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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 35

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Sechstes Kapitel

Das Fräulein von Lespinasse reiste mit dem Staatsanwalt und dessen Gattin auf der Diligence aus Lyon ab. Herr von Tencin hatte sie ihnen anvertraut und sie befand sich während der ganzen Reise sehr wohl bei ihnen.

Ich war damals von zwei oder drei lieben Freunden umgeben: von dem Präsidenten Henault, Formont und d'Alembert, den ich wenigstens ebenso sehr wie die Anderen liebte, obgleich die Bekanntschaft noch neu war. D'Alembert galt für den Sohn der Frau von Tencin und Destouches. Sie hat mir immer versichert, daß es nicht wahr sei, und mir etwas ganz Anderes eingestanden, was mich bewog, es zu glauben. Andererseits behauptet d'Alembert, daß er den Beweis davon hat und der Thatsache gewiß ist, und daß sie es nur leugnet, weil sie sich schämt, ihn nicht anerkannt zu haben.

So viel ist gewiß, daß sie ihn nie hat sehen wollen, und daß er von der Frau eines Glasers auferzogen worden, die er mit unglaublicher Zärtlichkeit geliebt, wovon ich später erzählen werde.

Er kam alle Tage zu mir. Sie hatten schon ihre Encyclopädie und ihre philosophischen Ideen und Freigeisterei zu entwickeln angefangen, womit sie diese letzte Hälfte des Jahrhunderts unterhalten haben. D'Alembert war nicht schön, aber er war außerordentlich gut, besaß einen bezaubernden Geist und die angenehmste und lieblichste Unterhaltungsgabe, was man von einem Philosophen und Mathematiker hätte kaum glauben sollen. Ich habe nie einen Mann gekannt, mit dem ich lieber umging, und mein großer Zorn gegen das Fräulein von Lespinasse ist von ihm hergekommen.

Ich kündigte ihnen die Ankunft meiner jungen Freundin nicht an, ich war mit ihr übereingekommen, und wir wollten in den Verhältnissen bleiben, die ich angegeben.

Seitdem ich fast gar nichts mehr sah, lobte alle Welt meinen Muth.

Ich spielte die Tapfere vor meinen Freunden, und wenn ich allein war, gerieth ich in Verzweiflung; es war für mich die schrecklichste Lage und die grausamste Qual. Indessen war ich immer von Besuchenden umringt, mein Haus wurde nicht leer und die Personen vom Hofe und aus der Stadt begannen den Weg dorthin zu finden.

Einige Jahre vorher hatten wir oft kleine Komödien aufgeführt, die der Präsident Henault und Pont-de-Veyle für uns verfaßten. Die Schauspieler waren diese beiden Herren, d'Argental, Formont und einige Andere. Die Schauspielerinnen Frau von Rochefort und ich. Diese Gesellschaft hatte sich nie aufgelöst. Wir waren in einem vertrauten täglichen Umgange geblieben und zuweilen lasen wir unter uns die Stücke, an deren Aufführung wir uns ehemals so sehr unterhalten hatten.

D'Alembert verachtete diese Unterhaltung.

Am ersten Abend, den das Fräulein von Lespinasse in Paris zubrachte, sprach man von unserem Theater, von dem Stücke Zoide, welches Herr du Chàtel, der so viel Geist besaß, ausdrücklich für uns geschrieben, und worin Frau von Luxembourg so reizend war, dann »der Mann von Welt« von Herrn von Forcalquier und endlich »der Eifersüchtige auf sich selber« und »das Irrenhaus« von dem Präsidenten.

Man fragte natürlich die Neuangekommene, ob sie die Komödie liebe und ob es ihr gefalle, sie zu spielen.

– Sie zu sehen, ja, sie zu spielen, nein, versetzte sie.

– Vortrefflich! rief d'Alembert, das ist eine Person von Verstand. Sie sind verständiger in Ihrem Alter, als alle diese Herren und Damen, die es mehr sein sollten, als Sie.

Und sogleich begann er diesen Satz zu behaupten, wobei das Fräulein von Lespinasse allein auf seiner Seite war. Von diesem Tage an verstanden sie einander und schlossen ein Freundschaftsbündniß, und wenn ich sie hätte sehen können, glaube ich, hätte ich ihre Zukunft und die, welche sie mir bereiteten, errathen können.

