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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 42
Viertes Kapitel
Ich habe fast schon von allen Besuchern gesprochen und sie fast alle portraitirt. denn es waren beinahe dieselben die zu mir kamen. Ich sah indessen keine Künstler bei mir und habe sie wenig gekannt. Mein Leiden entfernte sie von mir. denn ich konnte ihre Malereien nicht beurtheilen; und was die Musik betrifft, die ich indessen sehr liebe, so gebe ich mich für keine Kennerin aus.
Helvetius, glaube ich, ist der Einzige von diesen Berühmtheiten, mit dem ich mich nicht beschäftigt habe. Er hat jenes ungeheure Buch über den »Geist« geschrieben, wovon man so viel gesprochen, und wovon man nicht spricht, und wofür ich nicht begeistert bin. Was er Besseres gefunden hat, ist meiner Meinung nach ein unermeßliches Vermögen, und daß er das Glück einer reizenden Frau bewirkt hat, des Fräulein von Ligneville, die wir zuweilen hier sehen, und der wir nur einige Verkehrtheit vorwerfen können, nämlich daß sie ihr Haus und ihr Bett mit Angorakatzen angefüllt hat, fett und wohlgenährt wie Domherren. Was Helvetius betrifft, er war gut und menschenfreundlich, wohlthätig und liebte das Menschengeschlecht, von dem er viel Böses sagte, welches er nicht glaubte. Wie viele Menschen sind so! Sie glauben verpflichtet zu sein, eine häßliche Maske anzulegen, um ein schönes Gesicht zu verbergen!
Nach diesen berühmten Diners hatte Madame Geoffrin besondere Soupers, wo man nur abgetragene Gerichte vorsetzte. Jemand sprach mir eines Tages von diesen hungrigen Mahlzeiten und beklagte sich über die schlechte Bewirthung.
– Ach! mein Herr, antwortete ich ihm, es muß wohl so sein, ich weiß nicht, was man sonst dort essen sollte; man hat nur seine Mitmenschen unter die Zähne zu bringen.
Der Zirkel dieser Soupers war beschränkt, Sie empfing nur zwei von diesen Männern von Geist: Marmontel, der bei ihr wohnte, und Gentil-Bernard, der durchaus nicht gentil war. Die Damen von Brionne, von Duras und von Egmont kamen beständig dorthin, so wie auch der Fürst Ludwig von Rohan, der allen dreien abwechselnd den Hof machte. Es waren drei schöne Personen, Frau von Egmont besonders; man kann sich nichts Graziöseres vorstellen, als dieses reizende Geschöpf.
Von dem ganzen Süden, dessen Gouverneur ihr Vater war, über der Taufe gehalten, hatte sie den seltsamen Namen Septimanie erhalten, und man legte ihr denselben gern bei, weil sie ihn gern hörte.
Ich bin nicht bei diesen Soupers gewesen; sie existirten nicht zu meiner Zeit, und ich spreche nur davon, um den seltsamen Umstand zu berichten, daß drei Damen von diesem Range heimlich zu einer Bürgerin gingen, um den Genuß der Vorlesung der moralischen Erzählungen Marmontel's und seiner entstehenden Tragödien zu haben. Sie glaubten sich entsetzlich zu compromittiren und einen großen Fehler zu begehen, dessen sie sich mit Entzücken beschuldigen würden. Was ist doch die verbotene Frucht!
Madame Geoffrin führte dieses Leben, bis Gott sie in sein heiliges Paradies rief. Ich denke nicht, daß sie großes Unheil in dieser Welt angerichtet hat, ungeachtet der Schwärmerei und des Schreckens ihrer frommen Tochter. Sobald sie krank wurde, vertrieb sie alle Thierchen und verbannte sie vor die Thür, mit dem Verbot, niemals zurückzukehren. Ihre Mutter erholte sich ein wenig, sie empfing wieder, aber nicht dieselbe Gesellschaft; da diese sie aber langweilte und sie die andere bedauerte, schützte sie ihren Gesundheitszustand vor und schloß ihr Haus.
Seit vielen Jahren sah ich sie nicht mehr, und ich bedauerte sie nichts desto weniger.
