Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 45
Balsamo antwortete nicht, es hatte ihn ein tiefes Erstaunen ergriffen.
Althotas berührte eine andere Muskel, und statt des Auges, das sich wieder geschlossen hatte, öffnete sich das Maul und ließ weiße, spitzige Zähne sehen, an deren Wurzeln das rothe Fleisch wie im Leben zitterte.
Balsamo wurde bange und er konnte seine Aufregung nicht verbergen.
»Oh! das ist seltsam,« sagte er.
»Siehst Du, wie wenig der Tod ist,« sprach Althotas triumphirend über das Erstaunen seines Zöglings, »ein armer Greis, wie ich, der ihm bald angehören wird, macht, daß er von seinem unerbittlichen Wege abgeht.«
Und plötzlich fügte er mit einem scharfen, nervigen Lachen bei:
»Nimm Dich in Acht, Acharat, das ist ein Hund, der Dich so eben beißen wollte, und Dir nun nachlaufen wird; nimm Dich in Acht.«
Der Hund erhob sich in der That mit seinem durchschnittenen Halse, seinem aufgesperrten Rachen und seinem bebenden Auge rasch auf seine vier Pfoten und schwankte mit dem häßlich hängenden Kopfe auf seinen Beinen.
Balsamo fühlte, wie seine Haare sich sträubten, der Schweiß lief ihm von der Stirne, und er wich zur Eingangsthüre zurück, unentschlossen, ob er fliehen oder bleiben sollte.
»Ruhig, ruhig, Du sollst nicht vor Angst sterben, während ich Dich zu belehren suchte,« sprach Althotas, indem er den Leichnam und die Maschine zurückstieß; »genug der Experimente.«
Sogleich fiel der Leichnam, der mit der Säule im Rapport zu stehen aufhörte, wieder nieder und blieb unbeweglich ausgestreckt.
»Hättest Du das vom Tod geglaubt, Acharat, hättest Du geglaubt, er wäre von so guter Beschaffenheit, sprich?«
»Seltsam, in der That seltsam,« versetzte Acharat, indem er sich dem Greise wieder näherte.
»Du siehst, daß man zu dem gelangen kann, was ich sagte, mein Kind, und daß der erste Schritt gethan ist. Was heißt es, das Leben verlängern, da man bereits den Tod zu vernichten vermag?«
»Aber man vermag es noch nicht,« entgegnete Balsamo, »denn das Leben, das Ihr ihm gegeben habt, war nur ein scheinbares.«
»Wenn uns die Zeit gegönnt ist, werden wir das wirkliche Leben finden. Hast Du nicht in den römischen Dichtern gelesen, daß Cassideus den Leichnamen das Leben zurückgab?«
»Ja, in den Dichtern.«
»Die Römer nannten die Dichter vates; vergiß das nicht, mein Freund.«
»Sagt mir jedoch . . .«
»Abermals ein Einwurf?«
»Ja.«
»Wenn Euer Elixir zusammengesetzt wäre und Ihr diesen Hund davon nehmen ließet, so würde er also ewig leben?«
»Ganz gewiß.«
»Und wenn er in die Hände eines Erperimentenmachers wie Ihr fiele, der ihn erwürgte?«
»Gut, gut,« rief der Greis freudig und seine Hände an einander schlagend, »hier erwartete ich Dich.«
»Wenn Ihr mich hier erwartetet, so antwortet mir.«
»Das will ich gern.«
»Wird das Elixir einen Kamin verhindern, auf einen Kopf zu fallen, eine Kugel, einen Menschen zu durchbohren, ein Pferd, mit einem Fußschlage den Bauch seines Reiters zu öffnen?«
Althotas schaute Balsamo mit demselben Auge an, mit dem ein Fechter seinen Gegner bei einem Stoße, der ihm denselben zu treffen gestattet, anschauen muß.
»Nein! nein, nein!« sagte er, »Du bist in der That ein Logiker, mein lieber Acharat. Nicht der Kamin, nicht die Kugel, nicht der Fußtritt werden sich vermeiden lassen, so lange es Häuser, Flinten und Pferde gibt.«
»Es ist wahr, Ihr werdet die Todten auferwecken.«
»Für den Augenblick, ja; für das Unendliche, nein. An diesem Behufe müßte ich vor Allem die Stelle des Körpers finden, wo die Seele ihren Sitz hat, und dies könnte ein wenig lange dauern; doch ich werde die Seele hindern, aus dem Körper durch die Wunde zu gehen, welche gemacht worden ist.«
»Wie dies?«
»Indem ich sie verschließe.«
»Selbst wenn diese Wunde eine Pulsader durchschneidet?«
»Ganz gewiß.«
»Ah! das möchte ich sehen.«
»Nun, so schau,« sprach der Greis.