D'Alembert war um diese Zeit von dem Könige von Preußen berufen worden, mit dem er eine Zusammenkunft hatte. Er kehrte nicht stolzer zurück, aber mit einer Leidenschaft und dem Versprechen einer ewigen Freundschaft von diesem großen Manne, der sich immer wie vor einem Maler für die Nachwelt hinstellte, was auch die Herren von der Encyclopädie davon gesagt haben mögen, die einen Gott aus ihm machen wollten. Voltaire ist sehr davon zurückgekommen, er, der so viel Geist hat, der die Welt so gut kennt und gegen den die Anderen wie Zwerge erscheinen. Er hat den Mann beseitigt und nur den Helden als König und Krieger beibehalten.

Friedrich und Katharina haben ihr Lebenlang über die Philosophen gespottet und sie dennoch mit Gunstbezeugungen überhäuft. Das Schöne dabei ist, daß die Philosophen sie alle angenommen haben, ungeachtet ihrer Verachtung des Reichthums und der Ehre. Indem man ihrem Stolze eine Schlinge legt, ist man gewiß, daß sie sich darin fangen werden. Sie sind noch in viele andere gegangen, wie man bald sehen wird.

Wir hatten zu jener Zeit auch in unserer täglichen Gesellschaft den Chevalier von Aydie, dessen Tochter der Graf von Nanthia geheirathet hatte. Ah! wie weit war sie von ihrer Mutter, dieser schönen Aissé entfernt, so sehr sie ihr auch glich! Wir hatten auch Herrn von Berkly, einen reizenden Engländer, den Herr Walpole nicht ausstehen kann; den Baron Fischer, einen Schweden von viel Geist, die Herzogin von Nirepoix, so voll Grazie und Schönheit, daß man ihr keine Karte oder Würfel zeigte, denn da war sie eine Thörin und verlor alle ihre gute Eigenschaften, und ich hätte sie schlagen mögen.

Ferner die Herzogin von Boufflers, die in zweiter Ehe Marschallin-Herzogin von Luxembourg wurde; und welches verehrungswürdige Geschöpf war sie! Sie genoß reichlich ihre Jugend, und da sie nicht geizig war, verbreitete sie überall Heiterkeit und Frohsinn. Man machte ihr einen Vorwurf daraus, wenn man sie nicht kannte, wenn man sie aber zweimal gesehen, hatte man nicht mehr den Muth, Groll gegen sie zu hegen. Ich rede nicht von mir, wohl verstanden, da ich weder das Recht noch die Lust hatte, strenge zu sein, ich rede von der Königin, von den Spröden des Hofes und der Stadt, die ihr nachliefen, obgleich sie wohl wußten, daß sie ganz etwas Anderem nachlief.

Ich würde nicht zu Ende kommen, wenn ich all unsere Besucher erwähnen wollte. Ich muß indessen den Präsidenten von Montesquieu und Fontenelle hervorheben. Es verlohnt sich wohl der Mühe, von diesen Beiden zu reden; auch will ich es thun. Für heute komme ich zu dem Fräulein von Lespinasse zurück, zu ihrem Erstaunen, ihrem Glück, plötzlich aus ihrer Provinz in die Mitte eines solchen Zirkels versetzt zu sein. Sie dankte mir ohne Aufhören dafür, küßte mir die Hände, überhäufte mich mit Sorgfalt und Zärtlichkeit; sie sagte, sie liebe mich, und ich erwiederte ihre Neigung in Wahrheit, was man auch davon sagen mochte.

So vergingen unsere Tage sehr glücklich; ich tröstete mich für meine Schwäche durch die Zerstreuungen, die man mir gewährte. Ich war nie allein. Das Fräulein von Lespinasse verließ mich nach den ersten Monaten zuweilen, doch geschah es nur in den Stunden, wo meine andern Freunde sie ersetzten. Bald hatte sie diesen, bald jenen Vorwand; sie wollte diesen oder jenen besuchen, sie hatte Briefe zu schreiben, sich auf eine Vorlesung vorzubereiten, sie hatte eine Arbeit vor, doch zeigte sie mir jeden Augenblick alle mögliche Liebenswürdigkeit, um mir zu gefallen, und ich war entzückt davon.

Folgendes geschah also, was ich mir nicht träumen ließ. Ich habe dies später aus den Mittheilungen D'Alemberts an den Präsidenten und Pont-de-Veyle erfahren, die ihn oft, und besonders im Augenblick seines Schmerzes, besuchten. Er erzählte ihnen den Anfang und das Ende, und sie verfehlten nicht, mir darüber zu berichten.

Es fiel ihnen nicht sogleich ein, daß sie einander lieben könnten. Sie suchten einander auf, weil sie allein wegen ihres Geistes für einander paßten, aber die Liebe war weit entfernt von ihren Gedanken. Sie kam endlich seltsamerweise durch das, was sie am wenigsten hätte herbeiführen sollen, nämlich durch die Wissenschaft.

