Kitabı oku: «Die Fünf und Vierzig», sayfa 27
Zweites Kapitel
Das Cabinet von Margarethe
Man soll uns nicht beschuldigen, wir schildern nur Festons und Astragalen und führen den Leser nur flüchtig durch den Garten; wie der Herr so die Wohnung, und wenn es nicht unnütz war, die Allee von tausend Schritten und das Cabinet von Heinrich zu malen, so kann es auch von einigem Interesse sein, das Cabinet von Margarethe zu beschreiben.
Parallel mit dem von Heinrich, durchbrochen von Nebenthüren, die sich auf Zimmer und Gänge öffnen, von Fenstern, wie die Thüren gefällig und stumm, und geschlossen mit eisernen Jalousien, in deren Schlössern sich die Schlüssel geräuschlos drehen, dies ist dem Aeußern nach das Cabinet der Königin.
Im Inneren moderne Geräthe, Tapetenwerk in einem Geschmack nach der Mode des Tages, Gemälde, Schmelzarbeiten, Fayence, werthvolle Waffen, Tische mit griechischen, lateinischen und französischen Manuskripten und Büchern beladen, Vögel in ihren Bauern, Hunde auf den Teppichen, eine ganze Welt endlich: Vegetabilien und Animalien ein gemeinschaftliches Leben mit Margarethe lebend.
Leute von erhabenem Geist oder von einem überströmenden Leben können nicht allein im Dasein gehen, sie begleiten jeden ihrer Sinne, jede ihrer Neigungen mit jedem Ding, das mit ihnen im Einklang ist und das ihre Anziehungskraft in ihren Wirbel zieht, so daß sie, statt gelebt zu baden wie gewöhnliche Leute, ihre Empfindungen verzehnfacht und ihre Existenz verdoppelt haben.
Epicur ist offenbar ein Heros für die Menschheit; die Heiden selbst haben ihn nicht begriffen, es war ein strenger Philosoph, der aber dadurch, daß er wollte, es sollte nichts von der Summe unserer Mittel und Quellen verloren gehen, in seiner unbeugsamen Oekonomie Jedem, der mit Geist zu Werke geht, Vergnügen verschaffte, wo der nur bestialisch Handelnde Schmerzen und Entbehrungen gefunden hätte.
Die Königin war vor Allem eine Frau, die den Epicur in griechischer Sprache verstand, was das geringste ihrer Verdienste war; sie beschäftigte ihr Leben so gut, daß sie sich aus tausend Schmerzen ein Vergnügen zu bilden wußte, was ihr in ihrer Eigenschaft als Christin Anlaß gab, Gott viel öfter zu preisen, als Andere – mochte er nun Gott oder Thebe, Jehovah oder Magog heißen.
Diese ganze Abschweifung beweist so klar wie der Tag die Nothwendigkeit, in der wir uns befinden, die Gemächer von Margarethe zu beschreiben.
Chicot wurde eingeladen, sich in einen schönen, guten Lehnstuhl zu setzen, dessen Stickerei einen Amor darstellte, der eine Wolke von Blumen ausstreute; eine Page, der nicht d’Aubiac, aber viel schöner und viel reicher gekleidet war, als dieser, bot dem Gesandten neue Erfrischungen an.
Chicot nahm nichts an und begann, sobald der Vicomte von Turenne den Platz verlassen hatte, mit einem unstörbaren Gedächtniß den Brief des Könige von Frankreich und Polen durch die Gnade Gottes zu recitiren.
Wir kennen diesen Brief, den wir französisch zugleich mit Chicot gelesen haben; wir hatten es also für ganz unnöthig, die lateinische Uebersetzung zu geben.
Chicot übertrug diese Uebersetzung mit der aller seltsamsten Betonung, doch so geschickt er auch war, sein eigenes Werk zu travestiren, so faßte es doch Margarethe im Fluge auf und verbarg keines Wegs ihre Wuth und Entrüstung.
Je mehr er in dem Briefe vorrückte, desto mehr vertiefte sich Chicot in die Verlegenheit, die er sich geschaffen hatte; bei einigen anstößigen Stellen, senkte er die Nase wie ein Beichtvater, der über das, was er hört in Verlegenheit geräth; und bei diesem Spiele seiner physiognomie hatte er einen großen Vortheil, denn er, sah nicht die Augen der Königin funkeln und jede ihrer Nerven sich zusammenziehen bei dem so bestimmten Ausspruch aller ihrer ehelichen Missethaten.