Marmontel drängte sich in die Philosophie und bei Herrn von Voltaire ein, den er selbst in Ferney besuchte. Er hörte auf zu mir zu kommen, als ich das Fräulein von Lespinasse wegjagte; ich erfuhr sein Leben nur aus den Mittheilungen Anderer, und der Ruf,berichtete mir von seinen Tragödien, seinem »Aristomenes«, seiner »Cleopatra«, dann von seinem »Belisar«, seinen »Inkas« und seinen »moralischen Erzählungen« – eine ganze Litanei der Mittelmäßigkeit, was ihn nicht verhinderte, in die Mode zu kommen, in die Akademie aufgenommen zu werden und d'Alembert in der Stelle als beständiger Secretair nachzufolgen.
In Frankreich ist die Mittelmäßigkeit immer ihrer Sache gewiß.
Nach Madame Geoffrin und Marmontel wollen wir hier einen anderen Roman mittheilen, in welchem wir eine andere Secte von Philosophen finden werden, die nicht weniger unterhaltend ist, Voltaire ausgenommen. Diese Leute, die den Anderen so viele Strafpredigten gehalten, die so viel davon gesprochen haben, die Mißbräuche und Sitten zu verbessern, waren nicht besser, als wir, und sie besserten sich selber nicht. Alle haben sich ihren Leidenschaften hingegeben, und wenn die Folgen nicht so schrecklich gewesen sind, wie für die Könige, die sie so sehr tadeln und die sie abschaffen wollen, so ist es, weil ein Sturm in einem Glase Wasser nicht so sehr zu fürchten ist, wie auf dem Ocean.
Ich rühme mich nicht der Philosophie, aber ich bin von einer Wahrheit sehr überzeugt.
Alle Menschen sind dieselben zu allen Zeiten und in allen Classen; sie haben ihre Instincte wie die Thüre, die Erziehung modificirt sie; sie lehrt sie, sich zu verstellen, aber sie verändert sie nicht. Eine einzige Sache auf der Erde hat eine wirkliche Macht über die Seelen, es ist weder die Vernunft, noch die Politik, noch die Philosophie, sondern die Religion. Dazu muß man glauben, und es glaubt nicht wer will. Der Glaube ist die Grundlage von Allem, und die, welche damit begabt sind, sind stärker, als die Vernünftler und die Geistreichen. Ich habe nie etwas beneidet, als den Glauben, und unglücklicherweise ist es nicht von mir abhängig, ihn zu erlangen.
Neben Madame Geoffrin, und dem Fräulein von Lespinasse gab es noch ein anderes Nest von dieser schrecklichen Secte, die man nicht genug fürchtet, welcher der Adel sich anschließt, und welche die Regierungen geduldet haben, ohne zu bedenken, wohin man sie führen will. Da war das Haus der Frau von Epinay hier und auf dem Lande, und dort sind Ereignisse geschehen, würdig, die Aufmerksamkeit des Geschichtsschreibers auf sich zu ziehen, besonders wenn er die Ursachen vor den Wirkungen studirt.
Frau von Epinay und ich haben es mehr getroffen, als aufgesucht. Unsere Welt war nicht dieselbe, sie berührte sich nur auf einer Seite, hinsichtlich der Literaten, sonst kamen nur Finanzleute dorthin, die ich nur bei Gelegenheit sah.
Frau von Epinay hat ihre Geschichte geschrieben, worin sie die Namen geändert und die Form eines Romans angewendet. Diese Geschichte ist bis setzt noch nicht gedruckt worden, aber sie bat sie tausend Personen vorgelesen und mehrere Abschriften davon in Umlauf gesetzt, wovon eine lange in meinen Händen gewesen ist; ich erhielt sie von Saint-Lambert, welcher eine der bekanntesten handelnden Personen in diesen Abenteuern war.
Ich habe mir die Sache dieser liebenswürdigen Frau, wegen dieses abscheulichen Jean Jacques zu Herzen genommen, der sich so undankbar gegen sie wie gegen die Anderen gezeigt, so ungerecht und lügenhaft gegen die, welche nicht das Glück haben, ihm zu gefallen, oder die Argwohn gegen ihn hegen. Dieser Mann ist für mich eine Schande der Menschheit und der Philosophie. Ich würde auf seine Rechnung nicht zu viel thun, wollte ich alle die Wahrheiten mittheilen, die wir wissen und die er uns übrigens in seinen »Geständnissen« mit einem Cynismus anvertraut, den man nicht begreifen würde, wenn man ihn nicht gekannt hätte.
