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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 37
Neuntes Kapitel
Es befand, sich damals in der pariser Gesellschaft ein gewisser Marquis von Guibert, ein noch junger Mann von guter Geburt, von ziemlich verbreiteter Bekanntschaft, dabei aber außerordentlich einfältig und von sich selber eingenommen, der sich für vollkommen hielt, es sich von seinen Schmeichlern sagen ließ und es auch gern selber sagte, wenn sich die Gelegenheit dazu zeigte.
Er hatte sich in die Gesellschaft der Philosophen eingedrängt, deren Lehrsätzen er anzuhängen vorgab und die, seine mittelmäßigen Talente nicht fürchtend, ihn wegen des Namens, den er führte, gern als Schild und Muster aufstellten.
Dieser Herr schrieb zu gleicher Zeit Tragödien und Abhandlungen über die militärische Taktik; er war zugleich Krieger und Dichter, Er sagte bei jeder Veranlassung Verse her und sprach sehr stark von seinen Heldenthaten. Dieser Mann war ein Pedant, ein Prahler und ein Geck, drei Eigenschaften, die schon einzeln einen Mann unerträglich machen. Julie beurtheilte ihn nicht, wie ich.
Sie traf ihn bei Frau von Choiseul in dem Augenblick, als Herr von Mora im Sterben lag, und wo sie einen Schmerz zur Schau trug, den man in der Welt ihren Gewissensbissen zuschrieb. Man war so sehr geneigt, Alles an ihr zu entschuldigen, daß man ihr dies selbst zur Ehre anrechnete, und die gewöhnliche Redensart war:
– Dieses arme Fräulein von Lespinasse ist in Verzweiflung. Herr von Mora stirbt an der Strenge, die sie gegen ihn angewendet. Sie kann es sich nicht verzeihen und ist in Verzweiflung. Wie delicat und schön!
Die Spröden waren es, die so sprachen. Die Philosophen schwiegen aus Rücksicht für d'Alembert, ihren Gott, und um nicht vor ganz Frankreich einzugestehen, daß er geprellt sei.
Herr von Guibert gerieth wie die Anderen in Begeisterung über diesen erhabenen Schmerz und sprach beiseit Redensarten darüber aus, wovon die Heldin geblendet wurde. Sie begann ihn über die Maßen zu loben, denn er bezauberte sie, um Alles in einem Worte zu sagen, er bezauberte sie in dem Grade, daß sie dieses vollkommene Geschöpf vergaß, dessen Tod sie verursachte.
Von diesem Augenblick an theilte sich ihr Herz zwischen ihrer Reue und ihren Hoffnungen. Guibert trat eine militärische und literarische Reise nach Preußen an, er sollte sogar nach Rußland gehen, aber reiste nicht ab, ohne mit dieser flatterhaften Person Geständnisse und Gelübde ausgetauscht und ohne von ihr das Versprechen erhalten zu haben, daß sie ihm oft schreiben wolle.
Sie hatte ihm ihren Schmerz anvertraut, er kannte die wahre Ursache desselben und wußte um ihren Umgang mit Herrn von Mora. Sie hatte zu ihm gesagt:
– Er stirbt, und wenn er nicht mehr ist, werde ich sterben.
Er wollte ihr Leben erhalten, er schwur ihr, er liebe sie ebenso sehr, wie sie geliebt worden sei, und er wolle ihr Alles wiedergeben, was sie verloren habe.
– Ja, antwortete sie, ich liebe, um zu leben, und ich lebe, um zu lieben.
– So leben Sie denn und lieben mich.
Sie ließ sich überreden, sie nahm diesen neuen Antrag der zärtlichen Neigung an und die Correspondenz begann. So hatte sie also ihr Herz in drei Theile getheilt.
D'Alembert in Paris, den man täuschen mußte, was leicht genug war.
Der arme Mora, welcher im Sterben lag, und dem man schrieb, daß man ihm folgen wolle, wenn er sterbe, oder daß man allein für ihn leben wolle, wenn er seine Leiden überwinde.
Endlich der herrliche Guibert, der plötzlich in diese Komödie eingetreten war, der Anfangs Complimente und Schmeicheleien und dann die Gewißheit verlangte, daß er diese Trostlose wieder auferweckt habe.
Dies geschah mit dem Talent und der Geschicklichkeit einer Frau, welche Romane anspinnt, seitdem sie auf der Welt ist.
