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Kitabı oku: «Drei starke Geister», sayfa 12
Zweites Kapitel.
Kindische Plauderhaftigkeit
Als Blanka allein war und darüber nachdachte, was sie Robert anvertraut hatte, erschrak sie fast und fragte sich, wie dies geschehen war. Nach dem Eindrucke, den ihre Mittheilung auf Robert gemacht hatte, das heißt, auf einen fremden Menschen – denn von den wahren Gefühlen des jungen Mannes gegen sie hatte sie keine Ahnung, – konnte sie schließen, was das Herz ihres Bruders oder ihrer Mutter empfunden haben würde, wenn diese oder jener ihr Verhältniß mit dem Grafen entdeckt hätte.
Ein andrer Gedanke trug noch mehr zu Blanka’s Beruhigung bei und überzeugte sie, daß es ein Glück für sie war, ihr Geheimniß einem Ehrenmanne anvertraut zu haben. Sie erblickte in Robert nicht nur einen Freund, sondern eine Stütze, und wenn ihr ein Unglück begegnen sollte, glaubte sie sich berechtigt, zu ihm zu sagen: Retten Sie mich!« und eine innere Stimme sagte ihr, daß er sie retten würde.
Die Befürchtungen, welche Robert für die Zukunft geäußert und über die er einen Eid von Blanka gefordert hatte, erschütterten ihr Vertrauen auf Friedrich ein wenig und ließen sie erkennen, an wie schwachen Fäden ihre Ehre hing.
Als Madame Pascal zu ihrer Tochter herunter kam hatte diese hinlänglich Zeit gehabt, sieh zu fassen und ihre Mutter konnte daher nichts von dem Vorgefallenen ahnen. Sie äußerte indessen ihre Verwunderung, daß Robert sie vor ihrer Abreise nach Niort nicht noch einmal besucht habe, und da Blanka durchaus keinen Grund hatte, ihr den Besuch des jungen Mannes zu verschweigen, so theilte sie ihr mit, daß er bei ihr gewesen sei und ihr aufgetragen habe, sie freundlich von ihm zu grüßen.
Gegen drei Uhr reiste sie mit ihrer Mutter nach Niort ab.
Robert hatte dem Verlangen nicht widerstehen können, sie noch einmal zu sehen und als sie daher in den Wagen stieg kam er herbei geeilt, um ihr den letzten Abschiedsgruß darzubringen, indem er Madame Pascal sagte, er habe sie am Morgen nicht stören wollen und sei deshalb an den Wagen gekommen, um sie nochmals zu bitten Felician auf’s Neue seiner aufrichtigen Achtung und Freundschaft zu versichern.
Dann wechselte er noch einen Wink mit Blanka, welchen diese allein Verstand und der die wiederholte Versicherung seiner Ergebenheit und Verschwiegenheit aus:drückte.
Hierauf fuhr der Wagen fort.
Die beiden Damen erreichten Niort an dem nämlichen Abende und fanden Felician ihrer harrend.
»Ich bin glücklich,« war das erste Wort des jungen Mannes, als Madame Pascal und Blanka in das Sprechzimmer traten, wo er ihren Besuch empfing.
Das«junge Mädchen blickte um sich. Das ernste Schweigen der langen Gänge, das nur hin und wieder durch die Schritte eines Zöglings gestört wurde, die hallenden Räume, in denen nur das Gebet ein Echo fand, die hoben weißen Wände, an denen in gewissen Entfernungen ein großes Cruzifix von Ebenholz oder Elfenbein angebracht war, die in regelmäßiger Ordnung aufgestellten Stühle, die von den Spitzbögen herabhängenden eisernen Lampen, kurz, das ganze Klosterleben zeigte sich ihr in seiner feierlichen Strenge und erweckte allerhand Gedanken in ihrem Innern.
»Ja,« sagte sie unter Anderen zu sich selbst, »das Kloster muß ein herrliches Asyl für das Herz sein, das es aus wirklichem Berufe wählt, für Den aber, den die Reue dahin führt, muß es im Anfang ein peinlicher Aufenthalt sein. Ja, wen nur das reine Streben nach religiösen Studien und die stillen Wünsche eines gottergebenen Herzens dazu veranlassen, wie dies bei meinem Bruder der Fall ist, der muß sich hier glücklich fühlen; aber wer einen Augenblick an die anderen Freuden dieser Welt geglaubt, wer sie in sein Herz hat einziehen lassen und sie dann hat entfliehen sehen, alle seine Illusionen mit sich nehmend, und ihn in der Wüste seiner Erinnerungen und seines Wahnes zurücklassend, wenn das Gebet nur noch eine Sühne, das Kloster nur der Zufluchtsort für einen Fehltritt ist, ja, dann muß Der, welcher sich darin verbirgt, manche schmerzliche Stunde hier erleben! Der Kampf zwischen der anspruchsvollen Vergangenheit und einer stillen Zukunft ist gewiß lang und hart. Aber Gott trägt zuletzt den Sieg davon und gewährt in seiner unerschöpflichen Gnade dem Reuigen Trost oder wenigstens Gleichgültigkeit gegen die Vergangenheit.«
»An was denkst Du, Blanka?« fragte Felician denn ihr Nachsinnen war für Jedermann sichtbar.
