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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 26
– Ich beunruhige mich nicht damit, mir welche zu verschaffen, Madame, die Freunde sind mir nicht nützlich, denn alle sind interessirt, und was das betrifft, was ich zu thun habe, so bedarf ich nicht, daß man mich unterstützt. Es ist eine Aufgabe, die ich allein erfüllen werde; vergessen Sie das nicht; es sei ein für allemal gesagt.
Für eine Frau von Geist hatte die Herzogin eine schwere Schule durchzumachen.
Die junge Herzogin sagte kein Wort. Sie wußte nur zu gut, mit wem sie es zu thun hatte.
Der Herzog ging hinaus und kehrte in sein Zimmer zurück. Er verabschiedete einige Hofleute, die ihm gefolgt waren, an der Thür. Als er eintreten wollte, sagte ihm sein vertrauter Kammerdiener sehr leise und respectvoll:
– Wenn Eure Hoheit mir erlauben wollen, so bitte ich Sie, die kleine Treppe zu wählen.
– Warum das?
– Das Schlafzimmer Eurer Hoheit ist von der Frau Marquise de Prie und Ihr Cabinet von der Frau von La Brillière eingenommen.
– Ah! sagte der Prinz, das ist ein wenig zu viel Freiheit. Haben sie einander gesehen?
– Nein, gnädigster Herr, dem Himmel sei Dank, nein!
Ein Geräusch ungestümer Stimmen zeigte ihnen, daß der Dank nicht mehr angemessen sei.
Drittes Kapitel
Frau von Prie wurde ungeduldig in diesem Zimmer, doch würde sie es um alle Welt nicht verlassen haben; sie hatte von dem guten Glück Wind bekommen. Sie ging sehr aufgeregt auf und ab und fragte sich, ob sie nicht zu der Frau Herzogin gehen solle, wohin sich der Prinz gewiß zuerst begeben würde. Ein Gedanke hielt sie zurück, sie würde nicht unbefangen reden und ihre Bedingungen festsetzen können.
Es fiel ihr ein, einen Brief zu schreiben – ich weiß nicht an wen; sie suchte um sich her nach einer Feder und Tinte, und fand Beides nicht. Ohne sich etwas dabei zu denken, trat sie in das Cabinet und ging gerade auf das Bureau zu, in dessen Nähe Frau von La Brillière wenn möglich in noch lebhafterer Ungeduld saß, weil sie ihrer Macht weniger gewiß war.
Frau von Prie stieß einen Schrei der Ueberraschung und des Zornes aus; sie näherte sich der Frau von Brillière und fragte sie in gebieterischem Tone, was sie dort thue?
– Und Sie, Madame? versetzte die Andere.
– Ich, antwortete Frau von Prie, sich breit in einen Lehnsessel setzend; ich! ich erwarte Seine Hoheit, den Herzog, und ich habe das Recht, ihn in seiner Wohnung zu erwarten, da er mein Geliebter ist.
Frau von La Brillière blieb wie betäubt sitzen; sie glaubte nicht an so viele Kühnheit, noch dazu bei einer so jungen Frau.
– Ich habe Ihnen gesagt, was ich hier thue, Madame, und warum ich das Recht habe, hier zu sein; ich frage Sie jetzt meinerseits: Und Sie?
– Seine Hoheit der Herzog hat mir Audienz gegeben, Madame.
– Zu dieser Stunde? versetzte sie in dem liebenswürdigsten Tone und wie mit dem lebhaftesten Wohlwollen, es ist also wohl sehr dringend?
– Ja, Madame, entgegnete Frau von La Brillière.
– Ah! ich errathe. Es ist wegen der Heirath Ihres Herrn Sohnes, Er ist ein reizender junger Mann, Ihr Herr Sohn; ich habe ihn gut gekannt, als wir beide Kinder waren, wir spielten immer zusammen bei der Präsidentin von Morville. Man fand, daß er dem Herrn von Nangis sehr ähnlich sehe.
– Ah! ah! Sie spielten bei der Präsidentin von Morville, Madame; es war ohne Zweifel, ehe Ihr Herr Vater auf die Galeeren kam, wovon er sich so geschickt zu befreien gewußt hat.
Frau von La Brillière glaubte den Schlag reichlich zurückgezahlt zu haben; aber sie kannte ihre Gegnerin nicht. Diese brach in ein lautes Gelächter aus und sah sie gerade an.
– Ah! Madame, Sie sind recht zufrieden mit dieser Redensart, nicht wahr? Und doch irren Sie sich, wenn Sie glauben, daß Sie mich verletzen können, was geht mich der Herr von Pleneuf und seine Galerren an? Was habe ich mit dem Allen zu thun? Ich bin die Marquise von Prie, ich bin zwanzig Jahre alt, ich bin schön, ich bin reich, ich werde geliebt, ich werde mächtig werden. Was geht mich das Uebrige an?
