Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 50
»Dann nach den Frauen,« sagte der Wundarzt; »die Männer haben mehr Stärke als die Frauen, um den Schmerz zu ertragen.«
»Einen einfachen Aderlaß, mein Herr,« sagte der Greis, »ein einfacher Aderlaß wird genügen.«
Ah! Sie sind es abermals, mein Herr Edelmann,« rief er, als er Philipp erblickte, ehe er den Greis erblickt hatte.
Philipp antwortete nicht. Der Greis aber glaubte, diese Worte seien an ihn gerichtet, und entgegnete:
»Ich bin kein Edelmann, ich bin ein Mann aus dem Volk und heiße Jean-Jacques Rousseau.«
Der Arzt gab einen Schrei des Erstaunens von sich, machte ein gebieterisches Zeichen und rief:
»Platz, Platz, dem Mann der Natur! Platz dem Emancipator der Menschheit! Platz dem Bürger von Genf!«
»Ich danke, mein Herr,« sagte Rousseau.
»Sollte Ihnen ein Unfall begegnet sein?« fragte der junge Arzt.
»Nein, aber diesem Kinde, sehen Sie!«
»Ah! auch Sie,« rief der Wundarzt, »auch Sie vertreten die Sache der Menschheit.«
Erschüttert durch diesen unerwarteten Triumph, vermöchte der Greis nur einige unverständliche Worte zu stammeln.
Von tiefem Erstaunen ergriffen, da er sich dem Philosophen gegenüber sah, den er so sehr bewunderte, hielt sich Philipp beiseit.
Man half Rousseau Gilbert, der immer noch ohnmächtig war, auf einen Tisch legen.
In diesem Moment warf Rousseau einen Blick auf denjenigen, dessen Hülfe er in Anspruch nahm. Es war ein junger Mann, ungefähr von dem Alter von Gilbert, bei dem jedoch kein Zug an die Jugend erinnerte. Seine gelbe Gesichtshaut war verwelkt wie die eines Greises, sein mattes Augenlid bedeckte ein Schlangenauge und sein Mund war verdreht, wie es der Mund eines Epileptischen bei seinen Anfällen ist.
Die Aermel bis an den Ellenbogen zurückgeschlagen, die Arme mit Blut bedeckt, ringsumher Stücke von Menschen, schien er mehr ein Henker bei der Arbeit und ein Enthusiast seines Gewerbes zu sein, als ein Arzt, der seinen traurigen und heiligen Beruf erfüllt.
Der Name von Rousseau hatte indessen einen solchen Einfluß auf ihn gehabt, daß er einen Augenblick auf seine gewöhnliche Brutalität zu verzichten schien; er öffnete sachte den Aermel von Gilbert, drückte den Arm mit einer linnenen Binde zusammen und schlug die Ader.
Das Blut floß Anfangs Tropfen um Tropfen, doch nach einigen Sekunden fing dieses edle reine Blut der Jugend an zu springen.
»Gut, gut, man wird ihn retten,« sagte der Operateur; »doch man muß sehr sorgsam zu Werke gehen, denn die Brust ist furchtbar gequetscht worden.«
»Mein Herr,« sprach Rousseau, »ich habe Ihnen nur noch zu danken und Sie zu loben, nicht wegen des Ausschlusses, den Sie zu Gunsten der Armen machen, sondern daß Sie sich so den Armen widmen und aufopfern. Alle Menschen sind Brüder.«
»Selbst die Adeligen, selbst die Aristokraten, selbst die Reichen?« fragte der Wundarzt mit einem Blick, den sein scharfes Auge unter seinem schweren Augenliede glänzen
»Selbst die Adeligen, selbst die Aristokraten, selbst die Reichen, wenn sie leiden,« sprach Rousseau.
»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte der Operateur, »aber ich bin in Baudry bei Neuchatel geboren, ich bin ein Schweizer wie Sie und folglich ein wenig Demokrat.«
»Ein Landsmann!« rief Rousseau; »ein Schweizer. Sagen Sie mir Ihren Namen, wenn es Ihnen gefällig ist, mein Herr.«
»Ein dunkler Name, der Name eines bescheidenen Menschen, der sein Leben den Studien weiht, bis er es wie Sie dem Glück der Menschheit weihen kann: ich heiße Jean Paul Marat.«
»Ich danke, Herr Marat,« sagte Rousseau; »doch während Sie dem Volk Erleuchtung über seine Rechte geben, regen Sie es nicht zur Rache auf, denn wenn es sich je rächt, werden Sie vielleicht selbst über die Repressalien erschrocken sein.«
Marat lächelte auf eine abscheuliche Weise.