Das Fräulein von Lespinasse besaß Sinnlichkeit und eine glühende Seele; sie war romantisch, sie war zärtlich, sie hatte Neigungen, die selbst ich bemerkte und worüber ich oft mit ihr scherzte. D'Alembert belehrte sie über viele Dinge, die sie noch nicht wußte und die der Richtung ihres Geistes nicht angemessen waren. Sie gab sich viele Mühe, sie zu behalten, doch behielt sie sie nicht; auch benutzte ihr Lehrer den Vorwand, sie ihr täglich und lange zu wiederholen.

Eines Morgens wurde Botanik verhandelt, denn d'Alembert wußte Alles, und man sprach von dem Ursprünge, ich weiß nicht von was, und es war die ewige Litanei. Ich, die ich immer die gelehrten Männer und ganz besonders die gelehrten Frauen verabscheut habe, verstopfte mir die Ohren, um sie nicht zu hören. Sie gingen also zusammen aus, um eine Pflanze zu suchen, die d'Alembert in der Umgebung von Montmorency bemerkt hatte, als er Frau von Epinay besuchen wollte, von der wir später sprechen werden.

Sie nahmen eine Chaise, welche d'Alembert durchaus bezahlen wollte, worüber Julie sich untröstlich zeigte, und sie benutzten einen Tag, wo die Marquise von Forcalquier kam, um mir vorzulesen; sie waren gewiß, daß ich mich nicht langweilen werde, oder daß ihre Gegenwart mich nicht verhindert haben würde, mich zu langweilen.

Es war an diesem Tage ein erwünschtes Wetter, es war im Monat Junius, nicht zu heiß, gerade Sonne genug, um die Landschaft aufzuhellen, und nicht genug, um die Hitze unerträglich zu machen. Hübsche weiße Wolken wie Schneebälle, ein reizender Horizont und die Liebe zwischen ihnen Beiden! War es nicht genug für einen Philosophen und ein Mädchen, welches darnach strebte, es zu werden?

Anfangs unterhielten sie sich ganz heiter, dann wurden sie nachdenkend und träumerisch. D'Alembert kannte besser, als sie, die Ursache ihrer Träumerei. Er hatte sich bereits Rechenschaft von der Neigung abgelegt, die sie fortzog, und fragte sich, ob er seine Begleiterin darüber aufklären oder sie in der Unwissenschaft ihrer unschuldigen Herzensreinheit lassen solle.

Eine Frage des Fräulein von Lespinasse entschied die Sache.

– O Himmel! mein Herr, der hübsche Bach, die reizende Wiese, die schönen Bäume! Sagen Sie mir, warum habe ich eine so unwiderstehliche Lust, diese Chaise zu verlassen und dort unten spazieren zu gehen? Ich habe doch viele Bäche gesehen, viele Bäume und viele Wiesen, die ebenso angenehm waren, wie diese, so angenehm sie auch sein mögen!

– Ich will es Ihnen sagen, mein Fräulein, wenn wir Ihren Wunsch erfüllt haben; nichts ist leichter. Der Postillon wird uns erwarten; er ist für den Tag gedungen und steht durchaus zu unserer Verfügung. Sollte es nicht der rechte Augenblick sein, dort unten unsere Vorräthe auszubreiten und unser Frühstück einzunehmen?

– Sie haben Recht, mein Herr. Ich habe indessen keinen Hunger, und ich bin sehr froh. O! ich war in meinem Leben nicht so froh!

Formont und der Präsident, zwei alte Wüstlinge, hatten diese Parthie sehr getadelt, worin die Damen und ich nichts Böses sahen. D'Alembert erschien uns wie Scipio, wie Robert d'Arbrissel oder wie die keusche Susanna, und wir konnten nicht die geringste Gefahr darin finden.

Die Herzogin von Chaulnes unter Anderen, die ihn lange verhindert hatte, in die Akademie aufgenommen zu werden – nicht als hätte sie ihn nicht geliebt, sondern weil sie zu laut ausrief, sie würde ihm ein Serail zu bewachen geben. Man wußte, daß sie eine Frau sei, um die Frage zu ergründen, und Fontenelle sagte ernsthaft in dieser Hinsicht:

– Ueber Alles, was diese Nachrichten betrifft, ist die Herzogin von Chaulnes der Rechenknecht der Liebe.

