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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 18

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Nie wurden so viel Thränen vergossen. Aissé war himmlisch. Sie empfing das Viaticum mit einer engelgleichen Andacht und Begeisterung. Als sich alle entfernt hatten und wir allein waren, und Pater Boursault noch dablieb, ließ man den untröstlichen d'Aydie eintreten.

Er warf sich neben ihrem Bette auf die Knie nieder, sein Herz schien im Begriff zu brechen, und sie reichte ihm die Hand.

– Mein Freund, sagte sie, ich bin sehr glücklich, ich bin wiedergeboren. Es ist mir gestattet. Dich rein und heilig zu lieben, und ich liebe Dich mit so vieler Zärtlichkeit, wie nur je, doch bleibt in meiner Zärtlichkeit nichts von dieser Welt zurück. Ich werde Dich erwarten.

– Aissé! meine liebe Aissé!

– Wir haben große Fehler begangen, ich habe bereut, bereue Du auch. Wenn ich nicht mehr bin, suche Deinen Trost bei Gott, der niemals täuscht. Er wird Dir die Kräfte geben, die er mir geschenkt hat. Verlaß die nicht, welche ich Dir hinterlasse und die Dich für uns Beide lieben wird.

Er vermochte nicht zu antworten. Er hielt ihre Hand in der seinigen, bedeckte sie mit Thränen und Küssen und blieb wie vernichtet an derselben Stelle.

– Sie meine Freundinnen, die Sie Zeugen sind wie man stirbt, wenn der Herr Sie in seine Gnade aufnimmt, möge mein Beispiel Ihnen von Nutzen sein, fügte sie hinzu, indem sie sich zu uns wendete, ich danke Ihnen für Ihre Sorgfalt, für Ihre Freundschaft, ich werde für Sie alle beten.

Wir weinten alle heftig und verließen sie erst nach ihrem Tode. D'Argental und Pont-de-Veyle erhielten auch sehr rührende Proben von ihrer Freundschaft. Die letzten Worte, die sie aussprach, als sie ihren Chevalier in seinem tiefen Kummer sah, waren diese:

– Tröste Dich, mein Freund, es ist besser, mich todt zu sehen, als leidend, was ich litt, seitdem ich Dich nur halb lieben durfte.

Sie starb in unseren Armen den 13. März 1733.

Der Chevalier wäre ihr fast gefolgt. Es war eine Verzweiflung, wie man sie nur bei den Hunden findet, die gewöhnlichen Menschen haben kein Herz dazu. Er war mehrere Monate wie wahnsinnig, und zeigte mehrere Jahre eine unvergleichliche Schwermuth, Sein einziger Trost war seine Tochter, die er aus Sens wegnahm und in seine Familie einführte. Sie besaß die Schönheit und die Tugenden ihrer Mutter. Er verheirathete sie gut an den Vicomte de Xanthie, einen Edelmann aus Périgord.

Ein wenig später zog er sich nach Mayac auf das Schloß seiner Familie zurück und erschien nur selten unter uns. Ich bedauerte ihn aufrichtig. Er schrieb uns indessen zuweilen. Man wird nach meinem Tode viele von seinen Briefen unter meinen Papieren finden. Sie sind sehr schön und anziehend.

Im Jahre 61 hatte ich den Kummer, ihn zu verlieren.

Zweites Kapitel

Ich habe von mir zu reden versprochen, und in der That ist der Augenblick dazu gekommen. Wir wollen später ein anderes Abenteuer erzählen. Ich liebe es nicht, selber die Bühne zu betreten, indessen muß ich es, da ich meine Memoiren schreibe. Wir werden zu Larnage zurückkehren und zu dem, was weiter erfolgte; diese Folge wird uns weit führen.

Nach der Abendgesellschaft von Sceaux, als ich mich mit dem Aerger der Frau von Parabère und mit tausend andern Ereignissen in Verbindung kam, verging einige Zeit, ohne daß ich von meinem Freunde unter den Sternen reden hörte. Er wartete, bis ich ihn rufen würde, und konnte seine Schüchternheit nicht überwinden; es ist ein großer Fehler für einen Mann – diese Schüchternheit; es ist fast ein ebenso großes Laster wie die Armuth. Beide vereiteln alle Mittel, emporzukommen.

