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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 17
Vierundzwanzigstes Kapitel
Eines Tages kam der Chevalier zu mir; ich hatte ihn seit einer Woche nicht gesehen.
– Madame, sagte er heftig, ich komme, um Sie um Rath zu fragen.
– Mich um Rath zu fragen? Manche unserer Freunde werden ohne Zweifel sagen, daß sie eine Thorheit begehen wollen.
– Eine Thorheit! Sagen Sie nicht, daß es eine Thorheit ist, ich habe lange darüber nachgedacht.
– Die überdachten Thorheiten sind die größten.
– Madame, Sie haben ohne Zweifel bemerkt, daß Aissé sichtlich abnimmt. Wissen Sie den Grund davon?
– Mein bester Chevalier, man behauptet, daß Sie sich Beide zu viel lieben.
– So meint die Welt! Wir lieben uns nicht zu viel. Kann man sich zu viel lieben? Wir lieben uns, wie wir uns nicht lieben sollen, das ist Alles. Ich erwarte sie; sie wird kommen, und dann werden wir zusammen davon sprechen.
– Mein Herr, Sie sind ein Sphynx!
– Ach, wenn Sie liebten, wie ich liebe! Sie würden bereits verstanden haben, daß ich daran denke, Aissé zu heirathen.
– Das ist eine große Parthie!
– Sie ist die einzige. Meine Tochter wird einen Namen und eine anerkannte Mutter haben. Ich bin dies meinen Gefühlen für sie schuldig, und ich werde es ausführen.
– Dann bedürfen Sie keines Rathes.
– Madame, Sie kennen Aissé; glauben Sie, daß ich eine Bessere finden könne?
– Gewiß nicht, weder als Freundin, noch als Geliebte; aber als Frau!
– Ach ja, sie hat kein Vermögen, sie ist Sklavin, sie ist die Tochter irgend einer Unbekannten. . . Sie sind wie Riom, der behauptet, daß seine Familie mir es nie verzeihen werde.
– Ich behaupte das Gegentheil nicht.
– Sie machen mich trostlos.
– Und die Familie hat vielleicht nicht Unrecht, was noch mehr ist. Warum soll man Aissé heirathen lassen? Was entsteht für Sie daraus?
– Sie verstehen mich nicht, Madame! Ich wollte, haß sie käme, und daß Sie sähen, wenn Sie Augen haben.
– Die Liebe, mein armer Chevalier, verdreht Ihnen den Kopf.
Es ist wahr, die Heirath mit dieser guten Aissé würde zu Nichts mehr geführt haben, als zu dem, was sie schon war. Was sie anbetraf, so war das ein anderes Ding, sie würde Alles gewonnen haben, was sie nicht besaß.
Die liebe Kleine kam; ich fand sie sehr bleich und verändert. Ihr reizendes Lächeln war traurig; aber dennoch war sie sehr glücklich, daß sie ihren Chevalier sah.
– Sehen Sie sie an, Madame, und Sie verstehen mich jetzt.
– Es kommt mir wirklich so vor, daß sie leidet.
– Nein, ich leide nicht, ich versichere es. Ich bin zufrieden, sehr zufrieden.
– Wie?
– Ist er nicht da?
– Ich bin nicht immer da, meine theure Aissé, und dies zehrt uns Beide auf. Es ist nöthig, daß ich stets bei Ihnen bin, und darüber wollen wir reden.
– Mein armer Chevalier, können Sie das Geschehene ungeschehen machen?
– Nein, meine Königin, aber ich kann die Zukunft ordnen.
– Leider! Wie wollen Sie das anfangen?
– Meine Gelübde sind nicht ewig, man kann sie aufheben. Ich habe Protectionen am römischen Hofe – ich werde mich davon entbinden lassen.
– Und dann?
– Dann?
– Nun ja.
– Dann werde ich der Königin meines Herzens mein Leben, Alles, was ich besitze, bringen. Dafür verlange ich von ihr, daß die Bande, die uns fesseln, unauflöslich sein mögen, und daß sie meine geliebte Frau wird, wie sie jetzt schon meine theure und geachtete Geliebte ist.
Nie werde ich den Ausdruck vergessen, den Aissé's Gesicht bei diesen Worten des Chevaliers annahm. Sie sah ihn zärtlich, freudig und stolz an, und saß einige Augenblicke schweigend, als ob sie ein Glück einsaugen wollte, das sie nie wiederfinden würde.
– Ach, mein bester Chevalier! rief sie.
Und zwei Thränen rollten langsam wie Perlen über ihre Wangen; sie trocknete diese Thränen nicht.
