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Kitabı oku: «Elim», sayfa 4

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VI
Der  Besuch

Jeden Morgen verließ Elim sein Zimmer und besuchte das Treibhaus.

Jane fand sich ebenfalls ein. Wenn sie einen Vorwand gebraucht hätte, so hätte sie das Begießen ihrer Blumen und das Füttern ihrer Vögel vorschützen können.

Aber Einer war ihr theurer geworden, als alle Blumen auf der Erbe und alle Vögel in der Luft.

Sie eilten auf einander zu, begrüßten sich mit einer zärtlichen Umarmung; dann plauderten und koseten sie.

Wer von Beiden die meisten Küsse gab? Dies war eine arithmetische Aufgabe, mit deren Lösung sie eifrig beschäftigt zu sein schienen , und zum ersten Male bot eine arithmetische Aufgabe auch Nahrung für Herz und Gemüth.

Das Treibhaus der schönen Holländerin war für unsern Schiffslieutenant ein zweiter Garten der Armida geworden; er vergaß Meer und Flotte, Freunde und Feinde. Obgleich ein eifriger Patriot, bedachte er nicht, daß die Franzosen im Herzen seines Vaterlandes waren, und wenn er daran dachte, so sagte er zu sich selbst: »Nein, Rußland wird nicht fallen, Napoleon wird in unserem Blute ausgleiten. Auf keinen Fall kann ein solcher Krieg lange dauern.«

Und dann richtete er an sich die Frage, welche ihre Antwort in sich selbst trug:

»Was kann ich dazu thun?«

Auch der Liebesgott ist ein Despot und Eroberer; er ertödtet und fesselt alle anderen Gefühle. Eine Zukunft gab es für Elim nicht mehr; er lebte sorglos in den Tag hinein und fühlte sich dabei so glücklich, daß er nichts fürchtete als eine Veränderung.

Jane hatte ebenfalls das süße Weh der Liebe kennen gelernt. Ein unnennbares, banges, doch beseligendes Gefühl hatte sich ihrer bemächtigt, und während ihr Herz überwallte, während ihre Wangen glühten, lispelte ihr Mund den Namen Elim.

Eines Tages stickte sie in ihr Musterbuch eine aus vielen E zusammengesetzte Blume, und fast ohne daß sie es wollte, wurde daraus das Profil eines jungen Mannes.

»Was ist das für ein Kopf?« fragte ihre Mutter, die ihr über die Schulter schaute.

Jane erschrak, sie wußte nicht, daß ihre Mutter hinter ihr stand.

»Es ist der Kopf Julius Cäsars,« antwortete sie, sich schnell fassend.

Die würdige Dame wußte nicht, wer Julius Cäsar war, aber sie fragte nicht weiter.

In den Stunden, wo sie ihrer Mutter im Hauswesen zu helfen pflegte, bekam sie oft plötzlich eine fast unwiderstehliche Tanzlust; in den Stunden, wo sie sich auf dem Piano üben sollte, hätte sie lieber gelesen. Bald vergaß sie die Schlüssel im Garten, und sie wurden zwei Stunden gesucht, ehe sie sich fanden. Bald that sie Pfeffer statt des Zuckers in’s Backwerk; aber trotzdem erklärte Elim dieses Backwerk für sehr delicat, Jane hatte es ja gemacht.

Eines Tages machte sie ein Versehen, welches in seinen Folgen furchtbarer hätte werden können, als wenn ein aus seiner Bahn gewichener Komet mit der Erde zusammen stieße; sie ließ mitten im Salon einen Stuhl stehen, und störte dadurch die ganze Harmonie des Zimmers.

Endlich bemerkte Mynheer van Naarvaessen, daß seine Tochter den Kopf verloren hatte. Vergaß sie sich doch einst so weit, daß sie ihm eine Tasse Kaffeh ohne Zucker brachte! Und als sie sogar eine Tulpe pflückte, welche das einzige Exemplar in ganz Holland war, fürchtete er wirklich für ihren Verstand.

»Saperlot!« eiferte er, seine Augen weit aufreißend, »das hat etwas zu bedenken!«

Aber seine Augen, wie weit sie auch ausgerissen waren, sahen gar nichts.

