Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 53
LXXIV.
Was Gilbert vorhergesehen hatte
Als Andrée allein war, erhob sie sich auf ihrem Ruhebett, und ein Schauer durchdrang den ganzen Leib von Gilbert.
Andrée stand; mit ihren alabasterweißen Händen machte sie eine nach der andern die Nadeln ihres Kopfputzes los, während der leichte Nachtmantel, der sie bedeckte, von ihren Schultern schlüpfend, ihren so reinen und anmuthigen Hals, ihre noch bebende Brust und ihre Arme entblößte, welche, nachläßig über dem Kopfe gerundet, der Biegung ihrer Hüften zu Gunsten eines ausgezeichneten, unter dem Battist zitternden Nackens Gewalt anthaten.
Auf den Knieen, keuchend, trunken, fühlte Gilbert das Blut wüthend seine Stirne und sein Herz schlagen. Glühende Wogen kreisten in seinen Adern, eine Flammenwolke senkte sich auf sein Gesicht, ein unbekanntes, fieberhaftes Gemurmel summte in seinen Ohren; er war dem Augenblick wilden Irrsinns nahe, der die Menschen in den Schlund des Wahnwitzes stürzt. Er war im Begriff, über die Schwelle des Zimmers von Andrée zu schreiten und zu rufen:
»Oh! ja, Du bist schön, Du bist schön! Doch sei nicht so stolz auf Deine Schönheit, denn Du verdankst sie mir, denn ich habe Dir das Leben gerettet.«
Plötzlich hemmte Andrée ein Knoten ihres Gürtels im Auskleiden, sie wurde ärgerlich, stampfte mit dem Fuße, setzte sich ganz in Unordnung auf das Ruhebett, als ob das leichte Hinderniß, auf das sie gestoßen, hinreichend gewesen wäre, um ihre Kräfte zu lähmen, neigte sich halb entblößt gegen die Klingelschnur und riß ungeduldig daran.
Dieses Geräusch rief Gilbert zur Vernunft zurück. Nicole hatte die Thüre offen gelassen, um zu hören, Nicole würde kommen.
»Fahre hin, Traum, fahre hin, Glück, nichts mehr als ein Bild, nichts mehr als eine Erinnerung, ewig brennend in der Einbildungskraft, ewig gegenwärtig im Grunde des Herzens.«
Gilbert wollte ans dem Pavillon hinausstürzen, doch der Baron hatte bei seinem Eintritt die Thüren des Corridors an sich gezogen. Gilbert, der dieses Hinderniß nicht kannte, brauchte einige Secunden, um sie zu öffnen.
In dem Augenblick, wo er in das Zimmer von Nicole eintrat, kam Nicole. Der junge Mann hörte unter ihren Tritten den Sand des Gartens krachen. Er hatte nur noch Zeit, sich in den Schatten zu stellen, um das Mädchen vorüberzulassen, das, nachdem es die Thüre geschlossen hatte, das Vorzimmer durchschritt und leicht wie ein Vogel in den Corridor eilte.
Gilbert. erreichte das Vorzimmer und suchte hinauszukommen.
Doch während Nicole herbeilief und beständig: »Ich komme, ich komme, mein Fräulein! ich schließe die Thüre!« rief, schloß Nicole wirklich die Thüre, und sie schloß sie nicht nur durch doppeltes Umdrehen, sondern sie steckte auch in ihrer Verwirrung den Schlüssel in die Tasche.
Gilbert versuchte es also vergebens, die Thüre wieder zu öffnen. Er nahm seine Zuflucht zu den Fenstern. Die Fenster waren vergittert; nachdem er fünf Minuten lang geforscht und untersucht hatte, begriff Gilbert, daß es ihm unmöglich war, hinauszukommen.
Der junge Mann kauerte sich in eine Ecke, bewaffnet mit dem festen Entschluß, sich von Nicole die Thüre öffnen zu lassen.