– Sie willigen ein, nicht wahr? Ich weiß, warum ich Sie deshalb befrage – würden Sie sich weigern können? Sie lieben mich!
– Gott weiß, ob ich Sie liebe, Chevalier!
– Aissé!
– Und eben deshalb lehne ich Ihren Antrag ab.
– Sie lehnen ab? rief ich.
– Sie lehnen nicht ab? rief der Chevalier, der falsch verstanden zu haben glaubte.
– Ich lehne ab. Madame; ich lehne ab, mein Freund!
Ich glaubte, sie wären Beide toll, toll auf ihre Weise; aber ich hütete mich wohl, dazwischen zu treten. Es giebt Dinge, in die man sich nicht mischen muß.
– Meine theuere Aissé, sagen Sie nicht, daß Sie mir mein Glück verweigern, ich werde es niemals glauben.
– Sie haben Recht, es nicht zu glauben, aber glauben Sie an Ihr Unglück. Und in Ihr Unglück werde ich nie willigen.
– Aissé! Meine theuere Aissé!
Er, der Tapfere und Unverzagte, den Kanonen und Schwerter nicht einen Augenblick wanken gemacht, er weinte. Mein Gott, wie schwach sind doch große Herzen vor ihren Empfindungen!
– Betrüben Sie sich nicht, Chevalier; Gott ist mein Zeuge, daß jede Ihrer Thränen mir schrecklicher ist, als ein Dolchstoß. So lange ich lebe, soll mich Nichts von Ihnen trennen, als Ihr eigener Wille. Was wollen Sie mehr?
– Ich will, daß Sie mir vor den Menschen angehören, wie Sie vor Gott mir angehören; es soll kein menschlicher Wille uns trennen können. Ich will versichert sein, daß ich stets so glücklich sein werde, wie ich es jetzt bin. Sollten Sie so grausam sein, und mich zurückstoßen?
– Mein bester Chevalier, Sie Philosophiren wie ein Verliebter von vierzehn Tagen, antwortete sie mit dem so sanften und traurigen Lächeln der Ergebenheit und Zärtlichkeit; wenn ich Sie heirathete, so gäben Sie Ihren Namen einer Sklavin, der Tochter eines Kameeltreibers, einem Geschöpfe, das man beschuldigt, es habe einem Herrn angehört, und habe sich sogar schlecht betragen. Kurz, ich bin Ihrer nicht würdig, Chevalier von Aydie, Ihre Familie wird uns Beide zurückstoßen, und sie hat Recht, wenn sie uns zurückstößt. Ich werde es nicht dulden, daß Ihnen meinetwegen irgend ein Kummer oder eine Beleidigung zugefügt werde.
– Ein Kummer! Bereiten Sie mir nicht einen größern, als dieser ist? Eine Beleidigung! Giebt es eine größere, als mich zurückzustoßen? Demnach verschmähen Sie mich wohl?
– Ich bewundere, ich verehre Sie, ich bete Sie an, und ich werde es stets für einen hohen Ruhm erachten, daß Sie mich für würdig gehalten, Ihre Gattin zu werden. Die einzige Art zu beweisen, daß ich es verdiene, ist, Sie zu bitten, diesen Wunsch zu vergessen.
– Ach, Madame, Sie hören und sehen sie; Kummer und Gewissensbisse tödten sie – ja, sie hat Gewissensbisse, sie ist unglücklich über mein Glück, und deshalb will sie es mir rauben. – Die Grausame will sich von mir trennen!
Nun schlossen sie sich einander in die Arme, und Nichts konnte rührender sein, als die Unterhaltung, die nun folgte; sie hätte einer Bildsäule Thränen entlocken müssen.
Aber Aissé blieb fest; um sie nachgiebig zu machen, sprach er von seiner Tochter und dem Vortheile, der ihr daraus erwüchse.
– Sie wird keinen Vortheil davon haben, antwortete sie. Meine Tochter wird eben so gern gesehen und geehrt sein, wenn Sie die Mutter in ihrer bescheidenen Stellung lassen. Wenn Sie mich nicht heirathen, werden Sie Niemanden heirathen.
Die Klugheit und Logik dieses jungen Mädchens waren bewunderungswürdig, sie opferte ihre Zukunft der ihres Geliebten, und Nichts konnte sie erschüttern.
Jeden Tag wiederholte er sein inständiges Bitten, und auch uns ging er an, sie zu überreden; er beschuldigte uns der Herzlosigkeit und daß wir seinen Tod wollten, weil wir Aissé seinem Wunsche nicht geneigt zu machen suchten.
