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Kitabı oku: «Der Secretair der Marquise Du-Deffand», sayfa 55

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Dreizehntes Kapitel

Ich habe von Voltaire gesprochen, er ist in Paris.

Man hatte ihn uns seit langer Zeit angemeldet, diesmal ist es keine Chimäre, er wohnt bei dem Marquis von Billette auf dem Quai des Theatins. Es ist die Neuigkeit bei Hofe und in der Stadt; wenn der Kaiser von China hier ankäme, würde er nicht diese Wirkung hervorbringen; man geht auf diesen Quai und gafft zu seinem Fenster hinauf, die Pariser sind Schwachköpfe.

Er kam am 10. Februar um halb fünf Uhr an; ich werde mir keine Muthmaßungen mehr erlauben, denn ich hatte geglaubt, daß er nie zurückkehren würde. Er hat Madame Denis und Frau von Billette bei sich. Ich schickte am Morgen Viard mit einem kleinen Auftrage zu ihm, worauf er mir antwortete:

– Ich komme todt an und will mich nur wieder beleben, um mich der Frau Marquise Du-Deffand zu Füßen zu werfen.

Er empfing an demselben Tage mehr als dreihundert Personen, und ich hütete mich wohl, mich unter diese Menge zu mischen, denn ich hätte ihn doch nicht nach Gefallen sehen können, und ich hatte keine Lust, im Vorzimmer zu bleiben. Ich werde mich nicht damit unterhalten, die Thaten und Handlungen Voltaire's während seines hiesigen Aufenthalts zu erzählen. Es wird genug besoldete Geschichtschreiber geben, um sie der Nachwelt zu überliefern: ich will nur berichten, was mich betrifft.

Lekain war gerade am Tage vor seiner Ankunft gestorben, er hatte also nicht die Genugthuung, sein Stück von ihm spielen zu sehen. Nach meiner Meinung und nach der Meinung vieler Anderer verlieren die Stücke Voltaire's ohne Lekain die Hälfte ihres Werthes.

Ich ging also zu Voltaire, nachdem ich das Gedränge sich hatte verlaufen lassen. Er ist sehr verändert, hat sehr gealtert, wie man mir wenigstens sagt, er hat nur noch sein Lächeln und dieses Auge, welches nie erlöschen wird, selbst nicht im Grabe. Er hat mich mit einer außerordentlichen Freundschaft empfangen und ich ihn ebenfalls; wir sind so alte Bekannte und Trümmer eines Jahrhunderts, welches nicht mehr ist.

– Ah! Madame, sagte er zu mir, Sie sind sehr glücklich, nichts mehr zu sehen, Sie würden schlechte Sachen sehen.

– Mein Herr, ich würde Ihren Triumph sehen, und wegen der Freundschaft, die ich für Sie hege, meinen Antheil daran nehmen.

– Mein Triumph wird bald das Grab sein, denn ich kann nicht weiter. Sie überhäufen mich, sie halten mich für unsterblich; ich sterbe schon seit vier und achtzig Jahren, und sie behandeln mich, als wenn ich immer leben müßte.

– Sie werden wenigstens bei uns bleiben?

– Nein, nein, ich bin zu alt, um in acht Tagen den geringen Rest meines Lebens dahinschwinden zu sehen. Ich werde wieder zu meinen Fasten gehen. Sie werden die Probe der »Irene« sehen, die hier vor sich geht? Die Schauspieler thun wir die Gefälligkeit, um halb ein Uhr zu mir zu kommen.

– Ach, mein Herr, das geht nicht an, das ist gerade die Stunde, wo ich zu schlafen anfange. Ich habe keine Nacht und keinen Tag mehr, Alles ist gleich und der Schlummer kommt, wann er will; entschuldigen Sie und erlauben Sie wir, daß ich Sie, wenn ich kann, in meinen hellen Stunden aufsuche.

Herr von Beauveau war bei mir, wir blieben nicht lange, der große Mann war schläfrig, ich hob die Belagerung auf und sagte ihm, daß ich am folgenden Tage wiederkommen würde, was ich auch that.

