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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 46

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LXII.
Die Wohnung der Rue Plastrière

Chon betrachtete das junge Mädchen kaum einige Augenblicke, als der Vicomte Jean die Treppe zu vier und vier, wie der Schreiber eines Anwalts, heraufspringend, auf der Schwelle der Wohnung der angeblichen Witwe erschien.

»Nun?« fragte er.

»Du bist es, Jean. In der That, Du hast mir Angst gemacht.«

»Was sagst Du?«

»Ich sage, daß ich vortrefflich hier sein werde, um Alles zu sehen, doch leider werde ich nicht Alles hören können.«

»Ah! meiner Treue, Du verlangst zu viel. Doch höre, eine andere Neuigkeit.«

»Was für eine?«

»Eine wundervolle.«

»Bah!«

»Eine unvergleichliche.«

»Was dieser Mensch mit seinen Ausrufungen unausstehlich ist!«

»Der Philosoph  . . .«

»Nun, was! der Philosoph?«

»Man mag immerhin sagen:

‚Der Weise ist auf Alles vorbereitet,’ ich bin ein Weiser, und hierauf war ich dennoch nicht vorbereitet.«

»Ich frage, ob das einmal ein Ende finden wird? Genirt Sie etwa dieses Mädchen? Dann gehen Sie in das Nebenzimmer, Mademoiselle Sylvie.«

»Oh! das ist durchaus nicht nöthig, und dieses schöne Kind ist nicht zu viel, im Gegentheil. Bleibe Sylvie, bleibe.«

Und der Vicomte streichelte mit dem Finger das Kinn des hübschen Mädchens, dessen Stirne sich schon bei dem Gedanken faltete, man könnte etwas sagen, was es nicht hören würde.

»Sie bleibe also; doch sprich.«

»Ei! ich thue nichts Anderes, seitdem ich hier bin.«

»Um nichts zu sagen, dann schweige und laß mich schauen: das ist mehr werth.«

»Beruhigen wir uns. Ich ging also, wie ich sagte, vor einem Brunnen vorüber.«

»Gerade hievon sagten Sie kein Wort.«

»Gut, nun unterbrechen Sie mich.«

»Nein.«

»Ich ging also vor dem Brunnen vorüber und erhandelte alles Geräthe für diese abscheuliche Wohnung, als ich plötzlich fühlte, wie der Wasserstrahl meine Strümpfe bespritzte.«

»Wie Interessant Alles dies ist!«

»Aber warten Sie doch, Sie sind zu eilig, meine Liebe; ich schaue und sehe, errathen Sie, was  . . .«

»Vorwärts doch.«

»Ich sehe einen jungen Herrn, der mit einem Stück Brod das Rohr des Brunnens verstopfte und durch das Hinderniß, das er dem Wasser entgegensetzte, diese Ausschweifung und Abspringung veranlaßte.«

»Es ist erstaunlich, wie mich Alles interessirt, was Sie mir da erzählen,« versetzte Chon die Achseln zuckend.

»Warten Sie doch  . . . ich fluchte heftig, als ich mich bespritzt fühlte; der Mensch mit dem benetzten Brode wandte sich um, und ich sehe  . . .«

»Sie sehen  . . .?«

»Meinen Philosophen, oder vielmehr unsern Philosophen.«

»Wen denn? Gilbert?«

»In Person: baarhaupt, offene Jacke, schlecht heraufgezogene Strümpfe, Schuhe ohne Schnallen, kurz in einem galanten Negligé.«

»Gilbert  . . . und was hat er gesagt?«

»Ich erkenne ihn, er erkennt mich; ich gehe auf ihn zu, er weicht zurück; ich strecke den Arm aus, er öffnet die Beine und läuft wie ein Windhund mitten durch die Wagen und Wasserträger.«

»Sie haben ihn aus dem Gesicht verloren?«

»Ich glaube bei Gott wohl; Sie denken doch nicht, ich habe auch zu laufen angefangen?«

»In der That, ich begreife, das war unmöglich; doch nun ist er verloren.«

»Ah! welch ein Unglück,« entschlüpfte Mademoiselle Sylvie.