Frau von Villette und Lord Bolingbroke thaten Alles, was sie vermochten; ich zeigte weniger Eifer, ich bekenne es, denn ich fand diese Verbindung wenigstens unnütz. Die beiden Liebenden erschienen mir, wie sie waren, glücklicher und mehr an ihrem Platze. Eine Heirath war mir ein schwarzes Ungeheuer, die meinige lastete schwer auf mir.
So blieben die Dinge lange Zeit, bis der Zufall ihnen eine Person beigesellte, die die Katastrophe beschleunigte und diesen hübschen und gefühlvollen Roman zu Ende führte.
Es ist mir nie möglich gewesen, so zu lieben, und ich habe stets Gott dafür gedankt, denn mir scheint, daß die heftigen Leidenschaften den Menschen, und Vorzüglich den Frauen, geschickt sind, um sie zu peinigen und elend zu machen. Obgleich ich achtzig Jahre alt bin, habe ich nicht eine gesehen, die zu einem gedeihlichen Ende führte.
Dies zur Nachricht für meinen niedlichen Secretair.
– Madame spricht von der Liebe, wie von den Farben; sie ist blind, sie hat niemals geliebt!
Dritter Band
Erstes Kapitel
Ich habe das Schreiben ziemlich lange eingestellt, da ich unpäßlicher war, als gewöhnlich. Ich habe mir eben die letzten Seiten meiner Erzählung vorlesen lassen, und mit Ueberraschung gesehen, daß nichts in der Ordnung ist. Mein Gedächtniß läßt mich zuweilen im Stiche, so daß mich Jemand an das erinnern muß, was ich schon gesagt habe, und mein kleiner weiblicher Secretair – ich glaube, ich erfinde dieses Wort – ist noch gedankenloser, als ich vergeßlich bin. Sie hat mich also nicht aufmerksam gemacht, daß sich in der Geschichte des Fräulein Aissé sehr unangenehme Wiederholungen und Versetzungen finden. Ich kann keine Hand daran legen, ohne Alles umzuschmelzen, und die Zeit drängt, denn ich möchte diese Memoiren beenden, ehe ich sterbe, und ich habe nur noch Tage der Gnadenfrist übrig.
Die Einsicht und der gute Wille des Lesers werden nachhelfen. Er wird zum Beispiel einsehen, daß die Scene im Palais-Royal vor dem von Aissé an den Regenten geschriebenen Briefe vorgeht; er wird einsehen, daß die zweimal wiederholte Erwähnung ihrer Niederkunft ein Gedächtnißfehler und Alles ein Versehen des thörichten Kindes ist, die ich endlich einmal verabschiedet habe und die ich nicht mehr zum Secretair haben will. Ich gebe dem getreuen Viard sein Scepter, das heißt seine Feder, zurück. Er hat mir versprochen, zu schreiben, was ich ihm dictiren werde, ohne Bemerkungen zu machen, selbst wenn ich seiner Meinung über die, für welche er Vorliebe hegt, entgegentrete; seitdem bedarf ich keines Anderen, als seiner: Hat sie nicht auch von mir niedergeschrieben, daß ich beinahe Lauzün geheirathet hätte? Wenigstens zur linken Hand! Da können einem wohl die Gedanken verleidet werden.
Kehren wir zu Fräulein Aissé zurück und bemächtigen uns ihrer, um sie nicht wieder zu verlassen.
Fräulein Aissé reiste mit Frau von Fériol nach Burgund, das heißt nach dem Schlosse Pont-de-Veyle ab, wo ihre Freunde zuweilen einige Zeit zubrachten, wenn Frau von Fériol es über sich gewinnen konnte, Paris zu verlassen. Sie folgte ihnen aus guten Gründen, denn ihr ganzes Leben und Glück war von dem Chevalier abhängig. Er benutzte den Augenblick, um selber zu seiner Familie zu gehen. Sie sahen sich also getrennt und auf die Correspondenz beschränkt, was ein großer Schmerz für diejenigen ist, welche sich auf solche Weise lieben.
Fräulein Aissé war traurig und schwermüthig; sie wanderte allein unter den schönen Bäumen des Parks und floh die zahlreichen Besuche, die sich zu ihrer Beschützerin drängten, wie es in der Provinz bei allen Schloßdamen gebräuchlich ist.
Indessen kam Eine an, die sie nicht zurückwies, denn die Erkenntlichkeit machte es zur Pflicht, sie zu empfangen. Es war eine Freundin der Fériol, ja noch mehr, es war eine Verwandte der Lady Bolingbroke und sie kam von ihr.
Diese Person war Frau von Calandrini aus Genf, Ihr Gemahl war ein Genfer, aber sie eine Französin und Tochter des Herrn von Pelissary, Generalschatzmeisters der Marine. Eine ihrer Schwestern hatte den Vicomte Saint John, Vater des Lord Bolingbroke, ein Kind aus früherer Ehe, geheirathet.