Herr von Mora starb und Guibert kehrte zurück. Dieser Sieger nahm, um sie vollständig zu trösten, den Platz des Verstorbenen ein und wurde aus Herablassung ihr Liebhaber.
Sie dagegen ging mit einem Zuge und einer Leidenschaft auf diese Neigung ein, welche ihre früheren Neigungen bei weitem übertrafen. Sie liebte diesen neuen Liebhaber mit einer Leidenschaft, die viel lebhafter und übertriebener war, als die vorhergehenden.
Was ihn betraf, er trieb auf alle Weise sein Spiel mit ihr. Er begann damit, ihr ein unbedingtes Geheimniß anzuempfehlen und sich laut für d'Alembert's vertrauten Freund und Schüler zu erklären. Er war ihr sich selber gegenüber aus Eigenliebe zugethan, nicht aber der Welt gegenüber. Die intelligenten Lobsprüche dieses auserwählten Geistes gefielen ihr außerordentlich, und er konnte sich nicht entschließen, sie zu verlieren.
In Folge dessen widmete er ihr alle zwei oder drei Tage eine Viertelstunde; aber er mußte jeden Morgen einen Brief haben, worin sie ihm wiederholte, daß er das erste Genie des Zeitalters sei und daß »der Connetable,« eine schlechte Tragödie, die er geschrieben, ein Meisterstück sei.
D'Alembert mußte auch hierin dienen: er verkündete die Verdienste seines Nebenbuhlers, erklärte, er stehe wenigstens Voltaire gleich, und versicherte, nach der Anweisung seiner Freundin, daß er der gelehrteste, tapferste, höchste und poesiereichste von allen Cavalieren des Königsreichs sei.
Aber wenn er dies hingenommen hatte, überließ sich Guibert wenig dieser unsinnigen Liebe, die er dem armen Mädchen eingeflößt hatte.
Er hatte zugleich mit ihr zwei oder drei Geliebten, die er ihr nicht verbarg, und heirathete endlich ein junges Fräulein, die er so sehr liebte, wie es ihm zu lieben möglich war. Julie haßte ihn Anfangs, dann verzieh sie ihm und verehrte ihn noch lebhafter. Es ging in ihrem Herzen ein Kampf des Bedauerns, der Reue, der Verzweiflung und der streitenden Wünsche vor, der endlich die Unglückliche tödtete. Die menschliche Natur hat nicht Stärke genug, mehr zu ertragen.
Als Guibert sie getödtet hatte, prahlte er mit diesem Tode. In seinem schwülstigen und aufgeblasenen Styl hielt er eine Lobrede auf das Fräulein von Lespinasse, unter dem Namen Eliza, worin er Alles erzählte, was man nicht von ihm wissen wollte. Er erheuchelte einen Schmerz, erinnerte an den des Herrn von Lauzün für Mademoiselle; nur war es nicht derselbe Fall.
Der unglückliche d'Alembert wurde durch diesen Tod aufgeklärt und trostlos. Sie hatte ein Testament gemacht, welches Niemand verstand. D'Alembert war ihr Testamentsvollstrecker, er sollte alle Vermächtnisse austheilen und diesem und jener zustellen, was ihnen zukam. Sie versiegelte ihre Papiere nicht und befahl ihr die Uebersicht und Vertheilung davon zu übernehmen. Sie hatte ihre Correspondenzen nicht verbrannt, und er erkannte daraus, daß sie ihn seit zehn Jahren getäuscht, daß sie vor seinen Augen nacheinander zwei Liebhaber gehabt, und daß er nichts davon gesehen.
Nie wurde ein Philosoph so hintergangen!
Er verbarg es nicht. In dieser Secte verbirgt man nichts. Er schrieb es nieder, damit man keinen Zweifel deshalb hege. Er zog sich in seine Wohnung im Louvre zurück und sein Charakter veränderte sich gänzlich. Er dachte nur an sie, seine Heiterkeit war entflohen und er war nur noch der Schatten seiner selbst. Als man ihn an Juliens Unrecht erinnerte und an die Augenblicke des Kummers, die sie ihm verursacht hatte, antwortete er:
– Ja, sie war verändert, aber ich war es nicht; sie lebte nicht mehr für mich, aber ich lebte immer für sie. Seitdem sie nicht mehr ist, weiß ich nicht mehr, warum ich lebe. Ach! ich habe jetzt noch manchen bitteren Augenblick zu verleben, den man bei ihr so leicht vergaß! Was bleibt mir jetzt übrig? Wenn ich jetzt nach Hause zurückkehre, werde ich anstatt ihrer nur ihren Schatten finden. Diese Wohnung im Louvre ist an sich schon ein Grab, in welches ich nur mir Schrecken eintrete.