»An Alles, was sich dem-Geiste darbietet, wenn man einen solchen Ort betritt, lieber Bruder.«
Madame Pascal blieb mit ihrer Tochter bis zur Stunde des Abendessens bei Felician, dann verließ sie ihn mit dem Versprechen, ihn am folgenden Tage wieder zu besuchen.
Beide kehrten in ihren Gasthof zurück, die Mutter in der heitersten Stimmung, da sie ihren Sohn glücklich sah, die Tochter mit ganz neuen und selbst traurigen Gedanken beschäftigt, denn wenn man von einem geliebten Wesen kommt, so giebt es nichts Anderes und Traurigeres, als die ungewohnten, kalten Wände eines Gasthauszimmers, zwischen denen man sich unbehaglich fühlt und wo man sich nur von Leuten umgeben sieht, die gleichgültig gegen unsre Freude wie gegen unsern Schmerz sind.
Man wird mir dagegen einwenden, daß Blanka sich nicht ganz in dieser Lage befand, da sie ihre Mutter bei sich hatte. Allerdings, Blanka liebte ihre Mutter, aber dennoch weite sie lieber allein in diesem Zimmer gewesen, denn sie heitre sich dann ganz ihren Gedanken hingeben und ihre überströmenden Gefühle die sie in die Tiefe ihres Herzens zurückdrängen mußte, einem Briefe anvertrauen können, während sie jetzt gezwungen war anzuhören, was ihre Mutter zu ihr sagte, Alles Dinge, denen sie unter anderen Umständen wenigstens das ehrerbietige Interesse geschenkt haben würde, welches liebende Kinder den Worten ihrer Eltern schuldig sind, auf die sie aber in ihrer gegenwärtigen Lage lieber nicht geantwortet hätte.
Madame Pascals sprach bis nach zehn Uhr von ihrem Sohne, und Blanka hörte ihr zu, wenn sie auch oft nicht wußte, was ihre Mutter sagte.
Während der Nacht sann sie auf ein Mittel, wie sie am folgenden Tage eine Stunde würde allein sein können, um an Friedrich zu schreiben und den Brief zur Post zu geben; aber der Morgen kam, ohne daß sie es gefunden hatte. Nichts ist in der That schwerer zu finden, als diese kleinen Mittel, deren die großen Lebensfragen oft bedürfen, jene kleinen Federn der großen geistigen Maschine.
Hätte sie eine Unpäßlichkeit vorgeschützt, so würde sie ihren Bruder des Vergnügens beraubt haben, seine Mutter zu sehen, denn Madame Pascal würde ihre kranke Tochter keinen Augenblick verlassen haben, selbst nicht um ihren Sohn zu besuchen. Da nun dies der einzige mögliche Vormund war, mit dem sie aber ihren Zweck nicht erreicht haben würde, so strengte sie sich vergebens an, einen anderen zu finden.
Um elf Uhr, als Madame Pascal und Blanka ihr Frühstück einnahmen, wurde plötzlich an die Thür geklopft.
Madame Pascal stand auf und öffnete.
»Wie?« rief sie aus, Sie sind es, Herr Robert?«
Blanka erschrak heftig. Seitdem Robert ihr Vertrauter war, hatte sie Grund zu der Befürchtung, daß er eine unglückliche Nachricht bringen konnte.
Aber der junge Mann war so heiter, daß ihre Besorgniß sogleich wieder verschwand, denn aus ihrer Blässe hatte er ihren Gedanken errathen; demohngeachtet aber glaubte sie fast mit Gewißheit, daß er nur wegen ihr nach Niort kam.
Susanna begleitete natürlich ihren Bruder, und ließ seine Hand los, um sich in Blanka’s Arme zu werfen.
»Was veranlaßt Sie denn nach Niort zu kommen?« fragte ihn Madame Pascal, indem sie ihn einlud, neben ihr Platz zu nehmen.