»Ja, gewiß,« sagte Jean, »ich bin sein Schuldner für eine gute Ration Steigriemenhiebe, und wenn ich ihn an seinem abgeschabenen Kragen bekommen hätte, so hätte er nicht darauf warten dürfen, das schwöre ich, doch er errieth meine guten Absichten und spielte tüchtig mit den Beinen. Gleichviel, er ist also in Paris und das ist die Hauptsache, denn in Paris findet man Alles, was man sucht, wenn man nicht zu schlecht mit dem Polizeilieutenant steht.«

»Wir müssen ihn haben.«

»Und wenn wir ihn haben, lassen wir ihn fasten.«

»Man schließt ihn ein,« sagte Mademoiselle Sylvie; »nur muß man diesmal einen sichern Ort wählen.«

»Und Sylvie wird an diesen sichern Ort sein Brod und sein Wasser bringen, nicht wahr Sylvie?« versetzte der Vicomte.

»Mein Bruder, scherzen wir nicht,« sprach Chon; »dieser Junge hat die Geschichte mit den Postpferden gesehen. Wenn er Gründe hätte, uns zu grollen, dürfte er zu fürchten sein.«

»Während ich Ihre Treppe heraufstieg, bin ich auch mit mir übereingekommen, Herrn von Sartines aufzusuchen und ihm meinen Fund zu erzählen,« sagte Jean. »Herr von Sartines wird mir antworten, ein Mensch mit bloßem Kopfe, herabhängenden Strümpfen und losen Schuhen, der sein Brod an einem Brunnen benetze, wohne sicherlich nahe bei dem Ort, wo man ihn in einem so seltsamen Anzuge treffe, und er wird sich dann anheischig machen, ihn uns wiederzufinden.«

»Was kann er hier ohne Geld machen?«

»Commissionen.«

»Er! ein Philosoph von dieser unzähmbaren Gattung! Stille doch!«

»Er wird eine alte Andächtlerin, seine Verwandtin, gefunden haben, welche ihm die für ihren Mops zu harten Krusten überläßt,« sagte Sylvie.

»Genug, genug, legen Sie die Wäsche in diesen alten Schrank, Sylvie, und Sie, mein Bruder, an unsern Beobachtungsposten.«

Sie näherten sich in der That mir der größten Behutsamkeit dem Fester.

Andrée legte ihre Stickerei bei Seite; sie streckte nachläßig ihre Beine auf einem Lehnstuhle aus, griff dann mir der Hand nach einem Buch, das auf einem Stuhle in ihrem Bereiche lag, öffnete es und begann eine Lecture, welche die Zuschauer für höchst anziehend halten mußten, denn das Mädchen blieb unbeweglich, von dem Augenblick, wo es begonnen hatte.

»Oh! die studirte Person,« sagte Mademoiselle Chon. »Was liest sie denn?«

»Erstes, unentbehrliches Geräthe,« erwiederte der Vicomte, indem er aus seiner Tasche ein Fernrohr zog, das er verlängerte, an die Ecke des Fensters stützte und auf Andrée richtete.

Chon schaute ihm ungeduldig zu.

»Nun, ist sie wirklich hübsch, diese Person?« fragte sie den Vicomte.

»Bewunderungswürdig! es ist ein vollkommenes Mädchen; was für Arme! was für Hände! was für Augen! Lippen, denen zu Liebe der heilige Antonius die Verdammniß gewagt hätte; Füße, o die göttlichen Füße! und der Knöchel  . . . welch ein Knöchel unter diesen seidenen Strümpfen!«

»Gut! werden Sie verliebt, es fehlte uns sonst nichts mehr,« sagte Chon verdrießlich.