So weit hatte die Liebe einen ausgezeichneten Mann, einen Philosophen ersten Ranges gebracht. Man brachte mir ein Portrait d'Atembert's, welches er dieser Unmenschlichen geschenkt, unter welchem die beiden Verse standen:
O sprich, wenn dieses Bild Du siehst, von Allen,
Die ich geliebt, wer liebte mich wie er?
Ach! sagte er weiter, Niemand hört mich und wird mich mehr hören!
Man kann sagen, daß er nach dieser Zeit nur vegetirte und nie wieder wurde, was er ehemals gewesen war.
Ich habe bemerkt, und Viele haben es ohne Zweifel bemerkt, wie ich, daß die Liebe rückwärts geht und nicht dahin führt, wohin sie führen sollte. So sehe man diese Kette: da ist dieser reizende Herr von Mlora, der das Fräulein von Lespinasse verehrte; diese liebte ihn nur halb oder täuschte ihn wenigstens bitter wegen Guibert's, der sie gar nicht liebte.
Da ist d'Alembert, der Heiterkeit, Gesundheit und Geist wegen dieses Mädchens verliert, die ihn getäuscht hatte und ihn zum Gespött der Welt machte. Ich wette, wenn sie redlich gewesen wäre, würde er sie wenigstens drei Monate beweint und sich sehr schnell getröstet haben. Das beste Mittel, geliebt zu werden, ist, die Leute zu quälen und sie unglücklich zu machen. Dann beschäftigen sie sich ohne Aufhören und unwillkürlich mit uns und wissen nicht mehr, was sie an die Stelle setzen sollen, wenn sie uns verloren haben. In dieser Welt ist Alles Gewohnheit, die Liebe, die Freude, der Schmerz, das Wohlsein, selbst das Elend; wie könnten sonst die, welche immer leiden, ihre Leiden ertragen?
Es handelt sich also darum, gute Gewohnheiten Anderen anzueignen oder selbst anzunehmen, das ist Alles.
Seit dem Tode des Fräulein von Lespinasse hat man mir ein Wort sehr zum Vorwurf gemacht, welches ich ausgesprochen habe, und welches ich nicht bereue; es ist der Ausdruck meiner Gedanken.
»Ach!« rief ich aus, »sie hätte zehn Jahre früher sterben sollen; ich würde dann d'Alembert nicht verloren haben!«
Es ist gewiß, daß ich d'Alembert bedauerte, dem ich keine Vorwürfe zu machen hatte, und daß ich eine Undankbare nicht bedauerte, die mir alle möglichen Beweise gegeben, daß sie mich nicht liebte. Wenn d'Alembert mich verlassen hatte, so war es für sie und um ihretwillen, ich konnte also nicht auf ihn böse sein, sondern nur auf sie.
Man hat mir einen Ruf des Egoismus und der Gleichgültigkeit beigelegt, indem man mich mit diesem so leidenschaftlichen und so allgemein beliebten Fräulein verglich. Es ist gewiß, daß wir einander nicht glichen. Indem ich diese Geschichte lese, bemerke ich, daß ich gegen Ende strenger gegen sie geworden bin. Das ist ganz einfach, weil ich mich an ihre Beleidigungen erinnerte. Zu Anfang sah ich nur die guten Seiten ihres Charakters in ihren Beziehungen zu den Anderen. Man muß auch zugestehen, daß der Anfang Besseres versprach.
Zehntes Kapitel
Um von etwas Anderem zu reden, bekomme ich den Einfall, einige untergeordnete Personen jener Zeit zu erwähnen, die in dieser magischen Laterne erschienen und dann verschwunden sind, aber über welche noch nicht Alles gesagt worden ist. Ich habe sie gekannt und die Welt hat von ihnen reden hören. Ich urtheile nicht nach ihren Reden, ich hege oft das entgegengesetzte Urtheil von dem, was sie sagt. Sie ist so voll Lügen und Bosheit!
Wir hatten zuweilen Soupers bei La Popelinière. Ich ging selten dorthin. Ich liebe diese Leute nicht, und es hatte Alles, ungeachtet des Goldes und der Diamanten, ein sehr bürgerliches Ansehen.