»Ich habe etwas hier zu thun, Madame,« antwortete Robert, »und ich wollte dazu die Zeit Ihres Aufenthalts benutzten, da ich wußte, daß Sie hier allein sind. Zwei allein stehende Damen sind stets mancherlei Verlegenheiten und selbst Gefahren ausgesetzt, besonders in einer Stadt, wo sie Niemanden kennen. Es drängte mich daher, Ihnen meine Dienste anzubieten, wenn ich Ihnen Vielleicht in irgend einer Hinsicht nützlich sein könnte. Auch wünschte ich, Ihren Herrn Sohn zu besuchen, den ich von Herzen liebe und dessen Rückkehr nach Moncontour wir Alle mit Ungeduld erwarten.«
Während der junge Mann so sprach, sah er Blanka an und seine Augen sagten deutlich, daß er den wichtigsten und ernstesten Grund, der ihn nach Niort führte nicht aussprach.
»Sind Sie in unseren Gasthofe abgestiegen?« Fragte ihn Blanka.
»Ja, mein Fräulein.«
»Haben Sie ein« Zimmer genommen N««
»Noch nicht. Uebrigens bedarf ich nur einer Kammer.«
»Allerdings, denn wir behalten Susannen bei uns, so lange Sie in Niort bleiben. Liebe Mutter, sei doch so gut, und suche Herrn Robert ein passendes Stübchen.«
»Bemühen Sie sich nicht,« sagte Robert indem er aufstand; aber Blanka winkte ihm, sich nieder zu setzen, während sie ihm zugleich anzudeuten suchte, daß. sie ihre Mutter absichtlich entfernte.
Robert nahm wieder Platz.
»Sie werden ermüdet sein,« bemerkte Madame Pascal,. »also ruhen Sie ein wenig aus, ich will Ihnen inzwischen ein Zimmer in Bereitschaft bringen lassen. Sind, Sie nicht so gut wie mein eigenes Kind, da ich Ihnen das Leben meines Sohnes und meiner Tochter verdanke?«
»Nun, mein Fräulein,« fragte Robert, nachdem die Mutter sich entfernt hatte; »haben Sie noch keine schlimme Nachricht erhalten?«
»Nein, lieber Freund.«
»Ich hatte böse Ahnungen und deshalb bin ich nach Niort gekommen, wie Sie gewiß errathen haben. Vergessen Sie nicht, daß Sie mir versprochen haben, mir den: Namen jenes Herrn zu nennen, wenn er sein Wort brechen sollte.«
»Nein, Robert, ich vergesse es gewiß nicht,« sagte Blanka, indem sie ihm die Hand reichte. »Aber ich hoffe zu Gott, daß ich nicht nöthig haben werde, Ihre Freundschaft zu erproben und daß Sie diesen Namen erfahren, werden wenn alle Welt ihn erfährt.
»Welchen Namen denn ist fragte Susanna mit kindlicher Neugierde.
»Den Namen einer Dame, bei der Du nächstens spielen sollst,« antwortete ihr Robert.
»Du sagtest ja, es wäre ein Herr?« versetzte Susanne.
»Ich habe mich geirrt, mein Kind,« erwiderte Robert, indem er sein Schwesterchen küßte.
»Sprechen Sie nicht in Gegenwart der Kleinen,« sagte Blanka leise zu ihm, »und erzeigen Sie mir eine Gefälligkeit.«
»Welche?«
»Meine Mutter nach dem Seminar zu begleiten, damit ich allein bleiben kann.«
»Erwarten Sie vielleicht einen Besuch?« fragte Robert mir bebender Stimme.
»Nein, lieber Freund, ich will nur einen Brief schreiben.«
»Verzeihen Sie es mir, Blanka, daß ich nach Niort gekommen bin?«
»Ich verzeihe es Ihnen nicht nur, sondern ich bin Ihnen sogar dankbar dafür. Muß ich es nicht als ein Glück betrachten, Jemanden in meiner Nähe zu haben, der mich liebt und der Mich nöthigenfalls wie seine Schwester beschützen würde? denn auch Sie werden sich erinnern, daß Sie mir Ihren Schutz versprochen haben.«
»Und ich wiederhole mein Versprechen nochmals. Was auch geschehen möge, Sie können fest auf mich zählen.«
»Still, die Mutter kommt!«
»Ich habe ein ganz nettes Zimmer für Sie ausgesucht,« sagte Madame Pascal eintretend zu Robert; »es ist Nr. 11, und ich habe Ihren Mantelsack hinauf schaffen lassen.«
»Ich danke Ihnen tausendmal, Madame.
»Jetzt ist es Zeit, daß ich Felician besuche,« fuhr Madame Pascal fort, der jeder Augenblick, den sie nicht bei ihrem Sohne zubrachte, ein Zeitverlust war.
»Und ich will Sie nach dem Seminar begleiten,« versetzte Robert.