Man kann sich denken, daß der Ausspruch Glück machte! Sie hatte d'Alembert mit Null bezeichnet, und sie bemühte sich so gut, daß la Peyrouse oder der Graf von Clermont, ich weiß nicht Mehr, welcher von Beiden, anstatt seiner in die Akademie aufgenommen wurde, unter dem Vorwande, daß ein Akademiker ein Mann sein müsse. Sie verdrehte den Vierzigen so die Köpfe, daß sie sich vor der Lächerlichkeit fürchteten und diese Ungerechtigkeit begingen, die man später wieder gut machte. Die Thoren und besonders die Thörinnen können in diesem Lande gewiß sein, angehört zu werden.

Indessen waren wir sehr ruhig wegen des Lehrers und der Schülerin und hörten Frau von Forcalquier und ihre Vorlesung an, während sie durch die Felder liefen und den Ufern der Bäche folgten und eine vortreffliche Pastete aßen, die für diese Gelegenheit bereitet war.

Anfangs beschäftigte man sich nur damit; man hat Hunger auf dem Lande, wenn man jung ist und nicht oft dorthin geht. Die Schöne hatte wohl versichert, daß sie nicht essen würde, dennoch ließ sie sich dazu verleiten und ihre Heiterkeit kehrte zurück. D'Alembert war sehr liebenswürdig; er sprach von ganz anderen Dingen, als von den Regeln der Arithmetik und Geometrie. Dann fragte er das arme Mädchen, ob sie, noch immer den Grund ihrer Begeisterung für den Bach, für die Wiese und die Bäume wissen wolle.

– O! ja, versetzte sie mit klopfendem Herzen.

Er näherte sich ihr, faßte ihre Hand, die sie ihm ließ, und begann eine Rede über die Sympathien, über die Geistesverwandtschaften, über die Kräfte der Anziehung, und ich weiß nicht, welche mehr oder weniger wohlklingende Worte er anwendete, um seine Liebeswerbung nicht wie die Anderen zu machen und die Wissenschaft nicht herabzuwürdigen, indem er sie zu den gewöhnlichen Ausdrücken herabzog.

Das Fräulein von Lespinasse verstand ihn mehr aus Instinct, als aus Scharfsinn; sie erröthete und schlug die Augen nieder, sie lächelte sogar, und dieses Lächeln verwirrte die Desinitionen des armen Mannes; er wußte nichts weiter zu thun, als sich ihr zu Füßen zu werfen, indem er zu ihr sagte:

– Ich liebe Sie; lieben Sie mich?

Ich weiß nicht, ob sie antwortete; ich weiß nur, daß er es errieth und schon lange errathen hatte, und daß sie eine gute Viertelstunde zubrachten, in ihre Gefühle verloren, zu schweigen. Diderot meinte, man könne d'Alembert diese Viertelstunde nicht verzeihen, die höchstens für einen Dichter passe, worauf Pont-de-Veyle, der gewöhnlich so boshaft war, erwiederte:

– Suchte er nicht ein Problem?

Julie gehörte zu den Frauen, welche gleich so sehr lieben, wie sie je lieben werden. Sie machte in dieser Viertelstunde so viele Fortschritte, wie ich in zehn Jahren würde gemacht haben, und doch hätte ich nie bis zu diesem Grade gelangen können. Gott sei Dank! ich bin weder romantisch noch leidenschaftlich.

Sie fanden das Wort wieder und erblickten aus der Ferne einen ländlichen Brautzug und zwei sehr verliebte Neuvermählte. Darüber verbreitete sich d'Alembert. Er fragte sie, ob sie an die Ehe denke; er bewies ihr durch a + b, daß sie das Grab der Liebe sei. Julie antwortete, sie beunruhige sich nicht wegen einer Ceremonie; sie würde ihr Herz verschenken, ohne sich um die Meinung der Anderen zu kümmern.

– Ich bin frei, Sie auch; was würden uns noch einige Worte mehr, von einem Menschen, wie wir, ausgesprochen, ausmachen? Wir verbinden uns vor dem höchsten Wesen; es hat uns geschaffen, um uns zu lieben, es sieht und hört uns; das reicht zu unserm Glück und für unser Gewissen aus.

Dieses Raisonnement des Philosophen, welches den Schalk verrieth, erschien seiner Geliebten von einer bewundernswürdigen Logik. Sie waren also völlig einstimmig.

