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Kitabı oku: «John Davys Abenteuer eines Midshipman», sayfa 17

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X

Sobald das Instrument, welches die Schiffsmannschaft zu den Waffen rief, seine melodischen Klänge erschallen ließ, erschienen alle am Bord befindlichen Personen auf – dem Verdeck; daraus entstand eine arge Verwirrung, welche mir die Nothwendigkeit strenger Disciplin zeigte. Ich ließ die ganze Mannschaft auf das Verdeck treten, rief die Passagiere auf das Hinterdeck und erklärte ihnen, daß die gefürchtete Windstille eingetreten sei. Dabei zeigte ich mit der einen Hand auf die schlaff herabbängenden Segel, mit der andern auf die schon deutlich sichtbare Feluke, welche durch Ruder in Bewegung gesetzt wurde. Es bleibe uns nun nichts übrig, als uns zum Kampf zu rüsten; denn in vier Stunden würden uns die Piraten einholen und unser Schiff entern, wenn sich nicht unverhofft der Wind wieder aufmachte und uns die Möglichkeit der Flucht eröffnete. Die Kaufleute würden vielleicht feig gewesen sein, wenn sie nur für ihr Leben gefürchtet hätten: aber sie hatten ihre Waaren zu vertheidigen, und sie waren muthig wie Löwen.

Es wurde daher beschlossen, mir das Commando zu übertragen und den Capitän jeder Verantwortung zu entheben. Ich benutzte daher diese entschiedene Stimmung und theilte einige Passagiere, welche die kräftigsten und muthigsten zu sein schienen, den Kämpfenden zu; die übrigen beauftragte ich unter Leitung eines Matrosen, der Geschützmeister auf einem sardinischen Schiffe gewesen war, Zündpulver zu bereiten und Patronen anzufertigen. Aber vergebens suchte ich Apostoli zu zwingen, mit den Letzteren hinunterzugehen; zum ersten Male widersetzte er sich meinem Willen, er wollte durchaus bei mir bleiben. Ich behielt ihn daher als Adjutant auf dem Verdeck.

Als diese Theilung stattgefunden hatte und das Verdeck von einem Theile der Passagiere geräumt war, nahm ich das Sprachrohr, um voraus zu wissen, ob meine Befehle ordentlich zur Ausführung kommen würden, setzte es an den Mund und rief:

»Achtung!«

Sogleich hörte jedes Geräusch auf und Alle warteten. Ich commandirte weiter:

»Ein Mann in den Mastkorb, um den Wind zu beobachten! – Gepäck und Hängematten in das Netzwerk der Schanzkleidung! – Die Waffen auf das Verdeck!«

In demselben Augenblicke kletterte ein Mann mit der Behendigkeit eines Affen an der Strickwand des Hauptmastes zum Mastkorbe hinauf; die übrigen verschwanden durch die Luken, kamen aber sogleich wieder mit ihren Hängematten, welche sie an der Schanzkleidung befestigten und mit getheerter Leinwand bedeckten. Unterdessen ließ der-Hochbootsmann die Gewehre in mehre Pyramiden zusammenstellen und die Säbel und Aexte in mehre Haufen vertheilen.

Alles dies geschah wohl nicht so schnell wie am Bord eines Kriegsschiffes; aber ich sah doch mit Vergnügen, daß keine Verwirrung dabei entstand; dies gab mir gute Hoffnung für die Zukunft. Ich sah Apostoli an, der unter dem Besanmast saß und mir mit seinen sanfte wehmüthigen Lächeln antwortete.

»Nun, mein braver Hellene,« sagte ich zu ihm, »wir werden also gegen Brüder, Athener gegen Messenier, kämpfen?«

»Ach ja,« antwortete Apostoli, »leider ist es so; aber hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo sich alle Kinder der gemeinsamen Mutter und alle Bekenner des gemeinsamen Glaubens zusammenscharen werden, um die Unterdrücker zu bekämpfen.«

»Glaubst Du wirklich?« erwiederte ich zweifelnd.

