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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 41
Zweites Kapitel
Ich habe meinen Lesern versprochen, ihnen alle Philosophen, selbst die Figuranten, zu zeigen, oder wenigstens unter diesen die interessantesten oder bemerkenswerthesten, auszuwählen; von denen, die keinen großen Einfluß oder Bedeutung haben, werden wir schwelgen. Ich will mich mit einem beschäftigen, der einen großen Ruf gehabt hat, weil er die ganze Welt gekannt hat und weil ich ihn schon genannt habe; es ist Marmontel.
Er war in hohem Grade pedantisch und gelangweilt, das heißt langweilig, denn man kann sich nur gelangweilt fühlen, wenn man auch mit sich selber zufrieden ist. Er kam alle Tage zu mir, zu der Zeit des Fräulein Lespinasse, wie ich bereits erzählt habe, doch empfing ich ihn nur aus Gefälligkeit für die Anderen. Mir gefiel er nicht; unsere Geister hatten nichts Gemeinschaftliches.
Marmontel war ein mittelmäßiger Mensch, ein Bürger aus der Provinz, der sich nie abschleifen konnte; er nahm ungewöhnliche Wendungen und Ausdrücke an, worüber man sich aufhielt, ohne daß er es sich träumen ließ.
Er kam überall hin zu den besten und am höchsten gestellten Männern; durch gewisse Schmeicheleien, die er zur gelegenen Zeit austheilte, durch den Schutz der Frau von Pompadour und durch Verfolgungen, die er zur rechten Zeit gegen sich zu erregen wußte.
Er wurde also der Freund aller Coterien. Voltaire nannte ihn sein Kind und lachte hinter seinem Rücken über ihn. Marmontel war ausschließlich moralisch; gegenwärtig nimmt er mehr als je diese Decke zu Hilfe für eine Frau, die Nichte des Abbé Morellet, eines anderen Philosophen, und für viele Kinder, die an der Brust leiden.
Er war, ich weiß nicht wo, in Limousin geboren; man wird sich nicht um diese Ehre streiten, wie um die Geburt Homers; überdies sind die Menschen so einfältig! Er war ein gewöhnlicher Mensch, der Sohn eines Handelsmannes, den man zum geistlichen Stande bestimmte, um einen Abbé in der Familie zu haben. Er behielt immer etwas davon bei. Diese Tonsur ist ein unauslöschlicher Charakter, und ein Priester ohne Priesterrock kann seinen ursprünglichen Stand niemals verleugnen.
Er begann mit Briefen zur Bewerbung um den Preis der Blumenspiele und der andern Academien des südlichen Frankreich, wo er die Preise davontrug, und dies machte ihm den Priesterrock verleidet. Um besser fortzukommen, ging er nach Paris und stellte sich unter den Schutz Voltaire's, der die Gelegenheit nicht versäumte, einen jungen Mann dem Fanatismus zu entziehen und der ihn von allen philosophischen Lehrstühlen rühmte. Man brachte ihn als Lehrer zu Madame Harene, wo ich ihn kennen lernte. Diese Madame war eine sehr reiche und in der Welt bekannte alte Frau, deren Mann Rheder oder dergleichen gewesen war. Sie empfing gute Gesellschaft, unter diesen viele Literaten, und Marmontel fand sich unter diesen wie zu Hause.
Darauf beendete er seine langweilige Tragödie »Dionysius«; sie wurde durch den Schutz Voltaire's angenommen, der damals in Cirey war, aber schrieb, damit man ihm eine Gnade bewilligen möge, und Marmontel hatte das Glück, einen Streit zwischen der Gaussin, mit der es zu Ende ging, und der Clairon herbeizuführen, die mit der Rolle der Aritie in diesem eisigen Stück begann. Die Clairon trug den Sieg davon; sie war so glücklich darüber, daß sie seine Geliebte wurde, nicht gerade ganz laut, sondern in der Stille, und seine Freundin blieb, was bei diesem Fräulein noch seltener ist.