Elim Belosor war bereits drei Wochen in der Fabrik, und er dachte noch gar nicht an die Abreise. Der alte Herr, der den Gast sehr lieb gewonnen hatte, vergaß, daß der junge Schiffslieutenant nicht zur Familie gehörte. Die Frau vom Hause hatte sich ebenfalls so sehr an Elim gewöhnt, wie an ein altes, unentbehrlich gewordenes Hausgeräth, das sie einst zur Ausstattung oder als Hochzeitgeschenk erhalten. Wenn sie ihn nur an seinem Platz, nämlich an der Seite ihrer Tochter fand, so achtete sie nicht mehr auf ihn, als auf einen Schrank oder Schenktisch. Dazu kam, daß der Winter die Schifffahrt auf dem Zuydersee unmöglich machte. Alles schien daher mit den Wünschen des jungen Seemannes übereinzustimmen.

Am Morgen des l. Novembers begab sich Elim wie gewöhnlich in’s Treibhaus.

Er fand Jane in Thränen.

Er fragte nach der Ursache ihrer Betrübniß, aber statt seine Fragen zu beantworten, weinte sie immer fort.

»O, mein Glück ist zu Ende, Elim,« sagte sie endlich schluchzend, »Du wirst mich verlassen.«

»Was fällt Dir ein, liebe Jane?« antwortete Elim betroffen. »Ich – Dich verlassen? Ich liebe Dich ja inniger als je!«

»Ach, wenn Du mich weniger liebtest, so würde ich eine Beruhigung in meinem Zorne finden; ich würde Dich einen Verräther, einen Undankbaren nennen, und das würde mich trösten. Aber Du bist unschuldig, und das macht mich viel unglücklicher, als wenn ich Dich als einen Treulosen verlieren müßte.«

»Ouäle Dich nicht mit künftigen Sorgen. Wir müssen allerdings einst scheiden ; aber wann?«

»Warum mußte ich Dich auch lieben, Elim!« schluchzte sie, in seine Arme sinkend.

»Ich verstehe Dich nicht, theuerste Jane. Um des Himmels willen, erkläre Dich!«

»So höre. Mein Vater hat Fischer gedungen, die Dich in einem Boote zu deinem Schiffe zurückbringen sollen, und Du wirst morgen in der Nacht abreisen.«

Elim, durch diese Schreckensnachricht fast vernichtet, stand regungslos und leichenblaß vor der Geliebten.

Endlich bedachte er, daß er ein Mann sei, und daß ihm deshalb die Rolle des Trösters zukam.

Aber Jane ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Schweig, Elim,« sagte sie, »ich will keinen Trost. Mit Dir, glaube ich, würde ich mich in dem kleinsten Nachen auf dem sturmbewegten Meere nicht fürchten. Aber wenn ich mir denke, daß Du allein mit fremden Leuten , mitten im Sturme bist, so möchte ich in den Tod gehen. – Du reisest ab nach England, und von da nach Rußland – und wenn Du in Rußland bist, wirst Du an die arme Jane nicht mehr denken. Oder wenn Du an sie denkst, so wirst Du sie verspotten ob ihrer Thorheit und ihrer Liebe.«

Mehr konnte sie nicht sagen, ein neuer Thränenstrom erstickte ihre Stimme.

Auch Elim war tief ergriffen; aber endlich gelang es ihm, sie etwas zu beruhigen, obgleich er selbst nur mit Mühe seine Fassung bewahrte.

»Höre,« sagte er zu ihr, »ich will deinen Vater um eine Unterredung bitten; ich will ihm sagen, daß ich Dich liebe, daß Du mich liebst, daß wir ohne einander nicht leben können, daß wir eine Trennung nicht überleben würden. Wenn er sich überzeugt hat, daß wir die Wahrheit sprechen, wird er einwilligen. Und überdies ist ja der Krieg nicht ewig, wie unsere Liebe. Ein Tag kann Alles ändern. Sieh nur, vor einer kleinen Weile noch war der Himmel so trübe, als ob uns eine ewige Nacht bevorstände – sieh jetzt den schönen freundlichen Sonnenstrahl, Gott sendet ihn uns alt- eine glückliche Vorbedeutung zu unserm Troste.«

Jane lächelte wehmüthig; an ihren Wimpern glänzten Diamanten gleich zwei Thränen, welche Elim wegküßte, und Beide sagten, die Blicke zum Himmel erhebend: »Gott ist gütig!«

In diesem Augenblicke wurde zum Frühstücke geläutet.