»O gewiß!« sagte Apostoli mit dem Eifer der Ueberzeugung. »Die Panagia [Die heilige Jungfrau.] kann ihre Kinder nicht verlassen haben. Und wenn die Zelt kommt, werden dieselben Piraten, welche jetzt die Schmach und der Schrecken des Archipels sind, sein Ruhm und seine Ehre sein; denn sie sind nicht durch eigene Wahl, sondern durch die Unterdrückung und durch die Noth dazu getrieben worden.«

»Du bist sehr nachsichtig gegen deine Landsleute, Apostoli!« – Dann sagte ich zu dem Hochbootsmann, der meine weiteren Befehle erwartete: »Wählen Sie die zur Bedienung der beiden Steinböller und des Achtpfünders tauglichen Leute, und lassen Sie die Enterhaken an die Raaen hängen!«

»Und Du bist sehr streng, John,« antwortete mir Apostoli; »denn Du beurtheilst, wie alle Franken, die übrigen Völker immer von dem Standpunkte der europäischen Civilisation. Du weißt nicht, was wir seit vier Jahrhunderten leiden; Du weißt nicht, daß uns seit vier Jahrhunderten nichts gehört, weder das Vermögen unserer Väter noch die Ehre unserer Töchter; Du weißt nicht, daß es nur für diese Seeadler eine Freiheit gibt; sie stürzen sich auf ihre Beute und verbergen sich dann in ihren Horsten, welche dem türkischen Despotistnus unerreichbar sind. So ist es mit jedem unterdrückten Volke. Spanien hat seine Guerillas, Calabrien seine Räuber, das griechische Gebirge seine Klepythen, der Archipel seine Piraten. Sobald der Tag der Freiheit kommt, werden sie nützliche Staatsbürger.«

Ich lächelte zweifelnd.

»Höre, John,« setzte Apostoli hinzu und legte seine Hand auf meinen Arm, »merke wohl, was ich Dir sage: Wenn Du aus deinem Vaterland verbannt bleibst, so wähle Griechenland zur Heimat; die Griechen sind mitleidig und hochherzig wie alle Menschen, die zu Leiden und Armuth verurtheilt sind. Und bald wirst Du hören, wie der Freiheitsruf von Berg zu Berg, von Insel zu Insel erschallen wird; dann wirst Du der Freund, der Waffenbruder derselben Leute werden, gegen welche Du jetzt rüstest; Du wirst in einem Zelte mit ihnen ruhen, aus einem Glase trinken, dein Brot mit ihnen theilen.

»Und wann wird diese ersehnte Zeit kommen?« sagte ich.

»Das weiß Gott!« antwortete Apostoli; »aber lange kann sie nicht mehr ausbleiben, denn das Volk erwartet sie seit vierhundert Jahren. Je älter die Unterdrückung, desto näher ist die junge Freiheit.«

»Es ist geschehen, Capitano,« sagte der Contromastro; »haben Sie sonst etwas zu befehlen?«

»Der Zimmermann oder Kalfaterer – wenn ein solcher am Bord ist – soll die Taue rings um das Schiff befestigen und Klammern und Gürtel daran festbinden, um nöthigenfalls, wenn das Schiff leck wird, sogleich kalfatern zu können. Und wenn dies geschehen ist, soll er hölzerne Stöpsel, Werg und Bleiplatten in Bereitschaft halten. Auch Körbe und leichte Gepäckstücke müssen bereit sein, um ins Meer geworfen zu werden, falls Jemand über Bord fällt.«

Während diese Befehle vollzogen wurden, warf ich einen Blick auf die immer größer werdende Feluke.

»Habt Ihr Wind da oben?« rief ich zum Mastkorbe hinauf.

»Nein, Signor,t antwortete der Matrose, »kein Lüftchen weht. Wenn uns die kleine schwarze Wolke, die dort hinter Skyros aufsteigt, keinen Wind bringt, so werden wir wohl den ganzen Tag nicht von der Stelle kommen.«

Ich bemerkte wirklich am Horizont eine dunklen Punkt, den man auf dem Verdeck für eine Klippe hätte halten können. Es war eine geringe Hoffnung. In unserer Lage war ein Sturm weniger zu fürchten als ein Kampf mit den Piraten; ich würde ein paar Stunden Wind um jeden Preis gekauft haben.