Und ehe Balsamo ihn zurückhalten konnte, stach er sich mit einer Lancette in die Ader des linken Armes.
Es war so wenig Blut in dem Körper des Greises übrig, und dieses Blut rollte so langsam, daß es einiger Zeit bedurfte, bis es an die Lefzen der Wunde kam. Doch endlich kam es, und sobald dieser Gang geöffnet war, floß es reichlich.
»Großer Gott!« rief Balsamo.«
»Nun! was?« sagte Althotas.
»Ihr seid schwer verwundet.«
»Da Du wie der heilige Thomas bist und nur glaubst, was Du siehst und fühlst, so muß ich Dich sehen und fühlen lassen.«
Er nahm eine kleine Phiole, welche im Bereiche seiner Hand stand, goß einige Tropfen auf die Wunde und sprach:
»Schau nun.«
Vor diesem Wasser, das eine beinahe magische Wirkung hatte, trat das Blut zurück, das Fleisch zog sich, zusammen, schloß die Ader, und die Wunde wurde ein zu enger Stich, als daß das fließende Fleisch, welches man das Blut nennt, hätte durchsickern können.
Balsamo betrachtete den Greis mit dem größten Erstaunen.
»Das habe ich abermals gefunden; was sagst Du dazu, Acharat?«
»Oh! ich sage, Meister, daß Ihr der gelehrteste Mensch seid.«
»Und daß ich dem Tod, wenn ich ihn nicht gänzlich besiegt, wenigstens einen Schlag beigebracht habe, von dem er sich nicht so leicht wieder erheben wird. Siehst Du, mein Sohn, der menschliche Körper hat schwache Knochen, welche brechen können: ich werde diese Knochen so hart Machen wie Stahl. Der menschliche Körper hat Blut, das wenn es ausfließt, das Leben mitnimmt: ich werde das Blut verhindern, aus dem Körper zu fließen. Das Fleisch ist weich und leicht zu verletzen: ich werde es unverwundbar machen wie das der Paladine des Mittelalters, auf welchem sich die Spitze der Degen und die Schneide der Aexte abstumpften. Hiezu bedarf es nur eines Althotas, der dreihundert Jahre lebt. Nun! gib mir, was ich von Dir verlange, und ich werde tausend leben. Oh! mein lieber Acharat, das hängt von Dir ab. Gib mir meine Jugend, gib mir die Kraft meines Körpers, gib mir die Frische meiner Gedanken zurück, und Du wirst sehen, ob ich das Schwert, die Kugel, die einstürzende Mauer, das beißende oder niederwerfende Thier fürchte. In meiner vierten Jugend, Acharat, das heißt ehe ich das Alter von vier Menschen durchlebt, habe ich das Angesicht der Erde erneuert, und ich sage Dir, ich habe für mich und die wiedergeborene Menschheit eine Welt für meinen Gebrauch, eine Welt ohne Kamine, ohne Schwerter, ohne Musketenkugeln, ohne niederschlagende Pferde gemacht, denn die Menschen werden dann begreifen, daß es besser ist, zu leben, sich zu unterstützen, sich zu lieben, als sich zu zerreißen und zu zerstören.«
»Es ist wahr, oder es ist wenigstens möglich, Meister.«
»Nun, so bring mir das Kind.«
»Laßt mich noch nachdenken und denkt selbst nach.«
Althotas schleuderte seinem Adepten einen Blick erhabener Verachtung zu.
»Gehe!« sagte er, »gehe! ich werde Dich später überzeugen; und überdies ist das Blut des Menschen keine so kostbare Zuthat, daß sie sich nicht durch eine andere Materie ersetzen ließe. Gehe! ich werde suchen, ich werde finden. Ich bedarf Deiner nicht, gehe.«
Balsamo stieß mit dem Fuß auf die Fallthüre und stieg in das untere Gemach hinab, stumm, unbeweglich, gebeugt unter dem Genie dieses Mannes, der an unmögliche Dinge zu glauben zwang, während er selbst unmögliche Dinge verrichtete.
LXI.