Die Reise war eine Wonne. Von Zeit zu Zeit gewann das Wirkliche die Oberhand. Der gute d'Alembert vergaß die Philosophie und wurde bezaubernd, er ließ sein Herz reden und sein Verlangen zu gefallen. Er gefiel, er gewann diese Seele ohne Verteidigung, diese Seele, welche lieben wollte und die bisher nur ihre Mutter geliebt hatte. Sie hat. seitdem schrecklich geliebt, wie Mascarille sagt.

Die erste Verabredung war das Geheimniß. Man kam überein, mir diese schöne Flamme zu verbergen: d'Alembert kannte meine Eifersucht, er erwartete, daß ich davon aufgeregt sein würde. Er forderte auch seine Schöne auf, unseren Freunden gegenüber zu schweigen; sie könnten plaudern.

– Lassen Sie uns glücklich sein für uns und nicht für die Anderen. Was mich betrifft, mein Leben gehört Ihnen einzig und allein. Meine gute Mutter, die Glasersfrau, will nichts weiter, wenn sie mich täglich eine Minute sieht, wenn sie weiß, daß ich zufrieden bin, oder wenn ich ihr meinen Kummer anvertraue, da ist die arme Frau beruhigt. Mit Madame Du-Deffand ist es nicht so.

Nein, ich glich der Glasersfrau durchaus nicht, ich verlangte mehr, und wenn ich von diesem Verhältniß eine Ahnung gehabt hätte, würde sie mich aufs Aeußerste aufgebracht haben. Nicht als wäre ich im geringsten in d'Alembert verliebt gewesen, aber ich sah es nicht gern, daß man mich bei meinen Freunden verdrängte, und überall, wo die Liebe eintritt, macht sie reines Haus.

Siebentes Kapitel

Voltaire hatte Frau von Chatelet seit mehreren Jahren verloren; er hatte entdeckt, daß sie ihn wegen dieses lieben Saint-Lambert, dieses Philosophen, Dichters, Militairs, Cavaliers und Alles, was man will, betrog, und er war in eine tiefe Verachtung der Liebe versunken. Er schrieb an d'Argental einen Brief, den mir dieser mittheilte, und worüber wir uns sehr ärgerten, und der von einem anderen handelte, den d'Alembert an ihn gerichtet hatte und der ganz mit Spöttereien angefüllt war.

– Sollte er verliebt sein? fragte er; und in wen denn?

Pont-de-Veyle behauptete mit seiner gewohnten Menschenliebe, er sei in mich verliebt.

– Oder vielmehr in Ihre junge Secretairin, versetzte der Präsident, seit dem berühmten Tage des Pflanzensuchens in Montmormcy; seitdem geht etwas zwischen ihnen vor, was ich nicht verstehe.

– Sollten sie vielleicht ebenso stark sein, wie d'Alembert, um es zu verstehen? sagte Herr Duchatel, der bei dieser Unterredung zugegen war.

Der Chevalier d'Aydie, der sich seiner jungen Jahre erinnerte, suchte seine Eindrücke in den Augen des Philosophen und meiner Freunde wiederzufinden.

– Das ist es nicht, sagte er.

– Nein, versetzte der Präsident, es ist das nicht für Sie, Chevalier, sondern nur für jene.

Man kam überein, vor mir nicht davon zu sprechen und meinen Verdacht abzulenken; ich war ihnen unruhig vorgekommen. Montesquieu schrieb mir einen Brief über die Scherze des Morgens, sonst beschäftigte sich Niemand, weiter mit dieser Unterhaltung. Ich bat, mir die Wahrheit nicht zu verbergen: Frau von Mirepoix versicherte mir, daß nichts daran sei, ich glaubte ihr und vergaß es.

So vergingen mehrere Monate. Alle wußten oder witterten wenigstens die Wahrheit, außer mir, die ich mich nicht damit beunruhigte. Um gerecht zu sein, muß ich hinzufügen, daß man nie mehr Sorgfalt und Freundschaft für eine gebrechliche und oft traurige Frau anwendete, als damals geschah. Sie schienen sich zu vereinigen, um mich mein Unglück vergessen zu machen. Ich fand sie immer da, wenn ich ihrer bedurfte: ich liebte sie Beide sehr. Formont, der sich verheirathet hatte, war weniger eifrig, und der Präsident klagte über sein Befinden. Pont-de-Veyle, obgleich er nicht mehr fünfzehn Jahre alt war, lief noch ganz gern hinter den Coulissen und in den Boudoirs umher; sie waren also Beide die Getreusten und Geliebtesten.

Oft am Morgen, wenn die Luft rein war, besuchte mich d'Alembert und sie führten mich in die Tuilerien oder in den Luxembourg. Ich war glücklich, mit ihnen dort zu sein, und ich freute mich jeden Tag, diese so sehr verfolgte Waise aufgenommen zu haben.