Diese, nachdem sie für ihre Abwesenheit den nicht zu verwerfenden Vorwand gebraucht hatte, sie habe die Glasrahmen des Treibhauses geschlossen, aus Furcht, die Nachtluft könnte den Blumen des Fräuleins schaden, kleidete Andrée vollends aus und brachte sie in’s Bett. Wohl war in der Stimme von Nicole ein Zittern, wohl war eine besondere Bewegung an ihren Händen, wohl verrichtete sie ihren Dienst mit einem ungewöhnlichen Eifer, der einen Rest von Aufregung offenbarte, doch Andrée schaute von dem sanften Himmel, wo ihre Gedanken schwebten, selten auf die Erde herab, und wenn sie herabschaute, so erschienen die untergeordneten Wesen ihren Augen wie Atome.
Sie bemerkte also nichts.
In Gilbert kochte es vor Ungeduld, seitdem ihm der Rückzug abgeschnitten war. Er begehrte nur noch nach Freiheit.
Andrée entließ Nicole nach einer kurzen Plauderei, wobei Nicole die ganze Schmeichelei eines Kammermädchens, das Gewissensbisse hat, entwickelte. Sie fuhr mit den Händen an dem Rande der Decke ihrer Gebieterin hin, sie dämpfte die Lampe, sie zuckerte in dem silbernen Becher den Trank, der auf der alabasternen Nachtlampe lau gemacht wurde, sie wünschte mit ihrer süßesten Stimme ihrer Gebieterin einen guten Abend und verließ das Zimmer auf den Fußspitzen.
Als sie hinausging, schloß sie die Glasthüre.
Dann durchschritt sie trällernd, um glauben zu machen, ihr Geist sei ruhig, das Vorzimmer und ging auf die Thüre nach dem Garten zu.
Gilbert begriff die Absicht von Nicole und fragte sich einen Augenblick, ob er nicht, statt sich zu erkennen zu geben, durch Ueberraschung hinausgehen und den Augenblick, wo die Thüre offen wäre, um zu entfliehen, benützen sollte; doch dann würde man ihn sehen, ohne ihn zu erkennen, man würde ihn für einen Dieb halten, Nicole würde um Hülfe schreien, er hätte nicht Zeit, seinen Strick zu erreichen, und erreichte er ihn auch, so würde man ihn bei seiner Luftreise sehen, was seinen Rückzug verrathen und Scandal machen müßte, einen Scandal, der unfehlbar nur groß bei Leuten sein könnte, welche so schlecht gesinnt wären wie die Taverney gegen den armen Gilbert.
Es ist wahr, er würde Nicole angeben, er würde machen, daß man Nicole wegjagte.
Doch wozu würde ihn das nützen? Gilbert hätte das Uebel angerichtet ohne Nutzen, nur aus Rache. Gilbert war nicht so schwachen Geistes, daß er sich befriedigt fühlte, wenn er sich gerächt hatte, die Rache ohne Nutzen war für ihn mehr als eine schlechte Handlung, es war eine Albernheit.
Als Nicole nahe bei der Ausgangsthüre war, wo sie Gilbert erwartete, trat dieser also plötzlich aus dem Schatten hervor, in welchem er sich verborgen gehalten hatte, und erschien vor dem Mädchen in einem Lichtstrahl, der von der Helle des durch die Scheiben eindringenden Mondes hervorgebracht wurde.
Nicole wollte schreien; doch sie hielt Gilbert für einen Andern und sagte nach einer ersten Bewegung des Schreckens:
»Ah! Sie sind es, welche Unklugheit!«
»Ja, ich bin es,« erwiederte Gilbert ganz leise, doch schreien Sie ebenso wenig meinetwegen, als Sie um eines Andern willen nicht geschrieen hätten.«
Diesmal erkannte ihn Nicole.
»Mein Gott! Gilbert!« rief sie.
»Ich habe Sie gebeten, nicht zu schreien,« sagte kalt der junge Mann.
»Aber was machen Sie denn hier, mein Herr?« fuhr Nicole in ihrem Zorn heraus.
