boden aufzuheben und auf die Tischplatte zu legen.
Der Stoß war von unten nach oben geführt worden, zwischen der sechsten und siebenten Rippe eingedrungen und hatte das Herz getroffen, was sich ebenso aus der Beschaffenheit der Wunde, wie aus dem schnell eintretenden Tode erkennen ließ; denn kaum lag der Körper des Verwundeten auf dem Tische, als er eine letzte Zuckung machte, und dann sich streckte, um endlich unbeweglich zu bleiben, weil das Leben aus ihm entflohen war.
Da weder Freunde noch Verwandte zugegen waren, erschien es billig, dass die Landsleute des Verstorbenen ihn beerbten, und Niemand fiel es ein, sich diesem Vorhaben zu widersetzen. Man plünderte den Todten, teilte sein Geld, seine Waffen und seine Kleider, und ging dabei mit einer Ruhe und Genauigkeit zu Werte, als ob man die natürlichste Sache von der Welt täte. Als die Teilung zu Ende war, nahmen die Deutschen den Leichnam, dem sie das Hemd gelassen hatten, auf die Schultern, trugen ihn an eine Stelle des Weges, der sich hart neben einem etwa tausend Fuß tiefen Abgrund befand, und stürzten ihn dort hinab.
Nach einigen Sekunden hörten sie das matte Geräusch des unten auf den Felsen aufschlagenden Körpers, und kehrten dann ruhig in die Schenke zurück, wo sie ihre alten Plätze einnahmen.
Von Vater, Mutter, Familie, Verwandten, Freunden des Ermordeten war nicht die Rede; Niemand dachte auch nur daran. Wie hatte er geheißen, wer war er gewesen, woher war er gekommen? Man beschäftigte sich mit der Beantwortung dieser Fragen nicht im Allergeringsten. Es war eben um ein Atom weniger geworden in der Unendlichkeit und der Blick Gottes allein ist umfassend genug, um die Atome, Menschen genannt, zu zählen und zu übersehen.
Dieser Tod machte in der Schöpfung keine größere Lücke, als die Schwalbe, welche einen Weltteil verlässt, um einen anderen aufzusuchen, oder die Ameise, welche der Fuß des Wanderers zertritt.
Der Graf von Moret war jedoch durch dieses Ereignis um so mehr erschreckt worden, als er daran dachte, welchen Eindruck es auf Isabella, die von dem Schauplatz nur durch eine Bretterwand getrennt war, hätte machen müssen, wenn sie Augenzeugin desselben gewesen wäre.
Er verließ das Zimmer und schritt auf das Versteck zu, in welchem sie sich befand; die Wirtin saß auf der Schwelle.
»Seid nicht unruhig, mein schöner junger Herr,« sagte sie; »ich wache!«
In demselben Augenblicke und als ob sie das Kommen ihres Geliebten geahnt hätte, öffnete Isabella die Tür und sagte mit ihrem süßesten Lächeln:
»Seit willkommen, mein Freund; wir sind zum Aufbruch bereit und warten nur noch auf Euch!«
»Dann schließt die Tür, teure Isabella; ich gehe, Wilhelm Coutet und Galoor zu benachrichtigen; öffnet nur auf den Ruf meiner Stimme.«
Die Tür schloss sich wieder, und als der Graf sich umwandte, stand er seinem Führer gegenüber.
»Die Damen sind bereit,« sagte er ihm; »reisen wir so schnell als möglich ab; diese Atmosphäre schnürt mir die Brust zusammen.«
»Es ist gut; aber kehrt nicht mehr in die Hütte zurück; es ist nicht nöthig, dass man uns miteinander fortgehen sieht; ich werde Euch Euren Pagen herausschicken, und in zehn Minuten mit den beiden Mantelsäcken nachfolgen.«
»Fürchtet Ihr irgend eine Gefahr'««
»Es gibt Leute von allen Arten; Ihr habt selbst gesehen, was die da drinnen sich aus einem Leben machen.«
»Wie konntet Ihr uns hierher führen, da Ihr wusstet, unter welche Banditen wir geraten würden?«
»Vor zwei Monaten, wo ich diesen Weg machte, gab es noch keinen Krieg; dieser allein hat uns diese Schufte über den Hals gebracht; wenn ich ihre Anwesenheit hätte vorhersehen können, wären wir vorübergezogen.«
»Gut; benachrichtigt Galaor, wir werden dann die Tiere bereit halten, so dass wir, wenn Ihr kommt, nur aufzusitzen brauchen.«
»Ich gehe.«
Fünf Minuten später verließen die Reisenden so geräuschlos als möglich den Schlupfwinkel der Schmuggler und verfolgten wieder ihren Weg.
VI.