Sie brachte einige Wochen in Pont-de-Veyle zu und schloß sich so an die schöne Griechin an, daß sie ihr versprach, im folgenden Winter nach Paris zu kommen, um noch weiter mit ihr zu verkehren.
Frau von Calandrini war eine Person von Geist, sehr tugendhaft und ein wenig prüde, wie Alles, was von Genf kommt, aber bei einiger Bekanntschaft gemäßigt. Sie erfuhr sehr bald das Liebesverhältniß unserer jungen Leute, um welches alle Welt wußte, und darauf baute sie einen Besserungsplan.
Sie begann Aissé sanft zu predigen und ihr zu wiederholen, daß eine Lage, wie die ihrige, für ein Mädchen von Ehre nicht haltbar sei. Sie stellte ihr vor Augen, was sie ihre Aufführung nannte, und machte sie auf den ganzen Greuel aufmerksam. Das arme Mädchen! Eine solche Liebe!
– Sie können nicht so leben, mein Fräulein, sagte sie zu ihr. Heirathen Sie den Chevalier, das sollten Sie für Ihre Tochter und für sich thun, oder —
– Den Chevalier heirathen, Madame! Ich liebe ihn zu sehr – ich liebe meine Tochter zu sehr, um eine solche Handlung zu begehen. Ich habe es oft gesagt, ich bin seiner nicht würdig, und meine Tochter ohne Mutter ist glücklicher und besser gestellt, als mit einer Mutter wie ich. Sie ist nur die Tochter des Chevalier, und die Tochter des Chevalier wird gewiß ebenso wie er empfangen, geliebt und mit Aufmerksamkeiten überhäuft werden, wie er selber.
– Da zaudern Sie nicht, meine Königin, fassen Sie Muth und brechen Sie Ihre Bande.
– Madame!
– Sein Sie die Freundin des Chevalier, sein Sie seine Schwester, sein Sie nicht mehr seine Geliebte. Er wird Sie ebenso sehr lieben, und Sie werden Ihre eigene Achtung und die Anderer wieder erlangen.
– Madame, wir werden daran sterben.
– Man stirbt nicht, weil man seine Pflicht thut.
– Ach! ich muß also den Mann, den ich so glücklich machen möchte, zur Verzweiflung bringen. – Diese Leidenschaft hat Allem widerstanden: dem Schmerze, den Verfolgungen, der Abwesenheit. Er ist in das Innere Polens gegangen, und von dort hat er mir glühende Briefe geschrieben und nur an mich gedacht. Seine Familie, meine Beschützer, meine Freunde haben sich zwischen uns gestellt; wir haben ihre Strenge und ihre Zärtlichkeit entwaffnet. Nichts hat uns trennen können, und nichts könnte uns jetzt veruneinigen, da Alles uns an einander fesselt.
– Wenn Sie eine Christin sind und Ehrgefühl besitzen, können Sie keinen Augenblick zaudern.
– Ich werde nie vermögen, ihn zu betrüben, Madame.
– Ach! ich traute Ihnen mehr Seelengröße, mehr Glauben, mehr Vertrauen auf Gott zu.
– Ich liebe die Tugend, Madame, der Himmel ist mein Zeuge, daß ich sie mehr als Alles liebe, aber ich kann nicht an den Schmerz des Chevalier denken, ohne daß meine Seele sich in Thränen ergießt. Wenn Sie Frau Fériol gewesen wären, und mir Ihre festen Grundsätze mitgetheilt hätten, würde ich nie davon abgewichen sein, während jetzt —
– Jetzt ist es nicht zu spät zur Besserung, es ist niemals zu spät. Wenn Sie mich lieben, thun Sie es für mich.
– Wenn ich Sie liebe! Ich liebe Sie wie meine Mutter, wie meine Tochter, wie meine Schwester, wie meine Freundin, wie Alles, was man auf dieser Welt lieben kann.
– Dann muß Ihnen Alles leicht werden, um mir gefällig zu sein.
– Ja, aber der Chevalier! Ihn liebe ich wie meinen Geliebten!
– Sie sind sehr krank, meine liebe Aissé.
– Und nur der Tod wird mich heilen, Madame.
Diese Unterredungen wurden oft erneuert; es verging kein Tag, ohne daß die Genferin ihr altes Lied anstimmte. Aissé widersetzte sich nach besten Kräften, aber sie wich Schritt für Schritt, und endlich kam sie dahin,, zu versprechen, daß sie versuchen wolle zu gehorchen.
