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Kitabı oku: «Die Gräfin von Charny Denkwürdigkeiten eines Arztes 4», sayfa 30

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XLV
Monsieur verleugnet Herrn von Favras, und der König beschwört die Constitution

Am Tage nach der Verhaftung von Herrn von Favras ging folgendes seltsame Rundschreiben durch die ganze Stadt:

»Der Marquis von Favras (Place Royale) ist mit seiner Frau Gemahlin in der Nacht vom 24. aus den 25. verhaftet worden, wegen eines von ihm gehegten Planes, zwanzigtausend Mann auf die Beine zu bringen, um Herrn von Lafayette, sowie den Maire von Paris zu ermorden und uns sodann die Lebensmittel abzuschneiden.

»Monsieur, der Bruder des Königs, stand an der Spitze
»Unterzeichnet: Barauz.«

Man begreift, welch eine sonderbare Revolution in dem so leicht erregbaren Paris von 1790 ein solches Rundschreiben zur Folge hatte.

Ein angezündetes Lauffeuer hätte keine raschere Flamme hervorgebracht, als die war, welche überall ausschlug, wo das Papier durchging.

Alsbald war es in allen Händen, und nach zwei Stunden wußte es Jeder auswendig.

Am 26. Abends, als die Mandatare der Gemeinde auf dem Stadthause im Rothe versammelt waren und den vom Nachforschungsausschusse gefaßten Beschluß lasen, meldete plötzlich der Huissier, Monsieur verlange eingeführt zu werden.

»Monsieur!« wiederholte der gute Bailly, der bei der Versammlung präsidirte: »welcher Monsieur?«

»Monsieur, der Bruder des Königs,« erwiederte der Huissier.

Bei diesen Worten schauten die Mitglieder des Gemeinderaths einander an. Der Name von Monsieur war seit dem Morgen des vorhergehenden Tags in Aller Munde.

Während sie sich aber anschauten, standen sie auf.

Bailly ließ einen fragenden Blick umherlaufen, und da ihm die stummen Antworten, die er in den Augen seiner Collegen las, einstimmig zu sein schienen, so sagte er:

»Melden Sie Monsieur, wir seien, obgleich erstaunt über die Ehre, die er uns erweist, bereit, ihn zu empfangen.«

Nach einigen Secunden wurde Monsieur eingeführt.

Er kam allein; sein Gesicht war bleich und sein gewöhnlich unsicherer Gang an diesem Abend noch schwankender als sonst.

Zum Glück für den Prinzen blieb, da jedes Mitglied des Gemeinderaths Lichter bei sich auf dem ungeheuren hufeisenförmigen Tische hatte, an dem jedes arbeitete, die Mitte dieses Hufeisens in einer relativen Dunkelheit.

Dieser Umstand entging Monsieur nicht, und er schien sich zu beruhigen.

Er schaute schüchtern in der zahlreichen Versammlung umher, in welcher er wenigstens den Respect in Ermangelung der Sympathie fand; und sagte mit einer Anfangs zitternden, stufenweise aber sich befestigenden Stimme:

»Meine Herren, das Verlangen, eine grausame Verleumdung zurückzuweisen, führt mich in Ihre Mitte. Herr von Favras ist vorgestern aus Befehl Ihres Nachforschungsausschusses verhaftet worden, und man verbreitet heute absichtlich das Gerücht, ich stehe in enger Verbindung mit ihm.«

Ein Lächeln schwebte über die Lippen der Zuhörer und vielseitiges Geflüster empfing diesen ersten Theil der Rede von Monsieur.

Er fuhr fort:

»Als Bürger von Paris glaubte ich Sie selbst von den einzigen Beziehungen, unter denen ich Herrn von Favras kenne, unterrichten zu müssen.«

Die Aufmerksamkeit der Herren Mitglieder des Gemeinderathes verdoppelte sich, wie man leicht erräth; man war begierig, aus dem Munde von Monsieur selbst die Beziehungen Seiner Königlichen Hoheit zu Herrn von Favras zu erfahren, entschlossen jedoch, davon zu glauben, was man wollte.

Seine Königliche Hoheit sprach weiter:

»Im Jahre 1772 ist Herr von Favras bei meinen Schweizer-Garden eingetreten. 1775 ist er wieder ausgetreten, und ich habe ihn seitdem nicht mehr gesprochen.«

Ein Gemurmel der Ungläubigkeit durchzog das Auditorium; doch ein Blick von Herrn Bailly unterdrückte dieses Gemurmel, und Monsieur konnte im Zweifel bleiben, ob es ein billigendes oder ein mißbilligendes war.