Margarethe kannte die raffinirte Bosheit ihren Bruders, sie hatte bei vielen Gelegenheiten den Beweis davon erhalten; sie wußte auch, denn sie war nicht die Frau, die sich etwas verleugnete, sie wußte auch, woran sie sich in Beziehung auf die Vorwände, die sie geliefert und die sie noch liefern konnte, zu halten hatte; während Chicot recitirte, stellte sich allmälig in ihrem Geiste das Gleichgewicht zwischen dem gerechten Zorn und der vernünftigen Furcht wieder her.
Sich beim geeigneten Punkt entrüsten, zu rechter Zeit mißtrauen, den Nachtheil zurückstoßend die Gefahr vermeiden, die Ungerechtigkeit nachweisen und zugleich die Warnung benützen, dies war die Arbeit, die im Innern von Margarethe vorging, während Chicot seine briefliche Erzählung fortsetzte.
Man darf nicht glauben, daß Chicot seine Nase ewig gesenkt hielt. Chicot schlug bald ein Auge, bald das andere auf, und er beruhigte sich dann, als er sah, daß die Königin unter ihren halb zusammengezogenen Brauen ganz sachte einen Entschluß faßte.
Er vollendete also mit ziemlich viel Ruhe die Grüße des königlichen Briefes.
»Beim heiligen Abendmahl,« sprach die Königin, als Chicot geendigt hatte, »mein Bruder schreibt hübsch Lateinisch; welche Lebhaftigkeit, welcher Styl! Ich hätte nie geglaubt, daß er so stark wäre.«
Chicot machte eine Bewegung mit dem Auge und öffnete die Hände wie ein Mensch der sich das Ansehen gibt, als billigte er aus Höflichkeit, während er nichts versteht.
»Ihr versteht es nicht?« sagte die Königin, welche mit allen Sprachen vertraut war, selbst mit der Mimik. »Ich glaubte, Ihr wäret ein starker Lateiner, mein Herr.«
»Madame, ich habe es vergessen; Alles, was ich heute weiß, Alles, was ich von meiner alten Wissenschaft noch übrig habe, ist, daß das Lateinische keinen Artikel, daß es einen Vocativ hat, und daß der Kopf in dieser Sprache sächlichen Geschlechtes ist.«
»Ah! wahrhaftig!« rief eintretend eine ganz heitere und ganz geräuschvolle Person.
Chicot und die Königin wandten sich mit einer Bewegung um.
»Wie?« sagte Heinrich hinzutretend, oder Kopf ist im Lateinischen sächlichen Geschlechts, Herr Chicot… und warum ist er denn nicht männlichen Geschlechts?«
»Ah! Sire,« antwortete Chicot, »ich weiß es nicht und wundere mich darüber wie Eure Majestät.«
»Ich wundere mich auch darüber,« sagte Margarethe träumerisch.
»Das muß so sein,« sprach der König, »weil bald der Mann, bald die Frau die Herren sind, und zwar je nach dem Temperament des Mannen oder der Frau.«
Sich verbeugend sagte Chicot:
»Das ist offenbar der beste Grund, den ich kenne.«
»Desto besser, es freut mich unendlich, daß ich ein besserer Philosoph bin, als ich glaubte. Doch kommen wir nun auf den Brief zurück; wißt, Madame, daß ich vor Verlangen brenne, die Neuigkeiten vom französischen Hofe zu erfahren, und nun bringt sie mir dieser brave Herr Chicot gerade in lateinischer Sprache; sonst…«
»Sonst?« wiederholte Margarethe.
»Sonst würde ich mich daran ergötzen, Ventre-saint-gris! Ihr wißt, wie sehr ich die Neuigkeiten liebe, und besonders die scandalösen Neuigkeiten, – wie sie mein Schwager Heinrich von Valois so gut zu erzählen weiß.«
Bei diesen Worten setzte sich Heinrich von Navarra und rieb sich die Hände.