Es war indessen bestimmt, daß die Schüchternheit diesmal überwunden werden, und daß Larnage zuerst zu diesem Ziele gelangen sollte, welches seit – doch wir wollen den Ereignissen nicht vorauseilen, wenn's gefällig ist.

Eines Morgens, ich war schon gelangweilt – diese Krankheit kam mir bei guter Zeit – und ich bekam Luft, einen ganzen Tag allein auf dem Lande hinzubringen und mich der Natur zu nähern, um besser zu denken. Ich rede in diesem Augenblick den Jargon nach der Mode des Tages; die Natur und der Gedanke sind die beiden herrschenden Worte unserer Epoche. Rousseau und die anderen Philosophen haben sie zu Ehren gebracht; wir werten sehen, oder vielmehr, man wird sehen, wohin uns dies Alles führen wird.

Ich ging also fort ohne andere Begleitung, als einen sehr einfältigen Bedienten, um ein Haus in Augenschein zu nehmen, welches in Ville-d'Avray zu verkaufen war; nicht als wäre ich geneigt gewesen, es zu kaufen, sondern nur um einen Zweck und einen Verwand zu haben.

Es war köstliches Wetter, ich miethete einen Wagen, nahm einige Lebensmittel mit, kleidete mich nach den Umständen und versprach mir unendliches Vergnügen.

In Ville-d'Avray angekommen, brachte man meinen Wagen in einem Gasthause unter, räumte meinem Lakai einen Platz an der Tafel der Diener ein, – was mich betrifft, ich wollte nichts essen und ging, um die in Rede stehende Umgegend in Augenschein zu nehmen, und dann begab ich mich in das Gehölz, einen Korb am Arm, während mein kleiner Hund voran durch das Gras lief. Man hätte mich für eine Bürgerfrau an einem Feiertage halten können.

Meiner Treu! ich sprang und lief mit Amadis, ich sang Alles, was ich von Liedern wußte, und ging, ohne zu wissen wohin. Es war mir freilich wichtig! Ich wollte die Langeweile und die Verlegenheiten des Hofes und der Stadt vergessen, und ich setzte einen Blumenstrauß nach Art der Hirtinnen zusammen, Voltaire, dem ich diesen Aufzug erzählte, hat hübsche Verse an mich gerichtet, welche ich die Unbesonnenheit gehabt habe, zu verlieren, oder die man mir vielleicht gestohlen hat. Was noch schlimmer ist, er hatte gegen seine Gewohnheit nicht abgeschrieben.

Nach einer Promenade von zwei Stunden empfand ich Hunger und dachte an mein festliches Mahl. Ich suchte einen hübschen reinlichen Platz, wo das Gras sehr dicht und üppig war, kurz Alles, was die Scene für mich einladender und angenehmer machen konnte.

Dies Alles fand ich neben einer Quelle unter großen Eichen. Ich erinnere mich einiger Verse des großen Mannes; es ist schade, daß ich das Uebrige vergessen habe.

 
Ihr Wasser war still und floß langsam dahin.
Die Ufer zeigten hier der tiefsten Ruhe Bild,
Zwei Eichen reckten sie mit Schatten kühl und mild.
 

Ich erinnere mich nicht, was weiter folgte; nur ist auf diese Weise meine Beschreibung gemacht.

Ich öffnete meinen Sack und begann meine Mahlzeit. Ich hatte unternommen, ein kaltes Geflügel zu tranchiren, welches sehr appetitlich war; doch konnte ich nicht damit zu Stande kommen. Ich habe mich nie auf das Tranchiren verstanden. Herr Du-Deffand hatte eine Wuth darauf, und ich ließ ihn machen, und später würde mein wackerer Viard nicht gelitten haben, daß ich mir die Mühe gegeben. Ich war also sehr ungeschickt und lachte ganz laut darüber. Amadis, der mir gegenüber saß, sah mich an und erwartete seinen Antheil, vielleicht spottete er bei sich selber über mich. Ach! wenn man nur wissen könnte, was die Hunde denken!