Frau von La Brillière hatte nichts darauf zu antworten, sie sah sich gefangen; zu gleicher Zeit erkannte sie deutlich genug, daß eine Nebenbuhlerin dieser Art nicht leicht zu vertreiben sein würde. Sie suchte nach einer Antwort und war bemüht, sich zu mäßigen und ihre Batterien nicht zu demaskiren.
– Ich bitte Sie um Verzeihung, Madame, ich räume Ihnen den Platz, da Seine Hoheit nicht kommt.
– Nein, nein, unterbrach sie Frau von Prie, sie zurückhaltend, Sie wollen sich auf die Treppe stellen. Sie würden nicht viel dabei gewinnen, aber Sie würden ihn aufhalten und dadurch machen, daß ich warten müßte. Es ist besser, Beide zu bleiben und sich auszusprechen, und es wird nie wieder dahin kommen.
Frau von La Brillière war aufgestanden; sie nahm ihren Sitz nicht wieder ein, ging aber nicht fort.
– Lassen Sie sehen, Madame, Sie sind die Geliebte Seiner Hoheit des Prinzen Herzogs gewesen, und sind es noch, nicht wahr?
– Ei, Madame, mit welchem Rechte —?
– Ich habe Ihnen mein Recht gesagt, Sie wissen es, lassen Sie uns also nicht mehr davon reden. Es ist nicht die Rede von mir, sondern von Ihnen. Jener alte Grasaffe Dubois hatte den Einfall, Sie gegen den Herzog los zu lassen, um ihn zurückzuhalten und mich fortzuschicken, weil ich ihm im Wege war, und weil ich ihm ein wenig von meiner Energie einblies. Leugnen Sie es nicht, ich weiß es wohl, ich habe es schon am folgenden Tage gewußt. Dies hat mich nicht verhindert, eine Stunde zu schlafen. Glauben Sie vielleicht, daß ich auf den Herzog eifersüchtig bin?
Frau von Brillière wußte in Wahrheit nicht, welches Gesicht sie vor diesem seltsamen Geschöpf annehmen sollte, welches nichts schonte, welches über nichts erzürnt wurde, und welches von selber weiter ging, als sie sie hätte führen können, wenn sie sie gehaßt hätte.
– In Wahrheit, Madame, erlauben Sie mir, mich zu entfernen.
– Nein, nein, ich will nichts davon hören! wir müssen der Sache ein Ende machen, sage ich Ihnen; Sie müssen völlig aufgeklärt werden über das, was Ihrer wartet; wir werden nachher ruhiger sein.
– Ich bin nicht unruhig, so viel kann ich Ihnen versichern.
– Oh! wirklich! und Sie sehen Ihre schönen Pläne zusammenfallen, ich kenne sie alle. Es ist Ihnen vielleicht nicht ernst damit; im Grunde ziehen Sie den Herrn von Nangis, einen wohl gebildeten, tapferen und reizenden Liebhaber von so vielen Jahren diesem scrophulösen, häßlichen und unangenehmen Prinzen vor, und das ist wohl zu begreifen. Kehren Sie zu ihm zurück; er liebt Sie seit so langer Zeit und wird zurückkehren. Was mich betrifft, so hören Sie meinen Plan, und was von dieser Nacht an geschehen wird.
Frau von La Brillière, die sich unwillkürlich dafür interessirte, setzte sich jetzt nieder.
– Ich werde Frankreich regieren, Madame, das sage ich Ihnen, und ich verlange nicht, das Geheimniß zu wissen. Ich werde der erste Minister sein, und nicht der Herzog; nicht als wäre er unfähig dazu, sondern weil sein Wille mir unterworfen ist, und weil ich ihn auf eine – Weise zu leiten weiß, so daß er nicht Lust haben wird, mich daran zu verhindern. Ich allein kenne meine Macht und habe sie bald entdeckt; wenn Sie gut suchten, würden Sie sie auch entdecken.
Frau von La Brillière fand Gelegenheit, eine stolze Miene anzunehmen, als wollte sie sagen, daß ihr das gleich wäre.
Frau von Prie fing wieder an zu lachen und über die zu spotten, die sie vernichtete.
Sie setzte ihre Rede fort und bewies ihr deutlich, daß sie keinen Anspruch zu machen habe. Die unglückliche Postulantin ergriff etwas zögernd ihre Partei und war nicht mehr in Verlegenheit, einen Ausgang zu finden. Ihre Nebenbuhlerin machte der Sache ein Ende.