Die Erkundigung
Diese so lange, an Ereignissen so fruchtbare Nacht, in der wir, wie die Wolke der mythologischen Götter, von Saint-Denis nach der Muette, von der Muette nach der Rue Coq-Héron, von der Rue Coq-Héron nach der Rue Plastrière, von der Rue Plastrière nach der Rue Saint-Claude spaziert sind, diese Nacht verwendete Madame Dubarry zu dem Versuche, den Geist des Königs gemäß ihren Absichten einer neuen Politik zu kneten.
Sie verweilte besonders beharrlich bei dem Umstande, wie gefährlich es wäre, die Choiseul Boden bei der Dauphine gewinnen zu lassen.
Der König erwiederte die Achseln zuckend, die Frau Dauphine wäre ein Kind und Herr von Choiseul ein alter Minister, es walte daher keine Gefahr ob, insofern die Eine nicht zu arbeiten, der Andere nicht zu belustigen wüßte.
Entzückt über dieses Witzwort, hatte der König sodann jede weitere Erklärung kurz abgeschnitten.
Nicht dasselbe war bei Madame Dubarry der Fall gewesen, die bei dem König eine gewisse Zerstreutheit zu bemerken glaubte.
Ludwig XV. war gefallsüchtig. Sein größtes Glück bestand darin, daß er seine Geliebtinnen eifersüchtig zu machen suchte, vorausgesetzt indessen, daß diese Eifersucht nicht in zu lange Zänkereien und Streitigkeiten überging.
Madame Dubarry war eifersüchtig, einmal aus Eitelkeit und dann aus Furcht. Es hatte ihr zu viel Mühe gemacht, ihre Stellung zu erringen, und die Stellung, die sie nun einnahm, war zu weit entfernt von ihrem Ausgangspunkte, als daß sie es, wie Frau von Pompadour, gewagt hätte, andere Geliebtinnen des Königs zu dulden oder sogar ihm zu suchen, wenn Seine Majestät sich zu langweilen schien, was Ludwig XV. bekanntlich oft begegnete.
Da nun Madame Dubarry, wie gesagt, eifersüchtig war, so wollte sie aus dem Grunde die Zerstreuungen des Königs kennen.
Der König erwiederte die merkwürdigen Worte, von denen er nicht eine Sylbe dachte:
»Ich beschäftige mich viel mit dem Glück meiner Söhnerin und weiß in der That nicht, ob der Herr Dauphin sie glücklich machen wird.«
»Und warum nicht, Sire?«
»Weil Herr Louis in Compiègne, in Saint-Denis und in der Muette viel die andern Frauen und sehr wenig die seinige anzuschauen geschienen hat.«
»In der That, Sire, wenn mir Eure Majestät nicht dergleichen sagte, würde ich es nicht glauben; die Frau Dauphine ist doch hübsch.«
»Sie ist ein wenig mager.«
»Sie ist so jung.«
»Gut, sehen Sie Fräulein von Taverney an, sie hat das Alter der Erzherzogin.«
»Nun?«
»Nun! sie ist vollkommen schön.«
Ein Blitz zuckte in den Augen der Gräfin und machte den König auf seine Unbesonnenheit aufmerksam.
»Doch Sie selbst, liebe Gräfin,« versetzte der König rasch, »Sie, die Sie so sprechen, Sie waren, ich bin es vollkommen überzeugt, Sie waren mit sechzehn Jahren rund wie die Schäferinnen unsers Freundes Boucher.«
Diese kleine Schmeichelei wirkte einigermaßen versöhnend, doch der Schlag war geschehen.
Madame Dubarry ergriff auch wieder die Offensive und sprach mit einer gewissen Ziererei:
»Ah! sie ist also sehr schön, diese Taverney?«
»Ei! weiß ich es?« versetzte Ludwig XV.