Mitten unter meinem Lachen, und als ich einen Angriff auf meine Beute machte, war ich sehr erstaunt, das Echo meines Lachens zu hören. Ich erhob den Kopf und bemerkte – zwei junge Männer, deren Aeußeres ihre Profession verrieth und die beide sehr schön waren. Der eine, der mir unbekannt war, lachte aus vollem Herzen und der andere sah mich an und athmete kaum.

Diesen kannte ich, und er lachte nicht. Es war Larnage.

– Frau Marquise! murmelte er ganz erstaunt.

Und ich! wer erwartete ihn dort zu finden? Es war indessen viel natürlicher, ihn dort zu sehen, als mich.

Ich wurde verlegen und blieb, mein Hühnchen in der einen und ein Stück Brod in der andern Hand, diesen beiden jungen Männern gegenüber sitzen, von welchen der unbekannte beständig lachte und Larnage sich wenn möglich noch einfältiger zeigte, als ich.

– Herr Larnage, sagte ich endlich.

– Ach Madame, was ist Ihnen begegnet? erwiederte er.

– Es scheint mir, als wenn der Dame nichts besonders Widerwärtiges begegnet ist; sie ist sehr heiter und hat guten Appetit.

– Aber dieses Kostüm – diese Einsamkeit —

– Nun, dieses Kostüm, diese Einsamkeit – es wird irgend eine Laune einer hübschen Frau, vielleicht ein Rendezvous sein —

– Ein Rendezvous! rief er indem er blaß wurde und die ganze Umgegend überblickte, um einen muthmaßlichen Nebenbuhler zu entdecken.

– O nein, antwortete ich unbesonnen, kein Rendezvous, wenn Sie erlauben. Eine Laune vielleicht —

Larnage athmete wieder. Ich begann mich zu fassen; obgleich sehr jung, war ich nicht so schüchtern wie er.

– Setzen Sie sich, Larnage, fuhr ich fort, wenn Sie nichts Besseres zu thun haben. Wer ist dieser Herr?

Es ist mein Freund Frémont, der Freund eines Mannes, der Ihnen sehr gefällt, des Herrn von Voltaire.

– Sie sind also der Allerweltsfreund, mein Herr?

– Ich möchte nicht wagen, der Ihrige zu werden, Madame, denn es ist eine gefährlichere Rolle.

– Ein Tapferer eilt der Gefahr entgegen, um sie zu besiegen.

– Ach, Madame, welch ein trauriger Sieg!

Er begann wieder zu lachen. Er war sehr heiter, dieser arme Frémont, besonders zu jener Zeit, wo er sehr jung und hübsch zum Malen war.

Larnage gelangte nicht zu dieser Unbefangenheit, die er beneidete. Er wußte weiter nichts zu thun, als mich anzusehen. Das Benehmen seines Freundes gefiel mir in diesem Augenblick viel besser.

– Haben Sie zu Mittag gespeist, meine Herren?

– Nein, Madame, auch nicht gefrühstückt.

– Wollen Sie meine Gäste sein? Indessen muß ich Ihnen eine oder selbst zwei Bedingungen auferlegen.

– Welche sind das?

– Daß Sie mein Hühnchen tranchiren und daß Herr Larnage lacht.

– Das Hühnchen zu tranchiren will ich übernehmen. Larnage zum Lachen zu bringen, ist eine andere Sache, und die kann ich nicht übernehmen.

– Warum?

– Warum? Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen sagen darf, Madame.

– Sagen Sie es immerhin.

–– Sie werden nicht böse werden?

– Nein.

– Nun ich hoffe es. Eine Marquise als Indianerin verkleidet in kurzem Rocke und Strohhut, die ganz allein im Walde von Ville-d'Avray am Rande einer Quelle einen Kapaunen verschlingt, kann nicht in der Laune sein, etwas übel zu nehmen. Ich werde also reden.

– Frémont! rief Larnage mit flehender Miene.

– Ich werde reden, sage ich Dir, und Du wirst es am Ende auch nicht zu sehr übel nehmen.

– Einen Augenblick, mein Herr, ehe wir auf diese Streitfrage eingehen, ich bin neugierig und wünsche mich zu unterrichten. Ich muß wissen, wohin ich gehe, um ruhig zu sein. Sie heißen Frémont. Sie sind der Freund des Herrn Larnage, Sie sind der Freund des Herrn von Voltaire, ich zweifle nicht daran; aber dann? was treiben Sie? womit beschäftigen Sie sich in Ihren Mußestunden?