Der Besuch war drollig. Man führte mich ein! es war ein großer, sehr vergoldeter, sehr geschmückte, und sehr prächtiger Salon. Ich fand dort zuerst die wohlbeleibte Madame Denis, seine Nichte eine gute Frau, die nicht übel spricht und die doch nur sehr gewöhnlich und einfältig ist. Sie macht Ansprüche, die zum Todtlachen sind. Sie glaubt der Reflex von Voltaire zu sein und sie ließe sich gern auf demselben Altar anbeten. Sie ließ sich herab, mich mit Freundlichkeit zu empfangen, indem sie zu mir sagte:

– Mein Onkel liebt Sie sehr, Madame.

Ich antwortete mit einem Kompliment, woran sie gern ihren Antheil gehabt hätte, den ich ihr nicht gab.

Neben ihr saß der sogenannte Marquis von Billette. Es ist eine sehr bestrittene Marquiswürde und er selber eine wahre Komödienfigur. Seine Frau ist hübsch und jung, ein geborenes Fräulein von Baricourt und eine Schülerin von Voltaire, die man schön und gut nennt.

Voltaire hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen und ruhte sich aus, nachdem er sein Stück wie ein junger Mann ganz in einem Athem vorgelesen hatte.

– Madame, empfangen Sie die Entschuldigungen meines Onkels, fuhr Madame Denis nach ihrer schönen Redensart fort, seine Kräfte sind erschöpft, er sieht Niemand bei sich, aber er wird Sie empfangen.

– Madame, ich entferne mich, ich will Herrn von Voltaire nicht stören.

– Wir werden es nicht zugeben, recitirte Herr von Billette mit der Miene eines Schauspielers, der sich anstrengt, Herr von Voltaire würde es uns nie verzeihen.

Ich mußte mich niedersetzen und die Unterhaltung begann, doch verbreitete sie sich nur über Voltaire. Ich bemerkte, daß Madame Denis sich mit dem Idol verwechselte und die Hälfte von Allem für sich nahm. Wenn sie von ihm sprach, sagte sie immer wir und zwar mit einer so wohl überzeugten Naivität, daß man es ihr nicht übel nehmen konnte. Der Marquis von Billette wiederholte bei jedem Worte:

– Mein berühmter Freund!

Es war durchaus und in jeder Hinsicht der Marquis von Mascarille. Dieses kleine Fräulein von Varicourt schien mir diesem Manne geopfert zu sein, der nicht so viel werth war, wie sie. Ihre Lebensgeschichte ist romantisch, ihr Gemahl veranlaßte sie, sie in dieser Sitzung zu erzählen, und dies war Alles, was mich bei diesem Besuche interessirte. Ich will noch einige kleine Umstände zu dieser Geschichte hinzufügen, die ich von Voltaire selber erfahren habe, der sich wohlverstanden über den Marquis lustig machte. Und über wen machte er sich nicht lustig?

Herr von Varicourt. welcher Gardeofficier war, hatte zwölf Kinder und kein Vermögen, Es mußten daher einige ins Kloster gebracht werben, besonders diese, die keine Hoffnung hatte, sich zu verheirathen. Die Söhne schlagen sich immer besser durch, als die Töchter. Das Fräulein von Varicourt hatte sich hohe Dinge in den Kopf gesetzt und sie liebte das Kloster nicht; sie suchte ein Mittel, es zu vermeiden, und fand kein anderes, als an Voltaire zu schreiben und ihn zu beschwören, ihr zu Hilfe zu kommen.

Her Brief war gut stylisirt und voll Herz, er hatte Mitleid mit ihr, ging zu Madame Denis und sagte ihr, er wolle dem Teufel diese Seele entreißen, die man Gott zu weihen vorgebe. Er forderte das Fräulein von Varicourt auf, zu ihm zu kommen, fand sie bezaubernd und nahm sich vor, sie gut zu verheirathen.