»Was glauben Sie,« fragte ich den Hochbootsmanm »wie lange die Feluke noch braucht, um uns einzuholen?«

»Etwa drei Stunden, Signor.«

»Ja, ja, das glaube ich auch. – Lassen Sie Kannen mit Trinkwasser auf das Verdeck stellen, damit sich die Leute, ohne von ihren Posten zu gehen, während des Kampfes erfrischen können.«

»Sehr wohl, Signor.«

»Bruder,« sagte Apostoli zu mir, »die Feluke scheint eine andere Richtung zu nehmen. Vielleicht hat sie es nicht auf uns abgesehen.«

Ich nahm schnell das Fernrohr und richtete es auf die Feluke; sie schien wirklich auf das Cap Porto Petëra, im Alterthum Methymna genannt, lossteuern zu wollen.

»Wahrhaftig, Du hast Recht!« sagte ich. »Lieber Apostoli, ich wünsche von Herzen, daß ich mich geirrt; ich würde deinen Landsleuten mit Vergnügen Abbitte thun. Was sagen Sie dazu?« fragte ich den Hochbootsmann, der den Kopf schüttelte.

»Die Freibeuter werden die schwarze Wolke gesehen haben und Wind wittern; ohne Zweifel wollen Sie uns den Weg nach Mitylene abschneiden.«

»Sie haben Recht, Contromastro; ich weiß nicht, wo ich meinen Kopf hatte, daß ich die Absicht nicht errieth. Ja, ja, sie wollen uns hindern, das Land zu erreichen. – Und kein Lüftchen?«

»Nein, Capitän.«

»Nun, dann wollen wir in Gottes Namen warten.«

Wir warteten vier Stunden, denn der Umweg, den die Piraten machen mußten, hatte uns Zeit gewonnen. Sie hatten einen Halbkreis beschrieben und wandten uns nicht mehr die Steuerbordseite, sondern die Backbordseite zu; sie waren indeß noch etwa drei Seemeilen entfernt, als der Matrose im Mastkorbe rief:

»Ohe! ein schwacher Windstoß!«

Ich sprang rasch auf.

»Von welcher Seite?« rief ich hinauf.

Der Matrose wartete einen Augenblick, um eine genaue Antwort geben zu können; dann antwortete er:

»Westsüdwest.«

»Nun?« fragte Apostoli.

»Lieber Freund, der Wind könnte uns nicht ungünstiger sein, und ich fange an zu glauben, daß die Piraten mit dem Teufel im Bunde sind. Es bleibt uns nichts übrig, als das Schiff zu wenden und vor dem Winde zu fliehen, wenn wir auch wieder umkehren müssen. – Ohe! rief ich dem Matrosen im Mastkorbe zu, »wird der Wind stärker?«

»Ja, Signor.«

»John!» sagte Apostoli hastig, »die Feluke ändert ihre Richtung.«

Ich nahm das Fernrohr wieder zur Hand. Die Feluke wurde blos mit Hilfe ihrer Ruder und ihres Steuers gewendet, und als ob die Piraten unsere Absicht errathen hätten, schickten sie sich an, uns den Wind abzugewinnen.«

»Sie verstehen das Commando zu führen, Signor,« sagte der Contromastro zu mir; »aber der Capitän der Feluke scheint auch ein tüchtiger Seemann zu sein.«

»Das mag sein, aber ich hoffe, daß wir ihm zuvorkommen werden.«

Ich ertheilte meine Befehle zum Wenden; das Manöver wurde mit großer Schnelligkeit ausgeführt.

»Die »Bella Levantina« segelt!« riefen die Matrosen erfreut.

Das Schiff ging einige Minuten über Steuer, dann fing es mit den ausgespannten Segeln den Wind auf und fuhr auf Lemnos zu. Ich beobachtete die Feluke, welche inzwischen auch ihre Segel aufgesetzt hatte. Die beiden Schiffe segelten nun in fast paralleler Richtung.