»Nun, das wäre eben nicht so schlecht gespielt, besonders, wenn sie mich auch ein wenig lieben wollte; das würde unsere arme Gräfin einigermaßen beruhigen.«

»Geben Sie mir diese Lorgnette, und lassen Sie die Possen, wenn es möglich ist  . . . Ja, in der That, sie ist sehr hübsch, und sie muß nothwendig einen Geliebten haben  . . . Sie liest nicht, sehen Sie  . . . das Buch wird ihren Händen entschlüpfen  . . . es gleitet  . . . nun rumpelt es hinab  . . . ich sagte es Ihnen doch, Jean, sie liest nicht, sie träumt.«

»Oder sie schläft.«

»Mit offenen Augen! schöne Augen, bei meiner Treue.«

»In jedem Fall werden wir es von hier aus sehen, wenn sie einen Liebhaber hat,« versetzte Jean.

»Ja, wenn er bei Tag kommt, doch wenn er bei Nacht käme?«

»Teufel! daran dachte ich nicht, und ich hätte doch zuerst daran denken sollen  . . . das beweist, wie unschuldig ich bin.«

»Ja, unschuldig wie ein Procurator.«

»Es ist gut, ich bin nun darauf aufmerksam gemacht, und werde etwas erfinden.«

»Aber wie gut ist dieses Glas, ich konnte beinahe in dem Buch lesen.«

»Lesen Sie und sagen Sie mir den Titel. Ich werde vielleicht etwas nach dem Buche errathen.«

Chon rückte neugierig vor, doch sie wich noch schneller zurück, als sie vorgerückt war.

»Nun! was gibt es denn?« fragte der Vicomte.

Chon nahm ihn beim Arm und sagte:

»Schauen Sie vorsichtig, mein Bruder, schauen Sie, wer die Person ist, die sich aus der Dachluke links neigt. Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht gesehen werden.«

»Oh! oh!« rief Dubarry, »Gott vergebe mir, es ist mein Krustenbenetzer.«

»Er wird sich hinauswerfen.«

»Nein, er hat sich an der Dachtraufe angeklammert.«

»Doch was betrachtet er mit diesen gierigen Augen, mit dieser wilden Trunkenheit?«

»Er lauert.«

Der Vicomte schlug sich vor die Stirne und rief:

»Ich habe es.«

»Was?«

»Er belauert bei Gott die Kleine.«

»Fräulein von Taverney?«

»Ja wohl, das ist der Verliebte des Taubenschlages; sie kommt nach Paris, er läuft ihr nach, Sie nimmt ihr Quartier in der Rue Coq-Héron, er flüchtet sich aus unserem Hause, um in der Rue Plastrière zu wohnen.«

»Bei meiner Treue, das ist die Wahrheit,« sprach Chon; »sehen Sie doch diesen Blick, diese Starrheit, dieses schwarzblaue Feuer seiner Augen; er ist verliebt, um darüber wahnsinnig zu werden.«

»Meine Schwester,« versetzte Jean, »geben wir uns nicht mehr die Mühe, die Verliebte zu beobachten, der Verliebte wird unser Geschäft besorgen.«

»Ja, für seine Rechnung.«

»Nein für die unsrige. Nun lassen Sie mich vorbei, ich will Herrn von Sartines ein wenig besuchen. Bei Gott! wir haben Glück. Doch nehmen Sie sich in Acht, Chon, daß Sie der Philosoph nicht sieht; Sie wissen, wie schnell er sich aus dem Staube macht.

LXIII.
Feldzugsplan

Herr von Sartines war um drei Uhr Morgens nach Hause zurückgekehrt und fühlte sich sehr müde, zugleich aber auch sehr zufrieden mit dem Abend, den er dem König und Madame Dubarry bereitet hatte.

Wiedererwärmt durch die Ankunft der Frau Dauphine hatte die Volksbegeisterung Seine Majestät wiederholt mit Lebehochrufen begrüßt, deren Umfang seit der bekannten Krankheit von Metz sehr vermindert worden war, seit dieser Krankheit, wo man ganz Frankreich in den Kirchen oder auf der Pilgerfahrt gesehen, um die Gesundheit des jungen Ludwig XV. zu erflehen, den man damals Ludwig den Vielgeliebten nannte.