Die beiden Liebenden verließen das Treibhaus wie gewöhnlich durch verschiedene Thüren.

Mynheer van Naarvaessen erzählte, beide Hände in die Taschen steckend, seinem Gaste von den Geschäften, die er seit einem Monate gemacht, von den Waaren, die er getauft und verkauft, sogar die October-Bilanz theilte er ihm mit. Quentin betrachtete ein Gemälde, welches eine Mahlzeit darstellte, und blies mit Nase und Schnupftuch einen Tusch, den man als Signal zum Frühstücken halten konnte. Jane sah den jungen Seehelden traurig an. Frau van Naarvaessen erschien im Speisezimmer: ihre Wangen glühten noch vom Herdfeuer.

Plötzlich sagte Quentin, der durchs Fenster schaute, sehr verstimmt:

»Da kommt der Schwätzer Montana.«

»Ach mein Gott! der Capitän Montane!« rief die Frau vom Hause erschrocken. »Was sagen Sie da, Quentin?«

»Das ist eine Strafe Gottes!l« seufzte Mynheer van Naarvaessen.

»Eine wahre Landplage!« setzte die ehrbare Dame hinzu.

»Er ist mir noch lästiger als die Trommel,« sagte der Fabrikant, »und Gott weiß, daß mir in der Welt nichts mehr zuwider ist, als die Trommel.«

»Er ist mir lästiger als die Fliegen,« sagte die Hausfrau.

»Er wird mit seinen Stiefeln alle meine Tulpen abbrechen!«

»Er wird mit seinen Sporen meine Teppiche zerreißen!«

Aber was war zu thun? Aus dem Lande konnte man einen Besuch nicht abweisen.

Der Feind war schon auf der Außentreppe.

Endlich trat der unwillkommene Gast ins Haus und man hörte wie er in der Vorhalle sang:

 
Les Francais out pour la danse
Un irrésistible attrait,
Et de tout mettre en cadence
Ils ont, dit-on, le secret.
Je le cois
Quand je vois
Ces grands conquérans du monde
Faire danser à la ronde
Et les peuples et las rois.2
 

Die Thür that sich auf und der Zollwächter-Capitän Montane, ein geborener Gascogner, trat mit dem seinen Landsleuten eigenen prahlerischen, geckenhaften Anstande in die kleine Gesellschaft.

Er war ein Mann von fünf- bis sechsunddreißig Jahren; sein Gesicht mit den Kaninchenaugen und der Habichtsnase war zugleich abschreckend und lächerlich.

Er trug eine blaue Uniform mit einer Epaulette; sein langer Säbel rasselte auf dem Teppich.

»Wahrhaftig, Monsieur Navarsan,« sagte er, die Gesellschaft begrüßend und den für einen Franzosen unaussprechlichen Namen des Herrn vom Hause verfälschend; »wahrhaftig man hat Recht, daß der Weg zum Paradiese mühsam und beharrlich ist. Ihr Flangour« – so französisirte er das Wort »Flaamhuis,« wie die Besitzung des Fabrikanten genannt wurde, – »Ihr Flangour ist ein wahres Paradies – ein Paradies Mohammed’s. Ich bin ein Kenner,« setzte er mit einem unverschämten Blick auf die Tochter vom Hause hinzu; »Mademoiselle Jane allein ist ein kostbarerer Schatz als alle Houris zusammen.«

Entzückt über dieses geistreiche Compliment schwenkte er seinen von Regen triefenden Hut und bespritzte sämmtliche Hausgenossen.

