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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 34

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– Was kann Sie auf einen solchen Gedanken bringen, Madame?

– Offenbar Ihre Antwort. Wenn Sie nichts mit diesen Papieren thun wollen, wozu soll es nützen, sie aufzubewahren? wenn nicht zu Ihrem Wohl, muß es zum Nachtheil und Untergang unseres Hauses sein.

– Wie können Sie mich dazu für fähig halten?

– Von Ihrem Eigensinn kann man Alles erwarten. Schon oft haben wir auf indirecte Weise die Herausgabe dieser Waffen, die Sie gegen uns bewahren, gefordert, aber Sie stellen sich als verständen Sie uns nicht. Heute spreche ich deutlich zu Ihnen, und Sie weigern sich.

– Ich kann Sie in der That nicht verstehen, Madame. Ich weiß nicht, was meine Mutter Ihnen gesagt hat, als Sie mit ihr allein gewesen, aber ich weiß, daß sie mir in Ihrer Gegenwart anempfohlen hat, diese Papiere wohl aufzubewahren, sie nie aus den Händen zu lassen und sie als Waffen gegen Sie anzuwenden, wenn Sie es je verdienen sollten.

– Ah! Mademoiselle, wollten Sie Ihrer Mutter Schande machen!

– Ich werde nie davon reden, Madame; ich werde Ihnen nie den geringsten Kummer machen. Davon sei zwischen uns nie mehr die Rede. Lieben Sie mich, wie ich geneigt bin, Sie zu lieben, indem wir so leben, wie unsere gute Mutter es uns anempfohlen hat. Wollen Sie es?

– Ohne Zweifel. Aber soll dieses Damoklesschwert über meinem Kopfe und dem meiner Kinder schweben?

– Ich werde es nicht niederfallen lassen, vergessen Sie es, wie ich es selber schon vergessen hatte.

Dieser Angriff erneuerte sich oft und unter allen Formen. Mein Bruder, seine Frau und eine für ihr Alter sehr gewandte kleine Tochter, die dazu abgerichtet war, versuchten ihn wiederholt und nach der Reihe. Als man sah, daß Alles vergebens war, veränderte man den Angriffsplan. Das Fräulein von Lespinasse würde mit der grüßten Strenge behandelt. Man hielt sie in gehöriger Ferne, wie eine Gouvernante niedrigen Standes, man wendete ein entsetzliches Verfahren gegen sie an, man demüthigte, man quälte sie und dann gab man ihr zu verstehen, daß sie Ruhe finden würde, sobald sie ihren Wünschen nachgebe. Dieses seltsame Mädchen war zugleich schwach und stark. Sie widersetzte sich ihnen und hielt sich gut. Jene wurden erbittert und sie auch; es war ein Kampf, in welchem Niemand nachgeben wollte und der mit Juliens Abreise enden sollte, als ich in Chamrond ankam. Sie war sehr entschlossen, mit ihren dreihundert Franken Renten in ein Kloster einzutreten, lieber als ein solches Dasein fortzusetzen.

Viertes Kapitel

Als ich in Chamrond ankam, war, wie gesagt, die Saite so straff angespannt, daß sie nothwendig zerreißen mußte. Man stellte mir das Fräulein von Lespinasse vor, nachdem man mir ihre Geschichte umständlich erzählt und mir das Versprechen abgenommen hatte, meine Klugheit anzuwenden, um sie zu bestimmen,

Ihr Anblick fiel mir auf: sie war nicht hübsch, die Blattern hatten sie sehr entstellt, aber sie hatte, ich weiß nicht welchen Zauber an sich, dessen man sich nicht erwehren konnte, und welcher fesselte.

Jetzt, da ich mich mit ihr beschäftigte und ihre unparteiische Geschichte schreibe, bin ich genöthigt anzuerkennen, daß sie viele gute Eigenschaften besaß, daß ihr Umgang etwas Bezauberndes an sich hatte und daß ich vielleicht viel Unrecht gegen sie begangen Dieses Unrecht kam von meiner Eifersucht her; ich war eifersüchtig auf meine Freunde, die sie mir vorzuziehen schienen, und auf sie, die mich ihretwegen aufzugeben schien. Dies war die einzige Ursache von dem, was sich ereignete. Ich bin immer stolz und herrschsüchtig gewesen; meine Schwäche hat meine Fehler verdoppelt und, wie ich gestehen muß. den Umgang mit mir sehr schwierig gemacht. Ich sehe besser aus der Ferne, wie die Ereignisse sich zugetragen haben, ich lege meine Ansprüche ab, und ich verstehe die Anderen. Dem Sterben nahe, habe ich das Bedürfniß mich aufzuklären, vielleicht zu verzeihen, gewiß klar zu sehen in meinem Herzen und in meiner Vergangenheit.