Andererseits war Madame Dubarry, welche sonst, wenn sie öffentlich erschien, kaum der Unannehmlichkeit entging, durch einige Zurufe eigenthümlicher Art verletzt zu werden, sehr freundlich durch mehrere Reihen von Zuschauern empfangen worden, die man geschickt in erster Linie aufgestellt hatte, so daß der König in seiner Zufriedenheit Herrn von Sartines ein kleines Lächeln zusandte und der Polizeilieutenant sich eines guten Dankes versichert halten durfte.

Er glaubte auch erst um Mittag aufstehen zu können, was ihm seit langer Zeit nicht mehr begegnet war, und benutzte aufstehend den Urlaubstag, den er sich gab, um ein paar Dutzend neue Perrücken zu probiren, während er die Berichte von der Nacht anhörte, als man ihm bei der sechsten Perrücke und bei dem dritten Theile der Vorlesung den Vicomte Jean Dubarry meldete.

»Gut,« dachte Herr von Sartines, »hier kommt mein Dank. Wer weiß jedoch, die Frauen sind so launenhaft! Lassen Sie den Herrn Vicomte in den Salon eintreten.«

Schon müde durch seinen Morgen, setzte sich Jean in einen Lehnstuhl, und der Polizeilieutenant, der zu ihm in den Salon kam, konnte sich überzeugen, daß sich nichts Aergerliches in der Unterredung finden würde.

Jean sah in der That strahlend aus.

Die zwei Männer drückten sich die Hand.

»Nun, Vicomte?« fragte Herr von Sartines, »was führt Sie so frühe hierher?«

»Vor Allem,« erwiederte Jean, der die Gewohnheit hatte, immer zuerst der Eitelkeit der Menschen zu schmeicheln, die er schonen mußte, »vor Allem fühle ich das Bedürfniß, Ihnen mein Kompliment über die schöne Anordnung Ihres gestrigen Festes zu machen.«

»Ah! ich danke; geschieht es officiell?«

»Officiell, was Luciennes betrifft.«

»Mehr brauche ich nicht  . . . geht nicht dort die Sonne auf?«

»Und sie legt sich auch zuweilen dort nieder,« versetzte Jean und brach in jenes ziemlich gemeine Gelächter aus, das jedoch seiner Person die Treuherzigkeit verlieh, deren er häufig bedurfte.

»Doch außer den Complimenten, die ich Ihnen zu machen habe, komme ich auch noch, um Sie um einen Dienst zu bitten.«

»Zwei, insofern sie möglich sind.«

»Oh! das werden Sie mir sogleich sagen. Wenn in Paris eine Sache verloren ist, hat man einige Hoffnung, sie wiederzufinden?«

»Wenn sie nichts werth ist, oder wenn sie viel werth ist, ja.«

»Das, was ich suche, ist nicht viel werth,« versetzte Jean den Kopf schüttelnd.

»Was suchen Sie?«

,Ich suche einen kleinen Burschen von ungefähr achtzehn Jahren.«

Herr von Sartines streckte die Hand nach einem Papier aus, nahm einen Bleistift und schrieb.

»Achtzehn Jahre. Wie heißt ihr kleiner Bursche?«

»Gilbert.«

»Was macht er?«

»Ich denke, so wenig als möglich.«

»Woher kommt er?«

»Von Lothringen.«

»Wo war er?«

»Im Dienste der Taverney.«

»Sie haben ihn mitgebracht?«

»Nein, meine Schwester Chon hat ihn, dem Hungertode nahe, auf der Straße aufgehoben, in ihren Wagen gelegt und ihn nach Luciennes geführt, und da  . . .«

»Und da?«

»Ich befürchte, der Bursche hat die Gastfreundschaft mißbraucht.«

»Er hat gestohlen?«

»Ich sage das nicht.«

»Doch  . . .«

»Ich sage, er hat die Flucht auf eine sonderbare Weise ergriffen.«

»Nun, wollen Sie ihn wieder haben?«

»Haben Sie irgend einen Gedanken in Beziehung auf den Ort, wo er sein kann?«

»Ich traf ihn heute an dem Brunnen, der die Ecke der Rue Plastrière bildet, und habe sogar alle Ursache zu glauben, daß er in dieser Straße wohnt. Streng genommen könnte ich sogar das Haus bezeichnen.«