»Sie sind so artig,« erwiederte Jane, indem sie mit dem Schnupftuch die auf sie gefallenen Regentropfen abwischte, »daß man Sie und Ihre Schmeicheleien unmöglich trocken empfangen kann.«

»Sie sind himmlisch , bezaubernd , Mademoiselle Jane,« sagte der Gascogner. »Rathen Sie, was ich Ihnen mitgebracht habe: ein allerliebstes Kragenmuster mit Herzen, auf denen girrende Tauben sitzen. Es ist wunderhübsch. Und Ihnen, Mama Navarsan, bringe ich ein Recept, mit welchem man dem Rosenconfect die natürliche Farbe erhalten kann.«

»Sie hätten besser gethan, mir ein Recept zu bringen, die Teppiche vor Nässe zu schützen,« erwiederte die Holländerin.

Van Naarvaessen sah mit Schrecken, daß der Hut des Capitäns noch triefte.

»Der Capitän ist ein Freund der Damen,« sagte der Fabrikant, seine Hand auf die Schulter des neuen Gastes legend. »Die Damen können unmöglich undankbar gegen ihn sein, denn er hat ja immer ein Geschenk in der Tasche und ein Compliment im Munde.«

»Par la Sainte-Barbe!« betheuerte der Gascogner und zog das Kinn mit einer ihm eigenthümlichen Mundverzerrung in die Cravate, »mein Herz ist immer bereit den Schönen zu Füßen zu fallen, so wie mein Degen jederzeit scharf ist, sich mit dem Feinde zu messen.«

»Hat denn Ihr Herz oder Ihr Degen mehr zu thun, Capitän?« sagte van Naarvaessen lachend; »wir haben viele schöne Frauen in Amsterdam und Rotterdam, aber auch an der Barriere viele Ballen und Fässer zu untersuchen.«

»Ich werde fast erdrückt unter der Last der Geschäfte,« » antwortete der Douanier, der den Scherz des Fabrikanten nicht zu verstehen schien und seine Antwort mit der gewöhnlichen Mundverzerrung begleitete; »Ihre Landsleute, die doch unserm Kaiser dankbar sein sollten, daß er Holland nicht ins Meer geworfen, halten geheime Zusammenkünfte in allen Wirthshäusern, um mit den verdammten Russen und Engländern, die eine Landung beabsichtigen, ein Einverständniß zu unterhalten. Man hat ein Complott entdeckt, welches nichts Geringeres beabsichtigte , als ihnen die Festung und den Hafen zu überliefern. Zum Glück habe ich mit meinem gewohnten Scharfsinn die Sache gewittert, die Verschwörung angezeigt und die Stadt gerettet. Sie sehen, Monsieur Navarsan, einen Mann vor sich, dem man einen Triumphbogen errichten sollte. Die Verräther sind ergriffen worden – und rathen Sie wo! In Weinfässern, wie die vierzig Räuber Alibaba’s!«

»Ich schlage vor, daß man Ihnen vor dem Hauptstadtthor eine Bildsäule errichte, mit einem großen Faß als Piedestal,« setzte der Fabrikant lachend hinzu. »Aber wollen Sie nicht mit uns frühstücken, Capitän? Den Kaffeh muß man trinken, ehe er kalt wird, so wie man das Eisen schmieden muß, so lange es heiß ist.«

»Seht gern, Monsieur Navarsan,« erwiederte der Capitän, indem er mit einer Hand seine Cravate in die Höhe zog und den andern Arm der Dame vom Hause bot, während Elim, wie gewöhnlich, Jane führte und Mynheer van Naarvaessen mit Quentin den Zug beschloß.

Der Capitän nahm Platz am Tische.

»Und was gibts außer dem großen Complott sonst noch Neues?« fragte der Herr vom Hause.

»Das Allerneueste ist, daß uns der Petit Caporal – mit Erlaubniß zu sagen – jede Woche den Schlüssel einer Hauptstadt sendet. Wir haben die Schlüssel von Moskau erhalten und erwarten in kürzester Frist die von Petersburg. Die russischen Damen haben für den Ball, den man im Palais der Eremitage geben wird, schon dreißigtausend Paar Tanzschuhe bestellt. Ein prächtiges, wundervolles Land, dieses Moskovien!«

»Sind Sie dort gewesen?« fragte Elim.