»Ah!« sagte er, »wenn dieser Tag kommt, während ich noch lebe, wenn ich das Glück habe, diesen Tag zu sehen . . .«
Rousseau hörte diese Worte und nahm, erschrocken über den Ausdruck, mit dem sie gesprochen wurden, wie der Reisende über das erste Murren eines entfernten Donners erschrickt, Gilbert in seine Arme und suchte ihn fortzutragen.
»Zwei Freiwillige, um Herrn Rousseau zu helfen, zwei Männer aus dem Volk,« sprach der Wundarzt.
»Wir! wir! wir!« riefen zehn Stimmen.
Rousseau hatte nur zu wählen; er bezeichnete zwei kräftige Commissionäre, welche den jungen Menschen in ihre Arme nahmen.
Als er wegging, kam er an Philipp vorbei.
»Mein Herr,« sagte er, nehmen Sie meine Laterne, ich brauche sie nicht mehr.«
»Ich danke, mein Herr,« erwiederte Philipp und ergriff die Laterne, und während Rousseau wieder den Weg nach der Rue Plastrière einschlug, setzte er seine Nachforschungen fort.
»Armer junger Mann!« murmelte Rousseau, indem er sich umwandte und ihn in den versperrten Straßen verschwinden sah.
Und er ging schauernd weiter, denn man hörte fortwährend über diesem Trauerfelde die scharfe Stimme des Wundarztes vibriren und ausrufen:
»Die Leute aus dem Volk! nur die Leute aus dem Volk! wehe den Adeligen, den Reichen und den Aristokraten!«
LXIX.
Die Rückkehr
Während diese tausend Katastrophen auf einander folgten, entging Herr von Taverney wie durch ein Wunder allen Gefahren.
Unfähig, irgend einen körperlichen Widerstand gegen diese verzehrende Kraft zu entwickeln, welche Alles zerbrach, was ihr begegnete, aber ruhig und gewandt, hatte er sich im Mittelpunkte einer Gruppe zu behaupten gewußt, welche sich nach der Rue de la Madeleine wälzte.
An den Brüstungen des Platzes gequetscht, an den Ecken des Garde-Meuble zermalmt, ließ diese Gruppe auf ihren Seiten einen langen Streifen von Verwundeten und Todten zurück, aber es gelang ihr, obgleich decimirt, ihr Centrum aus der Gefahr hinauszuarbeiten.
Sogleich zerstreute sich die zusammengeballte Schaar von Männern und von Frauen auf dem Boulevard, in der freien Luft, und stieß Freudenschreie aus.
Herr von Taverney befand sich nun, wie alle diejenigen, welche ihn umgaben, ganz außer Gefahr.
Was wir nun sagen, wäre schwer zu glauben, hätten wir nicht seit langer Zeit und zwar auf eine so offene, so wenig zurückhaltende Weise den Charakter des Barons bezeichnet: während dieser ganzen furchtbaren Reise hatte Herr von Taverney, Gott vergebe ihm, durchaus nur an sich gedacht.
Abgesehen davon, daß er nicht sehr zärtlichen Gemüthes, war der Baron ein Mann des Handelns, und in den großen Krisen des Lebens bringen solche Temperamente stets das Sprüchwort von Cäsar: age quod agis, in Anwendung.
Sagen wir also nicht, Herr von Taverney sei selbstsüchtig gewesen; geben wir nur zu, er sei zerstreut gewesen.
Doch einmal auf dem Pflaster der Boulevards, einmal frei in seinen Bewegungen, einmal dem Tode entgangen, um in das Leben zurückzukehren, einmal seiner sicher, stieß der Baron einen Freudenschrei aus , dem ein anderer Schrei folgte.
Schwächer als der erste, war der zweite Schrei jedoch ein Schrei des Schmerzes.
»Meine Tochter!« sagte er, »meine Tochter!«
Und er blieb unbeweglich, ließ seine Hände an seinem Leibe herabfallen und suchte, die Augen starr und blicklos, in seinen Erinnerungen alle einzelne Umstände dieser Trennung.
»Armer Mann!« murmelten einige mitleidige Frauen.
Und es bildete sich ein Kreis, bereit, ihn zu beklagen, aber besonders, ihn zu befragen.
Herr von Taverney hatte die volksthümlichen Instincte nicht. Es war ihm unbehaglich in diesem Kreise mitleidiger Menschen; er strengte sich an, um ihn zu durchbrechen, durchbrach ihn und, sagen wir es zu seinem Lob, machte ein paar Schritte nach dem Platz.
Doch diese paar Schritte waren die unüberlegte Bewegung der väterlichen Liebe, welche nie ganz im Herzen des Menschen erlischt. Das Raisonnement kam sogleich dem Baron zu Hülfe und hielt ihn rasch zurück.