Der Zufall führte den Marquis von Billette, die eitelste und einfältigste Person von diesem philosophischen Zirkel, nach Ferney. Er besitzt ein sehr großes Vermögen; er fand den Schützling Voltaire's sehr liebenswürdig und machte sich einen Ruhm daraus, ihr seinen Namen zu geben. So hoffte er auf die Nachwelt zu kommen, und er wird es; dies war das einzige Mittel, auf den Flügeln Voltaire's dahin zu gelangen. Ich bitte zu glauben, daß dieser Ausdruck von dem erwähnten Marquis herrührt, ich erlaube mir keinen von solcher Stärke.

Als diese Geschichte erzählt war, wollte ich mich entfernen, doch man hielt mich zurück; man ließ Voltaire sagen, daß ich da sei, er schickte mir Verse, ich las sie oder ließ sie mir vielmehr vorlesen, und Herr von Billette begann eine Dithyrambe; man kann sich die Verehrung dieses alten Skeletts, dessen Geist selbst die Todten belebt, nicht vorstellen.

Seine »Irene« beschäftigte ihn allein: es war ein sehr schlechtes Stück, worin man ihn so zu sagen nicht wiederfindet, worin aber von Zeit zu Zeit einige schöne Verse vorkommen. Endlich kam er, als ich von der Madame Denis und dem Herrn von Billette eine Unverdaulichkeit, zu, empfinden begann. Er kam mit ausgebreiteten Armen, und dem Ausrufe auf dm Lippen:

– Ah! Madame, verzeihen Sie mir, ich dictirte einige Verse, denn man fordert eine Veränderung in der Irene; diese Schauspieler sind nie mit ihren Rollen zufrieden. Es ist eine einfältige Brut, es ist traurig, daß man seine Stücke nicht selber spielen kann, es würde viel besser gelingen.

– Sie nennen das sich ausruhen?

– Ohne Zweifel, ich ruhe mich aus, indem ich arbeite, ein alter Biedermann, wie ich bin, hat keine Zeit zu verlieren. Ich begreife Sie nicht, Madame, Sie verlassen mich, Sie geben sich der Welt hin und vergessen Ihre Freunde; während dieser Zeit nimmt alle Welt meine Zeit in Anspruch, bis auf die Priester.

– Die Priester!

– Ohne Zweifel, Marquis, ich bin erschöpft; erzählen Sie der Dame von dem Briefe des Abbé Gauthier.

– Madame, es gibt einen Abbé Gauthier, welcher Kaplan der Unheilbaren ist; er hat an Herrn von Voltaire einen Brief geschrieben, vermöge dessen —

– Marquis, fiel er ein, wenn wir bei vermöge dessen und von wegen dessen stehen, werden wir nicht zu Ende kommen, ich werde besser thun, es selber zu erzählen. Dieser Abbé Gauthier ist also der Kaplan der Unheilbaren, er war, wie Sie eingestehen werden, der Einzige in ganz Paris, an den ich mich wenden konnte. Sein Sie ruhig, diese Welschen werden ihre Glossen darüber machen.

– Sie haben nicht verfehlt. Die Epigramme verbreiten Ich durch ganz Paris.

– Dieser Abbé hat mir also einen sehr anständigen. Brief geschrieben, und um besser über seinen Styl urtheilen zu können, ist hier eine Abschrift. Nehmen Sie und lesen Sie. Diese Abschrift ist ein historisches Actenstück.

»– Man kann nicht mehr Freude empfinden, Sir zu sehen, als ich habe, mein Herr; ein Mann, wie Sie kann den Eifer nicht bezweifeln, den man anwendet, um ihn kennen zu lernen. Bewilligen Sie mir die Erlaubniß, zu kommen und Sie zu begrüßen. Es sind dreißig Jahre, daß ich Priester bin, ich bin zwanzig Jahre bei den Jesuiten gewesen, ich werde geachtet und geehrt von Seiner Eminenz dem Erzbischof; ich verwalte mein Amt in verschiedenen Pfarren von Paris, und ich biete Ihnen meine Dienste an. Welche Ueberlegenheit Sie auch vor anderen Menschen haben mögen, so sind Sie doch sterblich wie sie: Sie sind vier und achtzig Jahre alt, Sie können schwer zu überstehende Augenblicke voraussehen, wobei ich Ihnen nützlich sein könnte, wie ich es dem Herrn Abbé Lattaignant bin, der noch älter ist, als Sie, und ich werde heute mit ihm zu Mittag speisen und trinken erlauben Sie mir, Sie zu besuchen.