Marmontel machte sich gleich Anfangs, ich weiß nicht warum, denn die Gründe scheinen mir nicht ausreichend, er machte sich, sage ich, d'Argental zum Feinde, der ihm, besonders bei Voltaire, ja selbst im Theater, wo er sehr mächtig war, durch seine Verbindungen mit den Schauspielern aus allen Kräften schadete. Er brachte sein Leben mit ihnen zu; wir sahen ihn nur auf Augenblicke! Pont-de-Veyle, der mich nicht verließ, beklagte diese Manie, wobei Frau von Argental immer gleichgültig blieb. Marmontel rächte sich durch Verse, welche sich durch ganz Paris verbreiteten und so anfingen:
Wer mag wohl sein dieser groteske Laffe?
Ist es ein Mensch? Ist es ein Winselaffe?
. Es ist thatsächlich, daß d'Argental nicht schön war, und daß die Blattern ihn schrecklich entstellt hatten.
Er sprach sich so heftig gegen den »Dionysius von Syrakus« aus, daß er selbst der Clairon fast verleidet wurde, die auch ohne ihre Liebe zu dem Verfasser gewiß die Rolle gegeben hätte; was nicht verhinderte, daß das Stück Effect machte. Ich war bei der ersten Vorstellung; man applaudirte wie wahnsinnig, es wurde geschrien und mit den Füßen gestampft. Endlich rief man Marmontel heraus, was nur Voltaire bei »Merope« geschehen war. Dieser war von Stolz aufgeblasen; wir fanden den »Dionysius« dennoch unerträglich.
Die Clairon rühmte sich nicht der Treue; ihre Laune ging vorüber, aber wie ich gesagt habe, blieb sie Freundin Marmontel's und bereitete ihm einen Trost. Man leistet einander dergleichen Dienste in dieser Welt.
Es war in Brüssel ein Fräulein Navarre; es war gewiß eins der schönsten und geistreichsten Mädchen dieses Jahrhunderts. Sie hatte hundert Liebhaber, von welchen der Marschall von Sachsen einer der vorzüglichsten gewesen war. Sie befand sich in dem Augenblick des Triumphes des »Tyrannen Dionysius« in Paris und begeisterte sich für den Verfasser. Sie sagte es ziemlich laut. Die Clairon erfuhr es und sagte es ihrem alten Freunde; es war ein Mittel, ihre Schuld zu bezahlen.
Er wurde also bei der Navarre zum Diner eingeladen; diese machte schnelle Fortschritte. Sie sah ausgewählte Gesellschaft bei sich: da sie aber den Einfall hatte, mit Marmontel allein zu sein, entließ sie ihre Gaste, wie es diese Gelegenheitsprinzessinnen zu thun verstehen.
Die Unterhaltung war zärtlich, wie es scheint; sie war es so sehr, daß man am folgenden Tage zu einem kleinen Dorfe in der Champagne abreiste, um eine poetische Idylle zu spielen, wovon unsere Sitten wenige Beispiele liefern. Wir lieben das Ländliche sehr in unseren Opern, in unseren Büchern und in unseren Gemälden, aber in der Wirklichkeit kümmern wir uns nicht darum; wir sind wenig ländlich. Das Fräulein Navarre forderte die größte Verschwiegenheit, und erhielt sie. Bis zu dem Ende eines Abenteuers wissen die Männer von Geist zu schweigen, aus Furcht, es zu verlieren, aber sie rächen sich später.
Er ging damals viel zu Madame Harene – deshalb bin ich von dem Allen so gut unterrichtet – zu der Clairon und zu Madame Denis, der Nichte Voltaire's. Diese hegte ein Gefühl für ihn, welches er nicht theilte, wie ich gern glaube; die Wahl zwischen ihr und der Navarre war nicht zweifelhaft. Er machte Allen ein Geheimniß aus dieser Flucht, und Niemand wußte, wo dieser Flattergeist zu finden sei.