Monsieur fuhr fort:

»Seit mehreren Monaten des Genusses meiner Einkünste beraubt, in Besorgniß wegen bedeutender Zahlungen, die ich im Monat Januar zu machen habe, wünschte ich meinen Verbindlichkeiten nachkommen zu können, ohne dem öffentlichen Schatze zur Last zu sein. Ich beschloß dem zu Folge ein Anlehen zu machen; Herr von Favras wurde mir vor vierzehn Tagen von Herrn de la Chatre als derjenige bezeichnet, welcher dieses Anlehen bei einem genuesischen Banquier effectuiren könne. Ich unterschrieb eine Obligation von zwei Millionen, welche Summe ich nöthig hatte, um mich meiner Verbindlichkeiten am Anfange des Jahres zu entledigen und meinen Haushalt zu bezahlen. Da diese Angelegenheit rein finanziell war, so betraute ich mit der Ausführung meinen Intendanten. Ich habe Herrn von Favras nicht gesehen, ich habe ihm nicht geschrieben, ich habe keine Gemeinschaft mit ihm gehabt; was er außerdem gethan hat, ist mir völlig unbekannt.«15

Ein Hohngelächter, das aus den Reihen des Publikums kam, bewies, daß nicht Jedermann geneigt war, so auf das Wort dieser seltsamen Behauptung des Prinzen zu glauben, der, ohne ihn zu sehen, Wechsel im Betrage von zwei Millionen einem Vermittler anvertraut haben wollte, besonders wenn dieser Vermittler einer von seinen ehemaligen Gardeofficieren war.

Monsieur erröthete, und da es ihn ohne Zweifel drängte, der falschen Stellung, in die er sich begeben, ein Ende zu machen, so fuhr er rasch fort:

»Ich habe indessen erfahren, meine Herren, man theile verschwenderisch in der Hauptstadt ein Papier folgenden Inhalts aus . . .«

Und Monsieur las, was sehr überflüssig war, da es Jedermann in der Hand oder im Gedächtniß hatte,– das vorhin von uns angeführte Bulletin.

Bei den Worten:

»Monsieur, der Bruder des Königs, stand an der Spitze,« verbeugten sich alle Mitglieder des Gemeinderathes.

Wollten sie damit sagen, sie seien der Meinung des Bulletin? wollten sie einfach sagen, die Bezichtigung sei ihnen wohlbekannt?

Monsieur sprach:

»Sie erwarten ohne Zweifel nicht von mir, daß ich mich herablasse, mich über ein so gemeines Verbrechen zu rechtfertigen! doch in einer Zeit, in der die albernsten Verleumdungen leicht die besten Bürger mit den Feinden der Revolution zu vermengen im Stande sind, glaube ich es dem König, Ihnen, meine Herren, und mir selbst schuldig zu sein, in alle die Einzelheiten, die Sie gehört haben, einzugehen, damit die öffentliche Meinung nicht einen Augenblick ungewiß bleiben könne. Seit dem Tage, wo ich mich in der zweiten Notabelnversammlung über die Fundamentalfrage, welche die Geister noch theilte, erklärte, habe ich nicht aufgehört, zu glauben, eine große Revolution sei in Bereitschaft; der König müsse durch seine Absichten, seine Tugenden und seinen erhabenen Rang das Haupt derselben bilden, weil sie nicht ersprießlich für die Nation sein könne, ohne es gleichmäßig für den Monarchen zu sein; das königliche Ansehen müsse endlich das Bollwerk der nationalen Freiheit und die nationale Freiheit die Basis der königlichen Gewalt sein.«

Obgleich der Sinn der Phrase nicht ganz klar war, machte doch die Gewohnheit, die man damals hatte, gewissen Combinationen von Worten Beifall zu klatschen, daß man auch diese beklatschte.

Hierdurch ermuthigt, erhob Monsieur die Stimme und fügte bei, indem er sich mit etwas mehr Sicherheit an die Mitglieder der Versammlung wandte: »Man führe eine einzige von meinen Handlungen, eine einzige von meinen Reden an, welche gezeigt hätte, es haben, in was für Verhältnisse ich auch gestellt sein mochte, das Glück des Königs, das des Volks aufgehört, der einzige Gegenstand meiner Gedanken und Wünsche zu sein; ich darf daraus Anspruch machen, daß man mir glaubt, denn nie habe ich Gefühle und Grundsätze geändert und nie werde ich sie ändern.«

Obgleich Romandichter, mußten wir, die unlautere Rede Seiner Königlichen Hoheit in ihrem ganzen Umfange wiederholend, für den Augenblick in die Geschichte eingreifen. Es erscheint als gut, daß selbst die Leser von Romanen wissen, wie mit fünfunddreißig Jahren der Prinz war, der mit sechzig den Franzosen die mit ihrem Art 14 ausgestattete Charte octroiren sollte.