»Ei! wenn Sie das Haus kennen, so ist nichts leichter, als ihn dort aufgreifen zu lassen. Was wollen Sie mit ihm machen, wenn Sie ihn einmal in Ihren Händen haben? wollen Sie ihn nach Charenton, nach Bicêtre bringen lassen?«

»Nein, nicht gerade.«

»Oh! Alles, was Sie wollen; mein Gott, thun Sie sich keinen Zwang an.«

»Nein, dieser Junge gefiel im Gegentheil meiner Schwester, weil er verständig ist, und sie hätte ihn gern bei sich behalten. Es wäre nun reizend, wenn man ihn auf eine sanfte Weise zu ihr zurückbringen könnte.«

»Man wird es versuchen. Sie haben in der Rue Plastrière nicht nachgefragt, bei wem er ist?«

»Oh! nein, Sie begreifen, daß ich mich nicht bemerklich machen, nicht die Lage der Dinge gefährden wollte. Sobald er mich gewahrte, machte er sich aus dem Staube, als ob ihn der Teufel holte; hätte er erfahren, ich kenne seinen Aufenthaltsort, so würde er seine Wohnung wohl alsbald anderswo genommen haben.«

»Das ist richtig. Rue Plastrière, sagen Sie, am Ende, in der Mitte, am Anfang der Straße?«

»Ungefähr im Drittel.«

»Seien Sie unbesorgt, ich werde Ihnen einen geschickten Menschen dahin schicken.«

»Ah! lieber Lieutenant, ein Mensch, so geschickt er auch sein mag, wird immer ein wenig plaudern.«

»Nein, bei uns plaudert man nicht.«

»Der Kleine ist fein wie Ambra.«

»Ah! ich begreife: verzeihen Sie, daß ich nicht früher darauf gekommen bin; Sie möchten gern, daß ich selbst?  . . . Das wird besser sein  . . . denn es gibt dabei vielleicht Schwierigkeiten, die Sie nicht vermuthen.«

Obgleich Jean überzeugt war, daß sich der Beamte ein wenig wichtig machen wollte, benahm er ihm doch nichts von der Wichtigkeit seiner Rolle, sondern er erwiederte im Gegentheil:

»Gerade wegen der Schwierigkeiten, die Sie ahnen, wünschte ich Sie persönlich zu haben.«

Herr von Sartines läutete einem Kammerdiener und sagte, als dieser erschien:

»Man spanne meine Pferde an.«

»Ich habe einen Wagen,« versetzte Jean.

»Ich danke, ich ziehe den meinigen vor; der meinige hat kein Wappen und hält die Mitte zwischen einem Fiacre und einer Carrosse. Es ist ein Wagen, den man jeden Monat neu anmalt, weshalb er sich schwer erkennen läßt. Während man nun anspannt, erlauben Sie mir, daß ich mich versichere, ob meine neuen Perrücken zu meinem Kopfe gehen.«

»Thun Sie das,« sprach Jean.

Herr von Sartines rief seinen Perrückenmacher, einen wahren Künstler, der seinem Kunden eine ganze Sammlung von Perrücken brachte: es waren darunter von allen Formen, von allen Farben und von allen Maaßen, Perrücken für Magistratspersonen, Perrücken für Advokaten, Perrücken für Handelsleute, Perrücken für Cavaliere, Herr Von Sartines wechselte zuweilen für die Nachforschungen, die er anzustellen hatte, sein Costüme drei bis viermal im Tage, und er hielt ganz besonders auf die Regelmäßigkeit des Anzuges.

Als der Beamte seine vier und zwanzigste Perrücke probirte, meldete man ihm, der Wagen sei angespannt.

»Werden Sie das Haus erkennen?« fragte Herr von Sartines den Vicomte.