Wenn noch Jemand außer mir dies lesen sollte, würde ich es bei meinem Leben nimmermehr zugestehen: nach meinem Tode wird man mich kennen lernen. Vielleicht werde ich mich bis dahin noch einmal verändern! Jetzt, da ich dieses Glaubensbekenntnis abgelegt habe, bin ich unbefangener und kann die Geschichte des Fräulein von Lespinasse beenden; ich werde sie ohne Unterbrechung bis zu Ende fortsetzen, ohne mich mit mir selber zu beschäftigen, als wenn ich auf der Bühne erscheinen werde. Meine eigenen Abenteuer sind von keiner Bedeutung; ich habe ein Leben wie alle Frauen meiner Zeit geführt; was interessant ist, das sind meine Freunde, die Leute, mit welchen ich verkehrt habe, und die Ereignisse, die um mich her vorgegangen.

Ich war und bin noch der Mittelpunkt der Gesellschaft. Man kommt zu mir, weil es Mode ist; man muß die Blinde sehen, die Freundin Voltaire's, bei welcher sich die Schöngeister und Philosophen versammeln, eine alte Frau, die kein Ende nimmt, die den Hof und die Stadt bei sich empfängt, die Ludwig den Vierzehnten gesehen, die den Regenten gekannt und Alles, was man will. Dieses Jahrhundert ist so frivol, daß es nicht mehr verlangt. Die Hammel des Panurge sind nie mehr an der Tagesordnung gewesen.

Um dem Herrn und der Frau von Vichy zu gefallen, mit welchen ich in gutem Vernehmen zu bleiben wünschte, um so mehr, da ich bei ihnen war, und vermöge ihrer Anziehungskraft, die mich zu ihr hinzog, beschäftigte ich mich viel mit dem Fräulein von Lespinasse. Sie kam jeden Morgen in mein Zimmer, um mir ihre Dienste anzubieten, sie las mir vor, sie schrieb nach meinem Dictat; meine Blindheit wurde schon damals sehr ernstlich und verhinderte mich, selbst zu thun, was mir nöthig war. Sie zeigte die größte Sorgfalt und Aufmerksamkeit für mich; sie umarmte mich, sie liebkoste mich wie ein Kind.

– Ah! Madame, erlauben Sie mir, Sie zu lieben, sagte sie, ich habe Niemand auf der Welt zu lieben.

– Aber Frau von Vichy, – die Kinder?

– Frau von Vichy haßt mich und die Kinder hassen mich auf gleiche Weise, weil sie von ihr dazu bestimmt werden. Ah! Madame, meine arme Mutter hätte viel besser gethan, mich ins Kloster eintreten zu lassen, wie ich es wollte.

– Wahrlich, mein Fräulein, das wäre Schade gewesen.

– Madame, ich würde viel glücklicher gewesen sein, zweifeln Sie nicht daran. Ich bin nicht für das Weltleben geschaffen, ich werde dort nur Kummer finden.

– Mein Fräulein, Sie müssen nicht so offen von Ihrer Mutter sprechen, Sie werden Frau von Vichy dadurch nur noch mehr aufbringen. Das ist es, was sie fürchtet.

– Mit Ihnen, Madame, rede ich von meiner Mutter weil es mir vorkommt, als rede ich noch mit ihr; Sie erinnern mich an sie.

Jedesmal, wenn wir allein waren, führten wir dieselben Unterhaltungen, so daß sie mir nach und nach ihren Plan zur Abreise mittheilte, wovon sie nur durch das Vergnügen, mich zu sehen, zurückgehalten wurde.

– Sobald Sie abgereist sein werden, Madame, werde ich zu den Ursulinerinnen in Lyon gehen, welche zufrieden sind, mich zu empfangen. Hier sind die Briefe. Ich werde vielleicht den Schleier noch lange nicht nehmen, aber ich werde dort bleiben, vor Sorgen und Verfolgungen geschützt; man wird mich nicht mehr fürchten, ich werde wie todt sein.

– Armes Mädchen! das ist ein großer Entschluß! Könnten Sie nichts Besseres thun?

– Wohin wollen Sie, daß ich gehe?

– Bei Ihren Talenten könnten Sie irgend eine reiche Dame finden, die Sie zu sich nehmen würde.

– Man wird mich nicht gehen lassen. Es ist nur eine einzige Person, welcher man mich anvertrauen würde.

– Wer ist das?