Wir waren der Feluke so nahe gekommen, daß man die Einzelheiten selbst mit unbewaffnetem Auge beobachten konnte.

Es war ein wahres Raubschiff, langgestreckt wie eine Pirogue, mit zwei etwas nach vorn geneigten Masten; die beiden dreieckigen (sogenannten lateinischen) Segel waren mit der breiten Seite an einer Raa befestigt, welche länger war als der Mast. Die Feluke führte zwei Kanonen auf dem Vorderdeck und vierundzwanzig Steinböller, welche im Dahlbord auf gabelbeinigen Stützen ruhten. Die Ruderer, deren griechische Mützen wir deutlich sahen, saßen nicht auf Bänken, sondern auf den Querbalken der Luken und stützten ihre Füße auf andere zu diesem Zwecke angebrachte Querhölzer. Da der Wind noch schwach war, so war uns die Feluke an Schnelligkeit weit überlegen, und ich sah wohl, daß wir ihr auf Pistolenweite in den Wurf kommen mußten.

Ich ließ nun unsere drei Kanonen an den Steuerbord bringen, die Schießgewehre, Aexte und Säbel unter der Mannschaft und den Passagieren vertheilen, einige Kisten mit Patronen auf das Verdeck tragen und schickte ein Dutzend Matrosen zu den Marsen hinaus, um von oben zu feuern.

Diesen Vorkehrungen folgte eine kurze erwartungsvolle Stille. Die schwarze Wolke hatte sich unterdessen von Skyros über den ganzen südlichen Horizont verbreitet und drohte ein Gewitter zu werden. Ein warmer flatternder Wind wehte; hohe Wellen, welche aus der Tiefe aufzusteigen schienen, bedeckten das Meer mit zitterndem Schaum; aber alle diese Anzeichen, welche wir zu einer andern Zeit sorgfältig beobachtet haben würden, fanden keine Beachtung in der weit größern Gefahr.

Die beiden Schiffe kamen unmerklich näher, ohne daß das eine oder andere bedeutend im Vortheil zu sein schien; sie waren nur noch eine Seemeile von einander entfernt, und man sah auf dem Verdeck der Feluke ganz deutlich, wie die Mannschaft, welche etwa doppelt so stark wie die unserige zu sein schien, ihrerseits die letzten Vorbereitungen zum Kampf traf.

Es war also nicht zu bezweifeln, es waren Piraten, die es aus uns abgesehen hatten. Die Freibeuter waren überdies bald darauf bedacht, jeden Zweifel zu haben; denn plötzlich bedeckte sich der Dahlbord der Feluke mit Rauch, und ehe der Knall hörbar wurde, schlug ein Kartätschenhagel einige Schritte von der »Bella Levantina« ins Meer. Die Piraten hatten in ihrer Raublust die Entfernung schlecht berechnet und aus zu großer Entfernung geschossen.

»Mit Ihrer Erlaubniß, Signor,« sagte der Contromastro zu mir, »möchte ich den Gruß der Rothkappen erwiedern. Diese Person hier,« sagte er, die eine Hand auf die Kanone legend, »ist sehr wohl erzogen: sie spricht nur selten, aber jedes Wort, das aus ihrem Munde kommt, ist besser als das Geschnatter, welches wir so eben gehört haben.«

»Nun, so lösen Sie ihr die Zunge,« erwiederte ich; »denn ich möchte auch hören, ob sie in gewählten Ausdrücken zu sprechen weiß. Ich vermuthe, daß Sie ihr Hofmeister gewesen sind, und zweifle nicht, daß sie Ihnen Ehre machen wird.«

»Sie erwartet nur Ihren Befehl, Signor.«

»Richten Sie sie nur gerade auf den Rumpf der Feluke.«

Der Hochbootsmann schob seine Kanone in die Stückpforte, zielte und commandirte Feuer.

Der mit der brennenden Lunte bereitstehende Matrose feuerte die Kanone ab und die Kugel schlug mitten unter die Ruderer.