»Ah!« sagte Gilbert mit derselben Ruhe, »so eben nannten Sie mich unklug, und nun sind Sie selbst unkluger als ich.«
»Ja, in der That,« versetzte Nicole, »ich bin sehr gut, daß ich frage, was Sie hier machen.«
»Was mache ich denn hier?«
»Sie kommen, um Fräulein Andrée zu sehen.«
»Fräulein« Andrée?« versetzte Gilbert mit gleicher Ruhe.
»Ja, in die Sie verliebt sind, die aber zum Glück Sie nicht liebt.«
»Wahrhaftig?«
»Nehmen Sie sich jedoch in Acht, Herr Gilbert,« fuhr Nicole mit drohendem Tone fort.
»Ich soll mich in Acht nehmen?«
»Ja.«
»Wovor?«
»Nehmen Sie sich in Acht, daß ich Sie nicht anzeige.«
»Du, Nicole!«
»Ja, ich, und daß ich nicht mache, daß man Sie fortjagt.«
»Versuche es,« sagte Gilbert lächelnd.
»Du forderst mich heraus?«
»Ganz gewiß.«
»Was wird geschehen, wenn ich dem Fräulein, Herrn Philipp, dem Herrn Baron sage, daß ich Dich hier getroffen habe?«
»Es wird geschehen, was Du gesagt hast, nicht daß man mich fortjagt, ich bin, Gott sei Dank! schon ganz und gar fortgejagt, sondern man wird eine Treibjagd auf mich halten, wie auf ein wildes Thier. Nur wird diejenige, welche man fortjagt, Nicole sein.«
»Wie, Nicole?«
»Gewiß, Nicole, Nicole, der man Steine über die Mauern zuwirft.«
»Nehmen Sie sich in Acht, Herr Gilbert,« sprach Nicole im Tone der Drohung, »man hat in Ihren Händen auf der Place Louis XV. ein Stück von dem Kleide des Fräuleins gefunden.«
»Sie glauben?«
»Herr Philipp hat es seinem Vater gesagt. Er vermuthet noch nichts, doch wenn man ihm hilft, wird er vielleicht bald zu vermuthen anfangen.«
»Und wer wird ihm helfen?«
»Ich.«
»Nehmen Sie sich in Acht, Nicole, man könnte’ auch vermuthen, daß Sie, während Sie sich stellen, als breiteten Sie Spitzen aus, die Steine aufheben, die man Ihnen über die Mauern zuwirft.«
»Das ist nicht wahr,« rief Nicole. Dann von ihrem Leugnen abgehend, fuhr sie fort:
»Uebrigens ist es kein Verbrechen, Billets zu empfangen, es ist kein Verbrechen wie das, sich hier einzuschleichen, während sich das Fräulein auskleidet. Ah! was sagen Sie dazu, Herr Gilbert?«
»Ich sage, Mademoiselle Nicole, daß es für ein vernünftiges Mädchen, wie Sie sind, auch ein Verbrechen ist, Schlüssel unter den kleinen Thüren der Gärten durchzuschieben.«
Nicole bebte.
»Ich sage,« fuhr Gilbert fort, »wenn ich, der ich Herrn von Taverney, Herrn Philipp und Fräulein Andrée bekannt bin, das Verbrechen beging, mich bei ihr einzuschleichen, da ich der Unruhe nicht widerstehen konnte, welche mir die Gesundheit meiner ehemaligen Gebieter und besonders die von Fräulein Andrée einflößte, die ich dort zu retten versuchte, so gut versuchte, daß mir, wie Sie zugestanden haben, ein Stück von ihrem Kleid in der Hand blieb, ich sage, daß, wenn ich das sehr verzeihliche Verbrechen, mich hier einzuschleichen, beging, Sie das sehr unverzeihliche Verbrechen begangen haben, einen Fremden in das Haus Ihrer Herrschaft einzuführen und diesen Fremden in dem Treibhaus aufzusuchen, wo Sie eine Stunde mit ihm zugebracht haben.«
»Herr Gilbert?’