– Nun, mein Herr, was haben Sie gethan?

– Er ist mehrmals gekommen, dieser wackere Abbé Gauthier, er ist für mich eine Fügung der Vorsehung in Beinkleidern und Priesterkragen, er schützt mich vor dem Scandal und vor der Lächerlichkeit. Und jetzt, da ich die Abbés sehe, wird es mir erlaubt sein, auch etwas Anderes zu sehen, davon bin ich überzeugt. Denken Sie es nicht auch, Frau Marquise?''

Seine Lieblingsidee war, nach Versailles zu gehen, den König, die Königin und die Prinzen zu sehen; ich wußte, daß es ihm nicht gelingen würde; ich wollte ihn nicht enttäuschen, ich antwortete ihm, daß ich es hoffe, wie er, er sah an meinen Lippen, daß ich mich erklären sollte.

– Mein Herr, sagte ich zu ihm, die Königin, Monsieur und der Graf von Artois haben große Lust, Sie zu sehen, die Prinzessinnen und Madame Elisabeth machen das Zeichen des Kreuzes, wenn man Ihren Namen ausspricht.

– Und der König?

– Der König folgt den Instructionen seines Beichtvaters, wie ein guter Bürger. Stehen Sie gut mit dem Beichtvater? das ist die Frage.

– Und der Abbé Gauthier, glauben Sie, daß er zu etwas Anderem dient? Denken Sie, daß ich ihn wegen des Vergnügens, seinen Chorrock anzusehen, in meiner Nähe behalte?

– Dann, mein Herr, wenn der Abbé Gauthier etwas vermag, so bedürfen Sie sonst Niemandes.

– Ei! Sie werden sehen! ich weiß vorher den Empfang, der meiner in Versailles wartet. Der König wird nicht mit mir sprechen, Monsieur wird nur zu viel mit mir sprechen, die Königin wird lächeln, der Graf von Artois wird scherzen, und Alles ist geschehen.

– Und wegen eines so unbedentenden Zweckes geben Sie sich so viele Mühe! O! mein Herr, ich begreife Sie nicht.

Er hatte seine Kleinheiten im höchsten Grade, die Gunst der Großen war stets sein Streben, und er schmeichelte ihnen aus allen Kräften. Auch war Voltaire der Kontrast und das lebendige Heilmittel seiner Lehre, wie ich ihm und seiner philosophischen Livree wohl hundertmal gesagt habe. Er selber lachte darüber, die Anderen geriethen in Zorn.

– Voltaire ist zu reich, wiederholte mir d'Alembert, was würde er nicht auf einer Dachstube geschrieben haben!

Der Marschall von Richelieu kam und ich wollte die Sitzung aufheben, Voltaire bewog mich mit Gewalt, mich wieder zu setzen.

– Bleiben Sie, bleiben Sie, Madame, Sie und mein Held, mein Alcibiades, Sie sind, was ich am meisten auf der Welt liebe, meine Zeitgenossen. Wir sind unserer Drei von gleichem Alter, frisch und gut aufgelegt, man ist glücklich, sich so zu finden, wenn man sich seit so langer Zeit kennt.

– Der Herr Marschall und Sie, mein Herr, sind jung, versetzte ich, Sie machen Tragödien wie im zwanzigsten Jahre, der Herr Marschall verheirathet sich, wie im dreißigsten, aber ich, ich bin eine arme Blinde, die ihrem Ende nahe ist.

– Madame, Sie haben mehr Geist, als wir, und wenn Sie Ihr Gesicht mit dem unsrigen vergleichen könnten, würden Sie noch Launen der Koquetterie haben, und Sie können sie sich erlauben.