Da wir aber nicht ungerechter gegen Bailly als gegen Seine Königliche Hoheit sein wollen, so werden wir die Antwort des Maire von Paris geben, wie wir die Rede von Monsieur gegeben haben.

Bailly antwortete:

»Es gewährt den Repräsentanten der Gemeinde von Paris ein großes Vergnügen, in ihrer Mitte den Bruder eines geliebten Königs, eines die Freiheit der Franzosen wiederherstellenden Königs zu sehen. Erhabene Brüder, sind Sie durch dieselbe Gesinnung verbunden. Monsieur hat sich als erster Bürger des Königreichs gezeigt, indem er für den dritten Stand in der zweiten Notabelnversammlung stimmte; er ist beinahe der Einzige von dieser Meinung mit einer sehr kleinen Anzahl von Volksfreunden gewesen, und er hat die Würde der Vernunft allen seinen übrigen Ansprüchen auf die Achtung der Nation beigefügt. Monsieur ist also der erste Urheber der bürgerlichen Gleichheit; er gibt heute ein neues Beispiel hiervon dadurch, daß er hierher kommt und sich unter die Repräsentanten der Gemeinde mischt, wo er, wie es scheint, nur durch seine patriotischen Gefühle geschätzt werden will. Seine Gesinnung ist in den Erklärungen bezeichnet, welche Monsieur der Versammlung zu geben die Gewogenheit hat. Der Prinz kommt der öffentlichen Meinung entgegen; der Bürger bestimmt den Werth der Meinung seiner Mitbürger, und ich biete Monsieur im Namen der Versammlung den Tribut der Ehrfurcht und der Dankbarkeit, den sie seiner Gesinnung, der Ehre seiner Gegenwart und besonders dem Werthe schuldig ist, welchen sie auf die Schätzung der freien Männer legt.«

Hierauf erwiederte Monsieur, der wohl begriff, es werde trotz des großen Lobes, das Bailly seinem Benehmen spendete, dieses Benehmen verschiedenartig geschätzt werden, – mit jener väterlichen Minte, die er sich unter den Umständen, wo sie ihm nützlich sein konnte, so gut zu geben wußte:

»Meine Herren, die Pflicht, die ich so eben erfüllt habe, ist peinlich für ein tugendhaftes Herz gewesen; doch ich bin reichlich entschädigt durch die Gefühle, welche die Versammlung gegen mich ausgedrückt hat, und mein Mund soll sich nur noch aufthun, um Gnade für diejenigen zu erbitten, welche mich beleidigt haben.«

Man sieht, Monsieur machte sich nicht verbindlich und machte auch die Versammlung nicht verbindlich. Für wen verlangte er Gnade? Nicht für Herrn von Favras, denn Niemand wußte, ob Herr von Favras schuldig war, und überdies hatte Favras Monsieur nicht beleidigt.

Nein, Monsseur verlangte ganz einfach Gnade für den anonymen Verfasser des Rundschreibens, das ihn anschuldigte, doch der Verfasser brauchte keine Gnade, weil er unbekannt war.

Die Geschichtschreiber gehen so oft, ohne sie aufzunehmen, an Schändlichkeiten von Prinzen vorüber, daß es die Ausgabe von uns Romandichtern ist, in diesem Falle ihre Pflicht zu erfüllen, auf die Gefahr, während eines Kapitels den Roman so langweilig werden zu sehen, als es die Geschichte ist.

Es versteht sich von selbst, daß man, wenn wir von blinden Geschichtschreibern und langweiligen Geschichten reden, weiß, von welchen Geschichtschreibern und von welchen Geschichten wir sprechen.

Monsieur hatte also für seine Rechnung einen Theil des Rathes, den er Ludwig XVI. gegeben, zur Anwendung gebracht.

Er hatte Herrn von Favras verleugnet, und aus dem Lobe, das ihm der tugendhafte Bailly zuerkannt, ersieht man, daß die Sache von einem vollen Successe begleitet war.

Dies ohne Zweifel erwägend, entschloß sich Ludwig XVI. seinerseits, der Constitution Treue zu schwören.

Eines Morgens meldete also der Huissier dem Präsidenten der Nationalversammlung, der an diesem Tage Herr Bureaux von Puzy war, – wie der Huissier des Gemeinderathes dem Maire in Beziehung aus Monsieur gemeldet hatte, – der König mit ein paar Ministern und drei oder vier Officieren klopfe an die Thüre der Reitschule, wie Monsieur an die Thüre des Stadthauses geklopft hatte.