»Bei Gott! ich sehe es von hier aus.«

»Haben Sie den Eintritt untersucht?«

»Es war das Erste, woran ich dachte.«

»Und wie ist dieser Eintritt beschaffen?«

»Es ist ein Gang.«

»Ah! ein Gang, im Drittel der Straße, haben Sie gesagt?«

»Ja, mit einer Thüre, woran eine geheime Feder.«

»Mit einer Thüre mit geheimer Feder! Teufel! wissen Sie das Stockwerk, in welchem der Flüchtling wohnt?«

»In den Mansarden. Uebrigens werden Sie es sehen, denn ich erblicke den Brunnen.«

»Im Schritt, Kutscher,« sprach Herr von Sartines.

Der Kutscher mäßigte den Lauf seiner Pferde; Herr von Sartines hob das Fenster auf.

»Sehen Sie,« sagte Jean, »jenes schmutzige Haus.«

»Ah! richtig,« rief Herr von Sartines, indem er die Hände an einander schlug, »das befürchtete ich.«

»Wie! Sie befürchten etwas?«

»Ach! ja.«

»Und was befürchten Sie?«

»Sie haben Unglück.«

»Erklären Sie sich.«

»Nun wohl, jenes schmutzige Haus, in dem ihr Flüchtling wohnt, ist gerade das Haus von Herrn Rousseau von Genf.«

»Von Rousseau dem Schriftsteller?«

»Ja.«

»Nun! was ist Ihnen daran gelegen?«

»Wie! was mir daran gelegen sei? Ah! man sieht wohl, daß Sie nicht Polizeilieutenant sind, und daß Sie nichts mit den Philosophen zu thun haben.«

»Ah bah! Gilbert bei Herrn Rousseau, welche Wahrscheinlichkeit!«

»Haben Sie nicht gesagt, Ihr junger Mann wäre ein Philosoph?«

»Ja.«

»Nun wohl, Gleich und Gleich gesellt sich gern.«

»Nehmen wir an, er sei bei Herrn Rousseau.«

»Ja, nehmen wir das an.«

»Was wird daraus hervorgehen?«

»Bei Gott, daß Sie ihn nicht bekommen.«

»Warum?«

»Weil Herr Rousseau ein Mann ist, den man ungemein fürchten muß.«

»Warum setzen Sie ihn nicht in die Bastille?«

»Ich habe es dem König eines Tags vorgeschlagen: er wagte es nicht.«

»Wie, er wagte es nicht?«

»Nein, er wollte mir die Verantwortlichkeit dieser Verhaftung überlassen, und ich war meiner Treue nicht muthiger als der König.«

»In der That!«

»Wie ich Ihnen sage; ich schwöre Ihnen, man schaut sich zweimal um, ehe man sich von allen diesen philosophischen Kinnbacken in die Beine beißen läßt; Pest! eine Aufhebung bei Herrn Rousseau, nein, mein lieber Freund, nein.«

»In der That, mein lieber Beamter, ich bemerke eine seltsame Aengstlichkeit an Ihnen; ist der König nicht der König und sind Sie nicht der Polizeilieutenant?«

»In der That, Ihr seid reizend, Ihr Herren. Habt Ihr einmal gesagt: ist der König nicht der König, so glaubt Ihr Alles gesagt zu haben. Hören Sie mich an, mein bester Vicomte: ich würde lieber Sie bei Madame Dubarry aufheben, als Ihnen Gilbert von Herrn Rousseau wegholen.«

»Wahrhaftig! ich danke für den Vorzug.«

»Ah! meiner Treue, ja, man würde weniger schreien. Sie haben keinen Begriff, wie empfindlich die Oberhaut dieser Schriftsteller ist; sie schreien wegen der geringsten Schramme, als ob man sie rädern würde.«

»Machen wir uns keine Gespenster  . . . Ist es sicher, daß Herr Rousseau unsern Flüchtling aufgenommen hat? Gehört dieses Haus mit vier Stockwerken ihm und bewohnt er es allein?«