– Sie.

– Ich, mein liebes Fräulein, ich arme Blinde! Sie würden sich entschließen, bei mir zu leben?

– Ob ich mich dazu entschließen würde! Es würde mit einer unvergleichlichen Freude geschehen. Sie sind so gut, Sie haben so viel Geist, es ist so leicht, mit Ihnen zu leben; Sie sind so geneigt, Alles zu verstehen!

– Wirklich! Sie würden mir folgen? Wie das zusammentrifft! Ich wünsche so sehr, Sie mit mir zu nehmen!

– Ist es möglich?

– Gewiß.

– Ah! wie glücklich bin ich!

– Ich werde noch heute mit Frau Vichy reden.

– Ah! wird sie es wollen?

– Lassen Sie uns hoffen.

– Madame, Sie sind mein rettender Engel.

Diese junge Person interessirte mich in der That sehr, und die Anhänglichkeit, die sie mir zeigte, rührte mir das Herz. Ehe ich meinem Bruder etwas davon sagte, wollte ich die Bedingungen unserer Anordnung mit ihr festsetzen.

– Mein Fräulein, sagte ich zu ihr, ich bin nicht reich, ich kann keine großen Geldopfer bringen. Wenn ich Sie nicht getroffen hätte, war es meine Absicht, eine Kammerjungfer von einiger Bildung anzunehmen, die mir vorlesen und mich führen könnte. Viard – ich hatte ihn damals schon – Viard schreibt gut genug, um mein Secretair zu sein, und meine Gewohnheit macht, daß ich zuweilen selber schreiben kann.

– Madame, ich verlange nichts von Ihnen. Meine dreihundert Livres reichen mir hin.

– Sie werden es bei mir so gut haben, wie ich selber; ich werde Sie überall hin mitnehmen. Sie werden mit mir meine Besuche empfangen. Ich werde Sie nicht für eine Gesellschafterin ausgeben, sondern für eine Freundin aus der Provinz, die einige Zeit in Paris zubringen will. Auf diese Weise könnten Sie mich, wenn wir nicht für einander passen, wenn Sie sich nicht bei mir gefallen sollten, ohne Aufsehen verlassen, indem Sie sagen, daß Ihr Besuch geendet sei. Wenn Sie sich dagegen ganz in meinem Hause niederzulassen wünschen, so werden wir sagen, daß Sie sich dort wohl befinden, und daß Sie Ihren Aufenthalt auf unbestimmte Zeit verlängern. Wir sind frei, und Sie behalten Ihre Unabhängigkeit in den Augen der Personen, die Ihnen begegnen und Sie kennen gelernt haben.

Sie zeigte sich entzückt, und ich war es auch. Ich machte also mit Zuversicht Herrn und Frau von Vichy meinen Vorschlag, und mein Erstaunen war außerordentlich groß, als sie mir antworteten, daß sie nimmermehr darin willigen würden.

– Wie! rief ich, Sie verweigern es mir?

– Sie kennen dieses schlaue Mädchen nicht, antwortete mir meine Schwägerin, sie strebt nur darnach, sich Freunde unter den mächtigen Personen zu machen, um uns dann desto leichter zu Grunde richten zu können. Sie will Ihnen folgen, weil sie bei Ihnen ein Mittel zu finden denkt, ihren Zweck zu erreichen; es geschieht weder aus Zuneigung, noch aus einem Zuge des Herzens. Mißtrauen Sie ihr, sie ist eine Schauspielerin und eine Schlange, die Sie in Ihrem Busen nähren würden.

– Ich glaube, daß Sie sich irren.

– Wir irren uns nicht. Wir sind unserer Sache gewiß.

– Erlauben Sie mir, sie mit den Gründen Ihrer Weigerung bekannt zu machen.

– Gewiß. Sagen Sie ihr, daß es unser ausdrücklicher Wille ist, sie beständig vor Augen zu haben und ihre Manövers zu überwachen. Sagen Sie ihr, wir wissen, was sie ist, und daß sie uns nicht mehr täuschen wird, wie sie es im Augenblick des Todes meiner Mutter gethan hat.

Ich richtete diese Botschaft genau aus, da ich neugierig war, zu erfahren, wie das Fräulein von Lespinasse diesen Argwohn oder vielmehr diese Beleidigung aufnehmen werde.

Sie hörte mich an, ohne das Gesicht zu verändern, dachte einige Augenblicke nach, dann erhob sie die Augen zu mir und fragte mich im natürlichsten und rührendsten Tone, ob ich an diese Beschuldigungen glaube.

– Nein, versetzte ich ohne Zaudern.