– Ich bin bezaubert, mit Ihnen geplaudert zu haben, Madame, wir verstehen einander vollkommen, und um es Ihnen zu beweisen, bitte ich Sie um Eins.
– Um was denn?
– Bleiben Sie hier bei mir, erwarten Sie Seine Hoheit den Herzog; sein Sie die Erste, ihm Glück zu wünschen, er wird es nicht vergessen, und das wird Ihnen dienen können; übrigens bin ich ganz zu Ihren Diensten.
Die arme Frau von La Brillière hatte nicht die Kraft, sich zu mäßigen, und sie brach heraus. Man fürchtete sie nicht einmal mehr! Sie begann darauf zu antworten, der Frau von Prie ihr Unglück, ihre Aufführung vorzuwerfen, kurz Alles, was ihr einfiel. Die Favoritin hörte sie an und betrachtete sie, ohne die Augenbraunen zu bewegen, das Lächeln auf den Lippen, und als hätte sie mit einer Freundin gesprochen. Sie ließ sie aus reden, und einen Augenblick der Ruhe benutzend, als die Andere Athem schöpfte, sagte sie:
– Nun, Madame, geniren Sie sich nicht; dies mag vielleicht wahr sein; aber Sie können mich wenigstens nicht eine alte Frau nennen, und das ist es, was Sie ärgert.
Bei diesem Schlage erbebte Frau von Brillière vom Kopf bis zu den Füßen, und in diesem Augenblick kam der Herzog herein.
Er blieb bestürzt stehen, oder stellte sich wenigstens so. Frau von Prie bemerkte ihn zuerst, da sie nicht aufgebracht war.
– Ah! gnädigster Herr, rief sie, indem sie auf ihn zulief, ich bin sehr glücklich, Ihnen endlich die ganze Freude mitzutheilen, die ich empfinde, und ich hoffe, daß Sie nicht daran zweifeln.
– Madame, versetzte der Herzog, indem er sie leicht mit der Hand zurückschob.
– Ah! es ist wegen dieser lieben Frau da, meiner besten Freundin! Fürchten Sie nicht, gnädigster Herr, ich habe ihr nichts verborgen, und wir lieben einander sehr; fragen Sie sie nur.
Frau von Brillière benutzte den Augenblick, sich durch einen anderen Ausgang zu entfernen. Sobald sie verschwunden war, brach Frau von Prie in ein lautes Lachen aus und klatschte in die Hände. Der Herzog fand sie so drollig, daß er nicht umhin konnte, dasselbe zu thun, ungeachtet der üblen Laune, die bald verschwand.
Dann traten sie in das innere Gemach, und am folgenden Tage war Frau von Prie erster Minister.
Ich habe sie, wie ich erzählt, bei Herrn von Meuse gekannt, und wir haben uns in unterhaltenden Gesellschaften sehr belustigt; sie vergaß es nicht, und ich fand sie, während sie in Gunst stand, immer als dieselbe. Sie bewilligte mir, was ich wollte; ich mißbrauchte es nicht, und fuhr nur fort, sie wie vor ihrer Erhebung zu besuchen: aber freilich hatte sie häufig etwas Anderes zu thun.
Der Herzog war kein liebenswürdiger Mann; ich habe vertraulich mit ihm zu Abend gespeist und nicht einen Schatten einer Erinnerung von diesen Festlichkeiten behalten, als daß der Herzog die Krebse leidenschaftlich liebte, und daß er alle Tage die schönsten haben mußte, die man nur sehen konnte. Er ließ sie mit Gewürz zubereiten.
Alle Welt weiß, daß er verdrängt wurde, weil er einen Kampf mit dem Cardinal Fleury auf den Antrieb der Frau von Prie unternommen, welche Marie Leczinska zur Königin von Frankreich gemacht, von deren Unterstützung sie sich überzeugt hielt, und vermöge welcher sie die Stelle mit Sturm nehmen zu können glaubte.
Bei dieser Gelegenheit vergaß sie ihre gewohnte Klugheit; sie berechnete weder den Charakter des Königs, noch den der Königin, und am wenigsten den des alten Lehrers. Der König mußte ihm glauben und ihn vor allen Anderen anhören. Die Königin hielt man für furchtsam und sagte, sie könne nicht ertragen, daß man etwas gegen ihn sage, und vor allen Dingen könne sie die Frau von Prie nicht ertragen, die den großen Scandal des Hofes bildete.