Frau von Epinay wurde früh an ihren Vetter den Herrn von La Live d'Epinay, eins der einflußreichsten Mitglieder bei der Generalpachtung, der sich in sie verliebte, verheirathet. Sie war von Stande und gut erzogen, sie hatte viel Geist und ein zärtliches Herz, was sie bewiesen hat. Herr von Epinay, der sehr verliebt war und einen schlechten Kopf hatte, begann damit, sein Glück und sein Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Es giebt viele von diesen übertriebenen Menschen. Seine Frau half ihm auch dazu: es war natürlich, daß sie einen so verliebten Ehemann liebte, und nach dem ersten Entzücken kamen die ersten Streitigkeiten, die von dem schwierigen Charakter der jungen Frau, die gegen Leute dieses Schlages nur zu strenge war, herbeigeführt wurden.
Herr von Epinay, der bei ihren Strafpredigten ungeduldig wurde, begann in der Stadt umherzulaufen und die Coulissen zu besuchen, und bald hatte er hier und dort eine Geliebte, womit seine Frau bekannt wurde, denn den hübschen Personen verbirgt man die Untreue ihrer Männer nicht. Uebrigens verbarg er selber nichts und begann Schulden zu machen, wodurch seine Lage sehr Zerrüttet wurde. Sein Vater, der Herr La Live von Bellegarde, wurde davon in Kenntniß gesetzt, wollte der Sache ein Ende machen und seinen Sohn zur Sittlichkeit anhalten, schickte ihn zu einer Geschäftsreise in die Provinz und versprach für diesesmal seine Gläubiger zu bezahlen.
Herr von Epinay reiste ab und zeigte viel Bedauern und Reue. Seine Frau verzieh ihm, ja selbst seinen Eifer, sie mit galanten Herren zu umgeben, und die Scherze, die er beständig über ihre Klugheit machte. Sie liebte ihn damals noch und verbarg ihren Eltern seine Jugendthorheiten. Während seiner Abwesenheit erlangte sie alle möglichen Beweise von dem Unrecht dieses Mannes, den sie nicht umhin konnte zu verehren; diese Seelen sind einmal so geschaffen.
Ungeachtet ihrer Verzweiflung und ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft, die ihr viel Leiden verursachte, beharrte sie bei ihrer Rolle des bemitleideten Schlachtopfers und kam zu dem Gedanken, den Tod als das Ende ihrer Leiden anzunehmen.
Sie starb dessen ungeachtet nichts im Gegentheil glaubte sie neugeboren zu werden, als Herr von Epinay zurückkehrte, der sich ganz verändert zeigte und dieselben Gefühle wie im Augenblick ihrer Verheirathung für sie zu hegen vorgab. Sie wollte es glauben, sie überredete sich dazu, und ließ sich wieder in die Welt zurückführen, wo sie zwei Personen traf, wovon die eine besonders einen großen Einfluß auf ihre Zukunft ausüben sollte.
. Die erste war Frau von Arty, eine von den natürlichen Töchtern Samuel Bernard's, Maitresse des Prinzen von Conti, und mehr seine Freundin, als seine Maitresse. Es war eine reizende, gute, heitere, liebenswürdige Frau voll Grazie, die man überall aufsuchte.
Die zweite Person war Herr von Francueil, der Sohn des Generalpächters Dupin, ein Mann von Geist und in der Gesellschaft bekannt, und einer von denen, welche die Ehemänner und die Liebhaber ihren Frauen wohl als Freunde gönnen können.
Dann eine dritte, ein Fräulein von Ette, die mit Valory lebte. Die Frauen sind immer gefährlicher für die Frauen, als die Männer, da man weniger Mißtrauen gegen sie hegt. So begann Frau von Arty, so liebenswürdig und gut sie war, Frau von Epinay zu Grunde zu richten, und das Fräulein von Ette vollendete es, aber diese indem sie mit der Sache bekannt war. Ihr Mann ging von Ausschweifungen zu Ausschweifungen über, und führte sie dahin, ihn zu verachten, und von der Zeit an war Alles zwischen ihnen zu Ende.