»Herr Rousseau besitzt keinen Pfennig und hat folglich kein Haus in Paris; es sind vielleicht fünfzehn bis zwanzig Miethsleute in dieser Baracke. Doch nehmen Sie dies als Regel des Verfahrens an: so oft sich ein Unglück mit einer Wahrscheinlichkeit zeigt, zählen Sie darauf; ist es ein Glück, so zählen Sie nicht darauf. Es sind immer neun und neunzig Chancen für das Schlimme und eine einzige für das Gute. Doch warten Sie; ich vermuthete, was uns begegnet, und nahm meine Noten mit.«

»Was für Noten?«

»Meine Noten über Herrn Rousseau. Glauben Sie, daß er einen Schritt thut, ohne daß man weiß, wohin er geht?«

»Ah! wahrhaftig! er ist also wirklich gefährlich?«

»Nein, doch er ist beunruhigend; ein solcher Narr kann jeden Augenblick einen Arm oder einen Schenkel brechen, und man würde sagen, wir haben ihm denselben gebrochen.«

»Ei! wenn er sich nur den Hals umdrehen würde.«

»Gott behüte uns!«

»Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich dies nicht begreife.«

»Das Volk steinigt von Zeit zu Zeit den braven Genfer; doch es behält sich ihn für sich bevor, und wenn er den geringsten Kiesel von unserer Seite bekäme, so würde man uns ebenfalls steinigen.«

»Oh! verzeihen Sie, ich kenne nicht alle diese Geschichten.«

»Wir werden auch mit der ängstlichsten Behutsamkeit zu Werke gehen und wollen die einzige Chance, die uns bleibt, untersuchen, die, daß er nicht bei Herrn Rousseau ist. Verbergen Sie sich im Hintergrund meines Wagens.«

Jean gehorchte und Herr von Sartines befahl dem Kutscher, noch einige Schritte in der Straße vorwärts zu fahren.

Dann öffnete er sein Portefeuille und zog einige Papiere daraus hervor.

»Wir wollen sehen,« sagte er, »ob der junge Mann bei Herrn Rousseau ist. Seit welchem Tage soll es sein?«

»Seit dem 16.«

»17. Man hat Herrn Rousseau um sechs Uhr Morgens im Walde von Meudon Pflanzen sammeln sehen; er war allein.«

»Er war allein!«

»Fahren wir fort. Um zwei Uhr Nachmittags an demselben Tage sammelte er immer noch Pflanzen, jedoch mit einem jungen Menschen.«

»Ah! ah!’’ machte Jean.

»Mit einem jungen Menschen,« wiederholte Herr von Sartines.

»Hören Sie, das ist es bei Gott! das ist es.«

»He! was sagen Sie dazu? Der junge Mensch ist schwächlich.«

»So ist es.«

»Sie reißen beide Pflanzen aus und legen sie in eine Kapsel von Blech.«

»Teufel! Teufel!« rief Dubarry.

»Das ist noch nicht Alles. Hören Sie: am Abend nimmt er den jungen Menschen mit nach Hause; um Mitternacht ist der junge Mensch noch nicht weggegangen.«

»Gut.«

»18. – Der junge Mensch hat das Haus nicht verlassen und scheint bei Herrn Rousseau einquartiert zu sein.«

»Ich habe noch einen Rest von Hoffnung.«

»Sie sind entschieden Optimist! Gleichviel, theilen Sie mir diese Hoffnung mit.«

»Er hat vielleicht einen Verwandten im Hause.«

»Gut! ich muß Sie befriedigen, oder vielmehr ganz in Verzweiflung bringen. Halt, Kutscher!«

Herr von Sartines stieg aus. Er hatte nicht zehn Schritte gemacht, als er einem grau gekleideten Menschen von ziemlich zweideutiger Miene begegnete.

Sobald dieser Mensch den hohen Beamten erblickte, nahm er seinen Hut ab und setzte ihn wieder auf, ohne daß er ein besonderes Gewicht auf diesen Gruß zu legen schien, obgleich Ehrfurcht und Ergebenheit in seinem Blicke unverkennbar waren.

