Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 49
LXVII.
Das Feuerwerk
Andrée und ihr Bruder waren kaum festgestellt, als die ersten Raketen in die Wolken aufschoßen und ein gewaltiges Geschrei sich aus der Menge erhob, die sich nun einzig und allein der Beschauung dessen hingab, was ihr der Mittelpunkt des Platzes bieten sollte.
Der Anfang des Feuerwerks war prachtvoll und in jeder Beziehung würdig des hohen Rufes von Ruggieri. Die Decoration des Tempels entzündete sich stufenweise und bot dann eine Façade von Feuern. Beifallsgeklatsche erscholl; doch dieses Geklatsche verwandelte sich bald in wüthende Bravos, als aus dem Rachen der Delphine und aus den Urnen der Flüsse Flammenströme hervorstürzten, welche ihre Cascaden von verschiedenfarbigen Feuern kreuzten.
Vom höchsten Erstaunen beim Anblick eines Schauspieles, das nicht seines Gleichen auf der Welt hat, bei dem Anblicke einer vor einem Flammenpalaste vor Freude brüllenden Bevölkerung von siebenmal hundert tausend Seelen suchte Andrée nicht einmal ihre Eindrücke zu verbergen.
Drei Schritte von ihr, durch die herkulischen Schultern eines Lastträgers, der sein Kind in die Luft hob, bedeckt, betrachtete Gilbert Andrée ihretwegen und das Feuerwerk, weil sie es betrachtete.
Gilbert sah Andrée vom Profil; jede Rakete beleuchtete das schöne Antlitz und verursachte ein Beben bei dem jungen Manne; es kam ihm vor, als entstünde die allgemeine Bewunderung aus diesem, göttlichen Geschöpfe, das er anbetete.
Andrée hatte Paris nie gesehen und eben so wenig eine solche ungeheure Menge und die Herrlichkeiten eines solchen Festes; die vielfachen Offenbarungen, welche auf ihren Geist eindrangen, betäubten sie.
Plötzlich verbreitete sich ein lebhafter Schimmer, der in einer schrägen Linie vom Flusse herkam. Es war eine mit furchtbarem Krachen zerplatzende Bombe, deren verschiedenartiges Feuer Andres bewunderte.
»Sieh, Philipp, wie schön das ist,« sagte sie.
»Mein Gott,« rief der junge Mann unruhig, ohne ihr zu antworten, »diese letzte Rakete war sehr schlecht gerichtet: sie ist offenbar von ihrer Bahn abgegangen, denn statt ihre Parabel zu beschreiben, ist sie beinahe horizontal fortgeschossen.«
Philipp hatte kaum diese Unruhe geäußert, welche sich auch in der Menge durch ein Beben fühlbar zu machen anfing, als ein Flammenwirbel von der Bastei aufsprang, auf der sich der Strauß und die Reserve des Feuerwerks fanden. Ein Lärmen, dem von hundert Donnern ähnlich, durchkreuzte sich in allen Richtungen auf dem Platze und brachte, als hätte dieses Feuer verheerende Kartätschen enthalten, die am nächsten stehenden Zuschauer, welche einen Augenblick die unerwartete Flamme ihr Gesicht angreifen fühlten, in Verwirrung.
»Schon der Strauß? Schon der Strauß?« riefen die entferntesten Zuschauer. »Noch nicht! Das ist zu früh.«
»Schon!« wiederholte Andrée. »Oh! ja, es ist zu früh.«
»Nein,« sagte Philipp, »es ist nicht der Strauß; es ist ein Unfall, der in einem Augenblick wie die Wellen des Meeres diese noch ruhige Menge niederwerfen wird. Komm, Andrée, kehren wir zu unserem Wagen zurück, komm.«
»Oh! laß mich noch sehen, Philipp, es ist so schön.«
»Im Gegentheil, Andrée, wir haben keinen Augenblick zu verlieren, folge mir. Das ist das Unglück, das ich ahnete. Eine verlorene Rakete hat die Bastei in Brand gesteckt. Man zermalmt sich schon dort. Hörst Du das Geschrei? Das ist nicht mehr Freudengeschrei, sondern Angstgeschrei. Geschwinde, geschwinde zum Wagen.«
Und Philipp schlang seinen Arm um den Leib seiner Schwester und zog sie nach der Seite seines Vaters fort; an dem furchtbaren Lärmen, der sich hörbar machte, erkannte dieser eine Gefahr, von der er sich keine Rechenschaft geben konnte, neigte sich aus dem Schlage und suchte mit den Augen seine Kinder.