– Ich danke Ihnen, Madame, und ich werde Ihnen beweisen, daß Sie Recht haben. Beantworten Sie mir nur eine Frage, die Alles entscheiden wird: Sie sind entschlossen, mich mitzunehmen und mich bei sich zu behalten, nicht wahr?

– Ja, mein Fräulein, mehr als je.

– Ich danke Ihnen noch einmal, und glauben Sie mir, Sie sollen es nie bereuen. Erlauben Sie mir dagegen, dem Herrn und der Frau Vichy zu antworten, und sein Sie meine Dolmetscherin, wie Sie die ihrige gewesen sind. Sie haben keine andern Rechte über mich, als die ich ihnen selber gegeben habe, als das Testament meiner Mutter, welches mich meiner Schwester hinterlassen hat. Wenn ich nicht ihre Schwester bin, so haben sie nichts von mir zu verlangen und keinen Anspruch zu machen, ich bin frei. Sie suchen mich zurückzuhalten, ich werde mich an die Behörde wenden, und was sie zu vermeiden wünschen, wird geschehen, nicht durch mich, sondern durch sie.

– Sie haben Recht; sie denken nicht daran.

Mein Bruder und meine Schwägerin sagten mir sehr ruhig, es wären niemals Gerichtspersonen in das Schloß Chamrond eingetreten und sie würden auch nie dorthin kommen; sie wären die Herren davon und sie würden von einer naseweisen Person ihre Rechte nicht verletzen lassen.

– Ich verstehe Dich nicht, meine Schwester, fügte der Graf hinzu, wie es kommt, daß Du Dich in dies Alles mischest; Du bist eine Frau von Geist, eine Dame aus der vornehmen Gesellschaft, und Du lassest Dich auf Intriguen ein, wie eine Kammerjungfer!

Ich war jetzt an der Reihe, erzürnt zu werden. Ich ließ mich nicht auf diese Weise behandeln und nahm die einfältige Rede meines Herrn Bruders übel. Ich wurde nur immer eifriger, meinen Schützling aufrecht zu erhalten, und erklärte ihm unumwunden, ich würde sie Allen zum Trotz mitnehmen, und behielt mir nur vor, Frau von Luynes vorher davon zu benachrichtigen, damit man ihr die Geschichte nicht zu meinem Nachtheil erzähle. Diese liebe Tante war eben zur Hofdame der Königin ernannt worden und behauptete einen Rang, daß sie im Stande war, mich zu vernichten, wenn sie gegen mich war, und dies wollte ich vermeiden.

Als die Sache geschehen war, wurde ich ruhiger. Ich fühlte nur, daß ich nicht lange bleiben durfte, wo ich war, um zu vermeiden, daß die Karten völlig durcheinander gemischt wurden.

Das Fräulein von Lespinasse verließ ihr Zimmer nur, um in das meinige zu kommen; sie ging nicht mehr in den Salon oder in den Speisesaal hinunter und beschäftigte sich durchaus nicht mit ihren Zöglingen.

– Ah! sagte mein Bruder lachend zu mir, Deine schöne Eigensinnige wird nachgeben müssen. Die Gräben sind tief, die Thore fest und die Mauern stark in Chamrond, es kommt kein Strohhalm ohne mein Wissen hinaus, und sie müßte sehr stark schreien, wenn es ihr gelingen sollte, sich außerhalb dieses Umkreises von Thürmen hörbar zu machen. Du wirst sie offenbar nicht mitnehmen können, ohne daß man sie sieht.

– Mein Bruder, Du begehst eine Ungerechtigkeit, Du thust eine böse Handlung. Wenn ich an der Stelle dieses Mädchens wäre, würde ich entfliehen, geradezu nach Lyon gehen und Gerechtigkeit gegen Dich fordern, meine Rechte anerkennen lassen und Dich Deines Vermögens berauben. Man müßte ein Engel sein, um es nicht zu thun.

Sie spotteten über mich, und ich behauptete, ihre Wachsamkeit täuschen zu können. Ich theilte es dem Fräulein von Lespinasse mit, die sich begnügte, zu lächeln und leicht die Achseln zu zucken.

– Fürchten Sie nichts, Madame, sie werden keine Scene machen, und sie werden uns nicht verhindern, fortzugehen. Herr von Vichy hält sich für sehr schlau; er glaubt Alles zu wissen, und seit einem Monat habe ich eine Correspondenz geführt, wovon er sich nichts träumen läßt. Noch vierzehn Tage höchstens, und Sie sollen sehen, daß sie uns die Thore weit öffnen werden.