Die Frau war die Tochter der Daucourt, einer ziemlich mittelmäßigen Schauspielerin. Er hatte sich ihre Liebe erworben und Alles von ihr erlangt, ohne die Absicht zu haben, weiter zu gehen, obgleich er es versprochen hatte. Die Schöne ging zur Frau von Tencin, die sich in Alles mischte, und theilte ihr ihren Kummer mit. Diese versprach ihr, ihre Sache zu führen, und daß er sie heirathen solle.
Der Termin zur Erneuerung der Pachtungen war nahe. Frau von Tencin instruirte den Cardinal von Fleury, und dieser erklärte La Popelinière, er würde ihm seinen Pachtcontract nicht erneuern, wenn er nicht das Fräulein Daucourt heirathe. Er konnte nicht umhin, und es brachte ihm nicht viel Glück, wie man weiß. Seine Soupers erlangten eine verdiente Berühmtheit; er hatte nicht nur den besten Koch jener Zeit, sondern er vereinte auch die berühmtesten Künstler mit den Personen vom Hofe, die zu ihm kommen wollten. Wir sahen dort den großen Musiker Rameau, den geschickten Pastellmaler Latour, der nur in der Politik Ansprüche machte; den großen Mechaniker Vaucansou, Carle Valoo und seine Frau, eine der bewundernswürdigsten Tonkünstlerinnen, die ich gehört; Marivaux, der immer dem Geist nachlief, der ihn aber nur mit seiner Feder erhaschte, und Helvetius, der damals noch unbekannt war. Man unterhielt sich gut, aber plötzlich kam eine Ehestandsscene in die Quere, und man wußte nicht mehr, was man sagen sollte.
La Popelinière war eifersüchtig, seine Frau war hübsch, coquett und noch mehr, als das. Unter ihren Liebhabern war einer, der sie zu Grunde richtete, und dies war der, welcher sich am wenigsten darum kümmerte, nämlich der Herzog von Richelieu. Alle Welt weiß das Abenteuer von dem Drehkamin, welches den Rosentopf zeigte. Der Marschall von Lowendhal, der Marschall von Sachsen, alle die großen Häupter wollten sie aussöhnen, nämlich den Mann und die Frau, aber es gelang ihnen nicht. La Popelinière hielt sich gut, seine Frau wurde mit einer Pension von zwanzigtausend Livres weggejagt, und von dem Augenblicke an fand sie keinen Freund mehr. Die Welt, die ihr so sehr geschmeichelt hatte, drückte sie zu Boden, sie versank in ein Unglück und eine Schwermuth ohne Gleichen. Herr von Richelieu sah sie von Zeit zu Zeit, was ihn nicht verhinderte, ihre Delicatesse zu preisen. Der Zufall führte mich eines Tages in ihre Nähe, ohne sie zu erkennen.
Frau von Rochefort und ich suchten in Chaillot für eine bejahrte Verwandte der Gräfin ein Landhaus und wir gingen in alle, die zu vermiethen waren. Man zeigte uns eins, dessen Bewohnerin dem Tode nahe sei, welches man aber dennoch sehen könne.
Wir traten ein und sahen Alles an; es war anständig. Man führte uns in das Schlafzimmer; wir traten aus Rücksicht zurück, als eine Stimme mich aus der Tiefe des Alkovens beim Namen rief. Ich wendete mich um.
– Gehen Sie nicht fort, ohne mit mir zu reden, Madame; ich habe nicht lange mehr zu leben und fühle mich glücklich, eine alte Bekannte bei mir zu sehen, da mich sonst Niemand besucht.
Ich trat näher.
– Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Madame, sagte ich, Sie irren sich. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.
– Sie lächelte traurig.
– Ich bin Frau von La Popelinière, Madame; Sie werden es sich nicht vorstellen können.
In der That, diese junge, hübsche Frau war schrecklich anzusehen. Eine ätzende Feuchtigkeit zerfraß ihr Gesicht, sie litt eine entsetzliche Qual und hauchte einen unerträglichen Geruch aus; ich wich unwillkürlich zurück. Frau von Rochefort machte sich davon.
– Es ist eine große Lehre, Madame, fügte sie hinzu; Ihre Freunde, die Philosophen, werden Ihnen keine bessere geben.
Ich wollte ein wenig hinausgehen, um sie nicht zu betrüben; sie war mir unendlich dankbar dafür und entgegnete, als ich ihr Lebewohl sagte:
– Wenn Sie dieses Haus wollen, dürfen Sie nicht lange warten, ich werde bald von meinen Leiden erlöst sein. Es ist angenehm und bequem, der Garten ist reizend, ich wohne fast seit zwei Jahren, seitdem ich krank bin, allein hier, wohl verstanden, ganz allein. Ich hätte gern Herrn von La Popelinière vor meinem Tode wieder gesehen, aber er hat sich geweigert. Gott allein verzeiht dem Reuigen, die Menschen niemals.