»Wie! Sie rühmen sie und sagen, Sie wissen nicht, ob sie schön sei?«
»Ich weiß nur, daß sie nicht mager ist.«
»Sie haben sie also gesehen und prüfend angeschaut?«
»Ah! liebe Gräfin, Sie treiben mich in Fallen. Sie wissen, daß ich ein kurzes Gesicht habe. Eine Masse fällt mir auf; zum Teufel mit den Einzelnheiten! Bei der Frau Dauphine habe ich nur Knochen gesehen.«
»Und bei dem Fräulein haben Sie Massen gesehen, wie Sie sagen, denn die Frau Dauphine ist eine ausgezeichnete Schönheit und Fräulein von Taverney eine gemeine Schönheit?«
»Gehen Sie doch,« versetzte der König, demnach wären Sie keine ausgezeichnete Schönheit, Jeanne? Sie scherzen, glaube ich.«
»Gut, ein Compliment,« sagte leise die Gräfin; »leider dient dieses Compliment als Umhüllung für ein anderes, das keines für mich ist.«
Dann sprach sie laut:
»Meiner Treue, es wäre mir sehr lieb, wenn die Frau Dauphine sich etwas appetitliche, reizende Ehrendamen wählen würde; es ist etwas Abscheuliches um einen Hof von alten Frauen.«
»Wem sagen Sie das, theure Freundin? Noch gestern wiederholte ich dies dem Dauphin; doch ihm ist die Sache gleichgültig.«
»Wenn man zum Anfang Fräulein von Taverney nehmen würde?«
»Man nimmt sie, glaube ich,« antwortete Ludwig XV.
»Ah! Sie wissen das, Sire?«
»Ich glaube es wenigstens gehört zu haben.«
»Es ist ein Mädchen ohne Vermögen.«
»Ja, doch sie ist von Geburt. Diese Taverney-Maison-Rouge sind von gutem Hause und alte Diener.«
»Wer begünstigt sie?«
»Ich weiß es nicht, doch ich halte sie für arme Schlucker, wie Sie sagen.«
»Dann ist es nicht Herr von Choiseul, denn sonst würden sie von Pensionen strotzen.«
»Gräfin, Gräfin, sprechen wir nicht Politik, ich bitte Sie.«
»Es heißt also von Politik sprechen, wenn man sagt, die Choiseul richten Sie zu Grunde?«
»Gewiß,« versetzte der König.
Und er stand auf.
Eine Stunde nachher war seine Majestät nach Trianon zurückgekehrt: sie freute sich ungemein, Eifersucht eingeflößt zu haben, sagte aber ganz leise, wie es Herr von Richelieu hätte mit dreißig Jahren thun können:
»Es ist in der That etwas sehr Langweiliges um eifersüchtige Frauen.«
Sobald der König weggegangen war, stand auch Madame Dubarry auf und begab sich in ihr Boudoir, wo Chon, äußerst ungeduldig, Neues zu erfahren, ihrer harrte.
»Nun!« sagte sie, »Du hast in diesen Lagen großes Glück gehabt. Vorgestern der Dauphine vorgestellt, gestern zu ihrer Tafel zugelassen.«
»Das ist wahr. Eine schöne Geschichte!«
»Wie! eine schöne Geschichte? Weißt Du, daß diesen Morgen hundert Wagen Deinem Lächeln auf der Straße nach Luciennes nachjagen?«
»Das ärgert mich.«
»Warum?«
»Weil es verlorene Zeit ist; weder Wagen, noch Leute werden diesen Morgen mein Lächeln bekommen.«
»Oh! oh! Gräfin, das Wetter steht auf Sturm.«
»Meiner Treue, ja! Meine Chocolade, geschwinde meine Chocolade.«
Chon läutete.
Zamore erschien.
»Meine Chocolade,« sagte die Gräfin.
Zamore ging langsam weg, indem er gleichsam seine Schritte zählte und sich gewaltig aufblähte.
»Dieser Bursche will mich also Hungers sterben lassen?« rief die Gräfin; »hundert Peitschenhiebe, wenn er nicht läuft.«
,.Ich nicht laufen, ich Gouverneur,« sagte Zamore majestätisch.
»Ah! Du Gouverneur!« rief die Gräfin, und ergriff eine Reitpeitsche mit einem Vermeilknopfe, deren Bestimmung es war, den Frieden unter den kleinen Hunden der Gräfin zu erhalten; »ah! Du Gouverneur! warte, warte, Du sollst es sehen, Gouverneur!«
Bei diesem Anblick entlief Zamore, alle Scheidewände erschütternd, unter einem gewaltigen Geschrei.
»Du bist heute ganz wild, Jeanne,« sagte Chon.
»Nicht wahr, ich habe das Recht dazu?«
»Oh! ganz gewiß. Doch ich lasse Dich allein, meine Liebe.«
»Warum dies?«
»Ich befürchte, Du könntest mich verschlingen.«
Es erschollen drei Schläge an der Thüre des Boudoir.
»Ei, wer klopft jetzt?« sagte die Gräfin voll Ungeduld.