Während dieser Zeit heirathete ihre Schwägerin, das Fräulein von Bellegarde, den Grafen von Houdetot, einen guten Edelmann ohne einen Sou und sehr häßlich und unangenehm, so daß sie ihn nicht lieben konnte und auch nicht liebte. Es war wieder eine Frau von Gefühl, mit der sich die Welt beschäftigte, weil sie geschaffen war, um bemerkt zu werden, und sich in Position setzte, um gesehen zu werden.
Bald nach ihrer Verheirathung erlangte die arme Frau von Epinay die Gewißheit von einer entsetzlichen Zerrüttung der Gesundheit, die sie ihrem Manne verdankte. Sie wurde nie völlig davon geheilt und starb endlich an den Folgen, die sie länger als dreißig Jahre mit sich herumgetragen, denn ihre Brust und ihr Magen wurden von den Mitteln angegriffen. Da sieht man, was heutiges Tages aus den Ehemännern geworden ist.
Sie würde dies nie entdeckt haben, ohne den Beistand des Fräulein von Ette, die ein kühnes und erfahrenes Mädchen war, und welche ihre Pläne auf diese Freundschaft gegründet hatte und Frau von Arty, die viel weniger gefährlich war, unter dem Vorwande vertrieben hatte, daß eine so leichtfertige Frau nicht für die Gesellschaft einer anständigen Person passe. Das Fräulein von Ette wollte dieses junge Geschöpf unter ihrer Herrschaft haben, um es zu Grunde richten und sich dann Alles erlauben zu können.
Sie schleppte sie zuerst aufs Land, und dorthin ließ sie oft den Mann kommen, den sie zum Helden dieses Romans bestimmt hatte, wovon sie die Fäden in den Händen hielt, nämlich den Herrn von Francueil.
Sie begann damit, unaufhörlich von ihm zu sprechen, und ihn auf die geeignetste Weise zu loben, um Eindruck zu machen. Sie versicherte, er wäre sehr verliebt, und verglich ihn mit Herrn von Epinay, der so schlecht wäre. Dann gewöhnte sie die junge Frau an den Gedanken, einen Liebhaber anzunehmen, um sich zu rächen, und ohne daß das Gewissen oder die Achtung im geringsten dabei litten.
Sie führte ihr die bekannten Frauen vom Hofe und aus der Stadt an, die es daran nicht fehlen ließen, die nicht so viel Grund dazu hätten und darum nicht weniger geachtet würden.
Als sie sie auf dem Punkte sah, wo sie sie wünschte, führte sie Francueil als dritte Person in ihre Unterhaltungen ein, und als Frau von Epinay sich gegen die Liebe empörte, setzte sie ihr jene platonische Freundschaft in den Kopf, wovon sich die Phantasie leicht einnehmen läßt, und welche für die vernünftigen Wesen die unmöglichste von allen Thorheiten ist.
Frau von Epinay glaubte daran, verließ sie darauf und stellte sich einen soliden Freund vor, der sie vor Kummer und Gefahren schützen würde, bis sie eines Tages entdeckte, wie leid es ihr sein würde, dabei stehen zu bleiben. Mit Hilfe der Ette überschritt sie diese Kluft, welche unser weibliches Leben in zwei Theile theilt, und das Glück ihres Geliebten entschädigte sie für ihr Opfer.
Aber dieses Glück war nicht von langer Dauer. Francueil bemerkte bald, wenn er auch nicht Franz der Erste war, daß Herr von Epinay ohne Bosheit die Anekdote von der schönen Eisenhändlerin erneuert hatte. Man kann sich den Schlag vorstellen, und welchen Eindruck er auf die Seele einer delicaten Frau machte; sie wurde fast wahnsinnig davon: vermöge dieser Verrechnung drang die Ette völlig in das Geheimniß ein, wovon man ihr den interessantesten Theil zu verbergen dachte. Sie benutzte es mit ihrer gewohnten Gewandtheit, und einige Tage später ließ ihr Frau von Epinay durch ihren Schwiegervater zehntausend Livres leihen.