»Sprecht, Herr Chicot,« fuhr der König mit der Miene einer Mannen fort, der sich recht zu weiden anschickt, – »Ihr habt den Brief meiner Frau vorgesagt, nicht wahr?«
»Ja, Sire.«
»Nun, mein Herzchen, erzählt mir ein wenig, was dieser Brief enthält.«
»Sire,« sprach Chicot, der sich durch die Freiheit, von welcher ihm die königlichen Gatten ein Beispiel gaben, etwas behaglicher fühlte, »befürchtet Ihr nicht, das Lateinische, in dem der Brief geschrieben ist, sei ein schlechtes Anzeichen?«
»Warum dies?« fragte der König.
Dann sich an seine Frau wendend:
»Nun! Madame?«
Margarethe sammelte sich ein wenig. als ob sie einen um den andern, um ihn zu erläutern, die Sätze aufnähme, welche von Chicot’s Munde gefallen waren.
»Unser Bote hat Recht,« sagte sie, als sie diese Prüfung vollendet und ihren Entschluß gefaßt hatte, »das Lateinische ist ein schlimmes Anzeichen.«
»Wie!« rief Heinrich, »sollte dieser Brief böse Worte enthalten? Nehmt Euch in Acht, Herzchen, der König, Euer Bruder, ist ein Schreiber erster Stärke und äußerster Höflichkeit.«
»Selbst wenn er mich in meiner Sänfte beleidigen läßt, wie dies einige Meilen von Sens geschehen ist, als ich von Paris abreiste, um zu Euch zu kommen, Sire!«
»Wenn man einen Bruder von strengen Sitten hat,« sagte Heinrich mit jenem unbeschreibbaren Tone, der die Mitte zwischen dem Ernste und dem Scherz hielt, »einen Bruder, der König, einen Bruder, der kitzelig…«
»Er muß es nur für die wahre Ehre seiner Schwester und seiner Hauses sein, denn ich denke nicht, Sire, daß Ihr, wenn Euch Eure Schwester Catharina d’Albret ein Aergerniß bereitete, dieses Aergerniß durch einen Kapitän der Garden enthüllen würdet.«
»Oh! ich bin ein guter, patriarchalischer Bürgersmann, und kein König,« sagte Heinrich, »oder wenn ich es bin, ist es zum Lachen, und, meiner Treue! ich lache; aber der Brief, der Brief: da er an mich gerichtet ist, wünsche ich zu wissen, was er enthält.«
»Er ist ein hinterlistiger Brief, Sire.«
»Bah!«
»Oh, ja! er enthält mehr Verleumdungen, als es braucht, um nicht nur einen Mann mit seiner Frau, sondern auch einen Freund mit allen seinen Freunden zu entzweien.«
»Hoho!« machte Heinrich, indem er sich aufrichtete und sein von Natur so offenes, so treuherziges Gesicht mit einem geheuchelten Mißtrauen bewaffnete, »einen Mann und eine Frau entzweien, Euch und mich also?«
»Euch und mich, Sire.«
»Und worin, mein Herzchen?«
Chicot fühlte sich auf Dornen und würde, obgleich er hungrig war, viel gegeben haben, wenn er hätte ohne Abendbrod schlafen gehen können.
»Die Wolke wird platzen,« murmelte er in sich, »die Wolke wird platzen.«
»Sire,« sprach die Königin,. »ich bedaure, daß Eure Majestät das Lateinische vergessen hat, das man sie doch hat lehren müssen.«
»Madame, ich erinnere mich nur noch eines Satzes von all dem Lateinischen, das ich gelernt habe, dies ist der Satz: Deus et virtus aeterna; eine seltsame Vereinigung von Masculinum, Femininum und Neutrum, die mir mein Professor immer nur durch das Griechische erklären konnte, das ich noch weniger verstand, als das Lateinische.«
»Sire,« fuhr die Königin fort, »wenn Ihr es verstündet, würdet Ihr in dem Briefe viele Complimente von allerlei Art für mich sehen.«
»Oh! sehr gut!« sagte der König.
»Optime!« murmelte Chicot.