Ich verließ sie ganz durchdrungen von dem, was ich gesehen hatte, und ich konnte nachher nicht zu ihrem Manne, zu seinen Soupers, zu seinen so glänzenden Festlichkeiten gehen, ohne das Bild der Leiden dieser Unglücklichen in ihrer Verlassenheit vor meinen Augen zu haben.
Dieses Haus war vom Morgen bis zum Abend mit Leuten aller Classen angefüllt. Er gab Schauspiele, er hatte ein Theater, man sang hier Opern, man spielte Komödien nach seinem Geschmack. Ich erinnere mich eines Tages, wo man eine spielte, die so leichtfertig war, daß viele Frauen nahe daran waren, den Saal zu verlassen.
Es war in seinem Hause zu Passy. Ich befand mich an der Seite des Baron von Kaunitz, Gesandten der Kaiserin von Oesterreich. Wir lachten sehr darüber, nicht über die Kaiserin, sondern über das Stück.
– Madame, sagte er zu mir, es scheint, Sie wollen nicht fortgehen?
– Nein, mein Herr, ich gehöre nicht zu denen, die sich vor ihrem Schatten fürchten, ich sehe ihn wohl vorübergehen.
Dieser Ausspruch brachte ihn zum Lachen; er liebte das Geistreiche; dieser Deutsche war ein angenehmes Original und er verdient wohl einige Zeilen der Erwähnung.
Er hatte das Wesen und die Gewohnheiten eines stutzerhaften Abbé, ausgenommen in der Politik. Er brachte sein Leben vor seinem Spiegel zu, sich zu betrachten und sich die Schnauze zu reiben, nach Art Catheau's und Madelon's. Er frisirte, er schmückte sich, er hatte eine Sammlung von Pomaden, von Fetten und Oelen jeder Art. Man kam zu ihm, um sich von den ernstesten Angelegenheiten Europa's zu unterhalten; er empfing die Leute mit einem Eiergelb über sein Gesicht ausgebreitet, um sich vor dem Sonnenbrand zu schützen, und zwar so ernsthaft, daß man nicht darüber lachen konnte und daß man sich fragte, ob dies wirklich wahr sei.
Sein Haus wurde wegen seines Luxus genannt, so wie seine Tafel, seine Weine und seine Festins. Er ging fast nie zu Hofe und fast nie in die großen Gesellschaften; er sah nur Bürgerinnen und Theatermädchen. Als man eine Bemerkung darüber machte, antwortete er sehr leichtfertig:
– Ich bin aus zwei Ursachen hier: die Angelegenheiten meines Souverains zu besorgen und zu meinem Vergnügen. Es scheint mir, als ob ich die Angelegenheiten der Kaiserin auf eine Weise besorge, um sie zufrieden zu stellen. Was meine Vergnügungen betrifft, so habe ich Niemand deshalb um Rath zu fragen. Ich sehe, wen ich will, die großen Damen langweilen mich, sie verstehen nur Lhombre und Carvagnol zu spielen. Ich habe mich nur um zwei Personen zu kümmern, um den König und seine Maitresse; ich stehe gut mit ihnen, das Uebrige kümmert mich nicht und beunruhigt mich nicht.
Wir sahen dort auch den Lord Albemarle, den englischen Gesandten, und seine Maitresse, die schöne Lolotte, die wir später als Gräfin von Herouville gekannt haben. Dies ist auch eine drollige Geschichte.
Lolotte war Fräulein Gaucher; sie kannte Lord Albemarle und sie liebten sich. Er war es, der jenes so oft wiederholte Wort zu ihr sagte, als sie gerade einen Stern ansah:
– Sieh ihn nicht so an, meine Liebe, denn ich kann ihn Dir nicht geben.
Lolotte besaß eine ausgezeichnete und reizende Schönheit; sie gefiel überall und man bemerkte sie selbst in den Theatern, wo ihre Schönheit Aufsehen machte. Lord Albemarle starb und ließ sie im Wohlstände zurück; sie war in Verzweiflung darüber, faßte aber Muth bei der Zuneigung ihrer Freunde, die ihr alle treu blieben. Ihre Gesundheit hatte aber von diesem heftigen Schlage gelitten. Man schickte sie nach Bareges, und als sie durch Montauban kam, wurde sie dort von dem Grafen von Herouville, Kommandanten der Stadt, empfangen. Er hatte einen hohen Respect und eine lebhafte Neigung für sie gefaßt.