Sie wurden geopfert, sobald Fleury seinem Zögling zwischen ihnen und ihm die Wahl ließ. Der Herzog wurde fortgeschickt, wie ein Lakai, und Frau von Prie auf das Landgut Courbépine verbannt. Sie war an ihrem Clavier, als man ihr das königliche Schreiben überbrachte, und sie wußte vorher nichts davon. Der König war in Rambouillet bei dem Grafen von Toulouse, und sie glaubte, daß der Herzog ebenfalls dort sei, während ein Gardelieutenant ihn schon nach Chantilly führte.
Man ließ ihr kaum Zeit, einige Kleidungsstücke zusammenzupacken und ihre Dienerinnen zu rufen. Man gestattete ihr nicht, irgend eins von ihren Papieren anzurühren.
– Und die Briefe von meinen Liebhabern, wenn ich deren habe? sagte sie mit ihrer gewohnten Kühnheit.
– Nun, man wird sie lesen, Madame; aber sein Sie ruhig, Niemand wird davon Kenntniß nehmen, als Seine Eminenz der Bischof von Fréjus.
– Nun! er kann sie der Prinzessin von Carignan in ihrem tête-à-tête zeigen, das wird die beiden Ehrwürdigen wieder aufheitern.
Niemals sah man eine frechere Frau, wie ich schon gesagt habe.
Sie ging stolz und mit aufgerichtetem Kopfe fort, und rief, die Königin wäre eine Undankbare, der König wäre ein Kind und der alte Fleury ein Fisch, sie wisse das sehr gut, und man werde es später sehen.
Sie schrieb es, glaube ich, an den Abbé von Broglie, oder ich weiß nicht, an wen sonst, der die Gunst des Bischofs genoß, indem sie hoffte, daß man es ihm zeigen würde. Man verfehlte nicht.
Sie kam auf ihrem Landgute Courbépine an, wie ein Kind, welches geboren wird. Sie schrieb tausend Thorheiten an ihre Freunde, indem sie sie aufforderte, sie zu besuchen, wenn sie nicht fürchteten, die Pest zu bekommen.
Man hat gesagt, daß sie geglaubt, wieder an den Hof zurückkehren zu dürfen, und daß sie ihre Ungnade nicht eher angenommen, als bis sie ihre Stelle als Hofdame der Königin verloren. Das ist nicht wahr, sie hatte dieselbe nicht mehr von dem Augenblick, wo sie Paris verlassen, und wo der Bischof von Fréjus die Macht gehabt, den Herzog zu vertreiben.
Man hat auch gesagt – was sagt man nicht, besonders von den Unglücklichen – man hat auch gesagt, daß Frau von Prie an dem Tage ihrer Abreise von einem Liebhaber niedrigen Standes Abschied genommen, welchem die Nachbarn behilflich gewesen, durch ein offenes Fenster zu gelangen. Es ist wieder eine Lüge; ich leugne nicht, daß sie einen Liebhaber gehabt, mehrere vielleicht, aber gewiß waren sie nicht von niederem Stande. Der, welchen sie mit so vielem Kummer verließ, war gerade ein junger Lord, dessen Namen ich vergessen habe, der aber von der höchsten Geburt war. Er besuchte sie in Courbépine, und wir trafen dort zusammen.
Herr von Meuse und ich verfehlten nicht, sie mehrmals dort aufzusuchen. Ihr Aeußeres blieb sich gleich, aber der Kummer bemächtigte sich ihrer, was sie indessen selbst ihren besten Freunden nicht eingestand.
Wir sahen sie jeden Tag abnehmen. Sie veränderte sich auf schreckliche Weise, wir wollten versuchen, ihr ihre Heiterkeit wiederzugeben, und während eines Aufenthalts bei ihr hatten wir verabredet, uns jeden Morgen einige satirische Verse zu schicken. Sie sendete mir einige, die nicht nach meinem Geschmacke waren, und ich antwortete ihr mit folgenden, welche ganz nach der Weise Chapelain's waren.
Man hat es unter meinen Papieren wieder gefunden, und hier ist es:
Wenn mit dem Deinen streitet mein Geschmack,
De Prie, und Du ihn übel findest, so
Denk an den Streit des Krebses und der Mutter.
Ein besseres Citat hier anzuführen,
Nenn ich die Bibel, wo es heißt, ein Splitter
Im Aug' des Nächsten sei auffallender,
Als in dem eignen Aug' der Balken ist.
Voltaire hat mir immer gesagt, daß der zweite Vers falsch wäre. Er fügte hinzu, die Frauen von Stande sollten sich nicht mit der Poesie abgeben, aber sie schrieben bewundernswürdig in Prosa.