Glücklicherweise weiß ich, woran ich mich zu halten habe, und diese Schmeicheleien erreichen mich nicht, Ich antwortete dem alten Marschall nichts. Voltaire sprach von etwas Anderem. Was in dem Augenblick die Welt beschäftigte, war das Duell des Grafen von Artois und des Herzogs von Bourbon wegen eines Maskeradenabenteuers mit der Herzogin von Bourbon, die sich dergleichen nicht nehmen ließ und ihre angenehmen Ueberlieferungen aus der Regentschaft beibehielt.

Ich werde diese Geschichte nicht erzählen, man spricht noch davon und betäubt mir die Ohren damit. Alle Neuigkeitskrämer sind voll davon, und ich bin gewiß, daß hundert verschiedene Berichte darüber verbreitet werden. Hie Prinzen sind jung, und sie amüsiren sich; haben wir uns denn nicht alle amüsirt? So viel ist gewiß, daß alle ihre Pflicht gethan und in keiner Weise dem Blute Heinrich des Vierten Schande gemacht haben, und was wollen wir mehr?

Ich ließ Voltaire mit dem Sieger von Mahon zurück und ging, um bei der Marschallin von Luxembourg zu soupiren, wo man von diesen beiden Trümmern sprach und mich bewegen wollte, von ihnen zu reden; aber ich schwieg – ich bin keine Zeitung.

Vierzehntes Kapitel

Man hat Voltaire zu sehr in Anspruch genommen; er unterlag endlich und wäre beinahe am Blutbrechen und an seiner Tragödie gestorben. Tronchin hat ihn behandelt und gerettet; aber er hat eine Ankündigung seines Todes gehabt. Er verfehlte nicht, sich in diesem Augenblick des Abbé Gauthier zu bedienen, und hier ist noch ein historischer Beweis dafür. Die Philosophen waren nahe daran, vor Wuth in die Pflastersteine zu beißen. Ihr Patriarch, ihr Gott gab ihren Grundsätzen eine solche Ohrfeige. Wenn er gestorben wäre, würde man seinem Begräbnisse Hindernisse in den Weg gestellt haben: das war es gerade, was er nicht wollte, denn das erste Wort, welches er mir nach seiner Genesung sagte, war:

– Frau Marquise, Sie wissen, was ich gethan habe. Ich wollte nicht, daß man meinen Körper auf den Schindanger werfen möchte.

Diesmal ist er gegen alle Erwartung davon gekommen. Ein junger Mann würde daran gestorben sein, und wenn er seine Kräfte nicht verbraucht hätte, würde er noch leben. Folgendes ist das berühmte Document, welches so viel Aufsehen gemacht hat:

»Ich Unterzeichneter erkläre, da ich seit vier Tagen im Alter von vier und achtzig Jahren an Blutbrechen leide und mich nicht in die Kirche habe schleppen können und der Pfarrer von Saint-Sulpice zu seinen guten Werken das hat hinzufügen wollen, den Priester Abbé Gaurbier zu mir zu schicken, daß ich ihm gebeichtet habe, und wenn Gott über mich verfügt, sterbe ich in der heiligen katholischen Religion, worin ich geboren bin, indem ich von der göttlichen Barmherzigkeit hoffe, daß sie mir meine Fehler vergeben wird, und wenn ich die Kirche geschmäht habe, bitte ich Gott und sie um Vergebung.

Unterzeichnet: Voltaire.

»Den 2. März im Hause des Herrn Marquis von Villette, in Gegenwart des Herrn Abbé Mignot, meines Neffen, und des Herrn Marquis von Villevieille, meines Freundes.«

Ich versichere, daß er sich nach seiner Herstellung seines Schreckens sehr schämte, und daß er gern dieses Blatt aus seinem Leben herausgerissen hätte, und wenn er theuer dafür hätte zahlen müssen. Er that natürlich nichts dabei, und stellte das Bild eines Mannes dar, der Furcht vor dem Teufel hat, nachdem er sein Lebenlang gepredigt, daß es keinen Teufel gebe.

Man spielte sein Stück und er hatte einen persönlichen Triumph; das Stück selber war abscheulich und man duldete es seinetwegen. Er besuchte mich, mit seinen Lorbeeren bekränzt, und war so liebenswürdig, wie in seiner Jugend. Wir unterhielten uns von unseren Erinnerungen, und davon hatten wir seit so vielen Jahren zu sprechen. Er war bezaubernd.