Wir sahen sie traurig, krank, beständig beschäftigt. Niemand wußte, womit; sie rief häufig den Chevalier herbei, stieß ihn von sich und überhäufte ihn mit Liebkosungen, bat ihn um Verzeihung und flehte ihn an, sich zu entfernen. Sie weinte ganze Tage und Nächte und wollte sich nicht gegen uns erklären. Der arme d'Aydie verlor seine Wissenschaft, aber niemals seine Geduld. Er erbot sich beständig, sie zu heirathen, bat sie dringend, einzuwilligen, und entfernte sich trostlos, wenn sie ihm händeringend sagte:
– Nein, nein, das ist es nicht, im Gegentheil.
Und das arme Mädchen schwand immer mehr dahin; das Fieber verließ sie nicht und untergrub ihre Gesundheit, bis es ihr Uebel unheilbar gemacht hatte. Diese Frau von Calandrini kann wohl sagen, daß sie sie mit ihrer Tugend und ihren Predigten gemordet hat.
Aissé ging, ihre Freunde wiederzusehen, die sie verlassen hatte, um neue Kräfte zu sammeln; sie warf sich in die glühendste Frömmigkeit und wurde von der Stimme ihres Gewissens unterstützt, welche ihr zurief, den Nachschlägen der Weisheit zu gehorchen. Von Genf zurückkehrend, hielt sie sich in Sens auf, besuchte ihre Tochter und fand sie als das liebenswürdigste Kind, und in den wenigen Tagen, die sie mit ihr zubrachte, wurde sie in ihrer Absicht noch bestärkt, so daß sie völlig entschlossen zurückkehrte.
Als ich sie wiedersah, umarmte sie mich zärtlich, und ohne mir zu sagen, um was es sich handelte, bat sie mich, den Chevalier oft zu sehen, ihn zu zerstreuen, ihn mit mir zu nehmen und zu machen, daß er so viel wie möglich bei Hofe bleibe, obgleich sie sich sonst so sehr beklagt hatte, wenn er dorthin ging.
– Und warum das Alles? fragte ich sie,
– Weil ich im Begriff bin, ihm großes Leid zuzufügen, und weil seine Freunde machen müssen, daß er es vergißt.
– Wenn Sie ihm Leid zufügen, meine Königin, thun Sie sich selber ebenso viel, wie ihm, wie es mir scheint; denn sie kehren in einem traurigen Zustande zu uns zurück. Sorgen Sie erst für sich, heilen Sie sich und fügen Sie ihm dann Leid zu, wenn Sie im Stande sind, es zu ertragen.
Sie antwortete mir nicht und erhob die Augen zum Himmel, als wollte sie ihm ihr eigenes Glück und das ihres Geliebten opfern. Sie sah ihn wieder, sie brachte zwei Tage mit ihm zu, ohne ihm irgend etwas zu gestehen, und zeigte sich zärtlicher und liebevoller, als je. Als er sie endlich verließ, sagte sie, indem sie ihm die Hand zum Kusse reichte:
– Morgen, mein Chevalier, wirst Du einen Brief von mir erhalten.
– Und warum einen Brief? Werde ich Dich denn nicht sehen?
– Ich weiß es nicht, aber ich werde Dir dennoch schreiben.
– Dies beunruhigt mich, Aissé.
– Beunruhige Dich nicht, es ist nichts Anderes, als was sehr gut für uns ist.
– Mein Gott! willigst Du denn ein!
– Ich willige in das, was das Beste für uns Beide ist.
Am folgenden Tage erhielt er in der That diesen Brief, wovon er mir die Abschrift gegeben hat:
»Ich zittere, mein Chevalier, indem ich zum erstenmal in meinem Leben an Dich schreibe, denn ich fürchte, daß dieser Brief von Dir übel ausgelegt werde. Ich will mit aller meiner Zärtlichkeit, mit der größten Zärtlichkeit, die je vorhanden war, mit Dir reden; ich werde Dich vielleicht betrüben, aber ich beschwöre Dich, mein Herz nicht zu beschuldigen. Ich liebe Dich nur zu sehr.
»Wenn ich Dich schwach liebte, würde ich nicht den nöthigen Muth zu dem Opfer finden, welches ich darbringe. Es scheint mir, als sei es weniger wegen meines Seelenheils, als um Dich glücklich zu machen. Wir können und müssen einander lieben, aber nicht wie wir uns jetzt lieben; dies ist nicht gut, es ist eine Verletzung des göttlichen Gesetzes, und wenn Du nicht willst, daß ich sterben soll, so mußt Du der Qual, die ich erdulde, ein Ende machen, indem Du meiner Reue Raum gibst. Ich kann und will nichts weiter sein als eine Schwester, mein Freund. Ich darf Dein Dasein nicht verkümmern, indem ich mich zwischen Dich und die Zukunft werfe. Du bist frei, Chevalier, und Du kannst die Hoffnungen, die Du hegst, auf andere Pläne setzen. Nichts wird die Zärtlichkeit vermindern, die ich für Dich hege; so lange ich lebe, werde ich Deine Aissé sein; ich kann nur Dich lieben, und Dein Glück wird das meine sein.