Es war schon zu spät und die Weissagung von Philipp verwirklichte sich. Der aus fünfzehntausend Raketen bestehende Strauß brach los, entstürzte in allen Richtungen und verfolgte die Neugierigen wie feurige Pfeile, die man in die Arena nach den Stieren abschießt, um sie zum Kampfe aufzureizen.
Anfangs erstaunt, dann erschrocken, wichen die Zuschauer mit der Gewalt der Unüberlegtheit vor dem unüberwindlichen Rückschritte von hundert tausend Personen zurück; hundert tausend andere gaben keuchend ihrer Nachhut dieselbe Bewegung; das Gerüste fing Feuer, die Kinder schrieen, die Frauen hoben erstickend ihre Arme empor; die Bogenschützen schlugen rechts und links, in der Meinung sie konnten die Schreier zum Schweigen bringen und die Ordnung durch die Gewalt wiederherstellen. Alle diese Ursachen machten zusammengenommen, daß die Woge, von der Philipp sprach, wie eine Wasserhose auf die Ecke des Platzes fiel, wo er sich befand; statt den Wagen des Barons zu erreichen, wie er hoffte, wurde der junge Mann von der unüberwindlichen Strömung fortgerissen, von der keine Beschreibung einen Begriff zu geben vermöchte, denn, durch die Furcht und den Schmerz schon verzehnfacht, verhundertfachten sich die Kräfte der Einzelnen durch die Beifügung der allgemeinen Kräfte.
Im Augenblick, wo Philipp Andrée fortzog, ließ sich auch Gilbert von der Woge fassen, welche sie mitnahm, doch nach etwa zwanzig Schritten hob eine Bande von Flüchtigen, die sich links in die Rue de la Madeleine wandte, Gilbert in die Höhe und schleppte ihn mit sich, so gewaltig er auch brüllte, als er sich von Andrée getrennt fühlte.
An den Arm von Philipp angeklammert, wurde Andrée in eine Gruppe eingeschlossen, welche das Zusammentreffen mit einem Wagen zu vermeiden suchte, an den zwei wüthende Pferde gespannt waren. Philipp sah ihn rasch und drohend auf sich zukommen; die Pferde schienen Feuer durch die Augen, Schaum durch die Nüstern zu schleudern. Er machte übermenschliche Anstrengungen, um dem Zuge auszuweichen. Doch Alles war vergebens, er sah, wie die Menge hinter ihm sich öffnete, er erblickte die schäumenden Köpfe der zwei wahnsinnigen Thiere, die sich bäumten wie die marmornen Rosse, welche den Eingang der Tuilerien bewachen, während der Sklave sie zu bändigen versucht. Philipp ließ den Arm von Andrée los, stieß sie, so viel ihm möglich war, aus dem gefährlichen Pfade und sprang dem Pferd, das sich auf seiner Seite befand, ans Gebiß; das Pferd bäumte sich, Andrée sah ihren Bruder sinken, fallen, verschwinden; sie stieß einen Schrei aus, erhob die Arme, wurde zurückgeworfen, drehte sich im Kreise und befand sich nach einem Augenblick allein, schwankend, fortgetragen, wie die Feder im Winde, ohne der Kraft, die sie anzog, einen Widerstand entgegensetzen zu können.
Betäubendes Geschrei, furchtbarer als Kriegsgeschrei, Wiehern von Pferden, ein gräßlicher Lärmen der Räder, welche bald das Pflaster, bald die Leichname zermalmten, das bleiche Feuer der verbrennenden Gerüste, der düstere Blitz der Säbel, welche einige wüthende Soldaten gezogen hatten, und über Alles dies das blutige Chaos, die eherne Statue von falbem Widerschein beleuchtet und den Vorsitz bei dem Blutbade führend, dies war mehr, als es brauchte, um die Vernunft von Andrée in völlige Verwirrung zu bringen und ihr alle ihre Kräfte zu rauben. Es wären die Kräfte eines Titanen ohnmächtig bei einem solchen Kampfe gewesen, bei einem Kampfe eines Einzelnen gegen Alle mit der Zuthat des Todes.
Andrée stieß einen herzzerreißenden Schrei aus; ein Soldat öffnete sich einen Weg durch die Menge, indem er diese mit seinem Säbel schlug.
Der Säbel glänzte über ihrem Haupte.
Sie faltete die Hände, wie es ein Schiffbrüchiger thut, wenn die letzte Woge über seine Stirne hingeht, rief: »Mein Gott!« und fiel.
Wenn man fiel, war man todt.