»Bravo, Contromastro!« sagte ich; »Sie legen alle Ehre ein mit Ihrem Zögling. Aber Sie werden’s hoffentlich nicht dabei bewenden lassen?«

»O nein, Signor,« antwortete der Steuermann, der dieser Schießübung Geschmack abzugewinnen schien. »Rosalia – so habe ich sie zu Ehren der Schutzpatronin von Palermo getauft – Rosalia ist wie meine selige Mutter: wenn sie einmal angefangen hat zu sprechen, so kann sie nicht mehr schweigen.«

Während die Kanone wieder geladen wurde, stieg eine neue Rauchwolke aus den Flanken der Feluke auf, und da die beiden Schiffe einander näher gekommen waren, so hörte man die Kartätschen im Takelwerk rasseln; in demselben Augenblicke fiel ein Matrose vorn Mastkorbe auf die Strickwand des Hauptmastes und von da auf das Verdeck. Die Piraten, welche die Wirkung des Schusses sahen, jubelten laut.

Aber der Tod, der die »Bella Levantina« heimsuchte, kehrte mit der Kugel des Contromastro an Bord der Feluke zurück, und dem Freudengeschrei folgten lange Flüche. Die Kugel hatte zwei Piraten getödtet.

»Immer besser, Contromastro,« sagte ich. »Aber die beiden Steinböller sind ja stumm wie die Fische; sollen sie denn nicht auch ihre Stimme hören lassen?«

»Sogleich, Signor! Es ist noch nicht Zeit. Pazienza pazienza! wie wir Sicilianer sagen. – Gehet doch hinter die Wand,« rief er der Mannschaft zu; »es wird gleich wieder ein Hagelschauer kommen.«

Ein neuer Kartätschenhagel schlug auf das Verdeck und streckte einen unserer Leute zu Boden; zwei andere wurden verwundet.

Die Piraten brachen in ein neues Jubelgeschrei aus; aber wie das erste Mal wurde dasselbe durch das Feuer unserer Steinböller und unseres Achtpfünders unterbrochen. Drei Ruderer fielen, wurden aber sogleich ersetzt, so daß der rasche Lauf der Feluke nicht verzögert wurde.

Wir gewannen indeß die Ueberzeugung, daß es den Piraten nicht gelingen werde, die »Bella Levantina« zu entern. Das Gewitter betheiligte sich nun andern Kampfe; der Donner fing an zu grollen und der immer stärker werdende Wind gab unserem Schiffe einen glücklichen Impuls.

»Jetzt Muth gefaßt!« rief ich der Mannschaft zu. »Ihr sehet, daß uns der Himmel günstig ist und daß uns das Gewitter wie mit der Hand vorwärts schiebt. Bis jetzt haben uns die Freibeuter noch keinen großen Schaden gethan, denn etwas Fleisch und Knochen können wir eher verlieren als Holz.«

»Nur pazienza, Signor,« sagte der Steuermann, der inzwischen seine Feuerschlünde wieder gerichtet hatte. »Feuer!«

Die Schüsse krachten von beiden Schiffen zugleich. Ich hörte einige Klagelaute; ich sah mich um und erblickte zwei Mann, die mit dem Tode rangen. – Ich rief zwei Matrosen.

»Wir dürfen die Todten nicht hier liegen lassen, sie hindern und entmuthigen die Kämpfenden,« sagte ich leise zu ihnen; »traget die Leichen hinunter und werfet sie auf der Backbordseite in’s Meer, damit es die Piraten nicht sehen.«

Die beiden Matrosen gehorchten und ich beobachtete die Feluke.

Die beiden Schiffe waren einander so nahe gekommen, daß ein kräftiger Mann einen Stein von einem Bord zum andern hätte werfen können. Es war nun Zeit, das Gewehrfeuer zu beginnen. Der Befehl, den ich gab, wurde sofort von dem Anführer der Piraten wiederholt, und die Kugeln pfiffen hinüber und herüber.