Die Seelen und die Sterne
Als sie aus dem Hofe hinausritten, machte Wilhelm den Grafen auf eine breite Blutspur aufmerksam, welche auf dem Schnee hinlief, und erst an der Stelle endete, wo der Leichnam über die Felsen hinabgestürzt wurde. Dieser Anblick ersparte jede Erklärung und die Reiter griffen unwillkürlich nach den Kolben ihrer Pistolen.
So wie Isabella früher nichts hörte, so sah sie auch jetzt nichts. Der Graf von Moret hatte ihr gesagt, sie könne ruhig sein, und sie war es.
Der Mond warf sein bleiches Licht über die schneebedeckte Landschaft und verbarg es nur von Zeit zu Zeit hinter mächtigen Wolken, welche am Himmel dahinjagten.
Der Weg war so gut, dass Isabella ihrem Tiere die Zügel lassen, und sich in Betrachtungen der Gegend und des Horizontes versenken konnte.
Man weiß, dass im strengen Winter die Sterne mit besonders hellem Glanz am Firmament funkeln, und namentlich kann man dies auf hohen Bergen sehen, welche die Dünste überragen, die auf den Niederungen lagern.
Von Natur zur Träumerei und Melancholie geneigt, verlor sich Isabella in ihren Betrachtungen.
Unruhig über ihr Stillschweigen – die Liebenden werden über Alles unruhig – sprang der Graf von Moret von seinem Maultiere herab und näherte sich Isabella.
»Woran denkt Ihr, Geliebte meiner Seele?« fragte er sie.
»Woran soll ich bei dem Anblicke dieses herrlichen Firmaments denken, mein Freund, wenn nicht an die unendliche Allmacht Gottes, und an den kleinen Platz, den wir in diesem Weltall einnehmen, das unser Stolz als für uns geschaffen betrachtet?«
»Was wäre es erst, wenn Ihr die wirkliche Größe aller dieser Welten kennt, die da um unsere Erde rollen und ihr unendlich überlegen sind.«
»Und Ihr kennt sie?«
Der Graf lächelte.
»Ich habe,« sagte er, »die Astronomie bei einem großen italienischen Meister studiert, der Professor in Padua war, und der, da er für mich eine besondere Freundschaft fühlte, mir seine Geheimnisse entdeckte, die er vor den Augen der Welt nicht zu enthüllen wagt, weil er für seine Sicherheit fürchtet.«
»Kann die Wissenschaft eine solche Geheimtuerei vertragen?«
»Ja, wenn die Geheimnisse im Widerspruch mit der heiligen Schrift stehen.«
»Man muss vor Allem glauben, Graf, und in einem wahrhaft religiösen Herzen geht der Glaube dem Wissen vor.«
»Vergesst nicht, teure Isabella, dass Ihr mit einem Sohne Heinrichs IV. redet, dass ich einen schlecht bekehrten Mann zum Vater habe, und dass dieser mir nicht sterbend – denn sein Tod war, ach,ein so rascher, dass er nicht Zeit hatte, an mich zu denken, – sondern bei seinen Lebzeiten empfahl, zu studieren, zu lernen, und wenn ich wissen würde, meinen Glauben nach freier Prüfung zu wählen.«
»Seid Ihr denn nicht Katholik?« fragte Isabella mit einer gewissen Unruhe.
»O ja! Beruhigt Euch hierüber,« sagte der Graf. »Indes lehrte mich mein Professor, ein alter Calvinist, jeden Glauben der Prüfung meines Verstandes zu unterwerfen und jede religiöser Theorie zurückzuweisen, welche damit anfängt, einen Teil der Vernunft zu Gunsten des Glaubens zu vernichten. Ich glaube daher, aber nur an das, wovon ich mir Rechenschaft geben kann, und es widerstrebt mir, irgend einen finsteren Glauben anzunehmen, welchen der mir nicht zu erklären vermag, welcher mir denselben predigt; das hindert mich übrigens nicht, mich in Gott zu versenken, zu dessen unendlicher Vaterliebe ich mich flüchten würde, wenn mich jemals ein großes Unglück träfe.«
»Ich atme wieder auf,« sagte Isabella lächelnd; »ich glaubte schon es mit einem Heiden zu tun zu haben.«
»Ihr habt es mit einem noch Schlimmeren zu tun, Isabella. Ein Heide lässt sich bekehren; ein Denker dagegen verlangt Aufklärung und indem er diese erlangt, das heißt in dem Grade, in welchem er sich der ewigen Wahrheit nähert, entfernt er sich von dem Dogma. Hätte ich zur Zeit Philipps II. in Spanien gelebt, teure Isabella, so würde ich höchst wahrscheinlich als Ketzer verbrannt worden sein.«