Man schätzte sie sehr in meiner Umgebung. Die Marschallin von Luxembourg überhäufte sie mit Geschenken: sie machte ihr so hübsche, daß ich nicht zurückbleiben wollte und ihr ebenfalls welche machte. Meine Freunde wetteiferten darin, wer ihr die kostbarste Kleinigkeit bringen werde; d'Alembert allein gab ihr nichts, und als man eine Bemerkung darüber machte, antwortete er, er wolle nicht thun, wie die Anderen.

Dieses Wort fiel mir auf; ich machte ziemlich laut meine Bemerkung darüber, mein Zirkel beschäftigte sich damit, man errieth die Wahrheit und hatte sich verabredet, daß ich unbekannt damit bleiben solle. Julie glaubte nicht durchschaut zu werden; sie machte es wie der Strauß, ganz in ihre Liebe versunken, beschäftigte sie sich nicht mit den Anderen und bildete sich ein, daß sie es ebenso machten. Man würde sie sehr in Erstaunen gesetzt haben, wenn man zu ihr gesagt:

– Ihr Umgang mit d'Alembert ist das öffentliche Geheimniß; Ihre Beschützerin ausgenommen, ist jeder um uns her damit bekannt.

Die Liebe sieht nur sich selbst!

Das Fräulein von Lespinasse nahm von jetzt die Gewohnheit an, verehrt zu werden, sich Schmeicheleien sagen zu lassen und sich mit nichts zu beschäftigen. Anstatt um meinetwillen bei mir zu sein, war sie endlich nur für sich selber da, ohne sich im geringsten um das zu kümmern, was mir angenehm oder bequem war. Ich bemerkte es wenig und ich überging es, als ich es bemerkte, denn ich liebte dieses Mädchen wirklich. Bald war sie ebenso vertraut mit meinen Freunden, wie ich, und sie gefiel ihnen, wie sie mir gefallen hatte. Sie wurde von ihnen geliebt und gesucht, und man kam dahin, sie ebenso hoch wie mich und zuweilen noch höher anzuschlagen.

Ich war oft leidend und übler Laune – ich verleugne meine Fehler nicht – meine Eifersucht zeigte sich in ihrem vollen Glänze, und man gab mir selten Gelegenheit dazu. Die Zeichen waren leicht zwischen ihnen, nicht so die Unterhaltungen, so leise man auch in meiner Nähe sprach, ich hörte es immer, und errieth, was ich nicht hörte. Dies war ihnen lästig, und mir nicht weniger, als ihnen.

Dieser Zustand währte mehrere Jahre, ohne daß sich etwas um uns her veränderte. Es versammelten sich dieselben Personen um mich; wenn Tod oder Abwesenheit die Reihen lichteten, wurden sie ebenso bald wieder ausgefüllt. Der Andrang war groß, und immer war das Fräulein von Lespinasse die Erste, so gut wie ich selber.

Ich gehe sehr spät zu Bette, weil ich nicht schlafen kann. Man liest mir einen Theil der Nacht vor; die Folge davon ist, daß meine Vorleserin und ich den ganzen Tag schlafen. Julie hatte auch diese Gewohnheit angenommen und wir rechneten nur den Abend. Bei meiner ewigen Dunkelheit war es ganz dasselbe; ihr fehlte die Sonne zuweilen, sie beklagte sich bitter darüber, wenn ich nicht dabei war, und machte mir Bemerkungen über ihre Gesundheit. Ich ließ sie daher oft von Viard oder von der Desvreux, meiner getreuen Kammerfrau, ersetzen. Indessen war es nicht ganz dasselbe; sie verstanden nicht Alles, wie sie, und ich konnte mit ihnen nicht analysiren und verhandeln, was ich las.

Als der Winter kam, übernahm sie ihre Beschäftigung wieder, und es wurde ihr weniger schwer. Unser Zirkel hatte sich um zwei oder drei Vertraute vermehrt, zu welchen der kleine Marmontel gehörte, den ich nie habe leiden können, und den d'Alembert mir zuführte. Wir hatten ihn bei einer Madame Harene kennen gelernt, die seine Freundin war und wo wir zuweilen soupirten, und auch bei der Frau von Tencin, deren Haus der Versammlungsort der Schöngeister war. Dort war es, wo Madame Geoffrin sie fast alle auffischte. Frau von Tencin täuschte sich nicht in ihm und sagte mir eines Tages, indem sie auf. ihn deutete:.