Folgen wir, wenn es beliebt, dem Gange seiner Dialektik.
Vor Allem, Unmöglichkeit, nach der Place Louis XV. zurückzukehren. Es war dort Versperrung, Metzelei, und es wäre ebenso albern gewesen, die Wagen, welche vom Platze kamen, durchschneiden zu wollen, als es wahnsinnig vom Schwimmer wäre, wenn er sich den Rheinfall bei Schaffhausen hinaufzuarbeiten versuchen würde.
Hätte ihn aber auch ein göttlicher Arm in die Menge zurückgeführt, wie eine Frau unter diesen hundert tausend Frauen wiederfinden? Wie sich nicht abermals und umsonst einem Tod, dem man wunderbar entgangen, aussetzen?
Dann kam die Hoffnung, dieser Schimmer, welcher stets die Fransen der dunkelsten Nacht vergoldet.
War Andrée nicht bei Philipp, an seinem Arme hängend, unter dem Schutz des Mannes und des Bruders?
Er, der Baron, ein schwacher, wankender Greis, wäre ganz einfach fortgerissen worden; doch Philipp, diese glühende, kräftige, lebhafte Natur, Philipp, dieser stählerne Arm, Philipp, verantwortlich für seine Schwester, dies war unmöglich: Philipp hatte gekämpft und mußte gesiegt haben.
Wie jeder Selbstsüchtige schmückte der Baron Philipp mit allen Eigenschaften, die der Egoismus für sich selbst ausschließt, die er aber bei den Andern sucht und schätzt; nicht edelmüthig, stark, tapfer sein, heißt für den Selbstsüchtigen selbstsüchtig, nämlich, sein Nebenbuhler, sein Gegner, sein Feind sein, es heißt ihm die Vortheile stehlen, die er allein in der Gesellschaft in Anspruch zu nehmen sich berechtigt glaubt.
Als sich Herr von Taverney so durch sein eigenes Raisonnement beruhigt hatte, schloß er, Philipp habe natürlich seine Schwester retten müssen, er habe vielleicht ein wenig Zeit verloren, um seinen Vater zu suchen, um ihn ebenfalls zu retten, aber wahrscheinlich, gewiß sogar habe er den Weg nach der Rue Coq-Héron eingeschlagen, um Andrée, ein wenig betäubt von all diesem Lärmen und Tumult, zurückzuführen.
Er wandte sich also wieder um, ging die Rue des Capucines hinab, erreichte die Place des Conquêtes oder Louis le Grand, heute die Place des Victoires genannt.
Doch kaum war der Baron zwanzig Schritte vom Hotel angelangt, als Nicole, welche als Schildwache vor der Thüre stand, wo sie mit einigen Nachbarinnen plauderte, ausrief:
»Und Herr Philipp! Und Fräulein Andrée! was ist aus ihnen geworden?«
Denn ganz Paris wußte schon von den ersten Flüchtlingen die durch den Schrecken noch übertriebene Katastrophe.
»Oh! mein Gott!« rief der Baron, »sind sie nicht zurückgekehrt, Nicole?«
»Nein, nein, gnädiger Herr, man hat sie nicht gesehen.«
»Sie werden genöthigt gewesen sein, einen Umweg zu machen,« erwiederte der Baron.immer mehr zitternd, je mehr die Berechnungen seiner Logik in Stücke gingen.
Der Baron blieb also auf der Straße, um mit Nicole, welche seufzte, und La Brie, der die Arme zum Himmel erhob, zu warten.
»Ah! hier kommt Herr Philipp,« rief Nicole mit einem unbeschreiblichen Ausdruck des Schreckens, denn Philipp war allein.
Philipp lief in der That in der Dunkelheit der Nacht keuchend, in Verzweiflung, herbei.
»Wo ist meine Schwester?« rief er, als er die Gruppe auf der Schwelle des Hotel erblickte.
»Oh! mein Gott!« machte der Baron bleich und wankend.
»Andrée! Andrée!« rief der junge Mann immer näher kommend; »wo ist Andrée?«
»Wir haben sie nicht gesehen, sie ist nicht hier, Herr Philipp. Oh! mein Gott! mein Gott! theures Fräulein!« rief Nicole und brach in ein Schluchzen aus.
»Und Du bist zurückgekehrt?« sagte der Baron mit einem Zorn, der um so ungerechter erscheinen muß, als wir den Leser den Geheimnissen seiner Logik haben beiwohnen lassen.
Statt jeder Antwort trat Philipp näher auf ihn zu und zeigte sein blutiges Gesicht und seinen gebrochenen Arm, der wie ein dürrer Ast an seiner Seite herabhing.