Er spann eine bezaubernde Liebe in einem tête-à-tête an, worin er, wie er später erzählte, tausend Dornen fand. Dieses Mädchen, welches ihn zum Zeitvertreib und zur Zerstreuung angenommen hatte, langweilte sich, mit diesem kläglichen Menschen zu scherzen: sie machte ihn zu ihrem Spielzeug und gab ihm Komödien aller Art; da kamen Vapeurs, Nervenleiden und beständige Launen, es mußten Mauern erklettert werden, ungeachtet der Wachen, wo sie sich beinahe den Hals brachen und auf sich anlegen ließen, da kamen Briefe eines angeblichen Eifersüchtigen, da kamen Beweise aller Art und unbekannte Krankheiten, woran sie sterben sollte, endlich ein vollständiger Roman, dessen Ereignisse sie sich ausdachte und den sie nach besten Kräften zur Aufführung brachte, um an sich und ihrem Geliebten die verschiedensten Eindrücke vorübergehen zu lassen. Der arme Dichter verlor darüber seine Heiterkeit und Gesundheit.
Sie erfand noch etwas Besseres. Ihr Vater war Kaufmann in Brüssel und hatte sich seit langer Zeit wegen der kavaliermäßigen Manieren seiner Tochter beruhigt und bekümmerte sich so wenig darum, daß er sie in die Champagne geschickt hatte, um dort Angelegenheiten zu ordnen, womit er sich in der Ferne nicht beschäftigen konnte.
Sie ließ sich einen wüthenden Brief schreiben, worin er diese Schöne und ihren Begleiter mit seinem ganzen Zorne bedrohte, wenn sie sich nicht von selber entschlössen und seinem Namen die einzige Genugthuung verschafften, die er von ihnen verlange. Da gerieth Marmontel in große Verlegenheit. Der Gedanke, das Fräulein Navarre zu heirathen, war noch Niemanden eingefallen, und ihrem Geliebten weniger, als einem Anderen, weil er dadurch nicht einmal ihren Besitz erlangen konnte.
Er schlug es ausdrücklich aus, mit den ehrenvollsten Beweggründen, wofür er sie wenigstens hielt, gleich den Richtern, wenn sie ein Urtheil fällen, welches sie beunruhigt. Das Fräulein Navarre hatte nur eine Scene gespielt; sie hatte keine Lust, einen elenden, armen Dichter zu heirathen, ihren Ehrgeiz damit zu beschließen und ihre Irrfahrt so bald zu beenden. Indessen war sie pikirt darüber und bereitete ihm aus Rache die schönsten Ueberraschungen.
In einem Augenblick, wo man gewöhnlich nur das denkt, was man thut, und an den, welchen man sieht, begann sie wie außer sich vor Leidenschaft zu rufen:
– Ah! mein lieber Bethezy!
Es war der eifersüchtige Geliebte, dessen Briefe Marmontel so sehr beunruhigt hatten. Man denke sich das Compliment!
Er wurde wie wahnsinnig und stürzte sich aus dem Zimmer, er rief die Bedienten, verlangte Pferde und erklärte, er wolle auf der Stelle abreisen; dann schloß er sich in sein Zimmer ein. Die Prinzessin kam in Verzweiflung und mit verwirrten Haaren an, wälzte sich am Boden, schwur, wenn er nicht öffne, wollte sie sich den Schädel zerschmettern, indem sie mit dem Kopfe gegen die Thür rannte. Er liebte und öffnete. Es fand dann. die prächtigste Darstellung der Verzweiflung statt, die das Theater je darstellen konnte. Sie warf sich ihm zu Füßen, bat ihn um Verzeihung und schwur ihm zu, daß sie sich versprochen habe – ein schöner Grund! Dann ließ man ihn zu den lebhaftesten und erschütterndsten Gemüthsbewegungen übergehen, bis man ihn mit dem unermeßlichsten Glück überschüttete, indem man ihm die Gelegenheit zu verzeihen gewährte.
Sie war mit ihrer Rolle zu Ende, und dies war der Höhenpunkt, und wenige Tage später verabschiedete sie ihn und reiste wieder nach Brüssel ab. Er kehrte nach Paris zurück; sie sollten sich wiedersehen, und zwar bald. Bis dahin wollten sie einander schreiben, und man begann damit. Die Briefe folgten einander, Anfangs sehr zärtlich und dann sehr kalt von Seiten des Fräuleins, und dann schrieb sie nicht mehr.