»Aber inwiefern,« fragte Heinrich, »inwiefern können uns Complimente entzweien, Madame? denn so lange Euch mein Schwager Heinrich Complimente macht, bin ich der Ansicht von meinem Schwager Heinrich; würde man Schlimmes von Euch in diesem Briefe sagen, ah! das wäre etwas Anderes, Madame, und ich würde die Politik meines Schwagers begreifen.«
»Ah! wenn man Schlimmes von mir sagte, würdet Ihr die Politik von Heinrich begreifen?«
»Ja, von Heinrich von Valois, er hat Beweggründe, uns zu entzweien, die ich kenne.«
»Geduld, Sire, denn die Complimente sind nur ein höflicher Eingang, um zu verleumderischen Insinuationen gegen Eure Freunde und die meinigen zu kommen.«
Und nach diesen kühn hingeworfenen Worten, wartete Margarethe, ob man sie widerlegen würde.
Chicot senkte die Nase, Heinrich zuckte die Achseln.
»Seht, mein Herzchen,« sagte er, »ob Ihr nicht Allem nach das Lateinische nicht wohl verstanden habt, und ob wirklich diese schlimme Absicht in dem Briefe meines Schwagers enthalten ist.«
So sanft und salbungsreich Heinrich diese Worte sprach, schleuderte ihm die Königin von Navarra doch einen Blick voll Mißtrauen zu.
»Versteht mich ganz und gar, Sire,« sagte sie.
»Gott ist mein Zeuge, ich wünschte nichts Anderes Madame,« erwiederte Heinrich.
»Sprecht, bedürft Ihr Eurer Diener oder bedürft Ihr derselben nicht?«
»Ob ich ihrer bedarf, mein Herzchen? Eine schöne Frage! Mein Gott! was sollte ich ohne sie und auf meine eigenen Kräfte beschränkt thun?«
»Nun wohl, Sire! der König will Euch Eure besten Diener abspänstig machen.«
»Das soll er mir ja thun!«
»Bravo, Sire,« murmelte Chicot.
»Ei! allerdings!« sagte Heinrich, mit jener erstaunlichen Gutmüthigkeit, die ihm so eigenthümlich war, daß sich bis an seines Lebens Ende Jeder dadurch hintergehen ließ, – »denn meine Diener sind mir durch das Herz und nicht durch das Interesse zugethan. Ich habe ihnen nichts zu geben.«
»Ihr gebt ihnen Euer Herz, Eure Treue, Sire, und das ist die beste Wiedervergeltung eines Königs für seine Freunde.«
»O, meine Liebe, und dann?«
»Nun! Sire, traut ihnen nicht mehr.«
»Ventre-saint-gris! das wird nur geschehen, wenn sie mich dazu zwingen, nämlich wenn sie es nicht mehr verdienen.«
»Gut, Sire, dann wird man Euch beweisen. daß sie es nicht mehr verdienen..«
»Ah! ah!« machte der König, »aber wodurch?«
Chicot senkte abermals den Kopf, wie er es immer in peinlichen Augenblicken that.
»Ohne zu compromittiren, kann ich Euch das nicht erzählen, Sire …« erwiederte Margarethe.
Und sie schaute umher.
Chicot begriff, daß er lästig war, und wich zurück.
»Lieber Bote,« sagte der König zu ihm, »wollt mich in meinem Cabinet erwarten: die Königin hat mir etwas Besonderes, etwas für meinen Dienst Nützliches, wie ich sehe, zu sagen.«
Margarethe blieb unbeweglich, abgesehen von einem kleinen Zeichen mit dem Kopf, das Chicot allein aufgefaßt zu haben glaubte.
Da er sah, daß er den beiden Gatten Vergnügen machte, wenn er wegging, so stand er auf und verließ das Zimmer mit einer einzigen Verbeugung vor Beiden.
Drittes Kapitel
Composition in Version
Diesen Zeugen entfernen, den Margarethe für stärker im Lateinischen hielt, als er es zugestehen wollte, war schon ein Triumph oder wenigstens ein Pfand der Sicherheit für sie, denn, wie gesagt, Margarethe hielt Chicot nicht für so wenig wissenschaftlich gebildet, als er es scheinen wollte, während sie mit ihrem Gatten allein jedem Worte mehr Ausdehnung oder Commentare geben konnte, als alle Scholiasten in uns je dem Platus oder Persius, diesen zwei Räthseln in großen Versen der lateinischen Welt, gegeben haben.