Die arme Frau von Prie war bei ihrer Verbannung fünfundzwanzig Jahre alt. Im folgenden Jahre sah sie wie ein Wachsbild aus, und wir baten sie, ihre Aerzte zu befragen. Sie ließ Sylva, den Leibarzt des Herzogs, kommen; sie selber hatte einen betitelten Arzt, und beide behandelten ihre Krankheit als Einbildung. Da sie wirklich viel litt, so schickte sie uns eine schriftliche Consultation an Chirac, den Leibarzt des Königs und des verstorbenen Regenten, der damals sehr in der Mode und sehr geschickt war.
Ich überbrachte sie ihm selber; er las sie sehr aufmerksam, dann richtete er viele Fragen an mich, über das Alter der Frau von Prie, über ihr Gesicht, ihre Magerkeit, kurz über Alles, was er zu wissen wünschte. Ich antwortete ihm der Wahrheit gemäß. Er fing an zu lachen.
Sie sind Alles dessen völlig gewiß, Madame?
– Ob ich dessen gewiß bin!
– Nun bei ihrem Alter und ihrer Constitution, bei dem, was Sie mir von ihrem Gesicht und ihrer Stärke sagen, wird Frau von Prie lange leben, ja sie wird ihr Jahrhundert beenden, wenn sie nur an dieser Krankheit sterben soll.
– Ich gebe Ihnen die Versicherung, mein Herr, daß es sehr ernstlich ist, und daß sie sich entsetzlich verändert hat.
– Das sind Vapeurs, es ist Langeweile und Kummer; es wird verschwinden und in wenigen Monaten nicht mehr zu bemerken sein. Sie ist heiter, sagen Sie?
– Sehr heiter, aber sie thut sich Zwang an.
– Wenn sie litte, würde sie nicht heiter sein. Man thut sich in solchem Grade keinen Zwang an. Beruhigen Sie sich, Madame, es wird nichts sein.
– Ich werde ihr selber diesen tröstenden Ausspruch überbringen; möchte er sich nur bestätigen!
Ich reiste in der That nach Courbépine ab, und bei meiner Ankunft benachrichtigten mich die Leute, daß die Marquise sehr niedergeschlagen sei, und daß sie keinen Augenblick geschlafen habe. Ich lief zu ihr; sie empfing mich mit blassem und kläglichem Gesichte, so daß man wohl Mitleid mit ihr haben konnte.
Sie that sich Zwang an, zu lachen und zu scherzen.
– Es ist nichts, sagte ich zu ihr; Chirac hat sein Orakel abgegeben: Sie weiden hundert Jahre leben.
Sie antwortete mir nur mit einem traurigen Lächeln.
Viertes Kapitel
– Ja, meine Königin, ja, Sie werden hundert Jahre leben; Sie haben Vapeurs, Sie sind wie Herr Argan, und ich komme, um das Amt Toinettens zu erfüllen.
– Meine Schöne, warum haben Sie Herrn Diafoirus nicht mitgebracht? Er würde uns belustigt haben, denn wir sind hier ganz verlassen.
– Wir bedürfen dessen nicht; übrigens wird der Präsident Henault morgen kommen, wie man mir gesagt hat.
– Der arme Präsident! er ist ein guter Freund. Er möge sich nicht beeilen, wir werden uns nicht wiedersehen Madame, ich werde diese Nacht sterben.
– Welche Idee! erwarten Sie wenigstens den Diafoirus, nach dem Sie sich sehnen, er wird Ihnen seine Mittel geben.
Ich scherzte, aber ihr armes Gesicht war so verändert, daß ich aus allen Kräften zitterte.
Sein Sie ruhig, liebe Marquise, ich werde Sie nicht stören; ich kenne die Welt zu gut, um die Leute mit meinem Tode zu belästigen, nachdem ich sie während meines Lebens so wenig wie möglich belästigt habe.
– Ich werde Sie nicht verlassen.
Sie werden mich verlassen, um sich auszuruhen; wir werden mit einander zu Abend speisen, wir wollen versuchen, noch zum letztenmal recht zu lachen. Wir wollen uns umarmen, und morgen bei Ihrem Erwachen werde ich von der andern Welt aus sehen, ob Sie mich beklagen.
– Was! zu Abend speisen, in dem Zustande, worin Sie sich befinden?
– Meine Königin, Chirac versichert, daß ich nicht krank bin, ich will den ersten Leibarzt Seiner Majestät nicht Lügen strafen, und ich werde mit den Waffen in der Hand sterben.
– Ruhen Sie sich vielmehr aus, meine liebe Marquise, ich werde mit Ihnen plaudern, und Sie werden unmerklich einschlafen,
– Durchaus nicht. Ich werde mich schön machen; Sie sollen die letzte Person sein, die ich sehe, und diese letzte Person soll mich geschmückt sehen; so werde ich bei den Todten ankommen. Pluto wird keine Grimasse machen.