Doch diesen furchtbaren, äußersten Schrei hatte Einer gehört, erkannt, aufgefaßt; von Andrée fortgerissen, hatte sich Gilbert ihr durch einen gewaltigen Kampf wieder genähert; von derselben Welle niedergebeugt, welche Andrée verschlungen, erhob er sich wieder, sprang nach dem Säbel, der Andres maschinenmäßig bedroht hatte, packte den Soldaten, als er eben zu schlagen im Begriffe war, an der Gurgel und warf ihn nieder; bei dem Soldaten lag eine junge Frau in weißem Gewande ausgestreckt; er faßte sie und hob sie auf, wie es ein Riese gethan hätte.
Als er diese Gestalt, diese Schönheit, diesen Leichnam vielleicht, an seinem Herzen fühlte, erleuchtete ein Blitz des Stolzes sein Antlitz; das Erhabene in dieser Lage war er, er das Erhabene der Kraft und des Muthes! Er stürzte sich mit seiner Last in einen Menschenstrom, der in seiner Flucht sicherlich eine Mauer umgerissen hätte. Diese Gruppe unterstützte ihn, hob ihn auf, trug ihn, ihn und das junge Mädchen; so ging er oder rollte er vielmehr einige Minuten lang. Plötzlich hielt der Strom an, als bräche er sich an einem Hinderniß, Die Füße von Gilbert berührten die Erde; jetzt erst fühlte er das Gewicht von Andrée, schaute empor, um das Hinderniß zu erforschen und sah sich drei Schritte vom Garde-Meuble.
Die Steinmasse hatte die Fleischmasse zermalmt.
Während dieses Augenblicks eines ängstlichen Haltes hatte er Zeit, Andrée zu betrachten, welche in einen Schlaf, so tief wie der Tod, versunken war: das Herz schlug nicht mehr, die Augen waren geschlossen, das Gesicht bläulich wie eine verwelkende weiße Rose.
Gilbert hielt sie für todt. Er stieß ebenfalls einen Schrei aus, drückte seine Lippen Anfangs auf das Kleid, auf die Hand, dann verschlang er, ermuthigt durch die Gefühllosigkeit, dieses kalte Gesicht, diese unter ihren geschlossenen Lidern aufgeschwollenen Augen. Er erröthete, weinte, brüllte, versuchte es, seine Seele in die Brust von Andrée übergehen zu lassen, und staunte, daß seine Küsse, welche einen Marmor erwärmt hätten, ohne Kraft bei diesem Leichnam blieben.
Plötzlich fühlte Gilbert das Herz unter seiner Hand schlagen.
»Sie ist gerettet!« rief er, indem er diese schwarze, blutige Menge entfliehen sah und die Verwünschungen, das Geschrei, die Seufzer und den Todeskampf der Opfer hörte, »Sie ist gerettet! und ich bin es, der sie gerettet!«
Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Augen nach der Brücke gerichtet, hatte der Unglückliche nicht zu seiner Rechten geschaut; zu seiner Rechten, vor den Carrossen, welche lange durch die Massen aufgehalten worden waren, die nun, minder fest zusammengepreßt, zu weichen anfingen, zu seiner Rechten vor den Carrossen, welche bald im Galopp fortbrausten, als ob Kutscher und Pferde von einem allgemeinen Schwindel ergriffen worden wären, flohen zwanzigtausend Unglückliche, die sich gegenseitig verstümmelten, zermalmten.
Instinktartig flohen sie längs den Mauern hin, an denen die Nächsten zerschmettert wurden.
Diese Masse riß alle diejenigen, welche bei dem Garde-Meuble Fuß gefaßt und sich aus dem Schiffbruch gerettet glaubten, mit sich fort oder erstickte sie auf der Stelle. Eine neue Sündfluth von Schlägen, von Körpern, von Leichnamen überströmte Gilbert; er fand eine von den Vertiefungen, welche die Gitter bildeten, und hielt sich daran.
Das Gewicht der Flüchtlinge machte die Mauer erkrachen.
Gilbert fühlte sich keuchend nahe daran, loslassen zu müssen, doch mit einer äußersten Anstrengung alle seine Kräfte zusammenraffend, umschlang er den Leib von Andrée mit seinen Armen und stützte seinen Kopf auf die Brust des Mädchens. Man hätte glauben sollen, er wolle diejenige ersticken, welche er beschützte.
»Fahre wohl, fahre wohl!« murmelte er, indem er mehr in ihr Kleid biß, als dieses küßte.
Dann schlug er die Augen zum Himmel empor, um ihn um einen letzten Blick anzuflehen.
Da bot sich ihm eine seltsame Erscheinung.