Die Volksrepräsentanten schauten einander erstaunt an. Was konnte ihnen der König zu sagen haben, er, der seit langer Zeit getrennt von ihnen ging?

Man ließ Ludwig XVI. einführen, und der Präsident trat ihm seinen Stuhl ab.

Auf’s Gerathewohl brach der ganze Saal in Acclamationen aus. Abgesehen von Pétion, Camille Desmoulins und Marat war noch ganz Frankreich royalisstisch oder glaubte es zu sein.

Der König hatte das Bedürfniß gefühlt, die Nationalversammlung wegen ihrer Arbeiten zu beglückwünschen; er hatte die schöne Eintheilung Frankreichs in Departements zu loben, was er aber besonders auszudrücken nicht länger verschieben wollte, denn dieses Gefühl erstickte ihn, das war seine glühende Liebe für die Constitution.

Der Anfang der Rede, – vergessen wir nicht, daß, schwarz oder blau, royalistisch oder constitutionell, Aristokrat oder Patriot, nicht ein Repräsentant nicht wußte, woraus der König abzielte, – der Anfang der Rede verursachte einige Besorgnisse, die Mitte machte die Geister zur Erkenntlichkeit geneigt, doch das Ende, – oh! das Ende! – das Ende steigerte die Gefühle bis zum Enthusiasmus!

Der König konnte nicht dem Verlangen widerstehen, seine Liebe für die kleine Constitution von 1791 auszusprechen, welche noch nicht geboren, – wie würde es erst sein, wenn sie völlig an das Tageslicht getreten wäre? Dann würde der König nicht Liebe für sie haben, sondern Fanatismus.

Wir führen die Rede des Königs nicht an; Teufel! sie umfaßt sechs Seiten! es ist genug, daß wir die von Monsieur citirt haben, welche nur eine Seite stark war und uns dennoch furchtbar lang vorkam.

So viel ist gewiß, daß Ludwig XVI, der Nationalversammlung nicht zu weitschweifig schien; sie weinte vor Rührung, während sie ihn anhörte.

Wenn wir sagen, sie weinte, so ist dies keine Metapher. Barnave weinte, Lameth weinte, Duport weinte, Mirabeau weinte, Barrière weinte; es war eine wahre Sindfluth.

Die Nationalversammlung verlor darüber den Kopf. Sie erhob sich in Gesammtheit; das Volk auf den Tribünen stand auf. Jeder streckte die Hand aus und leistete den Eid der Treue der Constitution, welche noch nicht bestand.

Der König ging ob; doch der König und die Nationalversammlung konnten sich nickt so trennen: diese geht hinter ihm hinaus, sie stürzt ihm nach, sie bildet sein Gefolge, sie kommt in die Tuilerien, die Königin empfängt sie.

Die Königin! sie ist keine Enthusiastin, diese harte Tochter von Maria Theresia; sie weint nicht, diese würdige Schwester von Leopold; sie reicht den Abgeordneten der Nation ihren Sohn dar.

»Meine Herren spricht sie, »ich theile ganz die Gesinnung des Königs; ich schließe mich mit Herz und Seele dem Schritte an, den ihm seine zärtliche Liebe für sein Volk dictirt hat. Hier ist mein Sohn, ich werde nichts versäumen, um ihn frühzeitig die Tugenden des Besten der Väter annehmen, die öffentliche Freiheit achten und die Gesetze, deren festeste Stütze er, wie ich hoffe, sein wird, aufrecht erhalten zu lehren.«

Es bedurfte eines wirklichen Enthusiasmus, daß ihn eine solche Rede nicht abkühlte; der der Nationalversammlung war noch glühend. Man machte den Vorschlag, auf der Stelle den Eid zu leisten; man faßte ihn sogleich ab; der Präsident ließ zuerst von Allen folgende Wort vernehmen:

»Ich schwöre, treu zu sein der Nation, dem Gesetze und dem König, und mit meiner ganzen Macht die von der Nationalversammlung beschlossene und vom König angenommene Constitution aufrecht zu erhalten.«

Und alle Mitglieder der Versammlung, ein einziges ausgenommen, erhoben die Hand, und Jeder wiederholte:

»Ich schwöre!«

Die zehn Tage, welche aus diesen glücklichen Schritt folgten, der der Nationalversammlung Freude, Paris die Ruhe, Frankreich den Frieden gegeben hatte, vergingen in Festen, Bällen, Beleuchtungen. Man hörte von allen Seiten nur Eide leisten; man schwor überall: man schwor auf der Grève, im Stadthause, in den Straßen, auf den öffentlichen Plätzen; man errichtete dem Vaterlande Altäre; man führte die Schüler dahin, und die Schüler schworen, als ab sie schon Männer wären, und als ob sie wüßten, was ein Eid ist.