Die Ruderer der Feluke boten alle Kräfte auf; aber der Wind kam uns zu Hilfe und wir gewannen einen kleinen Vorsprung. Sie schickten uns nun in einer Entfernung von kaum vierzig Schritten einen furchtbaren Kartätschenhagel zu, den wir mit unseren drei Kanonen und mit unseren Gewehren beantworteten. Dann lenkten sie in unsere Spur ein und fingen an Jagd auf uns zu machen.

Gleich daraus feuerten sie ihre beiden großen Kanonen ab; eine Kugel schlug dicht über dem Wasserspiel in unser Hintercastell, die andere durchlöcherte zwei Segel.

»Können Sie denn Ihre Rosalia nicht auf das Hinterdeck bringen lassen?« fragte ich den Steuermann.

»Ja wohl, Signor, wir sind schon dabei. – Vorwärts, Du Faulpelz!« sagte er zu einem Matrosen, dem der Daumen der rechten Hand durch eine Kartätschenkugel zerschmettert worden war; »hilf ein bischen schieben, Du kannst nachher deine Hand schütteln so viel Du willst. – So ist’s gut!«

Aber man hatte nicht Zeit die Kanone wieder zu laden; ein treuer Schuß fiel und gleich darauf krachte es über mir.

»Nehmen Sie sich in Acht, Capitano!« riefen mehre Stimmen- Ich schaute hinauf.

Die Bramstange des Besanmastes war durchschossen und neigte sich unter der Last ihrer Segel nach der Steuerbordseite. Zugleich wurde das Hinterdeck mit Segeltuch, Holz und Tauwerk bedeckt, und das Schiff, seiner beiden wichtigsten Segel beraubt, kam nun nicht mehr mit der bisherigen Schnelligkeit von der Stelle.

»Alles abgehauen!« rief ich, ohne das Sprachrohr an den Mund zu setzen; »Alles gekappt – und ins Meer!«

Die Matrosen, welche die Dringlichkeit dieser Maßregel einsahen, stürzten sich auf das Tauwerk und kappten mit Aexten, Säbeln und Messern alle Taue und Leinen,« welche die Kreuzstange am Besanmast festhielten. Dann warfen sie den ganzen unbrauchbaren Plunder über Bord.

Trotz der Schnelligkeit, mit welcher dieser Befehl vollzogen wurde, erkannte ich an der langsamen Fortbewegung des Schiffes, daß das Entern nicht zu vermeiden war. Ich sah mich um und bemerkte, daß unser Verlust nicht groß war; drei bis vier Matrosen waren todt, eben so viele kampfunfähig. Die übrigen Wunden waren leicht, so daß wir, mit Inbegriff der Passagiere, noch gegen dreißig wehrhafte Männer waren. Ich gab Befehl die Patronenmacher herzuholen und sagte dann zu Apostoli, der keinen Augenblick von meiner Seite gegangen war:

»Bruder, wir haben uns nach Kräften vertheidigt. Jetzt ist’s zu spät, uns zu ergeben; was wird uns geschehen, wenn wir gefangen werden?«

»Wir werden niedergesäbelt oder gehängt,« antwortete der junge Grieche gelassen.

»Aber Du als Grieche wirst doch mit dem Leben davonkommen? Es sind ja deine Landsleute.«

»Um so weniger darf ich auf Schonung zählen. Die Piraten erhören selten Einen, der in ihrer Sprache um Gnade bittet.«

»Wenn das ist,« sagte ich, »so laß Dir eine brennende Lunte geben, und wenn ich Dir zurufe: Es ist Zeit! so steige durch die Luke am Hinterdeck hinunter und schleudere die Lunte in die Pulverkammer.«

»Gut,« antwortete Apostoli mit seinem sanften wehmüthigen Lächeln, als ob ich ihm eine ganz gewöhnliche Weisung gegeben hätte;»es soll geschehen.«

Ich reichte ihm die Hand; er sank in meine Arme.