»Mit Blanka?«
»Nein, Fräulein Blanka will mir heut ein Opfer bringen und bei Susannen bleiben, die wir nicht mitnehmen können, da sie zu ermüdet ist, und die ich nicht gern allein lassen möchte.«
»Vortrefflich!« sagte Madame Pascal. »Kommen. Sie, wir wollen, sogleich gehen. Auf Wiedersehen, liebe Blanka.«
Mutter und Tochter umarmten sich.
Blanka dankte Robert mit einem Blicke und blieb mit Susannen allein.
Sie ging hierauf an’s Fenster und blickte ihrer Mutter und Robert nach, und als sie Beide nicht mehr sehen konnte, verließ sie es, verschloß die Thier sorgfältig, um nicht überrascht zu werden, nahm Schreibzeug zur Hand und begann einen langen Brief an den Grafen.
Susanne war am Fenster stehen geblieben und betrachtete die wenigen auf der Straße vorübergehenden Leute.
Blanka’s Feder flog rasch über das Papier hin und alle ihre Zweifel, alle ihre Befürchtungen und alle ihre Hoffnungen sprach sie in ihrem Briefe aus. Sie war so mit den auf die einstürmenden Gedanken beschäftigt, daß sie zuweilen vergaß, daß sie allein war, und die niedergeschriebenen Worte laut wiederholte, so daß sich Susanne einige Mal nach ihr umsah, weil sie glaubte, Blanka spreche mir ihr.
Endlich wurde die Kleine, wie alle Kinder, der einförmigen Unterhaltung überdrüssig, und verließ das Fenster, um ihr blondes Köpfchen an Blanka’s Schulter zu legen.
»Ei, wie schnell Du schreibst?« sagte sie zu dieser.
»Laß mich jetzt schreiben, mein Kind,« erwiderte Blanka, indem sie ihr einen Kuß gab, »dann wollen wir zusammen spielen.«
»Hast Du noch viel zu schreiben.«
»Nein, in einer Viertelstunde bin ich fertig.«
Blanka fuhr in ihrem Briefe fort.
»An wen schreibst Du denn eigentlich? An Deinen Bruder?« fragte Susanne nach einer Minute.
»Ja.«
»Warum hast Du nicht geschrieben, ehe Deine Mutter fortging? sie hatte den Brief mitnehmen können, da sie ihn eben besuchte.«
»Sie wird ihn morgen mitnehmen.«
»Es ist also nicht eilig?«
»Nein.«
Niemand hat einen logischeren Verstand als die Kinder. Jedermann wird dies schon beobachtet haben.
»Warum schreibst Du denn so schnell, wenn es nicht eilig ist?« fragte Susanne weiter.
Darauf wußte Blanka nicht zu antworten. »Wir wissen in der That eben so wenig, was sie hätte sagen sollen.
»Ich dann auch schreiben,« begann die Kleine wieder, indem sie einen Bogen Papier und eine Feder nahm, und die Augen auf Blanka’s Brief warf, um ein Wort zu lesen, das sie nachschreiben konnte.
Ihr Blick fiel aus das Wort Verzweiflung.
»Verzweiflung!« rief Susanne, indem sie jede Silbe betonte, als wollte sie die Bedeutung ergründen; »was heißt das?«
»Es heißt etwas, was Du glücklicherweise noch nicht kennst, mein liebes Kind,« antworte Blanka mit ihrer geduldigen Sanftmuth; »man versteht darunter einen hoffnungslosen Kummer.«
»Also wie Robert?«
»Was sagst Du? wie Robert?«
»Ja.«
»Hat denn Robert einen Kummer?«
»Einen großen Kummer,« erwiderte Susanne ganz leise, wie im Vertrauen.
»Wer hat Dir das gesagt?«
»Ich habe es gesehen.«
»Wann?«
»Gestern«
»Gestern?«
»Ja, als er von Dir nach Hause kam.«
»Was hat et denn gethan?«-
»Er hat mich auf den Arm genommen und hat lange geweint, indem et zu mir sagte: Ach, meine gute kleine Susanne, ich.bin sehr unglücklich! Ich konnte dann auch die Thränen nicht zurückhalten, aber warum er weinte, das weiß ich nicht.«
»Was mag dies bedeuten?« seufzte Blanka, in der eine bange Ahnung der Wahrheit aufstieg.
»Was hat er ferner gethan?« fragte sie Susannen.
»Dann ging er an den Kleiderschrank und nahm seinen neuen Anzug heraus,den Du noch gar nicht gesehen hast. O, er ist sehr schön, aber er warf ihn in einen Winkel und sagte: Jetzt brauche ich ihn nicht mehr. Dann sing er wieder an zu weinen; weißt Du es nicht warum? bitte, sage es mir, wenn Du es weißt.«
»Komm, Susanne,« sagte Blanka, indem sie die Kleine auf den Schooß nahm und die Feder bei Seite legte; »antworte mit auf das, was ich Dich fragen werde. Wann hat sich Dein Bruder den neuen Anzug machen lassen?«
»Vor drei Tagen, und ich glaube, er hat ihn nur deshalb bestellt, um ihn anzulegen, wenn er Dich besucht.