– Madame, wir werden uns künftig oft sehen sagte er zu mir, als er mich verließ. Ich habe ein Haus im Stadtviertel Richelieu gekauft, dort werde ich acht Monate des Jahres und vier in Ferney zubringen. Dieses Volk überhäuft mich mit Lobsprüchen, folgt mir in den Straßen und ruft mir nach.

– Mein Herr, Sie haben viel Gutes gethan, und. das ist noch besser, als viel Geist zu haben.

– Ah! Madame, Sie schmeicheln mir auch. Alte Freunde, wie wir, sind einander Wahrheit schuldig.

– Mein Herr, zahlt man denn Alles, was man schuldig ist?

Mit diesen schönen Plänen verließ er mich, und ich habe ihn nicht wiedergesehen.

Drei Tage später wurde er wieder krank, und man verschwieg es wegen der Beichte und der Priester, und weil man ihn nicht wieder von vorn anfangen lassen wollte. Man erfuhr seinen Tod erst später, und der Abbé Mignot brachte seine Leiche weg; er fürchtete Schwierigkeiten und würde sie auch gewiß gehabt haben. Er ließ ihn in seiner Abtei begraben, auch wurden der Abbé und seine Mönche darüber getadelt.

Was man nicht vorausgesehen hatte, war, daß der Lärm wegen dieses Todesfalles sogleich verstummte. Es war eine Explosion wie bei einem Feuerwerk, welche sogleich vorüber ist. Ich hatte einen Augenblick sehr großen Traurigkeit, wovon ich mich wie immer dadurch befreite, daß ich mich mit etwas Anderem beschäftigte.

Es ist mir noch ein Abenteuer begegnet, und da es in meinem Alter selten ist und wahrscheinlich das letzte sein wird, so will ich es erzählen. Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, daß ich es aufgesucht habe, denn es betrifft Leute, die ich wenig kenne, und zu welchen ich nur ziemlich seltene gesellschaftliche Beziehungen hatte: doch es ist so, und es ist gegen die Thatsachen nichts einzuwenden.

Vor acht Tagen trat das Fräulein Sanadon, meine Gesellschafterin, mit vorsichtigen Schritten bei mir ein; ich war im Bette, ich schlief nicht, ich träumte von diesem langen Leben, welches nicht endet. Sie fragte mich mit ihrer Kopfstimme, ob ich aufgelegt sei, zuzuhören.

– Ohne Zweifel, mein Fräulein. Was gibts?

– Madame, es ist ein junges Mädchen da,

– Nun?

– Sie scheint sehr interessant und will mit Ihnen reden, aber mit Ihnen allein.

– Es ist vielleicht eine heimliche Bettlerin; geben Sie ihr etwas und lassen Sie mich in Ruhe.

– Nein, Madame, sie verlangt nichts, sie ist sehr gut gekleidet, aber sie ist traurig, und sie weint.

– Was kann ich dabei thun? fragte sie.

– Sie will es nur Ihnen anvertrauen, Madame.

– So möge sie denn eintreten. Es wird irgend ein einfältiges Mädchen sein, welches mit ihrem Kinde in Verlegenheit ist; sie muß es ins Findelhaus bringen, Saint-Vincent de Paul hat es für dergleichen Mädchen gegründet.

Das junge Mädchen trat ein und blieb an der Thür stehen, ich hörte einen beklemmten Athemzug und ein Schluchzen; dies verursachte mir einen unvorhergesehenen Kummer, denn ich bin nicht gern Zeuge vom Leiden Anderer. Ich rief ihr zu, näher zu treten, und sie kam langsam.

– Haben Sie keine Furcht, mein Fräulein, ich bin sehr alt und blind, aber ich bin nicht böse.

– Ich weiß es wohl, Madame, deshalb komme ich zu Ihnen.

– Ich kann Ihnen also nützlich sein?

– O! Madame, Sie können meiner Mutter das Leben retten.