»Ich habe Gott versprochen, nichts weiter für Dich zu sein, als was ich sein darf, Du wirst nicht machen wollen, daß ich dieses Gelübde breche; besonders sage mir nicht, daß Du dadurch leidest, denn ich würde es nicht halten können, und ich würde zu gleicher Zeit nicht leben können bei der Qual, die ich erdulden müßte. Die Unordnung dieses Briefes zeigt Dir, in welcher Lage ich bin.
»Ich empfehle Dir eine kleine Person, die Du liebst. Uebertrage auf sie die Freundschaft, die Du für mich hegst. Sei Du für sie, was Du für die arme Aissé bist, und wenn ich sie in Deinen Händen weiß, werde ich zufrieden sterben. Ich kenne Dich Wohl, mein Chevalier, ich weiß, was Du werth bist, und Niemand wird Dir so viel Gerechtigkeit widerfahren lassen, wie ich. Darum rechne ich darauf, daß Du meine Bitte erfüllen wirst. Komm nicht heute, komm nicht morgen, komm nur, wenn Du Deiner völlig gewiß bist. Antworte mir, nachdem Du nachgedacht Hast, und habe Mitleid mit meinem Schmerze, der nur lebhafter sein könnte, wenn Du ihn theiltest.«
Als Herr von Aydie diesen Brief erhielt, lief er zuerst zu dem Chevalier von Froulay, seinem Herzensfreunde, der auch große Vollkommenheit besaß, wenn auch nicht den Reiz des Geliebten Aissé's. Voltaire sagte, er habe von diesen vollkommenen Chevaliers das Modell zu seinem Coucy in Adelaide Duguesclin entlehnt. Sie kamen zugleich zu mir; d'Aydie war ganz verstört und zeigte mir diesen Brief.
– Ach! Madame, sehen Sie, was sie mir schreibt, und was es bedeutet, rief er.
– Es ist das Werk der Genferin, antwortete ich; ich habe es langst gefürchtet. Und was werden Sie thun?
– Er muß den Wünschen seiner Freundin gehorchen, Madame, entgegnete Herr von Froulay; es ist nicht die Sache eines galanten Mannes, eine Dame mehr zu verpflichten, als sie es will.
– Sie wird ihren Sinn ändern!
– Sie wird ihren Sinn nicht ändern, Madame. Sie kennen Aissé nicht, wie ich sie kenne. Von dem Augenblick an, wo sie sich entschieden hat, dies zu schreiben, ist sie entschlossen gewesen. Sie kämpft ohne Zweifel schon lange mit sich selber, und daher nahm sie ab. Jetzt hat sie ihren Entschluß gefaßt.
– Nun, Chevalier, so fassen Sie auch Ihren Entschluß.
– Ich werde davon sterben.
– Sie werden beide davon sterben, denn sie wird dem nicht widerstehen, davon bin ich überzeugt.
– Ach! Madame, warum sollen wir einander so viel Kummer verursachen? Und glauben Sie denn, daß die Tugend darin besteht?
Es war nicht meine Sache, zu antworten, und Herr von Froulay that es auch nicht.
Die arme Aissé weigerte sich acht Tage lang, ihn zu sehen. Nach Verlauf dieser Zeit kam die treue Sophie ganz in. Thränen und sagte, daß ihre Herrin sehr krank sei. Man müsse den Chevalier zu ihr schicken, ohne sie vorher davon zu benachrichtigen, denn sie würde sich sonst weigern, ihn zu sehen, und gewiß unterliegen, wenn man nicht alle mögliche Vorsicht anwende.
Der Chevalier eilte dorthin und wurde wider ihren Willen eingelassen, warf sich auf seine Knie, weinte, zeigte ein niedergeschlagenes Gesicht und bat, ihn nicht fortzuschicken. Sie wurde in tiefster Seele davon gerührt, und Frau von Calandrini hatte auch diesmal Unrecht, wie ich es vorhergesehen hatte.