Marmontel verfiel in Trostlosigkeit, er bildete sich tausend Chimären, hielt sie für krank, gefangen, verfolgt, Alles, nur nicht für untreu. Wie sollte er eine so vollkommene Person beschuldigen? Eines Abends erzählte der Marquis von Brancas-Cereste im Foyer der Comedie-Francaise, daß er von Brüssel zurückkehre. Das Fräulein Clairon fragte ihn sogleich, ob er das Fräulein Navarre gesehen habe.
– Ja gewiß habe ich sie gesehen, und zwar glänzender, als je. Sie hat jetzt den Chevalier von Mirabeau an ihren Triumphwagen gefesselt, er vergöttert sie und lebt nur für sie.
Obgleich das Fräulein Clairon nichts mehr von diesem Verlassenen wollte, war ihr sein Unglück nicht leid; die Frauen sind bezaubert, wenn man sie rächt, besonders wegen des Unrechts, welches sie selber begangen haben.
Als Marmontel diese schrecklichen Worte hörte, hatte er nur so viel Stärke, zu entfliehen und nach Hause zu eilen, wo er sich halb todt und in einem entsetzlichen Fieber auf sein Bett warf.
Es währte über einen Monat, ohne daß er einen von seinen Freunden rufen ließ; er ließ im Gegentheil sagen, er wäre abwesend, um in seinem Schmerze nicht gestört zu werden. Sein Liebesverhältniß hatte in Paris viel Aufsehen gemacht, man hatte viel davon gesprochen, und der Abbé von Lattaignant hatte eine Epistel an das Fräulein Navarre geschrieben, die man in allen Versammlungen der Schöngeister recitirte. Man war daher sehr ungeduldig, die Entwickelung von dem Allen zu erfahren.
Drittes Kapitel
Während er so, in sein Zimmer eingeschlossen, litt, kam sein Portier eines Morgens zu ihm herauf und sagte ihm, ein junger Mann, der von Brüssel komme, wolle durchaus nicht fortgehen, ohne ihn gesehen zu haben. Dieses magische Wort Brüssel machte, daß er die Augen öffnete und den Befehl gab, ihn einzuführen.
Es war ein schöner, völlig unbekannter junger Mann, mit dem Benehmen eines Edelmannes, der, nachdem er höflich gegrüßt, ohne seine Fragen abzuwarten, die Unterredung so begann:
– Mein Herr, ich bin der Chevalier von Mirabeau. Der Andere wäre beinahe hinter das Bett gefallen. Sein Nebenbuhler kam auf so freche Weise zu ihm! Er verlor die Sprache, und die verlor er gewöhnlich am wenigsten.
– Es ist seltsam, daß ich mich bei Ihnen befinde, mein Herr, ich verberge es mir nicht, aber ich war der Freund Ihres Freundes, des verstorbenen Marquis von Vauvemargues, und ich bin der Geliebte des Fräulein Navarre.
– Mein Herr!
Er nahm diese Erklärung für eine Beleidigung.
– Ein wenig Geduld, mein Herr; Fräulein Navarre hat eine solche Achtung und Freundschaft für Sie, daß sie mich zuweilen eifersüchtig gemacht hat. Bei meiner Abreise aus Brüssel habe ich ihr versprechen müssen, daß ich Sie besuchen und mir die Ehre verschaffen wolle, zu Ihren Freunden zu gehören.
Marmontel hatte Zeit gehabt, sich zu fassen, er rechnete darauf, daß er für einen Thoren gelten werde, wenn er sich ziere, und er ließ sich herab, die Honneurs seiner Wohnung zu machen, und er richtete eine Menge Complimente an seinen Nebenbuhler, die zu einer ziemlich langen Unterredung führten, die für Beide sehr angenehm war. Endlich stand der Chevalier auf und zog ein Packet aus der Tasche, welches mit einem rosenfarbigen schmalen Bande zugebunden war.
– Mein Herr, sagte er, ich bin beauftragt, Ihnen dies zuzustellen, es sind Ihre Briefe, ich habe sie gelesen, sie machen Ihnen Ehre; da aber das Fräulein die ihrigen zu haben wünscht, so wagt sie nicht, die Ihrigen zu behalten, obgleich sie große Lust dazu hatte, und so hat sie mich beauftragt, sie Ihnen zuzustellen.