»Ah! so steht es mit der Tugend, mit der von Mademoiselle Nicole, wollte ich sagen . . . Ah! Sie finden es schlimm, daß ich in Ihrem Zimmer bin, Mademoiselle Nicole, während . . .«
»Herr Gilbert!«
»Sagen Sie also Fräulein Andrée, ich sei jetzt verliebt in sie; ich werde sagen, ich sei verliebt in Sie gewesen, und sie wird mir glauben, denn Sie waren so albern, es ihr in Taverney selbst zu sagen.«
»Gilbert, mein Freund . . .«
»Und man wird Sie fortjagen, Nicole, und, statt nach Trianon zur Dauphine mit dem Fräulein zu gehen, statt die Coquette mit den schönen jungen Herren und reichen Edelleuten zu spielen, wie Sie dies unfehlbar thun, wenn Sie im Hause bleiben, werden Sie mit Ihrem Liebhaber Herrn von Beausire, einem Gefreiten, einem Soldaten, zusammenkommen. Ah! ein schöner Sturz, in der That … Nicole, die Geliebte eines französischen Garde!«
Und Gilbert fing an in ein Gelächter ausbrechend zu singen:
»Bei der Garde der Franzosen
Stand der Herzgeliebte mein!«
»Haben Sie Mitleid. Herr Gilbert,« sagte Nicole, »schauen Sie mich nicht so an. Ihr Blick ist boshaft, er glänzt in der Finsterniß. Haben Sie Mitleid, lachen Sie auch nicht mehr, Ihr Lachen macht mir bange.«
»So öffnen Sie mir die Thüre, und kein Wort mehr von dem Allem, Nicole,« sprach Gilbert mit gebieterischem Tone.
Nicole öffnete die Thüre mit einem so heftigen Nervenzittern, daß man ihre Schultern sich bewegen und ihren Kopf wackeln sehen konnte wie den eines alten Weibes.
Gilbert ging zuerst hinaus und sagte, als er sah, daß ihn das Mädchen zur Ausgangsthüre führen wollte:
»Nein, nein; Sie haben Ihre Mittel, um die Leute hier hereinzulassen; ich habe die meinigen, um hinauszukommen. Gehen Sie ins Treibhaus, suchen Sie den theuren Herrn von Beausire auf, der Sie voll Ungeduld erwarten muß, und bleiben Sie bei ihm zehn Minuten länger, als Sie sollten. Ich bewillige diese Belohnung Ihrer Verschwiegenheit.«
»Zehn Minuten, und warum zehn Minuten?« fragte Nicole ganz zitternd.
»Weil ich diese zehn Minuten brauche, um zu verschwinden; gehen Sie, Mademoiselle Nicole, gehen Sie doch; und der Frau von Loth ähnlich, deren Geschichte ich Ihnen in Taverney erzählt habe, als Sie mir Rendezvous in den Heuschobern gaben, drehen Sie sich nicht um, denn es würde Ihnen Schlimmeres begegnen, als in eine Salzsäule verwandelt zu werden. Gehen Sie, schöne Wollüstige, gehen Sie nun, ich habe Ihnen nichts Anderes zu sagen.«
Unterjocht, erschrocken, niedergeschmettert durch diese feste Haltung von Gilbert, welcher ihre ganze Zukunft in seinen Händen hatte, kehrte Nicole mit gesenktem Kopfe in das Treibhaus zurück, wo sie wirklich der Gefreite Beausire in großer Angst erwartete.
Gilbert wandte seinerseits dieselbe Vorsicht an, um nicht gesehen zu werden, erreichte seine Mauer und seinen Strick, half sich durch die Weinranken und das Gitterwerk, gelangte zum ersten Stock der Treppe und kletterte leicht bis zu seiner Mansarde.