Ich war sehr ungeduldig wegen der Entwickelung der Geschichte: ich wollte fort, denn ich langweilte mich in Chamrond viel mehr, als in Paris. Endlich kam sie, und zwar ganz anders, als ich dachte.

Eines Abends, als gerade sehr schlechtes Wetter war, wollte ich zum Souper hinuntergehen, als ich an meine Thür klopfen hörte. Zu dieser Stunde kam Julie niemals; ich glaubte, es wäre eine Dienerin, und rief ziemlich heftig »herein.«

– Ich bin es, Madame, sagte sie.

– Sie, zu dieser Stunde, meine Königin! versetzte ich.

– Ja, Madame, und der Augenblick, den ich Ihnen angekündigt habe, ist gekommen.

– Wie denn?

– Bei diesem schrecklichen Wetter hat Herr von Vichy, seiner Sache gewiß, den Boten, der eben an mich gekommen, nicht aufgefangen. Hier sind die Papiere, die ich erwartete. Ich bin gewiß, mich an ihm zu rächen oder ihm zu zeigen, welche Seele er beleidigt hat; auf jeden Fall habe ich meine Freiheit in den Händen. Ein Wort von mir, und dieses Mädchen, welches er so sehr verachtet, welches er mit seinen Thürmen und Mauern bedroht, wird ihm zum Trotz diejenigen hierher kommen lassen, welche das Gesetz mit seinem Schwerte bewaffnet, oder vielmehr, wenn Sie noch einwilligen, sich mit mir zu beschäftigen, meine liebe Beschützerin, werde ich Ihnen beweisen, daß ich nicht undankbar bin, und daß man, mich lieben kann.

– Kommen Sie also mit mir, es ist das Würdigste und Weiseste; denken Sie an Ihre Mutter.

– Ich habe an sie gedacht, Madame, und Sie werden es bald sehen. Erwarten Sie mich gleich nach dem Souper; ich hoffe, daß Sie mit mir zufrieden sein werden.

Fünftes Kapitel

Ich erschien beim Souper sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, und man befragte mich mehrmals darüber; ich antwortete aber, es sei mir nichts. Dies ist eine von den einfältigen Antworten, die man ausspricht, ehe man nachdenkt. Man bestand nicht weiter daraus.

Wir waren allein beim Souper, denn das schlechte Wetter hatte keine Besuche, gestattet, nicht einmal den des Geistlichen; es hielt sich kein Fremder im Hause auf und die Kinder kamen bei der Abendmahlzeit nicht zum Dessert, so daß wir nach Gefallen plauderten.

An diesem Abend begaben wir uns bald in den Salon, wo mein Bruder mir den Vorschlag machte, mit meiner Schwägerin Piquet zu spielen, was ich annahm. Ich sah nicht deutlich mehr, und er diente mir als Rathgeber. Kaum hatten wir angefangen, als die Thür aufging und das Fräulein von Lespinasse eintrat.

Ich hörte einen zwiefachen Schrei der Ueberraschung, wie ich erwartet hatte; sie hielt eine Papierrolle in der Hand, kam ruhig und würdevoll näher, begrüßte den Grafen und die Gräfin und blieb neben dem Tische stehen.

– Was führt Sie her, mein Fräulein? sagte mein Bruder.

– Ich komme, von Ihnen, mein Herr, und von Frau von Vichy eine letzte Erklärung zu verlangen.

– So setzen Sie sich nieder, mein Fräulein, versetzte er; wir sind alle geneigt, Sie anzuhören. Bedenken Sie nur, zu wem und vor wem Sie reden.

Das Fräulein von Lespinasse nahm einen Sitz und sah Frau von Vichy mit einer Miene der Entschiedenheit und zugleich der Sanftmuth an.

– Ich wünsche dieses Haus zu verlassen, Madame, sagte sie.

– Das ist möglich, mein Fräulein.

– Ich beabsichtige die Frau Marquise Du-Deffand zu begleiten, die mir einen Zufluchtsort gewähren will.

– Ich sage nicht das Gegentheil, mein Fräulein, es ist mir leid, Ihnen entgegen sein zu müssen, Sie werden nicht abreisen.

– Ich bitte um Verzeihung, Madame, ich werde abreisen. Mit welchem Rechte halten Sie mich hier zurück?

Sie sahen einander ziemlich verlegen an. Frau von Vichy, die heftiger, als ihr Mann war, stand indessen lebhaft auf und entgegnete:

– Mit dem Rechte einer Tochter, die ihre Mutter nicht herabgewürdigt sehen will; mit dem Rechte einer Mutter, die ihre Kinder nicht beraubt sehen will.