»Nein, ich bin nie dort gewesen; aber ich habe einen Bruder, der das Land sehr genau kennt. Denken Sie sich, daß die gewöhnlichen Schlossen, die wir Graupeln nennen, in der Dicke von Hühnereiern vom Himmel fallen. Dies ist eine kostbare Himmelsgabe, denn die Schlossen werden aufbewahrt und im Sommer zum Kühlen des Weines benützt. Noch merkwürdiger aber ist, daß man bei Reisen ins Gebirge – Sie wissen doch, daß Rußland ein sehr gebirgiges Land ist?«

»Nein,« erwiederte Elim, »das habe ich noch nicht gewußt.«

»Dann lernen Sie es von mir, Monsieur. Bei Reisen ins Gebirge bedient man sich sehr kleiner Pferde, Kawatschi genannt – was vermuthlich Katzen bedeutet, weil sie nicht größer als Hunde sind.«

»Ich fürchte nur,« entgegnete Elim, »daß Ihre Landsleute nichts zu essen finden in einem ohnehin schon armen Lande, welches, wie man wenigstens sagt, im Voraus verwüstet worden war.«

»Bagatelle,« antwortete der bramarbasirende Capitän. »Was ist der russische Winter für unsere Grenadiere, die bei dem Marsche über den St. Bernhard das Eis wie Candiszucker gegessen haben! Es war freilich aus dem Kriegszuge nach Italien – nach dem schönen Italien, das mit seinen Orangenwäldern und Lorbeerbüschen und Geißblattlauben nur Spanien zum Rivalen hat. Ach, Monsieur Navarsan, dort müßten Sie ein Landhaus haben, zwischen Granada und Sevilla, dem Schatten des Guadalquivir und an den malerischen Ufern der Sierra Morena.

»Sie sprechen mit großer Sachkenntniß von den Wäldern und Flüssen Spaniens,« sagte Elim lachend; »man sieht, daß Sie dort gewesen sind.«

»Nein, Monsieur, aber ich habe einen Onkel, der in Spanien Tabak einkaufte.«

Elim schüttelte den Kopf.

»In Rußland einzurücken,« sagte er, »ist nicht schwer, aber wieder herauszukommen.«

»Wie so?«

»Zwei furchtbare Schildwachen stehen an den Thoren Moskoviens: der Hunger und der Frost.«

Der Douanier brach in ein lautes höhnisches Gelächter aus.

»Sie sind gar zu gütig,« sagte er; »machen Sie sich deshalb keine Sorgen. Unsere Truppen führen ungeheure Merinoheerden in ihrem Gefolge.«

»Will der Kaiser Napoleon etwa Tuchfabriken in Rußland anlegen?« fragte der Fabrikant lachend.

»Nein,« antwortete der Capitän. »Wir haben, Gott sei Dank, genug an den holländischen Tuchfabriken. Nein, die Schafe werden geschlachtet und von den Soldaten verzehrt und aus den Fellen der geschlachteten Schafe werden Pelze gemacht. Uebrigens sind wir in Moskau —«

»In Moskau!« rief Elim von seinem Stuhl aufspringend.

»Allerdings in Moskau. Haben Sie nicht gehört, daß ich so eben sagte, wir haben die Schlüssel der Stadt?«

»Ich glaubte, es sei Scherz. Aber gewisse Scherze müssen ein Ende haben.«

»Bagatelle!« erwiederte der Capitän sein Lieblingswort voranschickend. »Sind Sie denn aus der Erde gekrochen, daß Sie diese Nachricht noch nicht erfahren haben? Die Einnahme von Moskau durch unsere Truppen bildet ja das Tagesgespräch.«

Van Naarvaessen hatte seinen werthen Gast durch die Nachricht von dem Falle Moskau’s nicht betrüben wollen; aber als ihn der junge Seemann fragend ansah, konnte er nicht umhin die Wahrheit zu gestehen.

»Ja,« sagte er in deutscher Sprache, »es ist wahr, Moskau ist in den Händen der Franzosen; aber die Russen sind stark und der Winter ist vor der Thür. Nur ruhig und gefaßt, Elim!«

Wie hätte aber der junge Patriot bei einer solchen Nachricht ruhig und gefaßt sein können?