Dann ergriff ich eine Axt, setzte das Sprachrohr an und rief aus allen Kräften:

»Das Steuer ganz gegen den Wind! – Jedermann halte sich zum Entern bereit!«

Der Befehl wurde schnell vollzogen, und die »Bella Levantina«, statt länger noch vor dem Winde zu fliehen, wandte sich langsam und kehrte der sich rasch nähernden Feluke die Flanke zu. Diese fuhr mit ihrem Bugspriet in die Strickwand unseres Besanmastes und zertrümmerte durch den heftigen Zusammenstoß einen Theil unserer Schiffswand. Zugleich krachte eine so furchtbare Geschützsalve, daß die »Bella Levantina« erbebte; die Piraten feuerten ihre zwölf Steinböller ab. Zum Glück hatte ich gesehen wie sich die Lunten senkten und Zeit gehabt, den Umstehenden zuzurufen: »Werfet Euch zu Boden!«

Wer mir folgte, blieb unversehrt, wer meinen Warnungsruf nicht gehört hatte, wurde von den Kartätschen niedergeschmettert. Als wir uns wieder aufgerichtet, sahen wir durch den Pulverrauch die Piraten, welche, Dämonen gleich, von ihren Segelstangen herabkletterten, von ihrem Bugspriet stiegen, oder von ihrem Bord auf den unsrigen sprangen. Es war nun kein Befehl mehr zu geben, keine Vorschrift mehr zu befolgen; ich sprang einige Schritte vorwärts und schlug den ersten Freibeuter, der mir in den Wurf kam, mit der Axt nieder.

Es wäre unmöglich, die nun folgende Greuelscene zu beschreiben. Jeder unternahm einen Einzelkampf auf Tod und Leben. Apostoli hatte meine Pistolen, denn er war zu schwach, um Säbel oder Art zu führen, und zweimal sah ich meinen Gegner durch einen Schuß fallen, den ich nicht abgefeuert. Ich stürzte mich wie rasend in das Kampfgewühl, denn ich wollte unsere leicht vorauszusehende Niederlage nicht überleben; aber wunderbarer Weise war ich nach einer Viertel- stunde des wüthendsten Kampfes noch unverletzt.

In diesem Augenblicke stürzten zwei Piraten zugleich auf mich los. Der eine mochte höchstens achtzehn Jahre alt sein, der andere war ein Vierziger. Den Erstern traf ich mit der Art oben am Schenkel; er stürzte mit einem Schrei zu Boden. Ich stürzte auf den Andern los, um ihm den Kopf zu spalten; aber mit der einen Hand faßte er schnell den Stiel meiner Waffe und mit der andern versetzte er mir einen Dolchstoß, der glücklicherweise meinen mit Goldstücken gefüllten Gürtel traf. Um die Wiederholung des Stoßes zu verhindern, umfaßte ich meinen Gegner mit beiden Armen, und während ich ihn fest an mich drückte, sah ich mich auf dem Verdeck um, Die Piraten drangen auf allen Seiten vor. – »Es ist Zeit!« rief ich Apostoli zu, der sogleich durch die Luke am Hinterdeck verschwand.

Der Pirat war ein sehr starker Mann, aber ich war ihm an Gewandtheit überlegen. Wir kamen immerfort mit einander ringend an eine Stelle, wo die Brustwehr durch den Zusammenstoß der beiden Schiffe zerbrochen war; und da wir diese Bresche nicht bemerkten, so fielen wir ins Meer, ohne daß uns Jemand beachtete.

Kaum waren wir im Wasser, so fühlte ich, daß der Pirat seinen Arm losmachte. Ich ließ, dem Triebe der Selbsterhaltung folgend, ebenfalls meinen Gegner los, schwamm eine Weile unter dem Wasser und tauchte erst einige Schritte hinter der »Bella Levantina« wieder auf.

Zu meinem Erstaunen flog das Schiff nicht in die Luft; denn ich kannte Apostoli zu gut, als daß ich hätte fürchten können, er werde meinen Befehl nicht vollziehen. Ich wartete einige Secunden, und da die erwartete Explosion nicht erfolgte, so dachte ich, meinem armen Freunde könne ein Unfall zugestoßen sein.