»O mein Gott! Doch aber, um wieder auf die Sterne zu kommen, welche ich betrachtete: was sagte Euer gelehrter Italiener von ihnen?«
»Etwas, was Ihr leugnen werdet, obwohl ich es für die reine Wahrheit halte.«
»Ich werde nichts leugnen, was Ihr mir versichert, mein Freund!«
»Habt Ihr schon am Ufer des Meeres gewohnt?«
»Ich war zweimal in Marseille.«
»Welche Tagesstunde hatte da den größten Reiz für Euch?«
»Die des Sonnenuntergangs.«
»Hättet Ihr nicht darauf geschworen, es sei die Sonne, welche den Himmel durchlaufe und sie sinke am Abend in das Meer?«
»Ich würde noch jetzt darauf schwören.«
»Nun, Ihr würdet irren; die Sonne steht auf einem Punkte und die Erde bewegt sich um dieselbe.«
»Unmöglich!«
»Ich habe Euch im Voraus gesagt, Ihr würdet widersprechen.«
»Wenn aber die Erde sich bewegt, so würde ich dies fühlen.«
»Nein, denn auf ihr bewegt sich auch die Atmosphäre, welche uns umgibt.«
»Wenn die Erde aber sich einfach bewegte, so müssten wir ja immer die Sonne sehen.«
»Ihr habt Recht, Isabella, und ich bewundere Euren scharfen Verstand. Die Erde bewegt sich nicht nur um die Sonne, sondern dreht sich auch um sich selbst; in diesem Augenblicke zum Beispiel beleuchtet die Sonne die uns entgegengesetzte Seite der Erde.«
»Aber wenn das wahr wäre, müssten wir den Kopf unten und die Füße in der Luft haben.«
»Gewissermaßen ist dem auch so, aber die Atmosphäre, von der ich sprach, umgibt und stützt uns.«
»Ich verstehe Euch nicht, Anton, und da ich nicht zweifeln will, reden wir lieber von etwas Anderem.«
»Wovon wollen wir reden?«
»Von dem, woran ich gedacht habe, als Ihr meinen Gedankengang unterbracht.«
»Und woran dachtet Ihr?«
»Ich fragte mich, ob alle diese Welten nicht erschaffen seien, um unsere Seelen aufzunehmen, wenn wir einmal gestorben sind?«
»Ich hätte Euch nicht für so ehrgeizig gehalten, teure Isabella.«
»Ehrgeizig? Und warum?«
»Nur zwei oder drei dieser Welten sind kleiner als unsere Erde: die Venus, der Merkur, der Mond, andere sind achtzig-, siebenhundert-, vierzehnhundert mal größer.«
»Von der Sonne begreife ich es; sie ist das ausgezeichneteste aller Gestirne; wir danken ihr Alles, sogar die Grundbedingung unseres Daseins; ihre Wärme, ihre Kraft, ihr Glanz durchdringen uns; sie macht nicht nur unser Herz, sondern das Herz der Erde schlagen.«
»Ihr habt in Eurer Einbildungskraft und der Euch angeborenen Poesie soeben mehr gesagt, als mein gelehrter italienischer Meister mit all' seinem Wissen sagen konnte.«
»Wie aber kommt es,« fuhr Isabella fort, »dass jene leuchtenden Punkte, welche wir über den Himmel verstreut sehen, größer sind, als unsere Erde?«
»Ich will nicht von jenen Sternen sprechen, die sich durch die allzu große Entfernung unseren Blicken entziehen, wie Uranus und Saturn; aber betrachtet jenen Stern von goldgelbem Glanz.«
»Ich sehe ihn.«
»Das ist der Jupiter; er ist 1414 mal größer als unsere Erde, auch hat er vier Monde, welche ihm ein beständiges Licht und einen ewigen Frühling verleihen.«
»Aber warum erscheint er uns so klein, da die Sonne uns doch viel größer vorkommt?«
»Das kommt daher, weil ihn die Sonne in der Tat fünfmal an Größe übertrifft, und wir von ihr nur 38 Millionen Stunden entfernt sind; von dem Jupiter dagegen 162.000 Millionen Stunden.«
»Aber wer hat Euch das Alles gesagt, Anton?«
»Mein gelehrter Italiener.«
»Und wie heißt er?«
»Galilei.«
»Und glaubt Ihr an das, was er Euch gesagt hat?«
»Ich glaube fest daran.«
»Nun, mein lieber Graf, ich muss gestehen, dass Ihr mich mit Euren Zahlen erschreckt, und ich glaube nicht, dass meine arme Seele sich je zu einer so weiten Reise entschließen wird.«
»Wenn wir eine Seele haben, Isabella!«
»Solltet Ihr daran zweifeln?«
»Es fehlt uns wenigstens der Beweis dafür.«
»Streiten wir hierüber nicht; ich habe das Glück, nicht so gelehrt zu sein, wie Ihr, und glaube daher an meine Seele.«