Er sagte zu dem Schneider: Ich muß die Sachen bald haben, so schnell als nur möglich.«
»Der arme Robert!« rief Blanka, der jetzt Alles klar wurde.
»Du bedauerst ihn?.. O, Du bist gut!« erwiderte Susanne, indem sie Blanka küßte.
»Erzähle weiter.«
»Was soll ich Dir noch erzählen?«
»Was Du sonst Deinen Bruder hast thun sehen.«
»Er las sehr fleißig.«
»Was denn?«
»Geographie- und Geschichtsbücher, die er für mich gekauft hatte.«
»Warum las er diese Bücher?«
»Um etwas aus ihnen zu lernen.«
»Und wozu wollte er etwas lernen?«
»Ich weiß es.«
»Nun, so sage es mir.«
»Weil er eben so gelehrt werden wollte als Du; auch ist et recht eitel geworden, denn er steht jeden Morgen wohl eine Stunde vor dem Spiegel, um sein Halstuch und seine Haare zu ordnen, besonders wenn wir Dich besuchen wollen. Und dann…«
»Nun, was. Noch?«
»Was ich Dir jetzt sagen will, darfst Du ihm aber nicht wieder sagen, denn er würde mich schelten.«
»Sei unbesorgt, ich spreche nicht mit ihm davon.«
»Gewiß nicht?«
»Ich verspreche es Dir.«
»Nun, zuweilen nahm er mich auf den Schooß und fragte mich: Würdest Du Dich wohl freuen, Susanne, wenn Du ein Mütterchen hättest, wie Fräulein Blanka? – Und ich antwortete ihm daß ich mich sehr darüber freuen würde, und das ist wahr, denn ich habe Dich sehr lieb.«
Zugleich nahm die Kleine Blanka’s Kopf zwischen ihr Händchen und küßte sie auf die Wange.
»Hat er Dir gestern von dem Allen nichts wieder gesagt?«
»Nein. Er hat geweint, seine Bücher und seine guten Kleider auf die Seite geworfen und den ganzen Tag sein Haar nicht geordnet. Auch hat er fast gar nichts gegessen. Am Abend brachte er mich zu Bett und legte sich ebenfalls nieder. Aber während ich noch ganz fest schlief, weckte er mich und sagte zu mir: Steh auf, wir müssen eine kleine Reise machen. – Er packte nun seinen Koffer, bestellte einen Wagen und wir fuhren fort. Macht es Dir Vergnügen, daß ich Dir dies Alles erzähle?«
»Ja, mein-Kind, es macht mir Vergnügen,« erwiderte Blanka tief bewegte; »aber Robert darf nicht erfahren, daß Du es mir erzählt hast, er würde ungehalten sein. Der arme Robert!« setzte sie leise hinzu, »wie muß ich ihn gestern betrübt haben!«
»Was sagtest Du, Blanka?«
»Nichts, liebes Kind. Geh und spiele.«
»Willst Du wieder schreiben?«
»Ja.«
»Darf ich das Wort Verzweiflung abschreiben, da ich jetzt weiß, was es bedeutet?»fragte Susanne, indem sie freundlich bittend ihre Hündchen faltete.
Blanka sah sie an und sie rührende Naivität des Kindes lockte einige Thränen in ihre Augen.
»Nein, ich will diesen Brief zerreißen,« sagte sie.
»O, das ist Schade!« rief Susanne.
Blanka zerriß den Brief wirklich, warf die Stücke aus dem Fenster und kehrte mit Susannen an der Hand auf ihren Stuhl zurück, wo sie in so tiefes Nachdenken versank, daß sie nach einer Stunde noch in der nämlichen Stellung saß und daß Robert und Madame Pascal bei ihrer Zurückkunft zweimal anklopfen mußten, ehe Blanka öffnete.
Tausend verschiedene Gedanken hatten während dieser Stunde das Geist des jungen Mädchens beschäftigt, und sie blickte Robert, dessen Liebe zu ihr sie jetzt kannte, fast mit ängstlicher Verlegenheit an.
Es gibt nichts Interessanteres für das Herz eines Mädchens, als die Entdeckung eines solchen Geheimnisses, selbst wenn sie Den nicht liebt, der dieses Geheimniß vor Aller Augen verbirgt, selbst wenn sie, wie Blanka, einen Andern liebt.