Heinrich und seiner Frau ward also die Befriedigung, unter vier Augen zu sein, zu Theil.
Der König hatte auf seinem Gesicht nicht einen Schein von Unruhe, nicht das entfernte Aussehen einer Drohung. Der König verstand das Lateinische offenbar nicht.
»Mein Herr,« sagte Margarethe, »ich erwarte, daß Ihr mich fragt.«
»Dieser Brief beschäftigt Euch ungemein, mein Herzchen,« erwiederte er, »beunruhigt Euch doch nicht so sehr.«
»Sire, dieser Brief ist ein Ereigniß, oder sollte eines sein, denn ein König schickt auf diese Art einen Boten zu einem andern König nicht ohne Gründe von der höchsten Wichtigkeit.«
»Nun wohl! so lassen wir die Botschaft und den Boten, mein Herzchen,« sprach Heinrich, »habt Ihr nicht so etwas wie einen Ball diesen Abend?«
»Im Plan, ja, Sire,« antwortete Margarethe erstaunt, »doch es ist nichts Außerordentliches, Ihr wißt, daß wir beinahe jeden Abend tanzen.«
»Ich habe morgen eine Jagd, eine große Jagd.«
»Ah!«
»Ja, ein Treibjagen auf Wölfe.«
»Jedem sein Vergnügen, Sire; Ihr liebt die Jagd, ich den Ball, Ihr jagt, ich tanze.«
»Ja, mein Herzchen,« machte Heinrich seufzend, »und in der That, dabei ist nichts Schlimmes.«
»Gewiß nicht, doch Eure Majestät sagt dies seufzend.«
»Hört mich, Madame.«
Margarethe wurde ganz Ohr.
»Ich bin unruhig.«
»Worüber?«
»Über ein Gerücht, das im Umlauf ist.«
»Ueber ein Gerücht? Eure Majestät kümmert sich um ein Gerücht?«
»Was kann natürlicher sein, mein Herzchen, wenn Euch dieses Gerücht Kummer zu verursachen vermöchte.«
»Mir?«
»Ja, Euch.«
»Sire, ich verstehe Euch nicht.«
»Habt Ihr nichts sagen hören?« fragte Heinrich mit demselben Ton.
Margarethe fing wirklich an, im Ernste zitternd zu befürchten, es sei dies nur eine Art sie anzugreifen von Seiten ihres Gatten.
»Ich bin die am wenigsten neugierige Frau der Welt, Sire,« sprach sie, »und ich höre nie etwas Anderes, als was man mir in die Ohren bläst. Ueberdies schätze ich das, was Ihr Gerüchte nennt, so gering, daß ich sie kaum hören würde; wenn man sie vor mir ausspräche, um so viel mehr, da ich mir die Ohren verstopfe, wenn sie an mir vorüber kommen.«
»Eurer Ansicht nach muß man also alle diese Gerüchte verachten?«
»Durchaus, Sire, und besonders wir Könige.«
»Warum wir besonders, Madame?«
»Weil wir Könige, da wir besonders oft allen Zungen sind, wahrhaftig zu viel zu thun hätten, wenn wir uns hiermit beschäftigen wollten.«
»Nun! ich glaube, Ihr habt Recht, mein Herzchen, und ich will Euch eine vortreffliche Gelegenheit bieten, Eure Philosophie in Anwendung zu bringen.«
Margarethe dachte, der entscheidende Augenblick sei gekommen: sie raffte ihren ganzen Muth zusammen und sprach mit ziemlich festem Ton:
»Es sei, Sire, von ganzem Herzen.«
Heinrich begann mit dem Tone eines Reumüthigen, der eine große Sünde zu bekennen hat:
»Ihr wißt, wie sehr ich Antheil an meiner Tochter Fosseuse nehme.«
»Ah! ah!« rief Margarethe, welche, als sie sah, daß es sich nicht um sie handelte, eine triumphirende Miene annahm, »ja, ja, an der kleinen Fosseuse, Eurer Freundin?«
»Ja, Madame, antwortete Heinrich immer mit demselben Tone, »ja, an der kleinen Fosseuse.«
»Meine Ehrendame?«
»Eure Ehrendame.«
»Eure Liebschaft.«
»Ah! mein Herzchen, Ihr sprecht da wie eines von den Gerüchten, die Ihr so eben schmähtet.«
»Es ist wahr Sire,« sagte Margarethe lächelnd, »ich bitte demüthig um Verzeihung.«
»Mein Herzchen, Ihr habt Recht, öffentliche Gerüchte lügen oft, und wir Könige müssen nothwendig dieses Theorem zum Axiom machen… Ventre-saint-gris! ich glaube, ich spreche griechisch, Madame!« rief Heinrich und brach in ein Gelächter aus.