»Wenn Ihr an Eure Seele glaubt, so werde ich es versuchen, auch an der meinigen nicht zu zweifeln.«
»Nehmen wir also an, Ihr hättet eine Seele, und besäßet nach Eurem Tode die Wahl des Aufenthaltes, nach welcher Welt würdet Ihr Euren Flug richten?«
»Und Ihr, teure Isabella?«
»Ich gestehe, dass ich eine Vorliebe für den Mond habe; er ist das Gestirn der Liebenden.«
»In Bezug auf die Entfernung wäre Eure Wahl die beste, denn der Mond ist unser nächster Stern; er ist nur etwa 96.000 Stunden von uns entfernt; sonst aber würde sich Eure Seele auf demselben nicht gut befinden.« »Warum nicht?«
»Weil der Mond unbewohnbar ist, selbst für eine Seele.«
»O, welches Unglück! Seid Ihr dessen gewiss?«
»Urteilt selbst, liebe Isabella; die besten Teleskope von der Welt sind die von Padua und haben, wenn sie auf den Mond gerichtet waren, stets nur Unfruchtbarkeit und Öde gezeigt; keine Flüsse, keine Seen, kein Meer, kein Leben, keine Vegetation. Es ist möglich, dass der Mond auf seiner uns unsichtbaren Hälfte alles das besitzt, was ihm auf der uns zugekehrten Hemisphäre fehlt, aber der Zweifel bleibt und ich würde Euch nicht raten, Eure Seele dahin zu schicken, obwohl die meinige ihr unbedingt folgen würde.«
»Und Ihr, lieber Graf, der Ihr alle diese Welten so genau zu kennen scheint, als ob Ihr sie bewohnt hättet, auf welchen Planeten würdet Ihr meine Seele locken, wenn dieselbe nun eben so eigensinnig wäre, sich nicht von der Eurigen trennen zu wollen?«
»Ah,« sagte der Graf, »da würde ich mich nicht einen Augenblick bedenken, und nach der Venus die geistige Reise antreten.«
»Für einen Mann, welcher behauptet, kein Heide zu sein, wäre das ein sehr kompromittierender Aufenthalt; und wo ist diese Venus, der Planet Eurer Vorliebe?«
»Seht Ihr, teure Isabella, jenes bläuliche Licht, das dort am Himmel glänzt? Das ist die Venus. Sie ist die Vorläufern der Nacht so wie die der Morgenröte; der am hellsten strahlende Planet unseres ganzen Systems. Sie ist von der Sonne ungefähr 28 Millionen Stunden entfernt und empfängt von derselben zweimal mehr Licht und Wärme, als unsere Erde. Ihre Atmosphäre gleicht der unsrigen und obgleich sie kaum halb so groß ist, wie unser Erdball, hat sie Berge, welche 120.000 Fuß hoch sind. Da nun die Venus, so wie der Merkur, beinahe fortwährend von Wolken bedeckt sind, müssen sie von Flüssen und Bächen, die dem Monde mangeln, durchschnitten sein, welche den an ihren Ufern lustwandelnden Seelen ein liebliches Murmeln und eine erquickende Frische gewähren.«
»Bleibe es also die Venus!« sagte Isabella lachend.
Kaum war dieser Pakt geschlossen, als das Geräusch eilig sich nähernder Schritte vernehmbar wurde; die beiden Lachenden machten unwillkürlich Halt, und wandten sich nach der Seite, von welcher das Geräusch ertönte.
Sie sahen einen Mann, der in vollem Laufe daher kam, und da er nicht zu rufen wagte, mit dem Hut allerhand Zeichen machte, welche bei dem klaren Lichte des Mondes, der eben hinter einer Wolke hervortrat, deutlich sichtbar waren.
Dieser Mann hatte sicherlich der Karawane eine wichtige Mitteilung zu machen.
Als er nur noch hundert Schritte von ihr entfernt war, rief er Wilhelms Namen.
Wilhelm stieg von seinem Maultiere ab und lief dem Manne entgegen, den er für einen der beiden Schmuggler erkannte, die auf sein Zureden ihre Plätze am Feuer dem Grafen von Moret und Galaor abgetreten hatten.
Als die beiden Männer zusammentrafen, wechselten sie rasch einige Worte und eilten dann gemeinschaftlich auf die Reisenden zu.
»Schnell, schnell, Freund Jacquelino!« rief Wilhelm, der dem Grafen gegenüber absichtlich eine gewisse Vertraulichkeit zeigte, um den Schmuggler auf eine falsche Fährte zu bringen, »wir werden verfolgt, und es handelt sich darum, ein Versteck zu finden, in welchem wir uns, verborgen halten könnten, bis unsere Verfolger vorübergezogen sind.«