Kaum war sie in Paris angekommen, als sie einen Brief von ihm erhielt, worin er ihr sagte, daß er und alle seine Leute vergiftet wären, und daß er nur zu ihr Zutrauen habe, und sie beschwor, sogleich abzureisen und einen Arzt mitzubringen.
Sie zauderte nicht und that es sogleich. Er war der glücklichste Mensch auf der Welt und seine Begeisterung nahm noch zu, so daß er fast närrisch wurde. Sie rettete ihm das Leben, und er wußte nicht, was er damit machen sollte, wenn sie ihm nicht erlaubte, es ihr zu widmen. Lolotte hatte so viel guten Verstand, sich lange zu weigern, endlich bat er sie so dringend, daß sie nachgab, unter der Bedingung, daß die Trauung eine geheime sei.
Sie blieb es in der That auch, bis sie Mutter wurde, da aber verrieth sich die Liebe des Vaters und man entdeckte Alles.
Dann hatte der arme Graf von Herouville eine seltsame Grille, die seine Frau theilen mußte, nämlich sie mit Gewalt in die große Welt einzuführen und zu machen, daß sie von allen Personen der Familie und Bekanntschaft ihres Mannes anerkannt werde. Jedesmal, wenn man ihn zu einem Diner einlud, nahm er sie mit, und so erhielt sie viele Ohrfeigen, einmal unter anderen bei Pont-de-Veyle, wobei ich zugegen, aber nicht mitschuldig war.
Sie kamen alle Beide; es waren fünf oder sechs Frauen mit ihren Männern oder ihren Geliebten da. Diese Lolotte war schön, um sie in Verzweiflung zu bringen. Sobald sie sie sahen, machten sie wunderliche Mienen. Pont-de-Veyle war sehr höflich, aber kalt, er ahnte einen groben Ausbruch. Ich sah, wie diese Damen unter sich kicherten und dann plötzlich aufstanden und in Procession hinausgingen. Eine von ihnen fragte mich, ob ich nicht ihre Partei nehme?
– Nein, antwortete ich, ich habe nicht die Pest und fürchte nicht damit anzustecken oder davon angesteckt zu werden.
Sie gaben ihren Sclaven ein Zeichen, einige folgten ihnen, andere blieben zurück; indessen waren wir von fünfzehn auf sieben beschränkt, und außer mir keine Frau dageblieben. Frau von Herouville schien mir viel Verstand und Tact zu besitzen. Sie zeigte keine Empfindlichkeit, sie sprach nicht einmal von dem, was eben geschehen war, doch bemerkte ich, daß sie nicht aß und daß sie sehr blaß war. Als ich eine Bemerkung darüber machte, antwortete sie mir:
– Ich esse sehr wenig, Madame, und meine Gesundheit ist nicht gut. Ich gehe nur Herrn von Herouville zu gefallen aus. Wenn er mir ein Vergnügen machen wollte, würde er mich zu Hause lassen.
– Wenn man die Ehre hat, Madame, der Gatte einer solchen Frau zu sein, wie Sie sind, ist man glücklich und stolz, sie aller Welt zu zeigen.
Ach! der arme Mann! er zeigte sie so, daß er sie verlor. Sie hatte nicht die Stärke, diese beständigen Demüthigungen zu ertragen, sie wurde von einem heftigen Kummer ergriffen und starb daran.
Die Nachricht verbreitete sich in der ganzen Stadt und bei den Philosophen, deren Freundin sie war.
Sie schrieben Leichenreden und Lobeserhebungen in Versen und in Prosa. Der Wittwer umgab sich damit, wie mit ihren Portraits. Ich, die ich weder eine Philosophin, noch eine Spröde war, hatte das Leben der Lolotte auf andere Weise aufgefaßt. Sie mußte zu Hause bleiben, dort Männer empfangen, und alle wären dorthin gelaufen. Einige Frauen ohne Vorurtheil würden sich dorthin gewagt haben; sie hätten dann noch andere dorthin geführt, und nach und nach wäre die Welt nachgekommen, wenn sie nicht das Ansehen gehabt hätte, ihr nachzulaufen, welches die erste Bedingung ist, sie anzuziehen.