»Ach! ach!« seufzte der Greis, »Andrée, meine arme Andrée.«
Und er fiel auf die steinerne Bank zurück, welche an die Wand neben dem Hause angelehnt war.
»Ich werde sie todt oder lebendig wieder finden!« rief Philipp mit einer düsteren Miene.
Und er begann wieder seinen Lauf mit einer fieberhaften Behendigkeit, und während er lief, legte er mit seinem rechten Arm seinen linken Arm in die Oeffnung seiner Weste. Dieser unnütze Arm wäre ihm lästig und beschwerlich bei der Rückkehr in die Menge gewesen, und wenn er ein Beil gehabt hätte, würde er ihn in diesem Augenblick abgeschlagen haben.
Da geschah es, daß er auf dem unseligen Todtenfelde, das wir besuchten, Rousseau, Gilbert und den finsteren Operateur fand, der, roth von Blut, viel mehr der höllische Dämon, welcher bei der Metzelei den Vorsitz geführt, als der wohlthätige Genius, der dabei Hülfe leistete, zu sein schien.
Philipp irrte einen Theil der Nacht auf der Place Louis XV. umher. Er konnte sich nicht trennen von diesen Mauern des Garde Meuble, bei dem er Gilbert wiedergefunden, und richtete unabläßig seine Augen auf den weißen Mousselinefetzen, den der junge Mensch zerknittert in seiner Hand gehalten hatte.
Endlich als der erste Schimmer des Tags den Osten bleichte, kehrte Philipp, entkräftet, nahe daran, selbst unter diese Leichname zu fallen, welche minder bleich waren, als er, von einem seltsamen Schwindel ergriffen, hoffend, wie es sein Vater gehofft hatte, Andrée wäre nach Hause gekommen oder geführt worden, kehrte Philipp, sagen wir, auf dem Wege nach der Rue Coq-Héron zurück.
Von fern erblickte er an der Thüre dieselbe Gruppe, die er dort gelassen hatte.
Er begriff, daß Andrée nicht wiedererschienen war.
Der Baron erkannte ihn ebenfalls.
»Nun?« rief er Philipp zu.
»Wie! meine Schwester ist nicht zurückgekommen?« fragte dieser.
»Ach!« riefen gleichzeitig der Baron, Nicole und La Brie. »Nichts? keine Nachricht? keine Kunde? keine Hoffnung?«
»Nichts!«
Philipp sank auf die steinerne Bank vor dem Hause; der Baron stieß ein wildes Geschrei aus.
In diesem Augenblick zeigte sich ein Fiacre am Ende der Straße, näherte sich schwerfällig und hielt vor dem Hotel an.
Ein Frauenkopf erschien durch den Kutschenschlag, auf eine Schulter zurückgelehnt und wie ohnmächtig.
Bei diesem Anblick plötzlich erweckt, sprang Philipp dahin.
Der Schlag des Fiacre öffnete sich, und ein Mann stieg, die leblose Andrée in seinen Armen tragend, heraus.
»Todt! todt! Man bringt sie uns zurück,« rief Philipp auf die Kniee fallend.
»Todt!« stammelte der Baron. »Oh! mein Herr, ist sie wirklich todt? . . .«
»Ich glaube nicht, meine Herren,« erwiederte ruhig der Mann, welcher Andrée trug, »Fräulein von Taverney ist, wie ich hoffe, nur ohnmächtig.«
»Oh! der Zauberer! der Zauberer!« rief der Baron.
»Der Herr Graf von Balsamo,« murmelte Philipp.
»Ich bin es, Herr Baron, und fühle mich sehr glücklich, Fräulein von Taverney in dem furchtbaren Gemenge erkannt zu haben.«
»Wo dies?« fragte Philipp.
»Beim Garde-Meuble.«
»Ja,« sagte Philipp. »Plötzlich aber von dem Ausdruck der Freude zu einem düsteren Mißtrauen übergehend, fügte er bei:
»Sie bringen Sie sehr spät zurück, Graf.«
»Mein Herr,« antwortete Balsamo, ohne zu erstaunen, »Sie werden meine Verlegenheit leicht begreifen. Ich wußte die Adresse des Fräuleins, Ihrer Schwester, nicht, und hatte sie durch meine Leute zu der Frau Marquise von Savigny, einer Freundin von mir, bringen lassen, welche bei den Ställen des Königs wohnt. Da erkannte dieser brave Junge, den Sie hier sehen und der mir das Fräulein unterstützen half . . . Kommen Sie, Comtois.«
Balsamo begleitete diese letzten Worte mit einem Zeichen, und ein Mann in königlicher Livree stieg aus dem Fiacre.