Wenn sie einen edlen Character besitzt, fühlt sie in einem solchen Falle unwillkürlich eine plötzliche Zuneigung oder wenigstens eine innige Theilnahme für das Herz, das sie verwundet und dem sie Schmerz bereitet hat, ohne es zu wissen. Wenn ein Mädchen von einem Manne, der noch nie ein Wort von Liebe mit ihr gesprochen und der sein Geheimniß vor Jedermann verborgen glaubt, mit Gewißheit sagen kann: »Dieser Mann liebt mich und ich bin ihm Alles,« so darf man überzeugt sein, daß dieser Mann schon eine bedeutende Rolle in den Gedanken und in dem Stolze dieses Mädchens spielt und daß er früher oder später einen wichtigen Platz in ihrem Leben einnehmen wird.
Blanka war wie alle Mädchen, und wir haben gesehen, daß sie schon einem ehrenwerthen Aberglauben hinsichtlich Roberts in ihrem Herzen Raum gab; indem sie an dem Tage, an welchem sie die Liebe des jungen Mannes zu ihr erfuhr, nicht den Muth in sich fühlte, den begonnenen Brief an Friedrich zu vollenden.
Drittes Kapitel.
Roberts Liebe
Je mehr Blanka nach Gründen zur Rechtfertigung der Handlungsweise Friedrichs suchte, desto mehr fand, sie zum Lobe Roberts. Die ganze Nacht wich der Gedanke nicht von ihr, daß der Graf sie hinterging. Wenn sie für einige Minuten die Augen schloß, so erblickte sie ihn fliehend, und mit kaltem, Schweiße bedeckt fuhr sie empor. Als der Morgen kam, griff sie wieder zur Feder, um einen andern Brief an Friedrich zu schreiben. Aber wie sollte sie ihm denselben zukommen lassen? Ihr Vertrauen zu Robert war so groß, daß sie keinen Anstand nahm, ihn um diese Gefälligkeit zu bitten, und ohne sich zu bedenken und ohne sie mit Fragen zu belästigen, versprach er ihr, den Brief an den Grafen Friedrich von La Marche zu besorgen und am folgenden Tage seine Antwort zurückzubringen.
Robert miethete sich ein Pferd und jagte im Galopp auf der Straße nach Moncontour dahin. Seine Gedanken zu erklären und zu schildern würde ihm selbst unmöglich gewesen sein. Sie durchkreuzten sich ohne Ordnung und Zusammenhang in seinem Kopfe, gleich einer Menschenmenge, die am Meerufer von der steigenden Fluth überrascht wird und sich in wilder Flucht zu retten sucht. Die in ihm erwachte Liebe, das ihm anvertraute Geheimniß, diese von drohenden Gefahren umgebene und nichts ahnende Mutter, dieser fromme, dem Herrn ergebene Bruder, dieser Unbekannte, zu dem er sich begab und der das Geschick von vier Personen in seinen Händen hielt – denn auch Roberts Schicksal begann schon von dem Grafen abzuhängen; dies Alles zog wie eine Phantasmagorie vor den Augen des flüchtigen Reiters vorüber und hatte dabei so viel Unwahrscheinliches, daß es sich zuweilen Alles in seinem Kopfe verwirrte und er geträumt zu haben glaubte.
Dann trat seine Liebe zu Blanka, dieser eiserne Faden, der ihn durch das Labyrinth der Ereignisse und Gemüthsbewegungen führte, aus diesem geistigen Nebel hervor, und indem er demselben folgte, erkannte er endlich alle Dinge, wie sie waren und kehrte wieder in die Wirklichkeit zurück.
So sollte er, der Blanka mehr liebte als sein Leben, einen Brief von ihr dem Manne überbringen, den sie liebte, und darauf sollte sich der Ehrgeiz seiner Liebe beschränken!
Es war eine niederschlagende Gewißheit für den unglücklichen jungen Mann.
Und doch war er stolz darauf, Blanka ein solches Opfer bringen zu können, denn eine Liebe wie die seinige ist reich an Hingebung und Selbstverleugnung.
Wenn ein Mann im Stande ist, seine Eitelkeit und seinen Stolz so der Geliebten aufzuopfern, von dem kann man sagen, daß seine Liebe rein ist, wie das Gold, das dem Probirstein widersteht.
Es ist leichter, einem geliebten Weibe sein Leben als seinen Stolz zum Opfer zu bringen.
Robert fand zuletzt eine schmerzliche Wonne in dem was er that.