Das Glück wollte, daß er bei seinem Aufsteigen Niemand begegnete. Die Nachbarinnen waren schon zu Bette gegangen und Therese saß noch bei Tische.
Gilbert war zu sehr exaltirt durch den Sieg, den er über Nicole davongetragen, um zu befürchten, er könnte auf der Rinne straucheln. Er fühlte Im Gegentheil die Macht in sich, wie das Glück auf einem scharfen Rasirmesser zu gehen, und wäre dieses Rasirmesser auch eine Meile lang gewesen.
Er erreichte also seine Dachluke, schloß das Fenster und zerriß das Billet, das Niemand berührt hatte.
Dann streckte er sich behaglich auf seinem Bette aus.
Eine halbe Stunde nachher hielt Therese wirklich Wort und erkundigte sich durch die Thüre, wie es ihm gehe.
Gilbert antwortete mit einer Danksagung, welche mit dem Gähnen eines Menschen vermischt war, der vor Schlaf beinahe umkommt. Er hatte Eile, sich allein zu finden, ganz allein in der Dunkelheit und in der Stille, um sich mit seinen Gedanken zu sättigen, und mit dem Herzen, mit dem Geist, mit seinem ganzen Wesen die unaussprechlichen Gedanken dieses verzehrenden Tages zu analysiren.
Es verschwand wirklich bald Alles vor seinen Augen, der Baron, Philipp, Nicole, Beausire und er sah im Grunde seiner Erinnerung nur noch Andrée, halb entblößt, die Arme gerundet über ihrem Kopf, und die Nadeln aus ihren Haaren losmachend.
LXXV.
Die Botaniker
Die von uns erzählten Ereignisse fielen am Freitag Abend vor; zwei Tage nachher also sollte im Walde von Luciennes der Spaziergang stattfinden, auf den sich Rousseau so sehr freute.
Gleichgültig gegen Alles, seitdem er den nahebevorstehenden Abgang von Andrée nach Trianon erfahren, hatte Gilbert den ganzen Tag auf den Rand seiner Luke gestützt zugebracht. Während dieses Tages war das Fenster von Andrée offen geblieben und einige Male hatte sich ihm das Mädchen schwach und bleich, um Luft zu schöpfen, genähert, und Gilbert war es dann vorgekommen, wenn er sie sah, als habe er vom Himmel nichts Anderes zu erbitten, als Andrée bestimmt zu wissen, ewig diesen Pavillon zu bewohnen, für sein ganzes Leben einen Platz in dieser Mansarde zu besitzen und zweimal des Tags das Mädchen zu erblicken, wie er es erblickt hatte.
Der ersehnte Sonntag kam endlich. Rousseau hatte schon am Tage vorher seine Vorbereitungen getroffen; sorgfältig gewichste Schuhe, der graue zugleich warme und leichte Rock waren aus dem Schranke gezogen worden, zur großen Verzweiflung von Therese, welche behaupte!e, eine Blouse oder ein Leinwandkittel wären für ein solches Geschäft genügend; aber ohne zu antworten, hatte Rousseau nach seinem Gefallen gehandelt; nicht nur sein Anzug, sondern auch der von Gilbert war der strengsten Untersuchung unterworfen worden, und der letztere hatte eine Vermehrung durch tadellose Strümpfe und neue Schuhe erhalten, womit ihn Rousseau überraschte.
Die Toilette des Botanikers war auch frisch; Rousseau halte seine Sammlung von Moosen, welche eine Rolle spielen sollten, nicht vergessen.
Ungeduldig wie ein Kind, ging Rousseau mehr als zwanzigmal ans Fenster, um zu sehen, ob dieser oder jener rollende Wagen nicht der von Herrn von Jussieu sei.