Dann bat Marmontel den Chevalier, ihm seinen Beglaubigungsbrief zu zeigen, und als dieser sagte, daß er keinen habe, antwortete der Kranke:
– Dann kann ich sie Ihnen nicht geben, mein Herr, wenn ich gleich alles Vertrauen zu Ihnen habe; indessen gibt es eine Art, Alles anzuordnen, wie Sie sehen werden.
Er nahm das Packet mit dem rosenfarbigen Bande, zog die sorgfältig in einen Secretair eingeschlossenen parfümirten Blätter hervor, zeigte seinem Nachfolger die Schrift, um sie zu erkennen, und warf das Ganze ins Feuer und sah es mit einer Miene der Verzweiflung verbrennen.
Der Chevalier fand die Sache vortrefflich, machte ihm große Lobsprüche darüber und ging fort.
Marmontel, der offenbar verlassen war, wußte nicht, was er anfangen sollte; er genas nicht und arbeitete nicht, er verzehrte sich wegen eines bösen Frauenzimmers, und es ist kein Beispiel vorhanden, daß es wegen eines guten geschehen. Seine Freunde beunruhigten sich darüber und suchten ihn vergeblich zu zerstreuen. Madame Harene verwünschte diese Sirene, und Madame Denis schwur ewigen Haß der Liebe, die ihr ihren Oheim nahm und die ihr auch unwiederbringlich ihren Freund nehmen sollte.
Eines Morgens schlief er, es war sehr früh und der Savoyarde, der ihn bediente, war noch nicht gekommen; er hörte die Thür aufgehen und gleich darauf fühlte er sich in den Armen eines Frauenzimmers, welches ihn mit ihren Thränen überschwemmte; er sah sich um und erblickte das Fräulein Navarre im Neglige, schöner als je.
– Ach, mein Fräulein, rief er, in diesen Zustand haben Sie mich versetzt. Ich hoffe. ich werde sterben, indem ich Sie wiederfinde
Hinter ihr war der Chevalier von Mirabeau. Dies vollendete die Sache. Die Navarre weinte noch immer; sie begann eine höchst rührende Leichenrede über die Liebe zu dem Dichter und beschuldigte sich, ihn bis zu den Pforten des Grabes geführt zu haben, und eine höchst tragische Stellung annehmend, wendete sie sich zu ihrem diensthabenden Geliebten und sagte zu ihm, er könne ihr nie wiedergeben, was sie für ihn verloren habe, und wenn er undankbar wäre, verdiene er die höchste Strafe.
Dann trocknete sie ihre Thränen und verlangte ohne Weiteres ein Frühstück von dem Kranken, welches er ihr serviren zu lassen genöthigt war.
Als der Savoyarde sich entfernt hatte, nahm sie wieder einen feierlichen Ton an und faßte die Hand des Amphitryo, welcher nicht wußte, was werden sollte.
– Mein Freund, sagte sie zu ihm, denn Sie werden immer mein Freund sein, Sie müssen von dem unterrichtet werden, was mich betrifft. Der Herr Chevalier und ich reisen nach Holland ab, wo wir unsere Verbindung von einem Priester einweihen lassen wollen. In Frankreich würden wir zu viel Schwierigkeiten finden, um so mehr, da der Marschall von Sachsen wüthend ist und mich mit seiner Rache bedroht hat; von Ihnen fürchte ich nichts, im Gegentheil sind Sie zu delicat, um gegen mich zu handeln, und ich würde mir einen Vorwurf daraus machen, Ihnen irgend etwas zu verbergen.
– Was! rief er im äußersten Erstaunen, der Herr Chevalier will Sie heirathen?
– Er ist nicht so difficil wie Sie, er liebt mich hinlänglich dazu.
– Und was denken Sie dann zu thun?
– Der Chevalier wird bei irgend einer Macht, die glücklich sein wird, ihn anzustellen, Dienste nehmen; er wird General einer Armee werden und sich mit dem Marschall von Sachsen messen; er wird ihn schlagen, und ich werde gerächt sein.