Was ich auch sagen und thun mochte, sie wollte es so, und man servirte uns in einem zierlichen kleinen Cabinet, voll von verderblichen Phantasien, ein Souper der berühmtesten Feinschmecker würdig. Was Frau von Prie betraf, sie war in der That schön und geputzt; sie hatte Roth aufgelegt, nicht viel, aber gerade genug, um die natürlichen Farben nachzuahmen. Sie erinnerte mich an die schönen Zeiten, Sie aß nur sehr wenig, doch trank sie einige Gläser spanischen Wein, den sie sehr liebte; sie schimmerte von Geist und Heiterkeit; dann wurde sie plötzlich ohnmächtig.
Wir brachten sie wieder zu sich, wir sorgten für sie, ihre Frauen und ich. Ich wollte sie zu Bette bringen.
– Nein, sagte sie, ich habe mein Abendessen noch nicht beendet, und ich will mich wieder dazu niedersetzen.
Sie hörte uns nicht an; man mußte ihr gehorchen. Sie fuhr fort und nahm die Unterhaltung wieder auf, wo sie sie unterbrochen hatte, indem sie mit mir von sich selber sprach, als wenn sie nicht mehr lebte, mir ihre Wünsche und tausend Thorheiten auftrug an die, welche sie liebte oder nur kannte.
– Man hat mir viele Liebhaber beigelegt, meine Königin: ich gestehe, ich habe deren wohl einige gehabt. Ich bedauere sie nicht, denn es verlohnte sich nicht der Mühe, sie zu lieben. Sie werden es übernehmen, den Herzog zu besuchen, ich bin gewiß, daß er bald seine Partei ergreifen wird. Er war glücklich, sich von mir frei zu machen. Mein Geheimniß, ihn ehemals zu leiten, war weder sein Geist, noch seine Zärtlichkeit, sondern nur seine Furcht vor der Herzogin, seiner Mutter. Wenn ich nicht dagewesen wäre, hätte sie sich dort eingenistelt, und es hätte der Anwendung der Autorität bedurft, um sie zu vertreiben, und dazu war er unfähig. Ich war ein Erhaltungsmittel, das ist Alles.
Um ein Uhr Morgens forderte sie mich auf, mich zur Ruhe zu begeben.
– Ich habe mich ermüdet und muß schlafen. Ich fühle mich wohl.
– Ist es gewiß?
– Ich stehe Ihnen dafür; glauben Sie es mir.
– Gute Nacht, liebe Königin, umarmen wir uns.
– Auf morgen.
– Ja, auf morgen, auf morgen. Man wird Sie in Ihr Zimmer führen.
Ich umarmte sie in der That mit Zärtlichkeit. Ich sollte sie nur todt wiedersehen.
Ich schlief wie gewöhnlich, und als ich erwachte, überreichte mir eine Kammerfrau sehr traurig ein kleines Bittet, welches nur folgende wenige Worte enthielt:
»Leben Sie wohl, liebe Königin, ich scheide. Ich habe verboten, Sie zu wecken.«
– Wie! rief ich, Frau von Prie!
– Ach! Madame, sie ist um vier Uhr diesen Morgen verschieden.
– Und Sie haben mich nicht gerufen?
– Madame hat es mir ausdrücklich verboten. Der Herr Präsident Henault ist angekommen.
– Bitten Sie ihn, herein zu kommen; es ist nothwendig, daß ich mit ihm spreche.
Ich putzte mich ein wenig heraus, denn von dieser Zeit an begann der Präsident mir den Hof zu machen. Er kam und wir beklagten einander. Dies war nicht Alles, wir mußten Anzeigen machen, die Familie in Kenntniß setzen, der Präsident übernahm es, zu schreiben und die ersten Befehle zu ertheilen; ich dagegen erklärte, daß ich noch an demselben Tage abreisen werde, nachdem ich meiner armen Freundin ein letztes Lebewohl gesagt. Herr von Meuse sollte zu mir kommen, und ich wollte ihm diesen Anblick ersparen.
Ich reiste in der That ab. Der Präsident wendete viel Galanterien gegen mich an, indem er mich in meine Carosse begleitete. Obgleich er nicht mehr jung war, hatte er doch viel Verstand.
Der Tod der Frau von Prie machte nicht das geringste Aufsehen in Paris: ich kündigte ihn unseren Freunden an und denen, die ihr zur Zeit ihrer Gunst am meisten geschmeichelt hatten, und man antwortete mir mit zwei Redensarten aus der Oper oder dem Schauspiel des letzten Abends:
– Die arme Marquise! Wahrlich, das heißt jung sterben!