Endlich erblickte er einen gut gefirnißten Kasten, reich geschirrte Pferde und einen breiten, gepuderten Kutscher, der sich vor seiner Thüre aufgestellt hatte. Sogleich sagte er zu Therese:
»Hier ist er! hier ist er!«
Und zu Gilbert:
»Geschwinde, Gilbert, geschwinde! der Wagen wartet auf uns.«
»Nun,« entgegnete Therese mit bitterem Ton, »da Sie es so sehr lieben, in einem Wagen zu fahren, warum haben Sie nicht gearbeitet, um einen zu bekommen, wie Herr von Voltaire!«
»Stille doch!« brummte Rousseau.
»Bei Gott! Sie sagen immer, Sie haben so viel Talent als er.«
»Ich sage das nicht, verstehen Sie?« rief Rousseau voll Aerger; »ich sage . . . ich sage nichts!«
Und seine ganze Freude entfloh, wie dies geschah, so oft dieser feindselige Name an sein Ohr klang.
Zum Glück trat gerade Herr von Jussieu ein.
Er war pommadirt, gepudert, frisch wie der Frühling; ein bewunderungswürdiger Frack von schwerem indischem Atlaß, linnengrau, eine Weste von lila Taffet, weiße seidene Strümpfe von einer außerordentlichen Feinheit und Schnallen von polirtem Gold bildeten einen Anzug.
Als er bei Rousseau eintrat, füllte er das Zimmer mit einem Wohlgeruch, den Therese einathmete, ohne ihre Bewunderung zu verbergen.
»Wie schön sind Sie!« sagte Rousseau, indem er Therese anschaute und mit. den Augen seinen bescheidenen Anzug und seine umfangreiche Ausrüstung des Botanikers mit der so zierlichen Toilette von Herrn von Jussieu verglich.
»Nein, ich habe Angst vor der Hitze, sagte der elegante Botaniker.
»Und die Feuchtigkeit im Wald! Ihre seidenen Strümpfe, wenn wir in den Sümpfen Pflanzen sammeln.«
»Oh! nein, wir werden unsere Orte wählen.« »Und die Wassermoose, wir geben sie also für heute auf?«
»Wir kümmern uns nichts hierum, lieber College.« »Man sollte glauben, Sie gingen auf den Ball und zu den Damen.«
»Warum nicht der Dame Natur mit einem seidenen Strumpfe Ehre anthun?« erwiederte Herr von Jussieu etwas verlegen; »ist es nicht eine Geliebte, bei der es sich schon der Mühe lohnt, einige Kosten für sie aufzuwenden?«
Rousseau ging nicht weiter: sobald Herr von Jussieu die Natur anrief, war er selbst der Meinung, man konnte ihr nie zu viel Ehre anthun.
Was Gilbert betrifft, so schaute dieser Herrn von Jussieu mit neidischem Auge an. Seitdem er so viele junge Elegants die natürlichen Vorzüge, mit denen sie begabt waren, durch die Toilette hatte erhöhen sehen, begriff er den leichtfertigen Nutzen der Eleganz, und er sagte sich ganz leise, dieser Atlaß, dieser Battist, diese Spitzen würden wohl seiner Jugend Reiz verleihen, und wenn er, statt gekleidet zu sein, wie er es war, wie Herr von Jussieu gekleidet wäre und Andrée begegnete, so würde ihn Andrée anschauen.
Man fuhr im starken Trab mit zwei guten dänischen Pferden ab. Eine Stunde nach der Abfahrt stiegen die Botaniker im Bougival aus und wandten sich links auf dem Wege der Kastanienbäume.
Dieser heut zu Tage noch wunderbar schöne Spaziergang war schon zu jener Zeit von einer beinahe gleichen Schönheit, denn schon unter Ludwig XIV. mit Bäumen bewachsen, war derjenige Theil des Bergabhangs, den die Botaniker zu durchwandern sich anschickten, der Gegenstand beständiger Sorgfalt gewesen, seitdem der Fürst Geschmack an Marly gefunden.