Aber von diesem Augenblick an war Aissé dem Tode verfallen: der beständige Kampf, der zwischen ihrem Herzen und ihrer Vernunft, zwischen ihren Gewissensbissen und allen Empfindungen ihrer Seele vorgegangen, wurde endlich unmöglich zu ertragen, und machte noch keinen Eindruck auf sie. Ihr Leben wurde unerträglich, sie wollte und wollte nicht, sie stieß diesen armen Mann von sich und rief ihn dann wieder zurück; sie bat, sie weinte, sie litt bis zum Schreien, wie eine Frau, die in den Wehen liegt. Wir hatten alle Mitleid mit ihr. Ihr Leiden verursachte uns selber Schmerz.
Es geschah, was man nicht hätte voraussehen können, und der Himmel bediente sich, um sie zu sich selber zurückzurufen, der Person, die auf der Welt am wenigsten dafür geeignet war.
Frau von Parabère setzte es sich in den Kopf, sie beichten zu lassen. Sie sprach mehrmals mit ihr davon und sagte, sie würde viel ruhiger sein, wenn sie sich dazu entschlösse. Als ich ihr mein Erstaunen zu erkennen gab, daß sie sich in einen Apostel verwandle, sagte sie:
– Hören Sie, wozu ich mich entschlossen habe. Ich habe eine Tante, die sich in das Magdalenenkloster zu Traisnel zurückgezogen hat, nicht um Herrn von Argenson mit den Nonnen zu empfangen, sondern um dort wirklich in Gott zu leben. Sie hat mich rufen lassen, ich bin zu ihr gegangen, und es war in der Absicht, um mir zu predigen. Ich hatte nicht Lust, ihre Paternoster anzuhören; aber ich sah eine Frau, die das ganze Jahr an fünf oder sechs Krankheiten leidet, eine Frau, die auf alle Weise niedergedrückt, zu Grunde gerichtet ist, von ihren Kindern gequält, von ihrem Gatten verfolgt wird, der sie in ihrer Jugend zwei- oder dreimal hat ermorden wollen, ich sah diese Frau ruhig, gefaßt, glücklich, Gott für Alles preisend, Alles auf ihn beziehend und so resignirt und ihre Kreuze auf solche Weise tragend, daß sie mir zu denken gab, und daß mir sogleich diese arme Aissé einfiel, die ich so sehr liebe. Sie werft sich in die Arme der Religion und sie wird geheilt werden.
– Ah! ich verlange nichts Besseres, antwortete die Kranke; aber vorher muß ich ganz mit dem Chevalier abschließen, und er muß es annehmen. Dies kann ihm jetzt nicht schwer werden, denn ich bin nur ein Gegenstand, um Schrecken zu erregen.
– Fürs Erste sind Sie kein solcher Gegenstand, meine Königin, sondern Sie werden genesen, Sie werden wieder schön werden, und das wird ihm schwer werden.
– Frau von Parabère hat Recht, versetzte ich; aber das halte Sie nicht zurück, thun Sie, wie es Ihnen am Besten scheint, und denken Sie nicht an das Uebrige. Der gute Gott ist nicht so bedenklich wie die Menschen, dessen bin ich gewiß, und er sieht, was sie nicht wissen. Wenn Sie einen Beichtvater wollen, werde ich Ihnen einen vortrefflichen zuführen. Ich kenne den Pater Boursault als einen Mann von Geist, und er versteht die Frauen.
– Ich nehme ihn an. Nur, wie sollen wir uns von Frau von Fériol frei machen? Wenn sie oder Frau von Tencin unsere Pläne erführen, würden mehr Intriguen um mich her vorgehen, als wir Zeit haben würden, ihnen zu widmen. Frau von Fériol würde mir einen molinistischen Beichtvater zuführen; Frau von Tencin, die mich haßt, würde Mittel finden, diese für eine Sterbende sehr natürliche Handlung zu vergiften. Wir wollen nichts davon sagen. Ich werde diesen Abend an den Chevalier schreiben, ihm unsere Absichten mittheilen, und seine Einwilligung verlangen, denn ich will ihm nichts verbergen.