– Madame, ich finde die Frage sehr einfach und werde sie gern beantworten. Ich war Schreiber beim Procurator Allain, Rue Perdue in der Nähe der Place Maubert; aber es gefiel mir dort nicht, und ich habe seit einiger Zeit die Stelle verlassen. Jetzt gehöre ich mir selber an. Meine Verwandten in Rouen wünschen, daß ich dorthin zurückkehre; aber ich kümmere mich nicht darum und werde mich auch nie darum kümmern, denn in den Gehölzen der Normandie würde ich gewiß keine Waldnymphen von Ihrer Art finden. Unsere Marquisen in der Normandie suchen nicht so leicht die Einsamkeit auf, und man sieht sie nicht ohne Gefolge.

– Man sieht hier keine mehr, mein Herr, und ich weiß keine Andere, die fähig wäre, mit mir die Langeweile zu vergessen.

– Dagegen sind jene zu vielen andern Dingen fähig.

– Es handelt sich nicht um sie, sondern um uns, mein Herr. Sie wollen also dieses Hühnchen tranchiren?

– Sogleich, zu Ihrem Befehl.

– Ich habe Ihnen noch eine Pastete von einer guten Bäckerin, Obst und Burgunder anzubieten; es ist ein frugales Mahl, aber es ist das Scherflein der Wittwe.

Die Complimente zwischen Frémont und mir begannen wieder. Larnage öffnete die Zähne nicht. Nur seine Augen sprachen, und welche Sprache!

Während er unserem Thier die Flügel abschnitt, blickte Frémont zur Rechten und zur Linken, bemerkte unsere Verlegenheit und fand Vergnügen daran, sie zu vermehren,

– Madame, ich habe die Gründe der Traurigkeit Larnages noch nicht erzählt.

– Ah! es ist wahr, ich horche.

– Nun, Larnage ist traurig, weil er verliebt ist.

– Verliebt! es scheint mir vielmehr, als wäre er eingefroren, versetzte ich, indem ich eine unbefangene Miene annahm.

– Eingefroren in der Liebe, ja, Madame.

– Herr Larnage ist also seit langer Zeit verliebt, denn es war so seit —

– Seit vielen Jahren, ja Madame, es war so; Larnage trägt in seinem Herzen dieselbe Liebe, ohne daß einer von seinen Gedanken zerstreut worden. Nur liebte er zuerst ein Fräulein, jetzt eine Frau.

– Ach! er hat gewechselt —

– Nein, sein Idol hat gewechselt.

– Sie hat gewechselt?

– Ja, hinsichtlich des Namen, des Standes und der Grundsätze, anstatt eines reizenden Mädchens ist sie heute eine schöne Frau. Larnage ist darum nicht mehr zufrieden.

Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

– Madame, Sie lachen darüber?

– Ich lache über Sie, der Sie reden, ich lache über mich, da ich Ihnen zuhöre, ich lache noch mehr über diesen armen Herrn Larnage, der Sie die Honneurs seiner Person machen läßt, ohne sich zu vertheidigen.

– Weshalb sollte er sich vertheidigen, Madame? Wegen der Beständigkeit? Ist es denn ein Unrecht? Verurtheilen Sie ihn?

– Ich würde nicht verurtheilen können, was ich nicht kenne.

– Sie kennen die Beständigkeit nicht! Ah! Frau Marquise, ist es wohl möglich, daß Sie in Ihrem Alter den Männern solche Beispiele geben können!

Ich hätte Larnage gern geschlagen, der kein Wort sagte und diesem Anderen gestattete, mehr Geist zu zeigen als er. Er hatte zu viel Liebe. Die Liebe macht die Leute von Geist einfältig und gibt denen Geist, welche keinen besitzen. Nichts ist im Allgemeinen seltener, als ein geistreiches Herz zu haben – es ist ein Zauber und eine unermeßliche Macht. Ich habe nur den Chevalier von Aydie und seine Aissé gekannt, die in diesem Falle waren, Was mich betrifft, ich habe es nicht einmal versucht, ich bin gewiß, es würde mir fehlgeschlagen sein.