»Der wird gut empfangen werden,« murmelte Chon.
»Es wäre besser, ich würde schlecht empfangen,« sprach Jean und stieß die Thüre mit einer ganz königlichen Breite auf.
»Nun, was könnte geschehen, wenn Sie schlecht empfangen würden? denn das wäre am Ende doch möglich.«
»Es würde geschehen, daß ich nicht wiederkäme.«
»Hernach?«
»Und daß Sie dadurch, daß Sie mich schlecht empfangen, mehr verloren hätten, als ich.« »Unverschämter!«
»Gut, man ist unverschämt, weil man nicht schmeichelt. Was hat sie denn diesen Morgen, große Chon?«
»Sprich mir nicht davon, Jean, sie ist unzugänglich. Oh! hier kommt die Chocolade.«
»Nun, lassen wir sie in Ruhe. Guten Morgen, meine Chocolade,« sagte Jean, indem er die Platte nahm; »wie befindest du dich, meine Chocolade?«
Und er stellte die Platte in eine Ecke auf einen kleinen Tisch, an den er sich setzte.
»Komm, Chon,« sagte er, »komm: diejenigen, welche zu stolz sind, werden nichts davon haben.«
»Ah! Ihr seid reizend,« sagte die Gräfin, als sie sah, wie Chon durch ein Zeichen mit dem Kopfe Jean bedeutete, er könne allein frühstücken: »Ihr macht die Empfindlichen und seht nicht, daß ich leide.«
»Was hast Du denn?« fragte Jean näher tretend.
»Nein!« rief die Gräfin; »nicht eines von ihnen bekümmert sich um das, was mich beunruhigt.«
»Und was beunruhigt Dich denn?«
Jean rührte sich nicht! er aß seine Törtchen.
»Sollte es Dir an Geld fehlen?« fragte Chon.
»Oh! was das betrifft,« versetzte die Gräfin, »vor mir wird es dem König daran fehlen.«
»So leihe mir tausend Louis d’or,« sprach Jean; »ich brauche sie sehr nothwendig.«
»Tausend Schneller auf Ihre dicke, rothe Nase?«
»Der König behält also entschieden diesen abscheulichen Choiseul?«
»Sie wissen, daß er unabsetzbar ist.«
»Er ist also in die Dauphine verliebt?«
»Ah! Sie nähern sich; seht mir doch diesen Tölpel an, der sich mit Chocolade vollstopft und nicht einmal den kleinen Finger rührt, um mir zu Hülfe zu kommen. Oh! diese zwei Geschöpfe werden noch machen, daß ich vor Aerger sterbe.«
Jean zerschnitt, ohne sich im Geringsten um den hinter ihm tosenden Sturm zu bekümmern, ein zweites Brod, bestrich es mit Butter und schenkte sich eine zweite Tasse Chocolade ein.
»Wie! der König ist verliebt?« rief Chon.
Madame Dubarry machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches sagen wollte:
»Errathen!«
»Und zwar in die Dauphine?« fuhr Chon die Hände faltend fort. »Nun, desto besser, ich denke, er wird kein Blutschänder sein, und Du kannst Dich beruhigen; besser, er ist in diese verliebt, als in eine Andere.«
»Doch wenn er nicht in diese verliebt ist, sondern in eine Andere?«
»Mein Gott!« rief Chon erbleichend. »Oh! mein Gott, mein Gott, was sagst Du mir da?«
»Gut! laß es Dir nun übel werden, es fehlt uns nur noch dieses.«
»Ah! wenn dem so ist, sind wir verloren; und Du leidest das, Jeanne?« murmelte Chon. »Aber in wen ist er denn verliebt?«
»Frage Deinen Herrn Bruder, der vor Chocolade blauroth ist und demnächst hier ersticken wird: er wird es Dir sagen, denn er weiß es, oder vermuthet es wenigstens.«
Jean schaute empor.
»Spricht man mit mir?« sagte er.
»Ja, mein Herr Eifriger, ja, mein Herr Nützlicher,« erwiederte Jeanne, »man fragt Sie nach dem Namen der Person, die den König in Anspruch nimmt.«
Jean verstopfte sich hermetisch den Mund und sprach mit einer Anstrengung, die ihnen mühsam den Durchgang verschaffte, die drei Worte:
»Fräulein von Taverney.«
»Fräulein von Taverney!« rief Chon. »Ah! Barmherzigkeit!«
»Er weiß es, der Henker,« jammerte die Gräfin, indem sie sich an die Lehne ihres Stuhles zurückwarf; »er weiß es und ißt.«
»Oh!« machte Chon, welche sichtbar die Partie ihres Bruders verließ, um in das Lager ihrer Schwester überzugehen.