Die Nationalversammlung befahl ein Te deum, dem sie in Masse beiwohnte.

Nur ging der König nicht in Notre-Dame und schwor folglich nicht.

Man bemerkte seine Abwesenheit; doch man war so freudig, man war so vertrauensvoll, daß man sich mit dem ersten Vorwande begnügte, welchen für sein Nichterscheinen anzugeben ihm beliebte.

»Warum sind Sie nicht beim Te deum gewesen? warum haben Sie nicht wie die Andern auf den Altar geschworen?« fragte ironisch die Königin.

»Weil ich wohl lügen will, Madame, aber keiner Meineid schwören,« erwiederte Ludwig XVI.

Die Königin athmete.

Bis dahin hatte sie wie Jedermann an die Treue des Königs geglaubt.

XLVI
Ein Edelmann

Dieser Besuch des Königs in der Nationalversammlung fand am 4. Februar 1790 statt.

Zwölf Tage später, in der Nacht vom 17. auf den 18. desselben Monats, erschien in Abwesenheit des Gouverneur vom Chatelet, der an demselben Tage einen Urlaub nachgesucht und erhalten hatte, um sich nach Soissons zu seiner sterbenden Mutter zu begeben, ein Mann an der Thüre des Gefängnisses als Ueberbringer eines vom Polizeilieutenant unterzeichneten Befehls, welcher Befehl den Erscheinenden ermächtigte, ohne Zeugen sich mit Herrn von Favras zu unterreden.

Ob der Besehl echt oder gefälscht war, vermöchten wir nicht zu sagen; in jedem Falle aber erkannte ihn der Untergouverneur, den man aufweckte, um ihm das Papier vorzulegen, als gut, da er sogleich den Ueberbringer des Schreibens in den Kerker von Herrn von Favras einzuführen gebot.

Wonach er, sich auf die gute Hut seiner Schließer im Innern und seiner Schildwachen außen verlassend, wieder zu Bette ging, um seine aus eine so unangenehme Weise gestörte Nachtruhe zu beendigen.

Unter dem Vorwande, er habe, als er den Befehl aus seiner Brieftasche gezogen, ein wichtiges Papier fallen lassen, nahm der Unbekannte die Lampe und suchte auf dem Boden, bis er den Herrn Untergouverneur des Chatelet hatte in sein Zimmer zurückkehren sehen. Dann erklärte er, er habe das Papier auf seinem Nachttische liegen lassen, sollte man es jedoch finden, so bitte er, ihm dasselbe im Augenblicke seines Abganges zu geben.

Er reichte sodann die Lampe dem Schließer, der bei ihm wartete, und forderte diesen auf, ihn in den Kerker von Herrn von Favras zu führen.

Der Schließer öffnete eine Thüre, ließ den Unbekannten vorangehen, folgte ihm und schloß dann wieder die Thüre.

Er schien den Unbekannten mit Neugierde anzuschauen, als erwartete er jeden Augenblick, dieser werde ihn in Betreff einer wichtigen Mittheilung anreden.

Man stieg zwölf Stufen hinab und gelangte in einen unterirdischen Gang, Dann kam eine zweite Thüre, welche der Schließer wie die erste öffnete und schloß.

Der Unbekannte und sein Führer befanden sich nun aus einer Art von Ruheplatz und hatten vor sich ein zweites Stockwerk von Stufen zum Hinabsteigen. Der Unbekannte blieb stehen, versenkte seinen Blick in die Tiefe des düstern Ganges, und als er sich wohl versichert hatte, die Fisterniß sei eben so einsam als stumm, fragte er:

»Sie sind der Schließer Louis?«

»Ja,« antwortete der Gefangenwärter.