Es war auf einem Weichsteine stehend, mit der rechten Hand sich au einem in der Mauer befestigten Ringe haltend, während er mit der linken Hand eine Armee von Flüchtigen zu sammeln schien, ein Mann, der, indeß er dieses ganze wüthende Meer zu seinen Füßen hintoben sah, bald ein Wort ausschleuderte, bald eine Geberde machte. Bei diesem Worte, bei dieser Geberde sah man sodann, wie mitten unter der Menge ein vereinzelter Mensch stehen blieb, eine Anstrengung machte, kämpfte, sich anklammerte, um bis zu diesem Manne zu gelangen. Andere, welche schon bis zu ihm gedrungen waren, schienen in den Neuhinzukommenden Brüder zu erkennen, und diese Brüder unterstützten sie, indem sie dieselben aus der Menge zogen, aufhoben, an sich rissen. So war es diesem Kern von Menschen, die hier gemeinschaftlich kämpften, einem Brückenpfeiler ähnlich, der das Wasser theilt, bereits gelungen, die Menge zu theilen und die Massen der Flüchtlinge im Schach zu halten.
In jedem Augenblick traten neue Kämpfer, welche bei den seltsamen Worten, die er aussprach, bei den von ihm wiederholten sonderbaren Geberden aus der Erde hervorzukommen schienen, zu dem Gefolge dieses Mannes.
Gilbert erhob sich mit einer neuen Kraftanstrengung; er fühlte, daß dort das Heil war, denn dort war die Ruhe und die Macht. Ein letzter Strahl der Flamme des Gerüstes, die sich nur wiederbelebte, um zu sterben, erleuchtete das Antlitz dieses Mannes. Er stieß einen Schrei des Erstaunens aus.
»Oh! ich mag immerhin sterben,« murmelte Gilbert, »doch sie soll leben, Dieser Mann hat die Macht, sie zu retten.«
Und in einem Aufschwunge erhabener Selbstverleugnung hob er das Mädchen in Armen empor und rief:
»Herr Baron von Balsamo! retten Sie Fräulein Andrée von Taverney.«
Balsamo hörte diese Stimme, welche wie die der Bibel aus den Tiefen der Menge hervorrief: er sah über dieser verschlingenden Woge eine weiße Gestalt sich erheben, sprang von seinem Weichsteine zu Boden und rief: »Herbei zu mir!« Sein Gefolge warf Alles nieder, was ihm ein Hinderniß entgegensetzte; er ergriff Andrée, welche noch die kraftlos werdenden Arme von Gilbert unterstützten, nahm sie und trug sie, fortgetrieben durch eine Bewegung der Menge, welche er zu bewältigen aufgehört, rasch weg, ohne daß er Zeit hatte, den Kopf umzuwenden.
Gilbert wollte ein letztes Wort sprechen, vielleicht wollte er sich den Schutz dieses seltsamen Mannes, nachdem er ihn für Andrée erfleht, für sich selbst erbitten, doch er hatte kaum noch die Kraft, seine Lippen auf den herabhängenden Arm des Mädchens zu drücken und aus ihrer krampfhaft zusammengepreßten Hand ein Stück aus dem Kleide dieser neuen Eurydice zu zerren, die ihm die Hölle entriß.
Nach diesem äußersten Kuß, nach diesem letzten Lebewohl, hatte der junge Mann nur noch zu sterben; er versuchte es auch nicht mehr, länger zu kämpfen, schloß die Augen und fiel sterbend auf einen Haufen von Sterbenden.
14 bis 16. Bändchen
LXVIII.
Das Todtenfeld
Auf gewaltige Stürme folgt immer die Ruhe, eine furchtbare, aber wiederherstellende Ruhe.
Es war ungefähr zwei Uhr Morgens, große, über Paris hinlaufende, weiße Wolken zeichneten in kräftigen Zügen, unter einem blassen Monde, die Ungleichheiten dieses traurigen Bodens, in dessen Gräbern die entfliehende Menge Tod und Verderben gefunden hatte.
Beim Scheine des Mondes, der sich von Zeit zu Zeit im Schooße der flockigen Wolken verlor, welche das Licht dämpften, erschienen am Rande der Böschungen und in den Pfützen und Aushöhlungen des Platzes Leichname mit zerrissenen Kleidern, die Beine starr, die Stirne bleifarbig, die Hände als Zeichen des Schreckens oder der Bitte ausgestreckt.
Ein gelblicher, stinkender Rauch, der den Trümmern des Gerüstes entströmte, trug noch dazu bei, der Place Louis XV. den Anschein eines Schlachtfeldes zu geben.