»In der That,« rief die Gräfin, »ich weiß nicht, warum ich ihm nicht seine großen, gemeinen, noch vom Schlaf aufgedunsenen Augen ausreiße, diesem trägen Burschen! Er steht eben erst auf, meine Liebe, er steht erst auf.«
»Sie täuschen sich,« sagte Jean, »ich bin nicht zu Bette gegangen.«
»Und was haben Sie denn gemacht, abscheulicher Bursche?«
»Ich bin die ganze Nacht und den ganzen Morgen umhergelaufen.«
»Ich sagte es doch . . . oh! wer wird mir besser dienen, als man mir dient? Wer wird mir sagen, was aus ihr geworden ist, wo sie ist?«
»Wo sie ist?« sagte Jean.
»Ja.«
«In Paris, bei Gott!«
»In Paris? . . . Aber wo in Paris?«
»In der Rue Coq-Héron.«
»Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Der Kutscher von ihrem Wagen, den ich in den Ställen erwartete und befragte.«
»Und was sagte er Ihnen?«
»Er habe alle Taverney in ein kleines Hotel der Rue Coq-Héron geführt, das in einem Garten liege und an das Hotel d’Armenonville stoße.«
»Ah! Jean, Jean,« rief die Gräfin, »das söhnt mich mit Ihnen aus, mein Freund; doch man sollte einzelne Umstände wissen. Wie lebt sie? wen sieht sie? was macht sie? Empfängt sie Briefe? Dies zu erfahren ist sehr wichtig.«
»Nun! man wird es erfahren.«
»Und wie?«
»Ah! ja wohl. Ich habe gesucht, suchen Sie auch ein wenig.«
»Rue Coq-Héron?« fragte Chon lebhaft.
»Rue Coq-Héron,« wiederholte Jean phlegmatisch.
»Nun! Rue Coq-Héron, es müssen dort Zimmer zu miethen sein?«
»Oh! ein vortrefflicher Gedanke,« rief die Gräfin, »man muß schnell nach der Rue Coq-Héron laufen, Jean, und ein Haus miethen. Man verbirgt dort Jemand. Dieser Jemand sieht aus- und eingehen, manoeuvriren. Geschwinde, geschwinde den Wagen, und nach der Rue Coq-Héron gefahren!«
»Unnöthig, es sind keine Zimmer in der Rue Coq-Héron zu miethen.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich habe mich, bei Gott! erkundigt: doch es gibt . . .«
»Wo dies?«
»In der Rue Plastrière.«
»Was ist das, die Rue Plastrière?«
»Eine Straße, deren Häuser von hinten auf die Gärten der Rue Coq-Héron gehen.«
»Rasch, rasch,« sagte die Gräfin, »miethen wir eine Wohnung in der Rue Plastrière.«
»Sie ist gemiethet,« versetzte Jean.
»Bewunderungswürdiger Mann!« rief die Gräfin. »Küsse mich, Jean.«
Jean wischte sich den Mund ab, küßte Madame Dubarry auf beide Wangen und machte ihr eine ceremoniöse Verbeugung, als Zeichen des Dankes für die Ehre, die ihm zu Theil geworden.
»Das ist ein Glück!« sagte Jean.
»Man hat Sie nicht erkannt?«
»Wer Teufels soll mich in der Rue Plastrière erkennen?«
»Und Sie haben gemiethet?«
»Eine kleine Wohnung in einem finsteren Hause.«
»Man fragte Sie wohl, für wen?«
»Allerdings.«
»Was haben Sie geantwortet?«
»Für eine junge Witwe, Bist Du Witwe, Chon?«
»Ganz gewiß!« antwortete Chon.
»Vortrefflich,« rief die Gräfin; »Chon wird sich in der gemietheten Wohnung einquartieren; Chon wird lauern, Chon wird wachen; doch man darf keine Zeit verlieren.«
»Ich gehe auch auf der Stelle,« sagte Chon, »die Pferde! die Pferde!«
»Die Pferde!« rief Madame Dubarry und läutete auf eine Weise, daß sie den ganzen Palast der Schönen im Walde aufgeweckt hätte.