Indessen ging die Sache leichter, als man hatte hoffen können; Francueil kam leicht davon, er zeigte sich großmüthig und hochherzig, und man liebte ihn mehr, als je, und man dachte nur an das Glück.
Der Vater Francueil's, der Generalpächter Dupin, war Besitzer des schönen Gutes Chenonceaux; er hatte in zweiter Ehe diese Aurora von Sachsen, Tochter des Marschall, von der ich schon mehrmals gesprochen, geheirathet, Sie stand gut mit ihrem Stiefsohn und führte ein ruhiges und angenehmes Leben. Er hatte Rousseau bei seinem Vater gesehen und führte ihn zur Frau von Epinay. Er drang erst eben durch in Paris, man kannte ihn noch nicht; er war sehr furchtsam und stellte sich sehr linkisch dar.
Frau von Epinay, die immer gut war, kam dieser Furchtsamkeit entgegen, empfing ihn freundlich und beruhigte ihn. Sie vertheidigte ihn gegen die jungen Frauen, wovon ihr Haus angefüllt war, die ihn alle häßlich und sein Benehmen bäurisch fanden. Sie ging sogar so weit, zu behaupten, daß er schön sei, daß er im Gegentheil einen guten Ausdruck habe und daß er ein berühmter Mann werden würde; darin irrte sie nicht.
Man fragte sich, wer dieser Mann sei, welcher, man wußte nicht, woher er kam, dessen Geist und Talent unbestreitbar waren, und der über seine Herkunft schwieg. Jede von diesen Damen fragte ihn nach einander, die Gräfin von Houdetot besonders, sehr geistreich und sehr neugierig, er hielt sich in der Reserve überzeugt, daß man sich über ihn aufhalte.
Frau von Epinay wußte ihm allein durch ihre Sanftmuth, Zuvorkommenheit und Güte einige Mittheilungen zu entlocken; er hatte eben die Gesandtschaft in Venedig verlassen, wo Herr von Montaigu ihn mit Freundlichkeit aufgenommen hatte. Er hatte ihm später die Thür gewiesen, indem er ihn beschuldigt, daß er die Chiffern der Gesandtschaft ausgeliefert, wogegen sich Rousseau in seiner Weise mit aller Macht vertheidigte.
– Bemerken Sie wohl, Madame, daß er nicht verkauft, sondern ausgeliefert sagt,
– Das ist freilich höflicher.
– Wie, höflicher, Madame? Es ist ganz verschieden. Er würde meinen Charakter nicht so zu beleidigen wagen, mich so der Veruntreuung zu beschuldigen, während, wenn er ausgeliefert sagt, sich ein guter Beweggrund dazu denken läßt.
– Es gibt nie gute Beweggründe zu einer Verrätherei, Herr Rousseau.
– Aber, Madame, dies ist kein Verrat; wenn es zum Beispiel zum Wohl der Menschheit gereicht, wenn es geschieht, um eine Ungerechtigkeit oder eine böse Handlung zu verhindern.
– Es ist immer ein Verrath, mein Herr, weil das Geheimniß Ihnen anvertraut war.
– Ich sage nicht, daß ich es gethan habe, ich sage, daß ich es hätte thun können; ich verwerfe die Handlung, die ich hätte begehen können, aus dem philosophischen Gesichtspunkte.
– Wenn Sie mir folgen wollen, Herr Rousseau, so lassen Sie uns nicht mehr davon reden, und es auch gegen Niemand hier erwähnen; man würde an diesem Gesichtspunkte wenig Geschmack finden.
Sie sagte in der That Niemanden ein Wort davon, und da man sich damit beschäftigte, Komödie zu spielen, so blieb es dabei.
Diese Komödie war gerade von Rousseau und hieß »das unbesonnene Versprechen.« Sie war nicht ausgezeichnet, aber man fand sie so, und Frau von Epinay erhielt dadurch einen wahrhaften Erfolg, wovon sie Francueil's wegen berauscht wurde, welcher zugleich für sie und für sich spielte.