Wir aßen mit gutem Appetit, indem wir beständig lachten. Larnage faßte sich nach und nach und mischte von Zeit zu Zeit sein Wort ein.

– Madame, er spricht! rief Frémont.

– Es ist also, weil er weniger liebt?

– Er hat gelernt, es auszusprechen.

Ich wollte nicht antworten. Eine dritte Person, so wohlwollend sie auch sein mag, ist beim Anfange einer Neigung immer hinderlich. Indessen konnte Frémont uns nicht verlassen, es würde das Ansehen gehabt haben, als komme er meinen Befehlen zuvor, und gewiß würde ich es nicht zugegeben haben. Das Geschick dieses armen Larnage war seltsam in dem, was mich betrifft. Es ist vielleicht der einzige Mann, den ich geliebt habe, es ist derjenige, der mich am meisten geliebt hat; und doch!

Kehren wir in das Gehölz von Ville- d'Avray zurück.

Frémont fühlte, daß er zu viel sei. Sein vollkommener Tact verbot ihm, uns zu verlassen. Die Lage war schwierig, er suchte ihr eine andere Wendung zu geben. Ich wünschte, daß es ihm gelingen möchte; Larnage wünschte es noch mehr. Unsere drei Geister, vereinigt, um zu suchen, ohne es zu sagen, fanden nichts. Der Zufall war geschickter, als wir.

Nachdem wir am Rande der Quelle gegessen, getrunken und geplaudert hatten, traten wir unsern Weg wieder an, und begannen im Walde umherzuwandern. So kamen wir bis zu einem reizenden Hause, ehemals von Langlee erbaut und nach dessen Tode an einen reichen Engländer verkauft, der im Jahre keine acht Tage dort verlebte. Er ließ es dessen ungeachtet sorgfältig erhalten. Die Gärten waren die schönsten auf der Welt und mit den kostbarsten Blumen angefüllt. Man reiste aus Paris und Versailles aus Neugierde dorthin, um sie anzusehen und Pflanzen, welche der Gärtner sehr theuer verkaufte, von dort mitzubringen.

Ich machte den Vorschlag, dort einzutreten; sie gingen darauf ein. Wir ruhten uns in einer Rosenlaube aus, und man setzte uns vortreffliche Sahne vor. Es ist unerhört, wie viel man in einem Tage ißt, wenn man umherwandert. Wir waren seit ein Uhr dort; wir hatten Alles gesehen, als sich drei reich gekleidete Personen einfanden und ihrerseits um die Erlaubniß anhielten, das Haus ansehen zu dürfen. Als Frémont sie erblickte, stieß er einen Schrei der Ueberraschung aus.

– Mein Vetter! sagte er. Erlauben Sie, Madame?

Und da lief er einem wohlbeleibten, fetten und schwitzenden Manne nach, der ihm die Arme entgegenstreckte.

– Mein armer Frémont, ich suche dich überall, seitdem ich in Paris bin. Man sagte mir, Du wärest auf Reisen.

Mehr hörten wir nicht, sie gingen vorüber. Eine Viertelstunde später brachte uns der Aufseher die Entschuldigungen unseres Unbesonnenen, Sein Vetter führte ihn mit sich fort.

Wir blieben also allein, Larnage und ich; man mußte jetzt nach Ville-d'Avray zurückkehren, in meinen Wagen steigen und abreisen.

Drittes Kapitel

Larnage war glücklich über diese Einsamkeit; er sah mich seit dem Morgen, und er hatte einige Kühnheit wieder gewonnen. Er ging zuerst neben mir, ohne zu sprechen: nicht als hätte er mich gefürchtet, sondern weil er mir zu viel zu sagen hatte, wußte er nicht, wo er ansangen sollte. Ich wartete. Er zog sich auf die beste Weise aus der Schlinge und begann von seinen Erinnerungen zu reden,

– Ach! Madame, wie war der Himmel so schön in Dampierre, wie glänzten die Sterne, wie duftig war die Nacht, wie war Fräulein von Chamrond schön und zärtlich, und wie liebe ich sie!

Als einmal so das Eis gebrochen war, fand er das Wort wieder, wurde beredt, dringend, überredend, er wurde reizend, und ich weiß nicht, was dann weiter geschah, oder ich weiß es nur zu gut. Ich fühlte, daß ich ihn liebte, ich gestand es ihm und machte ihn zu dem glücklichsten Menschen auf der Welt. Nach diesem Geständniß verlangte er nicht mehr.