Die Kastanienbäume mit den höckerigen Rinden., den riesigen Resten und phantastischen Formen, welche bald in ihren knorrigen Windungen die Schlange nachahmen, die sich um den Stamm windet, bald den Stier, der auf die Schlachtbank des Fleischers niedergeworfen schwarzes Blut ausspeit, der Birnenbaum mit Moos beladen und die Nußbäume, Kolosse, deren Blätterwerk im Juni vom Gelbgrünen zum Blaugrünen übergeht; diese Einsamkeit, diese pittoreske Rauhheit des Bodens, der unter dem Schatten der alten Bäume hinaufsteigt, bis sich ein scharfer Kamm am matten Blau des Himmels abhebt; diese ganze zugleich mächtige, liebliche und schwermüthige Natur versenkte Rousseau in ein unaussprechliches Entzücken.
Für Gilbert, der ruhig, aber düster war, lag sein ganzes Leben in dem einzigen Gedanken:
»Andrée verläßt den Pavillon im Garten und geht nach Trianon.«
Auf der Höhe dieses Abhangs, den die drei Botaniker zu Fuß erstiegen, sah man den viereckigen Pavillon von Luciennes sich erheben. Der Anblick dieses Pavillon, aus dem er entflohen war, veränderte den Lauf der Gedanken von Gilbert, um ihn zu wenig angenehmen Erinnerungen zurückzuführen, in die sich indessen durchaus keine Furcht mischte. Er ging hinten, sah vor sich zwei Beschützer und fühlte sich gut unterstützt; er schaute also Luciennes an, wie ein Schiffbrüchiger aus dem Hafen die Sandbank anschaut, an der sein Fahrzeug gescheitert ist.
Rousseau fing, seinen kleinen Spaten In der Hand, an, den Boden zu betrachten; Herr von Jussieu that dasselbe; nur suchte der erste Pflanzen, während der zweite seine Strümpfe vor der Feuchtigkeit zu bewahren bemüht war.
»Das bewunderungswürdige Lepopodium!« sagte Rousseau.
»Reizend,« versetzte Herr von Jussieu; »doch gehen wir weiter, wenn es Ihnen beliebt?«
»Ah! die Lyrimachia Fenella, sie ist gut zu nehmen, sehen Sie.«
»Nehmen Sie, wenn es Ihnen Vergnügen macht.«
»Ah! wir sammeln keine Pflanzen.«
»Doch, doch . . . aber ich glaube, daß wir dort auf dem Plateau Besseres finden werden.«
»Wie es Ihnen gefällig ist. Gehen wir.«
»Wie viel Uhr ist es?« fragte Herr von Jussieu; »ich habe in der Eile, mit der ich mich ankleidete, meine Uhr vergessen.«
Rousseau zog aus seiner Tasche eine große silberne Uhr.
»Neun Uhr,« sagte er.
»Wenn wir ein wenig ausruhten; wollen Sie?« fragte Herr von Jussieu.
»Oh! wie schlecht gehen Sie,« rief Rousseau. »So ist es, wenn man mit feinen Schuhen und seidenen Strümpfen Kräuter sammelt.«
»Sehen Sie, ich habe vielleicht Hunger.«
»Nun, so lassen Sie uns frühstücken; das Dorf ist nur eine Viertelstunde entfernt.«
»Nein, wenn’s beliebt.«
»Wie! nicht? Haben Sie denn Frühstück in Ihrem Wagen?«
»Sehen Sie dort, in jener Baumgruppe?« sagte Herr von Jussieu, indem er die Hand nach dem Punkte des Horizonts ausstreckte, den er bezeichnen wollte.
Rousseau erhob sich auf die Fußspitzen und hielt seine Hand in Form eines Schildes über seine Augen.
»Ich sehe nichts,« sagte er.