Margarethe las eine Ironie in diesem geräuschvollen Lachen und besonders in dem Blick, den es begleitete.
Sie wurde wieder ein wenig unruhig.
»Also Fosseuse?« sagte sie.
»Fosseuse ist krank, mein Herzchen, und die Aerzte verstehen nichts von ihrer Krankheit.«
»Das ist seltsam, Sire, Fosseuse, die nach der Behauptung Eurer Majestät immer vernünftig geblieben ist; Fosseuse, die, wenn man Euch hört, einem König widerstanden wäre, wenn ihr ein König eine Liebeserklärung gemacht hatte; Fosseuse, diese Blüthe der Reinheit, dieser durchsichtige Kristall, muß das Auge der Wissenschaft sie in den Grund ihrer Freuden und Leiden dringen lassen.«
»Ach! dem ist nicht so,« sprach der Bearner traurig.
»Wie?« rief die Königin mit jener stürmischen Bosheit, welche die erhabenste Frau unfehlbar wie einen Pfeil auf eine andere Frau schleudert, »wie, Fosseuse ist keine Blüthe der Reinheit?«
»Ich sage das nicht,« erwiederte Heinrich trocken, »Gott soll mich behüten, daß ich Jemand anklage. Ich sage, die Fosseuse sei von einem Uebel befallen worden, das sie so hartnäckig vor den Aerzten verheimlicht.«
»Es mag sein, vor den Aerzten, doch vor Euch, ihrem Vertrauten, ihrem Vater… das kommt mir sonderbar vor.«
»Ich weiß auch nicht mehr, mein Herzchen,« erwiederte Heinrichs indem er wieder sein freundliches Lächeln annahm, »oder wenn ich mehr weiß, halte ich es für geeignet, hierbei stehen zu bleiben.«
»Dann Sire,« sprach Margarethe, die an der Wendung des Gesprochen zu errathen glaubte, sie habe eine Verzeihung zu bewilligen, während sie zuvor dachte, sie müsse um eine bitten, »dann Sire, weiß ich nicht, was Eure Majestät will, und ich erwarte eine Erklärung.«
»Nun wohl! mein Herzchen, da Ihr dies erwartet, so will ich Euch Alles erzählen.«
Margarethe machte eine Bewegung, um anzudeuten, sie sei zu hören bereit.
»Ihr müßtet,« fuhr Heinrich fort, »doch das hieße zu viel von Euch verlangen, Madame…«
»Sprecht immerhin, Sire.«
»Ihr müßtet die Gefälligkeit haben, Euch zu meiner Tochter Fosseuse zu begeben.«
»Ich diesem Mädchen einen Besuch machen, von dem man sagt, es habe die Ehre, Eure Geliebte zu sein, eine Ehre, die Ihr nicht ablehnt!«
»Sachte, sachte, mein Herzchen. Bei meinem Ehrenwort, Ihr würdet mit diesen Ausrufungen Scandal machen, und ich weiß nicht, ob der Scandal, den Ihr machtet, nicht den französischen Hof freuen würde; denn in dem Brief des Königs, meines Schwagers, den mir Chicot vorgesagt hat, stand: Quotidie scandalum, daß heißt für einen traurigen Humanisten, wie ich bin, quotidiennement scandale.«13
Margarethe machte eine Bewegung.
»Man braucht hierzu das Lateinische nicht zu verstehen,« fuhr Heinrich fort, »das ist beinahe französisch.«
»Aber, Sire, auf wen waren diese Worte anzuwenden?« fragte Margarethe.
»Ah! das ist es, was ich nicht begreifen konnte. Doch Ihr, die Ihr das Lateinische versteht, werdet mir helfen, wenn wir hierbei sind, mein Herzchen.«
Margarethe erröthete bis über die Ohren, während Heinrich, den Kopf gesenkt, die Hand in der Luft, sich die Miene gab, als suchte er naiver Weise, auf welche Person seines Hofes sich das quotidie scandalum anwenden ließe.