»Einst wird sie erfahren,—sagte er zu sich selbst, daß ich sie liebte und wie ich sie liebte. Dann wird sie erkennen, was ich heut gelitten haben muß, und sie wird mich wenigstens bemitleiden, wenn auch nicht lieben.«
Ein Opfer ist nicht so schmerzlich, als man glauben sollte. Es trägt seinen Lohn in sich; man schöpft eine gewisse Bewunderung seiner selbst daraus, wie sie kein andres Verhältniß des Lebens zu gewähren vermag. Dieses Gefühl müssen wir achten, denn es ist das, welches die Apostel und Märtyrer des Glaubens hervorgerufen hat.
Als Robert in Moncontour ankam, ging er zuerst in seine Wohnung, um einen andern Rock anzuziehen, und begab sich hierauf zu dem Grafen. Man kann sich denken, daß das Herz des jungen Mannes immer heftiger klopfte, je näher er dem Hause des Herrn von La Marche kam.
»Wenn ich die Antwort erhielte, daß er abgereist ist und nicht zurückkehrt!« dachte er bei sich.
Und ein verborgener Hoffnungsstrahl glänzte in Roberts Augen.
Er zog die Glocke an dem Gitterthore des Landhauses.
»Was wollen Sie?« fragte der erscheinende Bediente.
»Ich will mit dem Herrn Grafen von La Marche sprechen,« antwortete Robert, indem er dem Bedienten durch einen Blick zu verstehen gab, daß er sich eines artigeren Tones bedienen solle.
»Sagen Sie mir Ihren Namen,« versetzte der Bediente freundlicher. »Ich will Sie melden.«
»Der Herr Graf kennt meinen Namen nicht, und überdies komme ich im Auftrage einer andern Person.«
»Dann sagen. Sie mir den Namen dieser Person.
»Nein, den werde ich Euch nicht sagen, denn die Person hat mich nicht an Euch abgeschickt. Meldet also Eurem Herrn, daß Jemand hier ist, der ihn in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünscht.«
Diese Worte und der Nachdruck, mit dem sie gesprochen wurden, bestimmten den Bedienten zu gehorchen. Robert blieb allein.
»Hier wird Blanka glücklich sein,« sagte er zu sich selbst, indem. er umherblickte und die langen Alleen und grünen Laubgänge des Parks sah. »Ich werde zuweilen vor diesem Gitterthore vorübergehen und sie am Arme ihres Gatten lustwandeln sehen, dies wird mich für den ganzen Tag glücklich machen.«-
Der Bediente kam zurück und sagte mit triumphierender Miene:
»Der Herr Graf gestattet nur den Leuten Zutritt in seinem Hause, die sich nennen.«
»Ich werde mich nicht nennen, aber er wird mir dennoch Zutritt gestatten,« entgegnete Robert.
»Das wollen wir sehen,« versetzte der Bediente, indem er ihm den Eingang vertrat.
»Ihr sollt es sogleich sehen,« erwiderte Robert, und zugleich ergriff er den Bedienten am Arme und schleuderte ihn zehn Schritt weit, von sich; dann ging er ruhig auf das Schloß zu und trat ein.
Er öffnete eine Thür im Erdgeschoß und befand sich, im Zimmer des Grafen.
»Der Herr Graf von la Marche?« fragte Robert.
»Der bin ich, mein Herr.«
Es würde uns schwer werden« den Blick zu beschreiben, den der junge Mann auf den Grafen warf; wir begnügen uns zu sagen, daß die ganze Neugierde seiner Liebe in diesem Blicke lag und daß er über die auffallende Blässe und über den unheimlichen Ausdruck seiner Augen erschrak.
Sein erster Gedanke war: »Dieser Mensch ist ein Schurke.«
»Sind Sie es, der mich vor einem Augenblicke zu sprechen verlangt hat?« fragte der Graf in einem etwas hochmüthigen Tone.
»Ja, Herr Graf,« antwortete Robert.
»Und Sie haben Ihren Namen nicht nennen wollen?«
»Aus einem sehr einfachen Grunde, weil Ihnen mein Name unbekannt ist und weil ich es nicht für nöthig hielt, ihn einem Bedienten zu sagen, da ich nur mit Ihnen zu sprechen habe. Ich bringe Ihnen einen Brief, auf den ich mir Ihre Antwort erbitten soll.«
»Von wem ist dieser Brief?
»Sind wir allein, Herr«Graf?««
»Ja.«
»Der Brief ist von Fräulein Blanka Pascal,« sagte Robert mit leiser Stimme.
»Von Blanka?« rief der Graf, indem er den Ueberbringer forschend anblickte.
»Ja,« antwortete Robert, der unwillkürlich erröthete, als Friedrich den Namen Blanka kurzweg aussprach.
»Geben Sie her, geben Sie her,« rief der Graf hastig. »Es ist ihr doch nichts Unangenehmes begegnet?«
»Nein, Herr Graf, durchaus nicht.«
Friedrich erbrach den Brief und las ihn.