Die Piraten waren nun völlig Herren des Schiffe; ich benützte daher die eintretende Dämmerung, um mich schwimmend zu entfernen und wo möglich ein etwa zwei Meilen entferntes kleines Eiland zu erreichen. Ich schwamm so viel als möglich unter dem Wasser, um mich den Blicken der Piraten zu entziehen; ich tauchte nur von Zeit zu Zeit auf, um Athem zu holen. Allein trotz aller Vorsicht war ich doch bemerkt worden; das bewiesen einige nicht weit von mir ins Wasser schlagende Kugeln. Aber keine traf mich, und ich befand mich bald außer Schußweite.

Meine Lage war indeß sehr mißlich. In ruhiger See würde ich die zwei Seemeilen ohne große Anstrengung zurückgelegt haben; aber die Wellen gingen immer höher, der Donner grollte und von Zeit zu Zeit verbreiteten die leuchtenden Blitze eine furchtbare Helle über der weiten Wasserwüste.

Ueberdies wurde ich durch meine Kleider, insbesondere durch die Fustanella, in meinen Bewegungen gehindert. Nach einer halben Stunde begannen meine Kräfte zu schwinden, ich sah ein, daß ich verloren war, wenn ich mich dieser unbequemen Last nicht entledigte; ich legte mich daher auf den Rücken, und mit großer Mühe gelang es mir die Schnüre meiner Fustanella zu zerreißen. Ich streifte sie ab und schwamm weiter.

Eine halbe Stunde hielt ich’s noch aus; aber die Wellen gingen immer höher, meine Kräfte schwanden immer mehr. Es waren nicht, wie bei gewöhnlichem Wetter, die Fluten zu durchschneiden, ich mußte mich von den Wellen bald in die Höhe treiben bald in die Tiefe schleudern lassen.

Einmal, als ich auf einem dieser Wasserberge war, leuchtete ein Blitz und ich sah rechts in noch großer Entfernung das Felseneiland. Ich hatte die Richtung verloren; wie sollte ich das Eiland erreichen? Ich war zu ermüdet, es schien unmöglich.

Ich schwamm auf dem Rücken, um mich auszuruhen; aber es war zu entsetzlich, kopfüber in diese dunklen nassen Thäler geschleudert zu werden. Ich fühlte heftige Beklemmungen und Ohrensausen, meine Bewegungen wurden unregelmäßig, es drängte mich in meiner Angst um Hilfe zu rufen, obgleich ich wohl wußte, daß nur Gott mich hören könnte. Alle meine Erinnerungen traten nun wie Traumbilder vor meiner Seele. Ich sah meine Eltern und Tom, den Capitän Stanbow, James, Bob, Burke; manche Dinge, an die ich Jahre lang nicht gedacht hatte, schwebten mir so lebhaft und deutlich vor, als ob sie sich erst gestern ereignet hätten; andere schienen mir Offenbarungen aus einer andern Welt. Von Zeit zu Zeit fühlte ich, daß die Fluten über mich hinweggingen – mit unerhörter Anstrengung arbeitete ich mich dann wieder empor – ich sah den Himmel wieder, er schien mir schwarz und mit blutrothen Sternen besäet. Ich schrie laut auf, und es schien mir, als ob mir Stimmen antworteten.

Endlich waren meine Kräfte zu Ende.

Ich hob mich bis an den Leib aus dem Wasser und sah mich mit Entsetzen um. In diesem Augenblicke sah ich in dem grellen Lichte eines Blitzes einen Gegenstand, der einem Felsen ähnlich war, aber von dem Kamme einer Welle in die Tiefe, in meine Nähe geschleudert wurde, Zugleich hörte ich deutlich meinen Namen rufen. Ich wollte antworten, aber mein Mund füllte sich mit Wasser. Es schien mir, als ob ich von einem Tau ins Gesicht geschlagen würde; ich faßte es mit den Zähnen, dann mit den Händen. Eine Bewegkraft zog mich fort; ich ließ es willig geschehen – dann fühlte ich nichts mehr: ich war ohnmächtig.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, befand ich mich in der Cajüte der Bella Levantina« und Apostoli saß vor meiner Hängematte.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
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