Marmontel war genöthigt, bei sich selber einzugestehen, daß der Chevalier sie wirklich mehr liebe, als er, und dies half ihm zu seiner Herstellung.
Das Ende der Geschichte wurde tragisch.
Der Chevalier und das Fräulein verheiratheten sich in der That in Holland, aber sei es nun, daß er es verschmähte, General einer Armee zu werden, oder daß die Mächte sich nicht beeilten, ihm diese Ehre anzubieten, er zog sich mit seiner Frau nach Avignon zurück.
Der Chevalier hatte einen Bruder, den Marquis von Mirabeau, mit dem Beinamen der Menschenfreund, welcher Menschenfreund hart war, wie ein Pferd, und alle diejenigen quälte, die in seine Nähe kamen.' Er hat einen Sohn, den Grafen von Mirabeau, von dem man seltsame Dinge erzählt. Wie dem auch sei, der Menschenfreund konnte seinen Bruder nicht leiden. Als er seine einfältige Heirath erfuhr, gerieth er in einen abscheulichen Zorn – er hatte nicht ganz Unrecht – und verfolgte ihn zu Wasser und zu Lande.
Die Ehegatten glaubten sich im Kirchenstaate sicher, aber der Marquis, hatte einen langen Arm, und es gelang ihm, von dem Vicelegaten einen Verhaftsbefehl zu erhalten. Er hat es oft gesagt, er wollte ihn nur von dieser Schurkin trennen.
Sie war gerade bei ihrer Niederkunft, als sie die Sbirren bei sich eintreten sah, die nach ihrem Manne fragten. Sie empfand eine solche Erschütterung, daß die Wehen aufhörten, und ungeachtet ihres Schreiens führte man den Chevalier fort. Da war sie in dem gefährlichsten Zustande allein. Um sie zu trösten, rief ihr der Anführer der Sbirren beim Weggehen zu:
– Sobald Sie gehen können, werden Sie hinausgejagt werden; Weiber von Ihrer Art werden in den Staaten des heiligen Vaters nicht geduldet.
Sie war aber doch verheirathet! Wie kam es, daß die Priester ein Sakrament nicht achteten, welches von ihnen angeordnet und ausgeübt worden?
Das unglückliche Geschöpf brachte, glaube ich, ein todtes Kind zur Welt, aber so viel weiß ich gewiß, daß sie starb, und daß man unendliche Mühe hatte, ihr ein Begräbniß zu verschaffen, alle Monsignors widersetzten sich dem.
Der Menschenfreund rühmte sich dessen, was er gethan, er sei bezaubert, sagte er, seinen Bruder von diesem ihm angehefteten giftigen Pilze frei gemacht zu haben.
Ich will nicht sagen, daß der Chevalier eine gute Ehe geschlossen; wenn man sich aber einen Menschenfreund nennt, muß man nicht machen, daß eine Frau vor Schrecken stirbt.
Indessen hatte Marmontel gutes Glück, zugleich während er seine Tragödien schrieb; er wurde der Liebhaber des Fräulein Verriere, Maitresse des Marschalls von Sachsen, der eine Tochter von ihr hatte, die wie die Gräfin von Königsmark, die Mutter des Helden, Aurora hieß. Dieses Mädchen wurde durch die Wohlthaten der Frau Dauphiné unter dem Namen Aurora von Sachsen erzogen und wurde später Madame Dupin.
Das Fräulein Verriere wollte aufs Theater gehen und spielte bei sich bürgerliche Komödien, So lernte Marmontel sie kennen. Als der Marschall diesen hübschen Handel erfuhr, schwur er, er wolle in seinem Leben weder Mutter noch Kind wiedersehen, und er hielt Wort.
Die Verriere war sehr hübsch, und sie hatte es vielen Leuten bewiesen, die durch die besten und einleuchtendsten Gründe davon überzeugt wurden. Der Prinz von Turenne entführte sie Marmontel, und viele Andere folgten dem Prinzen von Sachsen.
Das Auffallendste in Marmontel's Leben ist gewiß sein Aufenthalt in dem Hause der Madame Geoffrin und der vertraute Umgang, den er mit ihr führte. Bei Erwähnung dieses Mannes will ich von diesem berühmten Hause und von dieser Wirthin der Männer von Geist reden, die sie ihre Thierchen nannte, welchen sie so viele Jahre lang schlechte Suppen und gute Nachschläge gab.