Und dann sprach man von etwas Anderem.
Frau von Parabère allein wurde sehr davon betroffen. Sie war traurig und in übler Laune. Ihr Liebhaber, der erste Präsident Herr von Beninghen, hatte sie verlassen. Sie war im Begriff, sich an d'Alincourt anzuschließen, den Frau von Prie ehemals wegen des Regenten aufgegeben.
– Ah! sagte sie, dieser d'Alincourt wird mir Unglück bringen, dies ist die dritte Geliebte, die er in sechs Monaten begräbt. Uebrigens bin ich eine gewissere Unglückbringerin, als er, wie Sie sich erinnern werden.
Indessen ging es ihr sehr im Kopfe herum.
Herr von Meuse war scherzhaft, wie man weiß; er war sehr leidend, und diese Neigung, zu scherzen, verließ ihn selbst während seiner Krankheit nicht. Man rieth ihm, Isey, Professor der medicinischen Facultät, zu Rathe zu ziehen, der ein ernster und gesetzter Mann und zugleich furchtsam und stolz war. Er brauchte zu gleicher Zeit Sganarelle und Purgon. Herr von Meuse belustigte sich sehr darüber und sprach vierzehn Tage lang von ihm, wie von einer höchst komischen Figur,
Gerade zu dieser Zeit begegnete diesem Isey ein Abenteuer, welches einen schrecklichen Lärm machte, und wovon ich erst viel später den Schlüssel erhielt. Der König und der Cardinal mischten sich ein, ganz Paris wurde davon aufgeregt, man sprach von nichts Anderem, und ich erschöpfte mich in Muthmaßungen. Hier ist die Thatsache.
Eines Abends ziemlich spät erhielt Isey ein Billet, in welchem man ihn aufforderte, sich am folgender Tage um sechs Uhr in die Rue du Pot-de-Fer in der Nähe des Luxembourg zu begeben. Er strebte nach Geld und suchte den Kreis seiner Kunden zu erweitern; er begab sich dorthin und fand einen Mann, der ihn erwartete und ihn bat, ihm zu folgen.
– Es ist also nicht hier? fragte er.
– Nein, mein Herr, noch einige Schritte.
Isey glaubte, es handle sich um ein geheimes Accouchement, und dachte nicht weiter darüber nach, da ihm dies oft vorkam. Man führte ihn zu einer ziemlich ärmlichen Thür, der Mann klopfte an, man öffnete, er ließ Isey eintreten und blieb auf der Straße.
Der Portier kam und sagte ihm, er möge zum ersten Stock hinaufsteigen, wo man ihn erwarte. Er stieg hinauf und trat in ein Vorzimmer, welches weiß tapezirt und wo Alles weiß war. Ein malerischer Lakai, vom Kopf bis zu den Füßen weiß gekleidet, reifartig gepudert, mit einem weißen Haarbeutel, kam auf ihn zu, machte eine tiefe Verbeugung und sagte, indem er in jeder Hand einen Wischlappen hielt und vor ihm niederkniete:
– Erlauben Sie, mein Herr.
– Was?
– Ich muß Ihnen die Füße abwischen.
– Es ist unnöthig, ich bin nicht zu Fuße gegangen, ich steige eben aus meinem Wagen.
– Es muß aber doch geschehen, mein Herr, ich habe meine Befehle.
Der Arzt ließ ihn machen, obgleich dieses seltsame Vorspiel ihn ein wenig in Erstaunen setzte.
Als die Ceremonie vorüber war, öffnete man ihm noch zwei andere Zimmer, die ebenfalls weiß ausmöblirt waren, wie das erste. Am Ende des zweiten Zimmers erblickte er einen anderen Lakai, der wie der erste gekleidet war, und welcher, er mochte wollen oder nicht, das Abwischen fortsetzte.
Endlich führte man ihn in ein Schlafzimmer, wo die Wände, die Lehnsessel, die Vorhänge, die Tische, der Fußboden, die Decke, Alles weiß war. Ein Mann in weißer Nachtmütze und weißem Schlafrock und mit einer weißen Maske versehen saß am Kamin.
Sobald et Isey erblickte, sah er ihn einen Augenblick an, dann sagte er mit Grabesstimme zu ihm:
– Ich habe den Teufel im Leibe.
– Nun, mein Herr, was wollen Sie, daß ich dabei thun soll?
– Ich habe Sie nicht kommen lassen, um zu sprechen. Warten und schweigen Sie.