Sie schrieb in der That einige Zeilen, um ihn an ihren ersten Brief zu erinnern und ihn darauf zu verweisen. Diese Zeilen haben sich nicht wiedergefunden, aber hier ist die Antwort des Chevalier, und man kann so diese vollkommenen Liebenden nach einander beurtheilen:
»Dein Brief, meine liebe Aissé, rührt mich mehr, als er mich ärgert; er hat ein Ansehen der Wahrheit und einen Geruch der Tugend, dem ich nicht widerstehen kann. Ich beklage mich über nichts, da du mir versprichst, mich immer zu lieben. Ich gestehe, daß ich nicht dieselben Grundsätze hege, wie Du; aber ich bin, Gott sei Dank, noch weiter von dem Geiste der Proselytenmacherei entfernt, und ich finde es sehr recht, daß jeder dem Lichte seines Gewissens folgt. Sei ruhig, sei glücklich, meine liebe Aissé, an den Mitteln liegt mir nichts; alle werden mir erträglich erscheinen, wenn sie mich nicht aus Deinem Herzen verbannen. Du wirst an meinem Benehmen sehen, daß ich Deine Güte verdiene. Ei! warum solltest Du mich nicht lieben, da es die Aufrichtigkeit und Reinheit Deiner Seele ist, die mich an Dich fesselt. Ich habe es Dir wohl tausendmal gesagt, und Du wirst sehen, daß ich Dich nicht täusche; war es recht, daß Du wartetest, bis die Erfolge Dir bewiesen, was ich Dir gesagt, um es zu glauben? Kennst Du mich nicht hinlänglich, um dieses Vertrauen zu mir zu haben, welches die Wahrheit immer den Leuten einflößt, welche fähig sind, sie zu empfinden? Halte Dich von diesem Augenblick an überzeugt, meine liebe Aissé, daß ich Dich so zärtlich liebe, wie es nur möglich ist, so rein, wie Du es wünschen kannst. Glaube vor allen Dingen, daß ich weiter, als Du selber, entfernt bin, je eine andere Verbindung einzugehen. Ich finde, daß nichts an meinem Glücke fehlen wird, so lange Du mir gestattest, Dich zu sehen und mir zu schmeicheln, daß mich als den Mann ansehen wirst, der Dir auf der Welt am meisten ergeben ist. Ich werde Dich morgen sehen und ich selber werde Dir diesen Brief überliefern. Ich habe lieber an Dich schreiben, als mit Dir reden wollen; denn ich fühle, daß ich die Sache nicht mit Dir würde besprechen können, ohne die Fassung zu verlieren. Ich bin noch zu empfindlich; aber ich will nur das sein, was Du willst, daß ich sein soll; und bei der Wahl die Du getroffen, wird es hinreichend sein, Dich meiner Ergebenheit und der Beständigkeit meiner Zuneigung in allen Lagen zu versichern, in welche es Dir gefallen wird, sie zu führen, ohne Dich die Thränen sehen zu lassen, die ich zu vergießen nicht würde verhindern können, die ich aber verleugne, da Du mir die Versicherung gibst, daß Du stets Freundschaft für mich hegen wirst. Ich wage es zu glauben, meine liebe Aissé, nicht nur weil ich weiß, daß Du aufrichtig bist, sondern auch, weil ich überzeugt bin, daß eine so zärtliche, so treue und delicate Neigung wie die meinige den Eindruck machen wird, den sie auf ein Herz wie das deine machen muß.«
Das Opfer war also von beiden Seiten dargebracht, und wurde vielleicht Aissé schwerer als ihrem Geliebten. Dieser war indessen in einem Schmerze, in einer Angst, die wohl Mitleid zu erregen im Stande war. Alles, was die Kranke umgab, bis auf ihren kleinen Hund, der ihn schon am Ende der Straße witterte, und seine Ankunft durch ein freudiges Gebell anmeldete, bis auf die Kuh, welche die Milch lieferte und für welche er Heu kaufte, Alles war ein Gegenstand seiner Sorgfalt. Nichts glich seinem Zustande, wir waren nur beschäftigt, ihn zu beruhigen, und er glaubte Leben durch Freigebigkeit zu erkaufen. Dem Einen gab er so viel Geld, daß er seinen Sohn ein Handwerk lernen lassen konnte, einem Anderen Geld, um Bänder und Pelzkragen zu kaufen, denn er strebte gleichsam nach der Thorheit.
Wir fragten ihn, wozu diese Verschwendungen führen sollten.
– Alle, die sie umgeben, zu bewegen, Sorge für sie zu tragen, sagte er.
Man kann sich diesen Schmerz, diese Leidenschaft, diese Nachforschungen nicht vorstellen. Er entfernte sich an dem Tage dieser Beichte. Frau von Parabère führte Frau von Fériol, ich weiß nicht wohin; während dieser Zeit fuhr ich in der Kutsche dieser königlichen Sünderin, um den Pater Boursault aufzusuchen, welcher mit gutem Herzen herbeieilte und drei Stunden bei ihr blieb.
Er kam am folgenden Tage wieder und den darauf folgenden Tag, während Frau von Fériol beständig abwesend war, und am Sonnabend nachher ertheilte er ihr die Absolution und die Communion. Wir mußten alle dabei zugegen sein, der Chevalier wollte es auch, doch wurde es nicht gestattet und er blieb der Leute und des guten Beispiels wegen im Nebenzimmer.