Montane fuhr fort:

»Ja, Monsieur, und ehe wir Moskau nahmen, schlugen wir eine kleine Armee von fünfhunderttausend Mann unter Suwarow, oder Husakow, oder Huwasow, der Name ist mir nicht genau erinnerlich. Die Armee hatte ein Sapeurcorps, bestehend aus Greisen, von denen der jüngste neunzig Jahre alt war und deren Bärte bis zu den Knien herabreichten. Diese langen dicken Bärte machten die Panzer überflüssig, die Kugeln prallten daran ab wie an Eisenplatten. Mittags war die Schlacht gewonnen, und um zwei Uhr Nachmittags rückte Napoleon, nach russischer Sitte von Bojaren getragen, in Moskau ein. Am Kalugathore überreichte man ihm auf einer silbernen Schüssel ein sechs Centner schweres Brot und einen kleinen, fünfundzwanzig Fuß langen Walfisch, der im weißen Meere gefangen worden war.«

»Wissen Sie, wo das weiße Meer ist?« fragte Elim.

»Es liegt zwischen dem schwarzen und dem rothen Meere,« antwortete der Capitän.

»Es ist fünfzehnhundert Werste von Moskau,« setzte der junge Seemann hinzu.

»Es ist möglich,« entgegnete der Douanier, »daß es zur Zeit Peter des Großen so weit von Moskau entfernt war; aber zum Vortheil der Stadt Moskau, wo der Kaiser Napoleon den Winter zubringen und glänzende Feste veranstalten wird, hat er es bis auf Kanonenschußweite näher gerückt. Abends hat man unter dem Geläute aller Glocken einen Ball gegeben und Sie müssen wissen, daß in Moskau zwölftausend Glocken sind. Diese Musik machte einen großartigen Effect. Zwei Schwadronen Kosaken, die Tags vorher in Gefangenschaft gerathen waren, tanzten die Pliaska unter allgemeinem Beifall. Alle Fenster der Stadt waren erleuchtet. Die Einwohner waren so entzückt, daß sie in der Freude ihres Herzens fünfhundert Häuser in Brand steckten und daß drei Viertheile der Stadt eingeäschert wurden.«

»Wenn sie das gethan haben,« sagte Elim, »so geschah es in der Absicht, alle Franzosen in den Flammen umkommen zu lassen.«

In diesem Augenblicke erschien der Diener mit den englischen Zeitungen.

Van Naarvaessen , der sogleich ein Zeitungsblatt nahm, fand darin die Nachricht von dem Rückzuge der Franzosen.

Er reichte Elim die Zeitung.

»Moskau liegt in Trümmern,« sagte er in deutscher Sprache zu ihm; »aber Rußland ist gerettet, die Franzosen haben die Stadt verlassen.«

Elim las und reichte dem Capitän die Zeitung.

»Ich kann kein Englisch,« sagte dieser.

»Ich will Ihnen keine schlechte Nachricht ankündigen,« sagte Elim. »Lassen Sie sich von Jemand, der englisch versteht, diese zehn Zeilen übersetzen.«

Er stand vom Tische auf, um nicht in seinem Unwillen über eine neue Prahlerei des Gascogners in Versuchung zu kommen, die Schranken der Klugheit und Mäßigung zu überschreiten, und begab sich in sein Zimmer.

Kaum hatte sich Elim entfernt, so ersuchte der Capitän Montane den Herrn vom Hause, ihm in einer höchst wichtigen Angelegenheit eine geheime Unterredung zu bewilligen.

Van Naarvaessen gab seiner Frau und seiner Tochter einen Wink. Mutter und Tochter verließen mit Quentin das Zimmer und ließen ihn mit dem Capitän allein.

2.Der Tanz hat für die Franzosen einen unwiderstehlichen Reiz, und wie man sagt, besitzen sie das Geheimniß. Alles in Tact zu setzen. Ich glaube es, wenn ich sehe, wie diese großen Welteroberer sowohl Völker als Könige in die Runde tanzen lassen.

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30 kasım 2019
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