»Bruder der amerikanischen Loge?«

»Ja.«

»Sie sind vor acht Tagen durch eine geheimnißvolle Hand hierher gestellt worden, um ein unbekanntes Werk zu vollbringen?«

»Ja.«

»Sie sind bereit, dieses Werk zu vollbringen?«

»Ich bin bereit.«

»Sie sollen Befehle von einem Manne erhalten?«

»Ja, vom Messias.«

»Woran sollen Sie diesen Mann erkennen?«

»An drei auf ein Bruststück gestickten Buchstaben.«

»Ich bin der Mann, und hier sind die Buchstaben.«

Bei diesen Worten machte der Unbekannte sein Spitzenjabot auf und zeigte aus seiner Brust gestickt die drei Buchstaben, deren Einfluß zu bemerken wir im Verlaufe dieser Geschichte öfter Gelegenheit gehabt haben: L.P.D.16

»Meister,« sprach der Gefangenwärter, indem er sich verbeugte, »ich bin zu Ihren Befehlen.«

»Gut. Oeffnen Sie mir den Kerker von Herrn von Favras und halten Sie sich bereit, zu gehorchen.«

Der Gefangenwärter verbeugte sich, ohne zu antworten, ging voran, um zu leuchten, blieb dann vor einer niedrigen Thüre stehen und murmelte:

»Es ist hier.«

Der Unbekannte nickte mit dem Kopfe; der in das Schloß gesteckte Schlüssel knirschte zweimal, und die Thüre öffnete sich.

Während man dem Gefangenen gegenüber die strengsten Vorsichtsmaßregeln genommen und ihn in einen zwanzig Fuß unter dem Boden vergrabenen Kerker gebracht hatte, hatte man doch zugleich auch einige Rücksicht für seinen Stand gehabt. Er’ besaß ein reinliches Bett und weiße Tücher. Bei dem Bette stand ein Tisch, worauf mehrere Bücher, Tinte, Feder und Papier, ohne Zweifel, um eine Vertheidigungsschrift vorzubereiten.

Eine ausgelöschte Lampe überragte das Ganze.

In einer Ecke glänzte aus einem zweiten Tische Toilettegeräthe, das man aus einem eleganten Necessaire mit dem Wappen des Marquis genommen hatte; an die Wand war ein kleiner, aus demselben Necessaire herstammender Spiegel angelehnt.

Herr von Favras schlief so tief, daß die Thüre geöffnet wurde, daß der Unbekannte sich ihm näherte, daß der Gefangenwärter eine zweite Lampe zu der ersten stellte, ohne daß ihn das Geräusch und die Bewegung seinem Schlafe zu entziehen vermochten.

Der Unbekannte betrachtete einen Augenblick diesen Entschlummerten mit einem Gefühle tiefer Schwermuth; dann, als hätte er sich erinnert, die Zeit sei kostbar, legte er ihm die Hand auf die Schulter, so sehr er es auch zu bereuen schien, daß er diese gute Ruhe stören mußte.

Der Gefangene bebte, wandte sich rasch um und riß die Augen weit auf, wie es diejenigen zu thun pflegen, welche mit der Erwartung, sie werden durch eine schlimme Nachricht geweckt werden, eingeschlafen sind.

»Beruhigen Sie sich, Herr von Favras,« sprach der Unbekannte, »es ist ein Freund.«

Herr von Favras schaute einen Augenblick den nächtlichen Besuch mit einer Miene des Zweifels an, welche sein Erstaunen darüber ausdrückte, daß ein Freund achtzehn bis zwanzig Stufen unter dem Boden zu ihm kam.

Dann raffte er plötzlich seine Erinnerungen zusammen und sagte:

»Ah! ah! der Herr Baron Zannone.«

»Ich selbst, lieber Marquis.«

Favras blickte lächelnd umher, zeigte dem Baron mit dem Finger einen von allen Büchern und allen Kleidungsstücken freien Schämel und sprach:

»Haben Sie die Güte, sich zu setzen.«

»Mein lieber Marquis,« sagte der Baron, »ich komme, um Ihnen etwas vorzuschlagen, was keine lange Erörterung zuläßt . . .und dann haben wir auch keine Zeit zu verlieren.«

»Was wollen Sie mir vorschlagen?  . . .Ich hoffe, kein Anlehen?«

»Warum?«

»Weil mir die Garantien, die ich Ihnen zu geben hätte, ziemlich unsicher zu sein scheinen.«

»Das könnte kein Grund bei mir sein, Marquis, und ich wäre im Gegentheil ganz bereit, Ihnen eine Million anzubieten.«

»Mir?« versetzte Favras lächelnd.

»Ja, Ihnen. Da es aber unter Bedingungen geschähe, die Sie nicht annehmen würden, so werde ich Ihnen nicht einmal dieses Anerbieten machen.«

»Dann kommen Sie zur Sache, Baron, da Sie mir sagten, Sie haben Eile.«

»Sie wissen, daß man Sie morgen richtet, Marquis?«

»Ja, ich habe so etwas sagen hören,« erwiederte Favras.