Ich habe versprochen. Alles zu erzählen – glücklicherweise hält Viard die Feder. Die Erzählung von diesem Tage würde vor einer jungen Verwandten schwierig gewesen sein, und ich hoffe, daß sie sie nicht lesen wird. Gewisse ärgerliche Geister werden mir nach diesen Geständnissen Dornen an den Kopf werfen; andere, welche Alles verstehen, werden mich auch verstehen und die seltsamen Schwachheiten der menschlichen Natur entschuldigen, die sich häufiger bei einer neuen und glühenden Einbildungskraft finden, welche geneigt ist, sich mehr im Bösen, als im Guten zu unterrichten. Sie hatten Antheil an der lebhaften Ergriffenheit, an dem leicht zu erklärenden Leichtsinn meines Alters, in der Gesellschaft, in welcher ich lebte. Wenn ich diese Memoiren vor dreißig Jahren geschrieben hätte, würde ich mir nicht die Mühe gegeben haben, mich zu entschuldigen; aber andere Zeiten, andere Sitten, ein anderer König, ein anderer Hof; ohne die Zukunft zu rechnen, die vielleicht noch härter sein wird!

Kommen wir auf diesen denkwürdigen Tag zurück.

Larnage verließ mich bei den ersten Häusern des Dorfes, sehr glücklich und ohne glauben zu wollen, daß es ein größeres Glück geben könne. Ich versprach ihm, wiederzukommen. Vielleicht war ich ein wenig erstaunt über seine Zurückhaltung, vielleicht hätte ich eine glühendere und weniger bescheidene Leidenschaft gewünscht; indessen hielt ich mich so für sehr glücklich, für sehr verliebt, und verachtete Alles, was nicht diese Liebe betraf.

Der Weg war ein wahrhaftes Entzücken; ich erinnerte mich an Alles bis auf das geringste Wort, bis auf die geringste Geberde meines schüchternen Geliebten, und ich verweilte bei dieser Erinnerung wie bei einer Hoffnung. Ich baute hübsche Luftschlösser, mein Leben sollte heiterer, sanfter, ausgefüllter werden; ich wollte an ihn denken, ihn sehen, ihn hören, auf seine Worte horchen, und das mußte ein Glück sein. Ich war noch sehr jung, wie man sieht, und weit entfernt von der Zeit, in welcher ich lebte, oder sehr ländlich, wie Frau von Tencin mir zuweilen zu sagen pflegte.

Ich kam bei sinkender Nacht in meinem Hause an. Meine Kammerfrau erwartete mich unten und benachrichtigte mich, daß Frau von Parabère seit zwei Uhr in meinem Kabinet sei, und nicht weggehen wolle, ohne mich zu sehen. Das hieß vom Himmel herunterfallen; indessen eilte ich zu ihr.

Als sie mich erblickte, stieß sie einen Schrei aus:

– Endlich! – ich komme, Sie aufzusuchen.

– Mich aufzusuchen! – Warum?

– Um zu Abend zu speisen.

– Es ist unmöglich. Ich bin ermüdet, ich will zu Bette gehen. Ich habe den Tag aus dem Lande zugebracht, ich muß schlafen.

– Was! auf dem Lande? Ganz allein?

– Ja, ganz allein.

– Und in diesem Aufzuge! Marquise, Sie spotten meiner, Sie verbergen mir irgend ein hübsches Liebesabenteuer.

– Nein, ich bin allein abgereist und kehre allein zurück. Ich habe frische Luft geschöpft in dem Walde von Ville-d'Avray, wo ich zwei junge Männer traf, wovon der Eine der Secretair des Herrn von Luyne und der Andere ein Freund des Herrn von Voltaire ist. Sie fanden mich ein Hühnchen verspeisend, welches ich nicht die Geschicklichkeit hatte zu tranchiren. Sie haben das Mahl mit mir getheilt. Wir haben geplaudert, wir haben gelacht: das ist Alles.

– Gewiß?

– Ganz gewiß.