– Geben Sie sich gefälligst die Mühe, dies zu lesen, mein Herr, fuhr Julie fort, ohne ihrer Schwester zu antworten; Sie werden sehen, daß alle diese Rechte vor der Gerechtigkeit nichtig sind, und daß auf ein Wort von mir die Agenten des Staatsanwalts beim Parlament von Dijon in Ihr Schloß eindringen und die Waise im Namen des Gesetzes zurückfordern werden.

Mein Bruder las das Papier, und als er es las, wurde er blaß vor Zorn.

– Wie haben Sie dies erhalten, mein Fräulein?

– Das ist mein Geheimniß, mein Herr.

– Ich werde noch diesen Abend alle meine Leute fortjagen.

– Jagen Sie sie nicht fort, mein Herr, sie sind ebenso unschuldig, wie Sie selber.

– Ich will es wissen.

– Sie sollen erfahren, was ich Ihnen zu sagen habe. Hören Sie mich zu Ende an. Da bin ich frei, wie Sie sehen.

Er sah es nur zu deutlich.

– Nun, diese Freiheit werde ich nicht benutzen; ich will, daß Sie sie mir selber wiedergeben, und deshalb will ich die Ursache Ihrer Unruhe zerstören.

– Ah! rief ihre Schwester, Sie werden uns diese verwünschten Acten ausliefern!

– Nein, Madame, nein, ich werde sie Ihnen nicht ausliefern. Niemand wird je aus meiner Hand die Beweise von dem Fehler meiner Mutter erhalten, und wenn ich sie von dem Orte wegnehme, wo sie sie niedergelegt hatte, so geschieht es nur, um sie selber aufzubewahren oder um den Gebrauch davon zu machen, der mir gut dünkt.

Sie ließen sehr verlegen die Köpfe hängen; sie erwarteten dies Alles nicht von dem kleinen Mädchen.

– Nun, Madame, noch einen Augenblick Geduld, und ich bin zu Ende. Sie verleugnen mich als Ihre Schwester, Sie haben mich nicht als solche lieben wollen, und ich verlangte nichts weiter von Ihnen. Sie sind also nicht meine Schwester und werden es nicht sein. Ich verachte das Vermögen und möchte nicht den schönsten Namen in der Monarchie haben, wenn ich ihn durch die Schande meiner Mutter erkaufen müßte; was soll ich also mit den Beweisen machen, die Sie so sehr beunruhigen? Meine Mutter hat mich bis zum Tode geliebt, sie hat mich auferzogen und mich an ihrem Busen mit einer Zärtlichkeit genährt, die nichts mich vergessen machen wird. Ich bin ihre Tochter, und nichts kann mich verhindern, daß ich es in meinen und ihren Augen bin, mehr bedarf es nicht. Willigen Sie in meine Abreise mit Madame Du-Deffand, und vor Ihren Augen werde ich diese Papiere vernichten, und Sie werden nichts mehr zu fürchten haben.

– Wollen Sie es thun? riefen sie im Uebermaß der Freude und des Erstaunens.

– Diesen Augenblick wiederhole ich, willigen Sie nur ein.

– Ah! von ganzem Herzen! Sie sind ein Engel. Sie lächelte traurig und entrollte die Papiere.

– Sehen Sie her, untersuchen Sie sie wohl; Sie werden bemerken, daß Alles da ist.

Sie warfen sich wie zwei Geier darüber her und lasen sie begierig bis auf die letzte Zeile. Als sie damit zu Ende waren, nahm sie zu ihrem großen Schrecken die Papiere wieder.

– Wohl verstanden, von jetzt an werde ich frei sein, nicht wahr? Ich kann das Schloß verlassen und habe die freie Verfügung über mich selber?

– Gewiß.

– Die Frau Marquise Du-Deffand ist Zeugin dieses Versprechens, Herr Graf und Frau Gräfin, ich halte das meine, sehen Sie hier!

Sie stand auf, hielt die Papiere an das Licht und bald wurden sie vom Feuer verzehrt. Wir alle Vier sahen sie schweigend verbrennen. Als nur noch die Asche übrig war, stieß meine Schwägerin einen Schrei der Erleichterung aus, worüber ich erbebte. Das Fräulein von Lespinasse weinte.

– Sie beweinen Ihr Glück, mein Fräulein.

– Ja, mein Herr! ich beweine den Brief meiner Mutter, worin sie ihr ganzes Herz, alle ihre Zärtlichkeit ausgesprochen hatte. Ich weine über den verkannten Willen, über die Einsamkeit, die von jetzt an meiner wartet, und jetzt bin ich allein auf der Erde.