– Diese alte Frau glaubt, daß ich sie nicht durchschaue, sie kommt hierher, um sie mir wegzunehmen und um zu erfahren, wie man sie regiert; sie wird bald dessen überdrüssig werden.

Sie wurde dessen nicht überdrüssig und nie war ein Haus mit diesem, hinsichtlich der Führung, zu vergleichen. Madame Geoffrin, die nur eine alte Bürgerin ohne Umgebung war, wurde eine Autorität allein durch ihren Geist und ihre Geschicklichkeit, ihren Zirkel zu wählen. Sie hatte am Montag ein Diner von Künstlern, und am Mittwoch eines von Literaten. Marmontel logirte bei ihr, er war ihr Günstling.

Dieser Mann, ein Kritiker, der seine Nase überall hatte, drängte sich bei mir ein und wurde einer von denen, welche die Stühle einnehmen, aber nicht mein Freund. Ich erwachte erst um sieben Uhr, und man trat um acht Uhr bei mir ein. Es fiel ihnen ein – und dies geschah d'Alembert zu gefallen – um sechs Uhr zu kommen und sich in dem Zimmer des Fräulein von Lespinasse einzurichten, wo sie, wie man mir versicherte, einen sehr interessanten kleinen Kreis bildeten. Ich wußte nichts davon. Dies währte ganze Monate. Mehrmals ließ sie sich unter dem Vorwande der Krankheit bei mir entschuldigen, und der ganze Abend wurde bei ihr zugebracht; man ließ mich allein, man ging in einen kleinen Winkel, wo man, wie Marmontel sagte, vor meiner Zunge und meinen Anforderungen geschützt war.

Das Fräulein von Lespinasse that sich keinen Zwang mehr an, und ich war nichts weiter, als eine Decke und ein Schild. Ich beklagte mich Anfangs leise darüber, aber man antwortete mir nicht darauf; dann sprach ich lauter, ohne mehr zu erlangen. Ich konnte nicht errathen, woher diese Veränderung kam, und meiner Muthmaßungen müde, befragte ich die Desvreux, was ich noch nicht gethan hatte. Ich verabscheue es, die Domestiken zu befragen, man hält sie dadurch an, Andere anzugeben, wenn man selber darauf eingeht; indessen blieb mir keine andere Wahl.

Ich faßte die Desvreux daher bei ihrer Anhänglichkeit und forderte sie auf, mir nichts zu verbergen, weil mein Leben nicht mehr lange währen könnte und weil gewiß ein Beweggrund vorhanden sein müßte. Sie machte viele Umstände; als ich ihr aber sagte, ich wolle sie nicht mehr um mich haben und nicht an ihre Zuneigung glauben, wenn sie es mir verweigere, ließ sie sich Alles abfragen. Da kam Alles heraus: der Umgang mit d'Alembert seit acht oder neun Jahren ohne mein Wissen, die abgesonderten Gesellschaften und die Verschwörungen – kurz, Alles!

Ich war wie vernichtet. Es war gerade sieben Uhr, und in diesem Augenblick mußte der Zirkel vollständig sein.

– Nun gut, so kleide mich an und führe mich zu ihr; dies ist das einzige Mittel, dieser Trennung ein Ende zu machen. Sonst werden sie es leugnen.

Die Desvreux wußte, daß eine Einwendung bei mir nicht angebracht war, und sie gehorchte. Ich ließ Viard rufen, da ich die Desvreux Julien gegenüber nicht in's Spiel bringen wollte, und stellte mich, als.wäre ich mit Allem unbekannt.

– Viard, das Fräulein von Lespinasse ist krank, Wie es scheint. Ehe die Gesellschaft kommt, führen Sie mich zu ihr, ich will versuchen, das arme Mädchen ein wenig zu trösten! Es ist mir, als hätte sie gehustet, und das beunruhigt mich.

– Aber, Madame – ich glaube, sie hat sich zu Bette gelegt.

– Wir gehen leise; übrigens bin ich gewiß, daß sie sehr erfreut sein wird, und das wird ihr wohlthun. Kommen Sie, reichen Sie mir Ihren Arm, mein Junge, und beunruhigen Sie sich deshalb nicht, ich weiß besser, als Sie, was ich thue.

Viard machte keine Einwendungen mehr, denn meine Leute kannten mich. Als wir uns diesem vermeintlich stillen Zimmer näherten, drang ein Geräusch von Stimmen zu mir und ich blieb stehen.