Herr von Sartines machte ein Zeichen, dieser Mensch näherte sich ihm, empfing leise einige Aufträge und verschwand unter dem Gange von Rousseau.

Der Polizeilieutenant stieg wieder in den Wagen.

Fünf Minuten nachher erschien der graue Mann abermals und näherte sich dem Kutschenschlage.

»Ich wende den Kopf rechts ab, damit man mich nicht sieht,« sagte Dubarry.

Herr von Sartines lächelte, hörte die Meldung seines Agenten an und entließ ihn.

,Nun?« fragte Dubarry.

»Nun! die Chance war schlecht, wie ich vermuthete; Ihr Gilbert wohnt allerdings bei Herrn Rousseau. Glauben Sie mir, verzichten Sie  . . .«

»Ich soll verzichten?«

»Ja, Sie werden nicht wegen einer Laune alle Philosophen von Paris gegen uns in Aufruhr bringen wollen, nicht wahr?«

»Oh, mein Gott! was wird meine Schwester Jeanne sagen.«

»Es liegt ihr also sehr viel an diesem Gilbert?« fragte Herr von Sartines.

»Ja wohl.«

»Nun, so bleiben Ihnen noch die sanften Mittel, bedienen Sie sich der Artigkeit und schmeicheln Sie Herrn Rousseau, und statt ihn sich mit Gewalt entführen zu lassen, wird er Ihnen denselben freiwillig geben.«

»Meiner Treue, es wäre eben so gut, wenn man uns einen Bären zu zähmen geben würde.«

»Es ist vielleicht minder schwierig, als Sie glauben Wir wollen nicht verzweifeln; er liebt die hübschen Gesichter, das der Gräfin gehört zu den schönsten und das von Mademoiselle Chon ist nicht unangenehm; sprechen Sie, wird die Gräfin dieser Laune ein Opfer bringen?«

»Hundert.«

»Würde sie wohl einwilligen, sich in Herrn Rousseau zu verlieben?«

»Wenn es durchaus geschehen müßte.«

»Das wird vielleicht nützlich sein. Doch um unsere Personen einander zu nähern, müßte man einen Vermittler haben. Kennen Sie irgend einen Bekannten von Rousseau?«

»Herr von Conti.«

»Schlimm, er mißtraut den Prinzen. Man müßte einen Mann von armseligen Verhältnissen, einen Gelehrten, einen Dichter haben.«

»Wir sehen solche Leute nicht.«

»Habe ich nicht bei der Gräfin Herrn von Jussieu getroffen?«

»Den Botaniker?«

»Ja.«

»Meiner Treue, ich glaube wohl; er kommt nach Trianon, und die Gräfin läßt ihn ihre Rabatten plündern.«

»Das ist gut; Jussieu gehört zu seinen Freunden.«

»Dann wird die Sache allein gehen.«

»So ungefähr.«

»Ich bekomme also meinen Gilbert?«

Herr von Sartines dachte einen Augenblick nach und erwiederte sodann:

»Ich fange an zu glauben, ja, und zwar ohne Gewalt, ohne Geschrei; Rousseau wird Ihnen den Burschen an Händen und Füssen gebunden geben.«

»Sie glauben?«

»Ich bin dessen sicher.«

»Was muß ich zu diesem Behufe thun?«

»Sehr wenig. Sie haben in der Gegend von Meudon oder Marly ein leeres Terrain?«

»Oh! daran fehlt es nicht; ich kenne zehn zwischen Luciennes und Bougival.«

»Nun, so lassen Sie dort, wie soll ich das nennen? eine Mäusefalle für Philosophen bauen.«

»Wie beliebt? Wie haben Sie gesagt?«

»Ich habe gesagt, eine Mäusefalle für Philosophen.«

»Ei! mein Gott! wie baut man denn das?«

»Seien Sie unbesorgt, ich werde Ihnen den Plan dazu geben. Und nun rasch fortgefahren, denn man beobachtet uns. Kutscher, nach dem Hotel!«

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06 aralık 2019
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1798 s. 15 illüstrasyon
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