»Das arme Kind!« sagte er vor sich hin, »sie ist immer ängstlich. Nehmen Sie Platz, ich will Ihnen die gewünschte Antwort geben.«
Robert blieb stehen.
»Er liebt sie,« dachte er bei sich, und dieser Gedanke rief den herben Schmerz in ihm hervor, den der Mensch empfindet, wenn er seine letzte Hoffnung schwinden sieht. Einen Augenblick fühlte er ohngeachtet seiner guten Vorsätze Haß gegen diesen Mann, den er so glücklich sah. Während dem schrieb der Graf:
»Beruhige Dich, meine heißgeliebte Blanka, ich liebe Dich. Dies ist das Wort, das Du von mir verlangst; zwanzig volle Seiten würden Dir nicht mehr sagen können.«
Er faltete dieses Billet zusammen, Versiegelte es und übergab es Robert.
»Ich danke Ihnen, Herr Graf,« sagte der junge Mann, indem er auf die Thür zuging.
»Einen Augenblick, Freund,« versetzte der Graf nach kurzer Ueberlegung, indem er ihn zurückrief; »Sie kommen von Niort?«
»Ja.«
»Und Sie kehren dahin zurück?«
»Auf der Stelle.«
Der Graf öffnete ein Schubfach seines Secretairs, nahm zehn Louisd’ors heraus und reichte sie mit einem forschenden Blicke dem Boten.
»Was soll ich damit?« fragte Robert.
»Nehmen Sie dies für Ihren Weg, lieber Freund.«
»Er ist schon bezahlt, Herr Graf,« versetzte Robert mit unwillkürlich zitternder Stimme.
»Das ist jener Robert,« dachte Friedrich, dem die innere Bewegung des jungen Mannes nicht entging. – Dann sagte er laut:
»Sie kennen wahrscheinlich den Inhalt des Briefes, den Sie mir gebracht haben?«-
»Ich kenne ihn eben so wenig, als den Ihrer Antwort, Herr Graf.«
»Woher wußten Sie dann, daß der Brief von Wichtigkeit war?«
»»Ich habe dies nur errathen, weil Fräulein Pascal mich so dringend bat, ihn zu besorgen, was übrigens nicht zu verwundern ist, da sie weiß, daß ich ihr aufrichtig ergeben bin.«
»Dann geben Sie mir wenigstens Ihre Hand, Freund, da es mir nicht vergönnt ist, Ihnen aus andere Weise meine Erkenntlichkeit für die Freude, die Sie mir durch diesen Brief bereitet haben, an den Tag zu legen.«
»Ich danke Ihnen für diese Ehre, Herr Graf,« erwiderte Robert in ernstem und würdigem Tone, indem er sich verbeugte; »aber abgesehen von dem Standesunterschiede liegt eine zu große Entfernung zwischen uns, als daß ich sie annehmen könnte.«
»Ich ahnete es,« dachte Friedrich, »er liebt sie. Wie es Ihnen gefällig ist, mein Herr,« setzte er laut hinzu.
»Haben Sie mir nichts weiter zu sagen, Herr Graf?«
»Nein.«
Mit einer nochmaligen Verbeugung entfernte sich Robert.
»Wenn ich bedenke,« sagte der Graf zu sich selbst, während er Robert mit einem sonderbaren Lächeln nachsah, »daß dies der Mann ist, der Blanka heirathen und mein Verbrechen wieder gut machen wird! Man hat wirklich Recht, wenn man sagt, daß es Leute giebt, die ausdrücklich dazu geschaffen worden sind. Der arme Mensch liebt sie mit Wahnsinn, denn er zitterte wie Espenlaub. Uebrigens,« fuhr er fort., indem er sich niedersetzte und Blanka’s Brief in ein Fach legte, »wird er sehr glücklich mit ihr und sie nicht unglücklich mit ihm sein. Sie ist ein liebenswürdiges Mädchen und er ist wirklich ein schöner junger Mann.«
Friedrich schellte.
»Guillemin,« sagte er zu dem eintretenden Bedienten, »Du hast den jungen Mann gesehen, der eben bei wir war?«
»Jawohl, Herr Graf, ich habe ihn nur zu gut gesehen.«
»Warum sagst Du dies?«
»Weil er mich, als ich ihm nach Ihrem Befehle den Eintritt verweigern wollte, am Kragen gefaßt und zehn Schritt weit von sich geschleudert hat, so daß ich zu Boden fiel.«
»Dann wirst Du ihn um so besser wieder erkennen.«
Guillemin verbeugte sich zum Beweis seiner Zustimmung.
»Wir dürfen ihn nie wieder einlassen,« sagte er in dem Glauben, daß er damit den Wünschen seines Gebieters zuvorkam.