»Sie wissen, daß die Richter, vor denen Sie erscheinen, dieselben sind, welche Augeard und Besenval freigesprochen haben?«

»Ja.«

»Sie wissen, daß der Eine und der Andere nur durch die allmächtige Vermittelung des Hofes freigesprochen worden sind?«

»Ja,« antwortete zum dritten Male Favras, ohne daß seine Stimme die geringste Veränderung in seinen drei Antworten erlitten hatte.

»Sie hoffen ohne Zweifel, der Hof werde für Sie thun, was er für Ihre Vorgänger gethan hat?«

»Diejenigen, mit welchen ich in einer Beziehung für das Unternehmen, das mich hierher gebracht, zu sein die Ehre gehabt habe, wissen, was sie in Betreff meiner thun sollen, Herr Baron; was sie thun, wird wohlgethan sein.«

»Sie haben in dieser Hinsicht schon ihren Entschluß gefaßt, Herr Marquis, und ich kann Sie von dem, was sie gethan, unterrichten.«

Favras bezeigte keine Neugierde, es zu erfahren.

»Monsieur,« fuhr der Baron fort, »Monsieur ist auf dem Stadthause erschienen und hat erklärt, er kenne Sie kaum; im Jahre 1772 seien Sie bei seinen Schweizer Garden eingetreten; 1775 seien Sie wieder ausgetreten, und seit dieser Zeit habe er Sie nicht mehr gesehen.«

Favras nickte bestätigend mit dem Kopfe.

»Was den König betrifft, so denkt er nicht nur nicht mehr an eine Flucht, sondern er hat sich sogar am 4. dieses Monats mit der Nationalversammlung ausgesöhnt und die Constitution beschworen.«

Ein Lächeln schwebte über die Lippen von Favras.

»Sie zweifeln?« fragte der Baron.

»Ich sage das nicht,« erwiederte Favras.

»Sie sehen also, Marquis, Sie dürfen nicht auf Monsieur rechnen  . . . Sie dürfen nicht aus den König rechnen  . . .«

»Zur Sache, Herr Baron.«

»Sie werden also vor Ihre Richter kommen.«

»Sie haben die Güte gehabt, mir das zu sagen.«

»Sie werden verurtheilt werden  . . .«

»Das ist wahrscheinlich.«

»Zum Tode!  . . .«

»Das ist möglich.«

Favras neigte sich wie ein Mann, der bereit ist, den Streich, der ihn treffen soll, zu empfangen.

»Aber,« sprach der Baron, »wissen Sie, zu welchem Tode, mein lieber Marquis?«

»Gibt es zwei Todesarten, mein lieber Baron?«

»Oh! es gibt zehn: den Pfahl, die Viertheilung, die Schlinge, das Rad, den Galgen, die Enthauptung  . . .oder es hat vielmehr noch in der vorigen Woche alle diese Todesarten gegeben! Heute gibt es, wie Sie sagen, nur noch eine: den Galgen.«

»Den Galgen!«

»Ja. Die Nationalversammlung, nachdem sie die Gleichheit vor dem Gesetze ausgesprochen, hat es gerecht gesunden, auch die Gleichheit vor dem Tode zu proclamiren! Jetzt gehen Adelige und Gemeine durch dieselbe Pforte auf dieser Welt: sie werden gehenkt, Marquis.«

»Ah! ah!« versetzte Favras.

»Zum Tode verurtheilt, werden Sie gehenkt . . .eine traurige Sache für einen Edelmann, welcher, ich bin es fest überzeugt, den Tod nicht fürchtet, aber einen Widerwillen gegen den Galgen hat.«

»Ah! Herr Baron, sind Sie gekommen, um mir nur alle diese guten Neuigkeiten mitzutheilen, oder haben Sie mir noch etwas Besseres zu sagen?«

»Ich bin gekommen, um Ihnen zu eröffnen, daß Alles für Ihre Entweichung bereit ist, und um Ihnen zu sagen, daß Sie in zehn Minuten, wenn Sie wollen, außer Ihrem Gefängnisse, und in vier und zwanzig Stunden außerhalb des Landes sein können.«

Favras dachte einen Augenblick nach, ohne daß das Anerbieten, welches ihm der Baron gemacht hatte, irgend eine Gemüthsbewegung in ihm hervorzubringen schien.

Dann fragte er:

»Kommt mir dieses Anerbieten vom König oder von Seiner Königlichen Hoheit zu?«

»Nein, mein Herr, es kommt von mir,«

Favras schaute den Baron an.