»Da erkannte,« fuhr Balsamo fort, »dieser brave Junge, der bei den königlichen Equipagen angestellt ist, das Fräulein, das er eines Abends von der Muette nach Ihrem Hotel geführt hatte. Das Fräulein verdankt dieses glückliche Zusammentreffen seiner wunderbaren Schönheit. Ich ließ ihn mit mir in den Fiacre steigen und habe die Ehre, mit aller schuldigen Achtung das Fräulein von Taverney zurückzubringen, das minder leidend ist, als Sie wohl glauben mögen.«
Und er legte mit der achtungsvollsten Rücksicht das Mädchen in die Arme seines Vaters und der Nicole.
Der Baron fühlte zum ersten Mal eine Thräne am Rande seines Augenlides und ließ, sicherlich in seinem Innern ganz erstaunt über eine solche Empfindsamkeit, diese Thräne frei über seine gerunzelte Wange fließen. Philipp reichte Balsamo die einzige Hand, die er frei hatte.
»Mein Herr,« sagte er, »Sie wissen meine Adresse, Sie wissen meinen Namen; ich bitte Sie, setzen Sie mich in den Stand, für den Dienst, den Sie uns geleistet, erkenntlich zu sein.«
»Ich habe eine Pflicht erfüllt; war ich Ihnen nicht die Gastfreundschaft schuldig?«
Und rasch grüßend, machte er einige Schritte, um sich zu entfernen, ohne das Anerbieten des Barons, bei ihm einzutreten, erwiedern zu wollen.
Doch sich umwendend, sagte er noch:
»Verzeihen Sie, ich vergaß, Ihnen die genaue Adresse der Frau Marquise von Savigny zu geben; sie hat ihr Hotel in der Rue Saint-Honoré, nahe bei den Feuillans. Ich sage Ihnen dies, falls Fräulein von Taverney ihr einen Besuch machen zu müssen glauben würde.«
Es lag in diesen Erklärungen, in dieser genauen Angabe der Umstände, in dieser Anhäufung von Beweisen eine Zartheit, welche Philipp und selbst den Baron tief rührte.
»Mein Herr,« sprach der Baron, »meine Tochter verdankt Ihnen das Leben.«
»Ich weiß es, mein Herr, und das macht mich stolz und glücklich,« erwiederte Balsamo.
Und gefolgt von Comtois, der die Börse von Philipp ausschlug, stieg Balsamo wieder in den Fiacre und verschwand.
Beinahe in demselben Moment, und als hätte der Abgang von Balsamo die Ohnmacht des Mädchens aufhören gemacht, öffnete Andrée die Augen.
Doch sie blieb noch einige Sekunden stumm, betäubt, die Blicke verstört.
»Mein Gott. mein Gott!« murmelte Philipp, »sollte sie uns Gott nur Halb zurückgegeben haben, sollte sie wahnsinnig geworden sein!«
Andrée schien diese Worte zu verstehen und schüttelte den Kopf; sie blieb indessen fortwährend stumm und unter der Herrschaft einer Art von Extase.
Sie stand aufrecht und hatte einen ihrer Arme in der Richtung der Straße ausgestreckt, in der Balsamo verschwunden war.
»Auf, auf!« sagte der Baron, »es ist Zeit, daß dies Alles endigt. Hilf Deiner Schwester hineingehen, Philipp.«
Der junge Mann unterstützte Andrée mit seinem gesunden Arm.
Das Mädchen stützte sich auf der andern Seite auf Nicole, schritt vorwärts, doch auf die Weise einer entschlummerten Person, kehrte in das Hotel zurück und erreichte seinen Pavillon.
Hier erhielt sie die Sprache erst wieder.
»Philipp! mein Vater!« sagte sie.
»Sie erkennt uns, sie erkennt uns!« rief Philipp.
»Allerdings erkenne ich Euch; doch, mein Gott, was ist denn vorgefallen?«
Andrée schloß beinahe ihre Augen wieder, doch diesmal nicht zu einer Ohnmacht, sondern zu einem ruhigen, friedlichen Schlaf.
Als Philipp in sein Zimmer zurückkehrte, fand er einen Arzt, den der vorsichtige La Brie in aller Eile geholt hatte, sobald man über Andrée nicht mehr in Unruhe war.
Der Doctor untersuchte den Arm von Philipp; er war nicht gebrochen, sondern nur luxirt. Ein geschickt angewendeter Druck machte die Schulter in die Gliederfuge zurückkehren, aus der sie herausgetreten war. Wonach Philipp, der noch für seine Schwester bange hatte, den Arzt zum Bett von Andrée führte. Der Arzt fühlte ihr den Puls, horchte auf ihren Athem und lächelte.