»Wie? Sie bemerken nicht jenes kleine ländliche Dach?«
»Nein.«
»Mit einer Wetterfahne und Wänden von weiß und rothem Stroh, eine Art von Sennbütte?«
»Ja, ich glaube, ja, ein kleines, neues Häuschen.«
»Ein Kiosk, so ist es.«
»Nun?«
»Nun, dort werden wir das bescheidene Frühstück finden, das ich Ihnen versprochen habe.«
»Gut,« sagte, Rousseau. »Haben Sie Hunger, Gilbert?«
Gilbert, der bei diesem Gespräch gleichgültig geblieben war und maschinenmäßig Blumen vom Heidekraut abriß, erwiederte:
»Wie es Ihnen gefällig ist, mein Herr.«
»Vorwärts also, wenn’s beliebt,« sagte Herr von Jussieu; »übrigens hindert uns nichts, unter Weges Pflanzen zu sammeln.«
»Oh!« sprach Rousseau, »Ihr Neffe ist ein eifrigerer Naturforscher als Sie. Ich habe mit ihm im Walde von Montmorency Pflanzen gesammelt. Wir waren unserer wenig; er findet gut, er erklärt gut.«
»Hören Sie, er ist jung: er hat sich einen Namen zu machen.«
»Hat er nicht den Ihrigen, der schon gemacht ist? Ah! College, College, Sie herborisiren als Liebhaber.«
»Aegern Sie sich nicht, mein Philosoph; sehen Sie das schöne Plantago Monanthes, haben Sie dergleichen in Ihrem Montmorency?«
»Meiner Treue, nein,« erwiederte Rousseau, »ich habe es vergebens auf das Wort von Tournefort gesucht; in der That, herrlich.«
»Ah! der reizende Schmetterling,« rief Gilbert, der von der Nachhut zur Vorhut übergegangen war.
»Gilbert hat Hunger,« bemerkte Herr von Jussieu.
»Oh! mein Herr, ich bitte um Verzeihung; ich werde ohne Ungeduld warten, bis Sie bereit sind.«
»Um so mehr, als das Kräutersammeln nach dem, Essen nichts für die Verdauung taugt; und dann ist das Auge schwer, der Rücken träge; herborisiren wir also noch einige Augenblicke,« sagte Rousseau; »doch wie heißt dieser Pavillon?«
»Die Mäusefalle,« erwiederte Herr von Jussieu, der sich des von Sartines erfundenen Namens erinnerte.
»Welch ein seltsamer Name!«
»Oh! Sie wissen, auf dem Lande gibt es nur Phantasien.«
»Wem gehört dieses Gut, dieses schattige Gehölze?«
»Ich weiß es nicht genau.«
»Sie kennen aber den Eigenthümer, da Sie hier speisen wollen?« sagte Rousseau, der mit einem Anfang von Verdacht die Ohren spitzte.
»Keines Wegs . . . oder ich kenne vielmehr Jedermann, die Jagdaufseher, die mich hundertmal in ihr Gehölze haben gehen sehen und wissen, daß mich grüßen, mir einen Hasenpfeffer oder ein Salmis von Schnepfen anbieten ihrem Gebieter gefallen heißt; die Leute von allen benachbarten Herrschaften lassen mich hier machen, als wäre ich zu Hause. Ich weiß nicht genau, gehört dieser Pavillon Frau von Mirepoir, oder Frau von Egmont, oder . . . meiner Treue! ich weiß es nicht . . . Doch die Hauptsache, mein lieber Philosoph, und ich denke, Sie werden hiebei auch meiner Ansicht sein, die Hauptsache ist, daß wir Brod, Obst und Pastete finden.«
Der treuherzige Ton, mit dem Herr von Jussieu diese Worte sprach, zerstreute die Wolken, die sich schon auf der Stirne von Rousseau anhäuften. Der Philosoph schüttelte seine Füße ab, rieb sich die Hände und Herr von Jussieu trat zuerst auf den moosigen Fußpfad, der sich unter den Kastanienbäumen hinschlängelte und zu der kleinen Einsiedelei führte.
Hinter ihm kam Rousseau, beständig Pflanzen sammelnd.
Gilbert, der wieder seinen Posten eingenommen hatte, schloß den Zug; er träumte von Andrée und den Mitteln, sie zu sehen, wenn sie in Trianon wäre.