Dann nahm er weiße Handschuhe, die neben ihm auf einem Tische lagen. Es waren sechs Paare. Er zog sie drei Viertelstunden lang abwechselnd an und aus, ohne ein Wort zu sagen. Isey sah ihn an und dachte mit einem Narren zu thun zu haben. Seine Furcht wurde noch größer, als er um sich her an den Wänden ein ganzes Arsenal erblickte. Er wurde von einem allgemeinen Zittern ergriffen und setzte sich, obgleich man ihn nicht dazu aufgefordert hatte, da er sich nicht mehr aufrecht halten konnte. Er hatte große Lust, sich zu entfernen.
– Mein Herr, sagte er noch immer zitternd, ertheilen Sie mir Ihre Befehle, ich bitte Sie, ich werde bei meinen Patienten erwartet und meine Zeit gehört nicht mir.
– Schweigen Sie, antwortete der Andere mit furchtbarer Stimme, ich werde Sie gut bezahlen, was liegt Ihnen daran? Sie haben nichts zu sagen.
Dann fing er wieder an eine Viertelstunde lang seine Handschuhe anzuziehen, und überall herrschte tiefes Schweigen. Er zog an einer Klingelschnur, welche weiß war, wie alles Uebrige. Die beiden Bedienten kamen und brachten Binden und alle Arten von Necken und Instrumenten.
– Lassen Sie mir zur Stunde fünf Pfund Blut ab, begann das Gespenst.
– O Himmel, mein Herr, und wer hat eine solche Verordnung erlassen?
– Ich.
– Sie! das ist mir nicht genügend, mein Herr, ich kann nur nach meiner eigenen Verantwortlichkeit oder nach der eines meiner Collegen handeln. Erlauben Sie mir wenigstens, mich von Ihrem Zustande zu versichern.
– Ich verbiete es Ihnen! Wie! bin ich nicht Herr, mir Blut abzulassen, wenn es mir gut scheint? Mein Blut gehört mir; lassen Sie es mir ab und beeilen Sie sich.
Es mußte geschehen, aber er hatte Furcht. Er wagte nicht am Arme eine Ader zu öffnen, aus Besorgniß, daß es üble Folgen haben möchte, und er entschied sich für den Fuß, wo die Gefahr geringer ist. Hierauf zog der weiße Tyrann einen sehr feinen weißen Strumpf herunter, und dann nach einander zehn Paar, legte endlich einen mit weißem Atlas gefütterten Filzschuh ab und zeigte das zierlichste Bein und den zierlichsten Fuß von der Welt.
– Es ist eine Frau, dachte Isey.
Er öffnete die Ader und das Blut kam. Bei dem zweiten Becken wurde der Mensch ohnmächtig. Die erste Bewegung des Arztes war, ihm die Maske abzunehmen.
Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr, riefen die beiden Bedienten, es möchte Ihnen sonst übel ergehen.
Man streckte den Patienten am Boden aus, verband ihm den Fuß und nach und nach kam er wieder zu sich.
– Wärmt mein Bett und legt mich hinein, sagte er mit sterbender Stimme,
Man gehorchte sogleich. Mehr und mehr in Verlegenheit gesetzt und durchaus nicht beruhigt, näherte er sich dem Kamin, um seine Lancette abzuwischen. Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und sah hinter sich die große Gestalt, im Hemd und den einen Fuß in der Luft daherhinken. Der Patient hatte sein Bett verlassen, und rief für Einen, der sich eben noch kaum aufrecht halten konnte, in ziemlich lautem Tone zu:
– Hier sind fünf Thaler, nehmen Sie sie.
Er nahm Sie.
– Sind Sie zufrieden?
– Ja.
– So gehen Sie fort und schnell.
Der Andere ließ es sich nicht zweimal sagen und entfernte sich.
Er fand die Bedienten wieder, die ihn mit brennenden Kerzen hinaus begleiteten und das Lachen nicht unterdrücken konnten, worüber er in Zorn gerieth.
– Ah! Ihr Schurken, was soll das bedeuten? Wollt Ihr Euren Scherz mit mir treiben? Wozu diese Possen?
– Mein Herr, man hat Ihnen nichts zu Leide gethan, nicht wahr? Man hat Sie gut bezahlt; was liegt Ihnen daran? Gehen Sie und fragen Sie nicht weiter darnach.
Sie führten ihn zu seinem Wagen zurück, und in seinem Leben war er nicht so froh, als von dort entfernt zu sein. Er beschloß, nicht davon zu reden, da er nicht wußte, was daraus entstehen würde.
Am folgenden Tage fragte ein Lakai in vornehmer Livree, die ebenso unbekannt wie auffallend war, an seiner Thür, wie er sich nach einem Aderlaß befinde, den er an einem weißen Manne vorgenommen?