– Ach! sagte ich, wer spricht denn da drinnen? Es scheint mir, als wäre es d'Alembert. Er wird, wie ich, zu der Kranken gekommen sein. Aber da ist noch Einer, es ist Marmontel, dann noch Einer, es ist Diderot, und auch der Präsident. Ah so! es ist also ein Zirkel hier?

Ich konnte nicht mehr zweifeln. Ich stieß die Thür auf und trat ein, ohne Viard Zeit zu lassen, sie zu öffnen. Meine Ankunft machte die Wirkung des Medusenhauptes, man schwieg plötzlich und sie waren wie versteinert. Ich sah voraus, daß man versuchen würde, zu entfliehen. Mich arglos stellend, stieß ich die offene Flügelthür wieder zu und blieb vor derselben stehen, um den Ausweg zu versperren. Es war gut vorbereitet.

– Nun, meine Königin, sagte ich in meinem ruhigsten Tone, Sie sind im Bette? Wie befinden Sie sich?

– Ein wenig besser, Madame. Sie sind unendlich gut! Aber, Viard, führen Sie doch die Marquisc zu mir, stellen Sie ihr einen Sitz her, sie ermüdet sich, wenn sie so dasteht.

– Es ist unnütz, ich will nicht bleiben. Ich sehe, daß ich wohl gethan habe, zu kommen, denn diese Herren belästigen Sie in ihrem Eifer und ihrer zudringlichen Freundschaft. Eine Kranke bedarf der Ruhe, und ich rechne darauf, daß sie mir folgen werden.

– Aber Madame, stotterte sie.

– Mein Fräulein, ich sehe nicht, aber ich höre, und Sie wissen, daß ich vortreffliche Ohren habe und nicht ganz eine Cassandra bin. Man hat genug über mich gespottet.

Ich war im Zorn, in heftigem Zorn, so viel ist gewiß. Ich hatte an mich gehalten, aber jetzt konnte ich mich nicht länger mäßigen. Sie verstanden es.

– Mein Gott! Madame, sagte d'Alembert lachend, erzürnen wir uns nicht, ich bitte Sie. Sie nehmen eine unbedeutende Kleinigkeit als ernsthaft auf. Das Fräulein von Lespinasse hat Lust, in ihrem Zimmer zu bleiben; wir sind gekommen, eine Stunde bei ihr zuzubringen, ehe wir zu Ihnen gehen. Es ist kein Grund, sich deshalb zu erzürnen.

– Meinen Sie, Herr d'Alembert?

– Sie, die Sie so gut sind und so viel Geist haben!

– In diesem Falle gut zu sein, hieße dumm sein, und gerade weil ich Geist habe, will ich mich nicht länger zum Besten haben lassen. Das ist genug.

– Zum Besten haben lassen! Und von wem?

– Von dem Fräulein, von Ihnen, d'Alembert, von Ihnen allen, meine Herren, die Sie meine Schwäche mißbrauchen und mich in meinem Unglück beleidigen. Es ist eine Unwürdigkeit!

– Beruhigen Sie sich, Marquise, versetzte der Präsident; dies Alles ist nicht der Mühe werth, sich damit zu beschäftigen. Wenn Ihre Freunde bei dem Fräulein sind, so geschieht es nur in der Erwartung, daß Sie sichtbar werden, und Alle, so wie ich, wollten sogleich diese reizende Unterhaltung aufsuchen, die wir nicht entbehren können.

Ich erstickte vor Zorn; indessen hatte ich so viel Stärke, mir Gewalt anzuthun und dem Präsidenten in weniger zornigen Worten zu antworten, die er dennoch nicht mißverstehen konnte. Er kannte mich hinlänglich, um das Ungewitter vorher zu sehen, und um zu versuchen, es von ihm zu entfernen,, was nicht leicht war, sagte ich:

– Da das Fräulein von Lespinasse leidend ist, meine Herren, so bitte ich Sie wiederholt, mir zu folgen. Sie werden ihre Krankheit vermehren, Sie werden ihr eine Anstrengung bereiten, wovon sie sich schwerlich erholen wird, und Sie werden sehr unglücklich darüber sein, da Sie sie so sehr lieben. Herr d'Alembert, Ihre Hand.

– Von ganzem Herzen, Madame.

Er wagte nicht, es mir abzuschlagen; aber sie sahen einander mit Augen voll Versprechungen an, und ich fühlte es. Eine Sache, die man sich nicht träumen läßt, ohne daß man sie erlebt hat, ist, daß die Blinden die Blicke der Anderen fühlen, wie die Frauen die Blicke ihrer Geliebten fühlen. Es giebt keine Frau, die dies nicht weiß.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
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