– Da verhindert Sie nichts, zu kommen und bei mir mit Voltaire und d'Argental zu Abend zu speisen. Es ist eine kleine vertrauliche Gesellschaft, die ich Ihnen vorschlage. Sie sehen sie gern, und ich glaube Ihnen eine wahre Gefälligkeit zu erweisen, indem ich Ihnen die Gelegenheit dazu gebe.

– An einem anderen Tage.

– Nein, diesen Abend.

– Ich müßte mich umkleiden?

– Im Gegentheil, Sie sind reizend so wie Sie sind, und sie werden einen köstlichen Effect machen; wir werden in der Tiefe meines Gartens in dem ländlichen Pavillon zu Abend speisen. Sie sind als Hirtin gekleidet, und es fehlt Ihnen nichts, als ein Hirtenstab und die Schäfchen.

– Und wenn Gesellschaft kommt? versetzte ich halb überredet.

– Niemand, man wird die Thür schließen.

– Und der Regent?

– Der Regent! Ich sehe ihn nicht mehr bei mir, ich will ihn nicht mehr sehen. Sprechen Sie mir nicht von ihm, es ist ein Mann ohne Zuverlässigkeit. Ich will vergessen, was Sie wissen, meine Königin, ich betäube mich! O! ich bitte Sie! erinnern Sie mich nicht daran!

Sie bat mich, sie beschwor mich – ich gab nach, und wir machten uns auf den Weg, ich in ländlichem Kostüm, ein wenig zerdrückt von dem Mittagsmahl auf dem Grase und von dem Sitzen im Wagen – sie im Morgenneglige; es war übrigens ihr Triumph, sie war zum Entzücken in der Morgenhaube und im kurzen Mantel.

Wir kamen sehr neckisch gestimmt bei ihr an. Dieser ländliche Pavillon war ein Wunder des Geschmacks und der Eleganz. Es war eine bewunderungswürdig warme Nacht; Alles duftete, und die seltensten Blumen bildeten gleichsam einen Rahmen zu unseren beiden Gesichtern, Voltaire, welcher bald darauf erschien, blieb, davon ganz überrascht, an der Thür stehen.

– Ei! das ist ja das Paradies! rief er.

– Vor oder nach dem Fall der Engel? versetzte die Marquise,

– Am Abend zuvor, antwortete er mit seinem seinen Lächeln; sie sind schon für die Sünde bezeichnet.

– So können wir also noch hoffen; dies ist ein letzter Trost.

– Ach! Madame, was bin ich Ihnen nicht für die ausgezeichnete Gunst schuldig, die Sie mir bewilligen! Hier zu Abend zu speisen mit Ihnen, mit der Frau Marquise von Du-Deffand. mit Herrn von Argental! ist eine von jenen großen und köstlichen Freuden, deren man sich für unwürdig zu halten nicht den Muth hat.

D'Argental erschien auch bald und man servirte.

Welch ein Abendessen! welche Speisen! welcher Geist! welche Worte! In Wahrheit, der Ernst der späteren Jahre kann diese Zeit der thörichten Ueberspanntheit nicht in Vergessenheit bringen. Es ist mir leid um den Ernst. aber es scheint mir, als langweile man sich dabei, und als wären alle unsere Abendmahlzeiten heutiges Tages nicht so viel werth wie dieses eine. Freilich war ich damals jung!

Voltaire war ganz besonders funkelnd. Er war damals von einer triumphirenden Heiterkeit. In Allem, was man seit sechzig Jahren, über ihn gesagt und geschrieben, hat sich Niemand mit seiner Jugend beschäftigt. Man sieht ihn nur als Patriarchen oder als Oberhaupt der Literatur dieses Jahrhunderts. Man beschäftigt sich viel mit dem Philosophen und sehr wenig mit dem Menschen: ich bin ihm immer gefolgt und werde meinen Lesern viele Dinge erzählen, welche die Welt nicht weiß.

Frau von Parabère neckte ihn und behauptete, er wäre nicht verliebt, er wäre es nie gewesen und würde es nie sein.

– Setzen Sie mich nicht der Verachtung aus, Madame, ich bin fähig, meine Proben abzulegen.

– Das ist keine richtige Antwort. Es kann sich in dieser Sache nicht um mich handeln.

– Und um wen denn?

– Um Sie, um Ihre Geliebten, wenn Sie welche haben.