»Der Schlaf Ihrer Schwester ist ruhig und rein wie der eines Kindes,« sagte er. »Lassen Sie das Fräulein schlafen, Chevalier, es wird nichts Anderes zu thun sein.«
Hinreichend über seinen Sohn und seine Tochter beruhigt, schlief der Baron schon längst.
LXX.
Herr von Jussieu
Wenn wir uns noch einmal in das Haus der Rue Plastrière begeben, wohin Sartines sein Geld schickte, so werden wir dort am Morgen des 31. Mai Gilbert auf einer Matratze im Zimmer von Therese ausgestreckt finden, und um ihn Therese und Rousseau mit mehreren von ihren Nachbarn, welche dieses traurige Muster des großen Ereignisses, über dem noch ganz Paris bebte, betrachten.
Bleich, blutig, hatte Gilbert die Augen geöffnet, und sobald er wieder zum Bewußtsein kam, indem er sich erhob, um sich her zu sehen gesucht, als ob er noch auf der Place Louis XV. wäre.
Zuerst prägte sich eine tiefe Unruhe, dann eine große Freude in seinen Zügen aus; hierauf kam eine andere Wolke der Traurigkeit und verwischte abermals die Freude.
»Leiden Sie, mein Freund?« fragte Rousseau, indem er voll Besorgniß seine Hand nahm.
»Oh! wer hat mich denn gerettet?« fragte Gilbert; »wer hat denn an mich gedacht, an mich, den in der Welt Vereinzelten?«
»Was Sie gerettet hat, mein Kind, war, daß Sie noch nicht todt gewesen sind; derjenige, welcher Sie gerettet hat, ist der, welcher an Alle denkt.«
»Gleichviel, es ist sehr unklug, sich in ein solches Gedränge, in eine solche Menschenmenge zu mischen,« brummelte Therese.
»Ja, ja, es ist sehr unklug,« wiederholten im Chor die Nachbarn.
»Ei! meine Damen,« unterbrach sie Rousseau, »es ist keine Unklugheit, dahin zu gehen, wo keine offene Gefahr droht, und eine offene Gefahr droht nicht bei einem Feuerwerk. Kommt die Gefahr in diesem Fall, so ist man nicht unklug, sondern unglücklich. Wir, die wir sprechen, hätten dasselbe gethan.«
Gilbert schaute umher und wollte reden, als er sah, daß er im Zimmer von Rousseau war. Doch die Anstrengung, mit der er es versuchte, machte, daß ihm das Blut in den Kopf, in den Mund und in die Nasenlöcher stieg.
Rousseau war von dem Arzt der Place Louis XV. zum Voraus hierauf aufmerksam gemacht worden; er erschrak also nicht darüber, sondern er erwartete diese Entwicklung und hatte deshalb seinen Kranken auf eine einzelne Matratze ohne Leintücher legen lassen.
»Sie können nun den armen Knaben ins Bett bringen,« sagte er zu Therese.
»Wo dies?«
»Hier, in mein Bett.«
Gilbert hatte es gehört: seine außerordentliche Schwäche hinderte ihn allein, sogleich zu antworten: doch er strengte sich gewaltig an, öffnete die Augen wieder und sagte:
»Nein, nein, oben!«
»Sie wollen in Ihr Zimmer zurückkehren?«
»Ja, ja, wenn Sie erlauben.
Er vollendete mehr mit den Augen, als mit der Zunge diesen Wunsch, der ihm von einer Erinnerung dictirt wurde, welche mächtiger war als das Leiden und in seinem Innern den Verstand zu überleben schien.
Rousseau, dieser Mann, der alle Empfindungen im Uebermaße besaß, begriff ohne Zweifel, denn er erwiederte:
»Es ist gut, mein Kind, wir werden Sie nach oben bringen. Er will uns nicht belästigen,« sagte er zu Therese, welche dies mit allen ihren Kräften billigte.
Dem zu Folge wurde beschlossen, Gilbert sogleich in die Dachkammer einzuquartieren, nach der er verlangte. Um die Mitte des Tages kam Rousseau zum Bett seines Schülers, um hier die Zeit zuzubringen, die er gewöhnlich mit dem Sammeln von Lieblingspflanzen verlor. Der junge Mann, der sich wieder ein wenig erholt hatte, erzählte ihm mit leiser, beinahe erloschener Stimme die einzelnen Umstände der Katastrophe.
Er sagte nicht, warum er zu dem Feuerwerk gegangen war; er erwähnte nur einfach, die Neugierde habe ihn nach der Place Louis XV. geführt.
Wenn Rousseau kein Zauberer war, so konnte er nicht mehr vermuthen.