Jean und die Gräfin wußten, woran sie sich in Beziehung auf Andrée zu halten hatten.
Sie hatte, nur erscheinend, die Aufmerksamkeit des Königs erregt, Andrée war folglich gefährlich.
»Dieses Mädchen,« sagte die Gräfin, indeß man anspannte, »wäre kein wahres Provinzmädchen, wenn es nicht von seinem Taubenschlage irgend einen verzagten Liebhaber nach Paris mitgebracht hätte; entdecken wir diesen Liebhaber, und schnell eine Heirath. Nichts wird den König so sehr erkalten, als eine Heirath unter Liebesleuten aus der Provinz.«
»Teufel! im Gegentheil,« versetzte Jean, »wir müssen mißtrauisch sein. Für Seine Allerchristlichste Majestät, das wissen Sie besser, als irgend Jemand, Gräfin, ist es ein höchst leckerer Bissen um eine Neuvermählte; ein Mädchen, das einen Liebhaber hätte, würde Seine Majestät viel mehr ärgern. Der Wagen steht bereit,« fügte er bei.
Chon entfernte sich rasch, nachdem sie Jean die Hand gedrückt und ihre Schwester umarmt hatte.
»Und Jean, warum nimmst Du ihn nicht mit?« sagte die Gräfin.
»Nein, nein, ich gehe meinerseits,« erwiederte Jean. »Erwarte mich in der Rue Plastrière, Chon, ich werde der erste Besuch sein, den Du in Deiner neuen Wohnung empfängst.«
»Nachdem Chon weggegangen war, setzte sich Jean wieder an den Tisch und verschlang eine dritte Tasse Chocolade.
Chon begab sich zuerst in das Familienhotel, wechselte die Kleider, und studirte bürgerliche Mienen. Als sie mit sich zufrieden war, hüllte sie ihre aristokratischen Schultern in ein mageres Mäntelchen von schwarzer Seide, ließ eine Portechaise holen, und stieg eine halbe Stunde nachher mit Mademoiselle Sylvie eine steile Treppe hinauf, welche in einen vierten Stock führte.
In diesem vierten Stocke lag die von dem Vicomte gemiethete Wohnung.
Als Chon auf den Ruheplatz des zweiten Stockes kam, wandte sie sich um: es folgte ihr Jemand.
Es war die alte Hauseigenthümerin, welche im ersten Stocke wohnte; sie hatte Geräusch gehört, war aus ihrem Zimmer gegangen und wurde ungemein neugierig, als sie zwei so junge und hübsche Damen in ihrem Hause erscheinen sah.
Sie erhob ihr runzeliges Haupt und erblickte zwei lachende Köpfe.
»Holla! meine Damen,« rief sie, »was suchen Sie hier?«
»Die Wohnung, die mein Bruder für uns gemiethet hat,« erwiederte Chon, indem sie ihre Witwenmiene annahm: »haben Sie ihn nicht gesehen, oder sollten wir uns im Hause täuschen?«
»Nein, nein; es ist im vierten Stocke,« versetzte die alte Hauseigenthümerin; »oh! Arme junge Frau, Wittwe in Ihrem Alter?«
»Ach!« seufzte Chon, die Augen zum Himmel aufschlagend.
»Doch Sie werden sehr gut in der Rue Plastrière sein, das ist eine reizende Straße; Sie werden kein Geräusch hören, denn Ihre Wohnung geht nach dem Garten.«
»Das habe ich gewünscht, Madame.«
»Durch die Hausflur können Sie jedoch auf die Straße sehen, wenn die Prozessionen vorüberkommen oder die gelehrten Hunde spielen.«
»Ah! das wird mir eine große Zerstreuung gewähren, Madame,« seufzte Chon.
Und sie stieg weiter hinauf.
Die alte Hauseigenthümerin folgte ihr mit den Augen bis zum vierten Stocke und sagte, als Chon die Thüre geschlossen hatte:
»Sie hat das Aussehen einer ehrlichen Person.«
Sobald die Thüre geschlossen war, lief Chon an die Fenster, welche nach dem Garten gingen.
Jean hatte keinen Irrthum begangen; beinahe unter den Fenstern der gemietheten Wohnung war der von dem Kutscher bezeichnete Pavillon.
Bald blieb kein Zweifel mehr, es setzte sich ein junges Mädchen mit einer Stickerei in der Hand an das Fenster des Pavillon: dieses Mädchen war Andrée.