– Ei, Madame, in Frankreich hat Jeder eine Geliebte, von dem Herrn Regenten an bis auf mich herunter: es ist nicht so schwierig.

– Es würde eine Unverschämtheit sein, wenn ich mich davon ausschließen wollte, aber Sie werden mich nicht fangen, das sage ich Ihnen vorher, ich bin jetzt über dies Alles hinweg, ich habe meine Schuld bezahlt.

– Was wollen Sie denn da von mir, Madame?

– Ich will, daß Sie uns die Lebensgeschichte Ihres Herzens erzählen.

– Was liegt Ihnen daran?

– Mehr, als Sie denken. Sie haben so viele Feinde; man behauptet, daß Sie keins haben.

– Ich habe entweder kein Herz, oder ich habe keine Feinde?

– Ich gestehe Ihnen Beides zu; aber beweisen Sie es.

– Erzählen Sie, erzählen Sie, rief ich dagegen: man hat mir versichert, daß es ein seltsames Abenteuer wäre.

– Und um Ihnen das Beispiel zu geben, wird die Marquise Ihnen sagen, was sie diesen Morgen gethan hat.

Ich willigte ein; ich war zufrieden, Larnage zu nennen und von ihm zu sprechen. Die Gedanken sind nicht ausreichend, wenn man in einem gewissen Grade liebt; man bedarf der Erwiederung; es ist ein Ball, der zurückgeworfen wird und mit dem man nicht allein spielen kann.

Nach meinem sehr abgekürzten Berichte sieht man, daß Voltaire keine Entschuldigung hatte.

– Nun, da Sie es wollen, werde ich Alles erzählen, und es nicht wie Madame Du-Deffand machen; sie bat Ihnen das Hübscheste verborgen,

– Meinen Sie?

– Ach, Madame, Sie wissen es besser, als ich. Ich beginne:

– Ich will Ihnen nicht von meinem Vater, dem würdigen Herrn Arouet, erzählen, nicht von meinem Pathen, dem Abbé von Chauteauneuf, oder von meiner Beschützerin, dem Fräulein von Lenclos; Sie wissen das auswendig. Indessen verdanke ich jeder dieser Personen einen Theil meines Geistes und Gefühls. Ich habe etwas von dem Notar an mir hinsichtlich der Ordnung und der Oekonomie, von dem geistreichen Abbé hinsichtlich meiner Gedanken und von der Aspasia hinsichtlich meiner Neigungen.

Dies war vollkommen wahr; man zeichnete nie ein ähnlicheres Portrait von ihm.

– Mein Vater liebte die Verse nicht; ich hatte das Unglück, welche machen zu wollen, und wir entzweiten uns. Er hatte mich zu einem Procurator geschickt; ich blieb dort nicht, ich lief auf den Feldern umher; hielt mich in den Damenzimmern und in den Theatern auf, anstatt meine Nase in die Acten zu stecken. Herr Arouet drohte mir mit seinem Fluche; ich hatte die Unbesonnenheit, zu glauben, daß er sich eines Besseren bedenken würde; ich irrte mich, man wollte mich fortjagen, als mein Pathe mir zu Hilfe kam und mich in den Haag zu seinem Bruder dem Marquis von Chateauneuf schickte.

Hier, Frau Marquise, werden Sie beschämt sein, denn gerade von meiner ersten Liebe soll hier die Rede sein. Ich frage mich zuweilen, ob je eine andere ihr gleichen kann; und ich glaube es nicht. Ich werde nicht mehr in der Lage sein, worin ich war; ich werde nicht mehr das offene Herz haben, wie ich es damals hatte; man wird mich mehr täuschen, davon halte ich mich überzeugt, aber ich werde nicht so glücklich darüber sein; endlich werde ich nicht wieder zwanzig Jahre alt sein, und es ist ein Verlust, worüber man sich nicht trösten kann,

– Glauben Sie es? fragte die Marquise; was mich betrifft, ich möchte nicht zu dem Alter zurückkehren, wenn ich es so theuer bezahlen müßte, wie ich es schon einmal habe bezahlen müssen.

– Madame, das heißt auf Leibrenten anlegen, und Sie wissen, daß da die Zinsen doppelt sind.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
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