Mitten auf diesem blutigen, verheerten Platze zogen in Schlangenwindungen geheimnißvoll und mit raschen Schritten Schatten hin, welche zuweilen stehen blieben, sich bückten und dann entflohen. Dies waren Diebe zu den Todten, als ihrer Beute, hingezogen wie die Raben; sie hatten die Lebendigen nicht plündern können, eilten herbei, um die Leichname zu plündern, und waren ganz erstaunt, daß ihnen ihre Collegen zuvorgekommen. Man sah sie unzufrieden und erschrocken beim Anblick der Bajonnete entfliehen, welche sie bedrohten; doch mitten unter diesen langen Reihen von Todten waren die Diebe und die Wachen nicht die einzigen, die man sich bewegen sah.
Es fanden sich hier mit Laternen versehene Leute, welche man hätte für Neugierige halten können.
Ach! eine traurige Neugierde; es waren die Verwandten und die Freunde, die sich beunruhigten, als sie weder ihre Brüder, noch ihre Freunde, noch ihre Geliebtinnen zurückkehren sahen. Sie kamen von den entferntesten Quartieren, denn die gräßliche Kunde hatte sich verheerend wie ein Orkan über ganz Paris verbreitet, und die Angst hatte sich rasch in Nachforschungen verwandelt.
Dieses Schauspiel war vielleicht noch schauerlicher als das der Katastrophe.
Alle diese Eindrücke traten in den bleichen Gesichtern hervor, von der Verzweiflung derjenigen, welche den vielgeliebten Leichnam wiederfanden, bis zu dem finstern Zweifel desjenigen, welcher einen gierigen Blick nach dem eintönig hinlaufenden Flusse warf.
Man sagte, viele Leichname seien von der Prevoté von Paris, welche, der Unvorsichtigkeit schuldig, die furchtbare Anzahl der Todten, die ihre Unvorsichtigkeit gemacht, verbergen wollte, in den Fluß geworfen worden.
Haben sie ihr Gesicht mit diesem unfruchtbaren Schauspiel gesättigt, sind sie desselben überdrüssig, so gehen sie, ihre Füße befeuchtet durch das Wasser der Seine, ihre Seele erfüllt von der Bangigkeit, welche der nächtliche Lauf eines Flusses mit sich schleppt, ihre Laterne in der Hand, weiter, um die dem Platze benachbarten Straßen zu durchforschen, wohin sich, wie man sagt, viele Verwundete geschleppt haben, um Hülfe zu suchen und wenigstens dem Schauplatz ihrer Leiden zu entfliehen.
Haben sie unglücklicher Weise unter diesen Leichnamen den beklagten Gegenstand, den verlorenen Freund gefunden, so folgen Schreie auf die herzzerreißende Ueberraschung, und ein Schluchzen, das sich auf einem neuen Punkte des blutigen Schauplatzes erhebt, antwortet einem neuen Schluchzen!
Zuweilen vernimmt man einen plötzlichen Lärmen. Eine Laterne fällt und zerbricht, der Lebendige hat sich auf den Todten gestürzt, um ihn zum letzten Male zu umarmen.
Es gibt noch andere Geräusche auf diesem weiten Kirchhof.
Einige Verwundete, deren Glieder durch den Sturz gebrochen wurden, deren Brust durch das Schwert bearbeitet oder durch den Druck der Menge überlastet worden ist, lassen ein gewaltiges Röcheln vernehmen, oder stoßen einen Seufzer in Form eines Gebetes aus, und sogleich laufen diejenigen herbei, welche ihren Freund zu finden hoffen.
Indessen bildet sich am Ende des Platzes beim Garten mit der Aufopferung der populären Nächstenliebe eine Ambulanz. Ein junger Wundarzt, man erkannte wenigstens in ihm einen solchen an der Menge der Instrumente, mit denen er umgeben war, ein junger Wundarzt läßt sich verwundete Männer und Frauen bringen; er verbindet sie, und während er sie verbindet, sagt er zu ihnen von jenen Worten, welche mehr den Haß gegen die Sache, als das Mitleid mit der Wirkung ausdrücken.
Seinen zwei Gehülfen, kräftigen Lastträgern, mit deren Unterstützung er diese blutige Revue vornimmt, ruft er beständig zu: »Die Frauen aus dem Wolke, die Männer aus dem Volke zuerst. Sie sind leicht zu erkennen, beinahe immer mehr verwundet und sicherlich minder geputzt.« Bei diesen mit einer monotonen Schärfe bei jedem Verbinden ausgesprochenen Worten, hat ein junger Mensch mit bleicher Stirne, der unter den Leichnamen sucht, zum zweiten Male den Kopf erhoben.