Von diesem Augenblicke an wurde Rousseau in das Haus eingeführt und als Freund aufgenommen.
Man überhäufte ihn mit allen Gefälligkeiten, man zeigte ihm die delicateste Aufmerksamkeit, man kam seinen Bedürfnissen und Wünschen zuvor, man verhätschelte ihn wie das verzogene Kind des Hauses.
Herr von Epinay setzte seine Thorheiten fort und stellte seine Maitressen zur Schau, so daß man nicht mehr mit ihm leben konnte. Seine Frau, von dem Fräulein von Ette und Francueil angeregt, entschloß sich zu einer Separation, sie wollte sogar einen Proceß einleiten; ihre Mutter und ihr Schwiegervater riethen ihr davon ab, aber man vereinigte sich zu einer friedlichen Trennung, und sie kam zu Stande; Herr von Epinay verlangte nichts Besseres, er trieb sich in der Welt mit seinen Creaturen umher und that sich keinen Zwang mehr an. Sie behielt ihre beiden Kinder, die sie zärtlich liebte und die sie selber erziehen wollte, besonders ihre Tochter. Für sie hat sie die »Unterhaltungen mit Emilien« geschrieben.
Herr von Juilly, ihr Schwager, verheirathete sich kurze Zeit darauf mit einer Frau, die eine große Rolle in dem Leben ihrer Schwägerin spielte, und die eins der ernstesten Ereignisse herbeiführte. Es war eine gewandte und fügsame Frau hinsichtlich der Vergnügungen dieser Welt. Ihr Gemahl betete sie an; er sah niemals klar, und hielt sich überzeugt, daß sie die Jungfrau Maria sei; das ist die Begnadigung des Standes. Diese schöne kleine Madame verliebte sich ein wenig später in den Opernsänger Gelyotte und nahm ihn ohne das geringste Geheimniß zu ihrem Geliebten. Frau von Epinay, die ihres Schweigens bedurfte, wurde genöthigt, zu schweigen und sogar einige Gefälligkeiten zu bewilligen, was ihr wegen des Standes des Liebhabers sehr zuwider war. Diese arme Frau ging von einer Thorheit zur andern, und es waren einfältige Thorheiten, welches die schlimmsten von allen sind, besonders wenn sie sich unedel zeigen.
Frau von Epinay konnte Francueil nichts verweigern. Er machte ihr eines Tages den Vorschlag, sie mit dem Fräulein Quinault bekannt zu machen, einer ehemaligen Schauspielerin, die ein reizendes Haus machte und die Literaten und Künstler gern bei sich sah, gegen die sie sich sehr großmüthig zeigte. Francueil ließ sich von Frau von Juilly unterstützen, und Beide bestimmten Frau von Epinay, sich zu dem Fräulein Quinault führen zu lassen, Ihre Sitten waren leicht gewesen, aber sie war alt, und man sprach nicht mehr davon. In ihrem Hause herrschte ein leichter Ton, worüber eine junge Frau von der Finanz sich hätte empören sollen; die Bürgerlichen sind in dieser Hinsicht leichter zu erschrecken, als wir. Man nannte Fräulein Quinault die Ninon des Jahrhunderts; es war eine etwas wagliche Schmeichelei, die außer ihrem Salon keinen Eingang fand.
Frau von Epinay ging eines Tages zum Diner dorthin, und zwar ohne ihren Geliebten, was noch seltsamer ist. Sie hatte immer den Fehler der Schwachheit, und sie ließ sich mit fortziehen. Sie fand dort Saint-Lambert und Duclos, dann den Fürsten von Beauveau, der diese Gesellschaft sehr liebte. Sie hat die Unterhaltung aufbewahrt, die man bei diesem Diner führte; ich will sie hier mittheilen, sie wird eine Probe von der Unterhaltung dieser Zeit und dieser Gesellschaft bilden; man wird nichts Aehnliches mehr sehen, Sie ist vielleicht ein wenig leicht, aber sie ist wahr, und die Wahrheit ist, die erste Eigenschaft bei dergleichen Dingen, weil dies für diejenigen bleiben soll, welche dieses Jahrhundert, dieses unvergleichliche Jahrhundert, welches nie wiederkommen wird, nicht gesehen haben.