Er gab also Gilbert kein Erstaunen kund, begnügte sich mit den schon gemachten Fragen und empfahl ihm nur die größte Geduld. Er sprach auch nicht von dem Fetzen weißen Stoffes, den man in seiner Hand gesehen und dessen sich Philipp bemächtigt hatte.
Doch dieses Gespräch, das bei Beiden so nahe an dem wirklichen Interesse und der positiven Wahrheit hinstreifte, war darum nicht minder anziehend, und sie gaben sich demselben, der Eine wie der Andere, ganz und gar hin, als plötzlich der Tritt von Therese auf dem Ruheplatz erscholl.
»Jacques!« rief sie, »Jacques!«
»Nun, was gibt es?«
»Ein Prinz, der mich besuchen will,« sagte Gilbert mit einem bleichen Lächeln.
»Jacques!« rief Therese, immer näher kommend.
»Nun! was will man von mir?«
Therese erschien.
»Herr von Jussieu ist unten,« sagte sie; »er hat erfahren, daß man Sie in dieser Nacht dort gesehen und kommt, um sich zu erkundigen, ob Sie verwundet worden seien.«
»Dieser gute Jussieu!« rief Rousseau; »ein vortrefflicher Mann, wie alle diejenigen, welche sich aus Geschmack oder Nothwendigkeit der Natur, dieser Quelle alles Guten, nähern! Seien Sie ruhig, Gilbert, rühren Sie sich nicht, ich komme zurück.«
»Ja, ich danke,« sprach der junge Mann.
Rousseau ging hinaus.
Doch kaum war er außen, als Gilbert, so gut er konnte, aufstand und sich bis zur Dachluke schleppte, von wo aus man das Fenster von Andrée erblickte.
Es war mühsam für einen jungen Mann ohne Kräfte, beinahe ohne Ideen, sich auf den Schämel zu erheben, den Laden der Luke zu öffnen und sich auf das Dach zu stützen. Es gelang jedoch Gilbert; doch sobald er hier war, verdunkelten sich seine Augen, seine Hand zitterte, das Blut kehrte nach seinen Schläfen zurück und er fiel schwerfällig auf den Boden.
In diesem Augenblick öffnete sich die Kammerthüre, und Rousseau trat ein, Herrn von Jussieu voranschreitend, dem er tausend Höflichkeiten erzeigte.
»Nehmen Sie sich in Acht, mein lieber Gelehrter, bücken Sie sich . . . es ist hier eine Stufe,« sagte Rousseau; »wir treten wahrlich nicht in einen Palast ein.«
»Ich danke: ich habe gute Augen, gute Beine,« erwiederte der gelehrte Botaniker.
»Man will Sie besuchen, mein kleiner Gilbert,« sagte Rousseau, nach dem Bette schauend. »Ah! mein Gott! wo ist er? Er ist aufgestanden, der Unglückliche!«
Da bemerkte Rousseau, daß der Laden offen war, und wollte sich in väterlichen Verweisen ereifern.
Gilbert erhob sich mit großer Anstrengung und sagte mit beinahe erloschener Stimme:
»Ich bedurfte der Luft.«
Es war nicht möglich, zu zanken; das Leiden trat sichtbar ausgeprägt auf dem verstörten Gesichte hervor.
»Es ist in der That. furchtbar heiß hier.« sagte Herr von Jussieu; »reichen Sie mir Ihren Puls, junger Mann, ich bin auch Arzt.«
»Und zwar ein besserer als viele Andere,« sprach Rousseau; »denn Sie sind zugleich Arzt der Seele und des Körpers.«
»So viel Ehre . . .« sagte Gilbert mit schwacher Stimme, während er sich in seinem ärmlichen Bette den Augen zu entziehen suchte.
»Herr von Jussieu wollte Sie durchaus besuchen,« sprach Rousseau, »und ich habe sein Anerbieten angenommen; nun, mein lieber Doctor, was sagen Sie zu dieser Brust?«
Der geschickte Anatomist befühlte die Knochen und untersuchte die Höhle mit der größten Aufmerksamkeit.
»Der Grund ist gut,« sagte er; »doch wer hat Sie mit solcher Gewalt in seine Arme gedrückt?«
»Ach! mein Herr, der Tod,« sprach Gilbert.
Rousseau schaute den jungen Mann ganz verwundert an.
»Oh! Sie sind gequetscht, mein Kind, sehr gequetscht; doch stärkende Mittel, Luft, Muße, und Alles wird verschwinden.«
»Keine Muße . . . ich will keine haben,« rief Gilbert, indem er Rousseau anschaute.
»Was will er damit sagen?« fragte Herr von Jussieu.
»Gilbert ist ein rüstiger Arbeiter, lieber Herr,« erwiederte Rousseau.