Aus einer breiten Wunde, die ihm die Stirne durchfurcht, dringen ein paar Tropfen frischrothen Blutes hervor; einer von seinen Armen wird durch seinen Rock gehalten, der ihn zwischen zwei Knöpfen einschließt; sein mit Schweiß bedecktes Gesicht verräth eine beständige und tiefe Aufregung. Bei der Ermahnung des Arztes, die er, wie gesagt, zum zweiten Male hörte, hob er den Kopf in die Höhe, schaute traurig diese verstümmelten Glieder an, welche der Operateur beinahe mit Wonne zu betrachten schien, und sagte:
»Oh! mein Herr, warum wählen Sie die Opfer aus?«
»Weil,« antwortete der Wundarzt, der bei dieser Frage ebenfalls den Kopf in die Höhe hob, »weil Niemand sich der Armen annehmen wird, wenn ich nicht an sie denke, und weil die Reichen immer noch genug bevorzugt sein werden! Senken Sie Ihre Laterne und betrachten sie das Pflaster; Sie finden hundert Arme für einen Reichen oder Adeligen. Und auch bei dieser Katastrophe haben die Adeligen und Reichen mit einem Glück, das Gott am Ende ermüden wird, den Tribut bezahlt, den sie gewöhnlich bezahlen: einer von tausend.«
Der junge Mann erhob seine Stocklaterne bis zur Höhe seiner blutigen Stirne und sprach, ohne sich zu erzürnen:
»Dann bin ich der Einzige, ich ein, wie so viele Andere, unter dieser Menge verlorener Edelmann, ich, den der Fußtritt eines Pferdes auf der Stirne verwundet hat, der ich mir, in einen Graben fallend, den Arm gebrochen habe. Man laufe den Reichen und den Adeligen nach, sagen Sie; Sie sehen aber wohl, daß ich noch nicht verbunden bin.«
»Sie haben Ihr Hotel, Ihren Arzt, kehren Sie nach Hause zurück, da Sie gehen können.«
»Ich verlange von Ihnen keine Pflege, mein Herr; ich suche meine Schwester, ein schönes junges Mädchen von sechzehn Jahren, das ohne Zweifel getödtet worden ist, obgleich es nicht zum Volk gehört. Die Unglückliche hatte ein weißes Kleid und trug ein Collier mit einem Kreuz am Hals; obgleich sie ihr Hotel und ihren Arzt hat, antworten Sie mir aus Mitleid, mein Herr: haben Sie diejenige gesehen, welche ich suche?«
»Mein Herr,« antwortete der junge Wundarzt mit einer fieberhaften Heftigkeit, welche bewies, daß die von ihm ausgedrückten Gedanken seit langer Zeit in seiner Brust gohren, »mein Herr, die Menschenliebe leitet mich, für sie opfere ich mich auf, und wenn ich die Aristokratie auf ihrem Sterbebette liegen lasse, um das leidende Volk aufzuheben, so gehorche ich dem wahren Gesetze dieser Menschenliebe, aus der ich mir meine Göttin gemacht habe. Alles Unglück, was heut zu Tage geschieht, kommt von Euch her, von Euren Mißbräuchen, von Euren Uebergriffen, von Euren Gewaltthaten; tragt also die Folgen Eures Verfahrens. Nein, mein Herr, ich habe Ihre Schwester nicht gesehen.«
Und auf diese donnernde Rede setzte der Wundarzt seine Arbeit wieder fort. Man hatte ihm eine arme Frau gebracht, der durch einen Wagen beide Beine zermalmt worden waren.
»Sagen Sie,« fuhr er, mit diesem Geschrei den entfliehenden Philipp verfolgend, fort, »sagen Sie, sind es die Armen, die ihre Carrossen so in die öffentlichen Feste treiben, daß sie den Reichen die Beine zermalmen?«
Philipp, der zu dem jungen Adel gehörte, welcher den Franzosen die Lafayette und die Lameth gegeben hat, hatte mehr als einmal dieselben Maximen ausgesprochen, die ihn im Munde dieses jungen Mannes erschreckten; ihre Anwendung fiel wie eine Strafe auf ihn selbst zurück.
Mit gebrochenem Herzen entfernte er sich aus der Gegend der Ambulanz, um seine traurige Nachforschung fortzusetzen; vom Schmerz hingerissen, hörte man ihn nach einigen Sekunden mit einer Stimme voll Thränen:
»Andrée! Andrée!« rufen.