»Von Ihnen, mein Herr?« sagte er. »Und warum von Ihnen?«

»Wegen der Theilnahme, die ich für Sie hege, Marquis.«

»Welche Theilnahme können Sie für mich hegen, mein Herr?« versetzte Favras. »Sie haben mich nur zweimal gesehen.«

»Man braucht einen Mann nicht zweimal zu sehen, um ihn zu kennen, mein lieber Marquis. Aechte Edelleute aber sind selten, und ich will einen, ich sage nicht Frankreich, sondern der Menschheit erhalten.«

»Sie haben keinen andern Grund?«

»Ich habe den, daß ich Ihnen, da ich ein Anlehen von zwei Millionen mit Ihnen unterhandelt und an Sie das Geld ausbezahlt, das Mittel, in Ihrem heute entdeckten Complot weiter zu gehen, gegeben und folglich unwillkürlich zu Ihrem Tode beigetragen habe.«

Lächelnd erwiederte Favras:

»Haben Sie kein anderes Verbrechen begangen, als dieses, so schlafen Sie ruhig: ich spreche Sie frei.«

»Wie!« rief der Baron, »Sie weigern sich, zu fliehen?«

Favras reichte ihm die Hand und sprach:

»Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen, Herr Baron; ich dankt Ihnen im Namen meiner Frau und meiner Kinder, doch ich schlage es aus.«

»Weil Sie glauben, unsere Maßregeln seien schlecht getroffen, Marquis, und weil Sie befürchten, ein gescheiterter Entweichungsversuch erschwere Ihre Sache.«

»Ich glaube, mein Herr, daß Sie ein kluger Mann, und sogar ein verwegener Mann sind, da Sie kommen, um mir diese Flucht vorzuschlagen; doch ich wiederhole, ich will nicht fliehen,«

»Ohne Zweifel befürchten Sie, gezwungen, aus Frankreich wegzugehen, lassen Sie hier Ihre Frau und Ihre Kinder im Elend zurück. Ich habe für diesen Fall vorhergesehen, mein Herr, und kann Ihnen diese Brieftasche anbieten, in welcher hunderttausend Franken in Kassenbillets enthalten sind.«

Favras schaute den Baron mit einer Art von Bewunderung an. Dann schüttelte er den Kopf und erwiederte:

»Das ist es nicht, mein Herr. Aus Ihr Wort, und ohne daß Sie mir diese Brieftasche zu übergeben nöthig gehabt hätten, würde ich Frankreich verlassen haben, wäre es meine Absicht gewesen, zu fliehen; ich sage Ihnen aber noch einmal, mein Entschluß ist gefaßt: ich werde nicht fliehen.«

Der Baron schaute denjenigen, welcher diese Weigerung aussprach, an, als bezweifelte er, ob er seine ganze Vernunft besitze.

»Das wundert Sie, mein Herr,« sprach Favras mit einer seltsamen Heiterkeit, »und Sie fragen sich, ohne daß Sie mich selbst fragen wollen, woher bei mir der sonderbare Entschluß komme, bis zum Ende zu gehen und, wenn es sein müsse, zu sterben, welcher Tod auch meiner harren möge?«

»Ich gestehe es, Marquis.«

»Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich bin Royalist, mein Herr, doch nicht auf die Art derjenigen, welche in das Ausland emigriren oder sich in Paris verbergen; meine Meinung ist keine auf einer Berechnung des Interesse beruhende Sache, es ist ein Cultus, ein Glaube, eine Religion, mein Herr; und die Könige sind nichts Anderes für mich, als das, was ein Erzbischof oder ein Papst wäre, nämlich die sichtbaren Repräsentanten der Religion, von der ich so eben sprach. Fliehe ich, so wird man annehmen, entweder der König oder Monsieur haben mich zur Flucht veranlaßt; haben diese mich aber zur Flucht veranlaßt, so sind sie meine Mitschuldigen, und Monsieur, der mich aus der Tribune verleugnet, der König, der sich gestellt hat, als kennete er mich nicht, werden von dem Schlage getroffen, der in den leeren Raum geht. Die Religionen fallen, Herr Baron, wenn sie keinen Märtyrer mehr haben. Ich, ich werde die meinige erheben, indem ich für sie sterbe! Das wird ein der Vergangenheit gemachter Vorwurf, eine der Zukunft gebotene Warnung sein!«

»Aber denken Sie doch an die Todesart, welche Ihrer harrt, Marquis.«

»Je ehrloser der Tod sein wird, mein Herr, desto verdienstlicher ist das Opfer: Christus ist an einem Kreuze zwischen zwei Schächern gestorben!«

15.Wir wiederholen, ohne eine Silbe daran zu ändern, die eigenen Worte des Prinzen.
16.Besonders im Kapitel II. der ersten Abtbeilung der Denkwürdigkeiten eines Arztes: Joseph Balsamo.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
2040 s. 17 illüstrasyon
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Public Domain