»Einverstanden, doch man arbeitet nicht an solchen Tagen.«
»Um zu leben, arbeitet man alle Tage, denn man lebt alle Tage,« sagte Gilbert.
»Oh! Sie werden nicht viel verzehren, und Ihre Tisanen kosten wenig.«
»So wenig sie auch kosten mögen, mein Herr, so nehme ich doch kein Almosen an,« entgegnete Gilbert.
»Sie sind ein Narr, Sie übertreiben es,« rief Rousseau. »Ich sage Ihnen, daß Sie sich nach der Vorschrift dieses Herrn richten werden, denn er wird Ihr Arzt wider Ihren Willen sein. Glauben Sie, daß er mich gebeten hatte, keinen Arzt zu rufen?« fuhr er, sich an Herrn von Jussieu wendend fort.
»Warum?«
»Weil mich das Geld gekostet hätte und weil er stolz ist.«
»Aber,« erwiederte Herr von Jussieu, der mit der größten Theilnahme diesen ausdrucksvollen, feinen Kopf betrachtete, »so stolz man auch sein mag, so könnte man doch immer nur das Mögliche thun . . . Sie glauben sich im Stande, zu arbeiten, Sie, der Sie, nur weil Sie sich an die Dachluke gestellt, auf den Boden gefallen sind?«
»Das ist wahr,« murmelte Gilbert, »ich bin schwach, Ich weiß es.«
»Nun wohl! so ruhen Sie aus, und zwar besonders moralisch, Sie sind der Gast eines Mannes, mit dem alle Welt rechnet, nur sein Gast nicht.«
Sehr glücklich, über diese zarte Artigkeit des vornehmen Herrn, nahm Rousseau seine Hand und drückte sie.
»Und dann,« fügte Herr von Jussieu bei, »dann werden Sie der Gegenstand väterlicher Fürsorge des Königs und der Prinzen werden!«
»Ich!« rief Gilbert.
»Sie, ein armes Opfer dieses Abends. Der Herr Dauphin, als er die Kunde vernahm, gab herzzerreißende Schreie von sich. Die Frau Dauphine, welche nach Marly abzureisen sich anschickte, bleibt in Trianon, um mehr in der Nähe zu sein und dadurch den Unglücklichen leichter beistehen zu können.«
»Ah! wahrhaftig?« sagte Rousseau.
»Ja, mein lieber Philosoph, und man spricht hier nur von dem Brief, den der Dauphin an Herrn von Sartines geschrieben hat.«
»Ich kenne ihn nicht.«
»Das ist zugleich naiv und reizend. Der Dauphin erhält monatlich zweitausend Thaler Pension. Diesen Morgen kam sein Monat nicht an. Der Prinz ging ganz bestürzt auf und ab, fragte mehrere Male nach dem Cassier, und als dieser das Geld brachte, schickte es der Prinz sogleich nach Paris mit zwei reizenden Zeilen an Herrn von Sartines, der mir dieselben auf der Stelle mittheilte.«
»Ah! Sie haben Herrn von Sartines gesehen?« fragte Rousseau mit einer Art von Unruhe, oder vielmehr Mißtrauen.«
»Ja, ich komme so eben von ihm her,« antwortete Herr von Jussieu ein wenig verlegen; »ich hatte ihn um Samen zu bitten; somit,« fügte er rasch bei »somit bleibt die Frau Prinzessin in Versailles, um ihre Kranken und Verwundeten zu pflegen.«
»Ihre Kranken und Verwundeten?« versetzte Rousseau.
»Ja, Herr Gilbert ist nicht der Einzige, der gelitten hat, das Volk hat diesmal nur einen theilweisen Tribut bei der Katastrophe bezahlt; es sollen unter den Verwundeten viele adelige Personen sein.«
Gilbert horchte mit einer unaussprechlichen Angst und Gierde; es war ihm, als müßte jeden Augenblick der Name von Andrée aus dem Munde des erhabenen Naturforschers kommen.
Herr von Jussieu stand auf.
»Die Consultation ist also geschehen?« fragte Rousseau.
»Und unsere Wissenschaft wird fortan bei dem Kranken unnütz sein; Luft, mäßige Bewegung, Spaziergänge im Walde . . . Ah! . . . ich vergaß . . .«
»Was denn?«
»Ich mache nächsten Sonntag einen botanischen Ausflug in den Wald von Marly, sind Sie der Mann, mich zu begleiten, mein vortrefflichster College?«
»Oh!« rief Rousseau, »sagen Sie Ihr unwürdiger Bewunderer.«
»Das ist bei Gott eine schöne Gelegenheit zu einem Spaziergang für unsern Verwundeten . . . bringen Sie ihn mit«