– Und ich? sagte ich zu ihr, tief gerührt von der edlen Handlung.

– Ah! Madame, rief sie, indem sich in meine Arme warf, lieben Sie mich, denn ich bedarf dessen sehr.

Meine Schwägerin zeigte keinen Augenblick der Rührung. Es gibt nichts Trockneres, als das Herz einer Frömmlerin, wenn es nicht allzu zart ist, nichts Härteres, als die anständigen Frauen von Profession. Sie würden uns die Tugend verleidet machen, wenn man aus Berechnung tugendhaft wäre.

Frau von Vichy versuchte gut zu sein, indem sie bedachte, daß sie es nicht sei, und daß dies kein gutes Ansehen habe. Sie ging so weit, Julien den Vorschlag zu machen, im Schlosse zu bleiben, wenn sie wolle, und ihnen wenigstens jedes Jahr einen Besuch zu machen.

– Nein, Madame, ich danke Ihnen, versetzte sie, ich werde dieses Haus von diesem Augenblick nicht wieder sehen, als um Ihnen vor allen Ihren Leuten Lebewohl zu sagen, wenn die Frau Marquise es für angemessen hält, zu dieser Stunde abzureisen.

– Ah! wie Sie wollen, mein Fräulein, ich zwinge Niemand, und Sie am wenigsten.

Man trennte sich noch kälter, als man sich versammelt hatte. Das Fräulein von Lespinasse verließ vor mir den Salon, sie begrüßte den Grafen und die Gräfin tief und wünschte ihnen alles mögliche Glück, dann ging sie aufrecht, stolz und mit sich selber zufrieden fort, wie eine Person, die mehr als ihre Pflicht gethan hat.

Wir sahen alle Drei einander an.

– Nun, sagte mein Bruder, was denkst Du von diesem Fräulein? Es scheint mir, sie hat ein Benehmen, wie eine Königin.

– Ja, entgegnete ich, sie hat das Benehmen und die Gedanken einer Königin. Was sie gethan hat, war sehr großmüthig.

– Wer weiß? versetzte die Gräfin nachdenkend, es ist vielleicht noch nicht einmal so schön, sie kann ja beglaubigte Abschriften davon haben.

Dieses unedle Wort, von einem unedlen Gedanken eingegeben, hat mich durch die Folgen, die es herbeiführte, fast mit meiner Familie entzweit. Als ich es hörte, mißtraute ich der Frau von Vichy und faßte eine Meinung von ihr, die sie vollständig rechtfertigte.

Drei Tage später reiste ich mit meiner Begleiterin ab; ich ordnete es so an, daß es am frühen Morgen geschah, und daß sie ihre Schwester nicht wiedersah. Man wagte sie nicht zurückzuhalten, aber man hatte große Lust dazu, denn man dachte immer an diese beglaubigte Abschrift, die ihnen schaden konnte. Sie schrieben auch an Frau von Luynes und versuchten sie gegen mich und gegen meinen Schützling einzunehmen.

Wir waren nach Lyon abgereist, wo ich mich eine kurze Zeit aufhalten wollte. Um das Ungewitter zu beruhigen, machte mir das Fräulein von Lespinasse den Vorschlag, sich in ein Kloster zu begeben und während der Zeit zu unterhandeln. Herr von Albon, ihr Bruder und der meiner Schwägerin, wohnte in dieser Stadt; er hatte sich nie feindselig gegen sie gezeigt, im Gegentheil rechnete sie auf ihn, Alles zu ordnen.

Ich hatte dort auch den Kardinal von Tencin, so wie den Präsidenten bei. der Frau von Luynes, mit welcher er die Ehre hatte in freundschaftlichen Verhältnissen zu stehen. Ich fand den Vorschlag angemessen und willigte in Juliens Wunsch. Herr von Albon besuchte mich und theilte mir einen Charakterzug von ihr mit, wovon sie mich ebenso wenig wie Frau von Vichy in Kenntniß gesetzt hatte.

Herr von Albon war bei dem Tode seiner Mutter nicht zugegen, sie war sehr kalt mit ihm und sprach selten von ihm. Sie hatte ihn indessen verlangt, aber er war abwesend. Er kam am folgenden Tage zurück; das Fräulein von Lespinasse kannte ihn nur sehr wenig, und sein Verfahren gegen sie war dennoch wohlwollend. Sobald er ankam, bat sie ihn, ihr zu folgen, und führte ihn zu einem kleinen Secretair, wovon sie den Schlüssel in der Tasche hatte.