In diesem Augenblick ging hastigen Schrittes ein schon alter Mann an ihm vorüber, der einen Rock von grauem Tuch und gewalkte wollene Strümpfe trug, und, sich mit seiner rechten Hand auf einen Stock stützte, während er in der linken eine von jenen Laternen trug, welche aus einem in geöltem Papier eingeschlossenen Lichte gemacht sind.
Als er Philipp seufzen hörte, begriff dieser Mann, was er litt, und murmelte: »Armer junger Mann!«
Doch da er aus einer ähnlichen Veranlassung gekommen zu sein schien, so ging er weiter.
Dann plötzlich, als hätte er es sich zum Vorwurf gemacht, daß er an einem so großen Schmerz vorübergegangen war, ohne daß er einige Tröstungen zu spenden versucht, blieb er stehen und sagte zu Philipp:
»Mein Herr, verzeihen Sie mir, daß ich meinen Schmerz mit dem Ihrigen vermische; doch diejenigen, welche von demselben Schlage getroffen worden sind, müssen sich auf einander stützen, um nicht zu fallen. Ueberdies . . . können Sie mir nützlich sein. Sie suchen schon lange, denn Ihre Kerze ist dem Erlöschen nahe, Sie müssen also die unheilvollsten Stellen des Platzes kennen.«
»Oh! ja, mein Herr, ich kenne sie.«
»Wohl! ich suche auch Jemand.«
»Dann sehen Sie zuerst in dem großen Graben; dort werden Sie mehr als fünfzig Leichen finden.«
»Gerechter Himmel! fünfzig, so viele Opfer bei einem Feste getödtet!«
»So viele Opfer! mein Herr, ich habe schon tausend Gesichter beleuchtet und meine Schwester noch nicht wieder gefunden!«
»Ihre Schwester?«
»Dort in jener Richtung war sie. Ich habe sie bei einer Bank verloren. Ich habe den Platz wiedergefunden, wo ich sie verloren, aber von ihr keine Spur. Ich will von der Bastei ausgehend abermals zu suchen anfangen.«
»Auf welche Seite ging das Volk, mein Herr?«
»Nach den neuen Gebäuden, nach der Rue de la Madeleine.«
»Dann muß es auf dieser Seite sein.«
»Allerdings, ich suchte auch auf dieser Seite, aber es war daselbst ein furchtbares Gewühle. Dann zog sich zwar die Woge dahin, es ist wahr, aber eine Frau, die den Kopf verloren hat, weiß nicht, wohin sie geht und sucht in allen Richtungen zu entfliehen.«
»Mein Herr, es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie gegen den Strom gekämpft hat; ich will auf der Seite der Straßen suchen, kommen Sie mit mir, und beide vereinigt werden wir vielleicht finden . . .«
»Und was suchen Sie? Ihren Sohn?« fragte Philipp schüchtern.
»Nein, mein Herr, sondern ein Kind, das ich beinahe adoptirt habe.«
»Sie haben es allein gehen lassen?«
»Oh! es war schon ein junger Mensch, achtzehn bis neunzehn Jahre alt. Herr seiner Handlungen, wollte er gehen, und ich konnte ihn nicht abhalten. Auch war man so weit entfernt, diese gräßliche Katastrophe zu ahnen! – Doch Ihre Kerze erlischt.«
»Ja, mein Herr.«
»Kommen Sie mit mir, ich werde Ihnen leuchten.« »Ich danke, Sie sind sehr gütig, doch ich würde Sie belästigen.«
»Oh! fürchten Sie das nicht, da ich für mich selbst suchen muß. Der arme Junge kam gewöhnlich pünktlich nach Hause,« sagte der Greis, durch die Straße fortschreitend; »doch diesen Abend hatte ich etwas wie eine Ahnung. Ich wartete auf ihn; es war schon eilf Uhr; meine Frau erfuhr von einer Nachbarin, welches Unglück bei diesem Feste vorgefallen war. Ich wartete noch zwei Stunden, immer in der Hoffnung, ihn zurückkommen zu sehen; als er aber nicht kam, dachte ich, es wäre feige von mir, ohne Kunde von ihm einzuschlafen.«
»Wir gehen also nach den Häusern?« fragte der junge Mann.
»Ja, Sie haben es gesagt, die Menge mußte sich nach dieser Seite wenden und hat sich auch dahin gewendet; dahin wird ohne Zweifel auch das unglückliche Kind gelaufen sein! Ein junger Mensch aus der Provinz, der nicht nur die Gebräuche, sondern auch die Straßen der großen Stadt gar nicht kennt! Es war vielleicht das erste Mal, daß er auf die Place Louis XV. kam.«
»Ach! meine Schwester ist auch aus der Provinz, mein Herr.«
»Gräßliches Schauspiel!« sagte der Greis, sich von einer Gruppe mit einander verschlungener Leichname abwendend.