Ihr armes Herz schwoll und sie brach in einen Thränenstrom aus, ich ließ sie erst ruhig werden und bat sie dann, sich auszusprechen.

– Madame – Madame! ich bin ein natürliches Kind —

– Ah! versetzte ich, quälen Sie sich nicht darum, es gibt noch viele andere.,

– Ah, Madame! ich achtete, ich verehrte meine Mutter, ich betete sie an, ich hatte keine Ahnung von ihrem Fehler —

Und sie weinte.

– Sie müssen sie immer anbeten, verehren und achten, mein liebes Kind, man weiß niemals, wie die Fehler geschehen, und überdies kann man die Fehler meiner Mutter nicht besprechen.

– Ich weiß es, Madame, aber es ist sehr hart, das ist gewiß.

– Mein Fräulein, sollten Sie fromm und unduldsam sein?

– Madame, ich habe nicht das Glück, fromm zu sein, ich folge meiner Religion so gut ich kann, aber die Anderen zu beschuldigen, davor wolle Gott mich bewahren! ich bin nicht vollkommen, ich kann sündigen und bedarf der Nachsicht; warum sollte ich also meine Nachsicht meinen Brüdern in Christo verweigern?

Sie sagte mir diese Worte wie ein artiges kleines Mädchen in einem Tone, der mich rührte.

– Beenden Sie doch Ihre Mittheilung, mein Kind, erzählen Sie mir Ihre Geschichte, und sagen Sie mir, wie ich Ihnen in irgend etwas dienen kann.

Folgendes erzählte sie mir:

– Madame, wir wohnen sehr nahe bei diesem Hause in der Rue du Bac; meine Mutter ist Weißnäherin und hat mich in ihrem Geschäfte unterrichtet, wir haben eine kleine Rente, und wir verdienen unseren Lebensunterhalt und bedürfen keines Menschen, um uns in dieser Hinsicht zu unterstützen. Ich bin gut erzogen, ich weiß mehr, als ein Mädchen meines Standes gewöhnlich lernt. Meine Mutter ist nicht immer Näherin gewesen, Madame, sie ist die Tochter eines Edelmanns, in Saint-Cyr, und sehr unglücklich, so viel kann ich Ihnen versichern.

– Ist es möglich, mein Fräulein! und was bat denn diese unglückliche Person dahin geführt?

– Das ist es, was ich heute weiß, aber vor zwei Tagen noch nicht wußte, Madame. Ich war der Meinung, daß meine Mutter die Wittwe eines Schneiders sei, wie sie mir gesagt hatte; ich glaubte, daß sie die Tochter eines Wollhändlers sei, und nie war mir der Verdacht einer andern Herkunft eingefallen. Um ihre Erziehung zu erklären, hatte sie mir von einer reichen Pathin gesprochen, die sie erzogen hätte, und die ihr Geschmack und. Gewohnheiten eingeflößt, die über ihre Geburt hinausgingen. Sie beklagte es mit mir, und doch konnte sie nicht umhin, mich in dem zu unterrichten, was sie wußte.

– Das ist sehr natürlich.

– Wir haben in der Verborgenheit gelebt, nicht glücklich, aber ruhig und bequem, ohne Erschütterungen und ohne Schmerzen. Wir sehen nur wenige Nachbarn bei uns, und auch die nur selten, und auf kurze Zeit, dann war der Herr Pfarrer von Saint-Sulpice sehr gut gegen uns. Vor acht Tagen ging meine Mutter aus – sie ging alle Monat einmal ohne mich aus und kehrte mit der kleinen Summe zurück, die den größten Theil unserer Einnahmen bildet. An diesem Tage kehrte sie später, als gewöhnlich zurück, so blaß, so kummervoll, daß ich eine schreckliche Furcht empfand und nicht umhin konnte zu weinen. Ich bemühte mich um sie, sie konnte kaum sprechen, sie warf sich mir um den Hals und brach in Thränen aus.

– Mein Kind! wiederholte sie, mein armes Kind! Ich mochte sie befragen, wie ich wollte, ich brachte nicht mehr von ihr heraus; sie rang die Hände, dann faltete sie sie, bat Gott und auch mich um Vergebung.