»Es ist gut, mein Herr,« sprach die Königin, »Ihr wollt mich im Namen der Eintracht zu einem demüthigen Schritt antreiben; im Namen der Eintracht werde ich gehorchen.«
»Ich danke mein Herzchen, ich danke.«
»Aber, was soll der Zweck dieses Besuches sein, mein Herr?«
»Das ist ganz einfach, Madame.«
»Man muß es mir doch sagen, da ich einfältig genug bin, es nicht zu errathen.«
»Nun wohl! Ihr werdet Fosseuse mitten unter Ehrenfräulein in ihrem Zimmer liegend finden. Solche Mädchen sind, wie Ihr wißt, so neugierig und so indiscret, daß man nicht weiß, zu welchem äußersten Schritt die Fosseuse veranlaßt werden wird.«
»Sie befürchtet also etwas,« rief Margarethe mit verdoppeltem Zorn und Haß, »sie will sich also verbergen?«
»Ich weiß es nicht,« erwiederte Heinrich. »Ich weiß nur, daß sie nothwendig das Gemach der Ehrenfräulein verlassen muß.«
»Will sie sich verbergen, so zähle sie nicht auf mich, Ich kann die Augen über gewisse Dinge schließen, aber nie werde ich mich zur Mitschuldigen machen…«
Margarethe erwartete die Wirkung ihres Ultimatums.
Doch Heinrich schien nichts gehört zu haben, er hatte seinen Kopf auf seine Brust fallen lassen und wieder jene nachdenkende Stellung angenommen, welche Margarethe einen Augenblick zuvor aufgefallen war.
»Margota, murmelte er, »Margota cum Turennio. Das sind die zwei Namen, die ich suchte, Madame, »Margota cum Turennio.«
Margarethe wurde diesmal dunkelroth.
»Verleumdungen, Sire,« rief sie, »wollt Ihr mir Verleumdungen wiederholen!«
»Was für Verleumdungen?« fragte Heinrich auf das Allernatürlichste, »seht ihr hierin Verleumdungen, Madame? Es ist seine Stelle aus dem Briefe meines Schwagers, der ich mich erinnere: Margota cum Turennio conveniunt in castello nomine Loignac. Ich muß mir den Brief offenbar durch einen Geistlichen übersetzen lassen.«
»Lassen wir von diesem Spiele ab, Sire,« sprach Margarethe ganz bebend, »sagt mir gerade heraus, was Ihr von mir erwartet.«
»Nun, mein Herzchen, ich wünschte, Ihr würdet die Fosseuse von den Fräulein trennen, und ihr, nachdem Ihr sie in ein eigenes Zimmer gebracht habt, einen einzigen Arzt, einen verschwiegenen Arzt, den Eurigen zum Beispiel schicken.«
»Oh! ich sehe, was das ist,« rief die Königin.