Ich bin nur bis zu meiner Trennung von dem Fräulein von Lespinasse zu ihr gekommen; sie nahm für diese Partei und erklärte mir, sie wolle mich nicht bei sich empfangen, wenn sie uns nicht Beide empfangen könne, da sie eine sehr lebhafte Freundschaft für dieses Fräulein und noch mehr für d'Alembert, ihren Geliebten, hege, den sie nicht verletzen wolle.
– Sehr gut, Madame, sagte ich zu ihr, ich bin nicht erstaunt darüber, ich erwartete es von Ihnen, denn Sie sind nicht die Marschallin von Luxembourg, und auch sie hat mir diese kleine Gnade gewährt.
Ich führe diese Antwort an, um zu beweisen, wie einfältig ich bei diesem thörichten Ereigniß war; ich wußte kein Wort zu finden, wenn man mit mir sprach.
Madame Geoffrin war eine der seltsamsten Figuren in diesem Jahrhundert; Bürgerin von Geburt; Bürgerin ihrem Geiste nach, ist sie eine Autorität in der Welt geworden, und doch waren ihre Manieren ebenso bürgerlich, wie ihr Geist und ihre Geburt, Sie hatte Worte, welche in Verlegenheit bringen und welche ihre Besucher, die fast alle aus dem Nichts hervorgegangen waren, ebenso wenig verstanden, wie wir. Sie fanden sie in ihrem Munde sehr gut angebracht, weil sie sie selber häufig aussprachen.
Ich habe bemerkt, ich, die ich sie selber gesehen, wie wenige von diesen Leuten den Tact besaßen, ihren Geist und ihre Ausdrücke abzuseifen. Fast allen fehlte es an Beobachtungsgabe, weil sie keine gute Meinung von sich selber hatten. Voltaire allein hatte sich erträglich gebildet, und noch darüber! Freilich hatte sich Madame du Chatelet viel Mühe mit ihm gegeben.
Ich habe erzählt, daß Madame Geoffrin in der letzten Zeit ihres Lebens bei Frau von Tencin gewesen, um ihren Salon zu ihrem Vortheil abzuschöpfen. Die Stiftsdame war zu fein, um es nicht zu bemerken, auch sagte sie eines Tages zu mir, indem ich auf sie deutete:
– Wissen Sie, was die Geoffrin hier will? Sie will sehen, was sie von meinem Inventar zusammenbringen kann.
Sie nahm in der That das Beste davon.
Sie war reich und hatte ihre Tochter an einen Edelmann verheirathet, und diese Tochter setzte kaum ihren Fuß in diese Versammlungen, die sie sehr unter ihrer Größe fand. Ihr Mann war die vollständigste Null auf der Welt. Er hielt sich am Ende des Tisches und öffnete den Mund nur, um zu essen und zu trinken.
Die fremden großen Herren hielten auf die Ehre und das Vergnügen, bei Madame Geoffrin empfangen zu werden; man sprach in ganz Europa von ihren Diners. Einer von ihnen, der seit mehreren Jahren nicht nach Paris gekommen war, und der eine neue Reise dorthin machte, fragte die Muse dieses neuen Parnaß, was aus dem häßlichen und einfältigen Manne geworden sei, der immer an demselben Platze geblieben.
– Es war mein Gatte, antwortete sie, ohne in Verlegenheit zu gerathen, und er ist todt.
Eines Tages verlangte er von Saint-Lambert ein Buch, und um seiner los zu werden, borgte er ihm die Reisen in China und Japan. Er brauchte sechs Monate, um das Werk zu lesen, und gab es Band für Band zurück. Saint-Lambert ließ ihn dasselbe Werk fünf- oder sechsmal nach einander anfangen und fragte ihn eines Tages, wie er es finde.
– Sehr gut, es unterhält mich sehr, nur ist es Schade, daß es sich ein wenig wiederholt.
Damit hat der Leser das Maß von dem Manne.