– Ach! begann sie, getäuscht, getäuscht! wer hätte es gedacht!

– Ach! mein Fräulein, man muß immer gewärtig sein, getäuscht zu werden. Es ist ein Dienst, den wir einander wechselseitig leisten. Wer ist, der nicht täuscht, und wer ist, der nicht getäuscht wird in dieser Welt.

Diese Wahrheit erschien ihr entweder grausam oder zweifelhaft; sie sah mich einen Augenblick unentschlossen an, dann versetzte sie:

– Meine arme Mutter sah die Sache offenbar nicht wie Sie an, Madame; es währte sehr lange, bis sie ihr Bewußtsein wieder erhielt, und ich konnte keine Erklärung von ihr herausbringen. Endlich beruhigte sie sich ein wenig, das heißt, das Leiden des Körpers gewann die Oberhand über das des Geistes, es begann eine wirkliche Krankheit, aber ihre Vernunft und ihr Herz kehrten ihr zurück, um sich mit ihr zu verständigen.

Sie schämte sich sehr über das, was sie mir zu sagen hatte, sie fühlte, daß sie es thun müsse, und nachdem sie versucht hatte, sich mir zu Füßen zu werfen, und ihr Gesicht in ihrem Bette verbarg, kam sie damit zu Stande, mir ihre Geschichte zu erzählen.

Als meine Mutter aus Saint-Cyr kam, ging sie zu einer Verwandten aufs Land in der Nähe von Fontaine- bleau, sie war eine Waise und ohne Vermögen, sehr schön, sehr gut und sehr liebevoll. Diese Verwandte, welche sie aufgenommen hatte, ließ sich ihre Gastfreundschaft durch ihre Thränen bezahlen und machte eine wahre Märtyrin aus ihr, Sie sah Niemand, hatte keine Gesellschafterin oder Freundin und arbeitete vom Morgen bis zum Abend.

Eines Tages, oder vielmehr eines Abends, bat ein Herr, der sich bei einem Ungewitter auf der Jagd verirrt hatte, um die Gastfreundschaft des kleinen Hauses. Er wurde dort mit Vergnügen von der Herrin empfangen, die bezaubert war, sich darzustellen und ihre Kenntniß der Gebräuche der Welt zu zeigen. Er war nicht mehr jung, doch hatte er einen bezaubernden Geist, ein verführerisches Wesen und Benehmen; obgleich er sehr einfach gekleidet war, glich er einem vornehmen Herrn. Er zeigte sich aufmerksam gegen meine Mutter, machte der alten Dame noch mehr Complimente, und nannte, wohl verstanden, seinen Namen. Es war ein Edelmann, ein Verwandter und Freund des Oberjägermeisters, der von Zeit zu Zeit mit ihm ein Reh oder ein wildes Schwein jagte, wenn Seine Majestät nicht in seiner königlichen Residenz war, was oft geschah.

Er gefiel den beiden Klausnerinnen sehr, bat um die Erlaubniß, wiederkommen zu dürfen, benutzte dieselbe, machte meiner Mutter den Hof, ohne daß ihre Tyrannin es wußte, bemerkte bald ihr Unglück und benutzte diese Kenntniß, um sie zu Grunde zu richten, Er beklagte sie, versuchte sie zu trösten, sprach ihr von der Ehe vor, schwur ihr zu, daß er sie heirathen würde, und als meine Mutter ihm die Versicherung gab, daß ihre Verwandte nimmermehr einwilligen würde, sagte er:

– Nun gut, wenn sie ihr Opfer trotz Allem behalten will, so werden wir sie zwingen; ich werde Sie entführen, und hernach kann sie Ihnen ihre Zustimmung nicht verweigern.

Meine Mutter wollte es nicht, sie widerstand lange; endlich kam der Verführer gerade in einem Augenblick, wo sie eine entsetzliche Scene gehabt und fast den Kopf verloren hatte, er benutzte den Umstand und führte sie mit sich.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
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930 s. 1 illüstrasyon
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