»Fosseuse, die mit ihrer Tugend prahlte, Fosseuse, die eine lügenhafte Jungfräulichkeit zur Schau trug, Fosseuse ist in anderen Umständen und ihrer Niederkunft nahe.«
»Ich sage das nicht, mein Herzchen, ich sage das nicht. Ihr behauptet es.«
»So ist es, mein Herr, so ist es,« rief Margarethe, »Euer schmeichelnder Ton, Eure falsche Demuth beweisen es mir. Doch es gibt Opfer, die man, und wäre man ein König, nicht von seiner Frau verlangt. Löst Euch vom Unrecht des Fräulein von Fosseuse, Sire, Ihr seid Ihr Mitschuldiger, das geht Euch an; dem Schuldigen die Strafe und nicht dem Unschuldigen.«
»Dem Schuldigen, gut! Ihr erinnert mich abermals an die Worte des furchtbaren Briefes.«
»Wie so?«
»Ja, schuldig heißt nocens, nicht wahr?«
»Ja, mein Herr, nocens.«
»Nun wohl! in dem Briefe steht: Margota cum Turennio, ambo nocentes, conveniunt in castello nomine Loignac. Mein Gott! wie beklage ich es, daß mein Geist nicht so gut ausgerüstet, als mein Gedächtniß sicher ist.«
»Ambo nocentes,« wiederholte Margarethe ganz leise und bleicher als ihr gefältelter Spitzenkragen, »er hat verstanden, er hat verstanden.«
»Margota cum Turennio, ambo nocentes. Was Teufels wollte mein Schwager mit ambo sagen?« fuhr Heinrich unbarmherzig fort. »Ventre-saint-gris! es ist zum Erstaunen, daß Ihr, die Ihr das Lateinische so gut versteht, mir noch nicht die Erklärung von diesem Satz gegeben habt, der mich so sehr beschäftigt.«
»Sire, ich habe schon die Ehre gehabt, Euch zu sagen…«
»Ei! bei Gott! da geht Turennius gerade unter Euren Fenstern spazieren und schaut in die Luft, als ob er Euch erwartete, der arme Junge. Ich will ihm ein Zeichen machen, daß er heraufkommt; er ist sehr gelehrt und wird mir sagen, was ich wissen will.«
»Sire, Sire!« rief Margarethe, indem sie sich in ihrem Lehnstuhle erhob und die Hände faltete, »seid ein wenig größer, als alle diese Störenfriede und Verleumder in Frankreich.«
»Ei! mein Herzchen, mir scheint, man ist in Navarra nicht nachsichtiger als in Frankreich, und so eben waret Ihr sehr streng in Beziehung auf die arme Fosseuse?«
»Ich streng? rief Margarethe.
»Bei Gott! ich appellire an Euer Gedächtniß; wir sollten doch nachsichtig sein, Madame; wir führen ein so süßes Leben, Ihr auf den Bällen, die Ihr liebt, ich bei den Jagden, die ich liebe.«
»Ja, ja, Sire,« sprach Margarethe, »Ihr habt Recht, seien wir nachsichtig.«
»Oh! ich war Eures Herzens sicher, mein Liebchen.«
»Ihr kennt mich, Sire.«
»Ja. Ihr werdet also zu Fosseuse gehen, nicht wahr?«
»Ja, Sire.«
»Sie von den andern Mädchen trennen?«
»Ja, Sire.«
»Ihr Euren Arzt geben?«
»Ja, Sire.«
»Und keine Wachen. Die Aerzte sind verschwiegen ihrem Stande gemäß, die Wachen sind schwatzhaft aus Gewohnheit.«
»Das ist wahr, Sire.«
»Und wenn unglücklicher Weise das, was man sagt, wahr, wenn das arme Mädchen schwach gewesen und unterlegen wäre…«
Heinrich schlug die Augen zum Himmel auf.
»Was möglich ist,« fuhr er fort. »Das Weib ist gebrechlich; res fragilis mulier, wie das Evangelium sagt.«
»Nun, Sire, ich bin ein Weib und weiß, daß ich Nachsicht mit andern Weibern haben muß.«
»Ah! Ihr wißt Alles, mein Herzchen; Ihr seid in der That ein wahres Muster der Vollkommenheit und…«
»Und?«
»Ich küsse Euch die Hände…«
»Glaubt jedoch, Sire,« sprach Margarethe, »daß ich nur Euch zu Liebe ein solches Opfer bringe.«
»Ah! ah!« sagte Heinrich, »ich kenne Euch wohl und mein Schwager von Frankreich auch, er, der so viel Gutes von Euch in seinem Briefe sagt und beifügt: Fiat sanum exemplum statim, atque res certior eveniet. Dieses gute Beispiel ist ohne Zweifel das, welches Ihr gebt.«
Und Heinrich küßte die halb in Eis verwandelte Hand von Margarethe.
Dann blieb er noch einmal auf der Thürschwelle stehen und sprach:
»Tausend Zärtlichkeiten von mir an Fosseuse, Madame; sorgt für sie, wie Ihr es mir versprochen habt; ich gehe auf die Jagd; vielleicht werde ich Euch erst bei meiner Rückkehr wiedersehen, vielleicht sogar nie mehr… Diese Wölfe sind so schlimme Thiere; kommt, daß ich Euch umarme, mein Herzchen.«
Er umarmte Margarethe beinahe liebevoll, und ließ sie erstaunt über Alles, was sie gehört, in ihrem Cabinet.