»Gerade hier muß man suchen,« sprach der junge Mann und näherte entschlossen seine Laterne diesem Haufen von Todten.
»Oh! ich schauere bei diesem Anblick; denn mir, einem einfachen Mann, wie ich bin, verursacht die Verheerung ein Grauen, das ich nicht überwinden kann.«
»Ich hatte dasselbe Grauen, aber diesen Abend habe ich meine Lehre durchgemacht. Sehen Sie, hier ist ein junger Mensch von sechzehn bis achtzehn Jahren; er ist erstickt worden, denn ich sehe keine Wunde an ihm. Ist er es, den Sie suchen?«
Mit einer gewissen Anstrengung näherte der Greis seine Laterne.
»Nein, mein Herr,« sagte er, »wahrhaftig nein; der meinige ist etwas älter, hat schwarze Haare und ein bleiches Gesicht.«
»Ach! sie sind Alle bleich heute Abend,« rief Philipp.
»Ah! sehen Sie,« sprach der Greis, »wir sind nun am Fuße des Garde-Meuble. Sehen Sie diese Spuren des Kampfes, dieses Blut an den Mauern, diese Fetzen auf den eisernen Stangen, diese an den Spießen der Gitter flatternden, zerrissenen Kleider: man weiß nicht mehr, wohin es ging!«
»Hier durch, sicherlich hier durch,« murmelte Philipp.
»Welche Leiden!«
»Oh! mein Gott!«
»Was?«
»Ein weißer Fetzen unter diesen Leichnamen. Meine Schwester trug ein weißes Kleid. Ich bitte Sie, mein Herr, leihen Sie mir Ihre Laterne.«
Philipp hatte in der That einen Fetzen weißen Stoffes erblickt und ergriffen. Er ließ ihn wieder los, da er nur eine Hand hatte, um die Laterne zu nehmen.
»Es ist ein Stück von einem Frauenkleide, das die Hand eines jungen Menschen festhält!« rief er; »von einem weißen Kleide, dem von Andrée ähnlich. Oh! Andrée, Andrée!«
Und der junge Mann brach in ein herzzerreißendes Schluchzen aus.
Der Greis näherte sich ebenfalls.
»Er ist es!« rief er die Arme öffnend.
Dieser Ausruf erregte die Aufmerksamkeit des jungen Mannes.
»Gilbert!« rief Philipp.
»Sie kennen Gilbert, mein Herr?«
»Gilbert suchen Sie?«
Diese zwei Ausrufungen kreuzten sich.
Der Greis faßte die Hand von Gilbert, sie war eiskalt.
Philipp öffnete die Weste des jungen Menschen, schob das Hemd auf die Seite und legte eine Hand auf sein Herz.
»Armer Gilbert!« sagte er.
»Mein theures Kind!« seufzte der Greis.
»Ich athme! er lebt! . . . er lebt! sage ich Ihnen!« rief Philipp.
»Oh! . . . glauben Sie?«
»Ich bin dessen sicher, sein Herz schlägt.«
»Es ist wahr!« sprach der Greis. »Zu Hülfe! zu Hülfe! es ist dort ein Wundarzt.
»Oh! helfen wir ihm selbst; ich habe ihn so eben um seine Hülfe gebeten und er hat sie mir verweigert.«
»Er muß sich wohl meines Kindes annehmen,« rief der Greis außer sich, »er muß. Helfen Sie mir Gilbert zu ihm schaffen, mein Herr.«
»Ich habe nur einen Arm, doch er gehört Ihnen,« erwiederte Philipp.
»Und ich, so alt ich bin, werde stark sein. Vorwärts!«
Der Greis faßte Gilbert bei den Schultern; der junge Mann nahm die zwei Füße unter seinen rechten Arm, und sie wanderten so bis zu der Gruppe, wo der Operateur immer noch seine Arbeit fortsetzte.
»Hülfe! Hülfe!« rief der Greis.
»Die Leute vom Volk zuerst! die Leute vom Volk!« erwiederte der Wundarzt, getreu seiner Maxime und sicher, so oft er so antwortete, ein Gemurmel der Bewunderung in der Gruppe, die ihn umgab, zu erregen.
»Es ist ein Mensch aus dem Volke, den ich hier bringe,« sprach der Greis voll Feuer, während er ein wenig von der allgemeinen Bewunderung, welche dieser Absolutismus des jungen Wundarztes um ihn hervorrief, zu fühlen anfing,