Am Montag empfing sie die Künstler und am Mittwoch die Literaten, Der Stamm bestand immer aus denselben Personen, hernach kamen Fremde, um sie zu sehen. Madame Geoffrin konnte sie wohl ihre Thierchen nennen, denn sie zeigte sie wie eine Menagerie. Ich liebte diese Versammlungen außerordentlich, wo ich aus Gunst und nur selten zugelassen wurde, denn sie wollte dort keine Frauen. Das einzige Fräulein von Lespinasse erhielt d'Alemberts wegen, der sie nicht allein zu Hause gelassen haben würde, die Erlaubniß, jede Woche dort zu erscheinen.
Das Seltsamste war die Art, wie diese Frau, so unwissend wie ein Karpfen, diese Tafel leitete, die so schwer zu unterhalten war. Sie sprach fast nicht und ließ die Anderen reden; ihr Geist war ein Kieselstein, der gegen den ihrer Gäste schlug, ihnen Funken gab und sie entzündete. Sie gestattete ihnen nie, zu weit zu gehen. und wenn sich Einer von ihnen emancipirte, hielt sie ihn auf der Stelle durch eine Geberde und die einfachen Worte an:
– Ei! das ist gut.
Sie schwiegen sogleich und murrten nicht darüber, und hätte sie die reizendste Bemerkung auf ihren Lippen zurückgehalten.
Sie war gut ohne die geringste Empfindlichkeit, und wohlwollend ohne Reize. Ich hätte diese Frau nie lieben können, und sie sagte es selber. Bei großen und schönen, ja selbst glänzenden Eigenschaften war sie nicht liebenswürdig. Sie würde nicht aufgetreten sein, um einen ihrer Freunde zu unterstützen oder ihm einen Dienst zu leisten, ehe sie gewiß war, daß ihr keine Belästigung oder Beschwerde daraus entstehen werde.
Sie war eingebildet und einfach zugleich; sie suchte die großen Personen auf, sie war sehr stolz auf ihren Umgang und wußte ihnen zu schmeicheln, indem sie ein unabhängiges Wesen annahm. Nichts war seltsamer, als ihre Anordnungen bei ihrer Frömmigkeit; sie ging in die Messe und suchte es zu verbergen, als wenn es eine Intrigue wäre; die Philosophen wußten es und stellten sich, als wüßten sie es nicht, um ihrer Mama nicht zuwider zu handeln.
Vor allen Dingen liebte sie die Kabalen und mischte sich mit Entzücken in die Angelegenheiten Anderer. Ich habe nie zugegeben, daß sie sich in die meinigen mischte; auch sagte sie, ich wäre verborgen und es wäre kein Vortheil dabei, meine Freundin zu sein, denn meine Feinde wüßten mehr auf meine Kosten zu sagen.
Sie wußte sich auf ihrem Platze zu halten und sagte von sich selber, was die Anderen von ihr hätten sagen können, um ihnen den Mund zu schließen.
Eines Tages kam ein italienischer Abbé und bat sie um die Erlaubniß, ihr eine Sprachlehre für die beiden Sprachen widmen zu dürfen.
– Mir, mein Herr, antwortete sie, wollen Sie eine Sprachlehre widmen, und noch dazu für zwei Sprachen! mir, die ich kaum die meinige verstehe und kein Wort orthographisch richtig schreiben kann. Sie sind zu gut, ich kann es nicht annehmen.
Sie erzählte vortrefflich und auf die heiterste und zugleich einfachste Weise; sie benutzte die unbedeutendsten Umstände, um zu unterhalten. Ich habe nie eine Frau gekannt, die besser die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wußte, ohne daß sie das Ansehen hatte; sie besaß in dieser Hinsicht ein außerordentliches Geschick, Sie machte durch eine Erzählung zur rechten Zeit den Braten nicht vergessen, wie Madame Scarron, aber sie machte vergessen, daß sie einen sehr schlechten Koch hatte, und daß man bei ihr sehr ungeschickt servirte.
Im Ganzen verdienten diese berühmten Soupers ihren Ruf, und ich kenne sehr wenig Dinge und Leute in dieser Welt, von welchen man dasselbe sagen könnte.