– Mein Herr, sagte sie, ihm denselben zustellend, hier ist ein Schrank, der mir gehört, meine Wohlthäterin hat ihn mir gegeben, und Sie erlauben mir wohl, ihn zu behalten, nicht wahr?

– Ohne den geringsten Zweifel, und alle Effecten, die Ihnen persönlich gehören, sollen Ihnen zugestellt werden. War es das, was Sie mir zu sagen hatten?

– Nein, mein Herr. Oeffnen Sie gefälligst diesen Secretair, Sie werden eine ziemlich beträchtliche Geldsumme darin finden. Frau von Albon hat mir befohlen, sie für mich zu behalten, aber ich will es nicht, ich will nicht von Ihnen und Ihrer Frau Schwester beschuldigt werden, den geringsten Theil Ihrer Erbschaft unterschlagen zu haben. Nehmen Sie also dieses Geld, mein Herr, Sie werden mir einen großen Dienst leisten, denn ich bin sehr unruhig.

– Indessen, mein Fräulein, wenn Ihre Mutter es Ihnen gegeben?

– Und Dies ist der Beweis in ihrer Handschrift, mein Herr; lesen Sie.

Sie zeigte ihr den Pakt, der die Worte als Etiquette trug:

»Für meine liebe Julie Lespinasse, für sie allein und ihr von mir geschenkt.«

– Da ist es ein Vermächtniß, mein Fräulein, und ich darf mir nicht gestatten —

– Ich nehme es nicht an, mein Herr, ich werde nichts annehmen, was Ihnen gehört. Nehmen Sie dies.

Er nahm es endlich und ohne viele Schwierigkeit zu machen. Man läßt sich wenig bitten, Geld anzunehmen, und immer aus demselben Grundsätze.

Er erzählte mir diesen Zug und fügte hinzu, sie verdiene jede Rücksicht, aber er wolle sie nicht aus den Augen verlieren. Ich erzählte ihm dagegen das Verbrennen der Papiere.

– Es ist möglich, fuhr er fort; es ist sehr gut und sehr schön, aber sie hat vielleicht eine Abschrift davon. Meine Schwägerin hatte hier bereits gewirkt.

Ich ging dann zu dem Kardinal von Tencin, damals Erzbischof von Lyon und mein alter Freund, wie man weiß. Er rieth mir, abzureisen und Julie in ihrem Kloster zurückzulassen, und später wolle er es anordnen, sie mir zurückzuschicken.

– Niemand hat wirkliche Rechte an sie, und wir werden schon dahin gelangen, daß sie abreisen kann. Wenn Sie zuerst abreisen, machen Sie Ihrer Familie eine Freude, und das ist es doch, was Sie wünschen, nicht wahr?

– Ohne Zweifel.

– Gehen Sie, Marquise, und sein Sie ruhig, die alten Freunde sind immer dieselben. Wir haben schöne Stunden mit meiner armen Schwester verlebt; ich kann sie nicht vergessen und Sie werden sie auch nicht vergessen, davon halte ich mich überzeugt. Erinnern Sie sich des Waldes von Senart und der Nacht, die wir in der Hütte zubrachten?

Ja, ich erinnerte mich derselben, und noch! was ist die Folge davon gewesen?

Ich reiste in der That ab. Ich ging, in dem Kloster des heiligen Joseph Alles vorzubereiten, wohin ich mich zurückziehen wollte, um uns Beide aufzunehmen.

Diese religiöse Gemeinschaft des heiligen Joseph, welche Frau von Montespan in der Rue Saint Dominique gegründet, gewährte mir besondere Bequemlichkeiten. Das Zimmer, welches man mir gab, war das der Gründerin. Sie zog sich dorthin zurück, wenn sie ihre Bande zerreißen oder dem Könige einige Unruhe verursachen wollte. Nach ihrer endlichen Trennung eilte sie hierher und starb, wie die Nonnen sagten; aber in Wahrheit bin ich dessen nicht ganz gewiß, und Andere haben mir die Versicherung gegeben, daß sie in ihrem Hause in Paris gestorben sei, und noch Andere, bei dem Herzog von Antin.

Dieses Zimmer befindet sich im Innern des Hauses, es hat die Aussicht auf die Garten, aber es hat auch einen besonderen Eingang, so daß ich nach Gefallen mit der Welt oder mit den Schwestern verkehren kann. Freilich liebe ich sie nicht sehr, und ihre Uebungen scheinen mir als Widersinnigkeiten, aber das Publicum ist zufrieden, mich in diesem Hause zu wissen, und ich bin ruhig hinter diesem undurchdringlichen Schilde.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
930 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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